Überschreitung Ramolkamm, Hinterer Spiegelkogel – Firmisanschneide – Schalfkogel

Vom Ramolhaus aus stellt dieser Klassiker mit drei der inneren Gipfel im Ramolkamm und dem Abstieg über den Diemferner nach Vent die schönste Bergfahrt dar. Wir haben sie nach einer Erkundungstour auf den Nördlichen Ramolkogel unternommen, der zwar in der entgegengesetzten Richtung liegt, von dem aus die Route aber einigermaßen einsehbar ist. Der Abstieg über den Kleinleitenferner auf den Gurgler Ferner wäre die erste Planung gewesen, wovon uns Lenka, die Hüttenwirtin am Ramolhaus, und andere Kenner der Route abgeraten haben. Über den Gurgler Ferner sollte die Route weiter zur Langtalereckhütte und von dort zurück nach Obergurgl führen.

auf zu erbaulicheren Geländeformen – der herrliche Schalfkogel liegt hindernislos vor uns!

Da man vom Nördlichen Ramolkogel genau diesen Abstieg nicht einsehen kann, änderten wir die Planung des Abstiegs auf die Gegenseite des Kammes, und zwar nach Vent. Beides, den Ausgangspunkt von Obergurgl sowie die Ausfahrt von Vent kann vorzüglich mit dem äußerst gut organisierten „Ötztaler“ Bus erreicht werden, sodaß das Fahrzeug am Parkplatz in Huben stehenbleiben kann (für alle Aufgeregten über Parkplatzkosten sei erwähnt, daß in Huben kostenlos geparkt werden kann).

Start im Ortszentrum Obergurgl, im Hintergrund der Hintere Spiegelkogel, die Firmisanschneide und der lange Grat zum Schalfkogel

Von der Haltestelle am Kirchplatz in Huben verkehrt der Ötztaler am Vormittag dreimal die Stunde nach Obergurgl und in Vent muß man am Samstag nur danach trachten den letzten Bus um 18:20 Uhr ab dem Hotel Similaun zu erwischen und an einer der Haltestellen in Sölden nach Huben umzusteigen. Der Spaß ist um 15,40.- zu haben und funktioniert perfekt, dazwischen liegt die Übernachtung bei Lenka.

bärige Ansicht durch das Gurgler Tal, links Kleinleitenferner mit Kleinleitenspitze darüber rechts davon Schalfferner mit Schalfkogel

Aufgrund der vorhergesagten Gewitterfront entschieden wir uns den Aufstieg am Freitag nicht erst am Nachmittag, sondern bereits am Vormittag zu absolvieren und starteten um 10:20 am Kirchplatz in Huben mit dem Ötztaler gegen Obergurgl. Die Entscheidung war gut, denn am späteren Nachmittag ging Regen nieder, der in seiner Heftigkeit in keiner Weise die Prognosen, die speziell heuer an Hysterie ob möglicher Unwetter stark zugelegt haben, getroffen hat und als Schnürlregen niedergegangen ist. Am späteren Abend verirrten sich noch ein paar Blitze mit Donner, jedoch klangen diese rasch ab und die Front verzog sich noch vor Mitternacht.

Blick durch das Rotmoostal auf Granatenkogel links, Hohe Mut, Liebener Spitze und Kirchenkogel sowie Heuflerkogel, Trinkerkogel und Scheiberkogel

Der Aufstieg von Obergurgl ist im Bericht über den Nördlichen Ramolkogel ausführlicher beschrieben, als das in diesem sinnvoll ist. Es sei an dieser Stelle nebst der atemberaubenden Gipfelkulisse am Ötztaler Hauptkamm im Süden gegenüber nur auf den gewaltigen Hochebenkar-Blockgletscher verwiesen, über dessen Aktivität eine interessante Arbeit[1] in den Publikationen der Alpine Forschungsstelle Obergurgl Wissenswertes nachgelesen werden kann.

tosende Wasser am Aufstieg zum Ramolhaus vom Ramolferner herab

Zu unterschätzen ist der rund 1.100 Hm Aufstieg ob seiner Länge von 7,8 km nicht, die Faustregel von X Höhenmeter pro Stunde, die jedermanns Leistungsfähigkeit beschreibt, kann nur mit ungenügender Genauigkeit angewendet werden und ein Längenzuschlag von etwa einer halben Stunde sollte eingerechnet werden.

die beiden mächtigen Gletscher Langtalferner und Gurglerferner rechts, getrennt durch den Schwärzenkamm, links unten Langtalereckhütte

Wir haben ab dem Busparkplatz bis zum Ramolhaus mit dem Rucksack einer 2-Tagestour mit spärlicher Eisausrüstung 3:15 Stunden benötigt, aber auch nicht extra auf die Zeit geachtet. Unterwegs gibt es viel zu sehen, abschließend am Weg das imposant hoch oben kanzelnde Ramolhaus am sogenannten „Köpfle“, vorgeschoben wie eine Burg, die den Zugang zum Gurgler Ferner bewacht.
Ein paar Bilder über die herrlichen Aussichten befinden sich in der Bildergalerie.

eindrucksvoller Gurgler Ferner, links Hochwilde im Nebel, rechts Schalfkogel

Das Ramolhaus war an unserem Termin nicht voll gebucht, sodaß jede Gruppe eigens untergebracht werden konnte und wir in den Genuss eines acht Personen Lagers gelangten, das wir zu zweit bewohnten. Schwer gesättigt von Lenkas g‘schmackig überbackenen Bolognese Cannelloni Bergsteiger-Halbpension fielen wir um 21 Uhr zufrieden in den Schlafsack und nach einer Stunde Akklimatisation auf 3.000 m wollte auch Schlaf eintreten.

am Ramolhaus: der Tag ist gerettet, die Regenfront ist durchgezogen

Der erste Blick um 6 Uhr galt dem Fenster, ob es wohl direkte Sicht auf die Felsen im Norden zulassen würde, oder ob Nebel im Aufstieg auf en Hinteren Spiegelkogel alle guten Fotos vereiteln würde. Ja, die Felsen waren recht klar zu sehen, jedoch nur auf etwa 30 m Entfernung, weiter entfernte Partien verborgen sich im Nebel. Die Aussicht auch einen sonnigen Tag erfüllte sich rasch, als wir kurz vor dem Frühstück um 6:30 Uhr uns vor die Hüttentür bewegten, um in Richtung Sonnenaufgang die Lage zu erkunden. Das Ramolhaus lag etwa an der Nebelobergrenze, sodaß im Tal ein trostloser Blick gegen den Himmel vorherrschte, wir aber sofort erkannten, daß wir einen sonnigen Tag vor uns hatten.

Anstieg auf den Spiegelkogel vom Steig zum Ramoljoch aus

Gesättigt für den 425 Hm Aufstieg, der gleich hinter dem Ramolhaus seinen steilen Anstieg nimmt, verließen wir kurz nach 7 Uhr, umgeben von aufsteigenden Restnebelfetzen, das gastlich Haus mit der netten Wirtin. Zunächst führt ein breiter Steig gegen das Ramoljoch, über das der Aufstieg von Vent führt. Der Ramolkamm muß eher von Vent aus seine Benennung erfahren haben, denn auf dieser Seite des Kamms befindet sich die Ramolalm und das Firmisan, durch welches wir später abstiegen.

leichte Kletterstellen am an sich hauptsächlich begehbaren Grat auf den Hinteren Speiegelkogel

Am Scheitelpunkt des Steigs auf der Rippe oberhalb der Hütte zweigten wir vom selben ab und schlugen weglos die direkte Begehung der Rippe auf seiner Grathöhe ein. Bald trafen wir auf Steigspuren in den erdigen und wiesenbewachsenen Abschnitten zwischen den Felsstufen. Die erwärmende Sonne beschleunigte die Nebelbänke, die neben uns aufwärts jagten und weiter oben in Nichts sich auflösten. Der obere Grat zum Hinteren Spiegelkogel befand sich kaum eine Stunde nach unserem Aufbruch völlig nebelfrei.

Gehgelände wird durch Felsstufen abgelöst und umgekehrt

Ein junger Steinbock musterte uns neugierig von sicherer Position aus. Plötzlich tauchte er wie aus dem Nichts seitlich oberhalb von uns auf, verlor nach kaum einer Minute das Interesse und verzog er sich auch schon wieder. Auf der gesamten weiteren Strecke haben wir dann keine Wildsichtung mehr gemacht.

ein neugieriger Jüngling mustert uns und verschwindet bald in den Felsflanken

Mit leichtem Einsatz der Hände, jedoch vorwiegend unter Gehgelände, erreichten wir den ersten Hochpunkt am Grat zum Hinteren Spiegelkogel an dem sich der Gratverlauf von seiner Nordwestrichtung leicht nach Südwesten ändert und flacher wird.

Großer, Mittlerer und unten Kleiner Ramolkogel im Osten

An diesem Punkt konnten wir erstmals das Gipfelkreuz einsehen und auch die drei Ramolkogelgipfel im Norden. Kleiner Ramolkogel rechts vorne tiefer unten als wir bereits standen und von Nebel in seiner Südostflanke bedeckt, Mittlerer und Großer Ramolkogel links, beide letzteren etwa in 1,6 km Entfernung.

an der Gratbiegung auf den Hinteren Spiegelkogel, Blick Richtung Gipfel

Im Nordwesten bestand bester Blick auf die Wildspitze und den Hinteren Brochkogel noch vollständig von Nebel umspült, während ihre immensen Flanken sich bereits frei und einsehbar präsentierten. Die Nebelobergrenze verharrte zunächst auf etwa 3.000 m.

Wildspitze noch im Morgennebel

Am flacheren Gratabschnitt zum Gipfel passiert man das auffällig weiße Band an Granitgneis, das den Grat zwischen Nördlichem und Mittlerem Ramolkogel durchschneidet. Dieses zieht sich, schmäler werdend, über den Aufstieg auf den Hinteren Spiegelkogel bis zum Aufstieg zur Firmisanschneide durch, wo es ausläuft.

kurze Kletterstellen im oberen Teil im Aufstieg zum Hinteren Spiegelkogel

Betroffen blickten wir auf die kümmerlich schmutziggrauen Überreste des Spiegelferners hinab, die morgens ohne Sonnenbeleuchtung in den Flanken kaum mehr auszumachen sind. Überhaupt erscheinen die Unterschiede zwischen den Süd- und Nordabhängen vom Grat aus sehr eindrucksvoll. Kräftige gelbe bis rostrote und -braune Farben auf der Südseite, die Nordhänge schroffer, felsiger, unbewachsen, glatter, abweisender.

das Gipfelkreuz am Hinteren Spiegelkogel in Sicht

Am Gipfel erwischten wir wieder eine ausgedehnte Nebelbank, die vom Tal heraufzog. Die Aussicht am Hinteren Spiegelkogel blieb uns dadurch vorenthalten, was uns aber nicht bekümmerte, denn wir hatten sie am Aufstieg und das Gipfelfoto ließ das tendenziell gute Wetter durchscheinen.

Hinterer Spiegelkogel, 3.424 m

Die Gipfelbuchschachtel bräuchte einen neuen Verschluß, er ist abgebrochen und auch das Scharnier liegt leider der Wetterseite gegenüber, was die Klappe ohne Verschluss offenhält und durch den Wind Regen in das innere Gipfelbuchetui bringen könnte. Hier wäre die Gipfelkreuzbetreuung des schönen Holzkreuzes gefragt. Läßt sich die Jungbauernschaft/Landjugend Sölden 16 Jahre nach der Errichtung nochmals aktivieren dem schönen Kreuz eine adäquate Gipfelbuchschachtel zu verleihen, sind die Mädels und Burschen jung genug geblieben?

Blick auf die nächste Etappe vom Hinteren Spiegelkogel zur Firmisanschneide

Knapp eineinhalb Stunden benötigten wir für den Aufstieg auf den Hinteren Spiegelkogel. Er stellt mit 3.424 m den niedersten Gipfel auf der Überschreitung dar. Die Firmisanschneide überragt ihn um 66 Hm, der Schalfkogel um 113 m. Dazwischen liegen tiefe Gratjöcher, sodaß die Aufstiegshöhe nicht unerheblich ist. Vom Hinteren Spiegelkogel siegen wir zum Spiegeljoch ab, das knapp 200 m tiefer liegt.

Blick zum Mittleren Spiegelkogel und weiter zur Wildspitze

Der Abstieg wird nach dem langen Gipfelgrat erreicht, an dessen Ende sich ein großer Steinmann befindet und den eigentlichen geodätischen Hochpunkt bezeichnet, der um 5 m höher ist als die Position des Gipfelkreuzes.

der Grat zur Firmisanschneide wird in Angriff genommen; stimmungsvoll durch den Nebel geht es am Westgrat bergab

Dort führt der Grat an den Kreuzungspunkt zum weiteren Ramolgrat und dem nördlich abzweigenden Grat zu Mittlerem (3.311 m) und Vorderem Spiegelkogel (3.087 m). Spätestens diese Reihenfolge der Gipfelbezeichnung liefert den Beweis dafür, daß sie von Vent ihren Ursprung genommen hat und somit Vent früher besiedelt gewesen sein muß als Obergurgl.

leichter Abstieg zum Spiegeljoch

Leicht steigt man über den mäßig steilen Grat abwärts. Teilweise helfen wieder die Hände mit, teilweise bestehen größere Felsstufen, die rückwärts abgeklettert werden. Bezüglich der Brüchigkeit gibt es zu bemerken, daß diese wie überall im Schiefergneis/Glimmerschiefer vorhanden ist, sich jedoch nicht übermäßig in großflächigen losen Partien ausdrückt, bei denen Abrutsch- oder Absturzgefahr durch ausbrechenden Fels bestünde. Wer das Karwendel gewohnt ist, wird im Schiefergneis keine besondere zu meisternde Brüchigkeit feststellen.

ab und zu kleine Kletterstellen rückwärts abzusteigen

Eine andere Sache ist die Felsstabilität. Sie nimmt am Tiefpunkt nach der Firmisanschneide ab und ab dem Firmisanjoch auf den Schalfkogel herrschen erhöhte Schäden am Grat durch den abgeklungenen Permafrost, höchstwahrscheinlich aber auch durch Bergzerreißungen vor. Die Frage besteht für den Autor, ob das andere die Folge des einen ist, oder ob die tiefen Risse am Grat tektonisch schon vor dem Abklingen des Permafrosts vorhanden waren.

erster Blickkontakt zum Spiegeljoch und dem jenseitigen Aufstieg zur Firmisanschneide

Ohne jegliche Kletterkünste erreichten wir das Spiegeljoch, um den langen Aufstieg am Grat zur Firmisanschneide anzugreifen. Auf diesem Abschnitt, für den wir vom Spiegeljoch 1:20 Stunden benötigten, bestehen zwei Grathöcker, von denen der zweite, niedrigere südseitig umgangen wurde, um ein paar Höhenmeter mit Abstieg zum darauffolgenden Sattel zu sparen.

Aufstieg zur Firmisanschneide

Zunächst passierten wir ein weiteres Mal die letzten weißlichen Felsbrocken aus Granitgneis, bevor der erste Höcker am Grat mit zunehmender Steilheit aufschwingt. Der Firmisanferner zu unserer Rechten sah uns mit gleicher Bekümmertheit an, wieder Spiegelferner zuvor. Die wenigen Eisflächen zeigten sich fast vollständig von Schutt bedeckt und könnten sich zu Blockgletschern ausbilden, da die Schuttzufuhr von oben anhält und kaum Transport besteht.

Aufstieg vom Spiegeljoch auf den ersten Aufschwung vor der Firmisanschneide; im Hintergrund der Schalfkogel

Die hellen Schiefergneispartien in diesem Abschnitt wiesen wieder Granatführung auf, so wie im Bericht vom Nördlichen Ramolkogel, der auch Anichspitze genannt wird. Die Oberflächen von losen Felsplatten aus Glimmerschiefer sind dort teilweise von kleinen Berggranaten richtig übersät.

Rückblick am Aufstieg zur Firmisanschneide auf den Hinteren Spiegelkogel

Nach dem ersten steilen Aufschwung folgt eine schwach ausgeprägte Scharte, bevor der zweite, wenig hohe Aufschwung beginnt. Wir sahen gleich zu Beginn seines Aufschwungs, daß er sich links, also südwestseitig leicht umgehen lassen würde, zumal dahinter auch schon die kleine Scharte sichtbar wurde und fast jeder erkämpfte Höhenmeter wieder abgestiegen werden muß. Seine Flanke ließ sich im groben Blockwerk angenehm queren, sodaß wir recht flach zur Scharte gelangten.

über angenehm gestufte Fels- und Gehabschnitte aufwärts

Der letzte Teil am Aufstieg zur Firmisanschneide bot ein wenig Kletterspaß. Die Gratflanke ist steil, sodaß sie den Einsatz der Hände verlangt. Über grobe, festgeklemmte Blöcke erfolgt der kurze Aufstieg auf den plateauartigen Gipfel, dessen Gipfelstatus mit nur einer losen Stange markiert ist, die früher einmal ein kleines leichtes Gipfelkreuz war.

klettertechnisch leichter Aufstieg zur Firmisanschneide mit wenig mäßig schwierigen Stellen

Den eigenwilligen und nicht deutsch klingenden Namen „Firmisan“ ordnet Finsterwalder[2] der Entstehung aus „val mezzana“ – Mittertal zu, womit der romanische Ursprung genauso bewiesen wird, wie in der Flurbezeichnung „Ramol“, welche von „rù malu“ – übler Bach abzuleiten ist. Logisch erscheinen beide Erklärungen, denn das Firmisan ist das mittlere der drei Täler, die vom Similaun herkommend angetroffen werden.

feine kleine Kletterstellen im festen Blockwerk

Der Begriff Ramol könnte im Zusammenhang mit dem Ramolbach entstanden sein, der Bach, der Muren oder Hochwasser gebracht haben wird, und deshalb übel war.
Diese und andere Flurbezeichnungen stellen die Belege für die Besiedelung des hinteren Ötztals von Süden her dar. Es waren Rätoromanen in Südtirol, die ihr Vieh über die Pässe in das hintere Ötztal getrieben, die Täler besiedelt und die Namensgebungen geprägt haben.

Rückblick auf die Kletterstellen am Nordostgrat auf die Firmisanschneide

Eine kurze Pause nach knapp der Hälfte der Überschreitung gönnten wir uns am Gipfel der Firmisanschneide. Die Pause sollte auch genutzt werden, um den Abstieg zu erkunden. Den Diemferner haben wir als Abstieg nach Vent ausgesucht und hier glaubten wir die Übersicht zu bekommen.

Gipfel der Firmisanschneide, 3.490 m

Von der Firmisanschneide aus ist sein östlicher und sein mittlerer Teil einsehbar und dieser Blick eröffnete uns zwar atemberaubende Ansichten des Gletschers, aber auch eine nicht erschöpfende Situation.

Rückblick auf den Übergang vom Hinteren Spiegelkogel auf die Firmisanschneide

Zwei Nährgebiete des Diemferners sind sichtbar, das Östlichste, weniger steil und das Mittlere, das recht steil ausgeprägte mit sichtbar immensen Spalten, die zwar gut erkennbar waren, deren Labyrinth aber auch aufwändig zu beschreiten.

Schalfkogel von der Firmisanschneide aus gesehen, mit Gratübergang vom Firmisanjoch

An diesem Punkt beschlossen wir vom Schalfkogel zurück zum Firmisanjoch abzusteigen, um den flacheren Gletscherweg zu beschreiten. Den Übergang von Fels auf Eis stuften wir bereits von der Firmisanschneide aus als machbar ein und freuten uns einen leicht gangbaren Abstieg gefunden zu haben. Der wirkliche Abstieg kam aber anders.

Nette, leichte Kletterstellen bereits weit oben am Grat nach der Firmisanschneide

Erfreut nahmen wir die zweite lange und tiefe Girlande in Angriff und stiegen über den vorerst höhengleichen Gratrücken, bis der Abstieg allmählich ansetzte. An diesem Abstieg fanden wir einige höhere Absätze in herrlich festem Fels vor, die mit Freude abgeklettert wurden, manchmal unter Umgehung glatter Partien auf der linken (südlichen) Seite.

welch ein Blick auf den Schalfkogel mit dem östlichen und mittleren Nährgebiet des Diemferners!

Teilweise wurde der Abstieg enger als auf den Gratabschnitten zuvor, jedoch stellt dieser Gratabschnitt die beste Felsqualität auf der gesamten Strecke dar und wird nie zu einer ernsthaften Kletterei. Wenn man glaubt den Tiefpunkt erreicht zu haben, dann wird man mehrmals eines Besseren belehrt.

typischer Gratabstieg mit interessanteren, etwas schärferen Stellen als vom Hinteren Spiegelkogel hinab zum Spiegeljoch

Dreimal hintereinander führen Schärtchen in noch ein paar Meter tiefere Einschnitte, bevor der Grat wieder dauerhaft ansteigt. Über diese Passage ändert sich der Fels schlagartig in eine schlechte Gesteinsqualität mit vielen losen Partien auf schmalem Grat.

ab und zu ein kleiner Ausweicher in die Südostseite

Die extremste Schmalstelle bedingt durch eine lange Platte, die quer zur Gratrichtung zuoberst aufliegt, einen kurzen Abstecher auf die sehr steil abfallende Nordwestseite und könnte als Schlüsselstelle bezeichnet werden.

eine leicht brüchige Stelle wird vorsichtig abgeklettert

Ihre Überwindung ist aber auch nur eine mäßig schwierige Aktion über ein paar Meter. Hinter dieser Stelle beginnt sogar ein ausgeprägter Steig, der am flachen Grat auf das Firmisanjoch überleitet. Mit einem Schlag wird jegliche Kletteraktion obsolet.

nach Gefühl des Autors die einzige ausgesetzte Stelle mit schlechtem Fels; im Vordergrund die quer liegende Platte, die wir nordseitig umgingen

Am Firmisanjoch kann der Wechsel vom Fels auf die Eisfläche relativ einfach mit ein paar Meter Abstieg erfolgen. Es ist aber zu befürchten, daß dieser durch den Eisrückgang in den folgenden Jahren stetig aufwendiger werden wird und irgendwann wird man sich unter Opferung einer Bandschlinge abseilen müssen, falls die Schmelze in den nächsten Jahren rasch fortschreitet.

Ansicht des Zugangs auf das Eis des Diemferners; der kurze Abstieg ist unproblematisch (Stand08/2026!)

Nun standen wir nach mittags am Firmisanjoch und überlegten, ob wir den Schalfkogel noch mitnehmen sollen. Eigentlich war es keine wirkliche Frage, denn an dieser Stelle würden wir nicht abbrechen, wenn der Rückzug gesichert ist, und das war er durch den am Joch sichergestellten Abstieg auf den Ferner.

Entscheidung über den Aufstieg zum Schalfkogel, unausgesprochen einhellig die Meinung und es geht los, wir lassen das Firmisanjoch hinter uns und meinten zu diesem Zeitpunkt noch zurückkehren zu müssen

Kurzerhand wurde ohne Diskussion aufgestiegen. Gleich zu Beginn stellten wir aber auch fest, daß der Grat hinsichtlich der Felsqualität um einiges schlechter wurde und enorme Klüfte am aufwies. Die Klüfte und der Bruch hatten großteils frische Flächen, was auf wenige Jahre seit der Entstehung hindeutet, eine recht unangenehme Situation, die wir gerne rasch hinter uns bringen wollten.

dieser Grat ist anders als die Grate zuvor, die Risse im Schiefer sind beachtlich, dazwischen mehr Schutt und Feinteile als zuvor

Auf den Schalfferner südlich brachen immer wieder Brocken unter Getöse hinab, während wir am steilen Teil des Grates aufstiegen. Am Hochpunkt des Aufschwungs konnten wir fast eben zur Blankeisfläche am Gipfelaufbau des Schalfkogels hinübersehen, jedoch lag dazwischen noch ein kleines Abenteuer.

wenige gute Felspartien kennzeichnen den Aufstieg auf den Gratkopf vor dem Gipfelaufbau des Schalfkogels

Nach dem Hochpunkt querten wir mit geringstem Höhengewinn den immer schmaler werdenden Grat und dieser erwies sich als wirklich brüchig, mit an der Schmalstelle auch nachgiebigen Tritten, die sorgfältig gewählt werden mußten. Anschließend an diese zwar kaum gefährliche aber dennoch wenig sympathische Passage konnten wir den restlichen Gratverlauf zum verbliebenen Gletscher am Grat einsehen.

ein Vorplateau ist erreicht

Dies ist jene Stelle, die auch von Obergurgl aus deutlich sichtbar ist und das Gefühl der leichten Besteigung des Schalfkogels vermittelt. Es ist die Ansicht des Schalfkogels die dich bereits im Tal magisch anzieht ihn auf diesem Weg besteigen zu wollen.

seitliche Umgehung des beginnenden brüchigen Abschnitts

Gespannt sichteten wir die letzte und entscheidende Etappe unserer Überschreitung. Geradeaus, westwärts, dem Ziel zu, scheint die Sache geritzt zu sein. Rechts gähnt der Mittelteil des Diemferners mit großer Steilheit über die Felsstufe ins Kar, in dem alle Arme des Gletschers zusammenfließen. Dahinter stellten wir eine interessante Geländeform fest, die wir beim Studium der Karte nicht genügend beachtet hatten.

die letzte Bastion an sehr losen Gratfelsen, die fast nur mehr durch ihre Auflast in Position gehalten werden

Sofort keimte der Gedanke auf, der Diemferner könnte ein weiteres Nährgebiet haben, das sich vielleicht für den Abstieg eignen würde. Das würde uns auch den Rückzug zum Firmisanjoch ersparen und somit eine signifikante Zeitersparnis. Zunächst jedoch war die Konzentration auf den Restgrat ausgerichtet, den wir schon fest in der Tasche glaubten.

phantastische Gletscherformen am Mittelteil des Diemferners; stets dominierend im Hintergrund die Hintere Schwärze in knapp 10 km Entfernung

Etwa zwei, drei Dutzend Meter weiter standen wir dann vor einem Abbruch, der heikel aussah. Heikel hinsichtlich der Brüchigkeit. Wir trauten uns zum Abklettern keinen der tischgroßen Blöcke anzugreifen, da sie alle recht lose aussahen. Dabei betrug der Abstieg betrug geschätzt nur etwa 7-8 m, sämtliche Felspartien links, rechts und unterhalb sahen jedoch so aus wie es der Bergsteiger in Anlehnung zu verrottendem Holz „morsch“ nennt und am Fuß des Abbruchs setzte eine steil abschüssige erdige Rinne an, die keinen guten Tritt versprach.

Schalfkogel vor dem letzten Abbruch, der uns noch herausfordern sollte

Wir sahen uns auf dem trichterförmigen Plateau um und stiegen etwas rückwärts über abschüssige erdige Partien abwärts, um einen Weg zu untersuchen, der zum Eis führt, oberhalb der mehrfachen Randspalten am Bergschrund, in die bereits viel Brocken abgerutscht sind und auf die kaum vorhandene Scherfestigkeit der Felsen hindeutete. Allerdings ohne eine wirklich gangbare Route, denn im unteren Teil formte sich ein plattiger Schlund aus, den man nur per Abseilen nehmen konnte. Diese Option war damit nicht erstrebenswert.

bereits in der wenig angenehmen Umgehung des sehr lose anmutenden Abbruchs; der Abbruch ist etwa 6-8 m höher

Die zweite Erkundung brachte dann eine Passage mit sich, die, wenig ausgesetzt, jedoch auf einem unangenehmem erdig, schottrigen Band um den morschen Abbruch herumgeführt hat und in der Verschneidung der losen Partien endete, genau in der erdig abschüssigen Rinne, die von oben wenig vertrauenswürdig aussah.

Ende der Umgehung in der Verschneidung unterhalb des 6-8 m hohen Abbruchs

Und genau wie die Einschätzung passierte auch der erste Schritt in sie. Unter Absinken von etwa 30 cm konnte der erste Schritt gesetzt werden und vorsichtig wurden die umgebenden Felspartien der Verschneidung für Griffe ausgesucht und die unangenehme Passage in etwas freundlicheres, aber dennoch loses Gelände gefunden.

der Übergang zum Grat bleibt in viel losem Schutt und plattigen Brocken, ist mit vorsichtiger Trittwahl aber problemlos bewältigbar

In dieser Passage lernt man was Schiefergneis und Glimmerschiefer anzurichten in der Lage sind. Das Gelände weist eine hohe Neigung nach Norden auf, die Platten rutschen auf und in sich mit genügend Feinteilen dazwischen perfekt und jeder Schritt ist unsicher in seinem Ausgang. Ein Tanz auf rohen Eiern.

Rückblick auf den Abbruch; die kleine Spitze am oberen Bildrand markiert die Stelle an der man den Abbruch beim Aufstieg erreicht

Glücklicherweise handelte es sich bei dieser Stelle nur um einen Abschnitt am Grat von geschätzt 20 m Länge und der logische Ausgang nach dem Eiertanz erschien uns durch die Rückkehr auf die Grathöhe, um die letzten etwa 30 m vor dem Blankeis, der den Diemferner mit dem Schalfferner verbindet und die vom Tal sichtbare Verschmelzung der beiden bildet, zu absolvieren.

letzter Überstieg im unangenehmen Gelände

Im Rückblick auf den morschen Bereich erschien ein Danke nicht unangebracht. In der Vorbereitung zu diesem Abschnitt erfuhren wir von Lenka am Ramolhaus, daß sich andere Gruppen abseilten. Dies erschien uns angesichts der losen Partien nicht möglich, da keinem Fixpunkt zu trauen ist.

der Rest auf den Grat zurück ist Routinearbeit

Der Restaufstieg auf den Schalfferner ist nach der gemeisterten Passage nur mehr ein Genuss. Mit Freude zogen wir uns für den Übergang am Blankeis die Steigeisen an und strebten dem Ziel zu, das jenseits des Resteises aus senkrecht gestellten Schieferplatten besteht und eigenartig zu begehen ist. Weiter oben bildete sich ein Steig aus, der sich von Norden an den Gipfelaufbau annäherte. Der Gipfelaufbau des Schalfkogels ähnelte einem Normalsteig und stellte den leichtesten aller drei Gipfelaufbaue dar.

Abbruch vom Diemferner zum Schalfkogelferner

Der Gipfelbereich am Schalfkogel ist rundlich geneigt und recht groß, ein verzinktes Stahlkreuz unter Mitwirkung der Bergführer der Hochgebirgsschule Obergurgl[3] ziert die nach dem Großen Ramolkogel um 10 m niedrigere, zweithöchste Erhebung im Ramolkamm. Leider befindet sich in der Gipfelbuchschachtel kein Gipfelbuch, obwohl ein solches genau an diesem Gipfel sinnvoll sowie wichtig wäre.

Passage des kurzen Eiskragens am Gipfelaufbau des Schalfkogels

Ein Blick über den Ramolkamm bestätigt die besondere Stellung des Schalfkogels.

Herwig am Schalfkogel

Lediglich der Große Ramolkogel wird als gleichwertiger Gipfel wahrgenommen, die anderen Erhebungen im Ramolkamm liegen deutlich darunter und selbst die schönen Hochwildegipfel, die höher wirken, sind um mehr als 50 Hm niedriger.

phantastische Aussicht auf den Gurgler Kamm mit links den Hochwildegipfeln, Bankspitze, Falschunggspitze, Karlesspitze, Querkogel im Vordergrund, im Hintergrund Hohe Weiße, Lodner und das Roteck

Die Hintere Schwärze im nahen Hauptkamm, ein Gipfel, der demnächst begangen werden muß und vom Schalfkogel aus eine äußerst attraktive Spitze darstellt, überragt den Schalfkogel um 85 Hm, sowie der Similaun, der sie auch knapp überragt.

Detailansicht Hintere Schwärze, Similaun und Mutmalkogel

Um noch höhere Berge in den Ötztaler Alpen zu finden, muß man in den Weißkamm, wo die höchsten Gipfel zu finden sind. Beginnend im Westen finden wir mit der Weißkugel mit 3.737 m den zweithöchsten Nordtiroler Berg und im Nordwesten des Schalfkogels mit der Wildspitze mit 3.768 m den höchsten Nordtiroler Gipfel, der ihn um 229 m überragt.

Hauslabkogel im Vordergrund links, in der Tiefe das Martin-Busch-Haus, Saykogel im Vordergrund, Weißkugel und Langtauferer Spitze im Hintergrund, Sennkogel im Vordergrund, Piz Buin weit in der Ferne, Hochvernaglwand, Hintere Hintereisspitze

In diese Richtung erscheint auch der größte Gletscher Österreichs, der Gepatschferner. Zahlreiche Gipfel ranken sich in ihm und dem Großen Vernagtferner gegen Nordosten bis zur Wildspitze. In der Ferne rechts der Wildspitze gegen Norden befinden sich die hohen, schweren Gipfel im Kaunergrat und wieder weiter im Norden der Geigenkamm.

Wildspitze mit rechts Kreuzerschneide, in der Ferne Watzespitze, Schwabenkopf, Verpeilspitze, Gsallkopf und Rofelewand im Nebel, im Vordergrund Weißer Kogel

Die westlichen Stubaier Gipfel mit Breitem Grieskogel, Gleirscher Fernerkogel, Lüsener Fernerkogel, Schrankogel, Warenkarseitenspitze, Ruderhofspitze, Östliche Knotenspitze, Zuckerhütl, Sonklarspitze und den Feuersteinen hüllten sich noch in Wolken.

linke Bildhälfte Großer und Mittlerer Ramolkogel sowie Verlauf des Ramolkamms und Gurgler Taleinschnitt; im Hintergrund die Stubaier Alpen

Im Gurgler Teil des Ötztaler Hauptkamms finden sich hehre Ziele, die alle noch begangen werden müssen. Beginnend mit dem Granatenkogel, auf den eine rassige Schitour führt, gefolgt vom Hochfirst, der Liebenerspitze bis hin zu den Seelenkögel gibt es dort noch jede Menge zu tun.

die drei Seelenkögel, links Vorderer Seelenkogel, Mittlerer Seelenkogel und Hinterer Seelenkogel rechts, im Vordergrund der Schwärzenkamm

Im Norden unterhalb des Schalfkogels musterten wir den westlichsten Ast des Diemferners und fanden sofort Gefallen an dem Abstieg über diese Eismasse. Zu Beginn besteht nach dem Eismantel auf der Schulter des Schalfkogels ein aperes Kar, gefüllt mit mittelgroßen Felstrümmern, weiter abwärts beginnt der Gletscher ohne sichtlichen Schrund und sein Verlauf scheint ohne Querspalten bis hinunter zum Gratende, an dem er sich mit dem mittleren Teil des Ferners vereinigt.

einen leichter Abstieg sahen wir über den östlichen Teil des Diemferners; nach dem Eiskragen des Schalfferners über Blockwerk ins Kar unterhalb des Schalfkogels und weiter über den Gletscher zu seinem Ende in der Tiefe

Ideal zum gefahrlosen Abstieg und ein Zeitvorteil als den Mittelteil zu nehmen, der mit seinen mächtigen Spalten zwar spektakulärer wäre, mit Sicherheit aber jeder Menge Umwege bedarf, die zeitraubend sind. Wir mußten den Bus um 18:20 Uhr in Vent erwischen.

zurück zur Ausrüstung

Sehr erfreut über den sanften und einfach aussehenden Abstieg machten wir uns nach einer kurzen Gipfelrast am Schalfkogel auf den langen Weg über den Diemferner nach Vent und waren noch gar nicht gewahr, welch schöne Reise uns bevorstand.

Abstieg über den Eiskragen mit der beeindruckenden Hinteren Schwärze, dem Similaun im Nebel und dem Mutmalkogel

Es hätte noch die Variante gegeben, den Schalfkogel Richtung Südwest zu verlassen und über das Schalfjoch zur Martin- Busch-Hütte abzusteigen. Dieser Abstieg wäre der Favorit gewesen, wurde jedoch bereits bei der Planung als zeitlich nicht geeignet verworfen. Dieser schöne Abstieg muß auf einen wahrscheinlichen Aufstieg warten, oder auf die Überquerung zur Langtalereckhütte.

Schalfkogel mit sichtbarem Ansatz der früheren Eismassen mit Felsschliff

Rasch waren wir wieder bei den abgelegten Steigeisen, die ihre Verwendung auch über den abschüssigen Teil des Eises bis zum Zugang zum aperen Kar fanden, wo sie wieder abgelegt wurden, um etwa 150 Hm darunter noch einmal Verwendung zu finden.

am Eisansatz des östlichen Teils des Diemferners

Der Abstieg über das apere Kar war rasch erledigt und am Eisrand querten wir zu einer auffälligen Schuttbedeckung, von der aus der Gletscher etwa mittig begangen werden sollte. Nach dem Betreten des Eises legten wir aber gleich die Eisen an, denn der schuttübersäte Teil war dennoch rutschig genug, um eine Bauchlandung zu machen.

Abstieg über den Diemferner

Zu unserem Erstaunen trafen wir keine einzige auch noch so kleine Spalte an, während wir den Gletscher abstiegen, welches ein Beweis für eine sehr gleichförmige Hangneigung des Felses darunter war. Auch am weiteren Verlauf bis zum unteren Eisrand des Diemferners trafen wir auf keinerlei Spalten, was uns veranlaßte ohne Seilsicherung bereits an der Vereinigung der beiden Teile des Gletschers abzulegen.

an der Vereinigung des mittleren und östlichen Diemferners

Kurz nach der Vereinigung der Eisströme, bei der der Trenngrat zwischen dem Mittel- und dem Westteil des Diemferners in die Eismasse versinkt, entdeckten wir einen riesigen Gletschertisch. Die Länge des aufgebahrten Felsbrockens dürfte gut 8 m betragen haben, die Breite etwa drei Meter und die Höhe etwa 2,50 m. Hier lastet eine Masse von etwa 150 to Stein auf einer kleinen Fläche Eis, eine Pracht das Schauspiel anzusehen!

am massiven Gletschertisch

Ein Blick nach oben auf den Mitteleteil des Diemferners bestätigte uns die einfachere Wahl des Abstiegs am westlichen Fernerast. Im Mittelteil bestehen im steilen Bereich massive und lange Spalten, die aufwändig zu umgehen wären, wenn sie nicht übersprungen werden können.

nochmals der massive Gletschertisch

Allerdings wären auf diesem Abstieg spektakuläre Bilder aufzunehmen gewesen und wenn wir keinen Zeitkampf zu bestehen gehabt hätten, wäre aufgrund des schwindenden Gletschers wohl diese Variante in Frage gekommen.

Firmisanschneide und Gratabstieg

Die Größe des Diemferners spielt in der Literatur eine Rolle, der abgelegene Gletscher wird messtechnisch vom Gletschermessdienst des Alpenvereins überwacht. In der Saison 2022/23 hat er traurigen Rekord erreicht, indem er unter allen heimischen Gletschern Platz drei mit dem Rückgang von 84,3 m belegt hat. Die Bilder im Bericht zeigen allerdings nicht den eigentlichen Diemferner, sondern seine Tributäre von den Karen der Diemkögel weiter talauswärts.

Rückblick am Ende des Diemferners

Nach unserem Eindruck besitzt der Diemferner jedenfalls eine massive Ausdehnung in der Breite und auch noch in der Länge. Unser Abstieg auf Eis betrug gut 50 min, also dürfte der Gletscher noch etwa 2,5 km lang sein, wenn man zusätzlich bedenkt, daß wir nicht vom obersten Punkt vom Sattel zum Schalfferner aus durchgehend über Eis abgestiegen sind.

Eisbruch am Ende des Diemferners

Östlich gegenüber konnten wir unseren Gratabstieg von der Firmisanschneide nachvollziehen sowie den spaltenärmeren Ostteil des Diemferners begutachten. Deutlich erkennt man am Grat die mehrfachen kleinen Zacken, die stets den Eindruck vermitteln, man befinde sich bereits in der Scharte am Tiefpunkt. Die Felsflanken am oberen Ansatz des Ferners am Grat leuchteten noch recht hell, frisch und unverwittert herab, sodaß auf den Gletscherhöchststand vor wenigen Jahrzehnten geschlossen werden konnte.

mit etwas Akrobatik kamen wir trocken durch die Wildbäche

Auf der Zunge des Mittelteils des Gletschers gelangten wir am weitesten hinab in das lange Schuttfeld mit den eigenartigsten Geländeausbildungen, wie sie zurückziehende Gletscher hinterlassen.

Rückblick auf den Schalfkogel

Da eine Ansammlung von stuhlgroßen Felsbrocken, dort ein massiver Hügel von Feinteilen, bei dessen Begehung man weit über die Gummikante der Bergschuhe versinkt, seitlich zuströmende Gletscherbäche mit reißenden Wassern und der Breite von mehreren Schritten, die gesamte Wildheit der statischen Eismasse urplötzlich aufgelöst in dynamische Ströme und lautes Getöse. Das Sterben in der Natur ist laut.

Abstieg von dem schönen und verlassenen Diemferner zum Firmisan

Die phantastische Landschaft hat in ihrer schier endlosen Ausdehnung viel zu bieten, will man nicht nur Trümmer erkennen. Da gibt es blanke Felsflächen über Jahrtausende geschliffen, deren Entstehung in der Tiefe des Erdmantels wie eingefroren sichtbar ist, da gibt es Moränenwälle zu beiden Seiten, die das Tal um etwa 100 m überragen und vom Gletscherhöchststand um etwa 1850 zeugen, wo tischgroße Brocken einst mit hohem Druck an die Bergflanken gepresst wurden und sich lange gehalten haben, um nun Jahr für Jahr langsam abzubrechen und die Moränenspuren verschwinden lassen.

Gletscherschliff im Tal unterhalb des Diemferners

Da gibt es dort, wo keine Massenbewegungen duch den Gletscher mehr stattfinden, Vegetation in Form von Gräsern und spärlich sich Terrain erkämpfenden Pionierpflanzen, da gibt es hin und wieder rote Markierungen mit Zahlen der Gletschermesstrupps sowie ein vereinzeltes Steinmännchen da und dort.

Talausgang zum Firmisan weit draußen

Mit fortschreitender Länge des bärigen Hochtals wird der Gletscherbach breiter und breiter und man gewinnt den Eindruck, daß nach dem letzten Zufluß im Firmisan die grauen Wässer bei Starkregen das Niedertal überfluten müßten, so reißend wie sie tosend in die tiefen Schluchten des Firmisan stürzen.

Seitenmoränen etwa 80 bis 100 m oberhalb zeugen vom Gletscherhochstand vor 175 Jahren

Der Ausgang aus dem Gletschertal ins Gelände mit der Flurbezeichnung Firmisan bietet die letzte Marke, und zwar eine Talenge durch sich von rechts näherndem Fels. Diese Passage kann zwischen Bach und Fels durchwandert werden und für den letzten Zufluß zum Gletscherbach müssen etwa 15 m aufgestiegen werden, um ihn an günstiger Stelle zu überschreiten.

Vorderer und Hinterer Diemkogel

Im Firmisan weideten Schafe, die sich im dort noch extremen Gelände gut zurechtfinden. Wahrscheinlich ist es genau jener Teil, der dem Tal und später den Gipfeln darüber den Namen gab, denn bei den Gletscherständen anlässlich der ersten Nutzung durch Räter aus dem Schnalstal war der Gletscher erst dort zu Ende und für die frühen Bauern uninteressant.

im Firmisan

Eine waghalsig aussehende Holzbrücke an schmalster Stelle des tosenden Gletscherbachs bildet die einzige Möglichkeit des Wechsels auf den markierten Steig auf der Westseite, der hinab ins Niedertal führt.

Rückblick auf die Brücke und das Firmisan

Selbstverständlich kann die Brücke sicher begangen werden mit einem eindrucksvollen Blick auf die trüben Wässer, die eine beträchtliche Menge an Feinteilen von Abrieb transportieren und nach der nächsten Biegung im Bacheinschnitt im Schlund der Schlucht verschwinden.

auch hier ständig auf den Spuren der Vergangenheit – der Steig führt über eine Seitenmoräne

Jenseits der Brücke führt der Steig hinab zu einer weiteren Brücke über den Niedertalbach, um die Straße von Vent zum Martin-Busch-Haus zu erreichen. Der restliche Weg nach Vent beträgt von dort 3,6 km bis zum Hotel Similaun, an dem der Bus nach Sölden auf die Minute erwischt wurde.

Schotterstraße zum Martin-Busch-Haus im Niedertal

Unsere Gesamtzeit mit allen Pausen, die stets kurz (etwa 10 min) ausfielen, betrug 11:20 Stunden. Unsere Gehgeschwindigkeit am Abstieg und aus dem Niedertal hielten wir moderat schnell, jedoch konstant ohne Unterbrechungen, mit der Ausnahme der Fotos.

an der Stahlbrücke über den Niedertalbach zur Schotterstraße

Der gesamte o. g. Aufstieg findet auf einer durchschnittlichen Höhe von 3.200 m statt, sodaß die Wirkung auf die Leistungsfähigkeit mit in die Zeitplanung einbezogen werden muß.

Mils, 29.08.2026

[1] Karl Krainer, Geologie und Geomorphologie von Obergurgl und Umgebung. Kapitel 2, in: Publikationen Alpine Forschungsstelle Obergurgl, 2010, 45–48.

[2] Hermann M. Ölberg/Karl Finsterwalder (Hrsg.), Tiroler Ortsnamenkunde. Gesammelte Aufsätze und Arbeiten. (Schlern-Schriften, Bd. 285). Innsbruck 1990.

[3] Die Bergführer der Hochgebirgsschule Obergurgl sind zwar nicht die Errichter des Gipfelkreuzes am Schalfkogel, man möchte jedoch meinen, daß dieselben auch das Gipfelbuch betreuen; offenbar ist das nicht der Fall

 

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