Schaufelspitze – Überschreitung von der Bettlerkarspitze

Im zentralen Teil des Sonnjochkammes gelegen, kann  die Schaufelspitze im leichten Gratübergang von Nordosten über die Bettlerkarspitze erreicht werden.

der schöne Gratübergang von der Bettlerkarspitze zur Schaufelspitze im Rückblick

Die Grattour ist ein lohnend Ziel für die landschaftlichen Schönheiten im östlichen Karwendel, erlaubt aber auch tiefe Blicke auf die Giganten im zentralen Karwendel und sein Ausklingen im Norden. Sie kann als Rundtour durchgeführt werden mit Zustieg, wie erwähnt, über die Bettlerkarspitze und Abstieg über den Nordwestgrat sowie zurück auf den Plumssattel, meinem Ausgangspunkt für den Anstieg.

Bettlerkarspitze und Schaufelspitze im Hintergrund

Als Zustieg zum Plumssattel wählt jener, der aus dem Inntal anreist, die Gernalm (von Pertisau aus über die bemautete Straße erreichbar) und jener, der aus Bayern bzw. dem Risstal anreist die Hagelhütten am Beginn des Enger Tales.

der Vorgipfel der Bettlerkarspitze – heute leider schon besetzt

Die Beschreibung des Aufstieges zur Bettlerkarspitze kann dem hinterlegten Link entnommen werden. Zur groben Einschätzung sei hier nur erwähnt, daß der Aufstieg etwas leichter ist, als der letzte Teil Gratüberschreitung.

Gratübergang von Bettlerkarspitze zur Schaufelspitze im Überblick

Wegen des Wahlsonntages konnte die Tour – entgegen meiner Gewohnheit – erst recht spät am Tag begonnen werden, der Start am Parkplatz bei der Gernalm erfolgte um 10:20 was bei wolkenlosem Himmel am beleuchteten Hang mit der Straße zum Plumssattel trotz fortgeschrittenem Oktober bereits für eine schweißtreibende Aktion sorgte. Im Sommer sollte man hier also zeitig dran sein.

Etwas kühler erfolgte dann der Aufstieg über die steile Nordflanke, in alten Beschreibungen als hervorragende Schitour dargestellt, und ab dem Köpfchen auf 2.075m (das ist nicht der Vorgipfel!) wurde es wieder sonniger.

am Gipfel der Bettlerkarspitze 2.287m

Alleine am Gipfel bei herrlichem Wetter und eine aussichtsreiche leichte Überschreitung als nächstes Ziel, was will man mehr. Unter „leicht“ verstehe man nicht, daß sie wie eine Wanderung begangen werden kann. Im letzten Teil gibt es einige Stellen, die mittels leichter Kletterei (in etwa II-) bewältigt werden müssen und – das sei dem weniger routinierten Bergsteiger geschildert – die auch recht abschüssig bzw. teilweise etwas ausgesetzt sind, besonders die letzten ca. 40-50m auf der Gratschneide vor der letzten Einschartung die den Grat vom Gipfelaufbau der Schaufelspitze trennt. Alles in allem aber mit geringen Schwierigkeiten ohne Sicherung – und für jenen, der sich geübt und versiert am Grat bewegt, und großteils ohne Einsatz der Hände – begehbar.

Rückblick auf den Anstieg zur Bettlerkarspitze

Die Überschreitung beginnt in breitem Gratgelände auf regelrecht einem Steig bis zum nächsten Gratkopf, im Abstieg zu Beginn nach Verlassen des Gipfels der Bettlerkarspitze rechts in schotterigem Gelände.

Rückblick vom ersten Gratkopf

Der Aufstieg auf der Gegenseite erfolgt über einen breiten Grasrücken. Jenseits nähert man sich einem Steilabbruch, der auch gleich instinktiv zur Auffindung einer Alternative in einer Wendung nach links über die schroffige, aber gut gangbare Ostflanke des Rückens führt.

der erste Gratkopf im Rückblick; rechts unter dem Schneefleckchen geht es leicht abwärts

Dort zwei Dutzend Meter hinab und durch leichte Kletterei in kaminartigen Schroffen ein paar Meter an die Basis des Kopfes zu wiederum leichtem Gehgelände hinab.

kurz nach Verlassen der Bettlerkarspitze am Gratrücken

Es folgt ein langgezogener abfallender Sattel, der auf breitem Rücken begangen wird. Der nächste Gratkopf wird über seine Ostflanke, jedoch in Gratnähe leicht überwandert – auch jenseits – und anschließend erfolgt eine erste kurze Kletterstelle an einem etwas felsigerem Gratköpfchen.

zweiter Gratkopf im Rückblick, rechts kommt man herunter

Am schönsten erschien mir die direkte Überkletterung (zumal auch ein Steinmann am Hochpunkt diese Variante weist), die durch die blockige Ausbildung der Kletterstelle mit guten Griff- und Trittmöglichkeiten ohne Schwierigkeiten gemeistert werden kann.

erstes schärferes Köpfchen, direkt zu überklettern

Anschließen wird der Grat etwas schärfer, abschüssiger, teilweise ausgesetzt, jedoch immer breit genug, um ihn leicht zu begehen, inne zuhalten und links und rechts die Schönheiten des Karwendels zu betrachten.

der schöne Gratübergang von der Bettlerkarspitze zur Schaufelspitze im Rückblick

Die Schaufelspitze wird nun immer mächtiger vor Augen und bevor sie erreicht wird, stellt sich noch ein weiterer Kopf am Grat entgegen, der mit seinem plattigen Aufbau so ganz anders als alle Formen davor aufwartet.

Tiefblick ins Falzthurntal

Über schotterbedeckte Platten geht es aufwärts und bevor man die direkte Ersteigung über eine recht schwierige Verschneidung als Normalroute erkennen zu glaubt fällt rechts (nordwestseitig davon) ein Steinmann ins Auge.

plattiger Turm am Grat

Er ist die Weisung, den schwierigen restlichen Teil in äußerster Steilheit rechts zu umgehen. Auf der Hinterseite des Bandes, auf das der Steinmann leitet, steigt dieses mit großer Steilheit und schuttbedeckt zur Grathöhe an (Steinmann am Hochpunkt).

Steinmann rechts am Umgehungsband

Begangen wird es am besten entweder nahe am Fels zum sicheren Halt oder weiter davon entfernt in wiesendurchsetztem, festerem Gelände ohne Schutt.

Umgehung westseitig

Von diesem Hochpunkt aus (2.242m in AV-Karte) öffnet sich nun nordöstlich ein guter Überblick über die zurückgelegte Strecke und südwestlich der Abstieg zur letzten Einschartung vor dem von dort ca. 80m hohen Aufstieg in der Nordostflanke der Schaufelspitze.

Rückblick über den zurückgelegten Grat zur Schaufelspitze

Vor der letzten Einschartung erfolgt noch einmal ein etwas schärferer Grat, jedoch nur ca. 40-50m, der durch festen Fels führt und jede Menge gute Abstiegsmöglichkeiten bietet.

letztes Gratstück vor dem Gipfelaufbau der Schaufelspitze

Hier das letzte Gratstück vor der Flanke zur Schaufelspitze im Detail:

letzer Gratteil vor der Schaufelspitze

Rückblick von der Einschartung vor der Flanke zur Schaufelspitze:

letzer Gratteil vor der Schaufelspitze im Rückblick

Die steile Flanke zum Gipfel der Schaufelspitze nimmt man in wiesendurchsetztem Gelände durchwegs ein paar Meter rechts (nun nördlich, weil sich der Grat zunehmend gedreht hat) neben dem Gratrücken. Hinweis zur Steilheit – ich habe hierfür bereits wieder die Stöcke verwendet.

Gipfelaufbau der Schaufelspitze, letze ca. 80Hm bis zum flachen Gipfelgrat

Oben angekommen führt ein kurzes Gratstück in drei Minuten fast eben zum Gipfel der Schaufelspitze auf 2.308m.

Gipfelgrat der Schaufelspitze

Phänomenale Aussicht bietet sich hier und das ist wahrscheinlich auch der Grund warum der entbehrungsreiche Aufstieg über den Nordgrat – in der Folge mein Abstieg – aus dem Enger Tal auf sich genommen wird.

Am Gipfel der Schaufelspitze, 2.308m

Die Schaufelspitze stellt am Sonnjochkamm einen Endpunkt für die meisten Bergsteiger dar, die nicht absolut sattelfest in sehr schwieriger Kletterei sind und im Abstieg zum Bärenlahnersattel würde ich die Flanke zum Sonnjoch hin erstmalig nicht durchführen wollen.

Absturz zum Bärenlahnersattel

Umso mehr erfreute mich die exponierte Lage der Schaufelspitze mit der gewaltigen Aussicht auf die gewaltige Nordflanke des um genau 150m höheren Sonnjochgipfels und auf die kühnen Spitzen von Hochglück bis Dreizinkenspitze, die das Enger Tal begrenzen.
Weiter südwestlich schließen die schwierigsten Kletterberge des Karwendels mit ihren bis zu 1.000m hohen Nordwänden an; die beiden optisch markantesten Gipfel davon, die auch Grate nach Süden entsenden, sind die Sonnenspitzen und die Kaltwasserkarspitze ehe sich der Gipfel des Gamsjoches ins Bild schiebt und rechts daneben, in 13km Entfernung noch gerade die Birkkarspitze den Abschluß bildet.

Blick von Hochglück bis Dreizinkenspitze und weiter über Sonnenspitzen und Kaltwasserkarspitze bis zur Birkkarspitze

Westlich ist in 47km Ferne der Höllentalferner unter der Zugspitze erkennbar, der Fernblick möglich durch die vermindert wassergesättigte Luft im Herbst.


Weiter nordwestlich die Falkengruppe und die hohen Gipfel der Nördlichen Karwendelkette, bevor nach der Soierngruppe die mächtigen Gipfel des Karwendels im Rundblick in die  milden, niedrigen Vorkarwendelberge abebben.

der gewaltige Sonnjochgipfel, Namensgeber des Kammes

Nach einer Rast mit Fotodokumentation der außergewöhnlichen Szenerie und einer teilweise möglichen Rekognoszierung des Abstieges über den Nordgrat machte ich mich kurz nach 14:00 auf den Weg, den schönen, nach Norden vollkommen freistehenden Grat abzusteigen.

Nordgrat der Schaufelspitze – Abstiegsgrat

Deutlich vom Gipfel aus erkennbar der Kopf an dem der Abstieg durch Latschen beginnt, Pkt 1.986m. Von dort aus benötigt es einiges Orientierungs- und Einfühlungsvermögen, will man den breiten und nach Nordosten steil abfallenden Waldrücken erreichen, denn nicht überall sind die Steinmänner so dicht aufgestellt, daß der Abstieg ohne Orientierungsnotwendigkeit erfolgen kann.

Das Risstal mit den Hagelhütten

Im Mittelteil glaube ich gibt es mindestens zwei Latschengassen die man absteigen kann und die beide am selben Endpunkt enden, so empfand ich den Blick vom Pkt. 1986m aus.

Blick auf den letzten Teil der Gratüberschreitung zur Schaufelspitze, im Hintergrund Pertisau

Zunächst jedoch erfolgt der Abstieg schräg nordostwärts in der Flanke der Schaufelspitze (das Gipfelkreuz befindet sich nicht auf dem Hochpunkt an dem der Nordgrat endet, sondern etwas südwestlich davon) indem man vom tiefsten Punkt der Einsattelung zwischen Gipfel und Hochpunkt des Nordgrates schräg abwärts über Schutt zum Grat hinabquert.

zu querender Hang zum Nordgrat – viel Schotter in der Flanke

Am Grat geht es auf breitem Rücken mit raschem Höhenverlust abwärts bis ein kleiner Felskopf, dessen Ersteigung nicht lohnt, links, westseitig umgangen wird, um nachher rasch wieder zum Grat zurückzukehren. Über ein paar recht nett abzuschreitende schärfere Gratpassagen nähert man sich fast flach dem Punkt 2.140m, bei dem sich der Abstieg für eine kurze Strecke nach Westen ändert und in etwas schroffigeres Gelände überleitet.

kurz vor Pkt. 2.149m

Nach ein paar Dutzend Höhenmetern führt der Abstieg wieder zurück auf des Rücken breite Mitte und wird am Ansatz der Latschen wieder flach. Durch die Latschen geht es links oder rechts, ich entschied mich für die sonnenbeschienene linke (westliche) Seite.

weiters Abstiegsgelände nach Drehung der Route nach Westen

Diese endet allerdings bald und durch den einigermaßen dichten Latschengürtel konnte ich wieder auf den Rücken zurückkehren (wahrscheinlich wäre die Ostseite etwas günstiger gewesen).

in der Latschengasse zu Pkt. 1.986m

Am Punkt 1.986m angelangt (Steinmann) wendet sich der Abstieg abermals nach links (westlich) um am unteren Ende der breiten Gasse erneut scharf nach rechts (nördlich) abzubiegen und in eine schmale Gasse einzutauchen, die unten wieder breiter wird und am unteren Ende in einem zunächst schwer ersichtlichen Durchschlupf mit Steigspuren in der Schotterreise mündet.

am Pkt. 1.986m

Nach dem Durchschlupf befindet man sich in steilem Wiesengelände, das instinktiv nach rechts (nordöstlich) begangen wird, weil das Ziel ja der Wald- und Latschenrücken bleibt. Hier habe ich keinen Steinmann gesehen, er sollte erst etwas weiter rechts auftauchen.

von Pkt. 1.986m hinabgeschaut; am Ende der Gasse geht es scharf rechts weiter

Ein phänomenaler Rückblick auf die Schaufelspitze

Rückblick auf den schöne Gipfel und dem wilden Abbruch zum Bärenlahnersattel

Nach dem Durchschlupf zurückgeblickt:

nach dem Durchschlupf – von links oben (etwa Bildmitte) kommt man daher

Am Steinmann hat man nun die Wahl ob links oder rechts davon (so zumindest mein Eindruck und Blick nach unten zu einer Stelle an der beide Gassen wieder zusammenkommen) und ich entschied mich  für die dem Rücken nähere rechte Gasse.

vom Steinmann die weitere Abstiegsroute erkundet (tief unten eine gelbe Lärche)

Unten angekommen der nächste Steinmann, unter dem sich nach ein, zwei Minuten Abstieg nun eine deutliche Rinne ausformt, der man weiter folgt. Das Gelände sehr steil, also ein mühsamer Aufstieg in Gegenrichtung.

am Ende der Latschengasse bei einer ab dort deutlichen Ausbildung einer Rinne

Nun verpasse man folgende Geländeausprägung nicht: das Gerinne (in der AV-Karte auszumachen) in dem abgestiegen wird erreicht nach wenigen Minuten einen breitere, flache Stelle im Latschengürtel. An dieser Stelle (Höhe ungefähr 1.730m) wurde mittig im Gerinne ein Steinmann errichtet (Foto), und hier muß dann rechts aufwärts durch eine Gasse aufgestiegen werden in der ebenfalls deutlich Steinmänner zu sehen sind.

markanter Punkt und Rechtswendung des Abstieges in einen kurzen Aufstieg (Steinmann etwa mittig im Bild)

Knapp oberhalb dieser Stelle befindet sich eine im Herbst auffällig gelb gefärbte Lärche, die bereits von weit oben (Steinmann mit Wahl zwischen links oder rechts) gesichtet werden kann und die somit die generelle Richtung weist. Im Rückblick links der Lärche drei kleinere Tannen, die – zwar nicht so markant – aber ebenfalls schon von oben auszumachen sind.

Etwas oberhalb dieser Stelle traf ich auf zwei Burschen, die ich überholt habe und die den Weg kannten. Nachdem ich an der flachen Stelle zu weit links ankam übersah ich den Steinmann und stieg noch ca. 20m in Latschendickicht ab, das nicht weiterführte. Wieder zurück waren die beiden natürlich nun vor mir und daher einer davon in der ansteigenden Abzweigung zu sehen.

nach ca. 30m Aufstieg angekommen am Abbruch in den Sulzgraben – Rückblick (rechts endet der kurze Aufstieg)

Der aufwärtsgerichtete Latschengasse folgt man ca. 30Hm bis zu einer Flachstelle, die gleichzeitig den Abbruch zum Sulzgraben darstellt, einem geologisch sehr interessanten Gebiet.

blockgefüllte Senke

Nach dieser markanten Stelle, die auch von weit oben bereits ansatzweise erahnt werden kann, führt der Abstieg in eine sonderbare, urwaldähnliche, mit großen überwucherten Felsblöcken gefüllte Senke, die links, in offeneres Gelände wieder verlassen wird.

Von dort geht es etwas weit links nun in Wald hinab, Latschenbestände verflüchtigen sich rasch und nach einer Wendung nach rechts übersteigt man einige morsche Wetteropfer an großen Bäumen, die bereits Jahrzehnte lang den Steig überqueren.

in etwa drei Minuten unterhalb der blockgefüllten Senke

Im naturbelassenen Wald führt der Steig nun meist spürbar am Rücken hinab. Eine Detailbeschreibung erübrigt sich hierzu. Falls der Steig einmal nicht gut sichtbar sei und man zu weit in die linke (östliche) Flanke abdriften würde versuche man wieder auf den Rücken zurückzukehren, siehe auch Fotos in Galerie von markanten Gegebenheiten.

Baumstämme queren den Steig

Nordöstlich erblickt man zeitweise mit etwas Wehmut ob des enormen Höhenverlustes den Plumsalm Niederleger, der im Aufstieg zur Plumsjochhütte rechts liegengelassen wird, wenn nicht der Fahrstraße gefolgt, sondern am Steig angestiegen wird.

Ankunft auf der Fahrstraße zum Plumssattel auf 1.275m

Auf 1.275m wird die Fahrstrasse zum Plumssattel erreicht und es beginnt ein abschließender knapp 400m Aufstieg zum Plumssattel, der die schöne Rundtour würdig abschließt und einige bärige Fotomotive bereithält.

der gesamte zurückgelegte Grat zwischen Bettlerkarspitze und Schaufelspitze

Bei wunderschönem Herbstnachmittagslicht und einer deftigen Stärkung endet die Runde bei Johann auf der Plumsjochhütte. Der Abstieg über 500m zur Gernalm nimmt nochmals eine halbe Stunde in Anspruch.

Herbstlich am Spätnachmittag am Plumssattel

Für die gesamte Tour habe ich ab und bis zur Gernalm 8 Stunden benötigt und es fielen 1.720Hm an. Dabei sind ca. 1 1/4 Stunden Rast im Gesamten enthalten.
Wer von den Hagelhütten aufsteigt wird in etwa 40 Minuten und 300Hm gegenüber der beschriebenen Route sparen.

Mils, 15.10.2017

 

 

 

 

Bettlerkarspitze, 2.268m

Von der Gernalm aus ist die Bergtour auf die Bettlerkarspitze eine eher kurze Angelegenheit, jedoch, ihrer Lage zwischen den höchsten und den abklingen Vorgipfeln des Karwendel wegen, ein lohnendes Ziel. Wenn die Bettlerkarspitze allerdings mit einem der abzweigenden Grate verbunden wird, dann kann eine bemerkenswerte Tagestour, mit vielfältigen Landschaftsreizen daraus werden.

Blick von der Bettlerkarspitze auf den Grat zum Falzthurnjoch

Genau richtig für den Wetterbericht am 9. September 2017 erschien sie mir Tage zuvor, als ein Programm für das Wochenende geschmiedet werden wollte. Am Gipfel kann die Entscheidung fallen, ob der Grat zur Schaufelspitze angehängt oder der Rückzug angetreten wird.

Bettlerkarspitze in herbstlichen Morgenlichte, Hauptgipfel hinten links

Kurz vor 8 Uhr begann, bei bereits herbstlich kühlem Fallwind von den Hängen im hintersten Gerntal, vom Parkplatz der Gernalm, der Aufstieg auf der Schotterstraße, die eine alte Militärstraße sei.

auf der Straße zum Plumsjoch

Im unteren Teil durch Wald im oberen Teil durch den splitterigen Hauptdolomit in Raibler Formationen abenteuerlich schmal gewordenen Straße geht es zunächst auf den Plumssattel, einem tollen Aussichtsplateau und wichtigem Knotenpunkt von Nord-Süd-Graten und West-Ost-Übergängen inmitten des Plums Alm Hochlegers.

Bettlerkarspitze und Schaufelspitze vom Plumssattel aus

Am Sattel wendet sich der Aufstieg nach links gegen Süden, um in der bis auf 1.850m latschenbewachsenen Nordflanke des Vorgipfels – „Vordere Bettlerkarspitze“ entnimmt man dem Gipfelbuch – anzusteigen.

Gamsjoch links und Falkengruppe rechts

Nach der Obergrenze des Latschengürtels, der vorwiegend in Hauptdolomit erstiegen wurde, beginnt scharf abgegrenzt der Gipfelaufbau im Wettersteinkalk. Dies jedoch mit einer recht brüchigen Oberfläche mit allerlei geologisch interessanten Einlagerungen. Beim Aufstieg können links und rechts des oft in Querrichtung doppelt angelegten Steiges zahlreiche Fossilien erblickt werden, solange das Auge im Aufstieg dem schrägen Hang nahe genug kommt. Im Abstieg ist es viel schwieriger die Naturschönheiten wiederzufinden, wie sich später herausstellen sollte.
Der Aufstieg über die Flanke erfolgt unter konstanter, bedeutender Steilheit auf brauchbarem Steig, hin und wieder mit weniger griffigen Tritten durchzogen.

die Nordflanke der Bettlerkarspitze

Rasch nach dem Latschengürtel ist ein vorgelagertes Köpfchen am Grat (2.075m) erreicht, das zu einem Rundblick einlädt. Nach dem Blick vom Plumssattel gibt dieser Platz wieder erstmalig die Sicht auf die Bettlerkarspitze frei, die beim Aufstieg von der Alm über die Nordflanke nicht sichtbar war.

die Bettlerkarspitzen von Pkt. 2.075m aus gesehen

Knapp oberhalb des wiesenbewachsenen Köpfchens erscheint der markante Vorgipfel der Vorderen Bettlerkarspitze unwesentlich höher als das Köpfchen zuvor. Der Grat dorthin ist zunächst flach steigend, breit und in kurzer Zeit erstiegen.
Gipfelkreuz und Gipfelbuch für manch jenen, der sich im Internet über die Tour informiert hat und dessen Wahl des Endes der Tour deshalb auf diesen Vorgipfel fällt, so wahrscheinlich zwei Bergsteigerinnen vor mir, die ich am Vorkopf überholte. Im Internet finden sich einige überzeichnete Beschreibungen der Schwierigkeiten des Anstieges zum eigentlichen Gipfel. So wird über eine Stelle III berichtet, die mittels eines Seilstückes „entschärft“ wurde. Diese Stelle, knapp unterhalb des Gipfels, ist gerade einmal 2m hoch und bietet einwandfreie Griffe und Tritte, sodaß auch das Abklettern keine besonderen klettertechnischen Fertigkeiten erfordert.

Der Grat von Pkt. 2.075m zur Vorderen Bettlerkarspitze

Nach dem Vorgipfelchen muß knappe 10m abgestiegen werden. Der Grat wird in der Folge zum großen Teil auf einem kleinen Steig, der nicht schwer zu verfolgen ist, auch wenn er dann und wann etwas schwach ausgeprägt ist, auf der Westseite umgangen.

die Bettlerkarspitze vom Vorgipfel aus

Herrliche Bänder ziehen sich unterhalb des Grates empor, die Teile des Steiges bilden, der in nun wesentlich längeren Abschnitten als die Route bis zum Vorgipfel markiert ist. Ab dem Vorgipfel finden sich verwitterte gelbe Markierungen; ein untrüglich Zeichen, daß dieser Steig nicht von einem Wegerhalter gepflegt wird. Warum das so ist mag sich jeder unter der Vorstellung der krankmachenden, allerorts um sich greifenden Haftungspflicht in der ursprünglich fremdländischen, hier jedoch so rasch adoptierten Lawyerwelt selbst beantworten.

herrliche Bänder, das Vergnügen leider nur von kurzer Dauer

Ein Blick nach links erfüllt mit Verlangen nach dem leicht anmutenden Grat vom Falzthurnjoch zur Bettlerkarspitze herüberziehenden Grat. Er sieht nach wenig Höhenunterschied aus, wer jedoch häufig Gratüberschreitungen ausführt, der weiß wir sehr man sich am bloßen Anblick der Schneide täuschen kann.

der leichtfüßig anmutende Grat vom Falzthurnjoch zur Bettlerkarspitze

Nach kurzer Zeit führt ein auslaufendes Band in einen kleinen Kessel, der sich vom Grat bis zum Steig herunterzieht. Diesen Kessel ersteigt man in Schutt an seiner linken (nördlichen) Seite, um wieder auf Grathöhe zu kommen. Sodann erblickt man den Gipfel der Bettlerkarspitze mit dem schönen hölzernen Gipfelkreuz.

kurz vor dem kleinen Kessel unterhalb der Bettlerkarspitze

Über wiesendurchsetzte Schrofen geht es steil mit gut gestuften Tritten den Steig empor, bis der Grat abermals rechterhand (westlich) verlassen wird, um der direkten Gratlinie zu entweichen und über eine leichte, schräge Rinne zur oben erwähnten „schwierigen“ Stelle zu gelangen.
Diese Stelle ist zwar etwas ausgesetzt, jedoch nicht so schwierig zu meistern wie angenommen. Es gibt links am Abbruch einen spitzen Kopf zum draufsteigen und oberhalb des vorstehenden Blockes genügend Griffe. Sodann unter einmal über den Block.

der letzte Teil des Grates mit einer kleinen Stelle Spannung

Die letzten Meter zum Gipfel führen wie ein U um einen großen Kamin herum. Auf der Gegenseite, fast in gleicher Höhe, das kleine Plateau mit dem Gipfelkreuz. Es wurde in zweieinviertel Stunden ab dem Parkplatz der Gernalm erreicht.

Bettlerkarspitze 2.268m

Eine wahrhaft phantastische Aussicht nach allen Seiten bietet die Bettlerkarspitze mit ihrem, nach Nordosten ausgerichteten Gipfelkreuz.
Das Karwendel kann Gegen Westen sozusagen „seitlich“ in seiner Süd-Nord Ausdehnung betrachtet werden, von den Hauptketten im Südwesten bis zu den Ausläufern und Vorgebirgen im Nordwesten, alle Höhenstufen im Schnitt, den Übergang von Inntaldecke (Linie Lamsenspitze-Sonnenspitze-Birkkarspitze-Pleisenspitze) und Karwendelschuppenzone (Linie Plumssattel-Risser Falk-Wörner) auf die nördlich gelegene Lechtaldecke, die im fernen westlichen Teil noch die Soierngruppe mit erheblichen Gipfelhöhen birgt.

das schöne Holzkreuz der Bettlerkarspitze

Gegen Osten und Nordosten gibt es einen wunderbaren Blick auf den schönen Grat vom Falzthurnjoch herüber, sowie in der Ferne dahinter vom Achensee mit dem dahinter liegenden Rofanstock bevor weiter nordöstlich die letzte bedeutende Erhebung über 2.000m, der Guffert mit knapp 2.200m, nicht zuletzt wegen seiner mächtigen, im Grün der Karwendelvorberge markant hervortretenden, hellen Südabbrüche beeindruckt.

Im Süden beeindruckt das gewaltige Muschelkalkdach des Sonnjochgipfels als mächtiger runder Rücken und höchste Erhebung in der Kette. Es versperrt die Aussicht auf einige Wichtige Gipfel in der Karwendelhauptkette, so sind nach dem gerade noch sichtbaren Hochnissl die Lamsenspitze und der Hochglück verdeckt und erst die Eiskarlspitze kann oberhalb der Verschneidung von Westrücken Sonnjoch und östlichem Gipfelaufbau der Schaufelspitze eingesehen werden.

das massive Sonnjoch und rechts die Schaufelspitze

Ein besonderes Schmankerl ist auch die kleine Vergletscherung unterhalb der Eiskarlnordwand (die sog. Eiskarln, von denen die Spitze mit Sicherheit ihre Namensgebung verdankt), die ein wenig aus der vorgenannten Verschneidung der beiden Flanken herausragt und wirklich eindrucksvoll nur mit einem Fernglas betrachtet werden kann.

die Schaufelspitze mit Ungemach darüber; in der Verschneidung Sonnjoch Westgrat/Schaufelspitze Ostgrat die Vergletscherung der Eiskarln

Die Schaufelspitze im Süden, bzw. der Grat dorthin wäre auch das insgeheime Ziel der heutigen Tour gewesen. Der meist ebenfalls von Haftungsgedanken beeinflusste Medienbericht vom Vortag, sowie die rasche Wetterentwicklung während des 40 minütigen Gipfelaufenthaltes, jedoch, hielten meinen Erfolgsdrang, nach nun einigen aufeinanderfolgenden Wochenenden mit intensivem Gebrauch der Regenjacke und der Heimfahrt in nassen Shorts, recht fest im Zaum.
Zusätzlich erschien eine Gratüberschreitung mit wenig Sonnenlicht und viel schwarzgrauem Gewölk, mit direkter Zugrichtung, rasch sich nähernd, für die Dokumentation nicht dem Wunsche entsprechend, die Schönheit dieser Tour entsprechend einfangen zu können.

Falzthurnjoch mit Achensee

Um es vorweg zu nehmen, das Wetter hätte gehalten, die Überschreitung wäre möglich gewesen.
Allerdings ist das Vorhaben im Herbst immer noch möglich und eingeplant.

Also beschäftigte ich mich auf diesem für die Einschätzung des gegenständlichen Gebirges bedeutsamen Gipfel mit ausgiebigem „recognosciren“ mit dem Fernglas, um in der Sprache der Pioniere dieses Gebirges zu bleiben.

Dabei konnte festgestellt werden, daß der Karwendel-Führer (Klier) in der Aussage, die Bettlerkarspitze wäre vom Plumsjoch (der Plumssattel ist gemeint) aus nicht sichtbar, falsch liegt. Wahrscheinlich soll die Aussage lauten, daß sie von der Plumsjochhütte aus nicht sichtbar ist, denn neben dem Gipfelkreuz platziert kann der Plumssattel in der Tiefe wunderbar eingesehen werden, also auch in Gegenrichtung.
In direkter Blickrichtung auf die höchste Erhebung am Sattel (Abzweig zur Montscheinspitze auf Schotterstraße, Rastbank) vom Hauptgipfel aus liegt das Gipfelkreuz des Vorgipfels fast auf gleicher Linie (siehe auch Karte mit gesamter Strecke von der Gernalm in der Bildergalerie).

Rauer Kranzenzian, man beachte die unterschiedliche Anzahl an Blütenspitzen

Die Flora, die dem Karwendelfreund auf seinen Touren stets ins Auge fällt verrät, daß die Bettlerkarspitze schon eher dem Norden des Karwendels zuzuzählen ist; es findet sich dort eine Enzianart zuhauf – es dürfte sich um den Rauen Kranzenzian handeln, auch wenn die Bestimmung anhand der verfügbaren Bilder für den Laien nicht eindeutig durchzuführen ist – die, bei genauer Betrachtung des Bündels in dem sie auftritt, sowohl vierblättrige als auch fünfblättrige Blüten aufweist und im südlichen Teil des Karwendels nicht anzutreffen ist, zumindest nicht merkbar häufig.

Schneeköpfe mit Rofangebirge dahinterliegend

Für den Abstieg an diesem so jungen Tag machte ich mir das oberflächlich sichtbare Vorkommen von geologischen Besonderheiten und Fossilien in diesem tektonisch so bedeutsamen Gebiet zur Aufgabe.

Muschelfossilien

Dabei mußte ich die bereits oben erklärte logische Feststellung machen, daß im Abstieg Feinheiten auf Gesteinsoberflächen weit weniger gut sichtbar sind als im Aufstieg. Der Blickwinkel mag das seine dazu beitragen. Dennoch konnten einige schöne Stücke gesichtet werden.

Rauhwacke

Die Nordflanke der Bettlerkarspitze stellt sozusagen die vorderste Stirn der Reliefüberschiebung des Karwendels dar und ist somit die nördlichste Front der Inntaldecke, die der Lechtaldecke kurz vor dem Plumssattel aufgeschoben wurde. In solchen Gebieten ist geologisch meist „viel los“.

Breccie

Schöne Rauhwacken (Zellenkalk mit ausgelaugten Hohlräumen) mit ebenflächiger Unterseite (auf eine Gleitbahn hinweisend?) deuten auf eine Haselgebirgseinlage zwischen dem Hauptdolomit und der überschobenen Wettersteinkalkdecke hin.

Kalkbreccie; rechts oben – siehe Detailaufnahme

Wunderschöne Kalkbreccien mit ungeheuer festem Verkittungsmaterial (calcitisch?), ein Zufallsfund knapp neben dem Steig.

Detailaufnahme der Kalkbreccie

Wurmförmige tierische Einschlüsse in Kalk? mit ungewöhnlicher rosa Färbung.

wurmartige tierische Einschlüsse

Die Tour abschließend, das Wetter von sicherer Stelle der Plumsjochhütte aus beobachtend, gab es noch eine hervorragende Speckknödelsuppe vor der Plumsjochhütte, bis schneidig kalte Böen zum Aufbruch übers Joch anregten.

Stimmung oberhalb der Plumsjochhütte

Die gesamte Tour bedurfte fünfeinhalb Stunden, wobei die Rasten am Gipfel und in der Hütte in etwa eineinhalb Stunden dem Studium der Landschaft und der Energieaufnahme dienten.

Peilung Gipfel Bettlerkarspitze – Plumssattel

Foto mit Peilung der Sicht; der Vorgipfel ist in der AV-Karte mit einiger Übung erkennbar, siehe rote Pfeilmarkierung.

Mils, 09.09.2017

Acherkogel über Maningkogel am Nordostgrat

Eine Klettertour im Urgestein, im festen Fels und zumeist direkt am teilweise sehr luftigen Grat, das ist der Anstieg auf den Acherkogel über Maningkogel am Nordostgrat.

Im letzten Drittel der Grattour

Schöne Risse und Kamine durchziehen den langen Grat – sie bilden eine abwechslungsreiche Klettertour zumeist zwischen dem oberen zweiten und dem dritten Grad. Eine recht glatte Platte direkt am Grat, die horizontal gequert werden muß bildet eine Stelle im vierten Grad. Hier ist vor allem eine gute Reibungstechnik gefragt, falls die Bergschuhe dazu geeignet sind.

der Acherkogel und sein Nordostgrat vom Parkplatz aus gesehen

Thomas und ich verließen den Parkplatz genau bei der Dammkrone des unteren Stausees im Kühtai um 8:40 Uhr und strebten dem Talkessel im Mittertal zu. Hier beginnt der Grat bei einem farbenfrohen kleinen Bergsee.

Aufstieg ins Mittertal

Der Aufstieg führt durch eindrucksvolle alte Zirbenbestände und wer weiß, daß ein ca. 30cm im Durchmesser messende Zirbe bereits an die 250 Jahre alt ist, schätzt den Anblick der Giganten von Zirben auf dem Weg ins Talhinterste.

grandiose Landschaft im Mittertal, unsere Tour führt uns auf den äußerst rechten Gipfel

Nicht ganz eineinhalb Stunden dauerte unser Aufstieg bis zum Fuß des Nordostgrates zum Maningkogel.
Der Einstieg in die Kletterei beginnt in angenehmer Steilheit und in leichtem Klettergelände auf etwa 2.500m.

Anseilplatz beim Einstieg

In etwa nach 100Hm trifft man auf die Stelle mit der glatten Platte links (südlich) des Grates und nach zwei kurzen Minuten gäbe es dem Topo zufolge nochmals eine gleich schwere Stelle.

Einstieg

Unser Eindruck der zweiten Stelle war aber, daß sie leichter ist. Gesichert werden kann in diesem Bereich gut, es sind genügend Bohrhaken vorhanden und wir setzten ein paarmal Friends zur Unterstützung der Länge. Vor allem im plattigen Teil etwas unterhalb des Gipfels des Maningkogel tut ein Friend gut und wer die Platte mittig klettert erkennt einen alten Friend, der nicht lösbar ist, zur Sicherung aber taugt.

nach 20min Kletterei

Man möge die 300Hm bis zum Maningkogel nicht unterschätzen. Trotz der eher leichten Kletterei fordert jeder Teilabschnitt einiges an Kondition ab und die Sicherungen mit der doch hohen Reibung am Seil erfordert auch etwas an Armarbeit.

kurze Querung mit Schwierigkeit VI

Den Maningkogel ziert kein Gipfelkreuz, eine Markierungsstecken im Steinmandl ist die Huldigung für diesen Zwischengipfel.

Gratverlauf über weite Strecken

Vom Maningkogel aus kann man den weiteren Verlauf zum Acherkogel gut erkennen und nach dem Gipfel geht es zuerst gut 40Hm hinab in die tiefste Einschartung.

Thomas am Maningkogel

Der Beginn der zweiten Etappe ist von angenehmer flacher Kletterei geprägt.

horizontaler Teil am Grat zum Acherkogel

Es folgt dann gleich eine Abfolge von Kaminen und Rissen im dritten Grad, die teilweise auf der Nordseite angegangen werden.

Thomas am Ende der ersten Passagen im dritten Grad am Acherkogel

Den Abschluß der schwierigen Stellen bildet eine recht glatte Platte mit einem Bohrhaken in Gratnähe inmitten der Platte (Fotos von Thomas unter mir).

Platte am Beginn des letzten Drittels im Aufstieg zum Acherkogel über den Nordostgrat

Nach dieser Stelle geht es noch einmal kurz in die Nordflanke mit einer nicht leichten Stelle. Weiter oben erkennt man dann eine breite leichte Rinne die ein weiters Mal rechts vom Grat in die Nordflanke führt, sie ist jedoch nicht direkt in der Flanke sondern zu dieser begrenzt. Diese Rinne kann man schon von weit unten aus erkennen.

Die restlichen zwei bis drei Seillängen bis zum Gipfel sind im zweiten Grad mit wenig klettertechnischer Herausforderung leicht zu begehen.

Thomas knapp vor dem Ende des letzten schwierigen Teils

Manche Stellen sind dabei noch leicht ausgesetzt.

den Gipfel des Acherkogels 3.008m erreicht

Am Gipfel gibt es kein Gipfelkreuz, dieses befindet sich am Signalgipfel etwas westlicher, durch zwei Einschartungen getrennt.

der Autor am Acherkogel 3.008m

Der Ausblick vom Acherkogel, dem nördlichsten Dreitausender der Stubaier Alpen auf die Giganten der Hauptgebirge der Stubaier und in die Ötztaler Alpen ist grandios. Von Zuckerhütl bis zur Wildspitze, viele wichtige, schöne Gipfel am Präsentierteller.

Blick Richtung Zuckerhütl

Der naheste Gletscherrest ist jener des Larstigferners der durch den Sattel den Blick auf das 29km entfernte Zuckerhütl freigibt, jener begrenzt von links dem gewaltigen Schrankogel.

Blick Richtung Wildspitze

Noch gewaltiger der Blick zu den Granden im Ötztal, die Entfernung zur Wildspitze kann auf der AV-Karte, vorbei an der Hohen Geige (der höchste „schwarze“ Gipfel linkerhand im Bild), mit 34,5km nachgemessen werden.

Thomas am Verbindungsgrat zum Signalgipfel des Acherkogel mit Gipfelkreuz

Der Abstieg Vom Acherkogel durch seine steile und brüchige Nordwand ist ein Unternhmen, bei dem Vorsicht geboten ist. Weniger wegen der klettertechnischen Herausforderungen, vielmehr wegen der teilweise hohen Brüchigkeit des Felses auf der mit roten Punkten markierten Route.

Abstieg vom Acherkogel in dessen Nordflanke

Weiter unten absteigende Bergsteiger können kaum eingesehen werden und die Route führt zwar stetig leicht nach Westen, lange Teile jedoch sind bei Steinschlag gefährdet.

Nordflanke des Acherkogel

Im gesamten würde ich den Normalweg zum Acherkogel durch seine Nordflanke nur dann empfehlen, wenn sich nicht zu viele Bergsteiger darin befinden, also zeitig am Morgen, oder spät am Nachmittag.

Rückblick auf den kurzen Verbindungsgrat zwischen Maningkogel und Acherkogl

Da wir die letzten an diesem Tag waren konnten wir mit etwas zügigerem Tempo absteigen und haben dennoch keinen Steinschlag verursacht. In etwa eine halbe Stunde kostete uns der Abstieg bis zum Geröllfeld darunter, in dem es deutlich freundlicher wird.

Blick auf das Ziel zum Abstieg ins Mittertal, die Maningscharte

Der Rückweg ins Mittertal wird vom Acherkogel am schnellsten, am besten über die erste und gleichzeitig tiefste Einschartung im Verbindungsgrat nach Norden genommen, die Maningscharte.
Nach Erreichen des horizontalen Teiles der der Acherkogel-Nordflanke vorgelagerten Geröllstufe wird nicht am Normalweg zum Mattingsee, sondern in Richtung Maningscharte abgestiegen. Steinmandln begleiten über die Geröllblöcke bis zur Steilstufe und teilweise in der Steilstufe. Ein wenig Orientierungsvermögen ist vonnöten, bzw. zu schnelles Absteigen führt vielleicht in ungangbare felsige Passagen.

Rückblick in die steile Nordflanke des Acherkogels

Von der Maningscharte führt jenseits ein Steiglein bis zu den Geröllhalden des Maningkogel hinab und über 15min Blocksteigerei kommt man wieder auf den Normalweg, der vom Mittertal über die über die Mittertalscharte führt.

am Weg zur Maningscharte

Zum Abschluß hat es uns im Mittertal noch 10min lang ordentlich eingewässert und gegen Ende des kurzen Gewitters durften wir die Mächtigkeit der Natur durch – gottseidank kleinkörnigen – Hagel, der nur an den blanken Beinen schmerzhaft war, erleben.

Maningscharte erreicht, Helm weg.

Eine gewaltige Tour inmitten einer grandiosen Landschaft, auf einem ausgesetzten Grat in moderater durchschnittlicher Schwierigkeit und ein aussichtsreiches, lohnendes Ziel.

Abstieg von der Maningscharte ins Mittertal

Der Frühe Start wird geraten, ein Gewitter sowohl am Grat als auch am Abstieg durch des Acherkogels Nordflanke dürfte kein erstrebenswertes Erlebnis sein.

kurz vor dem Gewitter, Rückblick auf den Maning- und den Acherkogel

Wir haben gesamt gut 8 Stunden benötigt, davon mit durchgehender Sicherung für den ca. 580m hohen Aufstieg am Nordostgrat knapp 4 Stunden.
Für die Planung ist mit einer Gesamtzeit von 8 1/2 bis 9 1/2 Stunden zu rechnen, die Länge der Tour beträgt knapp 12km horizontal und 1.200Hm vertikal.

Mils, 26.08.2017

Wolfendorn 2.774m

Nach Matrei im Wipptal gen Süden von der Bundestraße aus schon in voller Gestalt erkennbar thront der Wolfendorn als unübersehbare und formschöne Landmarke über der heutigen Staatsgrenze. Bekanntheit genießt die leicht zu begehende Felspyramide auch als Schitourenberg.

heute ein kalter, windiger Gipfel

Wir haben wegen des – im heurigen Sommer so oft – an Wochenenden recht zweifelhaften Wetters spät die Entscheidung getroffen eine Bergtour zu unternehmen und weil der Süden des Landes begünstigt sein sollte, fiel die Wahl auf den äußersten Süden im heutigen politischen Sinne.

Gehöft im Eingang zum Silltal

Falls die Rundtour vom Wolfendorn über Wildseespitze und Landshuterhütte möglich sei soll sie durchgeführt werden. Soweit der Plan.

Abzweigung Steig zur Griesbergalm

Die jämmerlich kleinen Parkplätzchen um den einstigen Bahnhof Brennersee waren trotz zweifelhaftem Wetter alle voll belegt – wie muß das erst im Winter sein. Das Gelände des Bahnhofsplatzes darf auch nicht beparkt werden, ein Anachronismus, der auf die Traditionen des einstigen Kaiserreiches zurückzuführen ist, den die Bahnverwaltung in der Kaiserstadt liebevoll pflegt und sich lokale Gemeindevorsteher offenbar keinen Vorstoß getrauen, um in der Enge für das Volk sinnvolles zu erreichen.

der Granitgneis-Steinbruch, links der Wolfendorn durch den Nebel schwach sichtbar

Also parken wir in einer bergseitigen Einbuchtung der Straße über der Mauer neben der Autobahn. Platz genug vorhanden, auch kein Fahrverbot, allein ein abgestellter Schneepflug weist auf die Bedeutung des Platzes im Winter hin.

Steinbruch mit Brennerbergen im Hintergrund

Unser Aufstieg begann um 11:45, eine sehr ungewöhnliche Zeit für uns, hervorgerufen durch ständiges Hadern um die Wetterentwicklung und auch durch die Anreise am Reisewochenende mit den Mautflüchtlingen.

Im Gelände des Steinbruches hält man sich nach Überschreiten der kleinen Brücke in einer Kehre linkerhand des Baches, der als südlichster im Wipptal nach Norden entwässert und Sill genannt wird. Der Steig beginnt etwas nass neben dem Bach und zum Leidwesen von Andi mit kräftigem und vor allem hohem Bewuchs durch Bergwiesenflora.

Griesbergalm 1.953m

Der schimpfende Andi mußte die Feindberührung mit für ihn potentiell zeckengefährdetem Grünzeug über knapp 200Hm über sich ergehen lassen bis wir die weniger hoch bewachsenen Almwiesen vor der Griesbergalm auf 1.953m erreichten. Zecken attackierten in nicht, wie die Leibesvisite erbrachte, nass vom Regen des Vortages waren wir aber beide bis zu den Oberschenkeln.

Blick über das Almgelände hinab, rechts die Almgebäude sichtbar

Die Griesbergalm ist eine menschenleere kleine sympathische Alm ohne Vieh (darauf trifft man erst etwas höher), spendet aber über einen Brunnen Wasser für den weiteren Aufstieg.

Über das weite und wasserdurchzogene Kar geht es im Bogen weiter bis in südöstliche Richtung der Mäuerlscharte entgegen. Diese liegt auf 2.333m, bildet die Grenze zum Landesteil Südtirol und wir erreichten sie gegen 13:45 Uhr. Am Weg dorthin wurden wir von einem kecken Chefmarmot kräftig ausgepfiffen und selbst bei unserer Annäherung zwecks einer guten Fotoposition kam lange keinerlei Hektik zur Flucht auf.

Für uns etwas unlogisch führt der Steig überraschend weit in die Ostflanke des Gipfelaufbaues hinein, wir wären gerne schon eher – um nicht zu sagen am Grat – der Gipfelpyramide des Wolfendorn zugestrebt.

Aufstieg im oberen Almgelände

In etwa um 14 Uhr erreichten wir einen sehr breit angelegten Weg der sich von der Postalm heraufzuziehen scheint. Er führt weiter zum Sattel bei dem es für uns wiederum unlogisch erschien, den gesamten Gipfelaufbau in der Südostflanke zu umgehen, um dann auf der Südseite, 180° entgegensetzt der Mäuerlscharte, die Gifelpyramide in Angriff zu nehmen. Diese sozusagen „Halbumrundung“ des Gipfels soll man vom Zeitaufwand her nicht unterschätzen 15min muß dafür mit Sicherheit aufgewendet werden.

herrlicher Anblick auf Plattenkalke

Den Umstand dieser etwas sonderbaren Wegführung kann man sich nur mit der sinnlosen und von der Verwaltung im weit entfernten Latium blutleer betriebenen Errichtung des Vallo Alpino erklären; dafür hat man breite und nicht zu steile Wege gebraucht und noch teilweise erhaltene Reste davon ziehen sich fast bis in Gipfelhöhe. Wir erreichten den Gipfel nach nicht ganz 2 1/2 Stunden ab dem Parkplatz.

Wolfendorn 2.774m

Die Aussicht auf dem unspektakulären, freistehenden Gipfel des Wolfendorns bleibt wegen der umfassenden Präsentation jedes einzelnen Gebirgsstockes im Umkreis lange im Gedächtnis haften.
Der Gratkette nach Nordosten folgend konnten wir trotz tiefer Bewölkung und Nebel an diesem Tag jeweils kurz einige große Gipfel des Tuxer Hauptkammes einsehen, im Nordwesten war leider nur kurz der Hochferner nebelbefreit.

der Hochferner andeutungsweise sichtbar

Im Süden dafür bessere Sicht, die Pfunderer Berge mit der Wilden Kreuzspitze und undeutlich erkennbar tief im Süden einige markante Erhebungen in den Dolomiten.

das schöne Pfitschertal

Südwestlich der endende Tuxer Hauptkamm mit der Rollspitze (mit 2.800m um wenige Meter höher als der Wolfendorn) und der – wegen der Seilbahn – besser bekannten Amthorspitze, dahinter, weiter südwestlich die Ortlergruppe, jedoch nur noch als dunkel in den Nebel eintauchende Bergmasse zu sehen.

Blick nach Südwesten, Flatschspitze, im Hintergrund Roll- u. Amthorspitze

Weiter im Westen ein besserer Blick zu den südlichen Gipfeln der Stubaier, im Vordergrund die Tribulaune, dahinter, links davon, die Feuersteingipfel.

Im Norden das Wipptal mit den seitlich stetig ansteigenden Rücken der Stubaier und Tuxer und mittig die breite Front des Karwendel. Ein wahrhaft tolles Panorama, auch wenn durch Feuchtigkeit der vergangenen Tage einigermaßen getrübt.

gen Norden, Brenner und Wipptal

Selbst der geologisch nicht interessierte Bergsteiger wird am Aufstieg die buchseitenähnlich dünnen Plattenkalke auf der Ostseite des Wolfendorns entdeckt haben. Unübersehbar zieren diese Papierbündel gleichen Felsbruchstücke den Bergrücken. Das ist aber noch nicht alles.

Grat zur Landshuterhütte und Kraxentrager

Wesentlich interessanter als der Aufstieg zum Wolfendorn ist der Grat nach Nordosten in Richtung zur Landshuterhütte. Obwohl kalt und windig und eigentlich instabil wagten wir die Gratüberschreitung, für die am Wegweiser am Fuße des Gipfelaufbaues 2 1/2 Stunden angeschrieben stehen und für die wir 1 1/2 Stunden benötigten.

Steig zur Landshuterhütte

Aus ganz anders gebildetem Kalk als die am Aufstieg so markant geschichteten Plattenkalke besteht der Gipfelaufbau des Wolfendorns und sein erster östlicher Gratverlauf selber. Er besteht in einer Mächtigkeit von 90m aus Hochstegenmarmor. Dieses Gestein bildet – wie Kalke im Allgemeinen – beeindruckend hohe, senkrechte Felswände mit großblockiger Struktur und gewaltigen Vertikalrissen, ebenso entstehen flache bis mittelschräge Bänder über Dutzende Meter von erstaunlicher geometrischer Gleichartigkeit. In einer solch einprägenden, phantastischen Topographie begeht man die ersten paar Hundert Meter ab dem Wegweiser zur Landshuterhütte.

Rückblick auf den aus Hochstegenmarmor gebildeten Aufbau des Wolfendorn

Nicht genug der Wechselhaftigkeit der Geologie, es treten in der Folge am Grat auch noch weitere unerwartete Schönheiten auf. Einige Gehminuten nach dem Abklingen des Gipfelaufbaues mit den weißlich bis dunkelgelben Marmorfelsen findet sich der Grat mit einem tiefen Riss über geschätzt 40 bis 50Hm wieder. Der Fels dort reiner Kalk, nicht zu Marmor umgewandelt. Der Steig zur Hütte führt unweigerlich hinab in den Riss und am Ende des dadurch gebildeten „Canyons“ reißt der Grat in Querrichtung nochmals an die 50Hm ab, bis eine Scharte mit Gegenanstieg – nun wieder im Hochstegenmarmor – die Gratlinie in etwa in ihrer vorherigen Höhe wieder verbindet. Allein diese Abfolge an Natur haucht die Überschreitung genügend Reiz ein, sie vollzogen haben zu müssen.

Andi begutachtet die Abbrüche im Porphyrgranitgneis

Zur besseren Verdeutlichung der Vielfalt und Schönheit des Gesteines dieses leichten Grates erlaubt sich der Verfasser einen Auszug einer interessanten geologischen Arbeit ungefragt – aber jedenfalls mit großem Dank – als Leihgabe hier zu verlinken. Demjenigen unter den Lesern, der Gefallen am Erforschen der Geologie in diesem Gebiet findet und der sich einer Wissensanreicherung kaum entziehen kann, sei empfohlen die Suchmaschine mit den Begriffen „Wolfendorndecke, Hochstegenmarmor“ zu füttern und er erhält Literatur zuhauf, dem Leser, der darin nicht weiter interessiert ist, sei der Link mit seinen verschiedenen Mustern und der erklärenden Legende lediglich ein Hinweis, daß nicht alle Katzen grau sind (oder alle Felsen gleich).

Riss am Grat dahinter Wolfendorn

Zu diesem beeindruckenden Intermezzo von Natur kommt noch die ebenfalls beeindruckende und im Verfallen begriffene Arbeit des kleinen Menschen dazu. Wie oben erwähnt versuchte man von mediterranem Orte aus, mit fehlendem Einfühlungsvermögen für alpine Erfordernisse ein militärisches Projekt, das von seiner Geburtsstunde bereits zum Scheitern verurteilt gewesen wäre, hätte es jemals seine Wirkung zeigen sollen.

Riss in seiner Höhenausprägung Kalk/Dolomit

Relikte davon sind befahrbare Wege, die man angelegt hat um schweres Gerät zu strategischen Orten zu schaffen und ein solcher befestigter Weg befindet sich in der Abrissflanke des zuvor beschriebenen Grates. Er ist noch teilweise erhalten und in gewisser Weise beeindruckt seine Konstruktion im Schutthang, der, wie man als Alpinist weiß, mit stetigem Druck von oben behaftet ist und in den man auf Dauer nicht gründen kann. Die Römer wussten dies bereits.

Abbruch am Ende des Risses, rechts davon beginnt der Marmor wieder

Es geht weiter am lehrreichen Grat, bzw. meist unterhalb der Gratschneide auf angenehmem, dem Nordwind abgewandtem Steig und erreichen ein Band, das von weitem zunächst aussieht wie ein eine Schneise in der der Schnee in Gratnähe liegengeblieben ist.

Kalkmarmorfelsen, mit mächtigem Abriss nach Süden

Bei der Annäherung erkennen wir, daß es sich um ein selten breites Quarzband handelt. Eine Zone in Gratnähe von Südwest bis Nordost, die zwar bereits recht zerfallen, so doch eindeutig nachverfolgbar ein massiv ausgeprägtes Band von Quarzanhäufung zeigt.

Quarzband im Gneis

Nach diesem Teil folgt ein leicht ansteigender Schnapper auf ein Plateau mit einem Wegweiser, bevor der Steig wieder leicht abwärts in den nächsten Sattel führt, der den Aufstieg zur Wildseespitze bildet. Durch dichten Nebel konnten wir nicht erkennen, ob dieses Plateau eine besondere Landmarke darstellt, vermutlich handelt es sich aber nur um den in der AV-Karte eingetragenen Punkt 2.600m mit einem abzweigenden Steig zur Südtiroler Grubbergalm.

Pfitschertal

Von hier erreichten wir die Wildseespitze in 15min. Sie zu umgehen würde bedeuten auf einen guten Aussichtspunkt am Grat zu verzichten, wie wir später feststellten. Zunächst aber hatten wir, bis auf den luftigen Nordabbruch des Gipfels, wegen Nebels keinen Ausblick.

Wildseespitze 2.733m

Nach dem Gipfel der Wildseespitze folgt am Grat eine kurze seilgesicherte Strecke im Fels, die jedoch leicht zu begehen ist und der Sicherung kaum bedarf. Nach einigen Minuten Abstieg befindet man sich mitten in einem Trümmerfeld wieder am Normalsteig zur Landshuterhütte.

Abstieg von der Wildseespitze

Der Nebel hatte sich wieder verzogen und gab den Blick zum kleinen Bergsee nördlich unterhalb der Landshuterhütte frei. Den Wildsee, Namensgeber der Wildseespitze konnten wir zuvor im dichten Nebel leider nicht erblicken.

Bergsee unterhalb der Landshuterhütte

Die letzte halbe Stunde bis zur Hütte lichtete sich der Nebel noch weiter, sodaß wir den Gipfelaufbau des Hochferners ausmachen konnten, jedoch verzog er sich nicht weit genug, um den Hochfeiler, den höchsten Zillertaler Gipfel, sehen zu können.

Gipfelaufbau Hochferner links im Nebel

Auf der Hütte, die wir um 17 Uhr spät erreichten, war die warme Gaststube nicht unwillkommen und in aller Schnelle nahmen wir ein Süppchen ein, da wir den Rückweg über Venn mit 1 1/2 Stunden einschätzten. Mit dieser Schätzung sollten wir – allerdings nicht im Normalgeschwindigkeitsmarsch – um gut 40min zu wenig angesetzt haben, wie sich später herausstellte.

die Landshuterhütte

Am Abstieg von der Hütte wurde noch die Wasserversorgung derselben sichtbar. Eine ausgiebige Quelle, vom breiten Rücken zum Kraxentrager herab, wird gefaßt und mittels eines Dieselaggregates mit Pumpe müssen schätzungsweise 120Hm bis zur Hütte überwunden werden. Der PE-Schlauch mit geschätzt 1/2″ Durchmesser muß einen recht hohen Widerstand haben sodaß hier Drücke von 15 bar und wahrscheinlich mehr herrschen. Die Fördermenge dürfte leidlich klein sind, sodaß der Hüttenwirt oder sein Knecht  täglich wahrscheinlich ein paar Stunden dort zubringen müssen.

Wasserversorgung der Landshuterhütte

Ein letzter Rückblick auf den Hochtalkessel an dessen Ostende am Grat die Landshuterhütte errichtet ist und an dessen Westende die Wildseespitze nun nebelfrei bewundert werden kann war uns an der Kuppe möglich, die die nächste Steilstufe hinab in das Almgebiet der Venner Alm einleitet.

Rückblick in das Hochtal mit der Landshuterhütte

Der Steig hinab zur südlichen Bergflanke der Alm, über die sich der Abstieg seitlich der nächsten Steilstufe vollzieht ist lang und kreuzt etliche Wasserläufe. Im netten Lärchenwald am unteren Ende des Almgeländes entspringt die Antonienquelle orografisch links.

Blick auf die Wildseespitze

Es folgt ein teilweise recht steiler Abstieg auf, wo feucht, einigermaßen schmierigem Untergrund und, im unteren Teil, die größten Himbeerhänge mit überreifen Beeren zu beiden Seiten des Weges. In diesen brachten wir natürlich auch noch eine Minipause zu.

die Steilstufe zur Venner Alm

Gegen 19:30 erreichten wir den Talboden und blickten auf die mächtige Steilstufe zurück. In dieser befindet sich ein schmales Band mit wenig Staudenbewuchs, das im Winter als Abfahrtsgelände benutzt wird, wenn es die Verhältnisse erlauben.

Am hinteren Talboden in Venn, links der alte Steinbruch

Etwas dem Talboden erhöht, auf ca. 1.560m, befindet sich orografisch rechts im Tal ein 1984 aufgelassener Steinbruch, was auch den Fahrweg erklärt, die sich in ein paar Serpentinen hinaufzieht, bevor er weiter unverfolgbar wird bzw. am oberen Ende des ehemaligen Abbaus endet.  Man baute dort gute Qualitäten von plattigem, feinkörnigem Gneis aber auch Hochstegenmarmor ab.

malerisches Venn mit Saxalmwand

Der nun recht flache Schotterweg über den Weiler Venn hinaus nimmt noch eine halbe Stunde in Anspruch und wegen der fortgeschrittenen Stunde sahen wir von einer Einkehr in der Jausenstation ab.

Rundtour Wolfendorn – Landshuterhütte

Um 20 Uhr erreichten wir nach einer phantastischen Rundtour in Granitgneis und Kalkmarmor den Parkplatz wieder.
Die Messung auf der AV-Karte zeigt eine Weglänge von rd. 18km, die zurückgelegte Höhe haben wir mit der Uhr nicht gemessen, sie dürfte nachgerechnet bei ca. 1.650m liegen und die Gesamtzeit für die Rundtour betrug 8 1/4 Stunden.

Mils, 20.08.2017

 

Kuhljochspitze, 2.297m – über Südgrat

Imposant vom Solsteinhaus aus anzusehen thront die Kuhljochspitze als westliche Begrenzung des Talkessels über der Solenalm hoch über Zirl.

Kuhljochspitze, 2.297m

Neben der Erlspitze stellt die Kuhljochspitze ein lohnendes Ziel in der Erlspitzgruppe, dem westlichen Teil der Nordkette, dar. Ihre Ersteigung am Normalweg ist leicht, erfolgt jedoch über weite Teile im brüchigem Fels des Hauptdolomites mit seinen ungeordneten, strukturlosen Felsköpfen mit bis zu mehreren Dutzend Meter Mächtigkeit, unterbrochen von Schluchten, mit kleinen Schartenübergängen und vielen Schutthängen. Zwischen diesen Felsformationen finden sich Schrofen und Türmchen, unterbrochen von Wiesenflächen und jähen Abbrüchen.

Südgrat zur Kuhljochspitze. oberste Graterhebungen

Ein Felsbau, den man im Karwendel nur im westlichen Teil der Nordkette, eben von der Furche beim Solsteinhaus bis nach Seefeld findet.

Rückblick auf die Solenalm

Die Ersteigung am Normalweg vom Solsteinhaus über die Kuhljochscharte ist von steilen Steigen mit teilweisen Seilversicherungen geprägt und es geht auf den nicht weithin einsehbaren Steigen munter auf und ab, sodaß eine Entfernungseinschätzung, oder Abschätzung der Gehzeit, dem Kundigen dieses Geländes vorbehalten ist.

Rücken auf den aufgestiegen wird, im Hintergrund die Kuhljochspitze

Besser einzuschätzen hinsichtlich der Gehzeit ist die Ersteigung von der Solenalm aus. Auf dieser Route ist der Weg von weithin sichtbar abzuschätzen, folgt er doch dem langen freien, zunternbewachsenen Gratausläufer, da sich bis zum Kreuzjöchl hinaufzieht und mit wenig weiterem Höhengewinn an die Hauptkette anschließt.

knapp unterhalb des Kreuzjöchls

Der Steig von der Solenalm herauf erreicht den Freiungen Höhenweg im Westen des Gratausläufers und zwar ca. 25m unterhalb der Scharte (manche bezeichnen die Scharte als Kreuzjöchl) und zum Einstieg in den Südgrat müssen ca. 15Hm zusätzlich angestiegen werden.

erster Felskopf am Südgrat, unter der Höhle geht es quer hinauf

Den Einstieg bildet ein zurückgesetzter Absatz der Hauptwand, die auf ca. 25 bis 30m Höhe eingesehen werden kann. Von unten betrachtet, steigt die Route unterhalb einer dunklen Höhle nordwestlich an.

Andi bereits über der Höhle in Richtung zum Wiesenfleck

Im Fels wird rasch klar, daß die logische Route leicht links auf eine Rippe führt und von dieser in leichter Kletterei in direkter Linie über eine griffige aber schuttbedeckte Fläche zum Ausstieg auf eine Wiesenfläche führt.

Aufstieg zum Wiesenfleck

Diese abwechselnden Partien von schroffem brüchigen Fels und oberhalb dieser Wiesenflächen, die in Schärtchen oder Kamine führen sind auch typisch für den Felsbau in der Erlspitzgruppe.

Rückblick unterhalb des wiesenfleckes

Nach der Wiesenfläche erreicht man über eine brüchige Flanke ein Schärtchen, zu dem herauf die im Führer beschriebene Variante zur Vermeidung des ersten Wandkopfes her führt. Man muß diese Rinne mit viel rutschendem Schutt nicht nehmen, der erste Felskopf ist leicht genug um ihn zu erklettern.

das Schärtchen voran und sogleich der nächste Felskopf

Jenseits des Schärtchens warten wieder splittrige, brüchige Felsen auf, die jedoch ebenfalls ohne große Schwierigkeiten überklettert werden und diesmal ist der Ausstieg ein Schuttband das auf eine kleine zunternbewachsene ebene Fläche führt.

Querung zum Schärtchen in sehr brüchiger Flanke

Nach dieser Fläche bricht der zweite Felskopf wieder jäh ab, wobei auf einem schmalen kurzen Felsband in eine weitere Scharte abgeklettert wird.

Beginn des zweiten Felskopfes

Nach diesem Felskopf zieht sich der Hang mit einer langen wiesenbewachsenen Passage bis unter die Gipfelgratfelsen hinauf. Diese könnten an ihrer Westseite in leichtem Gehgelände bis zum nahen Gipfel gemeistert werden, uns reizte jedoch deren direkte Überkletterung bis zum Gipfelkreuz der Kuhljochspitze.

mitten im zweiten Abschnitt

Eine nette kurze Kletterei im II. Grad mit ordentlicher Brüchigkeit, die in jedem Fall einiges an Konzentration erfordert. Er ist jedoch schöner als der brüchige, ausgetretene Normalweg.

eine lange Wiesenpartie erreicht, sie zieht sich bis knapp unter den Gipfel

Am kleinen Gipfelplateau der Kuhljochspitze hat man eine phantastische Aussicht und einstimmig beschlossen wir gleich, daß nächstens der Übergang auf die Erlspitze dazu gehängt werden muß.

letzte Meter zum Gipfel am Südgrat der Kuhljochspitze

Der Aufstieg am Südgrat wird in ca. 35 bis 40min bewältigt, der gesamte Aufstieg von Hochzirl beträgt gut 1.400m.

Kuhljochspitze mit Südgrat vom Solsteinhaus aus

Als Abstieg wählten wir den Normalweg zum Solsteinhaus, um dort in aussichtsreicher Kulisse reichlich und gut zu speisen.

Kreuzjöchl bis Kuhljochspitze

Den gesamten Aufstieg vom Bahnhof in Hochzirl bis zum Gipfel bewältigten wir in 2 3/4 Stunden, der Führer gibt am Normalweg (über die Kuhljochscharte) 4 Stunden an.

Mils, 30.07.2017

Äußere Rigelkarspitze, 2.407m

Der letzte Gipfel der mir in dieser Kette mit all ihren Ausläufern noch gefehlt hat, die Äußere Rigelkarspitze, wurde heute mit Manuel im Rahmen einer schönen Überschreitung bestiegen.

Äußere Rigelkarspitze, 2.407m

Die Überschreitung begann mit dem Aufstieg zum Hohen Gleirsch über seinen schönen, leichten Westgrat, dessen eindrucksvolle erste Erscheinung des Karwendels vom Ausgangspunkt Scharnitz aus schon bestaunt werden kann.

Aufstieg zum Hohen Gleirsch über den Westgrat

Beim Bluetsgraben haben wir die Radeln in den Wald geworfen und nahmen den teilweise weglosen Aufstieg rechts des Grabens durch den Wald. Eine detaillierte Beschreibung des Aufstieges findet sich im Bericht Hoher Gleirsch über Westgrat 2.491m

Eingang zum Steig auf die Bluetsgrabensenke durch die Latschen

Oben, am Ende des Bluetsgrabens, wo der Latschengürtel beginnt, mußte wieder kurz der Einstieg in den Steig durch die Latschen gesucht werden. Er ist wieder etwas mehr zugewachsen, mit ein wenig Spürsinn findet man ihn aber leicht. Hier oben ein Foto zur Unterstützung.

Abzweigung Steig zur Bluetsgrabensenke

An diesem netten Steig zweigt nach ca. 10min – nicht verfehlbar – im ersten freien Reisenfeld der weitere Aufstieg zur Bluetsgrabensenke links ab, eine Senke im Grat, die bereits von unten gesehen werden kann.

Blick hinab zum Bluetsgraben

Am Grat gibt es über weite Bereiche Steigspuren und so manches Steinmandl, jedoch ist auch ohne diese Hilfen der Weg zum Gipfel klar vorgegeben und es gibt kein Verirren.

Blick auf Riedlkar-, Breitgriesskar- und Große Seekarspitze

Von der Bluetsgrabensenke bis zum Gipfel rechne man in etwa eine Stunde, auch wenn der Gipfel des Hohen Gleirsch durch das riesige Gipfelkreuz so aussieht, als wäre er in nächster Nähe und rasch erreicht.

Blick auf Ödkarspitzen, Birkkarspitze und Kaltwasserkarspitze

Am Gipfel findet sich heuer ein junges Buch das beim letzten Besuch gefehlt hat.
Nach einer kurzen Rast und einem Selbstgebrannten von drei bayerischen Freundinnen, die gerne die ganze Kette überschreiten würden und die wir später auf der Möslalm wieder getroffen haben, ging es weiter Richtung Osteck des Rückens des Hohen Gleirsch.

Blick vom Osteck des Hohen Gleirsch zur Scharte zur Äußeren Rigelkarspitze

An diesem Punkt bricht der Gratrücken jäh ab und der erste Abstieg ist geprägt von großer Brüchigkeit. Die ca. 15m Abstieg zum weiteren Grat sind mit Bedacht abzuklettern, da der Fels wirklich nicht von guter Qualität ist und am weiteren Verlauf auch nicht besser wird.

erster Abstieg vom Osteck des Grates vom Hohen Gleirsch

Nach dieser Stelle geht es auf einen Kopf zu auf dem man von Weitem einen größeren Steinmann erspäht. Der Weg dorthin ist einfach. Am Kopf erkennt man, daß er nicht gerade überklettert werden kann. Etwas rechts, nach ein paar Meter Abstieg beginnt ein kurzes Band nach Nordwesten das perfekt zum Abstieg in ein Schärtchen dient und der folgende kleine Kopf, der mit dem großen Kopf das Schärtchen bildet, wird nordseitig auf breitem Schuttband umgangen.

weiterer Gratverlauf, Kopf mit Steinmann voraus

Der folgende Kopf nach dieser Stelle wird nicht mehr erklommen, da sich rechts unterhalb der nun ungemein schuttreichen Schrofenflanke bereits die Scharte zur Äußeren Rigelkarspitze einsehen läßt und somit logisch den weiteren Weg vorgibt.

Köpfchen, das nordseitig auf einem Schuttband umgangen wird (von links hinten kommt man her)

Diese Flanke ist wirklich kein Genuss, sie beinhaltet zwar genügend Bänder zwischen den Schrofen, diese sind jedoch vollends mit Schutt bedeckt auf dem man vielleicht Reisenlaufen könnte, wären dort nicht regelmäßige Absätze mit einer geringen Mächtigkeit von ca. einem Meter, aber doch zu hinderlich.

in der Flanke zur Scharte zur Äußeren Rigelkarspitze

Diese Flanke halb querend halb abkletternd erreichten wir die Scharte, die einen schönen und auch schauderhaften Blick in die Rigelkarnordwände erlaubt. In etwa 30m unterhalb der tiefsten Einschartung beginnt dann der Aufstieg zur Äußeren Rigelkarspitze.

Blick zur Äußeren Rigelkarspitze aus der Flanke (die Risse und Kaminchen in der Südflanke deutlich zu sehen)

Untypischerweise vollzieht sich ein Großteil des Aufstieges zur Äußeren Rigelkarspitze in deren Südflanke. Es gibt zum Aufstieg ein langes Band mit verschiedenen Größenordnungen von Breiten und, noch interessanter, einigen – wenn ich mich richtig erinnere – vier mittellange bis ganz kurze Risse oder Kaminchen.

Rückblick auf die Überschreitung vom Hohen Gleirsch zur Scharte der Äußeren Rigelkarspitze

Diese sind teilweise recht gut mit Schutt gefüllt, bieten aber – mit Ausnahme des zweiten – genügend Haltemöglichkeiten und Tritte.

erster Riss im Aufstieg zur Äußeren Rigelkarspitze

Der zweite Riss ist aufgrund seiner hangseitig fehlenden Felsbegrenzung eigentlich schon kein Riss mehr, sondern nur ein erdiges Band mit wenig Griffmöglichkeiten links und gar keinen vernünftigen rechts. Die Tritte sind lediglich in Erde möglich, obwohl nur Fels weit und breit vorhanden ist.

der zweite Riss, schlechtes Material zu beiden Seiten und unterhalb

Am Ende der Risse oder Kaminchen steigt das Band, das bis dorthin relative flach angestiegen ist, nun etwas mehr wiesendurchsetzt steiler an. Am Ende mündet es in einer Felsformation die ein Weitersteigen links und rechts als gleichwertig möglich erscheinen läßt. Eigentlich ist man da schon ca- 20m unterhalb der Äußeren Rigelkarspitze, man weiß es nur nicht.

nach dem letzten Riss oder Kaminchen, weiterer Verlauf des Bandes ansteigend

Beim weitersteigen entschieden wir uns für die rechte Seite und anhand der folgenden zwei Steinmänner erkannten wir die Originalroute. Nach dem Zweiten Steinmann wendet sich der Aufstieg nach Nordwesten und nach wenigen Metern betritt man den schmalen Gipfelgrat der Äußere Rigelkarspitze.

Entscheidung ob links oder rechts

Am schmalen Gipfelbereich bezeugt nur ein Steinmann mit unter Steinen eingegrabener „Gipfelbuchmunitionsschachtel“ vom Gipfel selber. Der Grat gen Westen erscheint kaum machbar, schmalest, brüchig und mit riesigen Absätzen mäandert er sich hinab zur Scharte zwischen dem Hohen Gleirsch und der Äußeren Rigelkarspitze.

Manuel am Gipfel der Äußeren Rigelkarspitze

In östlicher Richtung erspähen die Bergsteigeraugen einen uneinsehbar zerklüfteten Grat mit offensichtlich sehr tiefen Einschartungen zwischen kühnen Türmen. der erste Anblick keine wahre Freude.

Gratverlauf zur Inneren Rigelkarspitze

Der Blick vom Gipfel hinab ins Weite Tal hoch über dem Jagdhaus Hubertus im Hinterautal ist atemberaubend. ein paar Hundert Meter geht es senkrecht hinab. In jeder Beziehung ist dieser schmale Gipfel ein unvergesslicher.

Blick nordseitig ins Weite Tal hinab

Nach der Rast versuchten wir die Überschreitung zur Inneren Rigelkarspitze zu erkunden. Hierzu folgten wir vom letzten Steinmann einer als Band aussehenden abschüssigen Schuttebene, die sich teilweise verlor und in gelbe brüchige Türmchen links und rechts wandelte. nach 5min erreichten wir den hohen Abbruch bei dem der Führer schreibt ca, 40m abzusteigen, um unten queren zu können. Diese 40m (südseitig) erschienen uns aufgrund der Brüchigkeit kaum machbar und wenn, dann nur gesichert.

der dritte Eintrag im Gipfelbüchlein

Solche lockeren und vom Schutt rolligen Zinnen und Rinnen habe ich im Karwendel nicht oft zu Gesicht bekommen, nicht das geringste Vergnügen muß es sein, diesen Abstieg zu nehmen der obendrein keinen Fehltritt verzeihen wird.

Erkundung des Abstieges in der Überschreitung zur Inneren Rigelkarspitze – kaum begehbar vor Schutt

Mit dieser Ernüchterung über den fast zunichte gemachten Überschreitungsgenuß stiegen wir die ca. 25Hm wieder zurück zum originalen Abstieg von der Äußeren Rigelkarspitze und benötigten von dort ca. 15min bis zur Scharte zurück.

am Abstieg am erdigen Riss angelangt

Die Reise hinab ins Rigelkar kann im oberen Teil gut abgelaufen werden, und mit der Annäherung zum Karboden verliert sich der kleinstückige Schutt, es muß statt Reisenlaufen dann abgestiegen werden.

Reise hinab ins Rigelkar

Durch das schöne Rigelkar geht es hinab ins Gleirschtal zum kulinarischen Stützpunkt der Möslalm.

Rigelkar Beginn des inneren Teiles

Die gesamte Runde ab Scharnitz bis zur Möslalm braucht ca. 6 Stunden und gut 1.700m werden bewältigt.

Mils, 29.07.2017

 

Jägerkarlspitze und Hinterödkopf

Im Verbindungsgrat zwischen den Jägerkarspitzen und den Praxmarerkarspitzen gelegen bieten Jägerkarlspitze und Hinterödkopf eine lohnende Bergfahrt mit phantastischen Blicken in jede Richtung.

Hinterödkopf, 2.450m

Die beiden Nachbarn westlich und östlich überragen Jägerkarlspitze und Hinterödkopf um jeweils gut 150m und von der Jägerkarscharte sind jeweils etwa 200Hm auf die beiden Gipfel zu bewältigen.
Der Aufstieg von der Jägerkarscharte zu beiden Gipfeln ist einfach, jedoch mit ein paar Stellen Kletterei im II. Grad gewürzt.

Jägerkarlspitze 2.470m

Zunächst beginnt die Tour mit der Radlfahrt ins Gleiersch- und weiter ins Samertal von Scharnitz. Auf dieser Strecke werden ca. 14km und 480Hm zurückgelegt. Die Zeit dafür beträgt etwa eineinhalb Stunden mit eigener Muskelkraft. Je nachdem wie gut man mit dem Mountainbike unterwegs ist muß diese Zeit individuell angenommen werden und bei der Einfahrt mit dem Stromradl sowieso.
Ich habe das Radl knapp nach Beginn der alten Straße in den Latschen verstaut, weil der Anstieg über die Umfahrung über das Kreidenegg den Kräfteaufwand für den letzten knappen Kilometer nicht wert ist.

Jägerkar von der Straße aus gesehen

Der Abzweig ins Jägerkar erfolgt unterhalb eines Hochstandes in etwa 200m nach der „Brücke bei der Sag“, die mit einem versperrten vertikalen Schranken für Fahrzeuge gesichert ist.
Dort findet man einen schmalen Jagdsteig auf der rechten (östlichen) Waldbegrenzung (siehe Foto in der Galerie), dem man bis hinauf zu der Querung dessen durch das weniger bewachsene Kar folgt. Nun gäbe es offenbar weitere Steigspuren eher östlich durch das Kar hinauf, ich entschied mich jedoch für die direkte Route durch die Reise bis zu einem unteren Ansatzpunkt von Schrofen, die ein angenehmeres Steigen durch das doch recht steile Kar zu versprechen schienen.
Es sei hier vorweggenommen, daß es einen angenehmeren Anstieg gibt, er wird weiter unten in diesem Bericht beschrieben.

Beginn des Steiges in das Jägerkar

Auf dem Weg in die obere Karmulde jede Menge Blumen und Schmetterlinge, die durch die vom nächtlichen Gewitter noch nassen und schon einige Jahre nicht mehr ausgeschnittenen Latschen zum fotografieren anregen. Einigermaßen nass kommt man bei solchen Verhältnissen oben – ca. nach 300Hm im weniger bewachsenen Kar an.

direkte Aufstiegsroute ins Jägerkar

Der Aufstieg in der direkten Route bleibt anstrengend bis zum Erreichen des Karbodens der gar nicht so ebenflächig ausgebildet ist wie man sich Karboden so vorstellt. Eine beachtliche Hügellandschaft bei der gut 25Hm im weiteren Anstieg zur Jägerkarscharte „verschenkt“ werden, wenn man zu sehr mittig im Kar ankommt.

junges Gamskitz

Ein junges Gamskitz verwechselte mich mit seiner Mutter und kam geradewegs auf etwa 30m auf mich zu. Es schrie fürchterlich mit dem selben herzzerreißenden Muster wie es Babies tun, um die ungeteilte Aufmerksamkeit der Mutter zu erlangen. Erst beim Blickkontakt mit mir völlig überraschten Bergsteiger realisierte es, daß es geradewegs auf die falsche Mutter zulief und ließ mir keinen Moment die Kamera zu zücken und diese einmalige Situation für immer auf ein Video zu bannen.

Jägerkar mittlerer Teil

Ein paar Aufnahmen konnte ich machen, jedoch ist das Windgeräusch durch die starke Thermik dermaßen überragend, daß das Geschrei des Jungtieres leider nicht durchgekommen ist.
Verzweifelt sprang es in nun größerem Abstand vor mir her und wußte nicht recht welche Richtung die richtige war.
Durch mein stetiges Aufsteigen und sein Zurückweichen erreichten wir eine Stelle von der aus das Jungtier die Herde erblicken konnte und war auf und davon.
Die Gemsen im Jägerkar sind ebenso scheu wie jene im Rigelkar und beider geringsten menschlichen Annäherung flüchtet die Herde weit hinauf in die Schuttflanken unterhalb der mächtigen Gipfel mit ihren senkrechten Abbrüchen darüber.

unterer Zugang zur Jägerkarscharte

Nun, nach dem Erreichen des oberen Karbodens, der oberen Karhügellandschaft, kann der weitere Aufstieg zur Jägerkarscharte gut eingesehen werden.
Die Schotterreise, die bis hinan zu den schroffigen, wiesenbewachsenen Felsansätzen führt ist glücklicherweise moderat kurz. Mit bald festem Grund unter den Bergschuhen wird die Flanke zur Jägerkarscharte erklommen.

oberer Teil Aufstieg zur Jägerkarscharte

Wie auch im Karwendelführer beschrieben besteht der, neben dem Lafatscher Joch einzig gangbare Übergang in der Gebirgskette, nicht in der kürzesten Ausprägung durch Überqueren der Scharte an deren tiefster Stelle, nein, ganz im Gegenteil, dort fallen die Wände in das Hinterautal senkrecht ab. Der gangbare Übergang befindet sich etwa 200m östlich der tiefsten Einschartung und besteht im oberen Teil aus einer Schottereise durch eine mittelbreite Schlucht, soweit sie vom Grat aus eingesehen werden kann (siehe Fotos in der Galerie).

Weißer Silberwurz am Grat zur Jägerkarlspitze

Dort beginnt der kletterbare Grat zur Jägerkarlspitze und nach einigen wenigen Minuten und ca. 30Hm wechselt die gangbare Route auf die Nordseite, wo auch der zuvor beschriebene Anstieg zur Jägerkarscharte von der nördlich, im Hinterautal gelegenen Hinterödalm heraufzieht.

Aufstieg zur Jägerkarlspitze

Die nette Kletterei am Grat hat hier auch bald ihr Ende gefunden, denn nun erfolgt der weitere Anstieg zur Jägerkarlspitze in deren Westflanke und nicht mehr am Grat, der seine Ausprägung auch bald verliert.

Doppelkamin probiert – es geht rechts davon weiter

Ein kleiner Doppelkamin wurde zunächst von mir als Aufstiegsmöglichkeit gesehen, jedoch unterließ ich beide Varianten sofort, als ich näher herantrat und die Griff- und Trittmöglichkeiten betrachten konnte. Sie wäre möglich, jedoch deckt sich die dortige Schwierigkeit nicht mit den Aussagen „unschwierig“. Der Aufstieg wurde also weiter rechts davon (südlich) in der Flanke fortgesetzt und leider in sehr gebrächem, schuttübersätem  Gelände bis zum Gipfel.

Felsgestalt am Weg zur Jägerkarlspitze

Außer dem schönen Blickfang einer narrenzeptergleichen Gratausbildung bietet der Aufstieg durch die rippenartige, schuttbedeckte Flanke keine Highlights. Froh ist, wer diese Strecke hinter sich hat und am halbwegs festen Grat mit weniger Steilheit als zuvor, ein paar kleine Köpfchen überschreitet, bis er am ungezierten Gipfel der Jägerkarlspitze steht.

Jägerkarlspitze, 2.470m gen Westen

Ein länger nicht mehr aufgeschichtetes Steinmandl mit dem Latschenstock daneben erwartete mich in der Einsamkeit der Jägerkarlspitze auf 2.470m und ich konnte nicht umhin es ein wenig zusammen zu richten und den Stock wieder in dessen Mitte zu platzieren.

Jägerkarlspitze 2.470m gen Osten

Der Grat zur Westlichen Praxmarerkarspitze sieht gut gangbar aus, mittig im Aufstieg befindet sich eine gewaltige, südwestlich hinabziehende Schlucht mit einer deutlichen Störzonenausprägung als Entstehungsursache für die selbe und an deren oberen Ende dürfte der Grat etwas zäh zu nehmen sein, der schmal und blockartig erscheint. Vielleicht auch nur eine Täuschung durch die Tiefenverzerrung durch das Fernglas.

Aufstieg zum Vorgipfel der Westlichen Praxmarerkarspitze

Die schauerliche Praxmarerkar Nordwand kann von hier aus noch besser eingesehen werden als am Abstieg vom Grat der Östlichen Praxmarerkarspitze aus. Eine furchteinflößende und aufgrund der Farbgebung höchstwahrscheinlich sehr brüchige Wand, die die Bergsteiger bereits von mehr als 100 Jahren in ihren Bann gezogen hat.

Blick hinab zur Hinterödalm

Der Abstieg zur Jägerkarscharte ist eine gut viertelstündige Angelegenheit. Jenseits der tiefsten Einschartung geht es nun dem Hinterödkopf entgegen.

Rinne als Normalaufstieg zur Jägerkarscharte

Dem Karwendelführer folgend werden die ersten Gratzacken unterhalb umgangen. Dann kann eine Art Steig zwischen dem grasdurchsetzten Schutthang und dem festen Fels erkannt werden, der ca. 25m hoch nach oben auf eine flacher ausgeprägte Wiese führt. Der Steigansatz geht weiter und plötzlich befindet man sich in der schmalen Scharte, die schon vom Karboden aus markant sichtbar ist.

erste zu umgehende Grattürme zum Hinterödkopf

Es ginge vielleicht jenseits der Scharte über ca. 8-10m senkrecht hinauf, jedoch war mir nicht klar was mich dort oben erwartete. Hier kann vorweggenommen werden, daß im Abstieg erkundet wurde, daß oben nach wenigen Metern eine weitere tiefe Scharte besteht, die sicher mit einigem Zeitaufwand bewältigt werden kann.

am Ende des Schrofengeländes, kurz vor dem Aufstieg zum Grat

Allerdings unternahm ich ca. 25-30m Abstieg, um unterhalb der Rippe mit der Scharte zu queren und den Empfehlungen des Führers folgt, der die Gratbetretung erst um einige Hundert Meter weiter beschreibt.

am Ende des Schrofengeländes, kurz vor dem Aufstieg zum Grat zum Hinterödkopf

Hierzu ist es notwendig durch wiesendurchsetztes Schrofengelände nordwestwärts aufzusteigen, kein unbedingt beliebtes Gelände für den Bergsteiger.

Gratbeginn zum Hinterödkopf

Am Ende dieser Partie befindet man sich wirklich nur mehr 10 Meter unterhalb der Felsen und erreicht ein fast flaches Wiesenplatzl mit einem kleinen Steinmann. Dem schuttigen Band folgend könnte man nun zur weiter westlich befindlichen Scharte mit einem auffallenden Türm queren, allerdings erschien es mir aus dieser Sichtposition ratsamer ca. 8Hm aufzusteigen um auf den direkten Grat zu gelangen.

direkt am Grat

Dies war keine schlechte Idee, denn nordseitig konnte ich nach 2m Abstieg bequem zur orangefarbenen, brüchigen Scharte gelangen. Im Abstieg habe ich dann die andere Variante gewählt und festgestellt, daß sie auch gut gangbar ist. Soviel zu optischen Eindrücken am Grat und jenseits davon.

kurzer Abstieg nordseitig

Die folgende Strecke besteht aus einem nicht wenig steil ansteigendem mittelbreitem Band, das trügerisch mit Schutt bedeckt ist. Halt am festen Fels tut hier gut.

kleiner Aufschwung, direkt überklettert

Es folgt ein kleiner Aufschwung, den ich gerade überklettert habe und dem jenseits eine glatte Platte folgt, auf die man mit einem beherzten Sprung gelangt. Diese Platte ich auch gleichzeitig der Beginn der Gipfelschuppe, an dessen Ende die höchste Erhebung den Hinterödkopf darstellt.

am Hinterödkopf, Platte mit Sprung unterhalb zu sehen

Am Hinterödkopf gibt es nicht einmal eine Steinschlichtung geschweige denn einen Latschenstock als Kreuzersatz. Er ist ja auch nur ein höherer Punkt am Grat zur Nördlichen Jägerkarspitze, der keine besondere bergsteigerische Bedeutung hat.

Hinterödkopf, 2.450m

Im Gratverlauf vom Hinterödkopf zur Nördlichen Jägerkarspitze folgen einige umgehbare Grattürme, eine scharf werdenden Gratschneide und, wahrscheinlich als Krönung der Schwierigkeiten, der Punkt P2.548m, ein rassiger Kopf mit einer einsehbar schwierigen Gratflanke. weiter folgt ein kleiner Turm und anschließen der steile Aufschwung zur Nördlichen Jägerkarspitze selbst. Ein faszinierender Grat.

Autor am Hinterödkopf, hinten die Jägerkarspitzen

Den Hinterödkopf verlasse ich nach dem Rest der Jause, die noch übrig war und erkundete die etwas unterhalb des Grates möglichen Übergänge von kleinen Graterhebungen, die jedoch allesamt weniger gut gangbar sind, als der Königsweg oben drüber. Entweder sind sie brüchig, oder verwinkelt.

Gratverlauf zum Hohen Gleiersch mit links Innerer und Bildmitte Äußerer Rigelkarspitze

Der Abstieg vom Hinterödkopf bis zur tiefsten Stelle an der Rippe unterhalb der Scharte ist eine Angelegenheit von 15min, sodann werden auf den nächsten 150m im Hang wieder ca. 10Hm Aufstieg nötig, um an den Punkt zu gelangen, an dem der Steig nach unten zum Gelände der Jägerkarscharte zu gelangen. Weitere 15min werden bis zum Karboden benötigt.

Blick nach Osten von Praxmarerkarspitzen bis zu den Bettelwürfen

Von der vorderen Kante am Karboden aus kann auf der echten (westlichen) Seite des steil abfallenden Kares ein Steig erkannt werden, den ich nach ca. 100m Reisengelände erreichte und dem ich bequem bis zu der „Porten“ folgen konnte.

vom bequemen Steig aus gegen den oberen Karboden des Jägerkars geblickt

Dies ist also der bequemste Aufstieg, denn er führt durchwegs auf keinem rutschenden Schuttgelände sondern schneidet die Flanke geschickt so, daß auch der Aufstieg bequem machbar ist.

Steigverlauf zu der „Porten“

Bevor der Steig so richtig in steiles Schrofengelände eintaucht ist er auch schon zu Ende. Man sollte diese letzten 50m nicht verzagen und über die darunter liegende Reise abfahren sondern den Steig bis zu seinem Ende augehen – und steht 10Hm oberhalb der Porten in flacherem Wiesengelände.
Siehe hierzu die Fotos in der Galerie, es braucht keine weitere Beschreibung.

die „Porten“ von unten

Durch die eindrucksvolle Porten geht es dann hinab zum Jagdsteig und hinaus zur Fahrstraße im Samertal.

von der Möslalm ins Samertal geschaut

Eine willkommene Rast bei gutem Essen in der Möslalm bildet immer den krönenden Abschluß im Gleirschtal.

Ohne Aufenthalt in der Möslalm benötigte ich für die Tour ab Parkplatz Scharnitz und zurück genau 9 Stunden. Es wurden 1.665Hm zurückgelegt.

Mils, 09.07.2017

Innere Rigelkarspitze, 2.438m

So sanft die Gleierschtal-Halltalkette von der Sichtung von Scharnitz aus beginnt, so bizarr und wild setzen die ersten Gratübergänge östlich des Hohen Gleirsch fort und der Übergang zur Innere Rigelkarspitze stellt im Gratverlauf zu den Jägerkarspitzen die große Herausforderung dar.

Gipfelsteinmann der Inneren Rigelkarspitze, 2.438m mit Pleisenspitze im Hintergrund

Schon lange beschäftigt mich der westliche Teil dieser heimatlichen Karwendelkette, weswegen die zentrale  Erhebung der Tour darin bestand, die Inneren Rigelkarspitze nun erstmalig auf leichtem Wege zu erkunden.

Grat von der Inneren Rigelkarspitze zur nördlichen Jägerkarspitze

Gleich bei der Morgentoilette beleidigte ich beim Bücken zum Wasserhahn hin irgendeine Bandscheibe weit unten – was bei mir nur alle zwei Jahre vorkommt – und mußte  selbst während der Anfahrt nach Scharnitz um 7 Uhr noch feststellen, daß diese unbewußte Bewegung längerfristige Konsequenzen haben würde. Also am Radl in Gleirschtal – ich pflege trotz meines hohen Alters noch nicht mit einem Stromradl aufzusteigen – verschwand die Einschränkung nicht und es kann an dieser Stelle schon vorweggenommen werden, daß bis zurück zum Schreibtisch, an dem diese Zeilen entstehen, die mittelmäßig stark spürbare Rebellion der Gummischeibe nicht zur Ruhe gekommen ist. Gut, daß es morgen regnen wird.

den Karboden des Rigelkares erreicht, phantastisches Gelände im weiten Kar

Die Anreise bis knapp vor die Möslalm muß hier nicht erwähnt werden, dafür gibt es Berichte und Webseiten genug; erwähnt sei nur, daß zur Anfahrt ein Rad für den Bergsteiger nottut, will er zu früher Stund zum Ausgangspunkt zu gelangen und weiters sei erwähnt, daß er für die Anreise vom Parkplatz Scharnitz bis knapp vor die Möslalm, wo das Radl in den Wald geworfen werden kann um das Schloss zu sparen, mit einem Stündchen mittelstarke Beinarbeit für ca. 10km über knapp 300Hm rechnen möge.

die Innere Rigelkarspitze etwas links der Bildmitte mit der Aufstiegsrinne in der tiefsten Einschartung

Gleich zu Beginn des Aufstieges darf man sich dieser Tage auf etwa 1.300m eines wahrlich ästhetischen, man könnte sagen zierlich, jungfräulichen Anblickes einer nicht sehr häufigen Orchideenart im Karwendel erfreuen, das Rote Waldvögelein, eine Alpenlilie, geleitet in der Morgensonne am Jagdsteig durch den eigenartig schönen, naturbelassenen, lichten Nadelwald und die außergewöhnliche kräftige violette Farbe der Blüten, zurückzuführen auf den passenden, leicht sauren, pH-Wert des Kalkbodens, vermag die Kamera im Morgenlicht bei weitem nicht so zauberhaft wiederzugeben, wie das Auge sie in natura wahrnimmt.

eine Anhäufung von Rotes Waldvögelein (Cephalanthera rubra) säumt den Steig

Bald ist die Abzweigung des excellent ausgeschnittenen Steiges zum Hohen Gleirsch erreicht und der Bergsteiger, der den eindrucksvollen Kessel des Rigelkares beschreiten will, zweigt nicht links zum Grat zum Hohen Gleiersch ab, er nimmt die gerade Richtung durch die breite Latschengasse mit den auffälligen Markierungen auf zwei Felsbrocken mit „R“ in das lange, weite Rigelkar.

das Rigelkar Ende Juni 2017

Von der Abzweigung sind es gut 500Hm bis der Karboden des Rigelkares erreicht ist. Alleine die Eintrittskarte dieses langen Anmarsches ist schon bezeichnend für das schöne, einsame Rigelkar.

Dolinen geometrisch sauber aufgefädelt

Am fast horizontalen Karboden können Dolinen in einer frappierenden Gleichmäßigkeit ihrer geometrischen Abfolge beobachtet werden, die für mich einzigartig im Karwendel ist und die auf einige interessante Gegebenheiten tief unter den Karwiesen schließen lassen.
Messerstichkalkgeröll (Kalkfels mit schmalen Rissen aussehend wie schmale Messerstiche) und die wahrlich menschenscheuesten Gämsen im Karwendel runden die Szenerie im Kar ab. Alleine für diese Eigenheiten hat das Rigelkar den Aufstieg über knapp 1.000Hm schon verdient. Der Bergsteiger wird mit kostbaren Eindrücken reich entschädigt, bevor es hinein die Rinnen und Zinnen geht.

Anstieg nordöstlich des Karbodens zur Aufstiegsrinne

Im hintersten Karboden halten sich die Lawinenreste meist hartnäckig bis in den Juli hinein und geben der dieser Tage schon strapazierten Trinkflasche wieder etwas Inhalt, soferne man immer warmen Tee mitnimmt, der es mit den fast zu Eis gewordenen Firn aufnimmt und noch trinkbare Mischung erzeugt, ohne daß aufgrund der Kälte Magenkrämpfe entstehen.

Nun steht ein Stück Aufstieg am Programm, das im Kopfe schwer werden kann, wenn man es zu sehr sitzen läßt. Der Anstieg aus dem Karboden zur schon von Weitem sichtbaren Aufstiegsrinne durch die Südwand zur Inneren Rigelkarspitze beginnt nämlich mit ca. 200Hm Reisengeröll.
Bei guter Routenwahl durch die Verschneidung der Reisenkegel mit großem Blockwerk kann das unangenehme pilgerschrittartige Zurückrutschen in praller Sonnenbestrahlung auch auf einem erträglichen Minimum gehalten werden und der Kopf siegt in diesem Fall nicht, man steigt beim Erreichen des festen Felses gut gelaunt aus dem üblen Teil dieser Partie aus.
Die Rinne ist nach gut 20min erreicht, sie durchzieht die Südwand in nordöstlicher Richtung und daher haben wir sie bei unserer Erstbegehung auf die Jägerkarspitzen nicht sofort entdeckt.

vom Felsansatz der Rinne zurück in den Karboden geblickt

Den unteren Teil der nun zu begehenden Rinne lasse man mangels Tritten und der Abgeschliffenheit der seitlichen Begrenzungen der 50cm breiten Rinne weg, man steige rechts im Fels ca. 15Hm weiter an und quere dann nach links in griffiges Rinnengelände.

Aufstiegsrinne nach ca. einem Drittel des Aufstieges

Wenn man sich mit dem Erscheinungsbild der Inneren Rigelkarspitze aber etwas beschäftigt, dann sieht man die Rinne schon von Weitem. Besonders bezeichnend ist der Klemmblock, der am obersten Gratverlauf ein Licht-/Schattenspiel bietet das vom äußersten Karboden bereits gesichtet werden kann. Steht man dann vor diesem Kamin, dann würde man nicht glauben, daß ein Klemmblock dieser Größe von über 1.000m Luftlinie sichtbar ist.

Aufstiegsrinne nach ca. einem Drittel zurückgeblickt

Nun geht es in diesem Riß, oder Rinne, gut griffig mit moderater Steilheit nach oben, so daß für diesen Anstieg großteils die Schwierigkeit II vergeben werden kann; die Führerangabe durch die Erstersteiger vor 120 Jahren mit I erscheint zumindest nach heutiger Geländeeinschätzung leicht untertrieben.
Der Fels links weniger, rechts jedoch signifikant mehr, ist erstaunlich fest. Bei der Begehung in der Gruppe empfiehlt sich doch ein Kopfschutz, da durch die seltene Begehung viel Geröll in der Rinne angetroffen wird, der auf die Nachsteigenden niedergeht.

ca. 30Hm unterhalb des Bereiches in dem sich die Rinne zum Kamin verengt

Der Aufstieg erfolgt selbst im Juni fast bis zur Mittagszeit recht gut vor Sonne geschützt, deshalb dürfte die Rinne auch bis weit ins Frühjahr hinein mit Restschnee gefüllt sein und die Tourenplanung sollte diesen Umstand berücksichtigen.

am Band links (westlich) des Kaminansatzes

Knapp unterhalb der Gratlinie oben verjüngt sich die Rinne zum Kamin und, betritt man diesen sehr schmalen Kamin, schlägt sofort der Gratwind durch; man weiß also, daß die vertikale Nordseite lediglich die zwei bis drei Meter hinter dem Kamin hinunterpfeift. Für mich und den Rucksack war der Kamin aber zu schmal und weil ich alleine unterwegs war wollte ich keine Experimente zur Schlankheit unternehmen, um unbedingt durch den Kamin die Grathöhe zu erreichen.
Anstelle des schmalen Schlufes entschied ich mich das genügend breite Band zu meiner Linken (westlich) zu nehmen, um auf die Grathöhe zu gelangen. Nach einigen Rippen gelang es mir auch halbwegs bequem die ca. 3-4m hohe Felsplatte über dem Band zu erklimmen, die, erdgeschichtlich betrachtet, sicher ein gutes Dutzend von Hunderttausend Jahren für ihre Entstehung gebraucht hat und die durch eine weiche Trennschicht so markant auf der harten Oberfläche des Bandes draufliegt, daß man die Zeitepochen der Entstehung fühlen kann. Im Übrigen ist die Trennschicht geologisch von so schlechtem Fels gebaut, daß sich die an deren Basis entstehenden Einbuchtungen als Notunterschlupf bei Wettersturz eignen würden; ein nicht unbekanntes Phänomen im immer lebendigen Karwendelkalk.

der Verlauf des breiten Bandes in Richtung Gipfel der Inneren Rigelkarspitze

Das moderat aufwärts gerichteten Band kann problemlos beschritten werden, bis eine geeignete Stelle für den Aufstieg zur absoluten Grathöhe gefunden wird, wobei in meinem Fall eine ehe konservativer Aufstieg in zwar brüchigem Gelände, dafür aber ohne großem Risiko gewählt wurde. Knackigere Stellen für junge Gämsen gibt es genug.

Aufstiegsstelle zum Grat

Der Grat selber mutet sichtlich selektiver an als das meiste, das standardmäßig im östlichen Teil der Kette zu finden ist, mangelt es an Türmchen in der direkten Gratlinie und schmalen Parteien doch keineswegs. Selbst der mit II beschriebene weitere Gratverlauf zur Nördlichen Jägerkarspitze erscheint ab dem Kamin keineswegs einfach.

Leider konnte ich kaum Erkundungen zu beiden Gratseiten anstellen, denn die hohe dunkelgraue Wolkenfront über der Hohen Munde überredete mich zur schnellen Gipfelrast mit hastiger Jause und frühem Abstieg. Ein Gewitter am derart selektiven Grat wäre nicht das wofür ich heute losgezogen bin.

Rückblick am Band

Zu meiner Bandscheibenbeleidigung heute früh kam zu allem Überfluss auch noch der Pflanz des Wetters dazu, denn nach dem übereilten Abstieg klärte sich das fälschlich als Ungemach erkannte Wetter von Westen und ich ärgerte mich darüber, daß der Grat nun nicht weitläufiger erkundet werden konnte. Ein weiterer Aufstieg hierzu zur Inneren Rigelkarspitze muß nun leider baldigst her.

Türmchen westseits des Gipfelsteinmannes und Hoher Gleirsch im Hintergrund

Der eingefleischte Karwendelliebhaber wird den wilden Grat mögen, das Erscheinungsbild ist dermaßen archaisch und unberührt, daß man seinesgleichen auf den höchsten Fluren weithin sucht. Der Verwitterungsgrad an der Oberfläche des Gerölls und dessen Rauheit ist von der recht seltenen Art, die nur in den sehr wenig begangenen Gratabschnitten der Kette zu finden ist, insgesamt ein faszinierend Gelände.

Hinterautal

Die Blicke zu allen Seiten der Schneide müssen jeden Karwendelgeher beeindrucken, mag er auch noch so extrem sein. Tiefblicke in das Hinterautal und eine viele Hundert Meter abstürzende Nordwand bleiben lange eingebrannt.
Solch exponierte Spitzen in Gratverläufen besitzen meist kein Gipfelkreuz mehr, die Innere Rigelkarspitze wartet dem Bezwinger mit einem schlichten Gipfelsteinmann auf und diese Auftürmung befindet sich noch nicht einmal auf der höchsten Erhebung, die sich entweder als ein schlichtes schneidiges Grattürmchen 15m weiter westlich oder am Zustieg an dem das folgende Fotos entstanden ist präsentiert. Vom Katzenkopf aus sieht die östliche Erhebung leicht höher aus, siehe Gratfoto in der Galerie.

höchste Stelle der Inneren Rigelkarspitze, oder ist das Türmchen drüben noch ein wenig höher? Rechts unten der Gipfelsteinmann

Heute nicht ganz mein Tag, die Grundmission aber ausgeführt geht es nach einem raschen Moment des Dankes für den geglückten Aufstieg am kurzen Gratstück zurück zur Rinne. Noch ein kleiner Moment des Innehaltens, ob des herrlich aussehenden Kamines, aber nein, die Vorfreude über die nächste Begehung soll die schöne Stelle konservieren, es geht wieder abwärts und zwar gar nicht so unbequem wie man schlechthin Abstiege in Rinnen im Karwendel kennt.

Grat mit ostseits höchster Erhebung der Inneren Rigelkarspitze

Die letzte erwähnenswerte Stelle ist der ganz unterste Teil der Rinne, der weiter oben im Text schon erwähnt wurde. Ich vergaß ihn, kletterte gedankenlos weiter hinab, kokettierte einen Augenblick mit einem drei Meter Sprung, verweigerte aber mit der Erfahrung des Alters, kletterte 10m zurück und nahm den griffigen Felsabstieg.

wieder 15m höher zurückgeklettert

Der Rest im Abstieg ist nicht erwähnenswert und im Karboden schon kam leichter Ärger ob des blauen Himmels über der Hohen Munde auf. Die Wirtsleute der Möslalm aber vertreiben den Ärger mit deren tollen Angebot…

letzter Blick zurück beim Abstieg durch das Rigelkar

Gehzeit ab kurz vor der Möslalm und bis zur selben Stelle zurück ca. 5 Stunden (Radlstrecke zusätzlich ca. 1h rauf + 40min ab), ab Scharnitz ~ 1.500Hm

Mils, 24.06.2017