Mittenwalder Höhenweg – Abstieg über Heinrich-Noë-Steig

Mit einem gewaltigen Buckel, dem Pürzlgrat von Scharnitz auf den Brunnensteinkopf, beginnt die Nördliche Karwendelkette sich vom Tal aufzubauen und erst gut 1.200 m höher, nach Brunnenstein- und Rotwandlspitze in einen Grat mit durchgehend flacher Steigung überzugehen und im Sattel danach, dem Brunnensteinanger, beginnt der Mittenwalder Höhenweg.

in der Kälte vor der Kirchlspitze

Man hat den Mittenwalder Höhenweg zum Klettersteig ausgebaut und an vielen Stellen, darunter auch einige, die ihrer nicht bedürfen, einer Seilversicherung unterworfen. Trotzdem bleibt die Begehung der Gratstrecke ein leichtes Abenteuer, das man nicht so schnell vergisst.

auf der unmarkierten Nördlichen Linderspitze

Aufgrund der Seilbahn von Mittenwald bis zur Westlichen Karwendelgrube erfreut sich der Seilbahntourist eines raschen und leichten Zustiegs auf den Mittenwalder Höhenweg und daher muß im Sommer und Frühherbst mit großem Andrang von Klettersteigfreunden und -neulingen gerechnet werden. Verschärfend kommt hinzu, daß die Masse den Mittenwalder Höhenweg von Norden nach Süden bewältigt, sodaß man, von Scharnitz aus von der Gegenrichtung kommend, mit außergewöhnlichem Gegenverkehr zu rechnen hat. Und zwar genau mitten am Vormittag, an dem man mitten am Weg zusammentrifft.

Leitergänge vor der Mittleren Linderspitze

Es empfiehlt sich also die Bergtour im späteren Herbst zu unternehmen, wobei dann durch deren Nord/Süd-Verlauf auch ein bisschen die Schneeverhältnisse beachtet werden sollen, wenn sie noch als Bergtour Freude machen soll, ohne in eine halbe Winterbegehung auszuarten. Letzteres gilt für die nordostseitigen Passagen, in denen einmal gefallender Schnee ab Oktober sehr wahrscheinlich nicht mehr schmilzt.

Aufstieg am Pürzlgrat, Blick ins Karwendel

In Scharnitz – eine Parkplatzempfehlung möchte der Verfasser nicht geben aber die sicherste Variante ist der offizielle Parkplatz und der Weg zurück in den Ort  – beginnt der Steig nach der Isar Richtung Mittenwald rechts die Straße hinauf und oberhalb der Karwendelbahn links zwischen den Häusern hindurch auf einem Wiesenweg, der gleich in den Wald eintritt. Eine entsprechende Beschilderung mit den gelben TVB Wegweisern ist vorhanden.

Scharnitz in der Tiefe

Anschließend kommt man zu einer Gabelung, wobei der linke Abzweig eingeschlagen führt, der ohne weitere Verzweigungen zur Brunnenstein- und Rotwandlspitze führt.
Oben, nach dem Brunnensteinkopf, gibt es auch eine Umgehung der beiden Spitzen, die an der Tiroler Hütte ankommt und beide Gipfel östlich unterquert. In diesem Bericht wird jedoch die Gratbegehung beschrieben.

Brunnensteinspitze erstmals sichtbar

Zunächst führt der Steig in einem hellen Wald mäßig steil bergauf, der hauptsächlich von der lichtbedürftigen und gegen Hitze recht robusten heimischen Baumart, der Kiefer, die auf den kargen Böden des Südhanges gut gedeiht. Später steilt das Gelände ziemlich auf mit Stellen von über 40° Hangneigung und einer durchschnittlichen Steigung von knapp unter 30° muß zuerst der gewaltige Rücken mehr als 500 Hm bewältigt werden.
Schöne Blicke ins Karwendel und auf das Seefelder Plateau hellen den mühsamen Anstieg auf.

Manuel auf der Brunnensteinspitze

Ab der Baumgrenze kommt auch Freude an der Landschaft auf. Ab etwa 1.500 m besteht erstmals der Blick auf das Gipfelkreuz der Brunnensteinspitze (2.180 m).
Der Steig schlängelt sich elegant durch die Latschen, immer in Gratnähe, und auf den ungeschützten freien Gratstrecken verursachte ein leichtes Lüftl große Abkühlung gegenüber dem Waldaufstieg.

leichter Aufstieg zur Kirchlspitze

Das Gipfelkreuz, mit Reif beschlagen, erreichten wir etwa zweieinhalb Stunden nach dem Start in Scharnitz. Nebel zog hin und her und die zusätzliche Abkühlung im Nebel war deutlich zu spüren. Mit diesem unangenehmen Lokalwetter, das von einem Hochdruckgebiet geprägt war, marschierten wir weiter.

Stimmung im Rückblick von der Kirchlspitze

Der Ostwind verstärkte sich über den Sattel des Brunnensteinangers (~ 2.200 m) und am eigentlichen Beginn des Höhenweges war die Temperatur alles andere als angenehm, sodaß die Griffe im Aufstieg ohne Handschuhe nicht mehr gefühlt werden konnten. Von der Brunnensteinspitze bis zum Sattel benötigt man eine gute halbe Stunde.

die Nebel weichen und die Wettersteiner treten zutage

Zum Glück brach kurz vor Mittag an der Kirchlspitze endlich die Sonne durch und verwandelte die westseitigen Passagen zu richtig warmen Orten, sodaß bald wieder Kleidung abgelegt werden konnte.

Aufstieg zur Sulzleklammspitze

Am Weg zur Kirchlspitze (2.301 m) werden zwei nennenswerte Graterhebungen erstiegen, jedoch nicht direkt am Grat sondern im Osthang. Vom Hochpunkt nach dem Brunnensteinanger fallen etwa 100 Hm zur Kirchlspitze an, von dieser zur Sulzleklammspitze fallen nochmals 80 Hm an.
Die Strecke vom Brunnensteinanger bis zur Sulzleklammspitze beträgt etwa 800 m, die Überschreitung benötigt eine gute halbe Stunde.

Sulzleklammspitze, 2.303 m

Wer das Gestein genau beobachtet erkennt kurz vor der Sulzleklammspitze (2.321 m) eine Änderung des Gesteins. Es ist dies der Übergang vom Wettersteinkalk zu Reichenhaller Schichten (Kalk/Dolomit gebankt), aus dem der Gipfelbereich und die steil abfallende Nordnordostwand der Sulzleklammspitze gebaut ist und wahrscheinlich der Grund für den mächtigen Abbruch der Sulzleklammspitze gegen Nordosten.

gegenüber das Panorama von Südlicher zu Nördlicher Linderspitze

Im Abstieg von der Sulzleklammspitze findet sich etwa fünf Meter oberhalb des Steigs eine schöne Ausbildung von Reiflinger Knollenkalk, siehe Bildergalerie.

Manuel auf der Sulzleklammspitze

Nach der Sulzleklammspitze muß zuerst ein tiefer Abstieg am Steig zur Südostrippe unternommen werden, sowie anschließend ein richtig schön felsiger Klettersteigabstieg über die Nordostwand in die Scharte zwischen ihr und der Südlichen Linderspitze, das sogenannte Gamsangerl.

Rückblick auf den bisherigen Aufstieg

Dieser Abstieg mag bei zuvielem Schnee, vor allem, wenn er hart gefroren ist, die Schlüsselstelle, bzw. auch der Umkehrpunkt sein, falls Ausrüstung fehlt.

 

Steig zur Südostrippe der Sulzleklammspitze

Die Nordostwand fällt steil ins Kirchlkar ab und deren Gegenpart, diagonal durch das Kirchl hindurch, wäre die Westliche Larchetfleckspitze, die sich vorzüglich über das Kirchl besteigen läßt.

 

Abstieg in der Nordostwand der Sulzleklammspitze

Der Klettersteig ist hier gut ausgebaut und der den Steig bei unserer Begehung nur minder bedeckende Schnee erlaubte den Abstieg in die Scharte ohne Sicherung.

die Larchetfleckspitze im Kirchl gegenüber

Der Gesamtabstieg in die Scharte beträgt 150 m. Unten knapp vor der Scharte befindet sich ein Notunterstand etwas oberhalb geschützt in den Felsen.

 

Abstieg durch einen Riß hindurch

Jenseits der Scharte, im Aufstieg, wechselt das Gestein wieder, man befindet sich nun in alpinem Muschelkalk. Zur Südlichen Linderspitze steigt man schnell auf, sie ist eine recht unspektakuläre Erhebung am Grat. Der Zeitbedarf für die Strecke von der Sulzleklammspitze zur Südlichen Linderspitze (2.303 m) beträgt eine knappe Stunde.

in der Wand schräg nach unten

Von der  Südlichen Linderspitze  besteht ein vortrefflicher Blick auf die westlichen Gipfel der Nördlichen Karwendelspitze, auf: Hoher Wörner, Tiefkarspitze, im Hintergrund Hochkarspitze, Westliche sowie Östliche Larchetfleckspitze und die Raffelspitze.

Rückblick auf den Abstieg durch die Sulzleklamm Nordostwand

Ebenfalls gen Westen betrachtet man gerne die kühnen Erhebungen der Arnspitzen mit dem dahinterliegenden Wettersteinwandkamm und die Dreitorspitzen.

Rückblick auf den bisher zurückgelegten Aufstieg

Die folgende Gratstrecke zum „Gatterl“, noch vor der Nördlichen Linderspitze, stellt neben der gerade getätigten Überschreitung das Herzstück des Mittelwalder Höhenwegs dar, diese beiden sind die schönsten Abschnitte.

von links: Hoher Wörner, Tiefkarspitze, im Hintergrund Hochkarspitze, Westliche sowie Östliche Larchetkarspitze, Raffelspitze, dann Bäralplsattel

Am Gatterl zweigt auch der Heinrich-Noë-Steig ab, unserem späteren Rückweg. Der Steig ist ein empfehlenswerter Abstieg zur Brunnsteinhütte in der phantastischen Landschaft des Oberen und Unteren Sulzleangers.

Arnspitzgruppe und Wetterstein im Westen

Man hat sich auf dieser Strecke einiges angetan, um den Grat zu entschärfen, bis hin zu Laufstegen in der Wand auf der Westseite, auf der – wie am gesamten Übergang vorwiegend – der Klettersteig errichtet wurde.

Gratüberschreitung Südliche Linderspitze zum Gattern – besondere Einlage mit Laufsteg

Die Grathöhe hat man fast vollkommen gescheut. Trotzdem wurde eine nette Überschreitung gefertigt, die in knapp 40 min begangen wird.

Manuel am Ende des Leitergangs

Am Ende der Gratstrecke führt eine längere Fixleiter hinab in das Gatterl, einer Einschartung mit völlig anderer Topographie auf der Gegenseite, zur Nördlichen Linderspitze hin.

Abstieg über eine lange Leiter zum Gatterl

Der Aufstieg auf die Nördliche Linderspitze (2.372 m) erfolgt über einen Steig in der begrünten Südflanke des Gipfels mit wieder 100 Hm Aufstieg bis zum Vorgipfel, etwa 100 m südwestlich des ungekennzeichneten geodätischen Gipfels, der den Hochpunkt unserer Begehung darstellte.

Rückblick über die schöne Gratstrecke von der Südlichen Linderspitze

Über einen Sattel, durch den der Klettersteig führt, sind Vorgipfel und geodätischer Gipfel getrennt.

Aufstieg zur Nördlichen Linderspitze

Der Klettersteig führt nicht über den geodätischen Gipfel, er kann aber von der Westseite ohne Kletterei leicht bestiegen werden und bietet einen bärigen Blick über den von der Brunnensteinspitze aus bisher begangenen Grat.

Nördliche Linderspitze vom Vorgipfel aus betrachtet

In der schattigen und schneebedeckten Nordwestflanke erfolgen die letzten Meter am Mittenwalder Höhenweg zur Karwendelgrube hin.

Rückblick des gesamten Mittenwalder Höhenweges

Dabei übersteigt man eine kleine Schlucht über eine Holzbrücke und steigt über eine Leiter auf die Anhöhe über der Westlichen Karwendelgrube ab, einem Punkt großer Beliebtheit unter Touristen.
Vom Gatterl bis zum Ende des Höhenwegs benötigten wir eine gute halbe Stunde.

Vorgipfel von der Nördlichen Linderspitze aus betrachtet; rechts unten im Schnee der Steig

Unsere Runde führte uns hinab zum ersten Felskopf am oberen Rand der Karwendelgrube, wo der Rückweg zum Gatterl eingeschlagen wurde.

Westliche Karwendelgrube mit Westlicher Karwendelspitze im Nordosten

Dort noch weiter hinunter und an der Flachstelle aufgestiegen auf den die Karwendelgrube östlich umsäumenden Grat könnte am Klettersteig noch die Westliche Karwendelspitze mitgenommen werden, welches wir, nicht zuletzt aus Zeitgründen, unterließen.

eindrucksvolle Felsstufen am Steig zum Gatterl; der Grat von der Südlichen Linderspitze zum Gatterl in anderer Perspektive

Über den schönen Steig mit einer tollen Ansicht des Grates zwischen der Südlichen Linderspitze zum Gatterl, kehrten wir zu letzterem zurück, um den Abstieg über den Noë-Steig zur Brunnsteinhütte anzutreten. Der Stufenbau des Gebirgsabschnitts kann dabei von Nordosten gut eingesehen werden und beeindruckt.

Abstieg am Heinrich-Noë-Steig – Hintergrund: Nördliche Linderspitze, links Gerberkreuz

Nach sechseinhalb Stunden ab Scharnitz erreichten wir den Abstiegspunkt am Gatterl und stiegen, fast durchgehend sonnenbeschienen, über den Noë-Steig zur Brunnsteinhütte ab.

schöner Stufenbau auch auf der Westseite der Nördlichen Karwendelkette

Der Steig ist sehenswert, er führt zunächst ein gutes Stück parallel zum Klettersteig Richtung Südliche Linderspitze und wenn man nach oben schaut sieht man die Bretterübergänge.
Auch auf diesem Steig kommen im oberen Teil kurze Passagen vor, die Restschnee enthalten und man gegebenenfalls Ausrüstung benötigt.

auch hier schattige Passagen mit Restschnee

Der Bau der Sulzleklammspitze kann am Abstieg wunderbar betrachtet werden und die dickbankigen Stufen von alpinem Muschelkalk unterhalb des Gipfelaufbaues fallen richtig ins Auge. Über den Oberen Sulzleanger gibt es im schroffigen Teil die letzten Seilversicherungen, oberhalb der breiten Schuttreise in die Sulzleklamm hinab.

Sulzleklammspitze vom Heinrich-Noë-Steig aus gesehen

Die sich ausbildende Schulter wird weiter unten durch Nadelwald mit altem Baumbestand bis in den Graben oberhalb der Sulzleklamm abgestiegen, der Untere Sulzleanger. Beeindruckende Blicke bestehen dabei nach oben, beispielsweise eine unter Sonnenlicht orange leuchtende kleine Lärche auf einem absolut unzugänglichen Felsplateau unterhalb des Gipfels.

Kirchlspitze und rechts Rotwandl- und Brunnensteinspitze

Im Graben führt der Steig dann relativ flach über die Gegenseite hinaus zur Brunnsteinhütte. Unterhalb der Kirchlspitze trifft man am Steig auf Kössener Schichten in eindrucksvoller Ausprägung.

Oberer Sulzleanger und gegenüber Unterer Sulzleanger

Gegen die Rippe auf die Brunnsteinhütte zu führt der Steig wieder in ein kurzes  Waldstück, bevor die Lichtung an der Hütte erreicht wird.

atemberaubende Blicke auf die Westwand der Sulzleklammspitze; im Schnitt beider Bildhälften eine orange leuchtende Lärche in unzugänglichem Fels

Ohne ein oder zwei Mittenwalder Halbe vor der Hütte wäre der Abschluß nicht gelungen, also genehmigten wir uns diese, vor dem Normalabstieg nach Staudenraut und zurück zuerst über den Waldweg, später, nach dem Bahnübergang mangels abgetrenntem Wanderweg, über 500 m Bundesstraße bis nach Scharnitz.

Rückblick über den beeindruckenden Heinrich-Noë-Steig

Die gesamte Bergtour erforderte 9:45 Stunden incl. Pausen und erstreckt sich über 15,1 km. Der Aufstieg beträgt 1.850 m gesamt. Die Runde ist schöner im Aufstieg, also von Süd nach Nord und der Abstieg über den Heinrich-Noë-Steig zur Brunnsteinhütte ist ebenfalls ein interessanteres Erlebnis als vom Brunnensteinanger (Roßanger).

Mils, 23.10.2021

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

1 × eins =