Schitour Bendelstein, 2.436 m

Fährt man von Innsbruck im Wipptal gegen Süden so sticht linkerhand ein Berg mit markantem Ostrücken ins Auge, der des Winters eine schöne, farblich ungestörte weiße Nordwestflanke zeigt – der Bendelstein, der wohl jeden Schitourenbergsteiger im Wipptal in gewisser Weise schon berührt hat. So spektakulär seine Erscheinung von der langen Geraden vor dem ehrwürdigen ehemaligen Gasthof Gschleirs aus zu bewundern ist, so zahm ist seine Besteigung von Mauern bei Steinach. Trägt er im Kartenwerk heute offiziell den Namen „Bentelstein“, wissen die Ortsansässigen sowie die Geschichte seinen Namen mit „Bendelstein“ zu betiteln und Walter Spitzenstätter rang der Schitour auf den Berg Bendelstein in den achtziger Jahren die Bewertung: „nicht für jedermann“ ab, wobei er mit seiner Aussage im Steilrinnenzeitalter unbewusst den Nagel auf den Kopf getroffen hat, die er vor 35 Jahren freilich anders verstanden wissen wollte.

Bendelstein, 2.436 m

Der Bendelstein – im Folgenden bleiben wir bei dieser originalen Bezeichnung – stellt ein Schitourenziel dar, das kaum dem modernen Anspruch von Aufstiegen über raue Steilflanken und Couloirs genügt, er ist ein landschaftliches Kleinod ohne irgendwelche Herausforderungen an die alpinistische Eignung seines Begehers.

Gasthaus Bendelstein

Die einzige Herausforderung die der Bendelstein bietet ist eine gewisse Orientierungsgabe. Als nicht Einheimischer bei unverspurtem Gelände im knietiefen Neuschnee gegen Ende März, in einer Jahreszeit, in der selbst die Einheimischen im schneeraubenden föhnigen Wipptal angesichts der weit hinauf ausgeaperten Wälder kaum mehr an seine Besteigung denken machten wir uns bei nicht optimalem Wetter nach einer Kaltfront auf. Von der Hangneigung geurteilt – sie bleibt stets deutlich unter 30° – konnten wir die Tour auch bei LWS III in diesem Gebiet unternehmen.

St. Ursula Kirche Mauern im März 2021

Die Gegend des Wipptales jedoch ist bei jeder Wetterlage aus Nord- oder Südwest für Eskapaden gut und wie wir es gerade erneut im Frühling Tirols verspüren, so brachte auch der März 2021 Winterfreuden zurück und ermöglichte eine beeindruckende, wettertechnisch schräge und dennoch unvergessliche Schitour hochwinterlicher Prägung.

Abzweigung in den Wald auf Steig Nr. 326

Eine ungewöhnliche Einleitung dieser Art sollte den Leser bereits in ihren Bann gezogen haben und den langen Aufstieg, anfänglich im dunklen Wald, erträglich machen.
Darüberhinaus ist der Start der Schitour unter dem architektonischen Kunstgenuss des barockisierten Kirchleins St. Ursula bei Mauern in der Tat ein nicht alltäglicher, er ist gewissermaßen ein erhebender.

St. Ursula vor Steinach

Ursprünglich im romanischen Stil erbaut – und am schlichten freistehenden Turm gut erkennbar – ruht das Kirchlein seit etwa 800 Jahren unspektakulär auf seinem erhabenen Rain, der ihm doch gewaltige Wirkung verleiht, die sich in alten Bildern noch manifester auszudrücken vermag. Bemerkenswert ist, daß die Kirche den ältesten Begräbnisort im inneren Wipptal darstellt und ihr Friedhof bis ins frühe 20. Jahrhundert auch noch als kirchengemeindlich offizielle von Hintertux diente.

nächste Abzweigung bergwärts

Der Verfasser kann sich als „Sommerfrische Gast“ bei der Familie Peer in Tienzens Anfang der 70er Jahre noch lebhaft an das Nebengebäude des Kirchleins, einem mit einer Unzahl exhumierten Gebeinen und Totenköpfen gefüllten Karner1 erinnern, dessen Anblick dermaßen großen Eindruck auf den damals sehr jugendlichen Städter hinterlassen hat, daß die Bilder über Jahrzehnte haften blieben.

erste Wegquerung zur Spörralm

Östlich der Kirche steigt man vom Ausgangsniveau 1.160 m über die Wiese oder neben dem asphaltierten Weg mit Fahrverbot zu einem Hochspannungsmast auf und folgt dem Weg etwa hundert Meter bis zu einer Abzweigung rechter Hand, die in den Wald hinein führt, zu einer weiteren Abzweigung, der man beim Wegweiser auf den Bendelstein mit der Zeitangabe 3 h rechts folgt.
Die Steigmarkierungsnummer für den Aufstieg lautet 326 (und anfänglich 38).

eine der spärlichen Freiflächen

Bei unserer Begehung lag auf den Freiflächen genügend Schnee und im ersten Waldstück gerade noch genügend, um nicht auf den Wurzeln im spärlich beschneiten Wald unter Schitourenfeeling aufzusteigen.

erneute Wegquerung

Die erste Viertelstunde zieht der Steig meist im Wald, weniger auf Freiflächen auf den Mauracher Berg. Das Gelände wechselt zwischen mäßiger Steigung und einer steilen Hohlwegpassage, sowie vier Mal ein Forstweg gequert wird, bevor – als willkommene Abwechslung – das freie Gelände der Spörralm auf 1.760 m erreicht wird.

unterhalb der Spörralm mit bereits beachtlicher Neuschneehöhe

Unterwegs zur Spörralm stieg die Schneehöhe merklich an und etwa 50 Hm unterhalb der Alm erreichte die Masse an Neuschnee der Tage zuvor ein Ausmaß, das an klassische Jännertage erinnerte, wir standen in etwa 40 cm hohem Neuschnee bester Pulverqualität.

Freigelände der Spörralm im Hintergrund

Herrlich der Anblick der Alm mit dem einzig verbliebenen Heuhüttchen und dem winterlich verschneiten Hintergrund. Das Holzkreuz von 2012 mit der Aufschrift „Spör‘n Alpl“ verließen wir in gerader Linie bergauf, der nächsten Kreuzung mit dem Forstweg zustrebend. Ab dem Forstweg wurde die Spurarbeit richtig mühsam, die Neuschneehöhe wuchs bis auf 1.900 m auf mehr als einen halben Meter.

herrliches Gelände nach dem langen Waldstück

Ohne zunächst eine weitere Markierung erkennen zu können stiegen wir über die große Freifläche oberhalb des Weges weiter auf und befanden uns plötzlich in einem dichten Jungwald, ohne sichtlichen Pfad Richtung Schröflkogel. Das Gelände reichte von flachen Passagen über steile und ein Durchkommen wurde schwierig.

hinter dem Wegkreuz führt die Route in einer Schneise weiter

So irrten wir eine Weile im jungen Föhrenwald umher und machten Bekanntschaft mit Schnee im Genick zwischen dicht stehenden Bäumchen, die jeglichen Fernblick zur Orientierung verhinderten. Selbst die GPS-Karte am Telefon vermochte uns nicht in kurzer Zeit aus dem Dschungel heraus zu lotsen. Der Fehler wurde uns bei der Abfahrt klar, wir sind vom Weg zu direkt nach Osten abgezweigt, der Steig führt jedoch an einer verfallenen Heuhütte eher südöstlich in den dichten Wald, wie in der Bildergalerie ersichtlich.

bereits oberhalb der letzten Wegquerung im Jungwald

Daher sei dem Ortsunkundigen, wenn er Anspuren muß und somit keine vorgegebene Orientierung hat, an dieser Stelle geraten sorgsam nach Markierungen Ausschau zu halten, welches uns im Neuschnee mit eingeschränkter Sicht erschwert wurde (und wir nicht rechtzeitig die GPS-Position beachteten). Wie wir bei der Abfahrt feststellten, folgt die Route des Steigs nicht einer klar vorgegebenen Schneise, sie führt in dichten Wald.

Jagdhütte und Bendelstein im Hintergrund

Die alternative Möglichkeit dazu wäre dem Fahrweg zu folgen, der für den Tourengeher allerdings eine recht unnötig lange Kurve beschreibt, um zu den letzten Almhütten aufzusteigen.

das scheinbar windstille Plätzchen an der Jagdhütte

So gelangten wir mit einiger Verspätung zur Schneise, die etwa auf 2.050 m über die Baumgrenze hinausführt. Man könnte dort auf einem schwach ausgeprägten Sattel den Schröflkogel mit 2.151 m links (nördlich) umgehen und direkt auf den langen Sattel zwischen ihm und dem Bendelstein aufsteigen. Wir wollten aber die Kuppe des Schröflkogels erkunden und stiegen rechts vom Sattel auf seine runde Kuppe, ganz zum Ärgernis eines Rudels Gemsen, die auf dem verblasenen Kogel mit den Hufen nach Futter suchten.

Sattel zum Bendelstein

Unweit hinter der Kuppe befindet sich eine kleine Jagdhütte, die wir für eine Trinkpause als Schutz für das nach dem langen Waldaufstieg mittlerweile unbewachsen sich zeigende Gelände aufgesucht hatten. Der Nordostwind blies jedoch so heftig, daß aus einer Trinkpause ohne Windbelästigung nichts wurde und diese sehr kurz ausfiel.

nach kurzer Suche am Kameradschaftskreuz angelangt

Nicht einig, ob der Aufstieg auf den Bendelstein an diesem Tag noch sinnvoll sei, marschierten wir jedoch weiter, angetrieben von positiven Gedanken etwas geplant zu beenden, wie so oft am Berg verbunden mit dem Herunterspielen der auftretenden Beeinträchtigungen am Restaufstieg: „sind eh‘ nur mehr knapp 300 Höhenmeter“.

im Nirgendwo in Gipfelnähe

Am Sattel und über die breite durchgehend weiße Flanke ohne irgendeinen markanten und weiter entfernt sichtbaren Farbkontrast zur Orientierung stiegen wir bei schlechter werdender Sicht anfänglich direkt, dann in Spitzkehren über den an sich schönen Hang auf. Bald verdichtete sich der Nebel, sodaß die Orientierung schwer wurde und nur kurzzeitig am Horizont oberhalb uns ein Kreuz sichtbar wurde. Zu unserer Verwunderung nicht östlich des Aufstiegs, sondern eher westlich davon.

Umkehrplatz, im Hintergrund das Vermessungszeichen

An der Kuppe, die gerade noch sichtbar wurde, konnten wir das Kreuz in etwa 50 m Entfernung und etwas unterhalb unserer Position wieder sehen und steuerten es, abwärts schreitend, an. Unsere Vermutung wurde dann am Kreuz bestätigt, daß wir nämlich noch nicht am Bendelstein angekommen waren und sowohl die Inschrift am Kreuz als auch die zu Hilfe genommene GPS-Karte bestätigte die Vermutung und zeigte uns die Richtung zum Gipfel.

ungewöhnliche Gipfelpause

Nun wollten wir aber trotz mittlerweile völlig fehlender Sicht nicht unverrichteter Dinge umdrehen – wieder dem selben Motiv ausgesetzt – und steuerten den Gipfel des Bendelstein an.  Leicht aufwärts und stets mit prüfendem Blick auf den Abstand zur Gratkante stiegen wir die letzten 250 m Entfernung unter etwa 40 m Höhenunterschied zum Gipfel auf.

Gipfelkreuz im Osten

Im Gipfelbereich konnten wir keinerlei Gipfelkreuz ausmachen, wussten aber mit Bestimmtheit, daß es eines geben muß. Sichtbar wurde ein Vermessungszeichen, das wir nach einer Pause und dem Abfellen aufsuchten, um auf die Hinterseite nach Osten sehen zu können.
Beim Vermessungszeichen angekommen erblickten wir auf der Ostseite ein entferntes Gipfelkreuz im Osten und schließlich auch einige Meter oberhalb von uns das Objekt der Begierde – das oberste Teil des Gipfelkreuzes des Bendelsteins südlich von uns, das gerade einmal einen Hauch über die riesige Schneewechte im Vordergrund herausragte.

das Gipfelkreuz des Bendelstein doch noch angetroffen

Somit haben wir unsere Gipfelrast etwa 50 m vom Gipfelkreuz entfernt verbracht und es nicht gewusst. Die Wechte, die von der Nordwestströmung der letzten Tage aufgebaut wurde, hat es von unserer Näherungsrichtung her völlig vor uns verhüllt.

Bendelstein, 2.436 m

Für den Kenner der Örtlichkeit am Gipfel des Bendelsteins mag die Dramatik nicht nachvollziehbar sein und er wird an dieser Stelle schmunzeln, für den Erstbegeher im dichten Nebel stellt sich die Situation entgegensetzt dar. Wenn nur mehr weiß vor den Augen herrscht kann selbst einfaches Gelände zur Herausforderung werden.

Abfahrt über den Rücken unterhalb des Schröflkogels

Lehrreich an dieser Begebenheit war einmal mehr die sonderbare Hilflosigkeit bei Nebelsituationen in Grat- bzw. Gipfelnähe, der man ausgesetzt ist, wenn die Sicht fehlt und man des Geländes völlig unkundig ist und Wechtenbereiche nicht betreten will.

Blickrichtung Spörralm, im Wald rechts der Bildmitte versuchten wir den Aufstieg abseits des Steigs

Die gewaltige Wechte versteckte das Gipfelkreuz vor uns und schlussendlich war es einzig das Vermessungszeichen, das uns veranlasste, es anzusteuern, weil es aufgrund des Geländes nicht an einer Absturzkante liegen konnte und den Blick zum Gipfelkreuz ermöglichte.

Rückblick auf den Rücken unterhalb des Schröflkogels – bestes Schigelände

Somit kamen wir noch zu unserem Gipfelerlebnis, wenn auch von der reinen Vorstellung wie der Gipfel zu erreichen sein muß, durch die eigenen Sinne unerklärlich geistig korrumpiert, wie wir bei der Betrachtung der Geländesituation feststellen mussten. Eine geographische Rundschau auf die Nachbargipfel des Bendelsteins erübrigt sich für diesen Bericht.

Versuch Abfahrt in Richtung obere Spörralm

Die Abfahrt bis zum Schröflkogel zeigte sich besonders im abgeblasenen Bereich des langen Sattels nicht besonders erbauend, auf den wechselnden, ruppigen, windgeformten Flächen jedoch einigermaßen vernünftig fahrbar. Im Bereich der windgeschützten Baumgrenze besserte sich der Schnee schlagartig zu bestem Pulver und im Wald erlebten wir eine perfekte hochwinterliche Abfahrt in knietiefem lockerem Pulverschnee.

kaum Fahrt durch den Widerstand im Tiefschnee

Nach den obersten Almgebäuden suchten wir die Schneise zu jener Stelle hin an der wir falsch abgebogen waren, entdeckten wieder keine Markierungen und hätten uns fast wieder verfahren, diesmal jedoch nicht weit, denn wir wussten vom Blick von oben, wo die Schneise liegen musste.

wieder an der Spörralm angelangt

Die restliche Abfahrt konnten wir bis weit hinab im Pulverschnee genießen und als wir etwa auf 1.400 m mangels Schneehöhe über die Wege hinab fuhren kam auch wieder Sonne zum Vorschein.

Tiefschneefreuden

Die Abfahrt war uns ohne Steinkontakt, aber auch ohne stärkere Bremsmanöver bis zum St. Ursula Kirchlein möglich, und dies am 20. März eines insgesamt sonderbar angebrochenen Jahres.

nahe dem Ausgangspunkt angelangt

Unter den geschilderten Umständen benötigten wir für die landschaftlich sehr ansprechende  sowie mit unseren Miniaturodysseen unvergessliche Schitour 5:45 Stunden mit einem Aufenthalt am Gipfel von etwa 20 min. Der gesamte Aufstieg auf den Bendelstein beträgt 1.300 m und die Streckenlänge bis zum Gipfel 5,6  km. Das Herumirren mit einbezogen zeigte die Uhr eine aufgezeichnete Aufstiegshöhe von 1.400m.
Höchstwahrscheinlich hat Spitzenstätter Recht – der Bendelstein ist nicht für jedermann, aber unbedingt eine Schitour wert.

Mils, 28.03.2021

1 Beinhaus – Raum oder eigens stehendes Gebäude zur Aufbewahrung von Gebeinen exhumierter Verstorbener; im Fall der St. Ursula Kirche ein eigenes gemauertes Häuschen in der Nordostecke der Friedhofsmauern

http://www.geschichte-tirol.com/orte/nordtirol/bezirk-innsbruck-land/658-steinach.html

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