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Hochplattig – Überschreitung, 2.768 m

Die höchsten beiden Gipfel in der Mieminger Kette verbindet ein toller leichter Grat mit einigen schönen Kletterpassagen der sich, nach dem Mittelgipfel des Hochplattig, noch etwas schärfer gegen den Hochplattig Ostgipfel hin entwickelt. Nach einem bereits rassigen Aufstieg auf den Westgipfel entdeckt man auf der gut 800 m langen Gratbegehung phantastische Passagen in mäßig schwierigem Fels. Der zeitliche Bedarf der Rundtour wird bereits im Aufstieg klar – im Sommer, bei erwarteter Gewittertätigkeit, soll dies nicht unterschätzt werden.

Rückblick auf den Hochplattig Westgipfel

Der Zug der Hochplattig Berge innerhalb der Mieminger Kette findet sich im Internet geologisch wenig beschrieben. Mit Ausnahme der an ihrem Ostfuß angelehnten Judenköpfe und dem westlich davon entstandenen Erosionsgebiet der „Jude“, findet man wenig, bisweilen vorwiegend Literatur über die Tektonik, nicht aber über die Geologie dieses Teiles in der Kette. Für den Geologen interessant sind der Westteil und der nordwestliche, wannenförmige Teil des Mieminger Gebirges, sowohl tektonisch als auch lithologisch.

schärferer Gratabschnitt Richtung Ostgipfel

Über das beeindruckend auffällige Gebiet der Jude, das den Begeher am oberen Teil des Steigs zum Gachen Blick mehr und mehr zu faszinieren beginnt, können einige kurze Beschreibungen im Netz gefunden werden, die sich am Ende dieses Berichtes zitiert finden.

schönes Gipfelkreuz am Gachen Blick

Unter den alten frei zugänglichen geologischen Arbeiten großer Wissenschaftler befindet sich eine junge, sehr interessante Diplomarbeit über den Bergsturz am Stöttelbach1 eines Geowissenschaftlers, die als Nebenerwähnung zwar nur grundsätzlich erklärend, aber dennoch, die brennende Frage enthüllt, woher die Begriffe im Zusammenhang mit dem Wort „Jude“ stammen. Nach seinen Recherchen entstammt dieser in der heutigen Form veränderte Ausdruck dem Althochdeutschen Wort „Jutta“ der so viel wie Milch bedeutet. Die Herleitung des Zusammenhangs erklärt er mit der milchigen Farbe des Judenbaches nach Niederschlagsereignissen.

Aussicht auf den Anstieg zum Westgipfel des Hochplattig

Die Arbeit zu lesen möchte der Autor unbedingt empfehlen, sie befaßt sich in sehr interessanter Weise mit dem Entstehen des unteren Teils des Aufstiegsgeländes zum Gachen Blick, dem Teil bis auf den Henneberg, sie gibt einen groben geologischen Überblick über die Südhänge der Mieminger Berge und sie enthüllt weitere Flurnamen.

beeindruckende Judenbachschlucht

Das Gebiet der Jude und der Judenköpfe wird geologisch von Ampferer2,3 beschrieben und bietet eine Handzeichnung mit der Gesteinsbestimmung im Vertikalschnitt, die der geologisch interessierte Bergsteiger auch sofort an Form und Farbe im Aufstieg erkennen kann.

die Gehängebreccie am Judenkopf in der rechten Bildhälfte sichtbar

Als sehr interessantes Detail in diesem Gebiet sollten die glazial entstandenen Gehängebreccien beschrieben werden, die – als beachtliche Seltenheit – Kornanateile aus dem Kristallin besitzen. Sie sind auf den Judenköpfen zu finden und im Abstieg vom östlichen Gipfel des Hochplattig auf der beginnenden Flanke oberhalb der Schluchtkante zu sehen – eine Lageskizze liefert Wehrli4.

 

blick in die wilde Judenschlucht

Die Flurbezeichnung „Schwz-Schiefer“ in der AV-Karte ist auf die auffälligen schwarzen Mergelschieferschichten in der Judenbachschlucht zurückzuführen, die man am Weg durch die Rauhwacke und Raibler Schichten vom Gachen Blick zum Wettersteinkalkmassiv der Kette zur Rechten zu Gesicht bekommt.

 

Simon am Wegkreuz Gachen Blick

Eine Vertikalschnittabfolge durch die Mieminger Kette als Übersicht findet man bei Becke4. Leider sind die unteren Flankenteile darauf nicht mehr zu sehen, nur der ab dem Oberplattig vorherrschende Wettersteinkalk.

 

Rückblick auf den Gachen Blick

Mit der eindrucksvollen oberen Abbruchkante der Judenbachschlucht endet der erdgeschichtlich interessante Teil des Aufstiegs. Der ab dieser Höhenstufe vorherrschende Wettersteinkalk der östlichen Mieminger Kette kann als recht fester Fels mit mehr oder weniger großen Verwitterungsflächen mit der typisch ockerbraunen Farbe beschrieben werden, die auch am Grat auftreten, nicht aber solche Ausmaße erreichen wie beispielsweise am Grat zwischen Gamskar- und Brantlspitze in der Roßlochumrahmung des Karwendels.

 

an der Latschenobergrenze und am Steigende angelangt

Der Aufstieg zum Gachen Blick wird hier nicht beschrieben, da er einen normalen Steig darstellt, der in etwa zwei Stunden zum Gipfelkreuz einer der hauptdolomitisch gebauten Vorberge der Mieminger Kette führt. Von unserem Start beim Waldschwimmbad (900 m) in Obermieming benötigten wir knapp zwei Stunden bis zum Hochpunkt auf 1.909 m.

 

in Bildmitte die schwarzen Mergelschieferschichten

Jenseits des Hochpunktes folgen etwa 30 m Abstieg zur Verbindungsscharte zum Massiv. Ab dem Tiefpunkt führt westlich ein schwach sichtbarer neuer Steig durch die Latschen nach oben, östlich brechen die Schutthänge in die Judenbachschlucht ab und haben den alten Steig bereits ungangbar gemacht, bzw. ist die Begehung über ein paar Minuten nur auf wenig einladenden erdigen und geneigten Spuren möglich – bei Feuchtigkeit ober Nässe ungangbar.

 

weglos über Schrofen hinauf

Sobald die Schluchtkante überschritten wurde steigt das Gelände in steilen, schrofendurchzogenen Bergwiesen gegen die Felswände des Hochplattigzuges.

 

am Schluchtriss angelangt

Man strebt einem deutlich sichtbaren schrägen Riss zu, der nordwestlich hinaufzieht. Er hat seinen Beginn unterhalb der Albeleköpfen und zieht beeindruckend weit nach oben zum Grat.

 

schneegefüllter Riss

Bei unserer Begehung Ende Juli befand er sich aufgrund seiner Lage und Tiefe im unteren und Mittelteil noch immer schneegefüllt und aufgrund der beachtlichen Höhe des fast schon zu Eis umgewandelten Firns erweckt der Anblick den Anschein, als würden die tiefsten Stellen über den Sommer nie ganz aper ausschmelzen.

 

im Mittelteil des unteren Aufstiegsteils, rechts neben dem Riss

Auf der rechten Kante des Risses beginnt auf etwa 2.350 m die leichte Kletterei auf gut griffigem und festem Fels. Über schräge Rinnen und Platten wird rasch an Höhe gewonnen, bis weit hinauf stets rechts der Verschneidung, im Mittelteil des unteren Teils noch eine Rippe weiter rechts (östlich) der Verschneidung.

 

unterhalb der Platte nach rechts gequert

Im mittleren Teil des oberen Aufstiegsteils näherten wir uns dem langen Riss wieder, der weiter oben sichtbar auf eine Gabelung hin ausläuft.

 

schöne Aufstiegspassagen mittig im unteren Teil

Eine freistehende, etwas über das Gelände hinausgehobene Rippe leitet in leichter Kletterei auf die Gabelung hin.

Gratrippe

An der Verzweigung ragen die Wände einer gelblichen Felskopfgruppe hoch auf und der rechte Teil der hinauf führenden Rinne erscheint wenig einladend.

Ende der Gratrippe

Das Gelände links ist nicht einsehbar weshalb wir zur Einschätzung über den oberen Rand des Schneefeldes querten und den weiteren Anstieg fanden.

am Ende des unteren Teils, hier Gabelung – weiter nach links

Eine völlig andere Geländeform fanden wir nach einigen Minuten Aufstieg nach der Querung vor. Das Gelände bestand, soweit sichtbar, aus breitem Plattengelände ohne signifikante Erhebungen, mit einförmiger Steigung gerichtet, eine typische Rutschfläche.

Rückblick auf das Plattengelände

Zum Grat hin stieg die Neigung der Felsfläche nochmals etwas an, bevor sie an der Überleitung zum Grat wieder abflachte und über Bänder bequem die Grathöhe erreicht wird.

herrliche Passagen im Plattengelände

Von der Grathöhe westwärts erreichten wir in wenigen Minuten den Westgipfel des Hochplattig, mit dem einzig intakten Gipfelkreuz der drei Haupterhebungen. Den Aufstieg zum Westgipfel bewältigten wir somit in knapp über 4 Stunden.

Simon auf der Grathöhe zum Westgipfel des Hochplattig

Trotz des nicht recht gnädigen Wetters konnten wir uns am Ausblick nach Norden erfreuen, wo die imposanten Erhebungen des westlichen Wettersteinkammes aufragen. Leider die Gipfel alle im Nebel.

Simon am Westgipfel des Hochplattig, 2.749 m

Im Westen bot ein Sonnenfenster Sicht auf die Ehrwalder Sonnenspitze mit den nahen Gipfeln der Gartner Wand und des Grubigsteins der Lechtaler Alpen im Hintergrund, im Vordergrund der Tajakopf

Blick auf die sonnenbeschienene Ehrwalder Sonnenspitze, dahinter die Lechtaler Alpen

Im Nordwesten reicht der Blick über den das Talbecken von Ehrwald einfassenden Daniel, dem höchsten Gipfel der Ammergauer Alpen und knapp rechts daneben auf den imposanten Säuling, im Norden besticht der umkehrende Zug der höchsten Wettersteinberge mit dem höchsten Gipfel, der Zugspitze.

Ehrwalder Becken mit Daniel dahinter

Im Norden hat man einen guten Blick auf einen der Übergänge im Wetterstein, dem Gatterl, das eine Einsattelung im Hauptkammm darstellt.

Wettersteinkette im Norden gegenüber, im Vordergrund der Breitenkopf, 2.469 m

Nur sehr kurz gab uns der von Süden ständig neu heraufziehende, hartnäckige Nebel die Einsicht auf unsere Gratüberschreitung frei, die wir nach etwa zwanzig Minuten Gipfelpause in Angriff nahmen.

Blick auf die Überschreitung zum Hauptgipfel des Hochplattig

Auf der jenseitigen Gratstrecke vom Aufstieg beginnt der Grat zunächst mit einem höheren Aufstieg und einem tieferen Abstieg zu einem Schärtchen hinter dem ersten Kopf, bevor ein weiterer hoher Kopf erklommen werden muß.

Abstieg hinter dem ersten Gratkopf

Nach den ersten beiden abgerundeten Erhebungen geht das Auf und Ab mit weniger Höhenunterschied weiter, teils in Gehgelände, teils mit zu überkletternden Stufen.
Eine Gratbiegung ermöglicht einen weiten Blick auf die Hochwand im Osten.

zweiter Gratkopf

Kurz danach folgt eine nicht abkletterbare Stelle die südlich zu umgehen ist, die in eine scharfe Scharte mit dem ockerfarbenen Verwitterungsmaterial abfällt von der es jenseits im Klettermodus steil nach oben weitergeht.

Simon im schmalen Schärtchen

Anschließend wird die Überschreitung wieder leichter wobei die nach Süden einfallenden Platten der Überschiebungsschuppe interessante Gratformen ausgebildet hat, die überklettert werden müssen. Die Girlandenform des Gates bietet dabei Einsichten in die dunkle Nordseite.

tolle Köpfe zu überklettern, immer in leichtem bis mäßig schwierigem Fels

Kurz vor dem Hochplattig-Mittelgipfel schlängelt sich der Gratbegehr durch ein paar nette Gratköpfchen hindurch, bevor ein Abstieg auf einer glatten Platte erfolgt, der in eine schauerliche schmale Schlucht in die Nordwand abfällt.

Rückblick auf die Gratgirlande mit dem Autor, im Hintergrund der ferne Westgipfel

Die Platte wird am Saum zum darüberliegenden Felskopf gequert, um wieder auf die Gratkante zu gelangen. Diese und der darauffolgende Abstieg leiten auf das letzte Stück zum höchsten Kopf des Hochplattig über, auf den Mittelgipfel mit der größten Höhe von 2.768 m. Dieser wird in ein paar Minuten über nur mehr wenig gestuftes Gratgelände erreicht.

Abstieg zu den Grattürmchen

Schade, daß das Gipfelkreuz zusammengebrochen beim Steinmann liegt, nachdem es offensichtlich schon vorher geflickt werden mußte.

die plattige Stelle wird direkt unter dem aufgesetzten Kopf auf den Grat hinausgequert

Wir haben uns nicht ins Gipfelbuch eingetragen, aber trotz fehlender Sicht wegen des Nebels ein paar Minuten pausiert.

Hochplattig Mittelgipfel 2.768 m mit zerstörtem Gipfelkreuz

In Richtung Ostgipfel des Hochplattig, 2.698 m spitzt sich der erste Gratabschnitt zu und wird etwas schärfer. Beste leichte Kletterpassagen folgen auf die Gehstrecke, die, beginnend am Mittelgipfel den zweiten, kürzeren Teil der Überschreitung einleitet.

Rückblick auf den Westgipfel

Die Strecke fällt nun mehr als sie steigt, es gilt auf gut 350 m Horizontalentfernung 70 m abzusteigen.

Gratabschnitt zum Hochplattig Ostgipfel, Blickrichtung zum Hauptgipfel

Durch eine bärige Abfolge von Köpfchen zu beiden Seiten hindurch trifft man auf eine tiefere Abkletterpassage, von der die Signalstange des Ostgipfels bereits sichtbar ist.

wieder durch Köpfchen und Türmchen hindurch

Am Weg dorthin folgt ein Gratstück mit kleinstückigerem Fels, auch etwas brüchiger.

bereits am Abstieg mit sichtbarer Signalstange am Ostgipfel des Hochplattig

Ein letzter steiler Abstieg mit vielleicht den interessantesten Kletterstellen der gesamten Überschreitung folgt vor der letzten Scharte, die auf das Gipfelköpfchen führt.

letzter interessanter Abstieg zum Ostgipfel

Für den Übergang von West- zum Ostgipfel wurden 1:20 Stunden benötigt.

der rassigste Abstieg vor dem Ostgipfel

Leider kann die Überschreitung nicht auf dem gesamten Verlauf eingesehen werden, da der Ostgipfel, sowie der Westgipfel verdeckt vom abwärts geneigten Grat liegt und wir hatten auch nicht das Glück den Gratverlauf bis zum Alplscharte einsehen zu können.

Simon in der Trennscharte zum Ostgipfel des Hochplattig

Beim Abstieg ins Oberplattig ist man auch bei Nebel gut aufgehoben, denn die markante Felsverschneidung im Osten leitet optisch gut über die schuttbedeckte Flanke hinab, die mit verminderter Geschwindigkeit begangen werden muß, will man nicht am steilen Schutt dahin rollen und ausrutschen.

Hochplattig Ostgipfel, 2.698 m

Die Bänder im oberen Bereich werden mit zunehmender Tiefe weniger, dafür steigen kurze Reisen in ihrer Länge an, sodaß darauf abgefahren werden kann. In Summe jedoch ist der Schrägabstieg ins Oberplattig, bzw. zum Schluchtrand mühsam, wie Hangquerungen in Schuttgelände es so an sich haben.

Blick zur Hochwand, leider der Grat zur Alplscharte nicht einsehbar

Wir sind direkt unter dem Ostgipfel in südwestlicher Richtung abgestiegen, um eine direkte Linie zum Steig auf den Gachen Blick zu gelangen.

langer querender Abstieg zum Gachen Blick

Den Abstieg von Ostgipfel bis zum Ausgangspunkt beim Waldschwimmbad darf man zeitmäßig nicht unterschätzen, wir benötigten mit sehr schnellem Schritt dafür 2:30 Stunden.

Judenkopf mit aufgesetzter Gehängebreccie von Bildmitte nach links steigend (hinter dem Nebel kaum erkennbar)

Bis zum Schluß der tollen Runde wollte der Nebel die Gipfel nicht freigeben.

Rückblick vom Gachen Blick auf den Hochplattigzug; verfallender Steig im Vordergrund, der links in den Latschen umgangen wird

Die letzten Eindrücke im Rückblick von der Moosalm aus blieben leider auch mit Nebel behaftet.

Ansicht des Hochplattig von der Moosalm

Die Rundtour führt auf eine Strecke von etwa 17 km über rund 2.000 Hm (Anzeige Bergsteigeruhr 1.945m, jedoch mit Genauigkeit +/-5m pro Höhenänderung) Anstieg und Abstieg, gesamt – mit allen Pausen (gesamt 45min auf den Gipfeln) – haben wir 8:30 Stunden benötigt. Die reine Gehzeit liegt etwa bei 7:45Stunden.

Mils, 25.07.2020

1 Westreicher, 2019: DER BERGSTURZ AM STÖTTLBACH; Diplomarbeit, Institut für Geographie Fakultät für Geo- und Atmosphärenwissenschaften Universität Innsbruck
1.3.9 Flurnamen
6.3.3 Erklärung des Wortstammes „Jude“

2 Ampferer, 1905: Geologische Beschreibung des Seefelder, Mieminger und südlichen Wettersteingebirges
(Seite 60 – 62, Fig. 20.)

3 Ampferer, 1924: Erläuterungen Zur Geologischen Spezial- Karte der Republik Österreich Blatt; Zirl-Nassereith
Beschreibung Gehängebreccien, Seite 36, 37

4 Wehrli, 1927: Monographie der interglazialen Ablagerungen im Bereich der nördlichen Ostalpen zwischen Rhein und Salzach
Skizze der Lage der von Ampferer beschriebenen Gehängebreccien oberhalb der Judenbachschlucht auf den isolierten Felskämmen bei 1.972 m und 2.194 m, Fig. 1, Seite 366

5 Becke, 1983: Zur Geologie des Mieminger Gebirges
Beilage 3 (Seite 27)