Schitour Windacher Daunkogel, 3.348 m und Hinterer Daunkopf – Daunrunde

Der vom Stubaier Gletscherschigebiet leicht erreichbare Sulztalferner bietet im Frühjahr einige schöne Gletscherschitouren, die als Tagesunternehmungen mit den Gletscherbahnen sehr komfortabel bewältigt werden können, wie die beiden Ziele Windacher Daunkogel und Hinterer Daunkopf. Beide lassen sich zu einer imposanten Rundtour kombinieren, in der der Sulztalferner von hoch oben bis weit unten erlebt wird, vorbei am mächtigen Felsbau der Wilden Leck. Das einzelne Ziel für sich wäre ein zu kleines Abenteuer, die Kombination beider Gipfel, die einen Überblick über den im Mittel 1,6 km breiten und heute noch 2,2 km² großen Ferner vermittelt ein beeindruckendes.

Bis auf die Wilde Leck und die Warenkarseitenspitze tragen die meisten Gipfel, Gletscher und Übergänge in der Umgebung des Sulztalferners eine Namensgebung mit „Daun“ in sich, die das Interesse weckt zu ergründen, wie es zu dieser Massierung kam, denn diese Oronyme (Bergnamen) im Hochstubai verwirren sogar manch Einheimischen, wenn er keine Karte vor sich liegen hat.

Hilli am Hinteren Daunkopf

Experten schreiben hierzu, daß der Ursprung von „Daun“ im althochdeutschen Wort „toum“ zu finden ist, das die Bedeutung von Nebel[1] hat. Die unbegehbaren und bedrohlichen Gletscher mit ihren in der Vorzeit wesentlich größeren Ausmaßen stellten für das Bauernvolk, das sich im hintersten Stubai niedergelassen hat, als ein „im Nebel liegendes“ [2] (im Sinne von unbekannt) Gebiet dar.

Abfahrt von der Daunscharte

Mächtige Gletscher sperrten den hintersten Talkessel ab und deren Zungen werden bis weit zur heutigen Talstation der Gletscherbahnen hinausgereicht haben. Im Verein mit dem Eisstrom aus den Kastälern wird nur der dazwischen eingesperrte Egesengrat unvereist gewesen sein. So könnte man sich auch die Namensgebung desselben – ebenfalls althochdeutschen Ursprungs – vorstellen, die in der Übersetzung „Furcht“ und „Schrecken“[3] bedeuten. Dort, wo heute die letzte Stütze vor der Mittelstation an der Talstufe steht, könnten in der Vorzeit Gletscherbrüche mit herab donnernden Séracs Furcht und Schrecken unter den Viehhaltern verbreitet haben.

Rückblick auf die Daunscharte

So spannend die Vergangenheit der eisbedeckten Riesen im unbekannten und damals schwer begehbaren, daher nebulosen Gebiet auch gewesen sein mag, so zahm sind sie heute geworden und stechen mehr denn je aus dem schwindenden Gletschereis empor, vor allem die imposanten Daunkögel im Hauptkamm.

Wilde Leck rechts im Aufstieg zum Wütenkarsattel

In Summe finden wir vier Daunkögel, zwei Daunköpfe, das Daunjoch und die Daunscharte sowie zwei Daun()ferner. Der unbekannteste der „Daun“-Berge ist der vom Parkplatz der Eisgratbahn-Talstation über die Kastäler beeindruckend aufragende Vordere Daunkopf. Um mit Geografie abzurunden, sei noch erwähnt, daß sich die Mehrzahl der „Daun“-Gipfel im Gemeindegebiet von Längenfeld befindet, denn im Neustifter, womit die Erforschungen über das Gebiet nun abgeschlossen sind und nun der Bericht der bärigen Tour fortsetzt.

am Wütenkarsattel

Am Ausstieg des Schlepplifts „Daunscharte“ kann man die Schi schultern oder auf den Rucksack montieren und unter den Liftseilen hindurch den etwa 50 Hm Aufstieg auf den Grat oberhalb der Daunscharte in Angriff nehmen. Der erste Blick auf der Scharte vermittelt sofort eine völlig andere Welt, sobald man dem Schigebiet den Rücken zugedreht hat und die majestätische Wilde Leck vor sich aufragen sieht.

auf einem kurzen schmalen Gratstück am Wütenkarsattel

Auf schmalem, aber ausreichendem Podest erfolgt der Einstieg in die Bindung, bevor zunächst über eine steile Abfahrt zum Sulztalferner abgefahren wird. Für Details der Abfahrt und Abfahrt zum Auffellplatz siehe den Bericht zur Hochstubairunde.

Warenkarseitenspitze westlich des Sattel und Wütenkarferner

Am oberen Teil des Sulztalferners beginnt der Aufstieg auf den Wütenkarsattel. Nach dem ersten Hangstück führt die Route flach gegen Südwesten zum Wütenkarsattel, von dem aus der sogenannte Wintergipfel des Windacher Daunkogels sichtbar ist.

herrlicher Blick auf den Sulztalferner

Spitz gegen den Gipfel zulaufend erstreckt sich der Hang vom Sattel aus mit angenehmer Steigung nach oben. Am Wütenkarsattel, der noch nicht einmal die Höhe der Scharte aufweist, die kurz zuvor in Richtung Gletscher abgefahren wurde, befindet sich ein Gletschersee. Für uns erkennbar an der Ebene, die er bildet.

restlicher Aufstieg zum Windacher Daunkogel vollständig einsehbar

An seiner Nordseite wird er auf einem kurzen Gratstück umgangen, bevor sich die Route nach Süden auf den anfangs breiten Rücken des Windacher Daunkogels wendet. Der Aufstieg von der Wütenkarscharte ist eigentlich ein Klacks, sind es doch nur 200 schön zu steigende Höhenmeter auf einem durchgehend einsehbaren und sich oben verjüngenden Hang.

Aufstieg zum Schidepot unterhalb des Wintergipfels am Windacher Daunkogel

Im Aufstieg kamen wir nicht umhin, immer wieder auf den großen Sulztalferner hinab zu sehen, in dem sich die Schatten der Spureintiefungen gegen das Daunjoch hin verloren. Die Weite des Ferners ist beeindruckend. Von Norden, von der Amberger Hütte her stiegen an diesem Tag trotz relativ mühsamer Anreise bis zur Hütte überraschend viele Gruppen über den Sulztalferner auf.

etwas flacher weiter

Im Aufstieg konnten wir auch unseren zweiten Aufstieg unterhalb der Geländestufe nach der Gletscherzunge erkunden, er führt über eindrucksvoll hohe Seitenmoränen in ein kleines Kar am Mutterberger Joch. Die Seitenmoränen erheben sich zwar nicht so gewaltig hoch über den ausgeaperten Talboden als das im Taschachtal in den Ötztaler Alpen der Fall ist, bei der Querung im Aufstieg unterhalb wächst der Respekt dennoch.

im flacheren Abschnitt mit der Wilden Leck im Hintergrund

Zum schmalen Grat am Windacher Daunkogel führt vom Schidepot in steilem Gelände eine Stapfspur empor. Den Winterhochpunkt bildet der Grat durch die komplette Verengung auf die scharfe Gratschneide zu, die mit einem großen Block endet, den man in Verwegenheit noch erklimmen könnte, um 3 m höher zu stehen. Wir ließen es an der Schmalstelle gut sein.

letzter Aufstieg auf den Hochpunkt zum Wintergipfel am Windacher Daunkogel

Der Wintergipfel am Windacher Daunkogel ist mit 3.301 m um 47 m niedriger als der geodätisch richtige Gipfel und beide tragen weder Steinmann noch Gipfelkreuz. Der Blick nach Osten zeigt den Westlichen Daunkogel oberhalb der Daunscharte, die knapp eineinhalb Stunden zuvor überschritten wurde.

am Wintergipfel des Windacher Daunkogels

Der zweite sichtbare Gipfel im Hauptkamm ist der um 30 m höhere Östliche Daunkopf, die Stubaier Wildspitze ist nicht sichtbar, sie liegt genau hinter dem Gipfel des Windacher Daunkogels.

im Osten Östlicher und Westlicher Daunkogel sowie Windacher Daunkogel

Hinter den beiden weit in der Ferne waren an dem schönen Tag Olperer und Schrammacher, der Hohe Riffler und der Kleine Kaserer oberhalb der Inneren und Äußeren Wetterspitze zu sehen. In 17 km Entfernung bestach der mächtige Habicht.

im Südwesten die Warenkarseitenspitze und der Wütenkarferner vor den Ötztaler Alpen mit Granatenkogel, Königskogel und Hochwilde

Im Süden des Wintergipfels am Windacher Daunkogel befindet sich die Warenkarseitenspitze sowie zwischen beiden die Warenkarscharte und der Wütenkarferner. Die Warenkarseitenspitze ist ein Ziel auf einer tollen Schitourenrunde, die der Autor als Hochstubairunde bezeichnet. Westlich von ihr liegen der Hohe Nebelkogel und die Hochstubaihütte, die auf einem Gipfel errichtet wurde, der zu früheren Zeiten Bedeutung gehabt hat, jedoch in keinem Aspekt einen Gipfel darstellt, der sogenannten Wildkarspitze ein schlichter Grathochpunkt.

im Westen Weißkugel, Wildspitze und Hinterer Brochkogel sowie der Kaunergrat mit Rostizkogel, Seekogel, Watzespitze, Verpeilspitze, Rofelewand und Gsallkopf

Weit westlich der Warenkarseitenspitze liegen die mächtigen, langen Kämme der Ötztaler Alpen, des Gurglerkamms im Süden mit rassigen Schitouren beispielsweise dem Granatenkogel sowie weniger frequentierten wie dem Königskogel, des Schnalskamms, der sich von der Hochwilde westlich zur Weißkugel erstreckt, des Ramolkamms und des Weißkamms, der die Weißkugel, die Wildspitze und den Hinteren Brochkogel trägt, um nur einige der höchsten Gipfel zu nennen. Mittig eingeschnitten präsentiert sich zwischen dem Weiß der Hochregionen das dunkelgrün des Ventertals.

Geigenkamm mit Fundusfeiler, Wildgrat und weit entfernt die Nördlichen Kalkalpen, mit Parseierspitze und Imster Muttekopf; im Vordergrund die Wilde Leck

Weiter im Hintergrund der Gipfel dieser Kämme blickt zwischen Similaun und Fineilspitze König Ortler in 67 km Entfernung durch, sowie die anderen Gipfel der gleichnamigen Gruppe. Im Westen beginnt mit der Bliggspitze der Kaunergrat, dessen höchste Erhebungen mit dem Rostizkogel beginnen und über Seekogel, Watzespitze, Verpeilspitze, Rofelewand und Gsallkopf in den nördlichen Teil der Kette abfallen. Dem Kaunergrat vorgelagert und zwischen Ötz- und Pitztal gelegen, findet sich die Hohe Geige als Namensgeberin des Kamms, der im Norden mit dem Fundusfeiler und dem Wildgrat ins Inntal abfällt. Die Sicht auf die Nördlichen Kalkalpen, von denen noch die Parseierspitze und der Imster Muttekopf sichtbar sind, wird durch die schön geformte Wilde Leck begrenzt.

Weitblick auf die Tuxer Alpen mit Rosenjoch und Lizumer Reckner

Über den Sulztalferner hinaus reicht der Blick in die Lechtaler Alpen zum Loreakopf und dem Roten Stein und nach der Talfurche des Ötztals in den Stubaier Alpen zum massiven Acherkogel und dem Breiten Grieskogel. Im Norden finden sich die bärigen Schitouren auf den Gleirscher Fernerkogel, den Hohen Seeblaskogel, die Hochtour auf den Schrankogel sowie auf die Ruderhofspitze.

Übersicht über den zweiten Teil der Rundtour, der Aufstieg auf den Hinteren Daunkopf hinter den Felsen versteckt

Gegen Nordost besteht der Blick auf die milderen Tuxer Alpen mit dem Rosenjoch in 41 km Entfernung, das bis spät ins 19. Jhdt. noch einen Gletscher trug und dessen verbliebenes Felsbecken sich bis weit ins Frühjahr zum Figln eignet. Anschließend endet der Blick auf die Tuxer Alpen mit dem Lizumer Reckner, der die Rundschau abschließt.

Abstieg zum Schidepot

Die Abfahrt vom Wintergipfel muß als kurzes Vergnügen eingestuft werden, jedoch mit dem weiten Sulztalferner zu Füßen ein erlebenswertes.

Mit großteils pulvriger Konsistenz fanden wir den steilen Hang vom Schidepot aus vor. Den unteren Teil auf den Gletscher befuhren wir in ziemlich direkter Linie, um dort etwa mittig in seiner Breite anzukommen.

herrliche Hänge vom Windacher Daunkogel

Die flache Abfahrt zur linken Seite des Sulztalferners brachte uns auf die Aufstiegsspur von der Amberger Hütte, die direkt unter unterhalb des Ostgrats der Wilden Leck passiert. Diese schöne Kletterei muß unbedingt eines Sommers ausgeführt werden. Bis dorthin schwebt man förmlich auf der glatten Oberfläche des weiten Ferners dahin, die ohne jegliche Erhebungen wie auf einem windstillen See zu befahren ist. Ein ungewohnt erhebendes Erlebnis.

Abfahrt über den flachen und weiten Sulztalferner

Mittig im Ferner liegt eine Felsinsel, bei der eine steilere Neigung hinab ins Felsgelände beginnt. Sie liegt etwa auf der Ost-/Westlinie mit dem Daunjoch, über das man auch den Sulztalferner erreicht, wenn man mit der Gamsgartenbahn aufsteigt und von dort aus entweder mit der Daunjoch-Sesselbahn gegen das Joch fährt oder über das Kar unterhalb der Bergstation der Sesselbahn aufstiegt. Die Abfahrt über das Daunjoch ist mindestens so steil wie jene von der Daunscharte.

Westflanke Hinterer Daunkopf (spätere Abfahrt) mit Daunjoch

Die nächste Stufe am Sulztalferner hinab bildet den Übergang auf Gletscherzunge und anschließend auf Fels- und Moränengelände. Gefühlt erstreckt es sich über die Hälfte der gesamten Abfahrt am Sulztalferner, der sich über 520 Hm und 2,7 km erstreckt. Diese Abfahrt vergisst nicht gleich, wer sie bewußt mit zwei, drei Pausen zur Naturbeobachtung durchführt.

unterster Hang am Aufstieg zum Hinteren Daunkopf unterhalb des Sulztalferners

Als letzte Geländestufe wartet eine steile Abfahrt in ein sehenswertes Gletscherbecken, in dem angekommen, sich die Vorstellung über die Entstehung richtig entfaltet. Etwa 150 m erheben sich die Felsen mit 60 bis 70° auf das darüberliegende Niveau mit der Gletscherzunge und links und rechts im sich bildenden Trogtal reicht die Oberkante der Seitenmoränen noch gut 100 Hm hinauf.

Abfahrt in die Mulde unterhalb des Sulztalferners

Auf dem so gebildeten Kessel kann man die einstige Mächtigkeit des Sulztalferners eindrücklich nachempfinden. Die Felsen der Geländestufe sind glattgeschliffen und die nordgerichtete Stirnseite im Frühjahr noch mit Eisresten und Firn bedeckt. Ein betörend schöner Auffellplatz.

Wiederauffellen zum 700 Hm Aufstieg

Zum Hinteren Daunkopf müssen 720 Hm bewältigt werden. 720 abwechslungsreiche, in schönster Kulisse gelegene und wirklich sehenswerte Höhenmeter. Der Aufstieg in dem – man könnte sagen „geheimen“ – Kar kann nur empfohlen werden. Geheim für „verborgen“, denn nirgendwo vom Sulztalferner aus kann es eingesehen, ja überhaupt seine Existenz erahnt werden.

schräg rechts nach oben wird aufgestiegen

Für jenen, der sich im westlich liegenden Sulztal auf den Ferner begibt, oder der über diesen ins Sulztal absteigt bietet sich lediglich ein Blick in ein verlassenes Kar, in dem das Mutterberger Joch liegt, die einstige Standardverbindung vom Sulztal ins Stubaital. Links und rechts in der Umrahmung des Kars erspäht ein noch so erfahrener Alpinist einen Ausgang aus dem kleinen Karkessel und doch gibt es einen.

im durchnäßten Firn auf den ersten Hang zum Hinteren Daunkopf

Seit der Zugang zum Mutterberger Joch nach dem Gletscherhochstand in der Mitte des 19. Jhdts., in welchem Zeitabschnitt der mächtige Sulztalferner und der dahinterliegende Große Seeferner durch ihre hohen Eisstände noch einen recht leichten Zustieg zum Joch gewährten, konstant ausgeapert ist und die wilden Flanken des Grats, die das Joch bilden, nicht mehr vom Eisdruck stabilisiert und brüchig wurden, ist seine Bedeutung als Übergang zum Erliegen gekommen.

auf einen flacheren Absatz

Noch im ersten Drittel des 19. Jhdts. diente das Mutterberger Joch als ein hochalpiner Übergang zwischen den Tälern und einem Wiener Kammeramtsbeamten und Naturliebhaber verdanken wir Aufzeichnungen über die Bereisung des Jochs, die der Stubaier Luis Töchterle[4] in phantastisch lebendiger Darstellung in einem Bericht zusammengefaßt hat, der es verdiente, nicht nur in einem Touristenmagazin sein Dasein fristen zu müssen, sondern geschichtswissenschaftliche Erwähnung zu finden.

großartiger Rückblick auf den Sulztalferner und den Windacher Daunkogel

Joseph Kyselak, der Wiener Praktikant der k.k. allgemeinen Hofkammer, eingeordnet als Sonderling, der Dokumentation im Internet nach eher aber ein naturbegeisterter Freigeist, dessen Portrait mach sich in diesem Trailer ansehe, reist mit dem einheimischen Bergführer Lehner aus Längenfeld von dort über das Sulztal zum Mutterberger Joch und über den Mutterberger See ins Stubaital. Dieses von ihm eigenhändig dokumentierte Abenteuer, das er in seinem Buch über seine „Fußreise“ durch Österreich niedergelegt hat, war eben durch den Übergang über das Mutterberger Joch möglich.

das Notfallmaterial hat nach Jahren im Rucksack seine Abnehmer gefunden

Die beiden Studenten Barth und Pfaundler[5] haben es sich im Sommer 1865 zur Aufgabe gemacht, die Orografie der Stubaier Alpen durch umfassende Vermessungsarbeit zu erforschen und der Autor hat anhand ihrer Messergebnisse, die an anderer Stelle auf diesem Blog beschreiben werden, mit heutigen Methoden festgestellt, daß ihre Entfernungsmessung vom Hohen Burgstall zum Gipfel des Zuckerhütls (rd. 21,1 km!) ein um nur weniger als einen Meter falsches Ergebnis zeigt.

Ausschnitt Mutterberger Joch, Karte Barth & Pfaundler 1865

Diese beiden wissenschaftlich arbeitenden Herren haben aufgrund ihrer Vermessungsergebnisse eine Karte der Stubaier Alpen gezeichnet, die den Übergang am Mutterberger Joch zwar etwas stilisiert[6], aber dennoch als eindeutigen Übergang darstellt, exakt 40 Jahre nach Kyselak.

im Kar angekommen

Vom Auffellplatz inmitten des Gletscherkessels nahmen wir den Hang, der, allmählich steiler werdend, unterhalb tischgroßer Felsblöcke an der Moränenoberkante hinaufzieht. Ganz wohl ist einem dabei nicht, wenn auch keinerlei Geräusch von abrutschendem Schotter oberhalb vom Bröckeln der wenig verkitteten Schubmasse des Ferners zeugte. Die Stellen sind glücklicherweise nur kurz und spärlich und auf dem Hang sind keine abgerutschten Findlinge zu sehen.

Eintritt in das hochgelegene Kar

Nach ein paar Minuten ständiger Beobachtung auf die vermutete Bedrohung oberhalb erreichten wir die Karmündung, in der die Moräne unterbrochen ist und eine breite Mulde maßvoll steil in das Karbecken hinaufzieht. Mit der mittäglichen Erwärmung stieg an dem herrlichen Tag auch die Schmelze des Firns, was zur Folge hatte, daß noch im steilen Quergang Stefans Felle versagten und kurz darauf auch Hillis‘.

durch schönstes Gelände auf die hintere Felsmauer zu; Hintergrund: Wilde und Zahme Leck sowie Kuhscheibe

Selbstverständlich führt der Erfahrene Hilfsmittel mit sich, in solchen Situationen nicht in Not zu geraten. Von der Abfahrt zur Gletscherbahn waren wir noch durch eine Gratkette getrennt und der Restaufstieg betrug immer noch 600 Hm.

türkise Lacke in der letzten Mulde unterhalb des Mutterberger Jochs

Also packt man seine Notfallausrüstung aus und hilft den Kollegen dermaßen gediegen, daß man auf die eigene Lage völlig vergisst. Mit je drei Kabelbindern konnten die schlappen Felle der Kollegen stabilisiert werden und weiter ging die Reise ins Kar.

voller Erwartung auf die hinterste rechte Ecke zugesteuert

Während der Wanderung im Kar kann die mächtige Felsenfront, auf die zugehalten wird, nach dem Mutterberger Joch abgesucht werden, das man in er linken oberen Ecke der Felsumrahmung auch leicht findet, seine Lage aber als keineswegs komfortabel zur Überquerung in die Kastäler beurteilen muß.

die Aussichten werden immer schöner;

Nun, bei entsprechender Vergletscherung, die sich vor knapp 200 Jahren mit Sicherheit bis knapp unterhalb des Jochübergangs erstreckt haben dürfte, könnte es mit dem damaligen Schuhwerk halbwegs machbar gewesen sein, sie sicher zu besteigen. Allein Steigeisen waren noch nicht erfunden.

ein paar Minuten im Aufstieg später öffnet sich der Blick auf das schmale Kar Richtung Südwesten

Im abwechslungsreichen Kar schafft die Sonneneinstrahlung im beginnenden Mai bereits ein eigenes erhitztes Klima, das uns ordentlich ins Schwitzen brachte und die zunehmende Steigung auf die von links und rechts einfallenden Hänge die Geschwindigkeit drosselte. Dennoch muß festgehalten werden, daß dieser Aufstieg von der Natur sehr nett ausgebildet wurde und zur Freude über das Gelände gereicht.

anregender Aufstieg unterhalb des Grates zwischen Hinterem Daunkopf und Nördlichem Daunkogel

Im Rückblick findet sich ein beeindruckender Reigen von schönen Berggestalten wieder. Wilde und Zahme Leck, Kuhscheibe und Wannenkogel, verbunden mit moderat abfallenden Gratgirlanden, deren Begehung es dennoch in sich haben dürfte. Die Begehung des Sulztalgrates schwirrt auch schon lange im Kopf umher, sodaß dieser schöne Anblick ein Teilaufschluß über seine Ausprägung zugleich ist. Voraus im Kar blickt man auf die rundliche Kuppe des Daunkogels, der im Rückblick von weiter oben nur kogelhafte Form in Nord-/Südrichtung besitzt, in Ost-/Westrichtung mit steilen Wänden abfällt – eine Graterhebung nur knapp 70 m höher als das Mutterberger Joch.

Im Rückblick der Breite Grieskogel in 11 km Entfernung

Langsam tauchten wegen der sich einfach nicht abzeichnen wollenden Kehre zum verborgenen Kar Zweifel auf, ob wir denn im richtigen Kar gelandet sind. Eine Schlappe für den Autor, der genau plant und weiß, daß es kein anders Kar gibt, das am hinteren Ende in ein anders Kar übergeht. Der überflüssige Blick auf die Karte bestätigt, was das Auge nicht zu erkennen vermochte, die Kehre stand kurz vor dem Eingang, zu dem uns noch ein steiles Stück nach einem netten Gletschersee zur Linken fehlte. Die Schnittlinie des vom Firn weiß getünchten Hangs rechts herab mit der Felsmauer in Gehrichtung verriet dann bei näherer Betrachtung, daß zwischen beiden eine Furche mit einer bestimmten Tiefe sein muß.

neue Geländeformen öffnen sich im Aufstieg zum Hinteren Daunkopf

Als schmaler Eingang in eine andere Landschaft entpuppte sich dann der rechte, hinterste Hang, nach einer knappen 90 ° Kurve die Sicht auf das nachfolgende Kar freigibt. Die Engstelle der Kurve muß dabei auch in Serpentinen aufgestiegen werden, da die Steigung durchgehend mindestens 20 °, teilweise bis 30 ° beträgt.

schönste Hänge im unbenannten Kar zum Hinteren Daunkopf

Mit imposanter Wand von der Gratmauer des Nördlichen Daunkogels herab, betraten wir das neue unbekannte Gelände, das sofort als sympathische Landschaft wahrgenommen wird. Ein nach oben sich verbreiterndes Couloir mit der Vorstellung, daß es oben mit schönsten Blicken in den Osten und Westen auslaufen würde. Im aufgeweichten Firn rutschte des Autors Talschi just nach einer Spitzkehre vom Fell. Es war also nun bei einem selbst so weit, daß Kabelbinder her hätten müssen.

Rückblick mit Mutterberger Seespitze und Östliche Schwarzenbergspitze

Was tun, wenn keine mehr vorhanden sind. Im Notfall, so die Idee beim vorsichtigen Weitersteigen, bei dem jeder Schritt behutsam gesetzt werden mußte, müßte halt eine Reepschnur daran glauben, zerstückelt zu werden. Nun ist der Aufstieg im Kar relativ geradlinig, womit keine Scherkraft auf den Boden zu bringen ist, so wie bei der Spitzkehre. Mit bedachtem Schritt konnte die weiche Strecke aufgestiegen werden, stets die Klammer am hinteren Ende der Schi als einziger Halt, die Felle nicht zu verlieren.

Gesteinsänderung am Grat – grauer Granitgneis schiebt sich in den Schiefergneis

Ein Tanz auf rohen Eiern, der erst weiter oben in trockenerem Schnee sein Ende fand. Bei steilen Querungen wären nicht haftende Felle das Aus für den Aufstieg, der in diesem Fall für den Rückzug notwendig war und durchgeführt werden mußte. Insofern ein Lehrstück mit seinen Kabelbindern sparsam umzugehen und sich selbst nicht zu vergessen.

und zieht weit zum Gipfel hinauf

Auch diesem Kar mangelte es nicht an Abwechslung von Mulden, Kuppen und interessanter Szenen. Zuerst hat man es mit den bräunlichen, schroffen Schiefergneiswänden am Grat zur Linken zu tun, später bemerkt man die Farbänderung des Grates anhand des markanten Einschubs auf grau, die der Gesteinsänderung auf Granitgneis entspricht, bevor wieder Schiefergneis vorherrscht.

Gipfelaufbau des Hinteren Daunkopfs

Nach einer Flachstelle des kleinen Gletschers, der sich in diesem Kar gehalten hat, steigt der Schlußhang zum Gipfelaufbau des Hinteren Daunkopfs nochmals steiler werdend auf. Die Spur führt dort nahe an den Felsabbruch, der sich vom Beginn der Gipfelkuppe ins Kar hinab erstreckt.

mit zunehmender Höhe taucht der mächtige Schrankogel hinter dem Bockkogel auf, rechts Mutterberger Seespitze

An dieser Felswand kann im Aufstieg die Ausprägung des Schiefgneises eindrucksvoll studiert werden. Oberhalb dieser wird das Gipfelkreuz sichtbar, zu dem ein freier Hang mit besten Ausblicken zur absolvierten Strecke besteht.

letzte Stufe im Kar über den Gratabbruch zum Gipfel des Hinteren Daunkopfs

Vom Gipfelkreuz des Hinteren Daunkopfs besteht ein wunderbarer Blick auf die Alpeiner Berge im Nordosten, die ihn zwar um mindestens 200 Hm überragen, jedoch vom Abstand her eine flache Sicht zulassen. Schrankogel, Schrandele, die Wildgratspitzen, Mutterberger Seespitze, die Schwarzenbergspitzen sowie die Ruderhofspitze bilden ein Nest von gediegenen Dreitausendern mit dem Schrankogel als den Höchsten mit 3.497 m, gefolgt von der Ruderhofspitze mit 3.474 m.

oberhalb des Kars schönste Aussichten über den weiten Sulztalferner mit Windacher Daunkogel

Durch das Stubaital im Osten hinaus, vorbei am Habicht besteht der Blick zu den Zillertaler Alpen mit Olperer, Fußstein, Schrammacher, Großer Löffler, Schwarzenstein, Kraxentrager, Dritte Hornspitze, Großer Möseler sowie Hochferner und Hochfeiler.

Hinterer Daunkopf, 3.225 m

Im Südosten trifft der Blick auf die beiden Feuersteine, den Wilden Freiger, Wilden Pfaff, das Zuckerhütl und die Stubaier Wildspitze.

die drei ganz hohen, Wilder Freiger, Wilder Pfaff und Zuckerhütl, rechts Schaufelspitze

Die Abfahrt vom Hinteren Daunkopf unternahmen wir über die westliche Flanke ins Daunjoch, einem steilen Hang, der durchgehend befahrbar war und an der Flachstelle ansetzt, bei der wir aus dem Kar aufgestiegen sind. Dieser Hang führt bequem auf den Sattel oberhalb des Daunjochs.

Kaunergrat mit Watzespitze, Rofelewand und Gsallkopf im Zoom

Über die Schiabfahrt des Daunjoch-Sesselliftes kommt man bei geschickter Wahl der Route ohne Anschieben zurück zur Gamsgartenbahn und hinab zur Mittelstation Fernau, von wo wir leider die Gondelbahn nehmen mußten, weil der Weg von der Talstation bereits geräumt war.

vor der steilen Abfahrt über die Westflanke

In 6:30 Stunden konnten wir die 1.100 Hm Aufstieg, Zwischenabfahrten, Pausen und die Abfahrt zur Mittelstation Fernau absolvieren.

Ende der Runde im Schigebiet; mittig im Bild die Daunscharte, bei der das Abenteuer begonnen hat

Die gesamte Abfahrt erstreckt sich dabei über 1.900 Hm und die Runde hat eine Länge von 14 km. Empfehlenswert ist vor allem der Wiederaufstieg auf den Hinteren Daunkopf, ein landschaftlich phantastischer.

Mils, 02.06.2026

[1] Karl Finsterwalder, Bergnamenkunde zwischen Enns und Rhein. Zur Denkweise des Volkes in seiner Namensgebung, in: Hermann M. Ölberg/Karl Finsterwalder (Hrsg.), Tiroler Ortsnamenkunde. Gesammelte Aufsätze und Arbeiten. (Schlern-Schriften, Bd. 285) Innsbruck 1990, 327.

[2] Judith Jambor, Die Bergnamen Tirols. Herkunft und Bedeutung. (Veröffentlichungen des Tiroler Landesarchivs, Band 2). 1. Aufl. Innsbruck 2025b, 214.

[3] Judith Jambor, Die Bergnamen Tirols. Herkunft und Bedeutung. (Veröffentlichungen des Tiroler Landesarchivs, Band 2). 1. Aufl. Innsbruck 2025a, 215.

[4] Luis Töchterle, 1825 ÜBERS JOCH!, in: RegionalMedien Tirol GmbH (Hrsg.), STUBAI magazin. Das offizielle Gästemagazin für das Stubaital. Innsbruck, 28–34.

[5] L. Barth/L. Pfaundler, Die Stubaier Gebirgsgruppe: Hypsometrisch und orografisch bearbeitet. Innsbruck 1865.

[6] Sie haben mit Sicherheit nicht falsche Messergebnisse produziert sondern sich in der Nachbearbeitung am Schreibtisch in der Zuordnung der Bergnamen geirrt, wenn sie der „Hochspitze“ mit 10.591‘ = 3.347 m (es kann sich dabei nur um die 3.360 m hohe Wilde Leck handeln) eine falsche Position zuordnen, die eher dort sein sollte wo sie im Kartenausschnitt den „Grieskogel“ verorten und sich in der Natur die im Kartenwerk nicht verzeichneten Wütenkarspitzen befinden. Hier haben sich höchstwahrscheinlich durch die lange Kette der Vermessungen Positionsfehler eingeschlichen, mit Sicherheit aber auch Benennungsfehler. Letzteres dürfte auf die Kenntnisse über die Bergnamen des Volkes, v. a. der Führer im unbekannten -> vgl. „Daun“-Gebiet zurückzuführen sein, die den Studenten die Bergnamen angegeben hat.
Möglicherweise ist auch die dargestellte Wildkarspitze (10.654‘ = 3.367 m) mit der Wilden Leck verwechselt worden. Ihre Position, mitten im Gletscher gezeichnet, die diese Höhe haben müßte, ist völlig unrealistisch. Dieser Fehler könnte auch bedeuten, daß aufgrund dieser Karte die Wildkarspitze, auf der heute die Hochstubaihütte steht und die kaum einen Gipfel darstellt, zu ihrer Ehre gekommen ist.

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