Schitour Hinterer Brochkogel, 3.624 m und Petersenspitze

In Gegenwart der mächtigen und berühmten Wildspitze wird dem Hinteren Brochkogel weit weniger an Aufmerksamkeit zuteil, obwohl er sich an Rasse im Aufstieg messen kann, ja im obersten Teil des scharfen Grates die größere Schwester leicht verdrängt. Kürzer, aber würziger und alpiner ausgeprägt wirkt der Südgrat auf die rundliche Kuppe, dessen Form vom Fuße aus gesehen die Bezeichnung Kogel verdient.

am Hinteren Brochkogel, links Wildspitze

Ob er nun 3.628 m oder 3.624 m hoch aufragt, ist einerlei, eine Tour auf den Brochkogel ist allemal ein phantastisches Erlebnis, daß im Frühjahr wohl seine schönste Ausprägung hat. Die Gipfelmarkierung aus einem lasergeschnittenen Edelstahlblech weist die erste vorgenannte Höhenangabe aus, TIRISMaps mit den aktuellsten Höhenangaben sollte eigentlich die „amtliche“ Angabe sein, die der Autor stets zu zitieren sucht.

Richard und Hilli am Hinteren Brochkogel

Eine Besteigung nur des Brochkogels erschien uns zu seicht für ein Tagesabenteuer, bei dem wir auch noch bequem mit Aufstiegshilfen anreisten, also reicherten wir die kurze Tour mit dem lustigen Schneegupf der Petersenspitze[1] an, die uns im Anschluss an den Abstieg vom Brochkogel erdulden mußte. Selbst mit ihr, die mit kaum 100 Hm Aufstieg wenig zusätzliche Muskelarbeit erfordert, kommen auf der atemberaubenden Tour nur insgesamt 640 Hm Aufstieg zusammen.

Wildspitze mittig und Hinterer Brochkogel rechts; von Bergstation Mittelbergbahn aus gesehen

Die Abfahrt über den Taschachferner führt dafür über 1.940 m schönste hochalpine Landschaft, womit der Tag als eine gemütliche Gletscherwanderung mit beeindruckend schöner Fahrt in weichem Firn sowie 2 x 15 min Spannung am Grat verbucht werden kann. Ist man damit nicht gesättigt, kann die Wildspitze angehängt werden, so denn an einem Tag wie diesem am Gipfel Platz gefunden wird.

Wildspitze und Hinterer Brochkogel von Mittelbergjoch aus gesehen

Die erste Bahn des Gletscherexpresses in Mittelberg haben wir leicht erwischt. An den letzten paar Wochenenden im April läßt sich die Leitung des streng nach Eisenbahngesetz geregelten Fahrverkehrs der Stollenbahn herab die ungestümen Tourengeher bereits um 8 Uhr zu befördern, was für selbige fast schon die Zeit für die Vormittagsjause darstellt.

Hilli in bester Berglaune; hinten die Abfahrt vom Mittelbergjoch

Entsprechend wird Bahn und Gelände von den Eifrigsten gestürmt und wie beim Weißen Rausch muß man als erste Seilschaft am Mittelbergjoch die Abfahrt in den dunklen Schlund zum Auffellplatz am Taschachferner erwischen.

Richard vor dem Eisbruch am Fließrichtungswechsel; hinten Hinterer Brochkogel

Dieser zeitlich unbeeinflussbare Auf- und Abstieg bis zum Auffellplatz nimmt etwa eine Stunde in Anspruch und stellt in der Beobachtung des Autors eine signifikante Stressbelastung bei manchen Gipfelstürmern dar, weswegen empfohlen wird, nicht gleich in Panik zu verfallen, wenn ein paar Seilschaften im Aufstieg vom Taschachhaus bereits die 180° Kehre am Ferner geschafft haben und einige Hundert Meter Wegstrecke Vorsprung herausgearbeitet haben – es kommt jeder auf den Gipfel der Wildspitze.

Hinterer Brochkogel vom Auffellplatz am Taschachferner gesehen

Wer zu Trainingszwecken so wie Nancy, die wir später getroffen haben, alle drei Gipfel erreichen möchte, der mag von dannen stürmen. Jener, der die Tour auf den Brochkogel unternimmt, kann getrost im Aufstieg die Natur aufsaugen und seinen Schritt mäßigen. Zum einen besteht kaum Konkurrenz um die Poleposition am Gipfel, zum anderen ist das Gipfelplateau am Brochkogel etwa zwanzig Mal so geräumig als jenes der Wildspitze.

Wildspitze im Süden

Nun wird der Auffellplatz Mitte April gerade noch in der vormittäglichen Kälte des Schattens verlassen, den der imposant aufragende Schuchtkogel, auf den eine Schitour über den gewaltigen Mittelbergferner führt, wirft. Im Rückblick strömten bei unserer Begehung Massen von Bergbegeisterten die mittelsteile Abfahrt vom Mittelbergjoch herunter.

Rückblick auf das Mittelbergjoch mit den Gipfeln des Geigenkamms und der Stubaier Alpen

Der Aufstieg über den oberen Teil des Taschachferners ist eine ideale Eingehstrecke, als typischer Gletscheraufstieg entwickelt sich nach wenigen Minuten mäßig steil und führt sich über wenig verändernde Neigung zum Gletscheransatz unterhalb der Wildspitze und des Hinteren Brochkogels.

ein Stück der Spur zur Wildspitze entlang mit mäßiger Steigung

Unterwegs passiert man einen eindrucksvollen Eisbruch zur Linken und umgeht mit größerem Radius die Innenkurve des Richtungswechsels, den der Gletscher von seiner Nordwestrichtung ab der Wildspitze zu seiner Nordostrichtung zum Mittelbergjoch hin vollführt.

Blick zur Petersenspitze im Westen

In der Hälfte des Aufstiegs zum Richtungswechsel im Anstieg, der gleichzeitig Kreuzungspunkt des Gletscherwegs zur Petersenspitze ist, überschreitet man die Höhe des Mittelbergjochs und bekommt einen beeindruckenden Rückblick auf den Geigenkamm und die Stubaier Alpen. Es öffnet sich der Gletscherkessel unterhalb der Wildspitze, die Oberfläche wird flacher und gibt einen fast ebenen Zugang zur Geländestufe frei, die den Sockel des Gipfelaufbaues der Wildspitze bildet, ein großartiger Anblick.

am Abzweig zum Hinteren Brochkogel

Aus allen Richtungen strömten an diesem Tag die Bezwinger der Wildspitze, während unsere Richtung zur Rechten des höchsten Berges im Nordteil Tirols mit einer einsamen Spur vor uns abgelehnt wurde. In einer gewissen Weise unvorsichtig stieg die Spur unterhalb der steilen Schrofen der Brochkogel Ostflanke zum Schidepot auf. Da trotz lang vorher eingesetzter Sonnenbestrahlung keine herabfallenden Steinbrocken zu sehen waren, wagten wir die Spur zu verfolgen.

eine Spur führt bereits zum Schidepot

Ein Aufstieg auf die flache Gratstelle, wie er in den wenigen Berichten über den Brochkogel zu lesen ist, erschien uns kaum möglich oder anders ausgedrückt, er erschien der Mühe nicht wert. Bei unserer Begehung herrschte tiefer alter, pulvriger Schnee, indem eine Spur im steilen Gelände sicher länger gedauert hätte und wesentlich unkomfortabler gewesen wäre.

wir sind die Einzigen unterwegs auf den Brochkogel wie es scheint

Trotz dem für das Abfellen und Anlegen der Schi ungemütlichen Platz am Schidepot nahmen wir dieses unhinterfragt an und stapften die fehlenden 25 Hm auf das Plateau zum Südostgrat des Hinteren Brochkogels hinauf. Die Stelle mit dem Schidepot liegt etwa 260 m westlich des Mitterkarjochs an einem dem Gratverlauf tiefer vorgelagerten Felsrippchen.

der Anstieg zum Bergschrund hin wird steiler, rechts hinauf zum Plateau am Grat

Vom Plateau aus zieht ein breiter Rücken auf den oben nicht mehr einsehbaren Grat empor. Wir beschlossen, die Steigeisen nicht anzulegen und die Entwicklung des Geländes abzuwarten. Der breite Rücken verschmälerte sich bereits nach knapp 10 min Anstieg jäh, der Grat bildete sich nahezu von einem Schritt zum anderen aus, weshalb wir vor dem ersten scharfen Abschnitt beschlossen, den Aufstieg mit Steigeisen fortzusetzen.

am Schidepot; zu Fuß wird zum Plateau am Grat gestapft

Am Tag unserer Begehung wäre ein Aufstieg über den scharfen Teil des Grates ohne Steigeisen durchaus möglich gewesen, der Firn am Grat war oberflächlich aufgeweicht und die Tritte festsitzend. Dennoch muß das Risiko nicht unnötig in Kauf genommen werden, denn jeden Schritt übergebühr prüfen zu müssen, stellt keinen erfreulichen Aufstieg dar.

zunächst folgt ein breiter Gratrücken

Mit Steigeisen setzten wir nun den Aufstieg über das überraschend flache Gratstück fort. Zwischen den Firnpassagen finden sich einige eingelagerte grobblockige Felsinseln, an denen der schwarze, massige Amphibolitfels ausreichende Griffstellen bietet, um sie zu überwinden.

abrupt verjüngt sich der Rücken zum scharfen Grat; wir steigen mit Steigeisen weiter auf

Aus diesem harten und verwitterungsbeständigem Gestein ist in der gesamten Umgebung der Gipfel lediglich der Hintere Brochkogel und seine Gratverlängerung bis zum unbenannten Spitz am Brochkogeljoch südlich gegenüber der Petersenspitze gebaut.

Überblick an der Stelle an der sich der Grat ausbildet

Die Farbgebung resultiert aus dem dunkelgrünen bis schwarzen Mineral Hornblende. Wer diese Bergfronten im Sommer genau betrachtet, erkennt deren deutlichen Farbunterschied zu den Glimmerschiefergneisen der umgebenden Berge einschließlich der Wildspitze.

Rückblick auf den ersten Teil am Grat

Am Ende des scharfen Teils am Grat befindet sich eine große, steil zur Ostflanke des Berges geneigte Felsplatte, die zumindest unter Schneebedeckung griffarm ausgebildet ist. Die Schneeauflage der Tritte hielten der Begehung wunderbar stand.

an der engsten Stelle am Grat

Jenseits dieser Platte zwängten wir uns durch zwei verkeilte Felsblöcke hindurch, um auf breiteres Terrain zu gelangen, das eine Gratverbreiterung zum Gipfelplateau hin einleitet. Dort werden auch die Bergflanken flacher und der Grat zum Rücken. Eine halbe Stunde nahm der Aufstieg vom Plateau am Grat nach dem Schidepot bis zum Gipfel in Anspruch.

die glatte Platte konnte ohne Griffstellen passiert werden

Ein bescheiden kleiner Steinblock mit einer montierten Markierung mit Inschrift aus einer lasergeschnittenen Edelstahlplatte ziert die überraschend große Gipfelfläche des Hinteren Brochkogels. Die Größe des Plateaus erweist der Bezeichnung Kogel alle Ehre, so mancher „Kogel“ in den Ostalpen bietet am Gipfel kaum Platz für zehn Personen.

gegen den Gipfel hin wird der Grat wieder breiter

Das glänzende Blech weist die Höhenangabe von 3.628 m aus. In TIRISMaps wird der Hintere Brochkogel mit 3.624 m angegeben. Es ist kaum vorstellbar, daß heutzutage solche Unterschiede in der Vermessung vorkommen können und dennoch trifft man sie an.

Gipfelmarkierung am Hinteren Brochkogel

Die amtliche Vermessungskarte des BEV weist eine Höhenangabe von 3.623 m aus, welche mit eventueller Rundung Konsistenz mit der Angabe in TIRISMaps aufweist oder von den Koordinaten abhängt, von denen die Gipfelhöhe genommen wird. Das Westeck am Plateau dürfte einen Meter höher liegen als der Steinblock mit der Markierung.

Hinterer Brochkogel, 3.624 m

In der Umgebung des Hinteren Brochkogels finden sich massenweise interessante Gipfel, abgesehen von der dominierenden Wildspitze, die an diesem Tag einem Besuchersturm trotzen mußte. Im Süden, nahe der Westflanke der Wildspitze befindet sich der Granatenkogel neben dem Hochfirst und wieder rechts der Liebenerspitze.

bester Blick auf die Wildspitze im Südosten mit Taschachferner

Die Hochwilde im Südosten im Gurglerkamm rundet diesen ab. Im Vordergrund thront der Große Ramolkogel, weiter gegen Süden der Hintere Spiegelkogel, die Firmisanschneide und der zweithöchste Gipfel im Ramolkamm, der Schalfkogel.

im Südosten Granatenkogel, Hochfirst, Liebenerspitze hinten, vorne Großer Ramolkogel, Hinterer Spiegelkogel, Firmisanschneide und Schalfkogel

Gegen Süden hin tritt die langgezogene Schneide der Hinteren Schwärze ins Blickfeld bevor fast im Süden der pyramidenförmige Similaun aufragt.

zum Süden hin die Hinteren Schwärze, Similaun, Fineilspitze und Weißkugel im Südwesten

Über den Süden hinaus sticht aus dem Hochjochferner die Fineilspitze heraus, deutlich erkennbar mit ihrem langen Nordgrat in den Ferner hineinstechend. Nach dem Hochjochferner und dem Hintereisferner trifft die Runde im Uhrzeigersinn die majestätische Weißkugel als Beginn des Weißkamms, der nach Nordosten auch den Hinteren Brochkogel und die Wildspitze enthält.

das große Plateau am Hinteren Brochkogel

Gegen Westen hin erscheint die Hochvernagtspitze und vorgelagert die Hochvernagtwand. Im Nordwesten befindet sich die Vordere Ölgrubenspitze, bevor die im Taschachtal gegenüberliegende Bliggspitze nahezu auf einer Linie mit dem Hohen Riffler in der Ferne liegt.

Im Westen Hochvernagtspitze, Hochvernagtwand, Vordere Ölgrubenspitze, Bliggspitze, dahinter Hohen Riffler in der Ferne, Eiskastenspitze, Wurmkogel, Löcherkogel und Rostizkogel

Genau im Nordwesten erscheint die Eiskastenspitze, der Wurmkogel und der Löcherkogel, bevor der Rostizkogel mit seinem markant breiten Südabfall, das gegen Westen gerichtet ist, aufsteigt. östlich neben dem Rostizkogel der zerrissene Seekogel.

Im Norden Kaunergrat mit Watzespitze, Schwabenkopf, Verpeilspitze, Gsallkopf und Rofelewand; im Geigenkamm Blockkogel, Hohe Geige, Puitkogel sowie Wassertalkogel

Nach dem Rostizkogel gegen Norden beginnt die Watzespitze mit den grandiosen Erhebungen im Kaunergrat, mit dem Schwabenkopf, der Verpeilspitze, dem Gsallkopf und der Rofelewand gegen Norden folgend.

Im Hintergrund die Stubaier, Zwieselbacher Rosskogel, Breiter Grieskogel, Gleirscher Fernerkogel, Lochkogel, Hoher Seeblaskogel, Lüsener Fernerkogel, Schrankogel, Ruderhofspitze, Windacher Daunkogel, Warenkarseitenspitze und Stubaier Wildspitze

Knapp vor dem Vorderen Brunnenkogel befindet sich im Geigenkamm der Blockkogel mit einer schönen weißen Südflanke und fast in einer Linie mit dem Hinteren Brunnenkogel die Hohe Geige und der erhabene Puitkogel sowie Hillis Wassertalkogel.

in der Tiefe die Petersenspitze und das Brochkogeljoch

Weit im Hintergrund dann die Stubaier Gipfel, der Zwieselbacher Rosskogel, der Breite Grieskogel, der Gleirscher Fernerkogel, der Lochkogel, auf den eine ziemlich rassige Schitour führt, sowie der Hohe Seeblaskogel und der Lüsener Fernerkogel.

die Großen Erhebungen des Kaunergrats im Zoom

Den Abschluß vor der Ostflanke der Wildspitze bilden der mächtige Schrankogel (ein weiterer Amphibolitbau), die Ruderhofspitze, die uns vor Jahren im Herbst bereits mit Steinhagel nach der felsdurchsetzten Stelle begrüßt hat, sodaß wir auf den Südostgrat ausweichen mußten, der Windacher Daunkogel sowie die Warenkarseitenspitze und die Stubaier Wildspitze.

Gipfel im Ramolkamm im Zoom, links Wildspitze

Knapp vor der Ostflanke sind noch der Habicht, der Apere Pfaff, das Zuckerhütl, der Wilde Pfaff, der Wilde Freiger und die Sonklarspitze zu bestaunen. Alle letztgenannten in etwa in 25 km Entfernung. Für die 60 m entfernten Olperer, Fußstein und Schrammacher reichte die Sicht an diesem Tag nicht aus.

Großer Ramolkogel, Hochwilde, Firmisanschneide und Schalfkogel

Während des Anstiegs über den Grat begegneten wir einem Duo, die Schi am Rucksack und auch bei der Ankunft am Plateau am Grat vier Mann mit gleicher Absicht, vom Hinteren Brochkogel abzufahren. Es ist unverständlich, woher diese Sportsmänner ihre Information beziehen man könne vom Gipfel aus auf den Taschachferner abfahren.

Hintere Schwärze, Similaun und Fineilspitze; im Vordergrund Vorderer Brochkogel

Wer sich die Nordseite des Berges ansieht, der wird ohne große Erfahrung feststellen, daß sie erheblich felsdurchsetzt ist und keine Abfahrt zulässt. In der Vergangenheit war dies der Fall, wie man auf alten Blogbeiträgen im Internet nachvollziehen kann.

Fineilspitze, im Hintergrund Königsspitze und Ortler

Da sind Bilder zu finden, die am Gipfel noch eine Eiskuppe zeigen und zwei breite schneebedeckte Steilhänge. Eine solche Situation gibt es aber höchstwahrscheinlich seit vielen Jahren nicht mehr. Die beiden Rinnen sind völlig ausgeapert. Allein der Zugang vom Gipfel zu den Rinnen spielt sich heute in Felskletterei ab, wollte man sie erreichen.

Weißkugel, mittig Berninagruppe im Hintergrund und Fluchtkogel sowie Weißseespitze

Am Abstieg können die steileren Passagen mit den Steigeisen im Vorwärtsmodus begangen werden, wenn die Kraft dafür vorhanden ist. Meist jedoch steigt es sich bequem auf flacherem, jedoch scharfem Grat. Wer mit steilen Flanken zu beiden Seiten Schwierigkeiten hat, sollte den Gipfelgrat lieber meiden und es am Ende des breiten Rückens gut sein lassen.

Abstieg vom Hinteren Brochkogel

Vom Schidepot durften wir ein paar Schwünge in exzellent weichem Schnee bis zum Flachteil des Taschachferners abfahren, bevor die Flachstrecke zur Petersenspitze nach Westen eingeschlagen wurde und der kurze Aufstieg in Angriff genommen wurde. Ein paar Minuten östlich unterhalb der Firnkuppe der Petersenspitze fellten wir wieder auf.

Gratstelle mit der schrägen Platte am Hinteren Brochkogel

Etwa 80 m Aufstieg sind vom Tiefpunkt am Taschachferner auf die Schneide zu bewältigen, wofür wir ab dem Schidepot am Südgrat des Hinteren Brochkogels 30 min benötigten.

letzte Felspassage am Abstieg vom Hinteren Brochkogel

Diesen eigentlich unbedeutenden Gipfel mitzunehmen lohnt sich wegen der Aussicht auf den Vernagtferner und weiter westlich auf die Weißkugel. Weiters besteht von der Petersenspitze bis zum Auffellplatz westlich des Mittelbergjochs ein 2,5 km lange, umwerfend schöne Abfahrt über 400 Hm feinsten Gletschergeländes.

Abfahrt vom Schidepot am Hinteren Brochkogel

Am Weg zur weißen Kuppe stellt man sich die Frage, warum denn nicht der Ausläufer des Hinteren Brochkogels westlich jenseits des Brochkogeljochs auch Gipfelstatus erreicht und einen Namen trägt.

kurzer Anstieg auf die Petersenspitze

Im Kartenwerk vermessen zeigt seine Spitze um 4 m weniger Höhe als jene der Petersenspitze. Somit erreicht er vom Brochkogeljoch aus eine Schartenhöhe von 54 m, was für Gipfelstatus nach UIAA reicht. Im Aufstieg mutet er – möglicherweise durch den Farbkontrast – höher an als die Petersenspitze.

Rückblick auf den Hinteren Brochkogel

Schon auf den letzten Metern vor der langgezogenen und schmalen Gipfelerhebung kommt man nicht umhin, die Nordflanke des Hinteren Brochkogels in ihrer vollen Ausprägung zu bestaunen. Spätestens bei dieser Ansicht wird klar, daß es an ihr keine Schiabfahrt mehr gibt.

Abfellen und Rast auf der Petersenspitze

Möglich ist eine Abfahrt von einem Sattel im Westgrat, der oben einen längeren, auffällig ebenen Gratbereich aufweist und an unserem Begehungstag noch eine schwache Abfahrtsspur zeigte. Vom Gipfel aus ist er nicht erreichbar, dazwischen liegt eine lange Gratstrecke.

Brochkogeljoch und Vorderer Brochkogel im Süden der Petersenspitze

Nach Westen geblickt öffnet sich der Große Vernagtferner mit weitem Becken gegen Süden ins Rofental abfallend. Die Weite ist in West-/Ostrichtung von Schwarzwandspitze zum Vorderen Brochkogel gemessen mit 4,85 km enorm und beherbergt einige Rippen, die als Ausläufer der Berge ringsum den Gletscher teilen. Die markanteste Teilung bildet der Ausläufer des namenlosen Gipfels südlich gegenüber vor dem Brochkogeljoch, der den Großen und Kleinen Vernagtferner teilt.

Weißkugel, Berninagruppe in der Ferne und Hochvernagtspitze in der Nähe rechts d. Bildmitte, weiter rechts Gepatschferner und Weißseespitze

Die Gipfelschau beginnt im Südosten mit dem eindrucksvoll aufragenden Vorderen Brochkogel und der Flankierung des namenlosen Spitzes im Süden durch den Similaun links und der Fineilspitze rechts. Anschließend an die Fineilspitze können die präparierten Pisten des Gletscherschigebiets im Schnalstal auf die 14 km entfernte Grawand ausgemacht werden. Ebenfalls der Grat „Im Hinteren Eis“, dem Ausgangspunkt der sagenhaft schönen Schihochtour auf die Weißkugel.

Hochvernagtspitze links, Glockturm in Bildmitte, Vordere Ölgrubenspitze rechts

Noch vor der Weißkugel im Südwesten blickt man noch durch zu Königsspitze und Ortler in knapp 50 km Entfernung. Beeindruckend vor der Weißkugel sind die auffälligen Erhebungen von Schwemser Spitze, Langtauferer Spitze und Hinterer Hintereisspitze.

Fineilspitze, Cevedale und Ortlergruppe im Hintergrund und Saldurspitze davor

Zwischen Kesselwandspitze und Fluchtkogel hindurch erhebt sich die majestätische Weißkugel über dem Kesselwandferner mit ihrem Trabant, dem Inneren Bärenbartkogel im Westgrat. Rechts im Uhrzeigersinn war der Blick frei auf den Piz Bernina in 91 km Entfernung über dem langen, flach steigenden Gepatschferner auf die Weißseespitze.

rechte Bildhälfte: Schwemserspitze, hinten, Kesselwandspitze vorne, Hintere Hintereisspitze sowie Weißkugel und Innerer Bärenbartkogel

Der nächste erwähnenswerte Hochpunkt stellt die Hochvernagtspitze mit ihrer herrlich weißen Südflanke auf den Großen Vernagtferner hinab dar. Dahinter im Norden der unscheinbare Gipfel der Südlichen Sexegertenspitze, die in der Flucht zum Piz Linard in den Rätischen Alpen in 59 km Entfernung, dem die Fluchthörner in der Silvretta folgen.

Weißkugel, Fluchtkogel, Berninagruppe in der Ferne, Gepatschferner und Weißseespitze

Im Vordergrund in 13 km Entfernung sticht die markante Südostflanke des Glockturms hervor. Er gibt dem Kamm nach Nordosten bis zur Scheide von Oberem Gericht und Kaunertal seinen Namen.

Hochvernagtspitze in Bildmitte

Im Vordergrund gegen Nordosten ragt der Doppelgipfel der Vorderen Ölgrubenspitze mit ähnlicher Höhe wie die Petersenspitze auf. Daneben in 44 km Entfernung der Hohe Riffler und gleich daneben im Vordergrund die Bliggspitze. Noch vor der Eiskastenspitze auf der Nordseite des Taschachtals befindet sich in 44 km Entfernung die Parseierspitze der mit 3.036 m höchsten Erhebung in den Nördlichen Kalkalpen.

Glockturm links, Vorderer Ölgrubenspitze rechts

Über die Hapmesköpfe geht der Reigen am Kaunergrat weiter mit dem Löcherkogel, als schwierige Skitour mit Kletterei, sodann der kaum sichtbare, viel besuchte K2 vor dem mächtigen Rostizkogel. Beeindruckend ist der Tiefblick in das Taschachtal mit den Dutzende Meter hohen Seitenmoränen des Taschachferners, von denen bei der Abfahrt Steine bis Blöcke ausbrachen und allerlei Getöse auslösten.

Beginn der Abfahrt über mehr als 1.900 Hm

Die großen Gipfel im Kaunergrat beeindrucken von der Petersenspitze wie vom Hinteren Brochkogel. Viele schwere Routen auf diese Gipfel, von der Watzespitze Nordwand über die selbe an der Seekarspitze und die Rofelewand Nordostwand wurden vor 120 Jahren von den Studenten Berger, Franzelin und Hechenbleikner erstbestiegen. Über letzteren der drei Freunde plant der Autor eine umfassende Biografie zu veröffentlichen.

Abfahrt über Taschachferner, hinten die Petersenspitze

Mittlerweile hat sich uns Nancy angeschlossen, die nicht alleine über den Taschachferner abfahren wollte und wir ihr angeboten haben anstelle des unnötigen Aufstiegs auf das Mittelbergjoch mit uns die Talausfahrt zu unternehmen.

Sie hatte vorher die Wildspitze und den Hinteren Brochkogel bis zum scharfen Grat zu Trainingszwecken für ihre Leidenschaft des Schibergsteigens bestiegen.

da lachen die Hochtouristen vor dem Hinteren Brochkogel

Die Abfahrt von der Petersenspitze bietet ein phantastisches Erlebnis. Die lange Strecke führt zwischen zwei Eisbrüchen hindurch, wobei der obere mitten im Ferner liegt und wir recht nahe an die aufragenden Eistürme heranfahren konnten. Es empfiehlt sich einen gebührenden Abstand einzuhalten, vor allem vom unteren Eisbruch.

unterer Eisbruch am Taschachferner im Zoom

An der Kehre des Taschachferners vor dem Mittelbergjoch bietet sich ein beeindruckender Blick über den gesamten Gletscher mit den beiden Stufen und dem Eisbruch dazwischen nach oben sowie auf den unteren Teil mit Pitztaler Urkund und den hohen südlichen Ausläufern des Kaunergrats.

Panorama am unteren Taschachferner: links Taschachwand, Hochvernagtspitze, Südliche und Nördliche Sexegertenspitze, tiefer im Tal Pitztaler Urkund, Hintere Ölgrubenspitze, tiefer im Tal Urkundkopf, Vordere Ölgrubenspitze und Bliggspitze

Nach der Gletscherzunge, die im Winter nicht sichtbar ist, folgt der Abstieg über zwei Talstufen ins Taschachtal. Die erste Talstufe erfolgt auf ein Hochplateau mit Schmelzwässern des Winters, die mit schöner Farbe auf Kote 2.500 m unterhalb der Gletscherzunge zu bestaunen sind. Mit genügend Schwung aus der Hangabfahrt konnten wir trotz des Firns ohne nennenswerten Stockeinsatz bis zur Hängebrücke an der Abbruchkante fahren.

Eisbruch vom oberem Taschachferner zum unteren Teil

Eine tolle Kulisse bilden die geschliffenen Felsen unterhalb der Brücke mit dem engen steilen Couloir, das wieder auf den freien Hang hinaus leitet. Diese Passage sowie den steilen Hang dahinter haben wir im Winter gemieden, da noch wenig befahren und die Lawinenwarnstufe dies erzwungen hat. Nun, bei Firnverhältnissen konnten wir diese tolle Abfahrt unternehmen.

Hochebene unterhalb der Gletscherzunge am Taschachferner; mit Schwung bis zur Geländekante; im Hintergrund der südliche Kaunergrat

Der Firn wurde immer weicher und auf den Flachstrecken bremste er spürbar. Einiges an Schiebearbeit wurde uns über die wenigen aber im Frühjahr anstrengenden Hochpunkte zuteil, dennoch möchte man diese schöne Abfahrt nicht missen.

durch ein steiles Couloir auf den Hang hinab zum Talschluß

Den Puitkogel im Blick gelangten wir, ohne irgendwo die Schi abschnallen zu müssen bis zur Brück vor der bereits geschlossenen Taschachalm und nach der Baustraße auf der Piste weiter bis zum Parkplatz Mittelberg.

über die steile Talstufe mit guten Firnverhältnissen hinab

Fast geschenkt ist die empfehlenswerte Schitour hinsichtlich der Aufstiegshöhe von nur 650 Hm. Unterschätzen sollte man die Anstrengung auf weit über 3.000 m jedoch nicht.

Rückblick über die sagenhafte Landschaft im Taschachtal

Das Gewicht der nicht alltäglichen Ausrüstung kommt zur dünnen Atmosphäre dazu und bringt den Höhenungewohnten ordentlich ins Schnaufen.

Abschlußblick auf das Taschachtal mit Nördlicher Sexegertenspitze, Mittlerer Eiskastenkopf, Vorderer Eiskastenkopf und dem Südgrat der Grubenkarspitze

Gesamt haben wir 5:20 Stunden für die Tour benötigt, ab dem Auffellplatz gerechnet. Die Anreise mit der Gletscherbahn bis zum Start unter Fellen muß mit einer Stunde eingerechnet werden. Die erste Bahn fuhr an diesem Wochenende um 8 Uhr, den Winter lang erst später.

Mils, 18.04.2026

[1] Johann Stuedl, Prof. Dr. Theodor Petersen, in: Mitteilungen des Deutschen und Oesterreichischen Alpenvereins Neue Folge Band XXXV, 1919, 1–4.

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