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Kramerspitz, 1.985 m – Überschreitung West/Ost

Selten hat man das Vergnügen berufliche und private Aktivitäten angenehm zu verbinden und noch dazu, wenn gleichzeitig „auf“ und „in“ ein und demselben Berg stattfinden – am Kramerspitz bei Garmisch-Partenkirchen, in den Ammergauer Alpen ist dies gelungen.

Kramerspitz, 1.985 m

An einem schönen Wintertag im Februar 2020, anlässlich der Anschlagfeier des Kramer Tunnels, manifestierte sich beim Anblick der felsigen Hauptdolomitspitze der Entschluss diesen netten Gipfel zu besteigen, ja gleichsam der Tunnelachse zu folgen und das Massiv, viel mehr als nur zu besteigen, in der Höhe zu überschreiten, in dessen Fuß der westliche Umfahrungstunnel der Stadt getrieben werden sollte.

Bauarbeiten am Kramertunnel Südportal

Nach 627 Tagen, am vermuteten Durchschlagstag, war es so weit, den Kramerspitz bzw. die Kramerspitzrunde anzugehen und am österreichischen Nationalfeiertag beim Durchschlag auf dem Gipfel zu stehen. Leider klappte die Voraussage des Durchschlagzeitpunktes um wenige Stunden nicht, sodaß der Gipfel zuerst bestiegen wurde und dann der Durchschlag erfolgte.
Fragt man sich nun wofür dieses zeitliche Zusammenfallen gut hätte sein sollen, so gibt es keine rationale Erklärung dafür, außer der Leidenschaft, die Tunnelbauer in sich tragen. Und Bergsteiger.

Beschilderung am Ausgangspunkt Maximilianshöhe

Die Runde über den Kramerspitz – wie die Einheimischen ihren Hausberg nennen – ist im Sinne des Bergsteigens, wie der Verfasser es betreibt und auf diesem Blog beschreibt, eine leichte Wanderung, also eher eine Trainingstour. Der wenig versierte Bergfreund möge sich an örtlichen Beschreibungen der Route orientieren und sie im Ostteil vielleicht abkürzen, siehe Bildergalerie.

Kreuzweg Richtung Stepberg

Jedenfalls besticht der Kramerspitz durch seine Aussicht nach Süden, auf die gewaltige Nordmauer der Wettersteinkette und seiner Vorberge, bis hin zum Waxensteinkamm und der Zugspitze einem großartigen Panorama gegenüber.

morgendlicher Blick vom Kreuzweg auf die Breitenau

Weiter im Osten, getrennt durch den Scharnitzpaß, setzt sich der eindrucksvolle Blick bis zum Horizont auf die Nordabstürze der nördlichen Karwendelkette und das Karwendel-Vorgebirge fort.

schöne Aussicht auf den Daniel bei Ehrwald, den höchsten Berg der Ammergauer Alpen

Startpunkt der Wanderung ist der kleine, auf der Fahrt am Südportal des Kramertunnels entlang dem Parkplatz Maximilianshöhe vorgelagerte Parkplatz, oder dieser selbst, auf 780 m gelegen. Von dort, ein Schild zeugt davon, erfolgt der Aufstieg auf dem breiten Wanderweg in Richtung Stepbergalm.

Aufstieg auf dem Weg zum Stepberg, Querung der Kögerlaine

Stetig nach Nordwest, führt der Weg nach knapp 100 m Wegstrecke zunächst an ein Warnschild, das einen militärischen Bereich ankündigt, an dem man rechts auf den breiten Steig, der parallel neben der Durerlaine (Bach vom Kramermassiv herab, im Herbst nur Bachbett) herabzieht, wechselt auf dem nun ständig aufgestiegen wird, bevor sich, etwa nach einer knappen Viertelstunde, die Aufstiegsrichtung noch westlicher wendet und dadurch etwas flacher wird, sowie der Abstand zum Ortsteil Breitenau sichtlich rasch schwindet.

Blick auf die Wettersteinwand

Etwa nach einer dreiviertel Stunde ab dem Start trifft man im schönen Nadelbaum-Mischwald auf eine Weggabelung, dessen steilere Variante weiter in Richtung Stepbergalm/Kramer verfolgt wird und man den unteren Saum der Latschen erreicht.

herrlicher Blick auf Blassen- und Waxensteingrat mit verhüllter Zugspitze

Nach Querung der Kögerlaine (1.472 m) wird das Gelände kurzfristig steiler und führt über einen tief ausgeschwemmten Lehmgraben und eine anschließende flachere Strecke zu einer auffälligen Lichtung, an der im Gras ein wenig ausgetretenes, aber doch sichtbares Steiglein direkt auf dem Rücken emporführt. Eine markante abgestorbene Fichte markiert die Abzweigung.

unscheinbares Steiglein direkt auf der Rippe zum Predigtstuhl

Auf dem Steig entlang quert man gleich danach einen breiteren Steig in West/Ost-Richtung, der überschritten wird. Die folgende Gasse am Aufstiegsrücken leitet über tolle Landschaft mit schönen Blicken nach West und Ost. In der Tiefe ist die Breitenau bereits verschwunden und der Blick richtet sich auf Grainau.

idyllischer Restplatz etwa 150 m unterhalb der Grathöhe

Weiter oben gabelt sich der Steig in einen rechts fortführenden Jagdsteig (in der Karte nicht enthalten) und in der beizubehaltenden direkten Linie am Bergrücken. Kurz danach wird das Gelände steiler und führt in eine schmale Latschengasse, sowie in wenigen Minuten auf die Grathöhe, oder besser auf den breiten Kammrücken, leicht westlich vom Predigtstuhl, den man kaum als markante Erhebung wahrnimmt und im Steigeifer, sowie im neu gewonnen Blick gen den Norden der Ammergauer, gegebenenfalls links liegen lässt.

oberes Schlupfloch zum Kamm

Am Steig am Gratrücken führt die Tour unter etwa 160 m Höhenunterschied nun ostwärts dem Gipfelkreuz des Kramerspitzes entgegen. Dabei kann teilweise durchaus der Steig verlassen werden und direkt am Grat gewandert werden. Nordseitig fallen die Dolomitbänke mehr oder weniger tief in schwach ausgeprägte Kare ab und der Blick auf den Gipfelbereich des Kramerspitzes wird eindrucksvoller.

Blick nach Norden am Kamm

Auf dem letzten Aufschwung kann der Grat nicht bis zum dahinterliegenden Sattel begangen werden, er endet am höchsten Punkt am Vorkopf mit einem senkrechten Abbruch zum Sattel zum Gipfelaufbau. Dem Geländekundigen wäre es wahrscheinlich möglich die geschätzten 10 m über einen Kaminriss abzuklettern, der Unkundige erkennt diese Möglichkeit erst im Rückblick am Sattel. Jedenfalls ermöglicht der kleine Umweg eine tolle Perspektive des Gipfelbereiches.

Nordseite des Kramerspitz-Gipfelaufbaues

Auffallend am Westrücken des Kramer ist, daß der Plattenbau desselben durchwegs südfallend aufgebaut ist, welches durch die Überschiebung von Süden her logisch ist, der Gipfelaufbau des Kramerspitz jedoch nach dem Sattel zum westlichen Vorgipfel sich nordfallend zeigt – eine klassische Überkippung?

nach Westen geblickt, im äußersten Kamm Vorderer und Hoher Ziegspitz

Geologisch war die sogenannte Kramer-Schuppe schon im ersten Drittel des letzten Jahrhunderts Gegenstand intensiver Untersuchungen und sie wurde damals als nördlichste Schuppe der Inntaldecke1 interpretiert und auch widerlegt.

fast in einer Linie, Predigtstuhl, Hirschbichl und Frieder (links Friederspitz)

Auf der schuttbedeckten Oberfläche einer der nordfallenden Bänke von Hauptdolomit erfolgt unter beachtlicher Neigung auch der letzte Aufstieg auf den Gipfelbereich, sozusagen dem Spitz des Kramerspitzes, den ein außergewöhnlich hohes, metallgedecktes Gipfelkreuz ziert. Als Kuriosum wurde eine schmale Rastbank am Fuß des Gipfelkreuzes aufgestellt, das den erwanderbaren Charakter des Kramerspitzes unterstreicht.

eindrucksvoller Gipfelaufbau des Kramerspitz von Westen gesehen

Ein bemerkenswert gediegenes Gipfelbuch des Volkstrachtenvereins Garmisch enthüllt die Gipfelbuchschachtel am Kramerspitz und es nimmt auf diesem leichten, vielbegangenen Ziel einigermaßen Wunder, daß es trotz seiner kurzen Lebensdauer noch nie dem Regen preisgegeben wurde.

die Wettersteinwand in 13 km Entfernung

Ein einzigartig ungestörter Blick auf die südlich gegenüberstehende Wettersteinwand in 13 km Entfernung und die noch gewaltigeren Kämme des Hochblassen und des Waxensteins in knapp der halben Entfernung lädt zum Studieren der eindrucksvollen Grate ein. Viele schöne Gipfelziele und Gratüberschreitungen warten dort auf die Begehung, beispielsweise die Überschreitung der Dreitorspitzen, die Überschreitung der Oberen Wettersteinspitze zur Rotplattenspitze oder die Überschreitung von Wettersteinkopf auf die Wettersteinwand.

die westlichen Ammergauer mit den Spitzen der in km Entfernung liegenden Geierköpfe links des Gipfelkreuzseiles

Im Westen des Kramerspitz, die im Blick vom Gipfel aus verwegensten Spitzen in der Ferne der sonst recht sanftmütigen Ammergauern kann eine atemberaubend schöne Frühjahrsschitour durch die Nordseite der Geierköpfe mit fulminantem Abschluß durch ein Felsentor in einem steilen Couloir unternommen werden.

Tiefblick auf Garmisch

Tief zu Füßen des Kramerspitzes der vom Verkehr geplagte, mit Tradition behaftete Markt Garmisch-Partenkirchen, längst zur Stadt gereift und mit interessanten Lüftlmalereien auf traditionellen Häusern verziert.

Kammbiegung nach Norden links im Bild und weiterer Verlauf des Kramermassivs

Im Abstieg leitet der Kamm zunächst abrupt nach Norden um und führt über einen seichten langen Sattel an die Nordseite des Massivs heran, auf deren brüchigen Flanke tiefer zum nächsten Sattel gegen den Mittergernkopf hin abgestiegen wird.

Links der Bildmitte der Katzenkopf, östlichster Hochpunkt der Kramerspitzrunde

Vorher noch fällt wieder auf, daß die Gratklippen des nördlich zu umgehenden Gratstücks westlich des bemerkenswerten Einschnitts der Ackerlaine senkrecht stehen, also eine neuerliche Änderung  des Überkippungszustandes am Grat. Der Gratrücken dahinter im Westen fällt wieder gegen Nord, mit Senkrechtabbrüchen im Süden, gegen die Stadt.

in der Nordflanke zum Mittergernkopf

Über den breiten Steig gegen die Roßkarköpfe und weiter in den Sattel westlich davon hinab fallen auf der Nordseite knapp 100 Hm Abstieg an, von denen 60 Hm jenseits wieder im Aufstieg auf den Mittergernkopf (1.860 m) gewonnen werden.

Steig zum Sattel und auf den Mittergernkopf

Der dem Kammverlauf deutlich vorgelagerte Mittergernkopf trägt ein großes Gipfelkreuz, und an der Grathöhe selbst befindet sich ein Minigipfelkreuz am Steig.

am Mittergernkopf – das vordere Gipfelkreuz liegt im Hintergrund in der Flucht des kleinen Kreuzes

Der breite Steig am Gratrücken setzt mit ein paar Felsstufenabsätzen durch die Latschen zum nächsten Sattel mit dem jenseitig gelegenen Katzenkopf fort, der die letzte Graterhebung im Kramermassiv bildet und nachdem der Kamm zum Königstand und danach steil in die Seleswände abbricht. Dieses Ziel, den Katzenkopf, möge der Geübte Geher mitnehmen und den schönen Steig mit dem Steilabstieg durch die Latschen in Richtung Königstand erleben.

Rückblick auf den Kramerspitz vom Mittergernkopf

Vom Sattel zwischen Mittergern- und Katzenkopf führt ein unscheinbares und enges Latschengässchen auf den kaum 100 m höheren Gipfel des Letzteren. Ein neues, einfach gehaltenes Gipfelkreuz wurde dort 2021 aufgestellt, wie an der Schnitzerei zu lesen ist.

Katzenkopf, 1.817 m

Das flache Gipfelplateau, auch als Bergfeuerplatz für den in der Gegend traditionell verehrten Johannes den Täufer zur Zeit um die Sommersonnwende – die Johannifeuer am 23. Juni – genutzt, gibt einen letzten Blick entlang des Kamms zum Kramerspitz hin frei, mit der deutlich sichtbaren Kammrichtungsänderung gegen Nord östlich vom Kramerspitz.

Tiefblick auf Partenkirchen

Nach Nordosten schließt an das Kramermassiv das in die Ebene vor München sich hin verflachende Loisachtal an.

Blick nach Nordost ins Loisachtal

Vom Katzenkopf dem fallenden Kammverlauf nordostwärts folgend wird in wenigen Minuten der steilste Abschnitt der gesamten Runde erreicht, der nach dem äußerst östlichen Punkt – mit einem schönen Tiefblick auf die Stadt – durch Latschen über die steile Südflanke hinab zum Königstand führt.

am Nordostpunkt mit bärigem Tiefblick

Dieser Abschnitt mag beim Blick über die felsige Flanke für den nicht an Steilheit Gewöhnten schwierig sein, er bleibt aber dennoch nur eine Wanderung auf schmalem Steig inmitten von Latschen.

Rückblick auf die steile Abstiegsstrecke

Nach dem kurzen Steilabstieg mündet der Steig in eine noch steil bleibende Mulde, deren talseitige Begrenzung nach wenigen Zehnermetern des Abstiegs endet und der Steig unter einer beeindruckend hohen bergseitigen Felswand in den breiten Weg zum Königstand übergeht.

Mulde am Abstieg

An dieser Stelle kann man noch mit wenig Zeitaufwand den Königstand besuchen welches der Verfasser versäumt hat und sich so, unwissender Weise, selbst um den mehrfach beschriebenen interessanten Anblick der Asphaltschiefer1 dort gebracht hat.

Felswand oberhalb des Wegs zum Königstand

Der Abstieg zum Ausgangspunkt erfolgt nun auf dem breiten Weg durch den Mischwald hinab, wobei zunächst eine recht lang anmutende Strecke (700 m) mit etwas hinauf und wenig hinab anfällt. Erst nach der Einmündung des Steigs vom Sattel zwischen Mittergern- und Katzenkopf – dies ist jener, den man beschreitet, wenn man den Katzenkopf nicht mitmachen will – fällt der Weg steiler ab und Tiefe wird gewonnen.

Einmündung des Abstiegs vom Sattel zum Katzenkopf, Kramersteig

Nach einigen flachen Kehren erreicht man die letzte erwähnenswerte Stelle im Abstieg. Es ist dies das Denkmal des Anton Ostler, einem Buben, der beim Bergfeuermachen in den Felswänden des Steigs abgestürzt ist.

Kurz vor dem Anton Ostler Denkmal

An einer schön exponierten Stelle wurde dort die sogenannte Felsenkanzel errichtet. Ein auskragend errichtetes Stahlpodest, das zur Zeit seiner Errichtung ob seiner damaligen Kühnheit weiß Gott mehr Aufsehen erregte als dieser Tage. Dennoch bietet es einen bärigen Blick in die Tiefe und auf die Wettersteinmauern gegenüber.

Felsenkanzel

Weiter unten am Kramersteig wird die Martinshütte am Grasberg erreicht, die bei toller Aussicht ein kühles örtlich hergestelltes Bier nach der langen Reise bereithält. Kurz vor der Hütte (im Abstieg gesehen) führt ein undeutlich sichtbarer Steig nach Westen, der Abstieg über den Grasberg, parallel zur Mittergernlaine, zum Kramerplateauweg.

Denkmal

Dem Kramerplateauweg folgt man dann noch einen guten Kilometer auf flachem Terrain über einen Abschnitt mit lichtem Kiefernwald und erreicht den Parkplatz Maximilianhöhe wieder, mit einem abschließenden Blick auf den Kramerspitz.

Lehrpfad am Kramerplateauweg

Die schöne Runde erstreckt sich über knapp 14 km Länge und 1.350 m Aufstieg. Als Aufstiegszeit auf den Kramerspitz geben die Wegweiser 4 Stunden an und vom Gipfel 3 Stunden für den Abstieg nach Garmisch (auf der kurzen Route unter Auslassung des Katzenkopfs.

Abschlußblick auf den Kramerspitz

Man kann die Runde, den Katzenkopf eingeschlossen, aber auch in 6:20 Stunden absolvieren (Angabe Outdooractive), oder – mit schnellem Schritt – in 5:30 Stunden.

Mils, 26.10.2021

1 Tollmann, Tektonische Karte der Nördlichen Kalkalpen 3. Teil: Der Westabschnitt (Seite 113)
2 Kockel/Richter/Steinmann, Geologie der Bayrischen Berge zwischen Lech und Loisach (Seite 28, 140, 143)

 

 

Schitour Westlicher Geierkopf, 2.143m

Im nordwestlichen Zipfel der Heimat, nahe dem Ammersattel im Bezirk Reutte, gibt es eine phantastische Schitour in den nördlichen Kalkalpen, die Schitour Westlicher Geierkopf in der Kreuzspitzgruppe, ein Nordanstieg durch archaische Landschaft mit rassigem Verlauf zum Grat vor dem Gipfel.

per aspera ad astra – Durchschreitung Felsentor; oben sieht man links die Schrofen, über die wir zum Grat gelangten

Nach einer Erklärung dieses Ziel aus dem Raum Innsbruck anzufahren muß nicht lange gesucht werden – das Wetter, oder besser die Wettervorhersage tags zuvor – bescheinigt bei einer Südwestströmung dem Außerfern tagsüber brauchbar sonniges Wetter, während in den Zentralalpen bereits am Morgen Bewölkung mit Schauern zu erwarten ist.
Eine solche Perspektive richtet den Fokus auf eine Tour im wetterbegünstigten Gebiet, auch wenn dazu für den geographisch verwöhnten Bergsteiger aus dem mittleren Inntal eine nicht unbeträchtliche Fahrzeit mit dem Auto in Kauf genommen werden muß.

das Gipfelbuch verrät, daß wir seit Wochen die Ersten im beginnenden Frühjahr sind

Zeitig in der Früh benötigt man für die 106km über Garmisch kaum 90min und über den Fernpaß 115km und etwa 100min; die Wahl der Anreise-Route ist also durch die Fahrzeit klar vorgegeben und führt kurz nach Ettal, mit der sehenswerten barocken Benediktinerabtei, durch eine wunderbare Landschaft die man höchstens dann kennt, wenn man im Sommer ein Radlfahrer ist und diese große Runde mit der Rückfahrt über den Fernpaß unternimmt, denn für einen Inntaler gibt es aus bergsteigerischer Sicht kaum einen Grund diese Gegend zu bereisen. Weiters sei im Hochwinter die Ammerwald Straße wegen Lawinengefahr öfters gesperrt.

Beginn der Schotterreise im Ammerwald

Als Startpunkt im Ammerwald eignet sich die ehemalige Zollstation, die einigen wenigen Fahrzeugen Platz bietet. Zur Not könnte man noch – je nach Schneelage – neben der Straße oder bei der Ammerwaldalm parken (wie immer mit Einkehr hinterher natürlich, falls geöffnet).

kurz vor dem Anschnallpunkt

Der Blick den Nordhang hinauf löste ein wenig Seufzen aus, denn bis weit hinauf erspähten die Augen viel mehr Grün als Weiß. Allerdings mußten wir Mitte März in einem eher durchschnittlichen Winter und vielen warmen Tagen zu Beginn des Lenzes damit rechnen. Also wurden die Schi auf den Rucksack gepackt und der Aufstieg auf der gegenüberliegenden Straßenseite, vorbei an einer Hütte mit dem klingenden Namen „Umkehrhütte“ angetreten.

vom Anschnallpunkt zunächst auf schmalem Band

Es gibt vor der Umkehrhütte einen sichtbaren, schmalen Einstiegspfad in Richtung „Ammerwaldloch“, der Flurbezeichnung, die das Ende der flacheren Geländestufe auf etwa 1.460m bezeichnet, bevor der Aufstieg auf den Westlichen Geierkopf in steileres Latschengelände übergeht.

Flachstelle vor dem Ammerwaldloch

Rasch verlieren sich die Steigspuren hinter der Hütte, aber man bedarf ihrer eigentlich auch gar nicht, denn der Aufstieg ist klar mit der südlichen Richtung vorgezeichnet und er führt in Richtung der freien Schotterreise die einige Gehminuten hinter der Hütte plötzlich mitten im Wald beginnt und bis zum Beginn der einzigen Flachstelle der Schitour hinaufzieht. Im Winter steigt man über sie mit Kehren auf, wir wanderten teils über Schneeflächen, teils aper über etwa 250Hm bis auf 1.350m hinauf, wo wir dann die Schneedecke geschlossen vorfanden und der Anschnallpunkt gekommen war.

Eintritt in ein schmales Tälchen

An dieser Stelle verbreitert sich die vollständig mit Schotter gefüllte Mulde auch merklich, und in weiten Kehren stiegen wir die noch fehlenden 50Hm bis zur eher flachen Stelle aufwärts.

Aufstieg im Tälchen

Am Ende dieser Passage sieht man sich einer zunächst völlig sperrenden Latschenfläche gegenüber, in die aber links ein kleines Tälchen führt, das den Aufstieg durch die Latschenfront in sich birgt und dem man auch weiterhin folgt, wenn man bereits glaubt sich vergangen zu haben. Nun befindet man sich mitten im „Ammerwaldloch“.

vorbei an einer beeindruckenden Tanne

Das Tälchen endet nach einer Minute Aufstieg unweigerlich an einer Stelle mit einem gefrorenem kleinen Wasserlauf, einem kleinen Talkessel gleich, aus dem rechterhand durch steiles Gelände zu den Latschen aufgestiegen wird, um oben – wieder links – einen sichtbaren Durchlass durch die Latschen zu finden. Im Hochwinter mag die Situation mit Schi zu begehen sein, wir mußten sie schultern, auch weil wir den weiteren Verlauf nicht kannten.

den kleinen Talkessel erreicht, rechts geht es über eine Steilstufe hinauf

Ab diesem Gelände wird die Schitour auf den Westlichen Geierkopf so richtig „karwendelig“ und knapp oberhalb der Steilstufe (bei unserer Begehung weitgehend vom moosigen Wasserlauf vereist) verläßt man auf etwa 1.520m den Latschengürtel auch schon wieder ins freie Gelände unterhalb der Nordwände des Geierwandmassivs.

oberhalb der Steilstufe

In der Folge wird eine schöne Steilfläche am äußerst linken Rand des sich nach etwa zehn Minuten Aufstieg öffnenden Kars aufgestiegen, bevor die gesamte Breite des Kars von über 300m sichtbar wird. Das Gelände wird mit dem Aufstieg ab 1.650m auch merkbar steiler, wobei die Hangneigung bis etwa 1.800m unter 35° bleibt.

Ausstieg komfortabel ausgeschnitten

In die Felsen der Nordwand des Westlichen Geierkopfs waren bereits zwei Seilschaften kurz vor uns eingestiegen, die auch vor uns am Parkplatz waren und die wir nun kaum 100Hm über uns in Fels und Eis auf die Rampe nach Osten aufsteigen sehen konnten.

mit angenehmer Steigung geht es aufwärts

Harscheisen anzulegen beschlossen wir mit zunehmender Plagerei auf der harten Oberfläche etwa auf 1.700m und konnten somit den Aufstieg dadurch etwas mehr auskosten, als daß nicht bei jedem Schritt der optimale Gripp auf der harten Schneeoberfläche gesucht werden mußte, sondern wir auch den Blick auf die herrliche und unbekannte Umgebung zu richten vermochten.

Harscheisen erleichtern den Aufstieg

Der querende Aufstieg zum engen Karabschluß oben erforderte die Passage eines mittelbreiten, alten Schneebretts das nochmals etwas Konzentration bei der Durchschreitung bedurfte, bevor ab etwa 1.800m der steile Teil der bärigen Tour begann.

die Hangneigung legt zu

Zum Abschnallen der Schi und – gegebenenfalls anlegen der Steigeisen – empfiehlt sich eine kleine Ausbuchtung, eine Art Gufel in geschützter Position am oberen Karabschluß, unterhalb der richtig schmal werdenden Rinne zu einem kleinen Felsentor, das wie eine Art Belohnung für die Aufstiegsmühen unterhalb des Grates auf den Durchstieg des Bergsteigers wartet.

am oberen Karabschluß

Allerdings muß man sich die Belohnung nochmals mit Sonderanstrengung verdienen, da der Aufstieg dorthin mit immer steiler wird und kurz nach dem Felsenfenster seine größte Steigung mit gut 60° erreicht und sozusagen die Schlüsselstelle der rassigen Schitour bildet.

fertig zum Aufstieg

Bei unserer Begehung überlagerte sich die Steilheit mit einem ungeahnt harten und dicken Schmelzharschdeckel, für dessen Perforation der maximale Einsatz an Kraft zum Schlagen von Tritten aufgewendet werden mußte. Wir hielten und recht nahe an der östlichen Felslinie, da Tritte dort leichter einzubringen waren als mittig im Couloir.

noch geht es angenehm dahin

Leider spitzte sich die Situation mit dem bockharten Untergrund nach oben hin zu – welche durch die vermehrte und längere Sonnenbestrahlung auch logisch ist – und zusätzlich kam hinzu, daß die Wechte eine nahezu senkrechte Wand von der Mitte bis auf die rechte Seite des Couloirs bildete und uns auf die weniger steile und gottseidank felsendurchsetzte linke Seite zwang.

die Schneedecke wird härter; der typisch kleinsplittrige Hauptdolomitfels bröckelt etwas ab, wie hier gut zu sehen

Auf diesen etwa 20Hm von unter dem Felsentor bereuten wir die Steigeisen lässigerweise zuhause ruhen zu lassen, weil man anhand von Fotos die Einschätzung getroffen hatte, diese Passage „mit links“ zu nehmen.

am rechten Rand im Couloir schlägt es sich die Stufen leichter

Wie leicht wäre es gewesen mit Steigeisen durch das schöne Couloir aufzusteigen…ein Lerneffekt mehr im Bergsteigerleben – es hatte ja lange keine Niederschläge mehr und die Sonne arbeitet im Frühjahr kräftig, man hätte es erahnen können.

per aspera ad astra – Durchschreitung Felsentor; oben sieht man links die Schrofen, über die wir zum Grat gelangten

Durch die ein wenig ausgeaperte Felsstufe mühten wir uns auf eine ungute, ausgeaperte und sehr schottrige Flachstrecke empor und entdeckten dabei im festen Fels weiter unten glücklicherweise einen festsitzenden Haken, der uns später gute Dienste leisten sollte. Aufgrund der extremen Situation gibt es von dieser Passage keine Fotos im Aufstieg.

in der Sonne in der Gratscharte angelangt

Oben am Grat angekommen mußten wir zuerst unter willkommener Sonnenbestrahlung den doch einigermaßen prekären Aufstieg, zuletzt mit den Plastikschuhen über teilweise vereisten Fels, verdauen und den weiteren Verlauf der Tour in Augenschein nehmen. Gut 35 Minuten hat uns die knapp über 100m Strecke mit rund 70m Höhenunterschied gekostet.

Rückblick auf das Türmchen vom Felsentor

Vom aperen Grat konnten wir die alte Aufstiegsspur zur Ostflanke des Westlichen Geierkopfes erkennen, die recht steil weiterführt und sich fast aperer präsentierte, als schneebedeckt.

weiterer Aufstieg auf der steilen Flanke mit Schi

Diese Flanke weist in ihrem Mittelteil eine Hangneigung von etwa 40° auf, die wir im Aufstiegssinn links umgangen haben und auch die einzige Möglichkeit darstellte ohne Abschnallen bis zur Südwestrippe des Westlichen Geierkopfs aufzusteigen.

die Steilheit dieser letzten Passage vor der Südwestrippe in nicht zu verachten

Auf der Höhe des Flachstücks auf der Südwestrippe kann man das unweit entfernte Gipfelkreuz des Westlichen Geierkopfs erblicken. Aufgrund der weitgehend ausgeaperten Südflanke beschlossen wir die restliche Strecke – etwa 300m und 60Hm – zu Fuß zu begehen, die Abfahrt wäre nicht mehr möglich gewesen.

letzter Hang zur Flachstelle auf der Südwestrippe

Nach dreieinhalb Stunden standen wir am Gipfel des Westlichen Geierkopfs.

über den ausgeaperten Südhang zu Fuß zum Gipfelkreuz

Das Gipfelkreuz der Bergkameraden Breitenwang muß ein sehr altes sein, denn sowohl der Eisenkranz auf den Balken als auch eine aufmontierte Aluminiumtafel der Bergkameraden erinnern an die Gefallenen im letzten Krieg. Die Gipfelbuchschachtel stammt von der AV-Sektion Schongau in Bayern, die das Buch vermutlich heute betreut.

Westlicher Geierkopf, 2.143m

Über die Nordwand auf den Ammerwald hinunter geblickt kann der untere Teil des Aufstiegs von der Straße aus bis zum Ammerwaldloch und den Durchschlupf durch den Latschengürtel eingesehen werden.

Tiefblick über die Nordwand auf unsere Aufstiegsroute

Im Osten recht markant der Kramerspitz und etwas weiter dahinter und deutlich höher, die Soiernspitze, nördlicher Ausläufer des Karwendels, sowie durch das kurze Wolkenfenster die hohen Karwendelberge mit Birkkarspitze und Große Seekarspitze.

Blick gegen Osten – von links Soiernspitze, Karwendel- und Wettersteingipfel bis Zugspitze und Schneefernerkopf

Durch die Abflachung von Karwendel und Wettersteingebirge beim Scharnitzpaß besteht auch ein unerwarteter Blick auf die heimatlichen Berge der Bettelwurfkette in 53km Entfernung. Zwischen Oberer Wettersteinspitze und Wettersteinwand blicken die beiden Lafatscher hindurch.
In der Wettersteinkette konnten wir markante Gipfel wie den  Musterstein, die Dreitorspitzen und im Vordergrund dieser, Waxenstein Alpspitze und Hochblassen aus den Wolken ragen sehen.  Weiter im Südosten konnten wir den Blassengrat bis zur Zugspitze vortrefflich verfolgen. Der Schneefernerkopf  beendet die Sicht auf die Wettersteingipfel.

im Süden die Gipfel der Mieminger Kette, die südlichen Ammergauer und in der Ferne die hohen Ötztaler Dreitausender

Gegen Süden reicht der Blick von Hochplattig bis zur Westlichen Griesspitze in der Mieminger Kette und weiter über den in den Sellrainer Bergen gelegenen Dreitausender, den Sulzkogel, über den Grünstein wieder in den Miemingern bis zum Acherkogel in den Stubaiern.
Ganz im Süden befindet sich der südliche Hauptkamm der Ammergauer Alpen von Daniel bis Hochschrutte und dahinter die hohen Ötztaler Dreistausender mit Verpeil- und Wazespitze.

im Südwesten die Großen Schlenkerspitze, die Namloser Wetterspitze und die Freispitze der Lechtaler Alpen, im Vordergrund der Thaneller, der Hochvogel in den Allgäuer Alpen und der Köllenspitze in den Tannheimer Bergen

Im Südwesten schlußendlich reichte sie Sicht von der Großen Schlenkerspitze über die Namloser Wetterspitze und der weit entfernt liegenden Freispitze bis zum zentralen Berg bei Heiterwang, den schön geformten, massiven Thaneller, der Urbeleskarspitze in den Lechtaler Alpen und dem massiven Hochvogel in den Allgäuer Alpen sowie der markanten Köllenspitze in den Tannheimer Bergen bei Reutte.

im Nordwesten der Säuling, Hoher Straußberg und Branderschrofen in den Ammergauer Alpen

Den Abschluß der gewaltigen Rundschau bieten der nahegelegene Säuling, Hoher Straußberg und Branderschrofen in den Ammergauer Alpen im Nordwesten und im Norden Krähe, Hochblasse und Hochplatte.

im Norden Krähe, Hochblasse und Hochplatte

In unmittelbarer Nähe, verbunden mit einem leicht begehbaren Grat im Sommer thronen der Hauptgipfel der Geierköpfe und die Kreuzspitze.

im Osten gegenüber der Hautpgipfel und der Ostgipfel der Geierköpfe sowie die Kreuzspitze

Eine halbe Stunde nach unserer Ankunft und einer Gipfelpause zog es von Westen her merklich und schnell zu, sodaß wir nach einer halben Stunde beschlossen den Rückweg anzutreten, vor allem um nicht in schlechte Sichtverhältnisse durch Nebel zu kommen, weil wir ja auch den Steilabstieg oberhalb des Felsentors zu meistern hatten.

Abfahrt zur Gratscharte

Der Weg zum Schidepot nahm etwa zehn Minuten in Anspruch und der aufkommende Wind zeigte uns die richtige Entscheidung zum Rückzug. Rasch waren wir über den aperen Teil des Südwesthangs zur durchgehenden Schneedecke abgestiegen als die Sicht schon diffus wurde.

vermutlich das letzte Wochenende befahrbar dieser Westhang

Mit den Blicken an der Kante der Scharte zum Felsentor hinab befanden wir ohne langes Überlegen, daß der verhärtete Wechtentrichter eher lebensgefährlich als genussvoll abzufahren sein würde und bereiteten uns auf den Rückzug durch Absteigen vor.

Blick hinab zum Felsentor – eine Schibefahrung haben wir auf dem harten Schmelzdeckel ausgeschlossen

Die Lehrstrecke im Aufstieg in Erinnerung benutzten wir gerne den Haken als Abseilhilfe über die vereisten Schrofen, die uns im Aufstieg viel Mühe gekostet hatten. Mittels einer Reepschnur in den Haken gefädelt konnten wir uns bequem über die unangenehme Stelle hinunter abseilen.

auch der Abstieg ist mangels Steigeisen nicht ganz leicht

Über unsere bereits vorhandenen Tritte erreichten wir in zwanzig Minuten die Gufel im flacheren Teil 70m tiefer wieder, wo wir den Abfahrtsgenuß weiter fortsetzen konnten.

die Hangneigung ist hier gut zu erkennen, links der hilfreiche Haken, den wir nutzten

Die Tageserwärmung bis 13 Uhr vermochte den nordseitigen Hang nicht wesentlich aufzutauen, sodaß wir im oberen Teil des Kars noch auf recht harter Unterlage abfahren mußten, bevor die Schneeoberfläche in Latschennähe etwas schmieriger wurde.

Rückblick hinauf zu den Schrofen; links sind wir auf- und abgestiegen (siehe Stapfen)

Wesentlich genussvoller präsentierte sich nach dem Durchstieg durch den Latschengürtel der untere Teil der Abfahrt durch das Flachstück bis hinab zum Ende der Schneefelder wo uns noch ein paar Sonnenstrahlen beschieden waren.

die unbeschwerte Abfahrt beginnt

Unsere Gesamttourenzeit betrug 5:30 Stunden, bei 1.040 Hm Aufstieg und mit Gipfelaufenthalt von etwa einer Dreiviertelstunde.

zum Abschluß noch 250Hm feinstes Fahrvergnügen

Die Streckenlänge auf dem durchwegs steilen Nordanstieg ist eher unbedeutend und beträgt lediglich 2,8 km.

Ankunft an der Landesstraße

Ein Tipp für die Rückfahrt: wenn die Ammerwaldalm geschlossen hat, dann findet man in der Gröblalm, knapp 15 Minuten weiter in Graswang, Richtung Ettal eine empfehlenswerte Einkehr.

Mils, 14.03.2020