Archiv des Autors: Rainer

Hochplattig – Überschreitung, 2.768 m

Die höchsten beiden Gipfel in der Mieminger Kette verbindet ein toller leichter Grat mit einigen schönen Kletterpassagen der sich, nach dem Mittelgipfel des Hochplattig, noch etwas schärfer gegen den Hochplattig Ostgipfel hin entwickelt. Nach einem bereits rassigen Aufstieg auf den Westgipfel entdeckt man auf der gut 800 m langen Gratbegehung phantastische Passagen in mäßig schwierigem Fels. Der zeitliche Bedarf der Rundtour wird bereits im Aufstieg klar – im Sommer, bei erwarteter Gewittertätigkeit, soll dies nicht unterschätzt werden.

Rückblick auf den Hochplattig Westgipfel

Der Zug der Hochplattig Berge innerhalb der Mieminger Kette findet sich im Internet geologisch wenig beschrieben. Mit Ausnahme der an ihrem Ostfuß angelehnten Judenköpfe und dem westlich davon entstandenen Erosionsgebiet der „Jude“, findet man wenig, bisweilen vorwiegend Literatur über die Tektonik, nicht aber über die Geologie dieses Teiles in der Kette. Für den Geologen interessant sind der Westteil und der nordwestliche, wannenförmige Teil des Mieminger Gebirges, sowohl tektonisch als auch lithologisch.

schärferer Gratabschnitt Richtung Ostgipfel

Über das beeindruckend auffällige Gebiet der Jude, das den Begeher am oberen Teil des Steigs zum Gachen Blick mehr und mehr zu faszinieren beginnt, können einige kurze Beschreibungen im Netz gefunden werden, die sich am Ende dieses Berichtes zitiert finden.

schönes Gipfelkreuz am Gachen Blick

Unter den alten frei zugänglichen geologischen Arbeiten großer Wissenschaftler befindet sich eine junge, sehr interessante Diplomarbeit über den Bergsturz am Stöttelbach1 eines Geowissenschaftlers, die als Nebenerwähnung zwar nur grundsätzlich erklärend, aber dennoch, die brennende Frage enthüllt, woher die Begriffe im Zusammenhang mit dem Wort „Jude“ stammen. Nach seinen Recherchen entstammt dieser in der heutigen Form veränderte Ausdruck dem Althochdeutschen Wort „Jutta“ der so viel wie Milch bedeutet. Die Herleitung des Zusammenhangs erklärt er mit der milchigen Farbe des Judenbaches nach Niederschlagsereignissen.

Aussicht auf den Anstieg zum Westgipfel des Hochplattig

Die Arbeit zu lesen möchte der Autor unbedingt empfehlen, sie befaßt sich in sehr interessanter Weise mit dem Entstehen des unteren Teils des Aufstiegsgeländes zum Gachen Blick, dem Teil bis auf den Henneberg, sie gibt einen groben geologischen Überblick über die Südhänge der Mieminger Berge und sie enthüllt weitere Flurnamen.

beeindruckende Judenbachschlucht

Das Gebiet der Jude und der Judenköpfe wird geologisch von Ampferer2,3 beschrieben und bietet eine Handzeichnung mit der Gesteinsbestimmung im Vertikalschnitt, die der geologisch interessierte Bergsteiger auch sofort an Form und Farbe im Aufstieg erkennen kann.

die Gehängebreccie am Judenkopf in der rechten Bildhälfte sichtbar

Als sehr interessantes Detail in diesem Gebiet sollten die glazial entstandenen Gehängebreccien beschrieben werden, die – als beachtliche Seltenheit – Kornanateile aus dem Kristallin besitzen. Sie sind auf den Judenköpfen zu finden und im Abstieg vom östlichen Gipfel des Hochplattig auf der beginnenden Flanke oberhalb der Schluchtkante zu sehen – eine Lageskizze liefert Wehrli4.

 

blick in die wilde Judenschlucht

Die Flurbezeichnung „Schwz-Schiefer“ in der AV-Karte ist auf die auffälligen schwarzen Mergelschieferschichten in der Judenbachschlucht zurückzuführen, die man am Weg durch die Rauhwacke und Raibler Schichten vom Gachen Blick zum Wettersteinkalkmassiv der Kette zur Rechten zu Gesicht bekommt.

 

Simon am Wegkreuz Gachen Blick

Eine Vertikalschnittabfolge durch die Mieminger Kette als Übersicht findet man bei Becke4. Leider sind die unteren Flankenteile darauf nicht mehr zu sehen, nur der ab dem Oberplattig vorherrschende Wettersteinkalk.

 

Rückblick auf den Gachen Blick

Mit der eindrucksvollen oberen Abbruchkante der Judenbachschlucht endet der erdgeschichtlich interessante Teil des Aufstiegs. Der ab dieser Höhenstufe vorherrschende Wettersteinkalk der östlichen Mieminger Kette kann als recht fester Fels mit mehr oder weniger großen Verwitterungsflächen mit der typisch ockerbraunen Farbe beschrieben werden, die auch am Grat auftreten, nicht aber solche Ausmaße erreichen wie beispielsweise am Grat zwischen Gamskar- und Brantlspitze in der Roßlochumrahmung des Karwendels.

 

an der Latschenobergrenze und am Steigende angelangt

Der Aufstieg zum Gachen Blick wird hier nicht beschrieben, da er einen normalen Steig darstellt, der in etwa zwei Stunden zum Gipfelkreuz einer der hauptdolomitisch gebauten Vorberge der Mieminger Kette führt. Von unserem Start beim Waldschwimmbad (900 m) in Obermieming benötigten wir knapp zwei Stunden bis zum Hochpunkt auf 1.909 m.

 

in Bildmitte die schwarzen Mergelschieferschichten

Jenseits des Hochpunktes folgen etwa 30 m Abstieg zur Verbindungsscharte zum Massiv. Ab dem Tiefpunkt führt westlich ein schwach sichtbarer neuer Steig durch die Latschen nach oben, östlich brechen die Schutthänge in die Judenbachschlucht ab und haben den alten Steig bereits ungangbar gemacht, bzw. ist die Begehung über ein paar Minuten nur auf wenig einladenden erdigen und geneigten Spuren möglich – bei Feuchtigkeit ober Nässe ungangbar.

 

weglos über Schrofen hinauf

Sobald die Schluchtkante überschritten wurde steigt das Gelände in steilen, schrofendurchzogenen Bergwiesen gegen die Felswände des Hochplattigzuges.

 

am Schluchtriss angelangt

Man strebt einem deutlich sichtbaren schrägen Riss zu, der nordwestlich hinaufzieht. Er hat seinen Beginn unterhalb der Albeleköpfen und zieht beeindruckend weit nach oben zum Grat.

 

schneegefüllter Riss

Bei unserer Begehung Ende Juli befand er sich aufgrund seiner Lage und Tiefe im unteren und Mittelteil noch immer schneegefüllt und aufgrund der beachtlichen Höhe des fast schon zu Eis umgewandelten Firns erweckt der Anblick den Anschein, als würden die tiefsten Stellen über den Sommer nie ganz aper ausschmelzen.

 

im Mittelteil des unteren Aufstiegsteils, rechts neben dem Riss

Auf der rechten Kante des Risses beginnt auf etwa 2.350 m die leichte Kletterei auf gut griffigem und festem Fels. Über schräge Rinnen und Platten wird rasch an Höhe gewonnen, bis weit hinauf stets rechts der Verschneidung, im Mittelteil des unteren Teils noch eine Rippe weiter rechts (östlich) der Verschneidung.

 

unterhalb der Platte nach rechts gequert

Im mittleren Teil des oberen Aufstiegsteils näherten wir uns dem langen Riss wieder, der weiter oben sichtbar auf eine Gabelung hin ausläuft.

 

schöne Aufstiegspassagen mittig im unteren Teil

Eine freistehende, etwas über das Gelände hinausgehobene Rippe leitet in leichter Kletterei auf die Gabelung hin.

Gratrippe

An der Verzweigung ragen die Wände einer gelblichen Felskopfgruppe hoch auf und der rechte Teil der hinauf führenden Rinne erscheint wenig einladend.

Ende der Gratrippe

Das Gelände links ist nicht einsehbar weshalb wir zur Einschätzung über den oberen Rand des Schneefeldes querten und den weiteren Anstieg fanden.

am Ende des unteren Teils, hier Gabelung – weiter nach links

Eine völlig andere Geländeform fanden wir nach einigen Minuten Aufstieg nach der Querung vor. Das Gelände bestand, soweit sichtbar, aus breitem Plattengelände ohne signifikante Erhebungen, mit einförmiger Steigung gerichtet, eine typische Rutschfläche.

Rückblick auf das Plattengelände

Zum Grat hin stieg die Neigung der Felsfläche nochmals etwas an, bevor sie an der Überleitung zum Grat wieder abflachte und über Bänder bequem die Grathöhe erreicht wird.

herrliche Passagen im Plattengelände

Von der Grathöhe westwärts erreichten wir in wenigen Minuten den Westgipfel des Hochplattig, mit dem einzig intakten Gipfelkreuz der drei Haupterhebungen. Den Aufstieg zum Westgipfel bewältigten wir somit in knapp über 4 Stunden.

Simon auf der Grathöhe zum Westgipfel des Hochplattig

Trotz des nicht recht gnädigen Wetters konnten wir uns am Ausblick nach Norden erfreuen, wo die imposanten Erhebungen des westlichen Wettersteinkammes aufragen. Leider die Gipfel alle im Nebel.

Simon am Westgipfel des Hochplattig, 2.749 m

Im Westen bot ein Sonnenfenster Sicht auf die Ehrwalder Sonnenspitze mit den nahen Gipfeln der Gartner Wand und des Grubigsteins der Lechtaler Alpen im Hintergrund, im Vordergrund der Tajakopf

Blick auf die sonnenbeschienene Ehrwalder Sonnenspitze, dahinter die Lechtaler Alpen

Im Nordwesten reicht der Blick über den das Talbecken von Ehrwald einfassenden Daniel, dem höchsten Gipfel der Ammergauer Alpen und knapp rechts daneben auf den imposanten Säuling, im Norden besticht der umkehrende Zug der höchsten Wettersteinberge mit dem höchsten Gipfel, der Zugspitze.

Ehrwalder Becken mit Daniel dahinter

Im Norden hat man einen guten Blick auf einen der Übergänge im Wetterstein, dem Gatterl, das eine Einsattelung im Hauptkammm darstellt.

Wettersteinkette im Norden gegenüber, im Vordergrund der Breitenkopf, 2.469 m

Nur sehr kurz gab uns der von Süden ständig neu heraufziehende, hartnäckige Nebel die Einsicht auf unsere Gratüberschreitung frei, die wir nach etwa zwanzig Minuten Gipfelpause in Angriff nahmen.

Blick auf die Überschreitung zum Hauptgipfel des Hochplattig

Auf der jenseitigen Gratstrecke vom Aufstieg beginnt der Grat zunächst mit einem höheren Aufstieg und einem tieferen Abstieg zu einem Schärtchen hinter dem ersten Kopf, bevor ein weiterer hoher Kopf erklommen werden muß.

Abstieg hinter dem ersten Gratkopf

Nach den ersten beiden abgerundeten Erhebungen geht das Auf und Ab mit weniger Höhenunterschied weiter, teils in Gehgelände, teils mit zu überkletternden Stufen.
Eine Gratbiegung ermöglicht einen weiten Blick auf die Hochwand im Osten.

zweiter Gratkopf

Kurz danach folgt eine nicht abkletterbare Stelle die südlich zu umgehen ist, die in eine scharfe Scharte mit dem ockerfarbenen Verwitterungsmaterial abfällt von der es jenseits im Klettermodus steil nach oben weitergeht.

Simon im schmalen Schärtchen

Anschließend wird die Überschreitung wieder leichter wobei die nach Süden einfallenden Platten der Überschiebungsschuppe interessante Gratformen ausgebildet hat, die überklettert werden müssen. Die Girlandenform des Gates bietet dabei Einsichten in die dunkle Nordseite.

tolle Köpfe zu überklettern, immer in leichtem bis mäßig schwierigem Fels

Kurz vor dem Hochplattig-Mittelgipfel schlängelt sich der Gratbegehr durch ein paar nette Gratköpfchen hindurch, bevor ein Abstieg auf einer glatten Platte erfolgt, der in eine schauerliche schmale Schlucht in die Nordwand abfällt.

Rückblick auf die Gratgirlande mit dem Autor, im Hintergrund der ferne Westgipfel

Die Platte wird am Saum zum darüberliegenden Felskopf gequert, um wieder auf die Gratkante zu gelangen. Diese und der darauffolgende Abstieg leiten auf das letzte Stück zum höchsten Kopf des Hochplattig über, auf den Mittelgipfel mit der größten Höhe von 2.768 m. Dieser wird in ein paar Minuten über nur mehr wenig gestuftes Gratgelände erreicht.

Abstieg zu den Grattürmchen

Schade, daß das Gipfelkreuz zusammengebrochen beim Steinmann liegt, nachdem es offensichtlich schon vorher geflickt werden mußte.

die plattige Stelle wird direkt unter dem aufgesetzten Kopf auf den Grat hinausgequert

Wir haben uns nicht ins Gipfelbuch eingetragen, aber trotz fehlender Sicht wegen des Nebels ein paar Minuten pausiert.

Hochplattig Mittelgipfel 2.768 m mit zerstörtem Gipfelkreuz

In Richtung Ostgipfel des Hochplattig, 2.698 m spitzt sich der erste Gratabschnitt zu und wird etwas schärfer. Beste leichte Kletterpassagen folgen auf die Gehstrecke, die, beginnend am Mittelgipfel den zweiten, kürzeren Teil der Überschreitung einleitet.

Rückblick auf den Westgipfel

Die Strecke fällt nun mehr als sie steigt, es gilt auf gut 350 m Horizontalentfernung 70 m abzusteigen.

Gratabschnitt zum Hochplattig Ostgipfel, Blickrichtung zum Hauptgipfel

Durch eine bärige Abfolge von Köpfchen zu beiden Seiten hindurch trifft man auf eine tiefere Abkletterpassage, von der die Signalstange des Ostgipfels bereits sichtbar ist.

wieder durch Köpfchen und Türmchen hindurch

Am Weg dorthin folgt ein Gratstück mit kleinstückigerem Fels, auch etwas brüchiger.

bereits am Abstieg mit sichtbarer Signalstange am Ostgipfel des Hochplattig

Ein letzter steiler Abstieg mit vielleicht den interessantesten Kletterstellen der gesamten Überschreitung folgt vor der letzten Scharte, die auf das Gipfelköpfchen führt.

letzter interessanter Abstieg zum Ostgipfel

Für den Übergang von West- zum Ostgipfel wurden 1:20 Stunden benötigt.

der rassigste Abstieg vor dem Ostgipfel

Leider kann die Überschreitung nicht auf dem gesamten Verlauf eingesehen werden, da der Ostgipfel, sowie der Westgipfel verdeckt vom abwärts geneigten Grat liegt und wir hatten auch nicht das Glück den Gratverlauf bis zum Alplscharte einsehen zu können.

Simon in der Trennscharte zum Ostgipfel des Hochplattig

Beim Abstieg ins Oberplattig ist man auch bei Nebel gut aufgehoben, denn die markante Felsverschneidung im Osten leitet optisch gut über die schuttbedeckte Flanke hinab, die mit verminderter Geschwindigkeit begangen werden muß, will man nicht am steilen Schutt dahin rollen und ausrutschen.

Hochplattig Ostgipfel, 2.698 m

Die Bänder im oberen Bereich werden mit zunehmender Tiefe weniger, dafür steigen kurze Reisen in ihrer Länge an, sodaß darauf abgefahren werden kann. In Summe jedoch ist der Schrägabstieg ins Oberplattig, bzw. zum Schluchtrand mühsam, wie Hangquerungen in Schuttgelände es so an sich haben.

Blick zur Hochwand, leider der Grat zur Alplscharte nicht einsehbar

Wir sind direkt unter dem Ostgipfel in südwestlicher Richtung abgestiegen, um eine direkte Linie zum Steig auf den Gachen Blick zu gelangen.

langer querender Abstieg zum Gachen Blick

Den Abstieg von Ostgipfel bis zum Ausgangspunkt beim Waldschwimmbad darf man zeitmäßig nicht unterschätzen, wir benötigten mit sehr schnellem Schritt dafür 2:30 Stunden.

Judenkopf mit aufgesetzter Gehängebreccie von Bildmitte nach links steigend (hinter dem Nebel kaum erkennbar)

Bis zum Schluß der tollen Runde wollte der Nebel die Gipfel nicht freigeben.

Rückblick vom Gachen Blick auf den Hochplattigzug; verfallender Steig im Vordergrund, der links in den Latschen umgangen wird

Die letzten Eindrücke im Rückblick von der Moosalm aus blieben leider auch mit Nebel behaftet.

Ansicht des Hochplattig von der Moosalm

Die Rundtour führt auf eine Strecke von etwa 17 km über rund 2.000 Hm (Anzeige Bergsteigeruhr 1.945m, jedoch mit Genauigkeit +/-5m pro Höhenänderung) Anstieg und Abstieg, gesamt – mit allen Pausen (gesamt 45min auf den Gipfeln) – haben wir 8:30 Stunden benötigt. Die reine Gehzeit liegt etwa bei 7:45Stunden.

Mils, 25.07.2020

1 Westreicher, 2019: DER BERGSTURZ AM STÖTTLBACH; Diplomarbeit, Institut für Geographie Fakultät für Geo- und Atmosphärenwissenschaften Universität Innsbruck
1.3.9 Flurnamen
6.3.3 Erklärung des Wortstammes „Jude“

2 Ampferer, 1905: Geologische Beschreibung des Seefelder, Mieminger und südlichen Wettersteingebirges
(Seite 60 – 62, Fig. 20.)

3 Ampferer, 1924: Erläuterungen Zur Geologischen Spezial- Karte der Republik Österreich Blatt; Zirl-Nassereith
Beschreibung Gehängebreccien, Seite 36, 37

4 Wehrli, 1927: Monographie der interglazialen Ablagerungen im Bereich der nördlichen Ostalpen zwischen Rhein und Salzach
Skizze der Lage der von Ampferer beschriebenen Gehängebreccien oberhalb der Judenbachschlucht auf den isolierten Felskämmen bei 1.972 m und 2.194 m, Fig. 1, Seite 366

5 Becke, 1983: Zur Geologie des Mieminger Gebirges
Beilage 3 (Seite 27)

 

Tiefkarspitze Nordwestgrat, 2.430m

Die östliche Einfassung des Dammkars wird von dem eigenartigen Vorsprung des Predigtstuhls mit dem darüberliegenden Nordwestgrat zur Tiefkarspitze gebildet, die als mächtiger, formschöner Felsgipfel die höchste Erhebung in der Nördlichen Karwendelkette von Westen her darstellt, bis sie vom Wörner im Osten abgelöst wird.

phantastischer Ausblick auf die Dammkarumrahmung am Nordwestgrat zur Tiefkarspitze; am linken Bildrand geht es weiter

Die Tiefkarspitze sitzt auf einem massiven Fundament aus Wettersteinkalk, auf dem ein wenig mächtiger Absatz von Reichenhaller Schichten des Predigtstuhls gesetzt wurde. Über dieser thront eine mächtige Schicht senkrecht aufragenden alpinen Muschelkalks, der die Schlüsselstelle und die schönsten Kletterpassagen am anregenden Gratanstieg bietet, bevor wieder Wettersteinfels den restlichen Aufbau bildet.

Gipfelkreuz Tiefkarspitze

Das mittlere Drittel des schönen Nordwestgrates wird von brüchigem und verwittertem unteren Wettersteinkalk gebildet, der sich durch mangelnde Verbandsfestigkeit, daher hoher Brüchigkeit und durch Türmchenbildung hervorhebt. Störzonen sind häufig vorhanden. Im oberen Gipfeldrittel – es mag auch etwas weniger als ein Drittel sein – herrscht dann oberer Wettersteinkalk vor weshalb die abschließenden Passagen zum Gipfelkreuz wieder angenehmer zu klettern sind.

am Weg durch die Loach wird zwischen den Wipfeln die Tiefkarspitze sichtbar

Immer bestrebt eine schöne Runde zu gestalten, erfolgte der Abstieg über den südwestlichen Vorgipfel zum Verbindungsgrat zur Larchetfleckspitze, die südwestlich gelegen, ein leichtes Ziel von der Tiefkarspitze aus darstellt.

am „Bankerl“, etwa 300Hm unterhalb der Dammkarhütte

Der Abstieg durch den Nordhang des Verbindungsgrates ist zwar bergsteigerisch nicht schwer, hat jedoch einiges an Brüchigkeit und Steilheit in sich, das die Abstiegsgeschwindigkeit bremst, sodaß man gut daran tut ihn zeitmäßig nicht zu unterschätzen, unternimmt man die Tour an jenen zahlreichen Sommertagen, an denen es am Nachmittag gewitterig werden kann. Bei gutem Wetter und Helligkeit – wie in unserem Fall – gewinnt man dem Abstieg karwendelige Rasse ab und empfindet ihn als erregendes   Abschlusserlebnis der Überschreitung.

unterhalb der Seilbahntrasse am Steig zur Dammkarhütte

Im Nebel allerdings verfällt dieser Abstieg bei Unkenntnis der Route mit Sicherheit und unweigerlich in ernsthafte Orientierungsschwierigkeiten. Sichtbare Markierungen sind eher spärlich und immer verblichen anzutreffen, eine Sichtweite von mindestens 50 m ist zu deren Erkennung unbedingt erforderlich. Bei widrigen Bedingungen könnte dies nicht nur, sondern würde zum Versteigen führen.

der mächtige Aufbau des Predigtstuhls

Ausgangspunkt der Tour aus Süden kommend ist der kleine Parkplatz Raineck an der Ausfahrt der B2 mit der Bezeichnung Alpenkorpsstraße, vor der Unterführung zur Karwendelbahn in Mittenwald. Von dort wird auf dem Schotterweg zur Dammkarhütte angestiegen und eventuell sogar schöner, aber zu spät erkundet, über den Ochsenbodensteig. Über letzteren mit vielleicht etwa 150 m Höhenverlust, dafür aber mit atemberaubenden Blicken auf die gewaltigen Wände von Viererspitze und Kreuzwand zur Rechten. Knapp oberhalb vom „Bankerl“ treffen die beiden Anstiegsvarianten zusammen und ein gemeinsamer Anstieg führt zur Dammkarhütte.

Blick ins Vordere Dammkar

Am Anstieg bis zur Dammkarhütte folgt man zunächst dem typischen Karwendel Mischwald, mit schönen Blicken auf den vorgelagerten Rücken der Soierngruppe, den Schwarzkopf zur Linken und den mächtigen Wänden von Wettersteinkalk zur Rechten.
Nach dem Bankerl wird bald die Waldgrenze erreicht bevor die wiederum typische Karwendelvegetation aus Latschen und mittelhohen Sträuchern auch die Baumgrenze ablöst. Während des Aufstiegs dominiert linkerhand der von unten rund und mächtige Stock des Predigtstuhls die Szene.

sonniger Augustmorgen im Werdenfelser Land, dahinter das Estergebirge

Aber auch rechts des Steigs kommt man ob des westlichen Gegenstücks zum Predigtstuhl ins Staunen. Mit noch schrofferer Steilwand ragt die Viererspitze um einiges höher auf und in der Beleuchtung des Sommermorgens blenden seine hellgrau weißlichen Flanken den Eindringling in das Reich des Dammkars, das von beiden flankierenden Felsgiganten heute noch mindestens so gut geborgen wird wie einst Rhodos vom verblichenen Koloss.

rechts hinter dem schönen Christus die Reisenanstiege zum Predigtstuhl

Da Träumen am Anstieg zu einer Kletterei immer den Geist verklärt und die Sinne entschärft, muß in der schrägen Welt des dritten Jahrtausends eine ordentliche Watsche her, um den Autor aufzuwecken. Sie läßt nicht lange auf sich warten und findet vor dem verträumten Bergsteiger ihre Ausführung im schroffen Ton der Hüttenwirtin, die dem blutig unwissenden Ausländer, der von über dem Berg herkommt, erklärt, daß selbst ein Mineralwasser  ohne Maske von Amts wegen nicht verabreicht werden darf und Punkt!

Blick ins Hintere Dammkar – markant, der Übergang vom Muschelkalk zum Wettersteinkalk über den grünen Bändern

Ohne diesen Tourenbericht mit Details darüber zu belasten sei hier nur kurz erwähnt, daß selbst ohne weitere Zeugen – nicht einmal die Hauskatze war zugegen -, nach dem Fehlen einer Maske, durch empfohlenes Umbinden der Windstopperjacke um das Konterfei des Autors, dem Begehr desselben nachgekommen wurde und „a halbe Mineral“ den Behälter wechselte. Also, liebes Landratsamt, für die Hüttenwirtin der Dammkarhütte legt der Autor dieses Berichtes beide Hände ins Feuer, so wahr er ein Tiroler ist.

am unteren Steig zum Massiv des Predigtstuhls; er sollte sich als im Nichts endend erweisen

Gestärkt und ohne Stimmungsverlust einzubüßen verließ der Autor die Hütte unter Bestaunen des wunderbar geschnitzten Christus am Kreuz vor der sagenhaften Kulisse des nahen Predigtstuhls; ein Kleinod inmitten großartiger Natur – möge es allzeit gut behütet sein. Die Farbe des wettergepeitschten Holzes, von den geschundenen Armen bis zum Haupt mischt sich in die Farben des Felshintergrunds, während sich der Corpus mit warmen Holztönen vom Stein im Hintergrund abhebt. Die bärige Schnitzerei vermittelt das Leiden in einprägsamer Form.

nach etwa 16Hm in den Schuttreisen wieder festen Fels unter den Füßen

Ein weiters Mal aus tiefen Gedanken inmitten des sonderbar angenehmen Dammkars gerüttelt, galt es für den Autor zu entscheiden, ob der wenige Minuten an einer Wendung des Aufstiegs zur Bergwachthütte links abzweigende schmale Steig rascher in die Nordostecke des Kars führt, oder ob die Abzweigung erst nach weiterem Aufstieg sinnvoller wäre.

herrlicher Blick zu den Karwendelköpfen im Westen

Die Leser der Berichte des Autors kennen die Antwort: die Ungeduld des Herzens sucht stets die rascheste Möglichkeit und trotz des hohen Alters des Autors fällt er wieder einmal dem ungestümen Drang der Jugendjahre zum Opfer und entscheidet den Gipfelsturm auf schnellstem Weg.

Steig zum Predigtstuhl

Wie erwartet endet der Steig inmitten jüngst gebildeten Reisengeländes, das die Steigführung überlagert und somit verschwinden hat lassen; die fehlenden Höhenmeter müssen unter losem und unverdichtetem Schutt, nahe dem festen Wandfuß des Predigtstuhls, bis zum offiziellen Steig, der an der Bergwachthütte links abzweigt, erklommen werden.

Am Predigtstuhl, 1.921m

Über den letzten Rest an Schotterreisen auf das wunderbar feste Fundament von Wettersteinkalk im unteren Fels des Predigtstuhls hätte ein Junger beim Anblick der westlichen Gegenseite einen Jauchzer losgelassen; ein Alter tut es auch, aber im Kopf.

Mittenwald unterhalb der Wände der Viererspitze, dahinter der Waxensteinkamm und die Zugspitze im Wetterstein

Nach etwa zehn Minuten ist ein schöner Vorsprung erreicht, der – geologisch gesehen – einen wichtigen Punkt darstellt, der den Vorsprung des Wettersteinsockels mit anderer Gesteinsart überlagert, die Zwischenlage von Reichenhaller Schichten des Predigtstuhls.

Sonnenaufgang über dem Nordwestgrat zur Tiefkarspitze

Nach Heissel1 treffen sich im Geländeschnitt Dammkar – Karwendeltal alle drei das Karwendel bildende Decken. Von Norden her die älteste, die Lechtaldecke, im Dammkar eine wenig mächtige Abfolge aus Karwendelschuppenzone und Lechtaldecke sowie, bis über den Grat hinweg nach Süden die dominierende Karwendelschuppenzone. Die Südhänge der Nördlichen Karwendelkette, und ab dem Karwendeltal südwärts, werden von der aufgeschobenen Inntaldecke gebildet. Möglicherweise – so die individuelle Meinung des Autors – bilden die tektonischen Abläufe dieser Überschiebungen den Grund für die eigenwillige, interessante Ausprägung des Dammkars.

Steigverlauf vom Predigtstuhl zur Hochlandhütte, dahinter die Soiernspitze

Über den soliden Wettersteinsockel des Predigtstuhls, der seiner kompakten Ausbildung schon weit unten in der „Loach“ auffallend sichtbar mit steilem Abstürzen Ausdruck verleiht, steigt man nach dem Reisengelände des nordöstlichen Dammkars zum Kreuz auf 1.921m an und genießt dort eine wahrlich großartige Aussicht auf die Karwendelvorberge im Norden und das Werdenfelser Land.

Verbindungsgrat vom vorstehenden Predigtstuhl zur Einstiegswand am Nordwestgrat zur Tiefkarspitze

Der mächtige Vorsprung des Predigtstuhls erlaubt aus einiger Entfernung über den Verbindungsgrat zum Massiv der Tiefkarspitze einen umfassenden Einblick auf die steil aufragenden Wände eines hohen Aufschwungs mit vorherrschendem alpinem Muschelkalk. Dahinter erahnt man schon eine leichte Abflachung des Grates, auch wenn kaum sichtbar.

am Wiesenfleck vor den imposanten Bänken aus alpinem Muschelkalk mit dolomitisch anmutendem Bau (hinten links)

Direkt am Verbindungsgrat, der den höchsten Punkt im Übergang vom Dammkar zum Mitterkar darstellt, wird der begrünte und eher flache Grat überschritten, der nach wenigen Minuten mit einem Rasenfleck als Übergang am Massiv endet. Diesen Übergang bildeten Reichenhaller Schichten.

leicht abweichend vom direkten Grat befindet sich der Einstieg in die Wand im rechten Bilddrittel

Einige spärlich angeordnete Steinmännchen geleiten südostwärts in die Aufstiegsflanke, die zunächst eher in Gratnähe erwartet wird, jedoch ein tieferes Vordringen in die senkrechten Nordostwände erfordert als vermutet.

das Gelände wird gegen den Kessel hin flacher und begrünter

Am Weg dorthin versteige man sich nicht am Grat mit dem unbedingten Bestreben sich dort bewegen zu müssen. Die Route führt in der Nordnordostflanke auf eine begrünte Fläche in einer Felsausbuchtung zu und die anfängliche Begehung am Grat als auch über begrünte Bänder in der Flanke führen letztlich dorthin.

Rückblick auf den bereits besonnten Predigtstuhl

Wie beschrieben ein Kamin, vielmehr eine steile Verschneidung mit kurzer Fixverseilung aus Kletterseil zweifelhafter Qualität, führt durch die im Führer beschriebene Schlüsselstelle (III) hinauf in den oberen Teil der Felsausbuchtung, in dem die feuchten, begrünten Flächen enden und herrlich fester alpiner Muschelkalkfelsen beginnen.

Einstiegsstelle in Bildmitte

Der Durchstieg durch die Verschneidung wäre vom Gelände her nur allerhöchstens mit III zu bewerten, herabstürzendes Material aber hat die Flächen der engen Verschneidung über Jahrtausende abgeschliffen und in Verbindung mit der Feuchte ist man beim steilsten Zug um das Seil als fixen Halt für eine Hand dennoch froh. Es aber völlig zu belasten unterließ der Autor.

Kamin bzw. Verschneidung als Schlüsselstelle mit zweifelhafter Fixverseilung

Trichterförmig öffnet sich die dunkle Verschneidung nach oben dem Licht zu, sowie sein Herz mit dem Wandel der Topografie es tut, und erklimmt mit Steigrichtung einige Meter leicht links, dann gegen rechts auf einen imposanten Gratturm zu der Bergfreund die erste Stufe am Nordwestgrat.

Ausstieg oberhalb der Verschneidung

Die letzten leichten Kletterzüge geleiten in die Scharte zwischen dem Grat und dem Turm. Von dort bietet sich eine wunderschöne Kulisse auf die Larchetfleckspitze und zu den Karwendelköpfen im Westen gegenüber im Dammkar.

herrliches Gelände im festen Gestein hinauf zur ersten Scharte am direkten Nordwestgrat

Anschließend geleiten sehr schön strukturierte Felsfazies mit allerlei Stufen und Rissen auf die nächste Stufe, die von weniger festem unterem Wettersteinkalk gebildet wird, hinauf. Hi und da entdeckt man ein Steinmännchen, derer man schon weit vorher zur Orientierung eigentlich nicht mehr bedarf.

kleinere Partien mit Risskletterei

Die folgende Stufe steigt wesentlich flacher an, der Übergang zum unteren Wettersteinkalk wird nicht nur an der Topografie sichtbar, sondern auch an der Brüchigkeit spürbar.

Rückblick auf den schönsten Teil des Nordwestgrates zur Tiefkarspitze

Der herrlich feste alpine Muschelkalk endet zunächst und kleine Türmchen mit umfangreichen Schuttrinnen zwischen denselben machen sich am Grat breit, ockerfarbene Verwitterungszonen treten häufiger auf.

bereits im Wettersteinkalk (da es der Unter Wettersteinkalk ist, mit recht brüchigen Gratköpfen und Felstürmchen)

Der Aufstieg vollzieht sich für etwa eine halbe Stunde in vorwiegend Gehgelände mit nur mehr kurzen Kletterpassagen.

zerrissener Mittelteil des Nordwestgrates zur Tiefkarspitze

Hinter einer auffällig flachen Stelle am Grat bietet sich eine weit reichende Aussicht auf den letzten Teil des Aufstiegs. Der Grat teilt sich in zwei Hälften mit mittig liegender Schlucht in die die Route hineinführt. Über ihr am Horizont wird das Gipfelkreuz sichtbar.

Übersicht über den oberen Teil des Nordwestgrates zur Tiefkarspitze

Flankiert von hohen brüchig wirkenden Türmen erfolgt der Durchstieg durch die toll geformte Schlucht als kurzes Abenteuer hinter der eine kleine Felsstufe in einen schuttgefüllten Karkessel überleitet.

Rückblick über den Anstieg zur Schlucht

Wieder im festen oberen Wettersteinkalk geht es wenige Minuten über die letzten leichten Klettermeter hinauf zum Gipfelbereich. Der Gipfel der Tiefkarspitze wird über einen breiten Riss erreicht, der sich bis wenige Meter vor das Gipfelkreuz hinzieht und vorher ausläuft.

Das Gipfelkreuz der Tiefkarspitze, eine schlichte Stahlkonstruktion, kaum lotrecht im Steinkegel steckend und keine adäquate Zier für diese tolle Erhebung, die immerhin die höchste in der Umrahmung des Dammkars darstellt, hätte sich ein besseres Fundament verdient.

Tiefkarspitze, 2.431m

Der Blick auf beide Seiten, im Osten der gewaltig lange und beeindruckende Grat zum Wörner (einer der zeitaufwändigsten Gratübergänge im Karwendel), im Westen die touristisch meistgenutzten Gipfel der Nördlichen Karwendelkette, Karwendelköpfe, Karwendel- und Linderspitzen, kann als grandios beschrieben werden.

der imposante Wörner mit dem langen Grat über Großkar- und Schönbergspitzen (v. li. n. re.)

Phantastisch der Blick über das Karwendeltal und seinem Übergang am Hochalmsattel, deren Verlängerung am 22km entfernten Sonnjochmassiv endet, ein gewaltiger Blick!

Blick ins Karwendeltal und darüber hinaus auf die Falkengruppe und das Sonnjoch

Für den Kenner des Karwendels bietet dieser Blick leicht nördlich jedoch auch noch die phantastischen Ziele in der Falkengruppe, Steinfalk und vor allem der wilde Laliderer Falk, die um ein Haar vom Kuhkopf, am Ende der Nördlichen Karwendelkette verdeckt wären.

südöstlich gegenüber der beeindruckende Zug der Karwendelhauptkette mit der Birkkarspitze im Osten und der Larchetkar- sowie Pleisenspitze fast schon im Süden gegenüber

Eindrucksvoll verfolgbar von der Tiefkarspitze aus ist der westliche Teil der Karwendelhauptkette. Von der Pleisenspitze über die Larchetkarspitze, Große Riedlkarspitze, Breitgrießkarspitze, Große Seekarspitze, die Ödkarspitzen bis hin zur  Birkkarspitze spannt sich das Panorama, mit immer höher werdenden Gipfeln.

im Vordergrund der südwestlich angeordnete Vorgipfel der Tiefkarspitze mit der – vorwiegend von Hauptdolomit gebildeten – Seefelder-Gruppe des Karwendel im Hintergrund

Im Norden die geologisch interessante Soierngruppe, auch Karwendelvorberge genannt, die mit ihren leichten Anstiegen ein tolles leichtes Tourengebiet darstellt und auch das Ende einer unglaublichen Abenteuerreise sein kann, der Süd-Nord Karwendeldurchquerung.

gewaltiger Blick über den westlichen Grratteil der Nördlichen Karwendelkette – das touristisch meistbesuchte Gebiet im Karwendel

Zwei Kollegen aus der Schrobenhausener Gegend machten sich zum Abstieg vom Gipfel wieder über den Nordwestgrat bereit, nachdem sie nicht so recht den Abstieg nach der Scharte zum Nebengipfel gefunden haben und nach kurzer Unterhaltung konnten sie überzeugt werden, daß  es schöner sei, gemeinsam die Runde auszuführen, anstelle den Aufstieg auch als Abstieg zurück zu legen.

imposanter Tiefblick ins Dammkar

Nach einer ungewöhnlich kurzen Gipfelpause, die der Verfasser gewöhnlich zum „Recognisciren“ der Umgebung nutzt, beschritten wir zu dritt die recht schuttbedeckte Südflanke zur Scharte, an der die trügerische „rote Rinne“ beginnt, die zum schnellen Abstieg verleite und nach einigen Hundert Metern jedoch in ungangbarem Fels enden soll – so der AV-Führer. Beim bizarren Fels oberhalb der Schuttreisen des Dammkars allemal gut vorstellbar.

Ansicht des Vorgipfels im Abstieg nach Südwesten ins Dammkar; wir sind in der linken Flanke wieder aufgestiegen, es gibt auch die Variante rechts

Offenbar aber kann man sie einige Meter absteigen und erreicht dann eine Passage die, unter dem Vorgipfel vorbei, wieder auf den Grat führt. Diese Variante probierten wir aber nicht sondern nahmen nach Führerbeschreibung die Südostflanke des Vorgipfels zum Aufstieg auf denselben.

„rote Rinne“ zwischen Vor- und Hauptgipfel

Die Flanke läßt sich nach einem einige Meter querend ausgeführten Einstieg auch leicht ersteigen und erreicht somit am Vorgipfel eine gute Perspektive zum Hauptgipfel.

Aufstieg auf den Vorgipfel der Tiefkarspitze im festen Wettersteinfels in der Südostflanke

Beim kurzen Abstieg jenseits, in ein Schärtchen, nach der eine weitere zu erklimmende Erhebung sichtbar wird, sei Vorsicht geboten, sie ist recht brüchig und erfordert eine gute Wahl von Griff und Tritt.

Ansicht der Tiefkarspitze vom südwestlich gelegenen Vorgipfel

Im Schärtchen kann man westseitig gut die o. e. Umgehung erkennen, sie trifft genau hier wieder auf den Gratverlauf.

Helmut und Christoph am Abstieg durch die kurze, brüchige Verschneidung zur Scharte ab

Der folgende Gratkopf wird überschritten und dahinter eine lange, abwärts führende Flanke sichtbar, die unter grünen Bergwiesen steil ins Karwendeltal abfällt und in Gratnähe abzusteigen ist, ausschließlich Gehgelände.

Rückblick auf Tiefkarspitze Vor- und Hauptgipfel

Weit unten wird der Verlauf des Grates flacher. Eine kurze Stelle öffnet eine Art Doppelgrat, bzw, befindet sich zwischen den Hangkanten eine gemuldete Flachstelle. Anschließend werden ein paar kurze Anstiege über Gratköpfe absolviert, in denen wir vergeblich den Einstieg in die steile Nordflanke suchten.

langer Abstieg über den Verbindungsgrat Tiefkarspitze – Larchetfleckspitze

Die Geduld darf man für das Aufspüren des richtigen Abstiegs nicht verlieren, die richtige Stelle für den Abstieg ist wirklich dort wo die Führerbeschreibung erwähnt – „bis kurz unter den Aufschwung zur Larchetfleckspitze“.

toller Abstieg mit begrünter Südflanke

Der Weg dorthin beinhaltet einen länger erscheinenden Aufstieg. Nach diesem wird man der Stelle in der Ferne mit einem Steinmann und, wer gute Augen hat, einer vergilbten roten Pfeilmarkierung gewahr.

toller Rückblick auf der Suche nach der Abstiegsscharte

Es ist dies die vorletzte Schartenausbildung vor dem steilen Anstieg auf die Larchetfleckspitze.

Wer nun einen durchgehenden Steig als Abstieg im Kopf hat wird schwer enttäuscht. Schuttreisen und brüchiges Gelände in den unliebsamen ockerfarbenen Verwitterungstonen bilden den oberen Teil, der nur mit wenig Abstiegsgeschwindigkeit talwärts führt. Ständiges Orientieren und Konzentrieren gebietet das Gelände bis weit hinab.

Abstieg über stark erodiertes Gelände unter viel Schutt

Markierungen gibt es reichlich, jedoch nicht leicht zu finden und, durch die vergilbte rote Farbe mit wenig Kontrast zum allgemeinen Gelände auszumachen. In Nebel tut man sich bei diesem Abstieg sehr schwer. Die Steilheit und Brüchigkeit sind beachtlich.

Rückblick auf den oberen Teil

Weiter unten wird das Gelände etwas strukturierter und man erkennt die generelle Richtung intuitiv. Ab und zu ein Steinmann, wenn man genau schaut.

wieder einmal ein Steinmännchen am nun gut zu ahnenden Abstieg; dahinter der tolle Nordwestgrat zur Tiefkarspitze

Allerdings ist noch eine schmale, steile und brüchige Rinne zu meistern, in der abgeklettert werden muß. Sie führt fast nordwestlich (etwa Richtung hinteres Dammkar, als zentral) hinab und endet mit einer Steilstufe, die in einer Sturzbachrinne endet.

Rinne abzuklettern, unterhalb endet der zeitraubende, brüchige Teil des Abstiegs

Unterhalb dieser, etwa 50Hm darunter, wird ein richtig ausgeprägter Steig sichtbar, der sich sogleich extrem nach Nordosten wendet und die senkrecht abbrechenden Felsen zum Dammkar hin umgeht.

in der Rinne noch ein paar kurze Kletterstellen, jedoch wieder in festem Muschelkalk

Die Umlenkscheibe (rot, linkes/mittleres Bilddrittel) der Materialseilbahn bildet dabei eine unübersehbare Landmarke.

am Ende des Steilabstiegs folgt eine Mulde ab der ein gut sichtbarer Steig über reinem Gehgelände rechts (nordöstlich) plötzlich scharf rechts umbiegt und komfortabel bis auf die Reisen ins Dammkar hinaus leitet

Über zwei drei Murengräben schneidet der Steig quer den Hang bis er sanft und unspektakulär in das oberste Dammkar ausleitet. Am Weg dorthin steigt er nochmals einige Meter an, um die Gräben zu überwinden. Ein unerwarteter Abschluß, der weit ostwärts endet.

über ein paar Sturzbachgräben leitet der Steig zum Dammkar

Über das gewaltige Schuttreisenbassin des Dammkarbeckens fährt es sich wenig anstrengend zur Bergwachthütte und zum Steig ab und auf letzterem wird wieder zur Dammkarhütte abgestiegen, in der ein hervorragendes „Mittenwalder“ wartet, Labsal redlicher Mannen am Berg, das ausschließlich unter bravem Tragen einer Maske von der Hüttenwirtin ausgegeben wird.

krönender Abschluß der Gratrunde auf der Dammkarhütte

Der gemeinsame Weg mit den Kollegen endete an der Dammkarhütte – Berg Heil Kollegen!

und er hat wie immer gut aufgepasst – danke dir für den gewaltigen Bergtag!

An Aufstiegsmeter zeigte die Bergsteigeruhr 1.480Hm und die benötigte Zeit betrug incl. aller Pausen 7:45 Stunden.

Mils, 01.08.2020

1 Heissel 1976: Neues zur Deckentektonik im nördlichen Karwendel

 

 

Hohe Villerspitze, 3.087m – Überschreitung zur Lüsener Villerspitze, 3.027m

Nicht nur gemeinsame Bemühungen ihrer Erstbesteigung, sondern auch zahlreiche junge Berichte zeugen von einer bis heute ungebrochenen Beliebtheit des schwarzen Kolosses – die Hohe Villerspitze und die Überschreitung zur Lüsener Villerspitze stellen einen erlebenswerten Klassiker auf einer Inselrippe der Amphibolitzone des Stubais dar.

Hohe Villerspitze, 3.086 m

Ihr Bau hebt sich deutlich von den Gestalten ihrer näheren Umgebung ab und das tut auch der teilweise scharfe Grat zur kleineren Nachbarin, der Lüsener Villerspitze. Warum das so ist liegt wie so oft in der Morphologie des Gesteins. Die Hohe Villerspitze, wie auch die Lüsener Villerspitze werden von Amphibolit1 gebildet, einem sehr komplexen Silikatgestein aus mittleren Tiefen bei mittleren Temperaturen, dem einer höherer Eisengehalt im Hornblendeanteil eine dunkle bis schwarze Farbe verleiht (so auch Namen aus dem Volksempfinden wie z. B. für die höchste Erhebung im Dunkelsteinerwald südlich der Wachau, dem Dunkelstein, oder dem Finsteraarhorn in den Berner Alpen).

Rückblick in die erklommene Verschneidung

Zwei schön animierte 3d Darstellungen der Kristallform finden sich hier. Klettern in diesem Gestein ist immer durch absolut feste Oberflächen und recht glatte Bruchflächen gekennzeichnet.

wie man sieht alles in leichter Kletterei bewältigbar

Die Erstbesteigung der beiden schönen Gipfel fand vor über 140 Jahren statt und die Namen der Erstbesteiger2, wie auch von anderen Pionieren dieser Zeit, findet man mit der typisch schwarzen Farbe heute noch am Fuße der Hohen Villerspitze und im Gipfelbereich beider Gipfel auf ebene Felsflächen aufgemalt – geschichtsträchtige alpine Ziele die bis heute nichts von ihrem Charme eingebüßt haben.

frühmorgens gegen den herrlichen Talabschluß in Lüsens geschaut

Die Standard-Talbasis bildet Lüsens, neben dem gleichwertig verwendbaren Ausgangspunkt, der Oberrisshütte vom Oberbergtal. Für die Überschreitung kommt sinnvollerweise nur erstere zur Auswahl und somit zu unserem Ausgangspunkt. Für den Parkplatz in Lüsens halte man ein paar Münzen bereit (2020: 4.-).

schön anzusehende Teppiche von giftigem Alpen-Fuchs-Greiskraut

Ein paar Minuten auf dem Schotterweg taleinwärts zweigt links der Steig zum Großen Horntal ab, auch der Verbindungsweg zur Franz-Senn-Hütte und ins Obergergtal.

Der Steig führt durch ein kurzes Waldstück, hauptsächlich geprägt von Zirben und Lärchen, auf die saftigen Almflächen der Spielgruben, auf denen Galtvieh und einige kleine Wasserläufe nicht nur abseits des Weges, sondern auch den Weg selbst zu einer kleinen Herausforderung umgestalten und frühmorgens Schrittweite sowie Balance des Begehers testen.

an den Almweiden in der Spielgrube

Oberhalb dieser lettigen Zone führt Steig an der steiler werdenden Westflanke der Lüsener Villerspitze weiter Richtung Süden. Einige trockene Gräben von Regenwasserläufen müssen durchquert werden und bei einem der ersten wurde der Steig neu angelegt und führt, ungewohnt aber nicht unangenehm, über kopfpolsterweiche alpine Zwergstrauchheiden etwa 100Hm hinauf, bis er wieder auf den alten Steig trifft.

der mächtige Lüsener Fernerkogel mit seiner gewaltigen Nordkante

Bis das Große Horntal erreicht wird vergehen etwa eineinhalb Stunden, ohne daß man dem alles im Lüsenstal beherrschenden Berg, dem Lüsener Fernerkogel (3.299 m) bei der Betrachtung der gewaltig beeindruckenden Umgebung ausweichen könnte.

Querung der Hänge in das Große Horntal, der Übergangsgrat zurück hoch über den grünen Wiesen

Sein Nordgrat entwickelt sich zu einem immer beliebteren Ziel für ambitionierte Bergsteiger, die sich dem Gratklettern verschrieben haben, oder ihre Vorlieben in noch seilfrei begehbaren Touren suchen. Der Grat ist generell leicht, der Einstieg mitunter nicht ohne etwas Orientierungsgabe zu finden.

im Großen Horntal angelangt

Das Große Horntal ändert die Marschrichtung gen Südosten. Der Steig hindurch ist gekennzeichnet durch Geschiebewälle als Begrenzung des Sturmwasserlaufes der bei großen Wassermengen beachtliche Gesteinsmengen mitbringt, wie man anhand der jüngsten Ablagerungen erkennen kann. Während beide talbegrenzenden Bergflanken aus Amphibolit gebaut werden wandert man am Steig über den die Sellrainer Berge beherrschenden Glimmerschiefer taleinwärts, der Steilstufe des Großen Horntaler Joches zu.

die Hohe Villerspitze unterhalb des Großen Horntaler Jochs

Das Große Horntal soll in seiner Gesamtsteigung nicht unterschätzt werden. Auch wenn es anfänglich – nach der langgezogenen Biegung aus dem Lüsenstal – eher flach aussieht, so überwindet es doch an die 500 Hm auf das Joch mit 2.812 m. Man bleibt stets auf der orografisch rechten Seite im Tal und die kurze Strecke am Bach sollte man nutzen und seinen Trinkvorrat ergänzen, da dies die letzte Möglichkeit auf der Rundtour darstellt.

restlicher Aufstieg auf Sellrainer Glimmerschiefer zum Joch

Am Großen Horntaler Joch gibt es zuerst die Möglichkeit zur bildlichen Dokumentation der Tour den Schafgrübler (2.922 m) zu besteigen, um von dort nicht nur die Hohe Villerspitze, sondern auch den schönen Grat zur Lüsener Villerspitze abzulichten.

Aufstieg zum Gipfel des Schafleger

Innert einer Viertelstunde ist diese kurze Strecke auch schon erledigt und in unserem Fall erwischten wir einige – nicht völlig nebelfreie -, jedoch sehr akzeptable Fotos unseres Überschreitungsziels. Wer die Hohe Villerspitze nicht besteigen will findet im Schafgrübler auch ein leichtes Tourenziel mit schönem Ausblick auf den Fernerkogel und auch das winterliche Tourenziel der Horntalspitze und auf den Blechnerkamp.

rechts die Hohe Villerspitze, links davon der Grat zur Lüsener Villerspitze

Nach dem grandiosen Ausblick auf die Hohe Villerspitze und dem Studium des Aufstiegs waren wir kaum zu halten und freuten uns während der ersten Kletterzüge auf dem Aufschwunge am Grat nach dem Jochübergang. Eindrucksvoll zu erkennen ist am Bild die unterschiedliche Ausbildung des Schiefergneisfels in Vordergrund und den Amphibolitwänden dahinter.

Hohe Villerspitze vom Gipfel des Schafleger gen Osten

Für den Zustiegsgrat zum Fuß der Hohen Villerspitze benötigten wir unter ein paar wenigen und leichten Kletterstellen eine Viertelstunde bis zu einem kleinen begrünten Sattelchen, von dem aus die Route bis zur Verschneidung, die die weitere Sicht auf das Kernstück des Aufstiegs verdeckt, großteils einsehbar ist.

der alte Mann hinterher

Man erkennt von dort auch die nächsten Schritte und glaubt zunächst, das steil nach links oben führende grüne Band sei das berühmte „schiefe Gangl“. Daß man sich dabei täuscht stellt man spätestens dann fest, wenn man es zu betreten im Begriff ist und feststellt, daß es nicht dasselbe sein kann, weil keinerlei Begehungsspuren festzustellen sind.

im Tiefsten der Ausbuchtung der Nordwestwand, etwas Höhe fehlt Simon noch bevor es rechts hinauf weitergeht – das schiefe Gangl ist hier nicht sichtbar, es liegt über dem oberen Bildrand

An dieser Stelle wendet man sich etwa 120° nach rechts und folgt einer, etwa in gleicher Steilheit hinaufziehenden, felsigen Verschneidungsplatte, die am oben wiedererlangten Grat endet. Am Grat leiten die Begehungspuren zunächst in die Südseite des Grates, jedoch nur, um ein Köpfl zu unterschreiten und gegenüber wieder in die Nordwestwand einzusteigen. In der Umgehung befindet sich auch ein Marterl.

Rückblick vom Aufstieg nach Rechtswendung

Sodann beginnt in der Nordwestwand das schiefe Gangl, das einen schrecklicheren Ruf hat, als es ihn verdient. Zwar empfiehlt sich konsequent die Dreipunkthaltung und die bewachsenen Stellen seien vor dem Verlass darauf gut auf Rutschgefahr geprüft, jedoch stellt der steile Aufstieg auf diesem Band klettertechnisch keine Schwierigkeit dar.

nach der kurzen Gratpassage am Beginn des schiefen Gangls

Beim schiefen Gangl dürfte die Ausgesetztheit, die zweifellos vorhanden ist, den Maßstab für so manche Beschreibung bilden.

inmitten des schiefen Gangls, zwar ausgesetzt aber außer Rutschgefahr klettertechnisch wenig bedenklich

Nach wenigen Minuten am schiefen Gangl wird Gehgelände erreicht und man strebt der Verschneidung zu, die rechts – südlich – auf den Gipfel der Hohen Villerspitze hinaufzieht. Bei dieser Verschneidung wird der schwarze Amphibolit so richtig deutlich sichtbar und Steilheit sowie die überhängenden Felsnasen über uns zeigten seine überwältigende gebirgsbildende Ausprägung.

knapp unterhalb der schwierigen Stelle (bei den roten Flechten oben) in herrlich festem Amphibolit

Die Verschneidung verjüngt sich nach oben und wird auch rasch empfindlich steiler, sie ist jedoch bis auf eine etwas kniffligere Stelle (evtl. III-) etwa in der Höhe der roten Flechten (siehe Bild) leicht kletterbar.

Simon fast am Schärtchen erspäht ein bäriges Band in der rechten Wand der Verschneidung

Nach schätzungsweise 50 Hm öffnet sich linkerhand eine zweite Verschneidung, die etwas flacher auf den Nordgrat führt. Simon stieg in diese Verschneidung ein, sah von  dort eine Möglichkeit über die erste Verschneidung und dem Westgrat weiterzukommen, änderte den Aufstieg wieder zurück zur ersten Verschneidung.

und kehrt zur Verschneidung zurück

Was er da sah war wirklich eine schöne Variante durch die völlig glatte Wand – ein komfortables Band raus aus der Wand in Richtung Westgrat und über etwa 30 Hm hinauf auf denselben.

Simons Blick vom bereits erreichten Westgratbereich (das Band im Vordergrund sichtbar) hinab zum Autor

An seiner Kante führt der Westgrat kurz über ein paar Schuttflächen und trifft nach kaum ein paar Minuten wieder auf den leichteren Normalaufstieg, den wir im Abstieg dann genauer erkunden konnten.

Rückblick vom Westgrat – man beachte die Felskante am linken Bildrand

Von dort kann man das Gipfelkreuz sehen und über eine kleine Einsattelung im Gehgelände erreichen.

am nur mehr kurzen Westgrat in herrlichem Fels

Das Gipfelkreuz der Hohen Villerspitze haben wir nach vier Stunden erreicht (incl. dem Umweg zum Schafgrübler, auf dem wir ein gutes Viertelstündchen pausierten. Leider hat dieses schön gearbeitete Holzkreuz am linken Querbalken bereits einen schweren Schaden in den zehn Jahren seines Daseins davongetragen.

Übergang zum Gipfel nach Erreichen des Normalaufstiegs

Die schöne geschmiedete Gipfelbuchschachtel ist nicht gefüllt, der Eintrag erfolgt in ein Gipfelbuch, das in einer Patronenkiste am Fuß des Kreuzes verwahrt wird.

die ostseitigen Nebengipfel der Hohen Villerspitze

Aufgrund des hartnäckigen Nebels, der die Sicht auf alle Himmelrichtungen ausgenommen in den Norden verhinderte verließen wir den schönen Ort nach einem halben Stündchen Gipfelrast. Leider waren uns die atemberaubenden Bilder in den Westen, vom Alpeiner Ferner und der ihn säumenden Dreitausender an diesem Tag nicht vergönnt.

leider nicht das üblich schöne Bild auf die Alpeiner Berge

Vorher inspizierten wir den interessanten Grat zum Überschreitungsziel, der Lüsener Villerspitze mit dem Glas, was nachträglich betrachtet nicht von großem Erfolg gekrönt ist, denn die schweren Stellen sieht wie so oft man nicht. Das Gewissen aber ist beruhigt und das ist der Zweck der Übung, wie der Gratenthusiast unter den Lesern weiß.

Grat zur Lüsener Villerspitze

Der Abstieg auf dem Normalweg ähnelt ab der kleinen Einsattelung fast einem Steig – so tünchten uns nach unserem Aufstiegserlebnis die wenigen Meter bis zur Scharte aus der der Normalaufstieg heraufkommt.

schräge Platten vorherrschend bis zum Schärtchen

Ein paar Blicke gönnten wir uns in unsere alternative Wand, bei der Simon einen unbewussten Glücksgriff machte und bei der zweiten Verschneidung, die links zu begehen wäre, zuerst noch etwa 30 Hm geradeaus und über das beschriebene Band auf den schönen Westgrat hinaus gequert ist.

in der Bildhälfte unser Band zum Westgrat (markanter Zacken)

Der erste Aufschwung der Überschreitung nach der Einschartung wartet auf seiner Hinterseite mit einem heiklen Abstieg auf. Dies weiß man erst im Abstieg, der leicht beginnt und mit einer griffarmen Plattenstelle endet, die durch Abrutschen eines Lego-Steins aus der Platte entstanden ist und unter der zu beiden Seiten wenig Terrain für Experimente und einer eventuellen Rutschung vorhanden ist.

am ersten Aufschwung der Überschreitung

Die Stelle konnte wegen der glatten wenig strukturierten und sehr abschüssigen Platten nicht unmittelbar in der Flanke darunter umgangen werden und so mußten wir bis nahe zur Scharte zurück, um einen geeigneten Einstieg in die steile plattige Flanke zu erreichen.

Rückblick nach dem ersten Aufschwung – die beschriebene abschüssige Platte, die uns den Umweg in der Flanke bescherte liegt bereits hinter uns

Alle Stellen vorher waren durch Griffarmut, leichter Schneeauflage und vor allem Trittstellen in Moos, das dem Karwendelgeher eher fremd ist und es scheut, nicht sicher begehbar.

etwas leichterer Gratgenuß

Die Umgehung erfolgte dann fast ohne Höhenunterschied auf die erste Gratscharte der Überschreitung zu und nachträglich gesehen war es besser sie zu unternehmen.

interessanter Abstieg knapp an der Westseite

Von der zweiten Scharte mit dem umgangenen heiklen Abstieg entwickeltes sich der Grat zunächst recht abwechselnd und gemütlich, aber auch mit luftigen Passagen ausgestattet.

leichte Passagen dazwischen

Kleine Gratköpfe mit Abstiegen zu den Scharten dazwischen und nahe jäher Abbrüche zu  beiden Seiten würzen die Überschreitung deren Kletterstellen nie richtig den oberen zweiten Grad überschreiten.

mit wenig Griffen und wenig vertrauensvollen Brocken unter den Bergschuhen, Dreipunktmethode

Eine Stelle, etwa nach einem Viertel der Gesamtüberschreitung zur Lüsener Villerspitze, ist in jüngerer Zeit durch Abbruch geprägt worden und nachträglich die kleine der zwei Bergzerreißungen am Übergang.

noch ein etwas luftiger Abstieg in die Westseite

Der Abstieg erfolgt auf aufgelockertem Bruch, der mit Feinteilen durchzogen ist und dem nicht getraut werden kann. Also muß ein sicherer Halt für beide Hände gewährleistet sein, um einem Abrutschen der Brocken unter den Füßen entgegenwirken zu können.

und ostseitig weiter

Das anregende Auf und Ab pflanzt sich am Grat weiter fort, obwohl im Gesamten zwei Tiefpunkte am Übergang zu überschreiten sind, etwa im Drittelspunkt der Gesamtstrecke. Im Verhältnis mehr Zeit brauchten wir für das erste Drittel, obwohl die Strecke gesamt gesehen abwärts gerichtet ist.

Rückblick auf etwa das erste Drittel der Überschreitung von der Hohen Villerspitze zur Lüsener Villerspitze

Der Aufstieg zum Mittelteil erscheint von der Gesamtbetrachtung von der Hohen Villerspitze aus gesehen als einfach, weil der mittlere Teil des Grates eher als ein runder Höcker erscheint. Der Beginn nach der Bergzerreissung, die ihre Spuren bis ins Große Horntal hinab hinterläßt (siehe Bild), wartet jedoch jenseitig mit einem interessanten Aufschwung auf, der mit einer glatten Schichtentrennstelle nur die Alternative des scharfen Grates, oder die Kante der verbliebenen Platte bietet.

traumhafte Klettersequenzen mit famosem Hintergrund

Wir entschieden uns für die ostseitige Platte, die mehr Struktur aufweist als die Kante am scharfen Grat und eine anregende leichte Kletterei bot. So rund, wie die Fernsicht es also vermitteln mag ist das Mittelstück der Überschreitung zumindest zu Beginn keineswegs.

Rückblick auf den sich schlängelnden Grat mit Gipfelkreuz der Hohen Villerspitze im Hintergrund

Am Aufschwung oben wird das Gelände wieder zahmer, jedoch sind noch einige schöne Kletterpassagen bis zum Höchstpunkt zu bewältigen – immer in festem und leicht kletterbaren Fels, mit wettergepeitschten Oberflächen voll Flechten und Moosen, wo immer es sich halten kann. Selbst in knapp 3.000m Höhe wiegen sich violette Glockenblumen frech im Jochwind.

genau die Kante bildete die schönste Kletterei im Mittelteil

Daß die Grate dennoch einem gewissen Verfall durch Erosion unterliegen sieht man an den frischen Bruchflächen, die ocker bis hellbraun-orange Oberflächen zeigen und nicht mit Flechten bewachsen sein. Wie alt mögen solche Flächen sein? Wenn man bedenkt, daß Flechten im Durchschnitt 0,5mm im Durchmesser wachsen und man Bewuchs in der Größe einer Zwei-Euro Münze feststellt, dann könnte die Bruchfläche etwa 50 Jahre alt sein.

keine Stelle schwerer als II in diesem Bereich

Bei stärkerem Bewuchs erreichen die dunklen der jungen Bruchflächen vielleicht 200 bis 300 Jahre und die die schwarz verwitterten mehr als das Doppelte?

am höchsten Punkt im Mittelteil der Überschreitung, einiges an Gehgelände über den Rücken sichtbar

Kurz nach 13 Uhr erreichten wir den Hochpunkt des Mittelteils der Überschreitung von der Hohen Villerspitze zur Lüsener Villerspitze und legten zwecks Nachtanken und Studium des jenseitigen Aufstiegs eine Minipause ein.

kurz vor der zweiten Einsattelung (zweiter Drittelspunkt)

Bei der Betrachtung der Flanke des Gipfelaufbaues fiel uns keine ernst aussehende Passage auf, der Aufstieg aus der zweiten tiefen Scharte, also im zweiten Drittels- oder – streckenlängenbezogen – vielleicht besser Dreiviertelpunkt (siehe Grafik Geländeschnitt in der Galerie), schien aber noch eine Überraschung bereitzuhalten.

das westseitige Kar, vermutlich als Geschiebe eines Gletschers

Einerseits erscheint dieser Aufschwung an seiner Ostflanke als sehr grün bewachsener Steilhang, in der Frontalansicht vom Grat gegen Norden andererseits als steile Felswand mit einer eher glatten Verschneidung in Gratrichtung.

Aufstieg auf die erste Steilstufe der Lüsener Villerspitze, im Hintergrund eine schöne, schwierigere Kletterstelle

Am Weg dorthin passierten wir ein westseitig talauswärts ziehendes flaches Kar mit einer kleinen Schmelzlacke am Kargrund. Die Felsfazies am Grat erschienen sonderbar rund geschliffen und im Orthofoto auf Tiris sieht die Passage so aus, als hätte der Fotscher Ferner einmal die Mächtigkeit besessen einen Seitenarm nach Nordwesten zu entsenden, der über den Tiefpunkt am Grat reichte und das Kar hinab geschoben haben könnte. Die Geländesteigung dort reicht nicht aus, um dieses Geschiebe zu bilden.

Aufstieg auf die erste Steilstufe der Lüsener Villerspitze, im Hintergrund eine schöne, schwierigere Kletterstelle

Jenseits des Tiefpunktes tritt die Herausforderung des bizarren Amphibolitfelses in aller Mächtigkeit hervor und eine Minute sinnierten wir über die beste Route auf dem eher glatten Fels, der allerdings auch einige Risse und Stufen bot.

diese schöne Wand bzw. Verschneidung (Stellen III) kann rechts auf einem Band umgangen werden

Simon im Gipfelsturm nahm die Wand gegen die Verschneidung hin und fand oben leichtere Verhältnisse vor. Die schöne Passage erfreute ihn sehr, sie kann mit III bewertet werden. Der Weg des Autors war ein leichterer, denn unterhalb der runden Nase – die man mit einer Osterinselfigur vergleichen könnte (rechts von Simon) -, erspähte der alte Mann ein treffliches Band, das zwar etwas ausgesetzt, aber in aller Bequemlichkeit auf den begrünten Ostrücken des Aufschwungs leitet und über die steile Wiese den Rückweg zum Grat bildet. Das Band beraubt einer bärigen Kletterpassage, schont aber des Untrainierten Kräfte.

Rückblick auf den Mittelteil der Überschreitung (über die Wiese links im Bild erreicht man die Grathöhe wieder, wenn man die Verschneidung nicht klettert, sondern über das Band in die Ostflanke ausweicht)

Anschließend an diesen vorletzten Aufschwung auf den Gipfelaufbau der Lüsener Villerspitze leitet ein weiterer kleinerer Aufschwung auf den Gipfelbereich über. Auf Höhe dieses wir gleich sichtbar, daß die weitere Route westwärts erfolgen muß, da ostseitig tiefe, senkrechte und unbegehbare Abbrüche vom Gipfel herabziehen.

nächster kleiner Gratkopf der überstiegen, oder rechts umgangen werden kann

Um den Vorkopf des Gipfels herum entdeckten wir eine gar nicht so steile, gut gangbare Ausbuchtung, die auf den Grat zu führen schien. Diese Möglichkeit erachteten wir als geeignet und sollten nicht enttäuscht werden.

am Gipfelaufbau; aufgrund der ostseitigen Abbrüche empfiehlt sich der westseitige Einstieg in den Gipfelaufbau

Am Grat, das Gipfelkreuz vor Augen, fanden wir gut strukturierten, absolut festen Fels vor, der mit Klettergenuß bewältigt wurde und noch ein Weilchen hätte so weiterführen können, nach ein paar Minuten am Gipfelkreuz der Lüsener Villerspitze jedoch sein Ende fand und eine tolle Überschreitung abschloss.

am Nordgrat gegen den Gipfel der Lüsener Villerspitze – anregende Kletterei in festem Fels

Für die eineinhalb Kilometer und etwa 300 Hm relativem Aufstieg am Grat (trotz absolutem Abstieg von 60 m) benötigten wir zweieinviertel Stunden, ohne Eile.

allerlei verkeilte Blöcke am Grat bieten leichtes Gelände

Die mittlerweile bessere Nebel- und Wolkenausbildung am Gipfel der Lüsener Villerspitze erlaubte ein paar schöne Fotos von der bärigen Umgebung und nach einer 20-minütigen Pause rüsteten wir zum Abstieg.

die letzte schöne Wand von einer Flachstelle aus im Überblick – leicht links der Bildmitte geht es über eine kleine Verschneidung in direkter Linie auf den Gipfel

Von Nordwesten bis Nordosten breiten sich die Sellrainer Berge mit den Kalkkögeln als Abschluß aus.

Lüsener Villerspitze, 3.027m

Im Südwesten die Alpeiner Berge mit der beherrschenden Ruderhofspitze (3.473 m, siehe Seite 38ff) mit dem Gipfelspitz noch immer im Nebel.

Blick auf die Alpeiner Berge und den Lüsener Ferner

Im Westen der mächtige Lüsener Ferner mit den markanten Gipfeltürmen von Hinterer- und Vorderer Brunnenkogel.

der Nordgrat des Lüsener Fernerkogels mit der weit enfernten Verpeilspitze im Pitztal und dem Hohen Seeblaskogel mit Nebelfetzen darüber

Abschließend der Lüsener Fernerkogel mit der Verpeilspitze zwischen seinem Nordgrat und dem Hohen Seeblaskogel, sowie dem Breiten Grieskogel ganz rechts.

schöne Studie von Amphibolitplatten

Am Abstieg fallen die abschüssigen, herrlichen Amphibolitplatten geradezu ins Auge, ihre feinkörnige Struktur ist toll anzusehen, während wir den eingebohrten Stangen auf den Ostgrat hinaus folgten.

über die eindrucksvoll abschüssigen Platten geht es vorwiegend auf Reibung im Gratbereich über Gehgelände bergab

Dem eher schwach ausgebildeten Grat wird über Steigspuren in Richtung Hochgraffljoch gefolgt, bis auf dem bereits begrünten Hang ein deutlicher Steig folgt, der von Steinmännern begleitet wird. Am markierten Weg unten im Schönlüsenstal hielten wir uns talauswärts links am Zirbensteig nach Lüsens hinab und erreichten wieder die lettigen Spielgruben, womit die Runde sich schloss.

Die Gipfel der Hohen Villerspitze gegenüber am Ende des Fotschertals

Die gesamte Runde wurde in 8:49 Stunden bewältigt, alle Pausen und die Besteigung des Schafgrüblers eingeschlossen. Die Höhendifferenz betrug auf der Bergsteigeruhr (barometrisch) 1.685 m und sie dürfte anhand der Höhenermittlung über Tiris damit knapp 100 m zu wenig angezeigt haben.

bäriger Blick auf den Talabschluß des Lüsenstals mit dem mächtigen Fernerkogel

Die klettertechnische Schwierigkeit der gesamten Überschreitung kann mit II+ angegeben werden, Stellen mit III wurden festgestellt, jedoch nur über kurze Strecken von wenigen Metern. Der Fels ist fast ausschließlich fest.

Mils, 08.08.2020

1 Amphibolgruppe, [von griech. amphibolos = zweideutig], Amphibole, Hornblenden, der Name Hornblende erscheint in der Mineralogie in der zweiten Hälfte des 18. Jh. als Bezeichnung für eine Mineralgruppe, die vom Bergmann kaum beachtet wurde und deren Analyse und Abgrenzung damals große Schwierigkeiten bereitete. Da das Aussehen halbmetallisch sein kann und der Eisengehalt nicht verwertbar ist, trifft der Name Blende im Sinne der Bergmannssprache zu. Horn hat man auf die Farbe, nicht auf die Härte bezogen.
https://www.spektrum.de/lexikon/geowissenschaften/amphibolgruppe/627

2 Erstbesteigungen:
20.7.1878 Hohe Villerspitze (3.092 m): Carl Gsaller (Innsbruck) alleine, nachdem der Versuch am 1.10.1877 mit seinem Führer Alois Tanzer (Stubai) scheiterte
13.7.1879 Lüsener Villerspitze (3.026 m): Leopold Seidler, Josef Tragseil, Bernhard Tützscher, Karl Wechner (Innsbruck)
Quellen: Alpingeschichte kurz und bündig / Region Sellraintal / Georg Jäger / Österreichischer Alpenverein Innsbruck, 2015
OEAV / Mitteilungen des Zweiges Innsbruck 1985 / 36. Jahrgang — April-Mai-Juni — Folge 2

 

 

Kalkwand, 2.826m – Überschreitung zur Torwand, 2.770m

Eine sprichwörtliche Liebe auf den zweiten Blick entwickelt sich in der Kalkwand frühestens an ihrem felsigen Fuße, den zu erreichen eine mühsame Querung vom Junsjoch über stark steigende Schuttflächen vorausgeht. Überhaupt ist die Zuwegung aus dem Wattental zu dem unerwarteten Juwel an Abenteuerreichtum völlig anders als gewohnt, sowohl vom Südwesten, als auch vom Nordosten. Die Entschädigung an Kletterei aber dafür ist überwältigend und unvergesslich.

Kalkwand, 2.826m

Einem begeisterten Gratkletterer, der das Karwendel hinter seiner Haustüre weiß, würde es kaum einfallen dies Abenteuer ausgerechnet in den Tuxern suchen zu wollen, schon gar nicht in der Umrahmung des Wattentals, wenn er sich bei seinen winterlichen Begehungen nicht schon einmal von den schroffen Westwänden der Kalkwand hätte beeindrucken lassen und diese von seinem Schitourenziel aus mit dem Glas nicht schon näher „recognoscirt“ hätte.

Kalkwand im Detail

So kann es vorkommen, daß man die Kalkwand als mehr oder weniger begehrenswertes Ziel geistig aufnimmt, von Zeit zu Zeit dies und das, aber allgemein fast nichts darüber hört und sie einige Jahre mit sich herumträgt, bevor sich irgendwann, zwischen hehren Zielen in weit schrofferen Gefilden, das Langzeitgedächtnis regt und die Kalkwand wieder ins Bewußtsein befördert. Das ist dann der Zündfunke für die Liebe auf den zweiten Blick, die man zu ahnen vorerst nicht in der Lage ist und die sich zum lodernden Feuer ausbilden kann.

tolle Formen am Grat zum Gipfel der Kalkwand

Die Kalkwand stellt in vielerlei Sicht ein sonderbares Ziel dar. Zum einen paßt die geologische Herkunft ihrer triassischen Deckscholle1, bestehend aus verschiedenen Dolomiten (Hauptd., Rhätd. sowie Dolomit des Ladin) wenig in das Bild des Tarntaler Mesozoikums und in die in den Tuxern dominierende Quarzphyllit- und Grauwackenzone überhaupt. Die Fremdartigkeit der Kalkwand-Deckscholle ihn ihrem Gebirgszug ist auch an den umgebenden Bergformen eindrucksvoll zu sehen, verfolgt man den Kamm in beide Richtungen. Sehr auffallend zu verfolgen ist die Änderung der From zum abgerundeten Pluderling im Südwesten, der aus den Bündner Schiefern der Hohen Tauern besteht.

Rückblick

Zum anderen benutzte die Wehrmacht2 in den vierziger Jahren den am Grat leicht abgesetzten Reuterturm als Ziel und zerschoss diesen zu seiner noch heute äußert bizarren Erscheinung, was mächtige, schneeweiße Schuttreisen hinab in die farbfremden dunkleren Schieferhänge der Lizum zur Folge hatte.

Kalkwand und Lizumer Sonnenspitze von der Außerlannalm

Die Zuwegung zur Kalkwand erfolgt aus dem Wattental über weite Strecken ohne markiertem Pfad oder Steig, welches auch einen Hauch von Orientierungsfähigkeit voraussetzt, will man auf den steilen und schuttigen Westhängen bei gleichzeitig notwendigem Höhengewinn nicht zu weit abgedrängt werden.

schönes volkstümliches Wegkreuz mit dem Hl. Johannes Nepomuk – Patron: von Tschechien, von Böhmen, der Stadt Salzburg; der Beichtväter, Priester, Schiffer, Flößer, Müller; der Brücken; des Beichtgeheimnisses; gegen Wassergefahren; für Verschwiegenheit

Zu guter Letzt bilden die gewaltigen Dolomitblöcke bis weit hinab ins Tal eine optisch psychologische Barriere, jedoch versprechen sie, nach eingehender Beschäftigung mit dem Glas, auch einen gewissen Abenteuerreiz.

Innerlannalm (1.684 m)

Sie wurde 1893 erstmals bestiegen und dient heute dem Truppenübungsplatz als alpines Ausbildungsgelände im Klettern, wobei mehrere Routen unterschiedlichen Schwierigkeitsgrades mit blau markierten Bohrhaken erschlossen wurden. Niemand geringerer als Franz Oppurg, den der Autor noch persönlich in der AV Sektion Wattens kennenlernen durfte, hat 1971 mit E. Reisigl die erste Nordwandroute, den „Pfeilerweg“, im linken Wandteil von eröffnet, ein Anstieg im vierten Grad. Einige Jahre darauf, 1976, wurde links der Schlucht der Absamerweg von Aschaber, Haim und Hinteregger eröffnet.

Schmalblättriges Weidenröschen vor Lizumer Sonnenspitze und Tarntaler Köpfen

Die Entdeckungsreise beginnt am Parkplatz vor dem Lager Walchen, am Ende der Landesstraße im Wattental auf 1.410m. Orografisch rechts beginnt der Steig auf dem schmalem Streifen zwischen der Stieralm und dem Wattenbach auf abschnittsweise meist sehr lettigem Steig bis zum Ende der Alm, wo sich der Steig bergwärts wendet.

schöne Kalkbreccie mitten im Tal, inmitten in anderer Geologie

Am Südende der Alm beginnt ein Fahrweg durch den Wald, der über die erste Talstufe zur Innerlannalm (1.684 m) führt. Die Innerlannalm liegt in einem recht flachen Talbecken und wiederum bildet deren Südende den Beginn der nächsten Stufe auf den Lizumer Boden.

Kalkbreccie im Detail

Dieser Teil im Aufstieg ist der Wattentaler Zirbenweg, bzw. der alte Sommerweg in die Lizum. Der Aufstieg durch den Wald ist sehenswert, die Zirbenbestände nehmen mit der Höhe zu und aufgrund der wenig exponierten Lage finden sich längs des schönen Steiges auch sehr alte Exemplare von Zirben, wenn man weiß, daß ein Stammdurchmesser von etwa 40cm einem Alter von etwa 200 Jahren entspricht und diese Größenordnung auf die gewaltigen Stämme dort überträgt. Ihr Zeitgefühl ist für menschliche Begriffe beachtlich, bedenkt man, daß es 50 bis 80 Jahre dauert bis die Zirbe zu blühen beginnt.

Grauer Alpendost

Moderne Zeitgenossen mögen diesen lehrreichen Abschnitt, der mit der Ankunft unweit der Militärgebäude des Lagers Lizum auf knapp 2.000 m endet, mit dem Radl auf der sonnigen Seite der Fahrstraße umgehen und dabei viel vom Reiz des Tales am Asphalt einbüßen. Extreme Zeitgenossen würden gar das Hüttentaxi benutzen und beim Ausstieg an der Lizumer Hütte auf 2.019 m noch weniger von der Natur über die ersten knapp 6km und 600 Hm mitbekommen haben. Ihnen fehlt dann jegliche Vorbereitung auf die Größe des Tales, der topographischen Stufen, der Änderung der Vegetation und sie entbehren des erhebenden Gefühls sich auf den alpinen Teil vorbereitet zu haben.

Kalkwand und zu begehende Westflanke

Für den alpinistischen Normalaufstieg von Walchen bis zur Lizumer Hütte gibt das Führerwerk und die Wegweiser des Tourismusverbandes eine Zeit von etwa 2,5 Stunden an, wobei die Strecke mit zügigem Schritt in 1,5 Stunden leicht gemeistert wird und man muß um seinen Bergtag auch ohne technische Aufstiegshilfen keine Angst haben, wenn man etwa um 7:30 Uhr in Walchen startet, was nicht zu viel verlangt scheint, für ein Abenteuer dieser Größenordnung.

Kalkwand vom Junsjoch gen Nordosten

Die Lizumer Hütte, im Aufstieg rechts liegen gelassen, wird später, nach der tollen Runde, Als Abschlußeinkehr aufgesucht, zunächst geht es am Fahrweg taleinwärts. Hätte der Autor seine alte AV-Karte gründlich studiert, so hätte er den alten Aufstieg zum Junsjoch genommen – und somit sicher eine gute Viertelstunde abgekürzt. Dafür erfreute er sich mitten in den verbleibenden Lizumer Böden von der Hütte bis zum Talschluß an einem unvermittelt aus den flachen Wiesen aufgerichteten Hügelchen von Kalkdolomitbreccien, schneeweis und von herrlicher Struktur, die unbedingt näher in Augenschein genommen werden müssen.

Junsalm

Der weitere Weg über die letzte Talstufe hinauf, der nach wenigen Minuten zum Steig – orografisch links – im Tal sich wandelt, stellt bis auf die Geiermulde mit der Abzweigung Junsjoch/Geier hinauf einen einzigen geologischen Lehrpfad dar. Breccien jeden Gesteins, unterschiedlichste Gesteinstypen in knapper Folge und herrliche Verwitterungsformen  lassen die Anstrengungen des Aufstiegs vergessen. Des Gebirgssommers Flora kommt in der Geiermulde auf 2.350 ebenfalls nicht zu kurz.

Lizumer Reckner und Lizumer Sonnenspitze

Unspektakulär führt der Steig von der Geiermulde zum Junsjoch hinauf. Nach ein paar Serpentinen sind die etwa 130Hm überwunden und man steht am Junsjoch in der Längsachse der Kalkwand am Grat und kann den sich aufbauenden Koloss bewundern.

Kalkwand im Detail

Vom Joch aus werden ein paar Meter in Richtung Nordosten, auf die westliche Flanke des Grats in Richtung Reuterturm, vorbei an sonderbaren roten Platten (möglicherweise Zieltafeln) abgestiegen und unten in die schuttige Westflanke eingestiegen.

in der schuttbedeckten, schiefrigen Westflanke am Weg zum Reuterturm

Die Schafe stieben schon vor der Näherung des Autors auseinander, als er versuchte sich so hoch wie möglich zu halten um Höhenverlust zu vermeiden. Da auch die Schafe so nahe als möglich unter den steil geneigten Schuppenplatten des Grates Schatten zu finden, war eine Begegnung nicht zu vermeiden und in die Schutthänge hinab weichen mußten die Schafe.

Überbleibsel von Militärmaterial

Trotz guten Vorsatzes zu Beginn der wenig erstrebenswerten Querung kommt man offensichtlich nicht ohne Höhenverlust durch, da herab reichende Ausläufer der glatten Grauwackenschiefer und dem Geröll von Quaritzschollenbreccie einen immer wieder etwas nach unten zwingt.

unterhalb Reuterturm im mühsamen Gelände

In dieser Art an das Ende der Querung gelangt wartet ein etwa 100 m hoher Aufstieg zum Reuterturm. Diesen Aufstieg unternahm der Autor vorzugsweise im groben Blockwerk in der Falllinie des Reuterturms, in dem es sich vorzüglich steigen ließ, im Gegensatz zum schuttigen Hang davor.

Rückblick zum Junsjoch – darüber Pluderling, mittig Geier und rechts Lizumer Reckner

Am Weg zum groben, auffällig hellen Blockwerk unter dem Reuterturm passiert man eine eher flache Mulde mit allerlei Resten von Kriegsspielzeug, wenn man genau beobachtet, alles zusammen jedoch uralt und augenscheinlich keine atomaren Sprengköpfe, jedoch auch nicht erstrebenswert näher zu untersuchen. Fernhalten ist eine gute Wahl.

am Reuterturm mit Blick auf die Einstiegswand der Kalkwand

Unterhalb der bizarren Formen des Reuterturms hielt sich der Autor eher rechts, betrat die Grathöhe am Südwestende desselben und wurde mit einem unerwartet eindrucksvollen ersten Blick auf die Kalkwand belohnt. Diese Ansicht ist gleichzeitig auch jene, die den leichtesten Aufstieg über die senkrechten Westwände auf den Gipfelaufbau zeigt und die zur näheren Erkundung zu einer kurzen Rast am Turmfuß in der Sonne einlädt.

Einstiegswand zur Kalkwand im Detail

Nahezu der gesamte Aufstieg kann von dort eingesehen werden, auch wenn man es noch nicht ahnt. Mit dem Glas mag man einige der berühmten blau markierten Bohrhaken finden, aber diese zu kleinen Details reichen nicht einmal zur Orientierung bis zum Grataufbau. Bereits auf der glatten Flanke oberhalb der tollen Einstiegsszene in die Wand entschwinden die Markierungen dem Auge hinter dem Glas.

Abbruchmaterial und dunkle Nordwestwand der Kalkwand; Hintergrund Graue Wand und Hippold

Die einzig markante Stelle, die weiter oben erkannt werden kann ist eine offensichtliche Wandbuchschachtel, von der man sich weigert zu glauben, daß sie den Aufstieg markiert, ist man doch ohne Seil und Seilpartner unterwegs. Die Route bleibt also zunächst ungewiss, obwohl das Gipfelkreuz kaum 200 m höher zu sehen ist.

 

auf die Schiefer der Tuxer aufgeschobener Reuterturm – deutlich ist die Grenze zu sehen

Auf schmalem Band am Turmfuß wird die Einstiegsstelle erreicht, zuletzt von einem vorgelagerten begrünten Hügel über Blockwerk kurz absteigend.
Die Stelle kann kaum verfehlt werden, ein Bronzeschild bescheinigt der Route „Alpenjägersteig“ den vierten Grad und rechts davon, über einen abgetreppten Sockel gelangt man zum leichteren Aufstieg, der sich rechts nach oben zieht und an seiner Oberkante in einem kleinen Kamin endet, der zu schmal zum Spreizen ist, jedoch genügend Griffe und Tritte in seinen Rändern aufweist, sodaß die Genusskletterei im festen Dolomit bereits auf den ersten Metern ausgekostet werden kann.

Blick vom Einstieg zur Ausstiegskante mit schiefem schmalem Kamin

Über ein Band im unteren Drittel der Einstiegswand und ein breites darüber erfolgt der Gutteil der Querung nach rechts oben und nach diesem Band beginnt der Riss sich zu öffnen, der oben zum schmalen Kamin sich weitet.

 

nach 2/3 der Einstiegswand

Dem Karwendelgeher gereicht nach den ersten Zügen der wunderbar strukturierte, griffige und stets feste Dolomitfels zum Jauchzen gut. Nirgendwo scheinen Brocken sich zu lösen, jedes Griffleistchen sitzt bombenfest und in überschwänglich leichter Kletterei ist die erste Wandstufe erreicht.

 

Rückblick auf den Einstieg in die Kalkwand

Oben belohnt die erste Wandstufe ihre Eroberung mit einem schönen Blick auf einen langen Zopf von Breitblättrigem Hornkraut, das im Kanal über der Wandkante auf über 2.600m wunderbar gedeiht.

Rückblick von der Ausstiegskante auf die Einstiegswand der Kalkwand

Auf schuttigem breitem Band geht es unspektakulär mittelsteil nach oben weiter und ein auffälliger Steinmann wird passiert. Am Ende des Bandes befindet sich wieder ein Bohrhaken, bei dem das Gelände durch einen jähen Abbruch in die Junsgrube nach Südosten eine 90° Kurve erzwingt, um etwas steiler der Falllinie des Plattengeländes zu folgen.

Ausstiegskante mit Breitblättrigem Hornkraut

Am Ende des Plattengeländes wird eine gelbliche Wand erreicht, die eine Wendung nach rechts erzwingt und wenige Meter nach der Wendung erblickt man einen Durchschlupf auf die nächst höhere Wandstufe, der man folgt und etwas schuttbedecktes Gelände erreicht, das gleich luftiger wird und den Blick auf das tief unten liegende Wattental wieder freigibt. Hier beginnt sich der Grat auszubilden.

breites Schuttband bis Steinmann

Mit großer Erwartung auf den Grat und Freude über die wunderbar festen und gut strukturierten Felsverhältnisse wurden die nun wieder etwas schwierigeren Meter am Gratansatz gemeistert.

bei der gelblichen Wand mit Richtungsänderung oberhalb

Die plötzliche Ausgesetztheit und steileres Gelände verstärkten den Eindruck, daß der Gratansatz etwas schwieriger erscheint, von der klettertechnischen Einstufung her betrachtet ist diese Sequenz jedoch mit der Einstiegswand gleichzusetzen.

Rückblick von der Südwestflanke der Kalkwand

Der rasch erreichte Grat bietet erstmals den Blick zum Gipfelbereich und nach einer Minute über die sich verschmälernde Gratschneide auch zum Gipfelkreuz. Die letzte Viertelstunde zum Gipfel erfolgt nun auf dem Gustostück der Tour mit bärigen Gratabschnitten und einem fulminanten Ausstieg auf den Gipfelbereich.

 

herrlicher Tiefblick in die Wattener Lizum

Mit ein wenig Auf- und Ab erfolgt die leichte Kletterei über den moderat steigenden Grat, der immer schärfer wird und durchgängig auf seiner Nordwestseite geklettert wird. Wie auf den Bildern zu sehen befindet man sich in festem Fels, der genügend Risse und kleine Absätze als Tritte bietet. Die Kante der Gratschneide bietet hervorragende Griffe.

steileres Gelände zum Grat mit allzeit wunderbar festem Fels

Die Wand unterhalb wäre großteils auch begehbar, ist jedoch mit Schutt und Geröll belegt, das zur Verschneidung mit dem Gipfelbereich hin zunimmt.

Ausbildung zum Grat, Gratansatz

Nach ein paar nett zu kletternden Aufschwüngen und ein paar schmalen, ausgesetzten Passagen erreichte der Autor einen letzten Gratzacken, der den auslaufenden Grat einleitet.

am Grat erstmals das Gipfelkreuz sichtbar

Hinter diesem muß noch einmal ein paar Meter zu einer wenig ausgebildeten Scharte abgestiegen werden, in der der Grat seine schärfste Stelle aufweist – zumindest nach der subjektiven Empfindung des Autors.

schärfer werdender Grat

Am Bild im Rückblick erscheint es, daß das Trümmerfeld am Fuße der Kalkwand dem Grat recht nahe ist. Man lasse sich davon nicht täuschen, der Höhenunterschied beträgt etwa 200 m und wirkt durch die gewaltige Größe der Blöcke geringer.

tolle Formen am Grat zum Gipfel der Kalkwand

Aus der Scharte steigt der Grat buchstäblich auf seiner Schneide die letzten Meter zum letzten Highlight im Aufstieg, einem sozusagen Endzacken, auf, der über ein paar Meter leicht auf die Gipfelflanke abkletterbar ist.

schönster Teil am Grat zur Kalkwand im Rückblick

Er stellt den Endpunkt der anregenden Gratstrecke dar und als letztes Sahnehäubchen bietet er über ein paar Meter einen schmalen Ansatz auf Reibung als abschüssiges, kaum ausgebildetes Band als Trittfläche und auf der Oberseite der Scholle die Schneide als Griffkante. An seinem Ende bricht der Grat jäh zur Gipfelflanke ab.

letzte Meter am Grat zum Gipfelaufbau

Der Abstieg ist gestuft und leicht zu meistern, wobei ein großer Felsbrocken die unterste Stufe sozusagen als Treppenabsatz auf die Gipfelflanke zur Kalkwand überleitet. Bequemer geht es nicht.

beeindruckender Ausstieg vom Grat zum Gipfel der Kalkwand

An der Gipfelflanke angekommen muß man sich nach der wirklich genussvollen leichten Kletterei erst einmal umdrehen und das wohl meist abgelichtete Bild vom südwestlichen Teil des Grates der Kalkwand anfertigen, bevor der schöne Aufstieg mit den letzten Metern zum mächtigen Gipfelkreuz endet.

Gipfelkreuz der Kalkwand – es hätte eine Auffrischung nötig, nicht?

Den nordöstlichen Teil des Grates hat der Autor sogleich in Augenschein genommen und feststellen müssen, daß vom Gipfel der Kalkwand aus nicht viel eingesehen werden kann, außer, daß der folgende Gratsattel mit einer schauerlichen, brüchigen Kante nach Osten, zur Junsalm hin, abbricht.

Nebengipfel der Kalkwand

Also zuerst eine Stärkung und Studium des tollen Gipfelbuches aus dem Jahre 1988, in dem bei der Einweihung des Gipfelkreuzes, das über nun mehr als 30 Jahre allerdings bereits signifikant in Mitleidenschaft gezogen wurde und eine Reparatur dringend nötig hätte, soll es Bestand haben, auch der Kasernenkommandant zur Zeit der Diensterbringung des Autors in Absam sechs Jahr zuvor, teilgenommen hat.  Eine erstaunliche Entdeckung nach 38 Jahren Absenz vom Heer.

edles Gipfelbuch Kalkwand

Die Aussicht von der Kalkwand in die Zillertaler Alpen kann als grandios bezeichnet werden. Mit ihrer zentralen Lage deckt sie in einem Winkel von knapp 90° und einer durchschnittlichen Entfernung von 25km alle hohen Gipfel ab, von denen die meisten in voller Größe zu sehen sind.

Hintere Stangenspitze (3.225 m), Wollbachspitze (3.210 m), im Vordergrund (dunkel) Nestspitze (2.966 m), Großer Löffler (3.378 m) und Spitz vom Großen Mörchner (3.285 m) rechts

Mittlerweile, während dem Genuss der Landschaft, traf ein junges Pärchen vom Nordostteil des Grates ein, die den Aufstieg vom Salzsattel aus in Angriff genommen hatten, Pascal und Christina aus Tux.

Bildmitte Hochfeiler (3.510 m)

Somit waren wir drei die einzigen Besucher des bärigen Gipfels an diesem Tag. Und auch das Gipfelbuch bescheinigt, daß er nicht sehr häufig bestiegen wird. Die Eintragungen pro Jahr umfassen wenige Seiten mit Eintragungen, sieht man von den großen Gruppen verschiedener, auch ausländischer Militäreinheiten ab, die sich darin verewigt haben.

Großer Möseler (3.479 m) links, Hoher Riffler (3.231 m) und eindrucksvoller Bergsturz vom Schmittenberg herab

Die Überschreitung mit Aufsteigenden aus der Gehrichtung fortzusetzen erschien dem Autor eine kluge Wahl – zwar etwas faul, aber bequem an einem „Lazy Sunday“ nach einer kräfteraubenden Tour über die Villerspitzen im Stubai. Und wer fragt dem wird geantwortet; die beiden hatten nichts dagegen und im Gespräch stellte sich heraus, daß die Kalkwand zu einem der Hausberge von Pascal zählt, der auch viel darüber zu berichten wußte.

die beiden Erhebungen der Torwand (2.771 m) mit dem Gipfel links

Zunächst muß am Abstieg die gelbliche Zone von Rhätdolomit zwischen den beiden Gipfeln der Kalkwand in Form einer nach Osten hin brüchigen Einsattelung durchschritten werden.

Nordostgrat in der Achse

Hierzu erfolgt der Abstieg über feste und oberflächlich sehr raue Platten in eine erdig, schuttbedeckte Verschneidung und auf der Gegenseite auf einem Band in bequemen Gehgelände auf die Flanke des Nebengipfels. Der Pfad ist mit Steinmännern markiert, obwohl auch auf dieser Seite die blau markierten Bohrhaken den Weg weisen.

Nordöstlicher Nebengipfel und Grat bis zum Salzsattel (weißer Sattel) rechts

Hinter der Rippe mit dem auffälligen Band aus der Verschneidung steigt man ein paar Meter nach oben, um in besserem Fels zu queren, als die Steinmänner unten vorschlagen.

Abstieg mit Pascal und Christina in die Scharte zum Nebengipfel

Oben passiert man von Zeit zu Zeit die Bohrhaken und steigt mit etwas mehr Auf und Ab als unten, dafür interessanter. Im Allgemeinen ist der Nordostteil des Grates weniger scharf und leichter, teilweise auch im Wechsel mit Gehgelände und zwischendurch öffnen sich imposante Blicke über die schauerliche Ostwand zur Kalkgrube hinab.

Rückblick zum Gipfel der Kalkwand

Der stetig absteigende Gratteil und das Ende der Grattour überhaupt werden mit gemütlichem Schritt etwa nach einer Viertelstunde ab Verlassen des Gipfels erreicht. Am Ende des Grates spitzt sich selbiger noch einmal zu einer auslaufenden Schneid zu, deren Totalabbruch zunächst rechts (östlich), dann links eindrucksvoll eingesehen werden kann und der letzte Bohrhaken auf einer lose aufgelagerten Felsplatte markiert das nahe Ende des Grates, der nach einem schmalen Band mit einer Abseilstelle senkrecht abbricht.

Rückblick zur Kalkwand

Bei der Platte mit dem Bohrhaken führt der Abstieg in die schuttbedeckte Nordflanke der Kalkwand. Über undeutlich zu erkennende Steigspuren erfolgt der Abstieg zu ebenfalls schwer erkennbaren Steinmännern in gerader Linie südwestwärts hinab.

letzte leichte Gratsequenz

Die Geländeform gibt die Richtung fast vor, man folgt ihr bis zur Sichtung der Steinmänner mit nicht zu steilem Abstieg.

Übergang zur Abseilstelle – hier knapp 180° umgedreht südwestwärts zu Steinmännern hinab

Sobald der als Art Absperrung errichtete Steinmann erreicht ist und etwas darüber hinaus abgestiegen wurde, öffnet sich hinter einer herabziehenden Felsrippe die Sicht auf einen kleinen Turm mit auffälligem Steinmann der angesteuert wird (Bild).

Abstieg schräg querend, Steinmänner schwer sichtbar am Bild

Damit ist der ungewisse Teil des Abstiegs eigentlich schon überwunden, denn von dort wird nur mehr über Rippen und Türmchen unterhalb der hohen Nordwestwand auf das Schuttfeld Richtung Torwand hin gequert.

Rückblick vom zweiten Steinmann

Natürlich folgen über die Querung bis zum Schuttfeld hin noch einige schöne Kletterstellen, aber die Richtung ist klar und kann durch das sichtbare Schuttfeld eigentlich nicht mehr verfehlt werden. Der Abstieg erfolgt also im Wesentlichen nur mit einer signifikanten Hauptrichtungsänderung.

auffälliger Steinmann im Nordosten nach Richtungsumkehr

Am Schuttfeld muß wieder zur Grathöhe aufgestiegen werden. Dabei passierte Pascal eine Stelle mit Trümmern von Fahlerz3, das aus einem Brocken herausgeschlagen wurde und die Minerale Azurit (blau) und der Malachit (grün) schön anzusehen sind.

Steinmännern folgend über ein paar kleine Rippen bis unterhalb die Abbruchwand

Unter vorwiegend Gehgelände am Grat wird über einen reichen Wechsel an Gestein zum Salzsattel abgestiegen. Es begleiten dort, von oben nach unten: Raibler Schichten (Tonschiefer, Sandsteine, Dolomit und Breccien), Dolomit des Ladin, Hautdolomit, Bänderkalk und zuletzt wieder Dolomit und auffällig dabei ist die dünne Schicht von schwarzen Kalken, zwischen den mächtigen Dolomitlagen.

Rückblick vom Aufstieg auf den Grat auf das letzte Kaminschen am Abstieg

Die Bezeichnung „Salzsattel“ für den Sattel zwischen Kalkwand und Torwand ist natürlich als Metapher zu sehen und stellt die salzweiße Farbe in den Fokus. Geologisch gesehen besteht dieser kurze Teil aus Rauhwacke mit Gips und hier findet sich eine gute Erklärung über die Funktion dieser Schicht am Sattel, die zu verstehen hilft wie die Kalkwand durch Deckenüberschiebung an ihren Platz gekommen ist.

Fahlerz mit Malachit und Azurit

Am Salzsattel endet der bergsteigerisch interessante Teil der Kalkwandüberschreitung.
Jenseits des Sattels stiegen wir in leichtem Gehgelände wieder über den in den Tuxern typischen, von verschiedenen Schiefergesteinen gebildeten Gratrücken auf die Torwand auf.

unterer Teil des Grates zum Salzsattel

Mit einem schönen Rückblick auf die tolle Kalkwand  verabschiedeten sich die Bergkameraden am Gipfel der Torwand, Pascal und Christina über den Zinten und der Autor über den Westhang der Torwand absteigend.

Rückblick auf die Kalkwand am Aufstieg zur Torwand

Weglos über den Hang, der im Winter eine schöne Schitour bietet, hinab in den Melkboden wird am Torjoch der Weg zur Lizumer Hütte erreicht. Zur Einkehr in der Hütte muß man den breiten Schotterweg auf einem abzweigenden alten Weg verlassen, da der Schotterweg an der Hütte vorbei zum Kasernenlager führt.

Gipfel Torwand gegen Kalkwand

Die Einkehr in die Lizumer Hütte lohnt sich nicht nur wegen dem grandiosen Rückblick, sondern auch wegen heimischen Bieres uns der g‘schmackigen Kasknödelsuppe oder anderen Speisen.

Rückblick vom Melkboden zum zerrissenen Nordostgrat

Auf der Bank vor der Hütte kann ein Großteil am Grat vom Junsjoch bis zur Torwand mit dem Glas eingesehen werden.

Route Gratüberschreitung Kalkwand

Unter schnellem Schritt über den Zirbensteig ist man einer guten Stunde in Walchen am Parkplatz.

 

Überblick über die Gratstrecke der Kalkwandüberschreitung von Melkboden links bis Junsjoch rechts

Die Tour erfordert den Anstieg über 1.620m und über eine Strecke von knapp 21km. Mit einem Gipfelaufenthalt von etwa einer Stunde und einer dreiviertel Stunde in der Lizumer Hütte betrug die Gesamtzeit 9:44 Stunden. Die Rundenzeit von der Hütte bis zur Hütte betrug knapp 6 Stunden incl. Gipfelpause.

Mils, 09.08.2020

1 Enzenberg-Praehauser, Mechthild 1976: Zur Geologie der Tarntaler Breccie und ihrer Umgebung im Kamm Hippold-Kalkwand (Tuxer Voralpen, Tirol). Mitt. Ges. Geol. Bergbaustud. Österr. S. 163-180

2 Dingeldey, Christian: Bericht 1998 über geologische Aufnahmen im Quartär der Tarntaler Berge auf Blatt 149 Lanersbach.- Jahrbuch der Geologischen Bundesanstalt, 142/3, S.304-305, 2000.

3 https://www.uibk.ac.at/geologie/schausammlung_cs/fahlerz.html

 

N

Schitour Kluppen, 2.936m

Obwohl sich über Geschmäcker streiten läßt, kann mit Recht behauptet werden, daß der Kluppen die schönste und auch anspruchsvollste Gipfelschitour im hintersten Valsertal bietet. Nach einem bereits abwechslungsreichen Aufstieg über die untere Talstufe zur Zeischalm, mit der spannenden Querung bei den Wasserfällen, wartet der knapp 10 km² große Almkessel mit wunderschöner Umrahmung auf, deren südliches Ende angesteuert wird und ein rassiger letzter Aufstiegsteil zum Schidepot gemeistert werden muß. Die weit offene und reizvolle Landschaft in der Felsumrahmung gewinnt mit dem Anstieg stets neue Gesichter.

Kluppen, 2.936m

Der obere Teil der Schitour mag bei entsprechender Lawinenwarnstufe im Hochwinter ob seiner Steilheit und den mächtigen glatten Flanken der Gratabstürze vom Kluppen zum Kraxentrager ein nicht ungefährliches Abenteuer sein, das sorgfältiger Planung bedarf.

Rückblick vom Schidepot

Im obersten Teil, etwa von 2.800 m bis zum Gratsattel, herrscht eine durchschnittliche Hangneigung von 35° mit Spitzen von 42°, die das letzte schwere Aufstiegsstück unter Schi vor der kurzen und ebenfalls steilen Begehung des Grates ab dem Schidepot bildet. Wir schafften es selbst im April gerade noch ohne Harscheisen, obwohl gegen elf Uhr bereits schon eine geraume Weile sonnenbeschienen.

Restaufstieg über gut 40m im Fels

Ein grandioser Ausblick, vor allem auf den offen einsehbaren südlichen Landesteil mit den krönenden Riesen am Beginn des Zillertaler Hauptkammes, sowie auf die interessanten Gipfel westlich davon, im Kreuzspitzkamm, stellt einen weiteren Reiz an der tollen Tour auf den Kluppen dar.

Panorama Südost bis Südwest vom Kluppen

Komfortabler, als vom geräumigen Parkplatz der Geraerhütte bei der Nockeralm los zu marschieren, geht es bei allen Touren im Valsertal eigentlich nicht. Die Schitour auf die Hohe Kirche und jene auf den Kluppen genießen das Privileg dieser kostenlosen1 Einrichtung, jedoch ist es mangels Verfügbarkeit – mit Ausnahme beim Steckholzer, zu dem ein kleiner Umweg von kaum zehn Minuten Fahrt kulinarisch lohnt – nicht möglich, dem Tal eine Gegenleistung durch eine Einkehr nach der Tour zukommen zu lassen.

Tragestrecke ab der Nockeralm

Mitte April ist die Schitour auf den Kluppen nicht zu früh im Jahr, je nach genereller Schneelage aber auch nicht zu spät, wie man von eingefleischten Wipptaler Tourengehern erfährt, die noch zu Beginn des Mai den Aufstieg mit Winterausrüstung unternehmen. In unserem Fall betrug der Aufstieg mit dem schweren Rucksack bis zur Querung der Wasserfälle knapp mehr als eine Stunde bzw. 490 Hm.

Ende der Tragestrecke

Am Weg dorthin stiegen wir teilweise über den Sommerweg, dessen Schneeauflage im Wald teilweise komplett mit Nadeln, Moos und Flechten überdeckt war, sodaß der teilweise noch mächtige Schneekörper darunter vor der Schmelze geschützt war und wir kaum eingebrochen sind. Den Aufstieg trockenen Fußes verdankten wir an diesem herrlichen Tag der Nachtkälte, da die Temperatur zur Zeit des Abmarsches bereits deutlich über dem Gefrierpunkt lag. Beim Abstieg, selbst im schattigsten Teil des alten Waldes mit herrlich anzusehenden, knorrigen Tannen-, Kiefern- und Lärchenbeständen brachen wir schon bis weit über die Knöchel ein.

vorbereiten auf Schitourenmodus

Kurz vor der Querung, an der die Hangneigung und –ausrichtung noch einigermaßen gegen die Frühjahrssonne geschützt ist, erlaubt der Blick eine erste detaillierte Einschätzung des Verlaufes der Tour im oberen Teil, ohne jedoch den schönsten Teil zu enthüllen, der auch weiter drin im Talkessel optisch nicht preisgegeben wird und bei dem viele Berichte von der „Rampe“ reden. Die vermeintliche Rampe präsentiert sich später in Wahrheit als alles andere als eine Rampe im klassischen Sinn.

jenseits einige Meter aper

Am ersten – dem zahmeren – Wasserfall konnten wir nach einer guten Stunde Fußmarsch aufrüsten (per Mitte April) und die Route ohne Unterbrechung im Schitourenmodus fortsetzen. Die bereits vielfach umgewandelte Schmelzschneeoberfläche über den steilen Wasserlauf fanden wir genügend rau und plastisch vor, um ohne Harscheisen aber mit festem Schritt griffigen Halt zu finden.

oben flüssig unten eishart

Um die kleine Felsrippe nach dem zweiten Wasserfall herum öffnet sich der schöne weite Hochkessel zunächst nach Süden und Westen, und das Gelände gibt nach wenigen Gehminuten in Richtung Zeischalm – genau: zur Inneren Zeischalm – den Blick auch auf dessen Ostseite, Richtung Hohe Kirche frei. Über Streifen von ausgeaperten und bereits aufgerichteten Latschen hindurch suchten wir günstige Passagen mit noch durchgehender Schneeauflage, und die noch wenigen voll ausgeaperten Stellen ohne Schneeband durchschritten wir kurzerhand auf den Latschen.

in der Zeischalm angelangt

Etwas tiefer als die Alm läßt man die selbe am Weg nach Süden buchstäblich links liegen und erreicht über den folgenden steilen Buckel ein eher flaches Gebiet „Wildau“ genannt, auf dessen Rand sich ein kleines Hüttchen unterhalb der aufragenden Felsen befindet. Schon weit vor dem Hüttchen bogen wir in Richtung Westen ansteigend auf den langen Hang unterhalb der sogenannten Rampe ab, etwa dem 2.020m Höhenlinienverlauf folgend.

am Weg in die „Wildau“

In langen Zügen mit wenigen Spitzkehren arbeiteten wir uns den beeindruckend langen Hang hinauf, der den Großteil dieser 400 Hm messenden Stufe, bis zum ehemaligen Kluppen Ferner hin bildet. Während dem Aufstieg werden die Aussichten nach Norden und Osten immer schöner, sodaß oben, auf 2.400m, bereits ein Großteil der südlichen Tuxer Alpen betrachtet werden kann.

unterer Teil des langen Hangs, oben die „Rampe“ von rechts nach links steigend

Im Aufstieg dorthin fanden wir eine genügend harte Firnoberfläche, bis auf die längere Querung auf eine Rippe westlich des Hangs bevor wir auf 2.400 m eine wieder flachere Stelle erreicht hatten.

hinter uns öffnen sich die Blicke in die Tuxer Alpen

Über den schon seit geraumer Zeit sonnenbeschienenen Hangteil der Querung merkten wir eine deutliche Tauwirkung mit sporadischen Einbrüchen in die darunterliegende, eher faule Schneedecke. Knapp an den Seitenmoränen des ehemaligen Kluppen Ferners führt die Route über einen weiten Couloir auf den ehemaligen Ansatz des Eises.

Querung am oberen Ende des langen Hangs

Allmählich, während der Couloir im Aufstieg breiter und flacher und an der Kuppe der Schnee um zehn Uhr morgens weicher wird, öffnet sich der Blick auf den ehemaligen Ferner. Die vermeintliche Rampe wird zum gemuldeten Kar dessen östliche Begrenzung aus Sicht von der Zeischalm eine Kante bildet, die, nach oben linienartig steigend, einen rampenartigen Eindruck vermittelt, in Wahrheit aber die ehemalige Gletschermulde bildet. Im Aufstieg bleibt man im Tiefsten der Muldung und ist deshalb von der Zeischalm aus geraume Zeit nicht zu sehen.

v. li.: Hohe Kirche, Hohe Warte, Sagwandspitze und Hohe Wand

Über den ausgeaperten Kluppen Ferner findet sich äußerst wenig, eigentlich nur eine einzige verwertbare Literaturinformation im Internet. Im Archiv der Gletscherberichte auf der Homepage des Alpenvereins befinden sich Unterlagen bis zurück in das Jahr 1920, darin jedoch keine Erwähnung des Kluppen Ferners.

im Couloir

Das liegt mit Sicherheit an seiner kaum bedeutenden Größe, möglicherweise aber auch daran, daß er noch vor dem vertieften Internetzeitalter verschwunden ist. Der etwa gleich mächtige, knapp 2.000m nordöstlich entfernte Aschaten Ferner, heute ebenfalls ausgeapert, wurde noch im AV-Kartenwerk, Stand 1994, genannt).

oberhalb dem Couloir, die Fernermulde von unten betrachtet; das Gipfelkreuz bereits deutlich sichtbar

Die einzig recherchierbare Information über den Kluppen Ferner entstammt dem Tirol Atlas2, ist eine recht gute und bietet eine genaue Angabe seiner flächenmäßigen Größe im Jahre 1989, sowie den prozentualen Rückgang (48,9%) seit 1969.

Rekonstruktion Größe Kluppenferner 1969 und 1989

Somit läßt sich die einstige Fläche (anno 1969) mit etwa 14,5ha berechnen womit im Orthofoto von Tiris3 die Konturen maßstäblich nachempfunden werden können und ein Eindruck der Verhältnisse vor 50 und noch vor 30 Jahren entsteht – Bild mit den nachempfundenen Gletschergrößen in der Bildergalerie; man beachte dabei noch vorhandene Schneereste (Kartenstand Orthofoto 20194), die klägliche Reste der ehemaligen Vergletscherung darstellen könnten.

die Aussicht nach Osten wird immer besser, v. li.: Lizumer Reckner, Geier, Kalkwand, Hohe Kirche, Kleiner Kaserer, Hohe Warte, dahinter Fußstein, Sagwandspitze und Hohe Wand

Mittlerweile, kurz nach zehn Uhr, stand der Großteil der Gletschermulde bereits unter Sonne, die Schneeoberfläche jedoch aufgrund des spitzen Bestrahlungswinkels in tadellosem Zustand, kaum aufgeweicht und vor uns lag noch ein schönes abwechslungsreiches Stück von etwa 400Hm.

mitten in der Fernermulde und von der Zeischalm aus wieder sichtbar

Die durchschnittliche Steigung im Fernerbecken bleibt zwar unter 30°, die Schlußsteigung auf die nächste Geländestufe erreicht jedoch etwas mehr als 30°. Oben (ca. 2.740m) flacht der Kluppen Ferner ab und bildet sogar eine leichte Mulde von etwa 150 x 100m mittleren Ausmaßes, deren nördliche Begrenzung wir im Bogen nach Süden zum Aufstieg nutzten, um die steile Südflanke zu umgehen, vor allem aber, um unter Sonnenbestrahlung aufzusteigen.

etwa nach zwei Drittel des Aufstiegs in der Fernermulde

Wie wir später feststellten, als wir ein kurzes Stück einer Spitzkehre im oberen Teil darin ausführten, war der Südhang noch ganz schön hart und harscheisenverdächtig. Die Höhe mit etwa 2.850m wirkte sich somit deutlich auf die Schneedecke aus.

gewaltige Mauern zum Grat Kluppen/Kraxentrager

Das letzte Stück auf dem Halbkreis der nördlichen Muldenbegrenzung und dem steilen Schlußhang ist ein Sahnestück mit Charakter, dessen Charme man an Tagen wie dem unseren erliegt und in das man sich verlieben muß.

Ausmuldung mit Schlußhang etwas verzerrt im Panorama

Einer quadratischen Funktion gleich nähert sich der schöne Hang seiner maximalen Steigung  und bereitet den Ersteiger gleichsam auf das schweißtreibende Mittelstück vor, um nach der größten Hangneigung mit über 40° gegen das Ende am Grat hin wieder etwas flacher zu werden – von unten betrachtet ein Traum!

malerischer Schlußhang – Highlight im Aufstieg

Im oberen Mittelstück befand sich eine schon größer ausgeaperte Fläche, die wir mit mehreren kurzen Spitzkehren im Aufstieg linksseitig überwanden, bevor darüber wieder weitere Spitzkehrenstücke möglich waren. In diesen weiteren oberen Stücken trafen wir auf die o. e. harten Partien, die wir an der Grenze zur Verwendung von Harscheisen empfanden.

im aperen Fleck bei maximaler Steigung

Am Gratkamm – auf dem kurzen Abschnitt des Schidepots wie zur Rast und zum Abfellen gemütlich abgeflacht – erfreut zuerst der Blick auf die Gegenseite des Pfitschtals mit den großen Erhebungen südöstlich, allen voran auf Hochferner (3.470m) und dem in seiner Flucht liegenden, gerade noch sichtbaren Gipfelspitz des Hochfeiler (3.509m), dem höchsten der Zillertaler Alpen in 10km Entfernung.

hart im schattigen Teil und grenzwertig für Harscheisen

Weitere 40 Hm trennen das Schidepot vom Gipfel des Kluppen und diese Strecke beinhaltet ein paar kleine Züge leichter Kletterei über Stufen zwischen ein und zwei Meter Höhe. Steigeisen generell nicht erforderlich, je nach Schneeverhältnissen jedoch ratsam. Der Aufstieg oberhalb der Kletterstelle am Grat kann von unten nicht eingesehen werden.

Vorfreude auf den Gipfel macht sich breit

Bis zum deutlichen Aufschwung auf den Gipfelhang erfolgt der Anstieg nordseitig ein paar netter Grattürme als Gehstrecke bis zur höchsten Kletterstelle, die ebenfalls vom Schidepot aus schon erkannt wird.

Gipfelanstieg rechts von einer Gratzinne zur etwas anspruchsvollen Stelle

Mit zwei Zügen wird die Kletterstelle überwunden und über knapp neben dem Grat auf der Südflanke des Gipfelhangs über ein paar unbedeutende Blockstufen von weniger als einem Meter Mächtigkeit bis zu einem mauerartigen Blockaufbau des kleinflächigen Gipfels aufgestiegen.

Aufstieg im oberen Teil nahe der Abbruchkante

Das kleine, konstruktiv gut durchdachte Gipfelkreuz aus Aluminium hat offenbar 28 Jahre ohne sichtbare Schäden überstanden und dürfte ein Gedenkkreuz für zwei junge Burschen sein, die sich wahrscheinlich gemeinsam auf Tour befanden. Über die „HG Lagrein“ ließ im Internet nichts in Erfahrung bringen und das Gipfelbuch am Felsmauerfuß etwas unterhalb des Kreuzes gab auch keinen Aufschluss darüber.

über aperes Blockwerk zum Gipfelkreuz

Auf dem schönen grauen blockigen Granitgneis neben dem Kreuz am Kluppen ließen wir uns eine Weile nieder und genossen die Aussicht.

Aufstieg nahe der Abbruchkante von oben

Dem Pfitschtal gegenüber liegen etwa gleich hohe Gipfel mit prächtigen Schitourenzielen, beispielsweise das Rote Beil, leicht südöstlich gegenüber, oder die Grabspitze genau im Süden.

schöner Übergang zum Kraxentrager

Richtung Westen würde der Grat zum Kraxentrager einladen und an seiner Nordflanke in der Tiefe kann man einen interessanten, ziemlich horizontal verlaufenden geologischen Einschub mit etwa einem Meter Mächtigkeit erkennen, gleich wie am Strahlkogel in den Stubaiern.  Ob es sich dabei auch um ein Quarzband handelt?

Blick vom Kluppen nach Osten, v. li.: Kleiner Kaserer, Großer Kaserer, Fußstein und gleich daneben Olperer (6,6km), Sagwandspitze mit rechts daneben das Spitzl vom Schrammacher und rechts Hohe Wand

Im Norden liegt der Kluppen Ferner tief unter dem Gipfel und die gesamte Abfahrt zur Zeischalm kann überblickt werden.

Tiefblick auf den ehemaligen Kluppen Ferner – unser Aufstieg

Östlich anschließend an den die Zeischalm einrahmenden Ausläufer erheben sich die hohen Gipfel im Tuxer Hauptkamm mit Schrammacher, Fußstein und Olperer.

v. li.: Hohe Wand, Großer Möseler (13,7km), Hochferner/Hochfeiler und Östl. sowie Westl. Hochwart

In den Tuxern im Nordosten verwundert zunächst ein imposant wirkender Gipfel, den man nicht in dieser Mächtigkeit erwarten würde und der optisch höher aussieht als der Lizumer Reckner (2.886m), der höchste Gipfel in den Tuxern. Nach genauer „Recognoscirung“, um einen Terminus der Alpenpioniere zu verwenden, stellt sich aber rasch heraus, daß es sich um die, dem Lizumer Reckner sogar noch etwa 1,5km weiter vom Kluppen entfernte, Kalkwand handelt und die um 60m niedriger ist.

ab Bildmitte südlich gegenüber Rotes Beil, ein toller Schitourengipfel, in der Ferne der Peitlerkofel (42km), Wurmaulspitze, Langkofelgruppe (55km)

Weil es so schön war verbrachten wir noch ein gute halbes Stündchen am Schidepot bei einer Jause und Höhenmedizin. Gegen 13 Uhr entschieden wir die Abfahrt anzutreten und genossen den mittlerweile au point aufgefirnten Gipfelhang in die Mulde hinab.

mit zwei Zügen zu meistern

Ein weiteres schifahrerisch schönes Stück bot der obere Kluppen Ferner. Er lag den Vormittag über meist im Schatten und präsentierte sich dadurch mit ähnlich  guter Firnoberfläche bis über den Mittelteil hinab.

eine Abfahrt wie im Bilderbuch…

Gegen Ende der Abfahrt am Ferner wurden Schwünge immer schwerer zu drehen mit dem Höhepunkt im Couloir, in dem der Firn förmlich in polstergroßen Portionen weggeschoben werden mußte – eine schweißtreibende Angelegenheit.

traumhafte Verhältnisse nun im Kluppen Fernerbecken

Überraschenderweise besserte sich die Schneequalität nach der langen Querung wieder, was uns den letzten langen und breiten Hang zu einem tollen Abfahrtserlebnis werden ließ und es wert war in einer kurzen filmischen Szene festgehalten zu werden.

Nachträglich gesehen hätten wir sogar die Abfahrt östlich des Ferners nehmen können, die der ortskundige Kollege, der vom Schidepot abfuhr, als wir selbiges erreichten, genommen hat und das wir im Rückblick von unten als eine bärige Alternative erachteten. Jetzt ist uns deren Verlauf der Rinnen bekannt und bei der nächsten Begehung sollte es möglich sein die richtige Richtung einzuschlagen.

auf 2.100m der Schnee schon beträchtlich weich geworden

Über die Hänge der Zeischalm hinab erlebten wir trotz der langen Sonneneinwirkung halbwegs gute Schneebedingungen und trafen auf kein aperes Fleckchen, das uns zum Abschnallen zwang.

Rückblick auf den Kluppen oberhalb der Zeischalm

Die Abfahrt endete nach einer guten halben Stunde nach dem ersten Wasserfall am Weg ins Tal, wo wir unsere Aufstiegspatschln deponiert hatten und auch zusammenhängende Schneeflächen abrupt verschwanden.

Querung der wilden Wasser unterhalb der Zeischalm

Der interessante Hauptteil einer grandiosen Schitour ging somit zu Ende und wir freuten uns bereits auf ein Bier irgendwo auf einem Parkplatz einer heimischen Kaufhauskette mit Kühlschrank, verstohlen in der letzten Ecke, getarnt hinter geöffneten Kofferraumdeckeln jedes Fahrzeugs, als versprengte Guerilleros in der hysterischen Virenzeit 2020 in der der Fürst seine Häscher auf Bergsteiger hetzte und sie jagen ließ, weil er befürchtete seine Intensivbetten seien in Gefahr belegt zu werden.

am Schuhdepot angelangt, von hier Tragestrecke zur Nockeralm

Der Abstieg nahm wie der Aufstieg auch eine Stunde in Anspruch wobei die letzten Schneefelder am Steig nun schön aufgeweicht waren und manchen Einbruch verursachten, aber auch der Weg der Einheimischen auf die Äußere Zeischalm recognoscirt werden konnte.

der Kluppen in Bildmitte von der Nockeralm aus

Für die Schitour mit Fußmarsch bis zu den Wasserfällen und ab dort hinunter rechne man etwa 7:30 Stunden mitsamt Pausen von knapp eineinhalb Stunden.  Über 6,3km sind knapp 1.600m zu überwinden. Steigeisen sollte man bei gefrorenen Verhältnissen, bzw. vorsichtshalber immer dabei haben, andernfalls könnte die Gipfelbesteigung darunter leiden oder das Risiko unnötig erhöht werden.

Mils, 18.04.2020

1 April 2020
2 Tirol Atlas, Institut für Geographie: https://tirolatlas.uibk.ac.at/maps/interface/thema.py/sheet?lang=de;id=1703
3 tirisMaps:  https://maps.tirol.gv.at/externalcall.jsp?project=tmap_master&x=96200.09948353228&y=208476.57903649125&scale=4000&rotation=0&view=Start&basemapview=orthofoto_labeling&user=guest&group_id=TMAPS-Gast&client=core&language=de
4 Land Tirol : https://www.tirol.gv.at/fileadmin/themen/sicherheit/geoinformation/Orthofotos/Abdeckung_2020.jpg

Figln Rosenjoch, 2.796 m

Ein Sondererlebnis an erblühender Natur über den Talboden hinauf einerseits und dem noch winterlichem Kleid der Hochkare im späten Frühjahr andererseits bietet das Figlerlebnis am Rosenjoch in den Tuxer Alpen. Der traumhaft archaische Steig von Schwarzbrunn zur Gwannschafalm stellt das Highlight im schneefreien Teil des Aufstiegs dar. Dort blühen die ersten Alpenrosen am sonnigen Westhang frühmorgens besonders eindrucksvoll.

Rosenjoch, 2.796m

Die Anreise zum Ausgangspunkt, der Gwannschafalm, kann auf mehrere Arten erfolgen und  nach jedermanns Geschmack gewählt werden. Da wäre zunächst die lange Variante entweder mit dem Radl auf der Schotterstraße bis zum Klausboden und von dort ohne Radl talauswärts wieder zur Gwannschafalm querend, oder zu Fuß (sinnvollerweise bei dieser Variante jedoch nicht bis zum Klausboden sondern bis Schwarzbrunn und von dort auf interessantem Steige zur Gwannschafalm), oder die um etwa 3,3 km kürzere Variante ab dem Parkplatz Nößlach bis Schwarzbrunn. Für letztere muß man für das Fahrzeug am Automat beim letzten Bauernhof am Großvolderberg ein Tagesticket zum Parken lösen (4.-/2020).

Blick von Schwarzbrunn auf den Steig zur Gwannschafalm

Der Aufstieg von Schwarzbrunn ist in jedem Fall reizvoller als die Route über den Klausboden, da es auf diesem Steig einiges zu entdecken gibt. Wie beschrieben vor allem die Flora, die zu dieser Jahreszeit erwacht, aber auch die mächtigen Abbrüche der typisch tuxerschen Geologie, unter denen sich der schmale Steig dahinzieht, und nicht zuletzt die tollen roten Grünalgen auf den Felsblöcken am landschaftlich beeindruckenden Platz von Schwarzbrunn, die man in einem der vielen interessanten Berichte auf voldertal.at beschrieben findet.

Jagdhütte Schwarzbrunn

Hat man also die Anreise von wo auch immer bis zur Abzweigung „Schwarzbrunn“ von der Schotterstraße nach Steinkasern erreicht, beginnt das Abenteuer der Figltour auf das Rosenjoch. In der Kehre wird der Schotterweg flach, bzw. etwas abschüssig taleinwärts nach Schwarzbrunn verlassen. Die Vorbergalm, gut 50 Hm oberhalb der Abzweigung bleibt links liegen.

der größte Block von Gletscherresten vor der Talstufe zum Klausboden

Die Strecke nach Schwarzbrunn ist kurz, in einigen Minuten wird die Jagdhütte erreicht, bei der die gesamte umgebende Ebene ein fühlbar eigenartig positives, sympathisches Flair ausstrahlt. Kraftplatz nennt man das Gelände in der heutigen, auf Kommerzialisierung ausgerichteten Sprache (Kommerzialisierung in diesem Sinne als „Vorwegnehmen vor das Selbsterlebnis gestellt“ zu verstehen und durch die lesbare Kennzeichnung somit bereits kategorisiert ohne das Erlebnis erfahren zu können; sozusagen eine Anleitung für das Empfinden).

Blick Richtung Steigverlauf

Schwarzbrunn (1.600 m) bildet gleichsam den Talschluß der letzten der unteren Stufen des Voldertals. Von dort führt eine ausgeprägte Steilstufe über 200 Hm auf den Klausboden hinauf.
Der Steig durch diese Steilstufe, links neben dem Bach (in Aufstiegsrichtung gesehen), beginnt nach der Jagdhütte mit zunehmender Steigung und kann als schöne Wanderung durch mystisch anmutenden alten Baumbestand empfohlen werden.

Rückblick in halber Höhe unter den Felsen

Zur Gwannschafalm1 (das Gwannschaf gibt es nicht – höchstwahrscheinlich beinhaltet die Wortzusammensetzung „Gwann“-Schafalm eine Flurbezeichnung und die Alm könnte diese Benennung aus dem Erbrecht erlangt haben) wird zunächst auf kleiner Holzbrücke über den dort beruhigten und etwa fünf bis sechs Meter breiten Voldertalbach übergesetzt.

Felsen oberhalb des Steigs zur Gwannschafalm

Durch leicht sumpfiges Gebiet führt der Steig über einige Dutzend Meter in den archaischen Wald hinein, und führt dort ein paar Hundert Meter rechts (im Aufstiegssinn) neben dem tosenden Bach und durch auffällige Felsblöcke in Garagengröße. Auf einer Lichtung nach dem Wald wendet sich Steig nach Westen, den bereits besonnten Hang in Serpentinen aufsteigend.

An diese Stelle wandert man zwischen eindrucksvoll großen Felsblöcken ehemaliger Gletschermoränen hindurch. Der größte, nach oben hin auskragende, Block wurde mit Expressen (Karabiner) zum Erklettern ausgestattet und steht mitten in der Landschaft.

Rückblick von den Felsen

Von dort leitet der offensichtlich nicht häufig begangene Steig in Serpentinen, teilweise mit Gras bis zur Unkenntlichkeit überwachsen jedoch gut erahnbar, steil nach oben in Richtung der mächtigen Felswände oberhalb. Am Weg dorthin bieten sich einige großartige Fotomotive.

Steigverlauf bei den Felsen

Die Felsen, bestehend aus Quarzphyllit und Glimmerschiefer, dort aber auch aus Gneisen gebildet, werden in etwa 30 min ab Schwarzbrunn erreicht. Sie ragen ziemlich senkrecht mit etwa 30 bis 40 m Höhe aus dem Hang. Im Rückblick läßt sich die abfallende Hangneigung vom Steilsten der Vorbergreise bis hinab zum Talgrund eindrucksvoll studieren. Bis in den untersten, flachen Bereich schafften es beim Felssturz vor 200 Jahren nur die größten Felsblöcke.

nächste Talstufe durch lichtes Zwergstrauchgebüsch (links im Bild)

Die üppige Vegetation im unteren Teil des netten Steigs auf die Gwannschafalm bilden subalpine Au-Gebüsche, die ab den Felsen durch Zwergstrauchheiden der alpinen Stufe abgelöst werden, letztere typisch für silikatreiche, kristalline Böden. Die Zwergstrauchheiden stellen zum überwiegenden Teil Alpenrosen dar und begleiten den Steig bis weit über die Gwannschafalm hinauf.

die Landschaft wechselt auf die alpine Stufe

Eine kleine Flachstufe bildet die nächste markante Stelle im Aufstieg. Auf 1.890 m trifft man auf den Einschnitt des Gwannalmbachs und durchsteigt eine flache Stelle, den Bach überquerend. Links des Baches führt der Steig zum Verbindungssteig vom Klausboden her weiter. Der Baumbewuchs wird auf diesem Teil zusehends dünner, die Strauchflächen ausgeprägter und kaum fünf Minuten des Aufstiegs nach der Vereinigung der beiden Steige ist die Gwannschafalm auf 1.966 m erreicht.

bei der Kreuzung der beiden Steige

Stellt man sich die Alm als eine bewirtschaftete vor so täuscht man sich. Die Bebauung der Alm besteht aus nichts anderem als einem Stallgebäude aus zu Grundmauern aufgeschichteten Steinen und einem schindelgedecktem Holzdach, gerade einmal als Unterstand für die Schafe geeignet. Stirnseitig durch die Stalltür geblickt befindet sich innen ein wenig Gerümpel, jedoch ist der Gebäudeteil großteils leer.

vor der Gwannschafalm

Die ältesten Balken dürften wohl bereits über 130 Jahre alt sein, wie die eingeschnitzte Bauinschrift “ P 8 + 7 J “ verrät (wobei das erste Zeichen kein „P“ darstellt, das Symbol konnte vom Autor aber auch nicht recherchiert werden). Ein weiters ehemaliges Gebäude besteht nur noch in den Resten der Grundmauern als Ruine.

Gwannschafalm

Die Gwannschafalm liegt auf dem Steig zur Tulfer- und Glungezerhütte und kann als Rundwanderung entweder mit dem Anstieg aus dem Tal (wie in diesem Bericht bis jetzt beschrieben) oder sogar als sehr lange Höhenwanderung mit Aufstieg ab Volderwildbad auf der östlichen Talseite zur Markissalm und weiter über den Steig zum Largotz bis auf 2.200 m, taleinwärts bis zum Klausboden mit Wechsel auf die westliche Talseite, an der Gwannschafalm vorbei und weiter bis zum Tulfeinjöchl mit beliebigen Abstieg entlang der Lifttrasse zurück nach Volderwildbad ausgeführt werden.

gewaltiger Blick nach Norden ins Karwendel

Die lange der beiden Varianten wäre dann mit 1.600 Hm und 23 km Länge eine „light“- Ausgabe der phantastischen Reise der Voldertalrunde, die sich auf diesem Blog beschrieben findet.

Bauinschrift der Gwannschafalm (1887 – erstes Zeichen noch zu recherchieren)

Von der Wiese vor der Alm kann ein beeindruckender Blick talauswärts auf den Talgrund mit den meisten Almen und außerhalb des Voldertals auf die nördlich des Inntals gelegenen mächtigen Karwendelgipfel genossen werden.

ehemaliges zweites Almgebäude im Vordergrund

Der Steig auf das Rosenjoch verläuft diagonal durch die kleine ebene Fläche um das Almgebäude, der Wegweiser ist nicht zu übersehen. Hinter der Alm erhebt sich eine kleine Geländestufe auf 2.100 m, bei der die ersten durchgehenden Schneefelder begannen, sowie eine weitere ins vordere Gamskar auf gut 2.200 m an deren Ende die Schneedecke durchgehend bis zum Gipfel vorgefunden wurde. Die Abfahrt würde also über 800 Hm möglich sein und die Aussicht darauf reichte zu Hochstimmung an dem perfekten Tourentag.

Aufstieg zum Gamskar (links im Bild der letzte Abfahrtshang)

Die gewaltigen Felsblöcke im Gamskar stammen vom ehemaligen Rosenjochgletscher, der in alten Karten2 noch zu finden ist, sowie von Blockgletschern. Ihre Form verrät, daß sie nicht von einem Bergsturz stammen können.

die Schmelzwässer rauschen im Gwannalmbach zu Tale – dahinter erstmals das Rosenjoch zu sehen

Die Basis im Gamskar ist eine sehr reizvolle leicht geneigte Hochfläche mit allerlei kleinen und größeren Schmelzwasserlacken, viel Vegetation im beginnenden Juni und unübersehbar violett leuchtende Mehlprimeln, meist die ersten Boten der floristischen Wiedergeburt im Hochgebirge.

Groß hilft Klein – es wäre sonst hier nicht möglich

Ob der wahre Kraftplatz im Gamskar zu finden ist? Zumindest ein weiterer, denn ein tief wurzelndes, wohliges Gefühl steigt bei einer kurzen Rast an so zeitlosen Tagen wie jener bei der Begehung durch den Autor aus den Tiefen der Seele. Den Anlass für die positive Wirkung bildet die Aussicht auf die vorausliegende Strecke durch das schöne, zwar steile aber nicht bedrohliche Kar auf die ehemalige Gletscherstufe hinauf – ein alpin interessantes Gelände und gleichzeitig entspannend.

Gamskar zum dahinschmelzen

Der Firn, gegen 10 Uhr morgens kaum zwei Finger breit aufgetaut, hielt dem entschlossenen Schritt wunderbar stand und erwies sich andererseits doch weich genug, um eine trittfeste Kerbfläche mit genügendes Standfestigkeit in des Winters Resten zu erzeugen, ohne daß übermäßiges Stufenschlagen vermieden werden konnte und der Aufstieg auf die Abbruchkante des Gletscherkessels des Rosenjochs in der selbstgewählten Steigung mit einigen Spitzkehren unter innerem Jauchzen zur Freude gereichte.

das schöne Couloir im Gamskar auf die nächste Talstufe

Momente wie diese, nein die Mischung aus allen Empfindungen – von Temperatur, Stille, Licht, Anstrengung, Ausblick, geometrische Erhabenheit, Klarheit der Dinge, die spürbare Ordnung des Chaos von Jahrmillionen und eine schwer erklärbare Verzauberung – bilden die Gefahr der Droge Berg, der sich das kleine Individuum keck anvertraut, ihrer zur Gänze erliegt und den gesamten Aufstieg einfordert.

Indikatoren für die Hangneigung – im Frühjahr wenig Thema…

Die Bilder von Fels, Schnee, Sonne und Blau brennen sich am Weg dorthin in die Erinnerung ein, der Schritt wird von der Sucht nach ständig neuen Eindrücken getrieben. Berauscht wie einst von Odysseus von Sirenen gibt es kein Entrinnen vor dem Ende, dem süßen Tod des Gipfels – der Sonnentau unter den Naturerlebnissen.

welch Szene!

Das kleine Erwachen aus dem faustischen Traum erfolgt auf knapp 2.450 m, am Übergang zum gewaltigen Becken des ehemaligen Rosenjochgletschers. Dort breitet sich die Landschaft plötzlich von einer kaum 100 m breiten und steilen Karrinne auf einen zunächst flach erscheinenden Hochtalkessel von etwa 500 m Breite der unteren Basis und einer Breite an den Graten von fast einem Kilometer aus – ein gewaltiger Eindruck, dessen Mitte das Rosenjoch mit seinem abgerundeten Gipfel von knapp 2.900 m Höhe bildet. Ein Eindruck der einer Aufsaugminute bedarf.

Rosenjoch von der Stufe auf ca. 2.450m aus gesehen

Die Wahl des weiteren Aufstiegs fiel für den Verfasser, der Figlerlebnisse in eisenfesten Südtiroler Schuhen und kurzer Hose zu ersteigen pflegt, auf eine apere Rippe, die auch des Sommers den Normalaufstieg bildet. Um dorthin zu gelangen, erforderte das Gelände eine Querung über etwa 150 m fast ebener Fläche, die von der Sonne bereits besonders tief aufgeweicht wurde und manche Stellen Gamaschen erfordert hätten. Man sollte sie also auch auf über 2.500 m nicht zuhause vergessen haben.

am Weg zur aperen Rippe

Auf der aperen Rippe angelangt bot sich ein toller Blick in den südwestlich vorausliegenden Kessel, der in dieser Höhe am Beginn des Monats Juni noch vollends schneebedeckt eine bärige Abfahrt verspricht.

Rosenjoch südwestlich der Aufstiegsrippe

Unter sommerlichem Schritt auf Fels entlang der Kante der Rippe wird rasch an Höhe gewonnen – die Wahl des kleinen Umwegs stellte sich damit als richtig heraus.
In Gratnähe – es handelt sich um die Leeseite der Kette – mußten abschließend noch ca. 100 Hm (auf ca. 2.670 m) wieder in tieferem Schnee bewältigt werden, dank festem Untergrund jedoch mit Bergschuhen gut gangbar.

Rückblick auf den unteren Teil des Aufstiegs in die letzte Talstufe: von ziemlich rechts im Bild wird gequert

Der Grat wartete mit einer kühlen Brise Westwind auf, nicht stark, aber ohne Bewegung mit der leichten Bekleidung eines Shirts kaum aushaltbar.

am Grat angelangt (etwa 2.750m)

Innerhalb weniger Meter aus der Leeseite auf den Grat wechselte die Schneekonsistenz von weichem nassem Firn auf windgepressten, wenig umgewandelten Altschnee von winterlicher Ausprägung. Die Niederschläge und kalten Tage über mehr als eine Woche vorher ermöglichten diese Schneesituation, die meist ab April nicht mehr anzutreffen ist.

Rückblick über den traumhaften oberen Talkessel unterhalb des Rosenjochs

Von der tiefsten Stelle am Joch zwischen Rosenjoch und Kreuzspitze wird der Gipfel in einer Viertelstunde am Grat erreicht.

ein paar Minuten bei kaltem Lüftchen am Grat entlang

Wider Erwarten bekam das Rosenjoch nicht nur durch den Autor vom Voldertal her, sondern auch vom Arztal her Besuch von Figlern. Etwa 20 min nach dem Eintreffen am Gipfel erreichten drei Figler, die sich ins Arztal hatten bringen lassen, ebenfalls den Gipfel, um auf der Voldertalseite abzufahren.

Blick bis Volders

Weitere 20 min später erreichten zwei Tourengeher, die der Autor bei der Gwannschafalm überholt hatte, mit Winterausrüstung das Rosenjoch.

Zillertaler Hauptkamm im Süden

Der klare Tag und die spärliche Bewölkung ermöglichten tolle Fernblicke in alle Himmelsrichtungen mit besonders ungetrübter Sicht ins Karwendel, nach Südwesten (in Bildmitte abgedunkelt die als Schitour tolle „Seabelesspitze“) und in die Lechtaler Alpen.

grandioser Blick in die Stubaier Alpen; markant links im Bild das Sarner Weißhorn mit abgedunkelter Spitze

Zur Abfahrt rüstete der Autor nach einer guten Stunde des Genusses der Landschaft, zeitgleich mit den Figlern und kurz vor den Schifahrern. Bald stellte sich, völlig unbeabsichtigt, aber eindrucksvoll in der Auswirkung, ein Vergleich von drei verschiedenen Hilfsmitteln zur Abfahrt heraus. Während die Figler kaum drei Minuten Vorsprung hatten startete der Autor etwa acht Minuten vor den Schifahrern. Die Positionen auf der Abfahrtsroute können gut im Bild von 12:27 erkannt werden.

bärige Abfahrt über den steilen Gipfelhang vom Rosenjoch

Ohne im Entferntesten einen Wettkampf austragen zu wollen, sondern mit normalem Abfahrtsgenuss seine Schwünge zu ziehen, starteten die beiden Gruppen sowie der Autor als Einzelner ins Vergnügen. Schon nach wenigen Minuten trat der Unterschied der möglichen Fahrgeschwindigkeiten zwischen den Figlern und den Kurzschi des Autors deutlich hervor.

Impressionen am Rosenjoch

Selbst bei Bewertung der Behäbigkeit einer Dreiergruppe im Vergleich zu einem Einzelnen kann anhand der Positionen im Bild eindeutig erkannt werden, daß die Kurzschi enorme Vorteile gegenüber Figln aufweisen. Wenige Minuten später erwies sich die größere Schilänge in umgekehrtem Verhältnis zwischen den Schifahrern und den Kurzschi des Autors als unschlagbar, als die Schifahrer den Autor am Ende des steilen Teils im Gamskar mühelos überholten.

Rosenjoch: Bild von 12:27, äußerst links die Schifahrer und in der rechten Bildhälfte die Figler

Die Figler wurden im oberen Gamskar erst wieder sichtbar als die Schifahrer bereits unterhalb des Gamskars auf den letzten langgestreckten Schneefeldern bis auf etwa 2.150 m abfuhren und ein letzter Blick zum Rosenjoch geworfen werden kann. In den weichen, tief ausgekolkten Schneerinnen im warmen Gamskar, in denen auch der Autor mit Kurzschi Schwierigkeiten hatte, erwiesen sich die langen Alpinschi natürlich als unschlagbar.

bereits im unteren Teil des ehemaligen Gletscherkessels

Mit Sicherheit haben alle die Abfahrt genossen und keiner ist extra schnell gefahren, um zu überholen. Sehr wahrscheinlich hatten die Figler mit der geringsten Aufstandsfläche und mehrfachen Stürzen den größten Spaß dabei, aber dennoch zeigt der zufällige Vergleich die Möglichkeiten verschiedener Abfahrtshilfen, die über knapp 800 Hm Abfahrt signifikant ausgefallen sind.

das Couloir im Gamskar

Schließlich aber zeigte sich doch wieder ein Wechsel in „Poleposition“ dadurch, daß das Umrüsten auf den Marschbetrieb der Schifahrer wesentlich länger dauerte als beim Autor, der keine Schuhe wechseln mußte und die Schifahrerkollegen nach dem letzten Schneefeld einholte.

gewaltige Szenerie im Gamskar, letzer Blick gen Rosenjoch

Eine nähere Beschreibung der traumhaften Abfahrt erübrigt sich, dafür sprechen die Bilder in der Galerie Bände. Erwähnt sei lediglich, daß man sich der Schi oder Figl nicht zu früh entledigen sollte, da nach der Kante vom Gamskar talwärts noch etwa 100 Hm Abfahrt warten könnte, auch wenn man sie nicht gleich einsehen kann. Die letzten Schneefelder befinden sich etwas links der Aufstiegsroute und werden von diesem nicht unbedingt erkannt, wenn man sie noch nicht kennt.

letzte Meter unter Schi – bäriger Abschluß

Vom letzten Schneefeld empfiehlt sich die direkte Route abwärts durch knorrige Almrosenbüsche zur Gwannschafalm, die man mit diesem Abstieg sozusagen umrundet hat und in der Nähe vom Bach wieder auf den Steig nach Schwarzbrunn oder zum Klausboden trifft.

letzte tolle Stufe mit Ende der Schneefelder

Im Nachmittagslicht und bei sommerlichen Temperaturen kann der schöne Steig nach Schwarzbrunn ein weiteres Mal genossen werden.

knapp oberhalb der Gwannschafalm

Die außerordentlich ansprechende Figltour erforderte eine Gesamtgehzeit ab dem Parkplatz Nößlach von 6:10 Stunden bei 1.370 m Aufstieg. Die Gipfelpause betrug 75 min.

Mils, 01.06.2020

1 Wikipedia: Die Ausdrücke Gewann (süddeutsch und schweizerisch auch Gewand) und Gewann(e)flur, bezeichnen eine Flurform, die vor allem infolge der zelgengebundenen Dreifelderwirtschaft und des Erbrechts entstand.
Die Gewannbezeichnungen lassen noch heute Rückschlüsse auf die frühere Nutzung, Lage oder Beschaffenheit des bezeichneten Gebietes zu. Sie sind ein wesentlicher Teil der Flurnamenforschung, die sich darüber hinaus auch mit Namen etwa von Waldflächen oder bestimmten kleinräumigen geografischen Einheiten befasst, die nicht im engeren Sinne als Gewann angesprochen werden.

2 Es handelt sich um die von k.u.k. Obstlt. Rudolf Czelechowsky aus Hall gezeichnete Karte, der von 1893 bis 1900 als 1. Vorsitzender der D.u.Oe.AV Section Hall i.T. vorstand. Czelechowsky hat diese „Umgebungskarte von Hall“ im Maßstab 1:50.000 in mehrjähriger Arbeit gebietsgetreu selber aufgenommen und händisch gezeichnet (Gerald Aichner, Alpenverein Hall, 2019 / https://www.7tuxer.at/idee-blog/).
Äußerst interessant an dieser Karte von 1909 sind Details, die in unmittelbarer Nähe der Figltour auf das Rosenjoch zu finden sind, die auf der heutigen AV-Karte verschwunden sind, wie ein Steig, der noch in, oder knapp nach den untersten Blöcken der Vorbergreise, jedenfalls vor oder äußerst nördlich von Schwarzbrunn und im gemuldeten Tal steil nach oben zum Kreuzjöchl führt. Oder die Fortsetzung des besagten Steigs auf der westlichen Gratseite, vom Kreuzjöchl hinab zum Viggar Hochleger, damals „Vicar Alm“ benannt, wovon der obere Teil nicht mehr zu existieren scheint.
Weiters erscheint interessant, daß der einzige Aufstieg zur „Schaf Alm Gwann“ jener Steig darstellt, der in gegenständlichem Beitrag gewählt wurde und sich als Kleinod entpuppte. Die Jagdhütte Schwarzbrunn ist zeitlich gesehen gerade nicht mehr erfaßt, weil sie in den Jahren der Vermessung und Detailarbeit zur Karte erbaut und möglicherweise erst just zur Drucklegung von Czelechowskys Karte fertig wurde.
Ins Auge fallen weiters alle Bezeichnungen der Almen in der Talmitte und aber keine Bezeichnung für die heute wohl wichtigste? Alm in Talgrundnähe, die Vorbergalm, zumindest die heute Größte aller dort aktiven.

 

Figln im Halltal 2020

Das heurige Frühjahr, geprägt von zu gutem Wetter Ende März bis Mitte Mai, ließ trotzdem ein paar tolle Figltage zu und den Großteil davon auf durchwegs stark bestrahlten Hängen im Halltal. Ein Sondererlebnis war das Rosenjoch in den Tuxern, von dem in einem anderen Bericht die Rede sein wird.

flach ist es im Mittelteil gerade auch nicht

Die Figltouren im Halltal wurden auf diesem Blog schon mehrfach im Detail beschrieben, zuletzt mit Bericht vom 1. Juni 2018, weswegen in der Folge weniger auf die Details zum Aufstieg eingegangen wird, als sonst die Art zu berichten gepflegt wird.

Frauenschuhe im Halltal

Beim Vergleich der Bilder 2018 mit 2020 fällt die weitgehend ähnliche Schneelage auf und dies verlangt nach einem Blick auf die Klimadaten in diesem Zeitraum. Wenn eingangs von zu gutem Wetter die Rede war, dann stehen vor allem die Sonnentage gegenüber den Kaltfronten mit Schauern und Neuschnee in den Höhenregionen der betrachteten Hänge im Fokus, die sich auf die Schneedecke entweder mit Schmelze oder eben Verzögerung der Schmelze durch zu tiefe Temperaturen auswirken.

kurz vor dem Gipfel der Lattenspitze

Im April wurden in beiden Jahren zwar keine Figltouren ausgeführt, da er aber als vorausgehende Periode zur Entwicklung der Schneeverhältnisse bestimmend ist, wurde in die Gegenüberstellung aufgenommen.

das Tiefblau gibt es nur am Berg!

Interessanter Weise herrschten 2018 fast die gleichen Temperaturverhältnisse im April (Mittelwert Lufttemperatur 2,7° zu 2,4°), der Mai war 2018 hinsichtlich der Schneeschmelze mit einem Mittelwert der Lufttemperatur von 6,1°C deutlich abbauender (die Schneedecke betreffend) als 2020 mit 3,1°C. Der Juni entwickelt sich dafür bis zum 14. d. M. heuer kälter als 2018.

Vergleich der schneedeckenbeeinflussenden Wetterdaten 2018/2020

Beim Niederschlag – er ist im April generell noch recht zurückhaltend und das typische Aprilwetter läßt sich anhand der Daten nicht beweisen – ist festzustellen, daß der April 2020 mit der doppelten Menge von 2018 ausfiel, wenn auch erst gegen sein Ende hin. Die Niederschlagsmengen im Mai weichen in beiden Jahren nicht so sehr voneinander ab, also sollten sie aus Sicht der Schmelze den gleichen Einfluss gehabt haben.

Blumen etwa auf 2.250m – ein Traum!

Die Sonnenbestrahlung schließlich läßt trotz unterschiedlicher Monatswerte im April und Mai der Vergleichsjahre erkennen, daß in Summe über beide Monate eine auf die Stunde gleiche Sonnenscheindauer in beiden Vergleichsjahren vorherrschte.

Frühlingserwachen im Halltal

Für diesen Vergleich wurden die Daten vom Patscherkofel (Messhöhe 2.247m) herangezogen, die mit der Luftlinienentfernung von 14km nach Meinung des Autors eine hinreichende Genauigkeit zur Beurteilung der Unterschiede bieten.

Zwergprimel

Betrachtet man nun die drei datumsmäßig vergleichbaren Touren Lafatscher Roßkopf (zeitliches Δ 4 Tage), Stempeljoch (Δ 11 Tage) und Hintere Bachofenspitze (Δ 12 Tage), so stellt man anhand der Bilder fest, daß die Schneelage in beiden Jahren optisch kaum unterschiedlich ausfällt (mit Ausnahme im tief gelegenen Stempelkar, siehe unten).


Die Klimabedingungen für die Schneedecke scheinen also für die Figlsaison jeden Jahres – die Monate April und Mai überlagert gesehen – weitgehend dieselben zu sein.

Der größte Unterschied in der optischen Beurteilung liegt in der Schneedecke des Stempelkars. Zwei Bildvergleiche aufeinanderfolgender Zeitabschnitte von elf und zwölf Tagen verdeutlichen die Situation in zwei Stufen recht plakativ:

  1. Bild vom 10. Mai 2018 zu Bild vom 21. Mai 2020 -> zeitlicher Unterschied 11 Tage:
    Während 2018 die Fahrt bis zum Weg in der Iss möglich war, war dies 2020 nicht mehr möglich und die Schmelze war 2020 nur elf Tage später bereits weit fortgeschritten
  2. Bild vom 31. Mai 2018 zu Bild vom 12. Juni 2020 -> zeitlicher Unterschied 12 Tage:
    In 2018 zog sich Ende Mai noch ein breites Schneeband bis zum Ende der Reise in der Iss und 2020 – wenige Tage später – lag im Stempelkar nur noch marginal Schnee

Die Bilder vom 10. Mai 2018 (unten) und 12. Juni 2020 (oben) verglichen, zeigen auch recht gut die Entwicklung der jährlichen Schmelze innerhalb fast genau eines Monats auf einer mittleren Seehöhe von etwa 1.900m.

 

Für alle Touren gilt, dass der Aufstieg über die teils sehr steilen Hänge kann allgemein als weitgehend homogen bezeichnet werden, ungeachtet der Hangausrichtung und Seehöhe. Firn hat sich mehr oder weniger gut ausgebildet, jedenfalls ist die Schneedecke bis mittags fast ausschließlich fest und in den flacheren Teilen nicht besonders mühsam zu besteigen (Grödl nur zum schnelleren Fortkommen, nicht zwecks besserer Haftung teilweise zu empfehlen).

Lattenspitze, Pfeiserspitze, Stempeljoch (etwa 550Hm Abfahrt):

Sie ist ein leichter Klassiker, der sich auch zur Erkundung der Verhältnisse im Bachofenkar gut eignet. Der Autor beginnt zur Einstimmung meist mit ihr, oder mit der kleinen Tour auf die Wildangerspitze, seine jährlichen Figlabenteuer.  Auf den Aufstieg zur Lattenspitze und der Übergang zur Pfeiserspitze wird in diesem Bericht nicht eingegangen, er ist hinlänglich bekannt und auf diesem Blog mehrfach nachzulesen.

Autor mit der Stempelspitze im Hintergrund

Seit einigen Jahren wurden im Übergang zwischen beiden Gipfeln wurde die Seilsicherung erneuert und die sympathischen gummiüberzogenen Seile mit den griffigen Verdickungen (zum besseren Halt) gegen Seile nach der geltenden Norm ersetzt.

auf der Pfeiserspitze 2.343m

Ebenfalls seit einigen Jahren länger wurde das schmucke zierliche Gipfelkreuz der Pfeiserspitze von der Grathöhe auf einen flacheren nördlicheren Punkt versetzt. Die Gipfelbuchschachtel ist jedoch am Grat verblieben.

Figln unterhalb der Pfeiserspitze

Die Abfahrt beginnt unterhalb der letzten Seilsicherung am Felsansatz in den Reisen zur Pfeis hinab (etwa 2.250) in Richtung Stempeljoch und muß bereits nach etwa 50hm auf den meist ausgeaperten Jochflächen unterbrochen, um hinter dem mittig im Joch aufragenden Felskopf wieder fortgesetzt werden zu können.

Hintere Bachofenspitze (etwa 950Hm Abfahrt):

Diese Tour ist die längste und in der Abfahrt zweigeteilt. Am Ende des Bachofenkars, das man bis in den Juni fast immer bis knapp vor den Wilde-Bande-Steig fahren kann, lohnen sich gute 10min taleinwärts am Steig, um – noch vor dem Stempelkar, vom Kälberkar seitlich ins Stempelkar abfahren zu können.

Bachofenkar

Im Aufstieg in der steilen Rinne zur Scharte zwischen den Bachofenspitzen empfehlen sich zur Vermeidung übermäßiger Anstrengung mit Stufenschlagen immer Steigeisen, auch der Sicherheit wegen.

Mittelteil des Bachofenkars

Die Neigung der Rinne liegt im Durchschnitt über 40°, Stellen erreichen 45° und die Stelle unterhalb der Rotkalke in Schartennähe muß überklettert werden. Diese Stelle (etwa 2.570m) ist auch der Punkt an dem man meist die Steigeisen wieder verstauen kann, weil die Schuttflächen darüber im Mai bereits aper sind.

unterer Teil der Rinne

Nächtens friert es nicht mehr und um die Mittagstund nimmt die Festigkeit der Firndecke deutlich ab, bzw. steigt die Durchbruchgefahr in den Schmalstellen der Rinne auf die Bachofenspitze enorm.

Hintere Bachofenspitze, 2.668m

Dies war auch der Grund bei der Abfahrt die Figl erst ab etwa der Hälfte der Rinne anzuschnallen, denn die bekannte Engstelle hat Ähnlichkeiten zu einem Bergschrund und ein Bruch der Firndecke hätte ein Versinken möglicherweise bis zum Hals zur Folge.

Figlabfahrt in der Rinne

Nicht das Versinken, mehr die Nässe auf der leichten Kleidung ist hier die Situation, die zu vermeiden man wünscht.

Rückblick über die phantastische Abfahrt

Lafatscher Rosskopf (etwa 470Hm Abfahrt, mit Stempelkar 820Hm):

Eine weniger bekannte Figltour, jedoch sicherlich die am längsten zu befahrende im Frühjahr ist jene auf den Lafatscher Rosskopf. Diesen Umstand verdankt sie ihrer Höhenlage und Hangausrichtung. Sie beginnt auf knapp über 2.520m und endet unterhalb des Lafatscher Jochs auf 2.050m, also 350Hm höher als die anderen Figltouren, die in der Iss auf etwa 1.700m enden.

die spätere Abfahrt von der Scharte; wir haben die Wechte rechts umgangen

Von allen Hängen, bis auf den Nordhang der Wildangerspitze, besitzt sie mit der Ausrichtung des Kars der Jochreisen nach Osten die günstigste, um einen langen Bestand der Schneedecke zu gewährleisten. Die Mittags- und Nachmittagssonne erreichen die Jochreisen bis in den Mai nur im spitzen Winkel und verzögern damit die Schmelze.

das Gipfelkreuz kommt näher

Die Tour hat das Gipfelziel des Kleinen Lafatschers, der auf der, bereits Anfang Mai völlig aperen, Südostrippe erstiegen wird. Die letzten Reste von Schnee am Normalweg befinden sich im flachen Teil am Grat zum Gipfelkreuz. Für diese kurze Strecke empfiehlt sich ein Respektabstand zur Wechte auf der Grathöhe, die nicht nach jedem Winter gleich ausgeprägt und nicht komplett einsehbar ist.

Herwig am Kleinen Lafatscher

Zur Figlstrecke muß am Kreuzungspunkt der Südost gerichteten Aufstiegsrippe und des schärferen Nordostgrates 105Hm zur Scharte zwischen dem Kleinen Lafatscher und dem Lafatscher Rosskopf abgestiegen werden. Der Abstieg erfolgt über schuttbedecktes und teilweise brüchiges Gelände in leichter Kletterei. Im unteren Teil nimmt die Brüchigkeit etwas zu, vor allem in den ockerfarbenen Störzonen, schlechten und lehmdurchsetzten Materials. Die Scharte wird aber leicht erreicht.

Abstieg zur Scharte zwischen Kleinem Lafatscher und Lafatscher Rosskopf

Die Ausprägung der riesigen Wechte, die den Eingang in das Kar versperrt stellte sich 2020 völlig anders dar als in den Vorjahren. Bei der heurigen Begehung befand sich der ausgeaperte Spalt zwischen Fels und Wechte wesentlich weniger breit als 2018. So mußten wir eine andere Möglichkeit suchen die auf ihrer Vorderseite meist weit mehr als 5m hohe Wechte zu umgehen.

die mächtige Wächte in der Scharte, von links kommt man herab

Dies schafften wir auf ihrer nordöstlichen Seite, wo das Felsköpfchen in Grat eine nicht zu steile Fläche für den Abstieg zu einem ausgeaperten Bereich bietet, an dem sich die Figl gut anschnallen lassen. Auf schmalem Schneeband gestartet führt die Abfahrt unterhalb einer größeren ausgeaperten Plattenstelle mitten ins Kar. In diesem obersten Bereich um die Wechte werden Stellen mit 45° Neigung erreicht.

im oberen Teil recht weiche Verhältnisse

Die Abfahrt kann bis zum Tiefpunkt am Weg zum Halleranger erfolgen, wobei die beste Schneequalität logischerweise im Schatten der Aufstiegsrippe zu finden ist. Von dort sind etwa 60Hm Aufstieg zur Jochhöhe zurückzulegen.

Autor unterhalb der großen Wechte

Wir hatten heuer die Eingebung, die Fahrt etwas höher über dem Tiefpunkt zu beenden und zwar in der Flanke der Aufstiegsrippe zum Kleinen Lafatscher.

Von dort war es auf mittelsteilem Gelände möglich – um den Buckel herum – auf gleicher Höhe zum Lafatscher Joch zu queren, um den kurzen Aufstieg zu vermeiden.

Normalaufstieg am Grat ober der Abfahrt

Auch bei dieser Tour kann, wie vom Bachofenkar, vom figlbegeisterten das Stempelkar für eine weitere Abfahrt genutzt werden. Der Fußmarsch dorthin ist allerdings mit etwa 100 zusätzlichen Höhenmetern zu erkaufen.

es zischt!

Allen Touren ist die ungeheure Blumenpracht am Ende der Figlstrecken gemein. Es schießen geradezu alle möglichen Farben mit unterschiedlichsten Formen aus dem noch fahlen Bergrasen des Vorjahres und bilden einen prächtigen Kontrast zu Schnee und Fels im Hintergrund. Den Übergang von der Winter- zur Sommerbergsteigerei sollte man nicht ohne diese Erlebnisse ungenutzt verstreichen lassen.

immer noch gute Abfahrtsverhältnisse

Zur Ausrüstung:

Der Autor verwendet eisenfeste Bergschuhe und nutzt die schmale Vorderlippe, an der die Klappbügelbindung seiner Kurzschi gerade noch Halt findet und sich eine stabile Befestigung einstellt. Allerdings versagt dieses nicht aufeinander abgestimmte System auch schon beim ersten Schlag und die Mühe ist dann groß im Steilen wieder in die Bindung einzusteigen. Anstelle Fangriemen wird Erdungsdraht verwendet. Diese Technik geht auf Karl Obleitner zurück, einem Pionier in der Fertigung individuell gefertigter Kurzschi.

Figl angeschnallt – es kann losgehen!

Kurzschi haben den entscheidenden Vorteil gegen die handelsüblichen Aluminiumfigl („Figl“ von Firngleiter, nicht Fiegl), daß sie durch ihre horizontale Länge von 80cm über ruppige Büßerschneeflächen ein wesentlich stabileres Fahrverhalten haben, da sie die Grübchen der Schneeoberfläche besser – oder überhaupt erst überbrücken. Weiters ist die unangenehme Rückenlage nicht notwendig und sie wie Alpinschi gefahren werden können.

Mils, 04.07.2020

Schitour Weitkarspitze, 2.947m

Die stille Alternative zum viel besuchten Zwieselbacher Rosskogel stellt die schöne Schitour auf die etwas niedrigere, weniger oft besuchte Weitkarspitze dar, die ersterer, in Bezug auf Aussicht und Erlebnis, um nichts nachsteht. Denkbar wäre auch den Bergtag auf beide Gipfel zu erweitern. Die Abfahrt kann über die Anstiegsroute erfolgen, oder, bei unbedenklichen Verhältnissen, Richtung Wildes Kar und über den schräg verlaufenden Steilhang  zur Aufstiegsroute hinab, der aus der Sicht im Anstieg in der mächtigen Felsmauer deutlich hervortritt.

tolles Farbenspiel

Für die unspektakuläre, leichte Schitour auf die Weitkarspitze benötigten wir wetterbedingt zwei Anläufe an aufeinanderfolgenden Wochenenden Ende April/Anfang Mai und dies auch nur, weil bei der ersten Begehung der Gipfelhang während unseres Aufstiegs unterhalb der Wilden Neder mehr und mehr im Nebel verschwand und die Begehung abgebrochen werden mußte.

Weitkarspitze, 2.947m

Um halb sieben in Haggen zu starten war ein guter Plan für die fortgeschrittene Jahreszeit hinsichtlich guter Schneebedingungen für die Abfahrt.

zu Fuß bis kurz vor die markante Kurve

Schlechtes Wetter am Vortag bescherte uns bereits kurz nach Haggen einige Zentimeter Neuschnee, die ausreichten, um die Tragestrecke zu verkürzen. Nach dem Lärchenwald und noch vor der markanten Wegbiegung konnten wir schon unter Schi aufsteigen.

bereits mit mehr Neuschnee auf der linken Bachseite im Aufstieg

Je weiter wir uns gegen die erste Zwinge hin bewegten desto besser wurde die Altschneedecke und nach der doppelten Bachquerung fanden wir uns links neben dem Bach auf einer durchgehenden Schneedecke mit gut zehn Zentimeter Neuschnee.

unterhalb der Zwinge

Unterhalb der Zwinge wurden wir von Eiligen überholt, denen selbst die Zeit zum Grüßen fehlte. Sie festigten uns die bestehende Spur und in Verbindung mit dem Neuschnee wandelte sich der stets imposante Aufstieg neben dem tosenden Bach zu einem Spaziergang, der sich seiner Bezwingung meist etwas herausfordernder entgegenstellt.

wie in der Vorwoche keine Veränderung der Stabilität der Schneebrücke über den Bach

Ein Prachtanblick ohne ein Wölkchen eröffnete sich uns über die angezuckerte Landschaft im flacheren Bereich nach der Zwinge im Aufstieg, vorbei an der Jagdhütte, über den Bach auf Hallehn zu. Die Kaltfront mit den Niederschlägen hat in dieser Höhe auf knapp 2.100m für einen wahrlich winterlichen Anstieg gesorgt und die Klapperei der Schi über harte Partien blieb im weichen Neuschnee unterbunden.

Rückblick mit Schöllekogel und Steintal rechts

Nach der langgezogenen Kehre hinter den Muggenbichl hinein geht es in der Talmulde mit dem meist lange gefrorenen, schön anzusehenden Wasserlauf der südlichen Felsbegrenzung, „Untere Strass“ genannt, gegen den nächsten steilen Hang zu, auch als „zweite Zwinge“ bekannt.

Am Hang oberhalb der zweiten Zwinge, im Hintergrund der Räuhengrat

Die Spur führte oberhalb der zweiten Zwinge auf die nächste Geländestufe und diese Umrundung der Engstelle erscheint etwas eleganter als ihre Durchsteigung in Spitzkehren.

die Engstelle der zweiten Zwinge – wir umgehen sie oberhalb; im Hintergrund die Haidenspitze und unser Ziel die Weitkarspitze

Eingerahmt vom frisch verschneiten Räuhengrat, seiner Scharte und der nach Süden fortlaufende Grat zur Haidenspitze ergab sich mit dem makellos blauen Himmel eine sagenhaft tolle Szenerie in der, um die Morgenstund sonst recht dunklen Passage auf die Talstufe darüber. Bilder zu Anfang Mai wie im Hochwinter.

links unser Ziel, rechts davon die „Nördliche Weitkarspitze“ (gem. AV-Führer 1958), Kraspesspitze und rechts Schöllekogel

Bereits im steilen Teil knapp unter 2.400m, jedoch noch vor der Engstelle konnten wir das Tagesziel schon in voller Beleuchtung erkennen und bei solchen Verhältnissen mußte selbst ein gut bekannter Aufstieg mehrmals abgelichtet werden.

herrliche Szene oberhalb der zweiten Zwinge

Im flacheren Teil darüber, unterhalb der meist lawinenträchtigen Wilden Needer, konnten wir das Eintauchen in die bereits sonnenbestrahlten Hänge kaum erwarten, die im Hochwinter zur normalen Aufstiegszeit bis hinauf zum Kraspesferner völlig im Schatten bleiben – den Aufstieg bis dorthin hat man meist als einen recht kalten in Erinnerung.

herrliche Szene oberhalb der zweiten Zwinge

Entlang der stetig ansteigenden Geländelinie, den Senken ausweichend, steigt man in Richtung Steilstufe zum Kraspesferner an. Die Stelle, an der der fast genau westlich aufziehende Gratkamm zur Weitkarspitze seinen Ansatz hat, ist jene, an der wir eine Woche zuvor durch eine leichte Mulde zum flachen Sattel vor dem steilen Kamm zur Weitkarspitze abgebogen sind und als geeigneter Abzweigepunkt für gut befunden wurde.

Das Ziel schon geraume Zeit rechts von uns, die Weitkarspitze

Mit dem Wissen über diese Möglichkeit sparten wir uns den längeren flachen verlaufenden Anstiegsteil um die Felshügel inmitten des Hochtalkessels herum und damit auch ein paar Höhenmeter Verlust zum Fuß des Gipfelhangs der Weitkarspitze.

im Zentrum des ehemaligen Kraspesferners mit Blick auf die Weitkarspitze

Das weite Gelände am ehemaligen Kraspesferner zeigte sich herrlich verschneit mit deutlich erkennbaren Steigspuren. Der Aufstieg auf die Weitkarspitze verläuft in einem Bogen, der heute gar nicht mehr den heutigen Gletscherrand berührt.

Rückblick auf die lange seichte Mulde am Kraspesferner

Die Reste des ehemalig gewaltigen Kraspesferner beschränken sich auf die Flanke und den oberen Teil (>2.750m) – hierzu gibt es einen gut recherchieren, interessanten Artikel von Kollegen Lukas Ruetz der anhand von Karten- und Fotovergleichen die Rückbildung von etwa 1870 bis 2012 eindrucksvoll veranschaulicht.

toller leicht steigender Anstieg im unteren Teil

Demzufolge befand sich der Anstieg zur Weitkarspitze um 1870 herum noch bis in die Gipfelflanke hinauf vereist (bis über 2.800m) und der zuvor beschriebene Gratrücken noch kaum sichtbar, da völlig von Eis bedeckt (siehe Karte von 1870). Heute kaum vorstellbar, daß die riesige Fläche des ausgeaperten Ferners Dutzende Meter hoch unter Eis lag.

Rückblick zu Rotgruben- und Haidenspitze

Am Hang zur Weitkarspitze nimmt die Steigung langsam zu, wodurch ab etwa 2.800 ein paar Spitzkehren bis zum Schidepot fällig werden. Nach der ersten folgt eine längere Querung, sowie etwa fünf bis sechs Spitzkehren bis zur Grathöhe.

Gipfelhang zur Weitkarspitze voll beleuchtet

Unter voller Bestrahlung am Südosthang bereitete uns der Schlussteil des Aufstiegs Hochgenuss mit einer Schreckenssekunde, als auf der Steilstufe zur Zwieselbacher Rosskogel gegenüber ein Schneebrett abging, das ein zweites schräg darunter auslöste und wir ein paar Personen in der Nähe abfahren sahen (Abgangszeitpunkt zwischen 9:25 und 9:34 Uhr, obwohl nur etwa 800m entfernt haben nichts gehört).

Gipfelhang Weitkarspitze

Wir beobachteten die Entwicklung ein zwei Minuten, aber da sich die Abfahrenden weiter bewegten war offensichtlich, daß niemand erfaßt wurde und alle aus dem Anrissbereich ausfahren konnten. Nachkommende Aufsteiger bewegten sich ebenfalls normal weiter, ohne erkennbare besondere Aktion.

letzte Meter zum Schidepot; links einer der Eiligen bei der Abfahrt

Im Gipfelbereich der Weitkarspitze dürfte die Hangneigung auf kurzen Passagen etwas über 35° liegen – zumindest findet es sich im TIRIS so ausgewiesen – die durchschnittliche Hangneigung bleibt aber unter 35°.

Blick vom Schidepot nach Haggen hinab

Am Schidepot, kaum 20Hm unter dem Gipfel, hatten wir eine kuriose Aussicht durch die umliegende weiße Berglandschaft mit saftig grün leuchtenden Wiesen in Haggen im knapp 1.300m tieferen Tal.

Blick nach Nordwesten; Sulzkogel, Zwölferkogel, Pirchkogel in der Ferne, Kraspesspitze und Nördliche Weitkarspitze

Am Gipfel der Weitkarspitze, mit dem kleinen Steinmandl als Gipfelmarkierung, fällt zunächst der Blick auf die bärigen Schitourenziele der nahen Kraspesspitze, des Finstertaler Schartenkopfs und natürlich des etwas entfernten Sulzkogels ins Auge.

Blick ins Horlachtal mit Umhausen im Tal und der nördliche Geigenkamm im Hintergrund

Der Blick gegen Südwesten, ins Ötztal, bot ein ähnliches Bild als jener auf Haggen, grünes Tal und lange weiße Hänge in alle Richtungen auf die Grate und Spitzen hinauf, ein tolles Farbenspiel.