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Wettersteinwand, 2. 483 m – Abstieg über Rotplattenspitze

Als längste Kette im Wettersteingebirge wird nicht nur der Gipfel selbst, auch die gesamte östliche Teillänge des Wettersteinhauptkamms ab der Meilerhütte als Wettersteinwand bezeichnet. Der Wettersteinwandgipfel selbst bildet dabei die höchste Erhebung in diesem Teil und er ist ausschließlich weglos und mühsam zu ersteigen. Ideal für weitgehend einsame Abenteuer am Grat.

Wettersteinwand, 2.483 m

Zur Besteigung der Wettersteinwand kommen zwei Aufstiege in Betracht, ein leichter über die Rotplattenspitze und ein etwas anspruchsvoller über das Bergleintal und die lange Flanke unter dem Grat nach den drei Scharten mit Aufstieg auf den Wettersteinkopf. Empfehlenswert erscheint letztere Variante, da die Klettereien im Aufstieg passieren und der Abstieg vorwiegend im Gehgelände erfolgt. Überhaupt ist der Grat über die atemberaubende Schneide des Musterstein im westlichen Teil die schwierigere und wird sanft im Ostteil nach dem Gipfel der Wettersteinwand bis zur Rotplattenspitze.

Blick ins Bergleintal

Der ideale Ausgangspunkt ist ein kleiner Parkplatz etwas oberhalb des Gasthaus Hubertus in Reindlau. Dieser Ort muß auch eine besondere Tradition unter den Bayerischen Bergsteigern des letzten Jahrhunderts haben, denn dort befindet sich eine kleine Ansammlung von Gedenkkreuzen von abgestürzten Kameraden von Bergsteigervereinigungen.

Talstufe im Bergleintal

Zunächst entlang des Bergleinbaches und später durch den Mischwald wird eine Talstufe erreicht, durch die der Bach eine bemerkenswerte Klamm geschnitten hat. Mit Hilfe der Inntalvergletscherung und die kaum vorstellbaren Wassermassen, die seit der Gebirgsbildung des Wettersteins im Gelände sägten, kann man sich die ansehnliche Schluchttiefe leichter erklären.

tiefer Schluchteinschnitt durch den Bergleinbach

Die Schlucht, lediglich auf 1.300 m gelegen, bot dem Verfasser zum wiederholten Male beachtliche Restschneemengen, die den Sommer als Schneebrücke über der Klamm überdauern. Eine Begehung der Schneereste wäre ein töricht hohes Risiko.

nach der Talstufe im Bergleintal

In Serpentinen wird die Talstufe genommen und etwa ab 1.450 m wird der Steig oberhalb der Steilstufe etwas flacher, der Mischwald endet allmählich und lediglich Latschen säumen von dort den Aufstieg.

Schäferhütte mit Musterstein

Etwa eine Stunde führt der Steig – meist nahe an den steil von den Öfeleköpfen herunterziehenden Felswänden – durch das Bergleintal, bis die Hirtenhütte des Schafzuchtvereins erreicht wird. Sie liegt nahe dem Steig zur Meilerhütte auf 2.000 m, dem Quellgebiet des Bergleinbachs.

 

dichter Nebel verhindert die Sicht auf den Anstieg zum Wettersteinkopf

Von der Hütte aus richtet sich nun der Blick schräg nordostwärts über die Südflanke der Wettersteinwand hinauf zum Grat, wo der Wettersteinkopf sichtbar ist – zumindest an Tagen ohne hartnäckigen Nebel, der den Verfasser den dauerhaften Blick verwehrte und den Aufstieg zum Grat in besonderer Weise beeinflusst hat, wie gleich zu berichten sein wird.

Rückblick auf den Einstige in die „Gänge“

Diese Route gilt es zu verfolgen, um den Vorgipfel der Wettersteinwand, den Wettersteinkopf zu erreichen (der AV-Führer spricht von einer längeren Querung der Südflanke, hinein bis in die Verschneidung zwischen Wettersteinkopf und Wettersteinwand; diese Route mag nach den Beobachtungen im Aufstieg nicht empfohlen werden).

Bergleintal bis Lochlehn

Am Beginn der Flanke muß eine etwas unangenehm zu querende Schuttreise durchschritten werden in der man tunlichst nicht zu hoch aufsteigt, um im wiesendurchzogenen Schrofengelände nicht in zu steilem Gelände weiter zu steigen. Es empfiehlt sich die Gasse etwas oberhalb der vom Einschnitt des Bergleinbaches heraufziehenden Latschen und der darüberliegenden Felsschrofen anzuvisieren. Hinter diesem „Einstieg“ mag dann mit mehr Steigung in der Flanke „Gänge“ in der AV-Karte aufgestiegen werden.

Gemsen im Aufstieg

Das rippige, girlandenförmige Gelände über die Südflanke herab und der unberechenbare Nebel versperrten dem Verfasser meist im entscheidenden Moment die Sicht auf den Grat bzw. Auf den Hochpunkt und so wurde die Querung im Aufstieg zu einem gewissen Blindflug, der zum Schluß darin resultierte, daß die geeignete Rinne zum Grat, die noch westlich vom Wettersteinkopf den Grat erreicht, nicht gefunden, sondern in der Tiefe überstiegen wurde.

Rückblick im Aufstieg; hier bereits schon zu östlich, um die Rinne zum Grat zu erwischen

Nachdem das Gelände steiler und schroffiger wurde und sich auch die Ausbildung des oben erwähnten Einschnitts zwischen den beiden Gipfeln abzeichnete, empfand der Verfasser es an der Zeit eine Position zu bestimmen. Als Hilfsmittel diente der GPS-Standort, der auf der unterlagerten Karte der AV-App zur Verwunderung anzeigte, daß nur mehr etwa 120m Aufstieg zu bewältigen sein würden, die Position jedoch direkt unterhalb des Wettersteinkopfs lag. Es lag also auf der Hand die Aufstiegsrinne verfehlt zu haben.

Endstation mit der Ostquerung

Ostwärts in die Verschneidung erschien aufgrund des schärfer werdenden Geländes nicht die gute Option zu sein und bergwärts geblickt versperrten ansehnliche Wände den Blick auf ein Ziel. In solchen Fällen kann man weiter herumirren, oder auch eine kleine Rast einlegen und hoffen, daß sich irgendwann der Blick nach oben auftut und eine Route ersichtlich wird.

mögliche Aufstiegsvarianten etwa 120 Hm unterhalb dem Wettersteinkopf

Letzteres war nach einem Griff in die Studentenfutterdose und einigen weiteren Minuten der Fall wobei zwei vielversprechende Routen die Qual der Wahl eröffneten – links ein schöner und leicht kletterbarer Riss in eine steile Scharte und geradeaus in eine etwas flachere Mulde, jedoch ohne Aussicht auf den Grat. Der gefasste Beschluss fiel zugunsten der Route geradeaus und wenn sich selbige als unkletterbar erweisen sollte, ein kurzer Rückzug und links hinauf.

Variante Direttissima, links wäre die flache Mulde

Es kam insofern anders, als daß sich beim Erreichen der Mulde, an einem hellen, als frisch zu bezeichnendem Abbruch wieder eine Gabelung öffnete, die rechts noch besser aussah als die Mulde. Der Eindruck dieser Verschneidung erschien trotz immenser Steilheit als machbar, sie verjüngte sich nach hinten oben zusehends und die Felsqualität sowie die Oberflächen deuteten auf leichte Kletterbarkeit hin, mit einziger Unbekannter – das Gelände oberhalb der Stufe.

rechts die schöne Verschneidung gefunden

Die letzten Meter in der Verschneidung ließen sich mit wirklichem Genuss klettern, der die Angst vor der ungesicherten Kletterei auf die oben leicht überhängende Kante weitestgehend schwinden ließ. Handrisse, Absätze und Flächen als Tritte zum Gegenstemmen in den Wänden zu beiden Seiten ermöglichten einen sicheren Aufstieg, bei dem auch der Rucksack durch die Engstelle gezwängt werden musste.

Rückblick auf die Verschneidungskletterei

Wie meist bei solchen Situationen erweisen sich die solchen Engstellen darüber liegenden Geländeflächen als flacher und zum Glück war das auch der Fall. Eine kleine ebene Fläche konnte zur Erkundung des Geländes in aufrechter Position genutzt werden. Der Absturz links der Rippe war der obere Teil der flacheren Mulde, die zuerst um Aufstieg ausgewählt wurde. Diese erwies sich als eher glatt, mit kleinbrüchigen Schuttflächen belegt, was nachträglich die absolvierte Route als goldrichtig aufwertete.

ein Blick auf das folgende Ziel

Die Orientierung war nach wenigen Metern weiteren Aufstiegs endlich gegeben und zeigte das überraschende Ergebnis bereits etwa 30 m östlich des Gipfelsteinmannes am Wettersteinkopf angekommen zu sein, womit die Positionsbestimmung im Schrofengelände unten bestätigt wurde. Leider erledigte sich somit ein Teil der schönen Gratkletterei auf den ersten der beiden Gipfel des Tagesziels.

Rückblick auf die Direttissima

Eine bescheidene Aussicht an diesem – an sich schönen – Tag eröffnete dennoch einen fast ungetrübten Blick gen Westen zur Zugspitze und nach Norden auf Garmisch-Partenkirchen mit dem ebenfalls im Nebel gefangenen Kramerspitz.

Blick zu den Ammergauern mit dem Hausberg der Garmisch-Partenkirchner, Kramerspitz

Nach Osten, auf die Wettersteinwand, mochte ein Bild ohne Nebel nicht klappen, auch nicht mit erneuter Wartetaktik. Also wurde der Grat in Angriff genommen und über den ersten Kopf gegen die Scharte abgestiegen.

Aussicht gegen Westen mit dem Zugspitzplatt

Den ersten Gratkopf durchzieht auf der Abstiegsseite ein Band mit Wiesenpolstern. Der anschließende kleine Buckel wird rechts umgangen, den Grund dafür erkennt man im schroffen Abbruch auf dessen Gegenseite, die mit einigem Auf und Ab weiter hinab in die tiefste Einsenkung führt.

Überschreitung nach Osten auf die Wettersteinwand; zunächst erfolgt der Abstieg in die Scharte voraus

Im Gegenaufstieg begegnet man gleich im unteren Teil ein paar schärferen Stellen, die mit dem Körper südseitig auf guten Tritten leicht erklettert werden. Die anschließenden Gratstücke können meist aufrecht, mit kaum nennenswertem Einsatz der Hände begangen werden. Kleine Schärtchen runden das Graterlebnis ab. Für den Übergang rechne man mit einer knappen halben Stunde.

gefolgt von einem Abstieg in die Scharte

Die Überschreitung vom Wettersteinkopf auf die Wettersteinwand beträgt etwas mehr als 500 m und dabei fallen etwa 60 m Abstieg und 120 m Aufstieg an. Die weitere Strecke zur Rotplattenspitze beträgt gute 800 m und für den Übergang auf die die geodätisch gut 80m niedrigere Rotplattenspitze sind knapp 50 m Aufstieg vonnöten.

schöner Aufstieg jenseits der Scharte

Der gesamte Übergang beträgt somit knapp 1.400m und dabei werden kaum 200 m Aufstieg bewältigt – in Summe ein sanfter Grat, der auch als solcher vom Tal aus gesichtet wird.

Rückblick im Aufstieg zur Wettersteinwand

Mit dem Fortschritt der Tageserwärmung löste sich auch der zähe Nebel  mehr und mehr auf und bescherte am Gipfel der Wettersteinwand teilweise einigermaßen brauchbare Sicht auf die Wettersteingipfel und Umgebung, leider aber nicht über den begangenen Westgrat hinaus.

gemütlich geht es am Grat dem Wettersteinkopf entgegen

Ein neues Gipfelkreuz trugen uns drei Individualisten ein gutes Jahr vor dieser Besteigung, im Juli 2020, auf die Wettersteinwand hinauf.

Gratverlauf erster Teil zur Rotplattenspitze

Die Gipfelbuchschachtel schließt dicht und bewies bereits im ersten Winter Trotz gegenüber Durchfeuchtung. Es bleibt zu hoffen, daß das nette Kreuz ohne Blitzschutz lange überleben wird.

Rückblick auf die Überschreitung vom Wettersteinkopf

Der breite Grat zur Rotplattenspitze kann durchgehend ohne Ablegen der Stöcke begangen werden. Klettereien gibt es keine und auch keine großen Höhenunterschiede durch Scharten, ein Spaziergang mit gut 80 m Gefälle.

letztes Gratstück zur Rotplattenspitze

Die Rotplattenspitze bildet den östlichsten Punkt der Runde. Man könnte von ihr noch weiter auf die Obere Wettersteinspitze überschreiten, welche wieder einen rassigen Übergang über die Mittagsscharte darstellt.

Obere Wettersteinspitze von der Rotplattenspitze, toller Gratübergang

Der Abstieg von der Rotplattenspitze erfolgt über den südöstlich ins Tal hinabziehenden Grat. Er wird weiter vorne verlassen und links neben dem Grat steil abgestiegen, die Gratrippe stets zur Rechten.

Südrippe von der Rotplattenspitze hinab zur Fleckalm

Weiter unten, in glattem plattigem Gelände, bzw. unterhalb dessen, wendet sich der Abstieg nach links der Fleckalm zu. Bereits von weit oben können die Steige in der weiten Mulde der Fleckalm eingesehen werden und man präge sich von oben den Einstieg des Steiges in die Latschen ein, um ihm später unten zu finden.

bereits abgestiegen und auf den Platten angekommen

Eine detailliertere Beschreibung des Abstiegs findet sich im oben verlinkten Beitrag der Oberen Wettersteinspitze.
Zurück zum Parkplatz werden die Wanderwege nördlich des Bauernwinkels benutzt.

Durchschlupf am Steig nach Lochlehn

Die Runde vom Wettersteinkopf über die Wettersteinwand bis zur Rotplattenspitze und zurück erstreckt sich über 1.560 m und 11,5 km. Man rechne 7 bis 8:30 Stunden mit kleinen Pausen.

Mils, 18.09.2021