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Grünstein, 2. 663 m – über Westgrat

Vom Gipfel nach Westen geblickt fragten wir uns nach seiner Besteigung über den Ostgrat, wie es wohl am Grat weitergehen würde, vielmehr, ob eine Gratbesteigung von Westen auf den Grünstein möglich ist und lohnt.
Dem AV-Führer entnimmt man die Möglichkeit dazu, beschrieben als abwechslungsreichstem Anstieg, der vom Hölltörl und vom Marienbergjoch über den Verbindungssattel zu den Marienbergspitzen möglich ist.

am Weg zum zweiten Riffel- – unterhalb von Simon eine schmale Mauer mit dem atemberaubenden Tiefblick in die Nordrinne

Mit diesen verheißungsvollen Aussichten auf eine bärige Gratkletterei machten wir uns kurz vor sieben Uhr vom Gasthaus Arzkasten aus auf den Weg und wählten den Anstieg über das Marienbergtal. Im Schatten und mit der abstrahlenden Sonnenbeleuchtung von den Handschuhspitzen im Tal gegenüber erreichten wir die Marienbergalm gegen acht Uhr, noch keine Zeit zur Einkehr in die nette Alm.

Grünstein von Locherboden aus gesehen – die vier Riffeln am Westgrat gut sichtbar

Die erste Möglichkeit den Anstieg auf der Nordwestseite des Grünsteins einzusehen bot sich einige Gehminuten unterhalb der Alm.

Grünstein Westgrat und links Östliche Marienbergspitze vom Marienbergtal aus; in der Mitte führt der Anstieg hinauf

Die wild zerklüftete Westseite des Grünsteins erlaubt keinen sonderlich aufschlussreichen Blick die im AV-Führer beschriebene Route zu erkennen, sie verschwimmt zu sehr mit der Östlichen Marienbergspitze und erst mit dem nordwestlichen Winkel am Marienbergjoch tritt die Aufstiegsroute klarer in Erscheinung.

der Sattel zwischen dem Grünstein und der Östlichen Marienbergspitze wird angesteuert

Ein kleiner Nachteil beim Zustieg über das Marienbergtal besteht in dem etwas weiteren Weg zurück vom Joch zur großen Schuttreise zwischen Östlicher Marienbergspitze und Westteil des Grünsteinmassivs, die oben, an ihrem Ursprung den Beginn des Aufstiegs im Fels bildet.

im oberen Arzbödele

Wir stiegen an geeigneter Stelle (latschenfreie Hänge) vom Steig zum Hölltörl auf Steigspuren in den begrasten Hang – das obere Arzbödele – ein und querten auf ihm wieder leicht zurück nach Norden, um den Rand der Schuttreise zu erreichen, entlang dessen wir zur Klamm am Ursprung der Reise aufstiegen. Im obersten Teil wird dabei eine Wasserrinne mit unangenehmen Rutschflanken überquert.

am oberen Ende des Arzbödeles – Näherung an die Reise zwischen Östlicher Marienbergspitze und Grünstein Westgrat

In der Klamm beginnt leichte Felskletterei über die ersten Absätze an der Grenze zwischen unterem alpinem Muschelkalk (rechts, südlich), der gleich im Aufstieg verschwindet und der Reifling Formation (links, nördlich), in der bis zum Sattel aufgestiegen wird.

Blick nach Westen auf den Wannig

Gleich nach den ersten Absätzen und der Klamm kann rechter Hand ein Seil oberhalb der steilen, von gut gangbaren Rissen durchzogenen Flanke gesichtet werden, zu dem man aufsteigt und auf einer begrünten Rippe zwischen der Flanke der Ö. Marienbergspitze und dem Grünstein Westteil endet. Auf dieser Rippe wird weiter aufgestiegen.

nach wenigen Minuten rechts in die Flanke mit dem Seil am oberen Ausstieg

Weiter oberhalb zwingt eine aufragende Felswand auf der Rippe nach rechts, etwas näher zum Grünstein hin und man verliert die schön beleuchteten, bizarren Türme der Ö. Marienbergspitze aus den Augen.

am Rücken oberhalb der Flanke – der weitere Aufstieg erfolgt im rechten Teil der Senke

An dieser Stelle tritt grauer Reiflinger Knollenkalk mit seinen wellig knolligen Oberflächen deutlich ins Auge und deutlich ist auch die Abgrenzung vom aufragenden Wettersteinkalk des massiven Westteils des Grünsteins. Wir folgten dem sehr interessanten Verlauf der dünnbankigen und steil südfallend bis aufrecht gestellten Schichten bis zum Sattel.

hinter Simon werden die Reiflinger Knollenkalkbänke sichtbar

Weiter oben verflachte sich die Felskuppe der Mittelrippe zwischen Ö. Marienbergspitze und Grünstein wieder und die wild zerfurchte Südflanke der Ö. Marienbergspitze trat wieder schön zutage.

Aufstieg im sich weitenden Kar in Reiflinger Knollenkalken

Bei der Betrachtung aus diesem Winkel stellten wir uns die Frage ob und wo es eine Abkletterstelle gibt, um von der Ö. Marienbergspitze auf den Sattel und weiter zum Grünstein zu kommen.

die Rippe wurde rechts überwunden, links wird wieder die Östliche Marienbergspitze sichtbar

Gegenteiliger Meinung diskutierten wir bei der Betrachtung der Flanke kurz über die Möglichkeiten wobei Simon, der den Eindruck von der Besteigung der Ö. Marienbergspitze vom Vorjahr vom Gipfel aus noch geistig vor sich hatte, schüttelte den Kopf und meinte, daß er sich einen Abstieg ohne Abseilen nicht vorstellen kann.

 

Östliche Marienbergspitze vom Sattel aus gesehen

Tatsächlich erscheinen die Wände bei näherer Betrachtung in Sattelnähe als sehr schwierig und wir beschlossen, dieses Thema auf eine Besteigung der Ö. Marienbergspitze zu verschieben um von oben nochmals näher die Wand zu erkunden.

Blick auf den Grünstein Westgrat – links im Hintergrund bereits der Grünstein sichtbar

Im Rücken bei Betrachtung der imposanten Südwand befindet sich unser Aufstieg auf den Westgrat und die entfernte Perspektive aus der Ferne ist bei der Suche nach einem Einstieg in die Nordwand des Grünstein Westgrates eine vorteilhafte. Weiters kann von dort aus auch der Grünstein eingesehen werden, um einen Entfernungseindruck zu bekommen.

Blick vom Sattel auf den Drachengrat mit Hinterem und Vorderem Drachenkopf

Sofort fiel uns in Sattelnähe ein Riß- und Bändersystem in der sonst geschlossenen und mächtigen Wandfront auf, das durch die Wand in die obere Flanke des Westgrates führen sollte und wir überquerten den Sattel mit atemberaubender Aussicht auf die nördliche Mieminger Kette und hinab zu den Seen.

am Nordgrat zum Hinteren Drachenkopf die Grenze zwischen Reiflinger Bankkalk (südlich) und Wettersteinkalk (nördlich) perfekt zu erkennen

Vom Sattel aus sehr eindrucksvoll zu betrachten ist die geologische Trennfuge am oberen Drachenkopfgrat, gleich nach dem Gipfel des Grünsteins, zwischen Reiflinger Bankkalk (südlich) und Wettersteinkalk (nördlich, zum Einschnitt bis in das Kar vor dem Hinteren Drachenkopf hinab reichend) die vertikal verläuft und eine markante Linie darstellt.

Simon vor einem mittig im Sattel liegenden Gratkopf, der überschritten wird

Ein weiterer geologischer Einschub am Drachenkopfgrat befindet sich in der tiefsten Einschartung vor dem nördlich gelegenen Hinteren Drachenkopf und zwar tritt hier dunkelgrauer Partnachkalk deutlich sichtbar zutage (Bild davor).

Blick auf den Aufstieg mit dem Weg zum Marienbergjoch in der Tiefe

Bei der Annäherung an die vermutete Aufstiegswand trat die Route eindeutig hervor und beide interpretierten wir denselben – aus unserer Sicht einzig gangbaren – Verlauf durch die Wand.  Die Route führt am Wandfuß einige Meter weg vom Sattel nach Westen, bevor eine leichte Muldung in der Wand mit gut überkletterbaren Felsstufen, recht festem und gutgriffigem Wettersteinkalk erreicht und direkt in Falllinie ansteigender Kletterei bewältigt werden muß.

 

Simon in der Nordflanke des Westgrates des Grünsteins – in direkter Linie geht es in mäßig schwieriger Kletterei hinauf

Zur besseren Übersicht der Bilder blieb der Verfasser noch vom Wandfuß weg, während Simon über ein leicht steigendes Band zum Aufstiegspunkt der Kletterei anstieg.

vom Sattel wird auf mittelbreitem Band vorher etwa 30 bis 40m westwärts gequert

Die Stufe dürfte etwa 30 bis 40 Hm umfassen, wird oben flacher und dadurch mit mehr Schutt überdeckt. Sie endet mit einer Flachstelle auf einem kleinen Teilgrat zum Wandmassiv hin und ist umgeben von eindrucksvoll zerklüfteten Türmchen und vielen kleinen Schuttreisen, sowie mit einem massiv sperrenden Felsriegel in Gratrichtung.

Rückblick auf die untere Wandstufe zum Sattel zwischen dem Westgrat des Grünsteins und der Östlichen Marienbergspitze

Dem Felsriegel wichen wir auf einer Art Rampe, die oben in eine zu überkletternde Felsstufe übergeht rechts ansteigend aus womit wir – optisch begleitet durch das Eintauchen in Sonnenlicht – den Grat erreichten und die dunkle Nordflanke des Westgrates auf den Grünstein verließen.

flachere Steilstufe zum Westgrat des Grünsteins

Die nette Kletterei durch die Flanke mißt etwa 60 Hm und der Höhenunterschied zum Grünstein Gipfel beträgt am Grat noch etwa 50 Hm, die allerdings mit etwas Auf und Ab am Grat etwa 100 Hm Aufstieg bedeuten. Der Abstand am Grat dürfte zwischen 220 m und 250 m betragen und wir waren einigermaßen erstaunt über die Nähe des Gipfelkreuzes.

am Westgrat angekommen – Grünstein Gipfel bereits sichtbar

Am Grat besticht die Aussicht nach Norden und in die Tiefe mit ihrem Farbunterschied zwischen dem hellen Wettersteinkalk und den grauen Reiflinger Knollenalken. Im Norden erheben sich majestätisch die Östliche Marienbergspitze und der Wamperte Schrofen, der so häufig falsch geschrieben wird, wenn man des Tiroler Dialektes nicht mächtig ist. Wampert ist man dann, wenn man eine Wampe hat, also einen dicken Bauch.

Blick nach Norden auf Östliche Marienbergspitze und rechts der Wamperte Schrofen

Der Grat führt zunächst steil nach oben auf einen Vorkopf, der – wie könnte es am Grat anders sein – auf seiner Rückseite einen Abstieg in die nächste Scharte aufweist. Und der Abstieg jenseits ist der Kniffligste im Übergang zum Grünstein. Knifflig hinsichtlich der Steilheit und dem Übertritt auf einen Klemmblock, der den jenseitigen Aufstieg auf den nächsten Gratabschnitt ermöglicht.

Blick nach Süden auf das Riffeltal und den Höllkopf

Ihn unten zu umgehen wäre möglich, jedoch bergsteigerisch verfehlt. Im festen Fels gewinnt man schnell Vertrauen in den kurzen steilen Abstieg und erfreut sich des Blickes auf die lange Wettersteinmauer im Norden durch die enge Scharte.

leichte Gratkletterei bis zu den Riffeln

Ein paar Meter des Aufstieges hinter der Südkante der folgenden Gratschuppe reicht der Blick auf den ersten der vier Riffeln, die nicht nur das Riffeltal bezeichnen und bereits von Locherboden aus sichtbar sind, sondern auch ganz nett zu begehen sind.

und Abkletterstelle auf den Klemmblock

Eine derartige Erscheinung kennt man im Karwendel von den Gratköpfen am Grat von der Scharte zwischen den Bachofenspitzen auf die hintere der beiden.

 

Passage des ersten Riffels auf dessen Nordseite – der immense Nordabfall wird erst vor dem zweiten Riffel sichtbar

Den ersten, so heißt es im AV-Führer, umgeht man nordseitig. Auch wenn man mit der Vorstellung an nordseitige Verhältnisse seine natürliche Hemmung hat ist diese Umgehung eine der Harmlosesten weit und breit.

während der erste Riffel ein schönes Felsenfenster mit großartigem Blick auf das Gurgeltal bietet

Der Überstieg vollzieht sich auf einem breiten, eher flachen Band mit, jenseitig, einem kleinen „Dach über dem Kopf“ und gleich darauf einem Felsenfenster mit Blick ins Gurgeltal. Der Westlichste der Riffeln – ein einmaliger Ort.

 

Rückblick vor der Passage des zweiten Riffels auf dessen Südseite

Der Zweite der Riffeln folgt sogleich. Im Abstand von wenigen Metern erhebt sich der nächste Felskopf, der dann, wie alle übrigen, unspektakulär südseitig umgangen wird. Der Überstieg auf den zweiten Riffel findet auf einer schmalen Felsmauer mit aufregendem Tiefblick in die schauerliche Grünstein Nordwand statt und aufgrund der Schmalheit der Mauer bleibt die Spannung auf wenigen Schritten bis zum Riffel erhalten.

weiteres Felsenfenster zwischen dem zweiten und dritten Riffel mit Ausblick auf den Wamperten Schrofen mit dem Pitzenegg im Hintergrund

 

Seine leicht überhängende Form und das schmale Band bedingen am zweiten Riffel ein wenig Artistik, jedoch ist die Passage gut machbar. Alternativ kann er ein paar Meter darunter umgangen werden.

Südpassage unterhalb der letzten beiden Riffeln – von ihrer Dimension bekommt man nichts mehr mit, sie werdfen direkt und ohne Kletterei passiert

Hinter dem zweiten Riffel und noch vor der nächsten leichten Passage der beiden letzten Riffeln gibt es unter einem kurzen Aufstieg nochmals ein bäriges Felsenfenster in den Norden, das man nicht versäumen sollte zu erkunden.

zwischen letztem Riffel und dem Gipfelaufschwung zum Grünstein bietet sich erneut ein toller Ausblick, diesmal auf die Ehrwalder Sonnenspitze

Die Passage der folgenden Riffelzähne erfolgt harmlos an ihrem Fuße. Der letzte Aufschwung auf den Gipfelaufbau des Grünsteins führt – wenig ansteigend – an einer bemerkenswerten Scharte mit gewaltigem Ausblick auf die Ehrwalder Sonnenspitze vorbei.

Aufstieg unterhalb des Gipfelaufschwungs – das Gipfelkreuz des Grünsteins bereits sichtbar

Nach diesem tollen Ausblick führt der Aufstieg steiler weiter und mündet knapp unterhalb des Gipfels in den Normalweg auf den Grünstein über das Riffeltal und in wenigen Minuten wird der Gipfel über die letzten brüchigen Felsabsätze erreicht.

wieder einmal am schönen Grünstein, 2.663 m

Immer wieder erstaunt am Grünstein das völlig intakte Gipfelkreuz von 1967. Einzig der wetterseitige Metallschutz am Hirnholz gibt Anlass zur Sorge, daß es rascher Schaden erleiden könnte als nötig.

Rückblick auf die kurze und nette Kletterei am Grünstein Westgrat

Imposant anzusehen ist der Drachenkopfgrat, der gen Norden zieht und mit ein wenig Phantasie kann man den Rücken und einen gewaltigen Kopf eines Drachens erkennen und der Grat wären dessen Rückenschilde. Der Begriff Drache leitet sich allerdings nicht von deutschen Wort, sondern vom slawischen „draga“ ab, welche „eine durch Abrutschung entstandene Mulde am Hang“ bezeichnet (FINSTERWALDER 1951, S. 185).

die Nordkare am Grünstein – gerade noch an der Ostflanke des Vorderen Drachenkopfes der Seebensee sichtbar; Hintergrund Zugspitzmassiv

Richtung Osten entsendet die Mieminger Kette vier Nordgrate, die jeweils mit einer massiven Einschartung zur Hauptkette gekennzeichnet sind.
Der erste und kürzeste trägt die Drachenköpfe, der zweite die Tajaköpfe, ein Kar weiter befindet sich ein Nordgrat, der seine Einschartung nicht direkt an der Nordwand hat, sondern erst nach einer signifikanten Gratstrecke und der die Igelsköpfe trägt und der letzte Nordgrat, mit einem massiven und hohen Gipfel geschmückt, dem Breitenkopf, verläßt dieser die Mieminger Kette vom Hochplattig nach Norden. Der durchaus imposante Breitenkopf ist in fünf Kilometer Entfernung noch vor der mächtigen Nordflanke der Mitterspitzen sichtbar.

Blick vom Grünstein nach Osten mit Drachensee und den Nordgraten, Tajaköpfe, Igelsköpfe und zuletzt der Breitenkopf; im Osten der Hauptkette die mächtigen Griesspitzen

Letzterer stellt den höchsten aller Gipfel der Nordgrate dar dürfte aufgrund seiner kurzen, eher abfälligen Beschreibung im AV-Führer nicht häufig begangen werden. Vom Grünstein aus sehen seine Flanken nicht uninteressant aus und damit wurde er für eine Erkundung ins Auge gefasst.

Seine Besteigung über das Igelskar und der Begrenzung durch die mächtigen Hochplattiggipfel ist dieselbe wert. Die kurze, scharfe Gratstrecke bildet einen begehenswerten Abschluß und mit dem Abstieg ins Schwarzbachkar kann der Routinierte mit Orientierungsgabe eine bärige Runde im Gaistal von der Leutasch aus abschließen.

Abstiegsrippe links vom Riffeltal, unten der Arzberg, unser Abstiegsziel

Nach Süden werden in der Mieminger Kette kaum scharfe Grate entsendet. Direkt an den Grünstein schließt mit seichter Scharte am Hölltörl der Höllkopf an, der den höchsten Abschluß des langen Südrückens des Arzbergs darstellt. Das Hölltörl stellt auch die Grenze zwischen dem gipfelbildenden Wettersteinkalk und dem Hauptdolomit des Arzbergs dar.

die Riffeln im Abstieg vom Riffeltal aus gesehen

Den Abstieg unternahmen wir durch das Riffeltal, um über die Schotterreisen rasch abfahren zu können. Der Normalaufstieg auf den Grünstein findet großteils auf der – im Abstieg gesehen – linken Rippe vom Riffeltal statt.

leichte und nette Kletterei in der Felsstufe zwischen Hölltörl und Riffeltal

Zum Abschluß, und mit genügend Zeitreserve des eher kurzen Abenteuers der Besteigung des Grünsteins über den Westgrat ausgestattet, unternahmen wir die Erkundung des Arzbergs.

bester Wettersteinfels – beste Laune

Vom Hölltörl sind dabei lediglich 70 Hm zu überwinden, bevor man auf dem Plateau dieses regionaltouristisch höchst wichtigem Gipfelchen steht, stellt es doch den Höhepunkt der Wanderrunde zwischen den beiden parallellaufenden Marienberg- und Lehnbergtal dar. Dementsprechend vielen Wanderern begegneten wir dort.

Grünstein vom Zäunlkopf aus gesehen

Die Besucherströme beschränken sich jedoch ausschließlich auf den Höllkopf und versiegen einige Meter hinter dem Gipfelkreuz, von dem es, nach Süden, keinen im Kartenwerk verzeichneten Weg mehr gibt. Im AV-Kartenwerk finden sich Steigspuren bis hinab zur Arzbergmahd und diese wollten wir, nach teilweiser Einsicht vom Grünstein aus, im Abstieg erkunden.

Westliche Griesspitze vom Zäunlkopf aus gesehen

Zusammenfassend kann vorweggenommen werden, daß dieser Bergbuckel, nach einigen kurzen und sanften Gegenanstiegen auf Zäunl- und Hoher-Kopf tatsächlich freigeschnitten an der Arzbergmahd endet. Dort endet auch der sichtbare Steig und einen weiteren Abstieg durch den Wald konnten wir nach kurzer Suche nicht finden, vermuten ihn aber Richtung Ostnordost, zum Ende eines Fahrweges mitten im Lehnbergtal, von dem ein Anstieg kaum 150 Hm und nur 700 m Strecke zur Mahd beträgt.

der Arzberg mit seinem Gipfel auf 1.905 m (stirnseitig am Ende des Rückens)

So ließen wir die Schafe, die unter einer freistehenden Tanne Schutz vor der Sonnenbestrahlung suchten, zurück und stiegen an der Stirnseite des Rückens weglos durch den Wald ab. Den Weg zum Parkplatz erreichten wir an der Abzweigung nach Weisland etwa 300m vor dem Ende des Waldes bei Arzkasten.

die Arzbergmahd mit neu erbauter Hütte und den Schafen unter der Tanne im rechten Bilddrittel

Die wirklich schöne Besteigung des Grünsteins über den Westgrat erfordert etwa 7:30 Stunden (bei unserer Abstiegsvariante, sonst ggf. eine gute halbe Stunde weniger) und erstreckt sich über gut 12 km. Bei unserer Abstiegsvariante werden 1.700 Hm zurückgelegt, sonst gut 100 Hm weniger.

Mils, 15.08.2021

Grünstein, 2.661 m – Überschreitung von Grünsteinscharte

Markant vom Inntal und dem Mittelgebirge aus gesehen, bestimmt der Grünstein das Westende der hohen, zusammenhängenden Gipfel in der Mieminger Kette. Nach Westen hin trennt ihn – von seinem Gipfelkreuz hinabgeblickt – der 900 Hm tiefe Einschnitt des Marienbergjochs vom Wannig, dem letzten Gipfel der Mieminger, bevor die Kette der Deckenüberschiebung ihre ferne Fortsetzung in der mächtigen Heiterwand im Westen findet.

Abstieg zum ersten leichten Gratköpfl

Als Bergtour über den Normalweg vom Hölltörl aus, durch das Riffeltal, mag der Grünstein als eine wenig attraktiv zu ersteigende Schottergrube erscheinen, der Aufstieg auf den Ostgrat aus der Grünsteinscharte ist geologisch interessant, bergsteigerisch mäßig, jedoch schön. Der Grat selber (ab Pkt 2.475m) ist einfach zu begehen, bietet wenig bergsteigerische Höhepunkte oder Herausforderungen und wird großteils eher als Gratrücken empfunden.

Grünstein Ostgrat und Gipfel von Locherboden aus (Vordergrund Wankspitze)

Beim Aufstieg auf den Grat warten mit einem geologischen Einschub in den sonst so monotonen ungebankten Wettersteinkalk interessante Besonderheiten.
Diese beginnen in der obersten Höllreise, knapp unterhalb des schluchtartigen Einschnitts auf den Grünstein Ostgrat, der westlich der Grünsteinscharte eine sonderbare topografische Form für einen von einer Scharte ausgehenden Grat bildet. Das Geheimnis der von unten nicht zu überblickenden unerwarteten Erscheinung ist leicht erklärt – der Hauptgrat biegt bereits weiter westlich nach Norden um wobei die massive Grünsteinschuppe1 eine Art Südsporn ausbildet, der einen talbildenden Kerbriss gegen die Scharte hin ausformt der als steiles Tal zwischen zwei Graten empfunden wird. Die Füllung dieses – vom Autor als Riss empfundenen – Tales dürfte bei der Deckenaufschiebung vollständig durch Reichenhaller Schichten erfolgt sein, betrachtet man die Geofast Karte 116 – Telfs2.

Grünstein Geologie – Geofast Karte 116 – Telfs

Trümmer und Bruchstücke aus diesem vermeintlichen Tal können bereits im beeindruckend langen Aufstieg zur Grünsteinscharte bestaunt werden – und sind sie anderer Farbe oder Form als die generelle Umgebung, so fallen sie auch dem geologischen Laien ins Auge. Ein schönes Exemplar von Rauhwacke der Reichenhall Formation lag gleich neben dem Steig in einer Höhenlage > 2.200 m.

in der Höllreise auf etwa 2.200m unterhalb der Grünsteinscharte

Dieses Handstück enthält zur Verwunderung des Autors rötliche Kalke (Dolomite?) und gleicht keineswegs der üblichen Rauhwacke, die beispielsweise im Karwendel zu finden ist.
Es weist die typischen Merkmale des Zellenkalks auf, das feine Gespinst aus übrig gebliebener Matrix nach dem Auslaugen des Gipses, sowie gleichzeitig, mit den vollständig in Matrix eingebundenen Bruchstücken, typische Merkmale eines Konglomerats.

Rauhwacke und Konglomerat der Reichenhaller Formation aus der Grünsteinschuppe

An der Grünsteinscharte nehme man sich die Zeit und betrachte beide aufgehenden Grate (Westgrat der Griesspitze / Grünstein Ostgrat). Bereits Otto Ampferer3 beschreibt deren Verschiedenartigkeit, die mit dieser Beschreibung tatsächlich auch dem Laien auffällt. Weiters ist die Beschreibung der Reichenhaller Formation am Grünstein Ostgrat von Hubert Miller6 zu erwähnen.

Blick jenseits der Grünsteinscharte zu den Taja Köpfen (man beachte die unterschiedlichen Gratansätze von der Scharte)

Von der Grünsteinscharte führt gegen Westen das steile Tal in dem sofort nach dem Ende der Schuttrampe und dem Erreichen des festen steilen Felses die Unterschiede zum Wettersteinkalk, der die senkrechten Flanken bildet, sichtbar werden.

Radlfahrer- und Grünsteintürme im aufgehenden Grünstein Ostgrat

Reichlich Geröll der Reichenhall Formation, in Form und Farbe zur schroffen Südflanke unterschiedlich, geleitet über ein paar Minuten Steigzeit zu einer Engstelle, die auch eine niedere Geländestufe bildet.

durch die Reichenhaller Schichten auf den Grünstein Ostgrat

Da sie auch das Trichterende des darüberliegenden Schuttkars darstellt, fanden wir die Flanken und die Klüfte zum Ersteigen der Stufe erdgefüllt und etwas verschmiert vor, die mageren Tritte und Griffe dadurch leicht rutschig und etwas knifflig zu durchsteigen. Ein Schlaghaken deutet auf Abseilaktionen über diese Stelle hin, die jedoch nur zur Bergung notwendig wären, nicht zum Abklettern über die Stufe.

Simon stürmt über die Reichenhaller Gesteine im bizarren Gelände voran

Das erdig, schuttige Gelände im Trichtergelände oberhalb der Stufe stellt für den Bergsteiger ein wenig attraktives Terrain dar und er ist froh, wenn er nach wenigen Höhenmetern auf schmierigem Untergrund eine kleine Grathöhe erreicht, die unterhalb eines Felskopfes nordwestlich auf den Hauptgrat hinüber führt und er damit das sonderbar interessante Gelände der Reichenhall Formation verlassen hat.

Simon an der Engstelle bzw. Geländestufe zum Grünstein Ostgrat

Im Rückblick, nach einigen Höhenmetern am bröselig erodierenden Grat, kann der Unterschied der geologischen Formationen gut erkannt werden. In Bildmitte wird die Reichenhall Formation durch den linken (nördliche) und rechten (südliche) Wettersteinkalkflügel eingebettet. Form und Farbe der Felsen unterscheiden sich deutlich.
Im weiteren Gratverlauf bis zum Gipfel des Grünsteins herrscht dann ausschließlich ungebankter Wettersteinkalk vor.

Vereinigung der Wettersteinkalkflanken des Kerbrisses (nach Ansicht d. Verf.) der Grünsteinschuppe; letzte Sondergesteine der Reichenhaller Schichten rechts neben Simon

Erneut nach einigen Minuten des Aufstiegs wird der Punkt 2.475 m erreicht (verzeichnet in der AV-Karte), der den Abschluss des Aufstiegs aus der Grünsteinscharte über 200 Hm markiert und von dem aus ein erster Überblick über den weiteren Gratverlauf möglich ist. Am Weg dorthin verwundert die ungewöhnliche Kleinstückigkeit des Bruches im dortigen Kalk.

Rückblick auf die Vereinigung der seitlichen Wettersteinkalksporne mit den Reichenhaller Schichten mittig liegend (Form und Farbe!)

Die Einschätzung, die knapp unterhalb von Pkt. 2.475 m über den Gratverlauf getroffen werden kann, ist recht übersichtlich und vollständig. Sowohl der nordseitige Aufstieg etwa mittig in der Überschreitung – über den in der Folge berichtet wird – als auch Pkt 2.563 m sind gut zu erkennen.

erster Überblick über den Grünstein Ostgrat

Auch wenn man über die Girlanden zwischen den Festpunkten noch keine Detailansichten hat so ist der Grat im Verbund mit diesem Blick und dem nach Studium der Längsansicht bei der Fahrt von Locherboden aus für einen Gratkenner und -liebhaber recht gut einschätzbar.

westliche Hinterseite des Gratköpfls

Ein erster rundlicher und leichter Gratkopf stellt sich nach einigen Metern Abstieg sodann in den Weg, der frontal in Angriff genommen wird und jenseitig, im unteren Teil, eher auf der Nordseite zur folgenden Scharte abgeklettert wird. Die scharfe Scharte bildet den Wechsel zurück auf die sonnige Südseite des Grates.

nordseitiger Abstieg in die Scharte

In leichtem Gelände geht es weiter, vorwiegend in Gehgelände, mit Einlagen von kurzen Kletterstellen auf die nächsten höheren Graterhebungen. Ab und zu begegneten wir Steinmandln, die auf einer direkten Gratroute ihrem Zweck nie gerecht werden und somit sehr häufig sinnlos gesetzt sind. Sinnvoll wären sie immer dort wo vom Grat in Flanken abgewichen werden muß. Mit diesem Erlebnis hat wahrscheinlich schon jeder Freund von Gratüberschreitungen Erfahrung gemacht.

Gratpassage auf eine leichte Graterhebung

Bei einem wuchtig aufstehenden Grataufschwung, dem man sein Band der Begehung im dunklen Norden gleich ansieht, erwartet den Bergsteiger ein wenig klettertechnische Prüfung.

Annäherung an die wuchtigste Graterhebung mit nordseitiger Bewältigung

Die Scharte im Vordergrund des eindrucksvollen Klotzes erlaubt einen schönen Talblick auf das Stöttltörl und die Hauptdolomittürme auf die Wankspitze (Klettersteig).

schöner Blick auf das Stöttltörl mit beeindruckendem Wechsel der Geologie zwischen Wettersteinkalk im Hauptkamm und Hauptdolomit im Südausläufer des Wanks

Das schuttbedeckte Band der kalten Nordseite des massiven Grataufschwungs führt teilweise über leicht unangenehm abschüssige Stellen, bis eine deutlich erkennbare Verschneidung die Route nach oben kennzeichnet.

herrliche und leichte Risskletterei über etwa 25 m auf die Grathöhe

Die Verschneidung gefiel uns gleich auf Anhieb, da sie schöne Risse und Stufen enthält, um durch den steilen, etwas schräg nach oben gerichteten Aufstieg wieder die Grathöhe zu erreichen.

Rückblick auf den Nordaufstieg mit herrlicher Untermalung durch den Drachensee

Bevor man an das Massiv des Grünsteins herankommt überschreitet, muss nach dem Aufstieg aus der Nordseite des Grataufschwunges noch ein zweiter, in der AV-Karte verzeichneter Punkt, der Pkt. 2.563 m, der lediglich um 100 m niedriger ist als der Grünstein selber, erklommen werden. Diesen letzten und höchsten Aufschwung erblickt man bereits direkt nach dem Nordaufstieg.

Abstieg zur Scharte (sieht schwieriger aus als er ist)

Wieder trennt eine Scharte die beiden Graterhebungen, wie könnte es anders sein. Ab dem Aufstieg aus der Nordseite bis hin zur Erhebung 2.563 m bewegt man sich vorwiegend im Gehgelände, selbst im steilen Abstieg zur Scharte.

Überblick über den folgenden Abschnitt

Und wieder führt die sinnvollste Route in die Nordseite, der Aufstieg zum Grat jedoch nicht mehr unter Kletterei sondern vorwiegend aufrecht mit teilweiser Abstützung durch die Hände.

in der Nordflanke

Selbst von dem markanten Punkt 2.563 m aus ist der Gipfel des Grünsteins jedoch immer noch nicht einzusehen.

Scharte hinab zu den Drachenköpfen (Beschreibung Geologie O. Ampferer, siehe Text)

Der Abstieg zur Scharte, die dann zum Bergmassiv des Grünsteins überleitet beträgt recht genau 50 Hm, wodurch nach der letzten Scharte noch 150 Hm zum Gipfel zurückzulegen sind.

Rückblick auf Pkt. 2.563 m

Von der markanten,  nicht einladenden Scharte, bzw. der nordseitigen Rinne am Grünstein schreibt Otto Ampferer3: „An der obersten großen Einschartung, wo eine gangbare Schneerinne von Norden heraufreicht, ist ein bituminöser zerdrückter Dolomit eingelagert.“
Es ist also anzunehmen, daß er sie begangen hat, oder, zur Feststellung der Verhältnisse, zumindest über einen Teil abgeseilt worden ist.

Stirnflanke des Grünstein Massivs; Simon blickt in die Scharte zu den Drachenköpfen hinab

Jenseits der Scharte blockiert eine mächtige Stirnwand des steil aufgehenden Grates die direkte Einsicht in das Grünstein Massiv. Wir suchten den Übergang an der untersten Stelle etwa auf Grathöhe und fanden dahinter wenig ansprechendes, monoton steigendes, schuttbedecktes Gelände vor.

Aufstieg hinter der wulstigen Stirnflanke auf den Grünstein Gipfel

Recht steil und zu einem großen Teil mit Schutt bedeckt schien uns die Flanke über ihre gesamte Höhe zu zwingen. Wir überlegten zuerst den Aufstieg im festen Fels ohne Schutt nahe der Gratkante, jedoch erreichte diese Route im oberen Teil senkrechte bis überhängende Partien, die wir nicht erkunden wollten.

unansehnliche Querung der Südflanke des Grünstein Massivs

So blieb uns nicht viel über als einen – dem Bergsteiger unliebsamen – Aufstieg zu unternehmen, und zwar die aufwärtsgerichtete Querung einer wenig strukturieren Felsflanke im Schutt.

Rückblick auf die steigende Querung aus der letzten Scharte

Gegen die Grathöhe hin bildete sich die Flanke dann gestufter aus und wir konnten trotz des enormen Schuttbelags treppenartig weitersteigen. Oben auf Grathöhe erreichten wir die letzte Scharte vor dem Grünstein, die uns sehr brüchig erschien und das Risiko nicht Wert war sie zu durchschreiten.

Umweg unterhalb der Grathöhe in die Südrinne der Gipfelscharte am Grünstein

Die Alternative bestand in der Umgehung der Scharte in ihrer Südrinne, mit etwa 25 Hm Abstieg zu einem Steinmandl hinter dem ein halbwegs taugliches Band unterhalb der Scharte durch die Rinne führte, jedoch wohl unterhalb der Scharte in der Südseite des brüchigen Gipfelaufbaues.

Simon im Rinnentiefsten (oberhalb die Gipfelscharte zu sehen)

Über die Rinne querten wir anschließend auf einem Band steil hinauf zu einem Steinmandl und von dort über wenige weitere Meter auf den Gipfel des Grünsteins. Dieser Teil unserer Gratbegehung ist auch Teil des Normalaufstiegs durch das Riffeltal.

Ausstieg aus der Rinne über einen steilen Aufstieg zum Steinmann

Sehr beeindruckend am Grünstein ist eine umfassende Aussicht, steht er doch als letzter der hohen Gipfel der Mieminger Kette, abgesehen vom signifikant niedrigeren Hochwannig, direkt vor den Lechtaler Alpen im Westen und ist durch die umgebenden Täler weit von anderen hohen Bergen getrennt.

Grünstein, 2.661 m

Der höchste Gipfel der Verwallgruppe, der Hohe Riffler ist genauso sichtbar wie der höchste Gipfel der gesamten Nördlichen Kalkalpen, die Parseierspitze.

interessanter Übergang auf die Marienbergspitzen, im Hintergrund der Wannig als westlichster Gipfel in den Miemingern

Bei der Peilung zu den vorgenannten Gipfeln (siehe Bild in der Galerie) helfen die auf gleicher Achse liegenden markanten Spitzen des Blankahorns (Peilung Hoher Riffler) und des Bergwerkkopfes (Peilung Parseierspitze). Eine Fernsicht von etwa 50 km war uns an diesem schönen Spätsommertag beschieden.

Peilung vom Grünstein zu: Hoher Riffler und Parseierspitze

Nordwärts vom Grünstein hinab geschaut findet sich ein interessantes Hochtal, zweigeteilt durch den scharfen Grat der die Drachenköpfe verbindet, das westlich liegende Schwärzkar und das östlich liegende Drachenkar, letzteres mit dem Durchstieg über die Grünsteinscharte. Drei weitere Kare, getrennt durch massive Nordausläufer der Mieminger Kette vervollständigen deren Nordseite gen Osten hin.

Tiefblick nach Norden auf die Drachenköpfe und den Drachensee, im Hintergrund die Zugspitze

Im unteren Teil des Drachenkars befindet sich der etwa 30 m tiefe Drachensee und in einer weiteren Talstufe darunter, etwa 200 m tiefer, liegt der Seebensee. Beide Wasser liegen eingemuldet in einem Felsbecken glazialen Ursprungs, wie man der sehr interessanten Arbeit von Wolkersdorfer4 entnehmen kann.
Dem etymologischen Ursprung der Bezeichnung „Drachen…“ für den See und dem darüber liegenden Kar ist Wolkersdorfer ebenfalls nachgegangen und hat bei Finsterwalder5 die slawische Ursprungsbezeichnung „draga“ als Synonym für „eine durch Abrutschung entstandene Mulde am Hang“ gefunden.

Grünstein Gipfelscharte die wir gemieden haben

Der Übergang vom Grünstein auf die Marienbergspitzen, bzw. umgekehrt, dürfte eine erstrebenswerte Tour in festem Muschelkalk (Geofast Karte: 116 – Telfs2) darstellen, die in die engere Wahl für den kommenden Sommer aufgenommen wird.

die Griesspitzen im Osten und kaum sichtbar mittig hinter deren Verbindungsgrat der Hochplattig

Deutlich erscheint der Höhenunterschied zu den höchsten Gipfeln in der Mieminger Kette im Osten und zum Niedrigsten im Westen. Der Höhensprung zu den Griesspitzen im Osten erscheint gleich markant als jener zum Wannig im Westen und zöge man eine Gerade von Östlicher Griesspitze zu Wannig, der Grünstein läge mit nur sechs Meter Abweichung nach oben darauf. Zwischen beiden Griesspitzen kann der gerade noch sichtbare Hochplattig erspäht werden.

Gipfel des Hochplattig vom Grünstein aus gesehen

In den Süden hinabgeblickt, ins Riffeltal, schaut der Abstieg weit weniger einladend aus. Die Südflanke scheint aus schlechtem Wettersteinkalk zu bestehen, mit großflächigen Verwitterungsbereichen, die sich völlig schuttüberzogenen Karen und langen, breiten Reisen ausdrücken.

Tiefblick nach Süden ins Riffeltal

Bemerkenswert am Grünstein ist der hervorragende Zustand des offenbar 53-jährigen Gipfelkreuzes und wenn es seine jugendliche Erscheinung nicht allein durch eine äußerst kluge Wahl und Ernte des Holzes verdankt, dann vielleicht zusätzlich der klugen Wahl der Konstruktion, die der Autor bei den vielen Kreuzen auf seinen Gipfeln noch nicht annähernd in dieser Form gesehen hat.

Konstruktion Gipfelkreuz Grünstein

Jeweils die oberen Horizontalflächen der Armausleger sowie der Kopfteil des schönen Gipfelkreuzes werden durch massive schmiedeeiserne Bleche abgedeckt und sind somit bis über ihre Kanten vor Unbilden der Witterung und Blitzen geschützt, ebenfalls das Hirnholz der Auslegerenden (am linken Ausleger leider bereits fehlend). Ein schmiedeeiserner Ring um das Zentrum aller vier Balken mit massiven Schraubstellen an denselben verleiht dem Kreuz die notwendige Verbandsstabilität sowie Bandagen um die Armausleger und geschraubte Laschen durch dieselben die Faseröffnung des Balkenholzes durch Wind und Wetter verhindern.

Band aus der Rinne am Abstieg – so ganz leicht ist es nicht zu begehen

Ein massives schmiedeeisernes Christusmonogramm über dem Kopfteil fängt Blitzentladungen zuverlässig ein und leitet deren Energie über Bandeisen in die Erde ab – wobei wahrscheinlich sogar die Form des „Rho“ und die Schutzpanzerung der Ausleger aufgrund der elektrischen Durchverbindung mit den Halteseilen als zwei Faradaysche Käfige wirken und damit weiteren Schutz gewährleisten.
In jeder Hinsicht ein Meisterwerk der Gipfelkreuzkonstruktion.

Normalabstieg in das Riffeltal; im obersten Bereich noch auf schuttbedecktem felsigem Untergrund

Im Abstieg oben, unterhalb des Gipfels, betritt man noch festen Fels, im eher erdigen Mittelteil kann über lange Strecken auf den Schotterreisen bequem hinab gefahren werden. Aufsteigende im Riffeltal sind im Mittelabschnitt nicht zu beneiden, sie pendeln je nach Untergrundbeschaffenheit zwischen östlicher und westlicher Begrenzung der steilen Mulde, in der der Aufstieg via Direttissima erfolgt.

Mittelteil des Abstiegs durch das Riffeltal

Gegen das unterste Drittel der Abstiegshöhe hin, kann auf der orographisch rechten Seite des Tals wieder über strukturierten, felsigen Untergrund abgestiegen werden, der immer besser wird und sich zur Freude des Begehers schlussendlich noch zu einer netten und leichten Kletterei über die letzten etwa 150 Hm entwickelt.

fester Fels erfreut nach den Schuttpartien im Mittelteil

In einer leichten Verschneidung von gut acht Meter Höhe fanden wir im untersten Teil eine Seilversicherung vor, die, möglicherweise, als die schwierigste Stelle zu bezeichnen ist, die aber ohne solche Sicherung auch problemlos zu meistern wäre.

Schlüsselteil des unteren Drittels

Der letzte Rest des Abstiegs bis zur Reise am Talfuß besteht wieder vorwiegend aus Gehgelände, teilweise mit notwendiger Abstützung mit den Händen in steileren Bereichen.

verseilte Stelle als Schlüsselteil

Am Reisengelände angelangt waren wir von den letzten Klettereien im Abstieg, die in ihrer Ausprägung mit den letzten 100 m im Abstieg vom Oberreintalschrofen verglichen werden können – jedoch weniger ausgesetzt -, recht erfreut.

Blick auf die letzten Abstiegsmeter

Zur bildlichen Dokumentation hätten wir noch die 70 Hm auf den Höllkopf aufsteigen sollen, welches wir aber der fortgeschrittenen Stunde und dem nächsten Tagesziel der Biertankstelle der Marienbergalm zum Opfer fallen ließen. Das Riffeltal mit dem schönen unteren Teil hätte sich am Höllkopf gut dokumentieren lassen und muß ein anderes Mal nachgeholt werden.

Rückblick auf das untere Drittel des Abstiegs vom Grünstein; in Bildmitte der Einstieg oben

Am Weg zur Alm reizte uns der Anblick der Marienbergspitzen welche bereits zur Begehung beschlossen waren und welchen der Simon in den Folgewochen nicht widerstehen konnte. Somit ist ein Teil der Überschreitung auf den Grünstein schon bekannt.

Wannig im Westen und unser Weg zum Marienbergjoch und der Marienbergalm

Die Runde über den Grünstein Ostgrat mit Abstieg über die Marienbergalm führt über 1.630 Hm und rd. 15 km vom Parkplatz Arzkasten und zurück. Eine Abkürzung wäre möglich, wenn am Hölltörl über die Höllreisen zum Lehnberghaus abgestiegen werden würde.

Östliche Marienbergspitze – ein nächstes Zwischenziel

Für die lange empfehlenswerte Variante, die auch den Blick auf die kühn aussehenden Marienbergspitzen ermöglicht, benötigten wir mit allen Pausen und einem Bier auf der Marienbergalm 8:30 Stunden.

Mils, 06.09.2020

1 Raffael Ferreiro Mählmann & Jürgen Morlok: Das Wettersteingebirge, Widerlager der allochthonen Inntaldecke, und die Ötztalmasse, Motor tertiärer posthumer NW-Bewegungen im Mieminger Gebirge (Nordtirol, Österreich): Seite 17

2 Geofast Karte 116 – Telfs:
Reichenhall Formation (gelbe bis ockerfarbene Rauhwacke, Dolomitbreccie, untergeordnet Dolomit und Kalk; Unteres Unteranisium)

3 AMPFERER, O.: Geologische Beschreibung des Seefelder, Mieminger und südlichen Wettersteingebirges: Seite 36-37:
„Der Einschnitt des Grünsteintörls ist ein tektonischer und der Aufbau des Hauptkammes zu beiden Seiten ein verschiedener. Der Westgrat der Griesspitzen bricht in steiler Wand zu der Einschätzung herab, die von einer Anzahl von Felstürmen besetzt wird. Der Muschelkalkzug der Nordwand bildet den untersten Teil des Grates und streicht über denselben auf die Südseite der Scharte, wo er an einer Querverwerfung abgeschnitten wird. Auf der Grathöhe schieben sich zwischen diesen vorzüglich aus Knollenkalken bestehenden Muschel-kalkstreifen und die tiefste Scharte mehrere kleine Felstürme ein, die durch Rutschflächen voneinander geschieden werden. Die östlichste Zackengruppe wird von schwarzen Knollenkalken mit schwarzen, grünen, seltener roten Mergellagen aufgebaut. Die drei kleineren, westlich daran stoßenden Zacken bestehen aus hellgrauem Kalk, der letzte niedrige Höcker vor der Scharte aus zerdrücktem bituminösem Dolomit. Die Scharte wird ebenfalls von diesem Dolomit ausgekleidet, welcher auf beiden Abhängen der Scharte bis zu den geschlossenen Schutthalden hinab reicht. An der Nordseite zieht er sich am Fuße der Kalktürme längs einer Rutschfläche gegen Osten. An der Westseite der Scharte baut er einen kleinen Höcker auf, an den der kühne, aus hellem Wettersteinkalk bestehende Grünsteinturm stößt. Auch dieser Turm ist von den westlich aufragenden Grünsteinköpfen durch eine Spalte abgetrennt. An der Südseite wird dieser große Turm noch eine Strecke weit von dem Dolomit der Scharte umgriffen. Jenseits des Grünsteinturmes erhebt sich der Hauptkamm wieder und leitet über die Grünsteinköpfe zum Gipfel des Grünsteines (2667 m). Dieser Kamm zeigt keine scharfen, hochzackigen Formen, sondern einen mehr treppenförmigen Anstieg. Flache, gegen Westen zu immer höhere Gratstücke, getrennt durch scharfe Einrisse, liegen hier vor. An der obersten großen Einschartung, wo eine gangbare Schneerinne von Norden heraufreicht, ist ein bituminöser zerdrückter Dolomit eingelagert.“

4 WOLKERSDORFER, C. (1989) Diplomarbeit: Zur Geschichte, Mineralisation und Genese des ehemaligen Bergbaues auf die Blei-Zink-Vorkommen SE des Ehrwalder Talkessels (Tirol) mit einer geologischen Kartierung (M 1:10000) im westlichen Mieminger Gebirge:
Anm.: d. Verf.:
Zur Erklärung der Entstehung von Drachensee und Seebensee: Seite 10, 52
Zur Erklärung der Entstehung der Bezeichnung Drachensee: Seite 20 ff

5 FINSTERWALDER, K. (1951): Die Familiennamen in Tirol und Nachbargebieten und die Entwicklung des Personennamens im Mittelalter. – Schlern-Schriften, 81: 1—418; Innsbruck
Anm.: d. Verf.:
Entlehnbar (Stand 01/2021) in der
Provinzbibliothek der Kapuzinerprovinz Österreich-Südtirol – Innsbruck

6 MILLER, H. (1965): Die Mitteltrias der Mieminger Berge mit Vergleichen zum westlichen Wettersteingebirge: Seite 190:
„Zwischen Wettersteinkalk eingeschuppt finden sich Reichenhaller Dolomite am Ostgrat des Grünsteins und in der Südostflanke der Handschuhspitzen.“

 

Schitour Marienbergalm 1.622m, Obsteig

Der total überfüllte Parkplatz beim Gh. Arzkasten vereitelte unsere Tour auf die Wankspitze weswegen wir nach einer nahegelegenen Alternative suchten und im Aufstieg zur Marienbergalm auch fanden. Zwar ist die Tour nur eine kleine mit wenig Höhenmeter, jedoch ist die landschaftlich schön und nicht überlaufen.

schon geraume Zeit unter der Leitung aufgestiegen

schon geraume Zeit unter der Leitung aufgestiegen

Daß man des Sonntags um 9:30 Uhr beim Gh. Arzkasten keinen freien Parkplatz mehr findet das wissen Bene und ich jetzt, vor allem, wenn die Schitour auf die Wankspitze Tage vorher in der Tageszeitung beschrieben wurde.
Also fuhren wir einige Kurven weiter und versuchten in Richtung Aschland einen Parkplatz zu finden. Wir fanden nach der Brücke einen Parkplatz, von dem ein Forstweg zur Marienbergalm abzweigte. Die Hoffnung, von diesem Ort einen Übergang ins Tal zum Lehnberghaus zu finden beendete ein Einheimischer mit Ortskenntnis. Er ermunterte uns aber doch auf die Marienbergalm, und – wenn wir dann noch nicht genug hätten – weiter auf das Joch zu gehen. Uns war die Ermunterung gerade recht, da wir in der Nähe keine weitere Tourenmöglichkeit kannten.

Kurz nach der ersten Kurve, ca. 5min nach dem Start, sahen wir in einem Hohlweg Aufstiegsspuren und verließen den Forstweg durch den Wald, um weiter oben, in etwa auf 1.350m wieder in den Forstweg einzubinden. Diesem folgten wir nun ein paar Minuten bis wir an einer auffälligen Stelle des Weges mit eine Abzweigung linkerhand wieder eine Aufstiegsspur ausmachten, der wir – in der falschen Meinung eine weitere Abkürzung gefunden zu haben – folgten.

Bene im Steilstück knapp vor dem Gampenköpfle

Bene im Steilstück knapp vor dem Gampenköpfle

Nach einer viertel Stunde im Wald führte die Aufstiegsspur direkt unter eine mächtige 220kV Leitung (sie surrt Gottseidank nicht) und folgte dieser Richtung gute 200Hm bis auf das Gampenköpfle. Der Aufstieg im Sonnenlicht in dieser etwas ausgeforsteten Schneise unter der Leitung ist zwar vom Naturerlebnis her zwar etwas gewöhnungsbedürftig aber landschaftlich doch eindrucksvoll.
Am Gampenköpfle, 1.711m erblickten wir zwei Möglichkeiten der weiteren Route. Die Aufstiegsspuren führten weiter bergwärts auf die steiler werdenden Hänge der Handschuhspitzen (östlicher Gipfel 2.319m) und direkt unter der Leitung weiter vermuteten wir eine fahrbare, aber eher sehr flache Abfahrt in Richtung Marienbergalm.

Gampenköpfle

Gampenköpfle

Wir folgten der Aufstiegsspur weiter, da wir annahmen, daß es eventuell einen Übergang zum Marienbergjoch (1.789m) geben könnte und die Spur  gerade in die richtige Richtung führte.
Auf etwa 1.750m, genau bei der Baumgrenze mit einigen knorrige Tannen und Lärchen, mußten wir aber feststellen, daß wir uns geirrt hatten, denn die Aufstiegsspur machte eine Spitzkehre und führte in Serpentinen weiter Richtung Handschuhspitzen.

Ortsunkundig und aufgrund des eher labilen Schneedeckenaufbaues beschlossen wir an dieser Stelle die Abfahrt zum bereits länger sichtbaren Schilift der Marienbergbahn (von Biberwier herauf, diesseits des Joches gelegen), wo wir auch die Marienbergalm vermuteten, die man von unserem Standort aus noch nicht sehen konnten.

Ausstieg aus dem Anstieg zum Gipfel

Ausstieg aus dem Anstieg zum Gipfel

Die kurze Abfahrt in einer Rinne (die AV-Karte nennt sie Unterhag Tal) erfolgte auf durchgehend fester Schneedecke, mit gefühlten 30cm Pulverschnee oben auf, bis wieder knapp neben die Hochspannungsleitung auf einen schmalen Weg mit kleinem Gefälle.


Ein paar Meter mußten wir leicht bergauf gehen wobei wir richtig einschätzten, daß sich abermaliges Auffellen nicht lohnen würde. Sodann ging es in flachem Gelände mit wenig Fahrt bergab, bis wir ca. 10Hm unter der Marienbergalm wieder auf den Forstweg einbinden konnten und auch gleich bei der Alm ankamen.

Weg neben der Leitung

Weg neben der Leitung

Man könnte von hier wirklich noch bis zum Joch aufsteigen, jedoch schenkten wir uns diese weiteren 170Hm, um in der sympathischen kleinen Alm einzukehren.

die Marienbergalm mit der Handschuhspitze

die Marienbergalm mit der Handschuhspitze

Die Abfahrt erfolgt auf dem Forstweg und bei den vorherrschenden Schneeverhältnissen rumpelte die vom Pistengerät befahrene Piste recht ordentlich unter den Schiern, trotz Temperaturen um den Nullpunkt. Man kann sich vorstellen wie es sein muß, wenn es gute 10 Grad kälter ist und die Klumpen so richtig zu Eis geworden sind.

Trotz allem war die Abfahrt im Gegenlicht der Sonne auch ein erbauender Teil der kleinen Tour. Beim Schnittpunkt des Unterhag Tales mit dem Forstweg erkannten wir die alten Abfahrtsspuren wieder denen wir oben, am Abbruchpunkt unseres Aufstieges in das Unterhagtal gefolgt sind und glauben somit die Abfahrtsroute von der östlichen Handschuhspitze gefunden zu haben. Jene muß sowieso bei besserer Schneelage erforscht werden, versprachen wir uns am Parkplatz zurückgekehrt, denn von unten sieht sie für eine Schitour sehr einladend aus. Der Hang ist fast genau südlich geneigt und die letzten knapp 500Hm dürften sehr schön zu gehen sein.

Für den Aufstieg bis zum Abbruch benötigten wir rd. 75min, für die Strecke nach dem Abfellen bis zur Alm ca. 30min, Höhenunterschied Aufstieg 600Hm.

Die Tour ist keine eigens erwähnenswerte, jedoch eine nette Alternative zum Forstweg. Weiters beträgt sie höhenmäßig die Hälfte des Aufstieges zum Gipfel der östlichen Handschuhspitze und darüber hinaus kennen wir nun einen Ausstieg aus der Tour zur Alm.
Jedenfalls schreit die Handschuhspitze nach Bezwingung, waren wir uns nach einem Blick darauf am Rückweg nach Arzkasten einig. Firn im späten Februar oder im beginnenden Lenz sollten ideal dafür sein.

Mils, 24.01.2016