Hoher Wörner, 2. 476 m – über Großkar

Der imposante Gipfel des Hohen Wörner – oder nur Wörner, wie er auch bezeichnet wird – wird meist von der bayerischen Seite aus am Normalweg in Angriff genommen – eine alternative, einsame Möglichkeit in beeindruckender Landschaft führt jedoch auch über das gewaltige Großkar und die Südflanke zum Gipfel. Der Anmarsch zum Aufstieg aus dem Karwendeltal ist mit 8,5 km ab Scharnitz lang und hierzu empfiehlt sich das Radl.

Hoher Wörner nach Umgehung des Gratkopfes wieder auf der Grathöhe angekommen

Am Schotterweg ins Karwendeltal werden die ersten 240 Hm zurückgelegt mit dem Großteil von 160 Hm über 1,5 km gleich zu Beginn ab Scharnitz. Nach dem Hochpunkt (~1.130 m) unterhalb der glatten Felsen von Brunnensteinkopf  fällt der Weg auf etwa 2 km um 30 Hm ab, bevor er dann recht gleichmäßig steigend über etwa 4,5 km zum Großen Schafstallboden führt, wo die Bergtour beginnt.

Start in Scharnitz – das Radl leistet hin und wieder gute Dienste

Das Großkar empfängt dessen Bezwinger vom Karwendeltal aus gesehen mit einer wuchtigen Talstufe hinauf zur Karschwelle die, schrofendurchzogen abweisend, das nicht einsehbare Obere Großkar birgt. Ein gewaltiger Blick auf das wahrscheinlich größte Kar im Karwendel. Sichtbar vom Talgrund aus ist dafür jedoch das Ziel, der Hohe Wörner, dessen Sichtlinie mittig über das Untere Großkar angepeilt wird.

Blick ins Großkar mit Wörner (letzter der Gipfel von links)

Das Radl kann bequem nördlich der Jagdhütte im Wald nach der Rechtskurve des Forstwegs verstaut werden und etwa 100 m entlang des Zaunes gelangt man zu einem schmalen Gatterchen, hinter dem der gut ausgeholzte Steig ins Untere Großkar beginnt.

Larchetkar mit Pleisenspitze im Süden

Nach wenigen Minuten auf Wiesenboden beginnt die Karwaldreise, die vom Steig in großzügigen, eher flach angelegten Serpentinen durchschnitten wird. Verwunderlich dort sind die großen Steinbrocken, deren Lageort man sich zunächst nicht erklären kann, denn das Untere Großkar ist so breit, daß von den Flanken kein junger Bruch bis mittig in das Kar transportiert werden kann. Höchstwahrscheinlich stammen die Brocken von Lawinentransporten winterlicher Abbrüche von weiter oben, oder derselben von den Karflanken.
Schön zu sehen sind die Lagen von alpinem Muschelkalk der Flanken gegen die Schmalstelle im Unteren Großkar hin.

in der unteren Karwaldreise

Nach guten 20 Minuten wendet sich der Steig von Serpentinen hin gegen Westen in den Wald oberhalb der Karflanken. Im Wald führt der Steig dann wieder in Serpentinen steil hinauf unterhalb der nächsten Geländestufe. Teilweise ist die Ausprägung der Steigspuren schwach, sodaß vorausgeblickt werden muß, um nicht davon abzukommen.

Steig aus der Reise gegen Westen in den Wald

Noch weit unterhalb des Felsansatzes der Südostrippe der Schönbergspitze teilt sich der dort nicht ganz klare Steig in den Anstieg linkerhand in das Tiefkar und rechter Hand ins Obere Großkar. Die abgehenden Steigspuren ins Tiefkar sing gut zu erkennen, jene ins Obere Großkar weniger gut, weil von einem Hangbruch durchzogen.
Von dort genießt man einen wunderbaren Ausblick in das hintere Karwendeltal und weit über den Hochalmsattel hinaus bis auf die imposante Pyramide des Steinfalk in 13 km Entfernung.

phantastischer Blick in das Karwendeltal nach Osten

Mit wenig Höhengewinn bzw. –verlust führt die Route durch Latschen hindurch nordöstlich in den Felsansatz der Talstufe zum Oberen Großkar. Die ersten Meter durch den Hangbruch querend sind etwas mühsam, aber nicht prekär zu begehen.

Zustieg zur Talstufe ins Obere Großkar

Durch Latschen bzw. an deren unteren Saum entlang wird nach knapp zehn Minuten die Nordwestecke der Talstufe zum Oberen Großkar auf 1.600 m erreicht. Vor dem Beginn der steilen Schrofen muß eine kleine geologische Stufe durchschritten werden, eine etwa 20 bis 30m mächtige Lage von Knollenkalken der Reifling Formation, mit ihrer charakteristischen dünnbankigen, knollig runden Ausprägung.

Knollenkalk der Reifling Formation

Man kann sie nicht übersehen, der noch sichtbare Steig führt über eine geneigte Platte entlang der Felswand hinauf.
Ab dieser Höhenstufe begegnet man nur mehr besserem – bis zum Felsansatz des Hohen Wörners –  oder schlechterem – in der Südflanke des Hohen Wörners – Wettersteinkalk.

Trio auf der Rippe zur Schrofenstufe

Nach dieser Stufe wird eine kurze Rippe erreicht, die in direkter Linie nach oben verleitet. Verleitet deshalb, denn man übersieht leicht die Richtungsänderung des Steigs nach links, nach Westen, in die Schrofenwand hinein. Möglicherweise ist das dem Verfasser nur passiert, weil er ohne sich orientieren einem Trio folgte, das die Rippe direkt erstieg und unter den Felsen antraf. Ein Phänomen, das einen am Berg oft heimsucht, die rational unbegründete Aufgabe der eigenen Zielstrebigkeit im Sinne des Wortes. Und es war falsch den Vorsteigern zu folgen, wie sich beim Aufstieg durch die Schrofen, die nicht unbedingt leicht zu begehen sind, und beim späteren Abstieg herausstellen sollte.

schrofiger Aufstieg als Abkürzung durch die Stufe

Das felsige Stück neben einem Einschnitt linkerhand könnte man aber auch als eine Art Schlüsselstelle für die Eignung in der Wörner-Südflanke sehen, es vermittelt schon den Eindruck eines leichten Klettererlebnisses, wie es oben zu bewältigen ist.

im Oberen Großkar mit Blick auf die Breitgrieskarspitze in Bildmitte

Nach dieser Stufe von etwa 100 Hm trifft man den Steig wieder womit spätestens klar wird, daß man ihn verlassen hat. Daß damit aber auch eine gute Wegstrecke abgekürzt wird und die Direttissima für den zügigen Aufstieg nicht unförderlich war realisiert man am Rückweg.

Die Karschwelle wird sichtbar

Der nächste Abschnitt führt über ein langes und mühsames Stück Karboden mit mittelsteiler Neigung, bei dem hin und wieder Steinmänner angetroffen werden, wenn es in etwa diagonal erstiegen wird. Bei der Erstbegehung fehlt dazu der Peilpunkt oben, der leider nicht ersichtlich ist. So kann es vorkommen, daß die Stufe zu direkt genommen wird und oben, an der Karschwelle, die Richtung nach Osten eingeschlagen werden muß, so die Route des Verfassers.

im Westen die Schönbergspitze

Faszinierend erscheint die für Karwendelkare enorme Breitenausdehnung des Großkars. Am Aufstieg beeindrucken immer wieder Blicke auf die umliegenden Gipfel der Nördlichen Karwendelkette, so zur Linken auf Schönberg- und Großkarspitzen, sowie zur Rechten auf die Hochkarspitze mit ihrem auffällig zackigen Südgrat.

Südliche Großkarspitze

Eine gute Stunde mag man für den Aufstieg ab den untersten Schrofen bis zur Karschwelle rechnen und eine weitere Viertelstunde für die  Querung bis zum Anstieg auf die Terrasse im Nordosten zwischen Hohem Wörner und Hochkarspitze, wenn der Aufstieg durch das Obere Großkar zu direkt erfolgt. Vom Ostteil im Oberen Großkar bis auf den leichtest zu durchsteigenden Punkt auf die Terrasse fällt eine weitere Viertelstunde an, um die Dimensionen im Großkar zu verdeutlichen.

Nördliche Großkarspitze (Bildmitte) und Hoher Wörner (rechts davon)

In der Karmulde treten wunderschöne Erscheinungen von Verkarstung und Dolinen hervor. Den Weg zum Felsansatz der Terrasse bahnt man sich mit Vorausblick und den teilweise richtig platzierten Steinmandln, zuletzt durch Schuttreisen.

Großkarscharte Bildmitte

Den Durchstieg auf die Terrasse muß man nicht an dessen schuttbeladenster Stelle durch eine kurze Rinne unternehmen, etwa 100 bis 50 m westlich vorher ergeben sich einige schöne Passagen durch den Fels.

durch die Felsstufe im rechten Bildbereich auf die Terrasse

Der undeutlich sichtbare Steig verläuft leicht steigend quer durch die Terrasse westwärts und endet an einem Riss mit deutlicher Schuppenbildung, die quer ansteigend in die Südflanke zieht. Das wäre der Normalweg, der im Bericht weiter unten als Rückweg beschritten wurde. Für den Aufstieg sollte die direkte Gratlinie erkundet werden, wozu die Schuttreise in direktem Anstieg durchschritten und oben in einen Riss eingestiegen wurde.

Blick von der Schuttterrasse nach oben; links zieht der Steig zur Felsfuge hinauf

Oberhalb des Risses folgt ein Grasband bevor sich ein weiterer Riss – ziemlich westlich versetzt etwas schmaler aber angenehm zu durchsteigen – weiter hinaufzieht und alsbald vor der Grathöhe endet.

Aufstieg oberhalb der Schuttterrasse

Im Riß befindet sich eine Art Lawinenstange, oben gekickt und etwa 2,50 m lang sowie andere kurze Holzstücke und etwas Draht, eine sonderbare Begegnung an diesem Ort knapp unterhalb des Grates, dessen Sinn nicht erklärlich ist.

Rückblick auf das Großkar mit Larchetkar- und Pleisenspitze

Am Grat besticht ein beeindruckender Blick auf den Hohen Wörner und man möchte meinen, daß eine direkte Gratüberquerung im Alleingang einfach möglich ist. Leider versperrt ein mächtiger schroffer Gratkopf diese, wie nach kurzer Strecke festgestellt werden mußte.

Riss zum Grat; unerklärliche Reste menschlicher Provenienz knapp unterhalb des Grates

Der Führer beschreibt diesen Kopf als kletterbar, in der Frontalansicht vom Grat vor der tiefen Scharte aus siegte die Vernunft die wenig strukturierte gemuldete Wand aufzusteigen, für die der große AV-Führer abseilen oder abklettern vorschlägt.

atemberaubender Anblick des Hohen Wörners vom Grat

Also mußte in die Scharte abgestiegen werden und die Schlucht noch etwa 50 Hm tiefer, um den Kopf, der übrigens schon von der Schuttterrasse aus eingesehen werden kann, am Fuße zu umgehen. Die Schlucht läuft in die schrofige Flanke weitgehend seichter werdend aus welches die Umgehung über einen kurzen Aufstieg auf die westliche Schluchtbegrenzung ermöglicht. Dahinter kann wieder über Schrofengelände auf den Grat zurückgekehrt und die Gegenseite des Kopfes bestaunt werden, die kaum mehr den Eindruck einer mäßig schwierigen bis schwierigen Ersteigung vermittelt, wenn man sich nicht mit ihr beschäftigt.

letzte Scharte vor dem Hohen Wörner; gegenüber die Soiernspitze

Es folgt ein Gratstück mit zwei hintereinanderliegenden Köpfen die in leichter Kletterei überstiegen werden. Jenseits davon führt ein schärferes Gratstück in eine etwas tiefere Scharte hinab, bevor der Gipfelaufbau, das letzte Gratstück, angenehm angegangen werden kann. Die Scharte läßt einen Blick auf die dunkle schauerlich anmutende Nordwand zu.

phantastischer Rückblick auf den Grat zwischen Hochkarspitze und Hohem Wörner

Am letzten Gratstück warten keine Überraschungen mehr, am Aufstieg schweift man immer wieder ab mit beeindruckenden Blicken auf die bizarr gezackte Nordrippe des Hohen Wörners vom Wörnersattel herauf und auf das Vorland der Nördlichen Karwendelkette.
Nach einer letzten seichten Scharte führt ein Band leicht nordseitig zum Gipfel.

am Grat zum Hohen Wörner

Wie gerufen fiel die Ankunft am Gipfel aus, die Massen an Bergsteigern, die den Normalweg aus dem Norden genommen haben waren verschwunden und bis zum nächsten Ansturm konnten ein paar Eindrücke vom Ausblick genommen werden.

über ein undeutliches Band nordseitig zum Gipfel des Hohen Wörners

Im Westen, am Ende des berühmten Grates in der Kette anschließend, befindet sich die Tiefkarspitze, eine sehr interessante Tour über den Nordwestgrat, die in einer schönen Runde begangen werden kann.

Hoher Wörner, 2.476 m

Links hinter ihr der westlichste Gipfel der Nördlichen Karwendelkette, die Brunnenstein- und gleich danach die Rotwandlspitze in 6 km Entfernung, sowie rechts neben ihr die bekannten und – durch die leichte Erreichbarkeit mit der Karwendelseilbahn von Mittenwald – überlaufenen Nördliche Linder- und  Westliche Karwendelspitze in 4 km Entfernung.

mittig im Bild die Tiefkarspitze, links davon Brunnenstein- und Rotwandlspitze, rechts Nördliche Linder- und Westliche Karwendelspitze

Fern im Westen das Wettersteingebirge mit einem beeindruckenden Blick auf das Leutascher Platt, mit der sagenhaft schönen Überschreitung der Dreitorspitzen und noch weiter rechts der Zugspitze in knapp 27 km Entfernung.

Wettersteingebirge mit Leutascher Platt links und Zugspitze mit -platt rechts

Gen Osten können die wichtigen Gipfel der Kette, Hochkarspitze, Schlichten- und Vogelkarkarspitze,  die Östliche Karwendelspitze, sowie als östlichste Erhebung, die Grabenkarspitze eingesehen werden und kurz vor dem Grat zur Hochkarspitze taucht wieder der Steinfalk und das in 20 km Entfernung liegende Sonnjoch auf.

Ansicht der Nördlichen Karwendelkette gegen Osten mit dem links abklingenden Vorgebirge und rechts der gewaltigen Karwendelhauptkette

Rechts der Hochkarspitze findet sich als entfernteste Erhebung im Karwendel der Hochnissl in 23 km Entfernung, wiewohl der Hohe Wörner überhaupt einen erstklassigen Standpunkt für die Sicht auf die Hinterautal-Vomper-Kette darstellt.

gewaltige Karwendelhauptkette mit den Pyramiden der Seekarspitzen leicht rechts der Bildmitte

Von dort können vor allem die Gipfel der Hinterautal-Kette wunderbar betrachtet werden, beginnend mit der frontal im Süden gegenüberliegenden Pleisen- und Larchetkarspitze, über die Seekarspitzen bis hin zur Birkkarspitze.

Seefelder Kette mit den Stubaiern im fernen Hintergrund

An diesem herrlichen Tag reichte der Blick über die hauptdolomitisch gebaute Seefelder Gruppe mit den schönen Zielen Kuhljochspitze und Erlspitze hinaus bis in die Stubaier Alpen mit dem Wilden Freiger hoch über dem Erlsattel und dem Zuckerhütl leicht rechts davon in 55 km Entfernung.

Rückblick am Abstieg vom Hohen Wörner in dessen steile Südostflanke

Der Abstieg vom Hohen Wörner wurde über die breite schrofendurchsetzte Südostflanke unternommen, die nicht schwierig, aber sehr steil in eine Flachstelle von der oben beschriebenen Scharte hinab leitet. Der Abstieg dorthin dauert eine Weile, um die beste Route zu finden.
Man tut gut daran vom Gipfel aus die Flanke mit der anschließenden tektonischen Fuge zu studieren, um mit Vorteil ihn unten dann auch sofort zu erkennen und weiter zu begehen, bis hinab auf die Schotterterrasse.

Blick auf die tektonische Fuge in der Tiefe der Südflanke mit Fortsetzung in der Aufstiegsrippe der Hochkarspitze

Wer im Abstieg genau hinschaut erkennt die Fortführung der Fuge weit über die Südflanke des Hohen Wörners hinaus, abtauchend im Großkar, bis hin zur Aufstiegsrippe der Hochkarspitze, die von der Fuge schleifend durchschnitten wird (eine Ausprägung der Karwendelschuppenzone, gar die Fuge zur homogenen Inntaldecke oder ohne Bewandtnis?).

in der Gesteinsfuge kurz vor der Schuttterrasse

Über einige Rippen hinweg, im Schutze der, talseitig mit beeindruckend steilem, teilweise  unbegehbarem Schrofengelände, mittelbreiten Fuge wird die Schuttreise der Terrasse wieder erreicht. Der weitere Abstieg erfolgt bis zur steilen Talstufe wie der Aufstieg.

Rückblick auf den Hohen Wörner (Gipfel links der Bildmitte, links der Scharte)

Bevor der felsdurchzogene Aufstieg auch für den Abstieg genutzt wird kann, aus purer Neugier, dem Steig nach den letzten Latschen gefolgt werden.

Rückblick am Ende der Terrasse auf den Abstieg; links der Bildmitte die Fuge, rechts der zu umgehende Turm

Nicht zu weit, eine Abgrenzung aus größeren Steinen und verdorrten Latschen  warnt nach wenigen Minuten vor dem weiterführenden Steig, der den Hang durchquert.

am Abstieg vom Normalweg, Blickrichtung auf die Rippe zur Felsstufe

Dort wird in Abstiegsrichtung links hinab geleitet auf mehreren parallel verlaufenden Steigfragmenten, die sich unten in der Bergwiese wieder zu einem einzigen Steig formen und die Steilstufe mit einem Grasband durchschneiden, ohne daß abgeklettert werden muß.

Rückblick auf den Abstieg durch die Schrofen

Das wäre der Normalweg. Die Rippe wird erreicht, die beim Aufstieg unter den Schrofen endet.

alpiner Muschelkalk zu beiden Flanken zum Unteren Großkar

Anstelle des Normalweges zurück kann über die Geröllreise im Unteren Großkar abgestiegen werden. Leider erlauben bald nach dem Beginn der Reise weder Hangneigung noch die Stückigkeit des Gerölls eine Abfahrt – der Abstieg muß Großteils im Gehen erledigt werden.

Quelle über die Felsen des alpinen Muschelkalks herab (orographisch rechts im Unteren Großkar)

Die ausgedehnte Bergtour endet mit der Ausfahrt aus dem Karwendeltal mit dem Radl. An Zeitbedarf rechne man acht Stunden, incl. einer Gipfelpause von 45 Minuten (ohne Gratbegehung sollte man jedenfalls mit acht Stunden auskommen und schnelle Radler benötigen ohnehin weniger Zeit für beide Strecken). Der Höhenunterschied beträgt 1.596 m bzw. mit Gegenanstieg bei der Ausfahrt  1.630 m, die Radlstrecke 2 x 8,5 km.

Mils, 25.09.2021

Wettersteinwand, 2. 483 m – Abstieg über Rotplattenspitze

Als längste Kette im Wettersteingebirge wird nicht nur der Gipfel selbst, auch die gesamte östliche Teillänge des Wettersteinhauptkamms ab der Meilerhütte als Wettersteinwand bezeichnet. Der Wettersteinwandgipfel selbst bildet dabei die höchste Erhebung in diesem Teil und er ist ausschließlich weglos und mühsam zu ersteigen. Ideal für weitgehend einsame Abenteuer am Grat.

Wettersteinwand, 2.483 m

Zur Besteigung der Wettersteinwand kommen zwei Aufstiege in Betracht, ein leichter über die Rotplattenspitze und ein etwas anspruchsvoller über das Bergleintal und die lange Flanke unter dem Grat nach den drei Scharten mit Aufstieg auf den Wettersteinkopf. Empfehlenswert erscheint letztere Variante, da die Klettereien im Aufstieg passieren und der Abstieg vorwiegend im Gehgelände erfolgt. Überhaupt ist der Grat über die atemberaubende Schneide des Musterstein im westlichen Teil die schwierigere und wird sanft im Ostteil nach dem Gipfel der Wettersteinwand bis zur Rotplattenspitze.

Blick ins Bergleintal

Der ideale Ausgangspunkt ist ein kleiner Parkplatz etwas oberhalb des Gasthaus Hubertus in Reindlau. Dieser Ort muß auch eine besondere Tradition unter den Bayerischen Bergsteigern des letzten Jahrhunderts haben, denn dort befindet sich eine kleine Ansammlung von Gedenkkreuzen von abgestürzten Kameraden von Bergsteigervereinigungen.

Talstufe im Bergleintal

Zunächst entlang des Bergleinbaches und später durch den Mischwald wird eine Talstufe erreicht, durch die der Bach eine bemerkenswerte Klamm geschnitten hat. Mit Hilfe der Inntalvergletscherung und die kaum vorstellbaren Wassermassen, die seit der Gebirgsbildung des Wettersteins im Gelände sägten, kann man sich die ansehnliche Schluchttiefe leichter erklären.

tiefer Schluchteinschnitt durch den Bergleinbach

Die Schlucht, lediglich auf 1.300 m gelegen, bot dem Verfasser zum wiederholten Male beachtliche Restschneemengen, die den Sommer als Schneebrücke über der Klamm überdauern. Eine Begehung der Schneereste wäre ein töricht hohes Risiko.

nach der Talstufe im Bergleintal

In Serpentinen wird die Talstufe genommen und etwa ab 1.450 m wird der Steig oberhalb der Steilstufe etwas flacher, der Mischwald endet allmählich und lediglich Latschen säumen von dort den Aufstieg.

Schäferhütte mit Musterstein

Etwa eine Stunde führt der Steig – meist nahe an den steil von den Öfeleköpfen herunterziehenden Felswänden – durch das Bergleintal, bis die Hirtenhütte des Schafzuchtvereins erreicht wird. Sie liegt nahe dem Steig zur Meilerhütte auf 2.000 m, dem Quellgebiet des Bergleinbachs.

 

dichter Nebel verhindert die Sicht auf den Anstieg zum Wettersteinkopf

Von der Hütte aus richtet sich nun der Blick schräg nordostwärts über die Südflanke der Wettersteinwand hinauf zum Grat, wo der Wettersteinkopf sichtbar ist – zumindest an Tagen ohne hartnäckigen Nebel, der den Verfasser den dauerhaften Blick verwehrte und den Aufstieg zum Grat in besonderer Weise beeinflusst hat, wie gleich zu berichten sein wird.

Rückblick auf den Einstige in die „Gänge“

Diese Route gilt es zu verfolgen, um den Vorgipfel der Wettersteinwand, den Wettersteinkopf zu erreichen (der AV-Führer spricht von einer längeren Querung der Südflanke, hinein bis in die Verschneidung zwischen Wettersteinkopf und Wettersteinwand; diese Route mag nach den Beobachtungen im Aufstieg nicht empfohlen werden).

Bergleintal bis Lochlehn

Am Beginn der Flanke muß eine etwas unangenehm zu querende Schuttreise durchschritten werden in der man tunlichst nicht zu hoch aufsteigt, um im wiesendurchzogenen Schrofengelände nicht in zu steilem Gelände weiter zu steigen. Es empfiehlt sich die Gasse etwas oberhalb der vom Einschnitt des Bergleinbaches heraufziehenden Latschen und der darüberliegenden Felsschrofen anzuvisieren. Hinter diesem „Einstieg“ mag dann mit mehr Steigung in der Flanke „Gänge“ in der AV-Karte aufgestiegen werden.

Gemsen im Aufstieg

Das rippige, girlandenförmige Gelände über die Südflanke herab und der unberechenbare Nebel versperrten dem Verfasser meist im entscheidenden Moment die Sicht auf den Grat bzw. Auf den Hochpunkt und so wurde die Querung im Aufstieg zu einem gewissen Blindflug, der zum Schluß darin resultierte, daß die geeignete Rinne zum Grat, die noch westlich vom Wettersteinkopf den Grat erreicht, nicht gefunden, sondern in der Tiefe überstiegen wurde.

Rückblick im Aufstieg; hier bereits schon zu östlich, um die Rinne zum Grat zu erwischen

Nachdem das Gelände steiler und schroffiger wurde und sich auch die Ausbildung des oben erwähnten Einschnitts zwischen den beiden Gipfeln abzeichnete, empfand der Verfasser es an der Zeit eine Position zu bestimmen. Als Hilfsmittel diente der GPS-Standort, der auf der unterlagerten Karte der AV-App zur Verwunderung anzeigte, daß nur mehr etwa 120m Aufstieg zu bewältigen sein würden, die Position jedoch direkt unterhalb des Wettersteinkopfs lag. Es lag also auf der Hand die Aufstiegsrinne verfehlt zu haben.

Endstation mit der Ostquerung

Ostwärts in die Verschneidung erschien aufgrund des schärfer werdenden Geländes nicht die gute Option zu sein und bergwärts geblickt versperrten ansehnliche Wände den Blick auf ein Ziel. In solchen Fällen kann man weiter herumirren, oder auch eine kleine Rast einlegen und hoffen, daß sich irgendwann der Blick nach oben auftut und eine Route ersichtlich wird.

mögliche Aufstiegsvarianten etwa 120 Hm unterhalb dem Wettersteinkopf

Letzteres war nach einem Griff in die Studentenfutterdose und einigen weiteren Minuten der Fall wobei zwei vielversprechende Routen die Qual der Wahl eröffneten – links ein schöner und leicht kletterbarer Riss in eine steile Scharte und geradeaus in eine etwas flachere Mulde, jedoch ohne Aussicht auf den Grat. Der gefasste Beschluss fiel zugunsten der Route geradeaus und wenn sich selbige als unkletterbar erweisen sollte, ein kurzer Rückzug und links hinauf.

Variante Direttissima, links wäre die flache Mulde

Es kam insofern anders, als daß sich beim Erreichen der Mulde, an einem hellen, als frisch zu bezeichnendem Abbruch wieder eine Gabelung öffnete, die rechts noch besser aussah als die Mulde. Der Eindruck dieser Verschneidung erschien trotz immenser Steilheit als machbar, sie verjüngte sich nach hinten oben zusehends und die Felsqualität sowie die Oberflächen deuteten auf leichte Kletterbarkeit hin, mit einziger Unbekannter – das Gelände oberhalb der Stufe.

rechts die schöne Verschneidung gefunden

Die letzten Meter in der Verschneidung ließen sich mit wirklichem Genuss klettern, der die Angst vor der ungesicherten Kletterei auf die oben leicht überhängende Kante weitestgehend schwinden ließ. Handrisse, Absätze und Flächen als Tritte zum Gegenstemmen in den Wänden zu beiden Seiten ermöglichten einen sicheren Aufstieg, bei dem auch der Rucksack durch die Engstelle gezwängt werden musste.

Rückblick auf die Verschneidungskletterei

Wie meist bei solchen Situationen erweisen sich die solchen Engstellen darüber liegenden Geländeflächen als flacher und zum Glück war das auch der Fall. Eine kleine ebene Fläche konnte zur Erkundung des Geländes in aufrechter Position genutzt werden. Der Absturz links der Rippe war der obere Teil der flacheren Mulde, die zuerst um Aufstieg ausgewählt wurde. Diese erwies sich als eher glatt, mit kleinbrüchigen Schuttflächen belegt, was nachträglich die absolvierte Route als goldrichtig aufwertete.

ein Blick auf das folgende Ziel

Die Orientierung war nach wenigen Metern weiteren Aufstiegs endlich gegeben und zeigte das überraschende Ergebnis bereits etwa 30 m östlich des Gipfelsteinmannes am Wettersteinkopf angekommen zu sein, womit die Positionsbestimmung im Schrofengelände unten bestätigt wurde. Leider erledigte sich somit ein Teil der schönen Gratkletterei auf den ersten der beiden Gipfel des Tagesziels.

Rückblick auf die Direttissima

Eine bescheidene Aussicht an diesem – an sich schönen – Tag eröffnete dennoch einen fast ungetrübten Blick gen Westen zur Zugspitze und nach Norden auf Garmisch-Partenkirchen mit dem ebenfalls im Nebel gefangenen Kramerspitz.

Blick zu den Ammergauern mit dem Hausberg der Garmisch-Partenkirchner, Kramerspitz

Nach Osten, auf die Wettersteinwand, mochte ein Bild ohne Nebel nicht klappen, auch nicht mit erneuter Wartetaktik. Also wurde der Grat in Angriff genommen und über den ersten Kopf gegen die Scharte abgestiegen.

Aussicht gegen Westen mit dem Zugspitzplatt

Den ersten Gratkopf durchzieht auf der Abstiegsseite ein Band mit Wiesenpolstern. Der anschließende kleine Buckel wird rechts umgangen, den Grund dafür erkennt man im schroffen Abbruch auf dessen Gegenseite, die mit einigem Auf und Ab weiter hinab in die tiefste Einsenkung führt.

Überschreitung nach Osten auf die Wettersteinwand; zunächst erfolgt der Abstieg in die Scharte voraus

Im Gegenaufstieg begegnet man gleich im unteren Teil ein paar schärferen Stellen, die mit dem Körper südseitig auf guten Tritten leicht erklettert werden. Die anschließenden Gratstücke können meist aufrecht, mit kaum nennenswertem Einsatz der Hände begangen werden. Kleine Schärtchen runden das Graterlebnis ab. Für den Übergang rechne man mit einer knappen halben Stunde.

gefolgt von einem Abstieg in die Scharte

Die Überschreitung vom Wettersteinkopf auf die Wettersteinwand beträgt etwas mehr als 500 m und dabei fallen etwa 60 m Abstieg und 120 m Aufstieg an. Die weitere Strecke zur Rotplattenspitze beträgt gute 800 m und für den Übergang auf die die geodätisch gut 80m niedrigere Rotplattenspitze sind knapp 50 m Aufstieg vonnöten.

schöner Aufstieg jenseits der Scharte

Der gesamte Übergang beträgt somit knapp 1.400m und dabei werden kaum 200 m Aufstieg bewältigt – in Summe ein sanfter Grat, der auch als solcher vom Tal aus gesichtet wird.

Rückblick im Aufstieg zur Wettersteinwand

Mit dem Fortschritt der Tageserwärmung löste sich auch der zähe Nebel  mehr und mehr auf und bescherte am Gipfel der Wettersteinwand teilweise einigermaßen brauchbare Sicht auf die Wettersteingipfel und Umgebung, leider aber nicht über den begangenen Westgrat hinaus.

gemütlich geht es am Grat dem Wettersteinkopf entgegen

Ein neues Gipfelkreuz trugen uns drei Individualisten ein gutes Jahr vor dieser Besteigung, im Juli 2020, auf die Wettersteinwand hinauf.

Gratverlauf erster Teil zur Rotplattenspitze

Die Gipfelbuchschachtel schließt dicht und bewies bereits im ersten Winter Trotz gegenüber Durchfeuchtung. Es bleibt zu hoffen, daß das nette Kreuz ohne Blitzschutz lange überleben wird.

Rückblick auf die Überschreitung vom Wettersteinkopf

Der breite Grat zur Rotplattenspitze kann durchgehend ohne Ablegen der Stöcke begangen werden. Klettereien gibt es keine und auch keine großen Höhenunterschiede durch Scharten, ein Spaziergang mit gut 80 m Gefälle.

letztes Gratstück zur Rotplattenspitze

Die Rotplattenspitze bildet den östlichsten Punkt der Runde. Man könnte von ihr noch weiter auf die Obere Wettersteinspitze überschreiten, welche wieder einen rassigen Übergang über die Mittagsscharte darstellt.

Obere Wettersteinspitze von der Rotplattenspitze, toller Gratübergang

Der Abstieg von der Rotplattenspitze erfolgt über den südöstlich ins Tal hinabziehenden Grat. Er wird weiter vorne verlassen und links neben dem Grat steil abgestiegen, die Gratrippe stets zur Rechten.

Südrippe von der Rotplattenspitze hinab zur Fleckalm

Weiter unten, in glattem plattigem Gelände, bzw. unterhalb dessen, wendet sich der Abstieg nach links der Fleckalm zu. Bereits von weit oben können die Steige in der weiten Mulde der Fleckalm eingesehen werden und man präge sich von oben den Einstieg des Steiges in die Latschen ein, um ihm später unten zu finden.

bereits abgestiegen und auf den Platten angekommen

Eine detailliertere Beschreibung des Abstiegs findet sich im oben verlinkten Beitrag der Oberen Wettersteinspitze.
Zurück zum Parkplatz werden die Wanderwege nördlich des Bauernwinkels benutzt.

Durchschlupf am Steig nach Lochlehn

Die Runde vom Wettersteinkopf über die Wettersteinwand bis zur Rotplattenspitze und zurück erstreckt sich über 1.560 m und 11,5 km. Man rechne 7 bis 8:30 Stunden mit kleinen Pausen.

Mils, 18.09.2021

Kramerspitz, 1.985 m – Überschreitung West/Ost

Selten hat man das Vergnügen berufliche und private Aktivitäten angenehm zu verbinden und noch dazu, wenn gleichzeitig „auf“ und „in“ ein und demselben Berg stattfinden – am Kramerspitz bei Garmisch-Partenkirchen, in den Ammergauer Alpen ist dies gelungen.

Kramerspitz, 1.985 m

An einem schönen Wintertag im Februar 2020, anlässlich der Anschlagfeier des Kramer Tunnels, manifestierte sich beim Anblick der felsigen Hauptdolomitspitze der Entschluss diesen netten Gipfel zu besteigen, ja gleichsam der Tunnelachse zu folgen und das Massiv, viel mehr als nur zu besteigen, in der Höhe zu überschreiten, in dessen Fuß der westliche Umfahrungstunnel der Stadt getrieben werden sollte.

Bauarbeiten am Kramertunnel Südportal

Nach 627 Tagen, am vermuteten Durchschlagstag, war es so weit, den Kramerspitz bzw. die Kramerspitzrunde anzugehen und am österreichischen Nationalfeiertag beim Durchschlag auf dem Gipfel zu stehen. Leider klappte die Voraussage des Durchschlagzeitpunktes um wenige Stunden nicht, sodaß der Gipfel zuerst bestiegen wurde und dann der Durchschlag erfolgte.
Fragt man sich nun wofür dieses zeitliche Zusammenfallen gut hätte sein sollen, so gibt es keine rationale Erklärung dafür, außer der Leidenschaft, die Tunnelbauer in sich tragen. Und Bergsteiger.

Beschilderung am Ausgangspunkt Maximilianshöhe

Die Runde über den Kramerspitz – wie die Einheimischen ihren Hausberg nennen – ist im Sinne des Bergsteigens, wie der Verfasser es betreibt und auf diesem Blog beschreibt, eine leichte Wanderung, also eher eine Trainingstour. Der wenig versierte Bergfreund möge sich an örtlichen Beschreibungen der Route orientieren und sie im Ostteil vielleicht abkürzen, siehe Bildergalerie.

Kreuzweg Richtung Stepberg

Jedenfalls besticht der Kramerspitz durch seine Aussicht nach Süden, auf die gewaltige Nordmauer der Wettersteinkette und seiner Vorberge, bis hin zum Waxensteinkamm und der Zugspitze einem großartigen Panorama gegenüber.

morgendlicher Blick vom Kreuzweg auf die Breitenau

Weiter im Osten, getrennt durch den Scharnitzpaß, setzt sich der eindrucksvolle Blick bis zum Horizont auf die Nordabstürze der nördlichen Karwendelkette und das Karwendel-Vorgebirge fort.

schöne Aussicht auf den Daniel bei Ehrwald, den höchsten Berg der Ammergauer Alpen

Startpunkt der Wanderung ist der kleine, auf der Fahrt am Südportal des Kramertunnels entlang dem Parkplatz Maximilianshöhe vorgelagerte Parkplatz, oder dieser selbst, auf 780 m gelegen. Von dort, ein Schild zeugt davon, erfolgt der Aufstieg auf dem breiten Wanderweg in Richtung Stepbergalm.

Aufstieg auf dem Weg zum Stepberg, Querung der Kögerlaine

Stetig nach Nordwest, führt der Weg nach knapp 100 m Wegstrecke zunächst an ein Warnschild, das einen militärischen Bereich ankündigt, an dem man rechts auf den breiten Steig, der parallel neben der Durerlaine (Bach vom Kramermassiv herab, im Herbst nur Bachbett) herabzieht, wechselt auf dem nun ständig aufgestiegen wird, bevor sich, etwa nach einer knappen Viertelstunde, die Aufstiegsrichtung noch westlicher wendet und dadurch etwas flacher wird, sowie der Abstand zum Ortsteil Breitenau sichtlich rasch schwindet.

Blick auf die Wettersteinwand

Etwa nach einer dreiviertel Stunde ab dem Start trifft man im schönen Nadelbaum-Mischwald auf eine Weggabelung, dessen steilere Variante weiter in Richtung Stepbergalm/Kramer verfolgt wird und man den unteren Saum der Latschen erreicht.

herrlicher Blick auf Blassen- und Waxensteingrat mit verhüllter Zugspitze

Nach Querung der Kögerlaine (1.472 m) wird das Gelände kurzfristig steiler und führt über einen tief ausgeschwemmten Lehmgraben und eine anschließende flachere Strecke zu einer auffälligen Lichtung, an der im Gras ein wenig ausgetretenes, aber doch sichtbares Steiglein direkt auf dem Rücken emporführt. Eine markante abgestorbene Fichte markiert die Abzweigung.

unscheinbares Steiglein direkt auf der Rippe zum Predigtstuhl

Auf dem Steig entlang quert man gleich danach einen breiteren Steig in West/Ost-Richtung, der überschritten wird. Die folgende Gasse am Aufstiegsrücken leitet über tolle Landschaft mit schönen Blicken nach West und Ost. In der Tiefe ist die Breitenau bereits verschwunden und der Blick richtet sich auf Grainau.

idyllischer Restplatz etwa 150 m unterhalb der Grathöhe

Weiter oben gabelt sich der Steig in einen rechts fortführenden Jagdsteig (in der Karte nicht enthalten) und in der beizubehaltenden direkten Linie am Bergrücken. Kurz danach wird das Gelände steiler und führt in eine schmale Latschengasse, sowie in wenigen Minuten auf die Grathöhe, oder besser auf den breiten Kammrücken, leicht westlich vom Predigtstuhl, den man kaum als markante Erhebung wahrnimmt und im Steigeifer, sowie im neu gewonnen Blick gen den Norden der Ammergauer, gegebenenfalls links liegen lässt.

oberes Schlupfloch zum Kamm

Am Steig am Gratrücken führt die Tour unter etwa 160 m Höhenunterschied nun ostwärts dem Gipfelkreuz des Kramerspitzes entgegen. Dabei kann teilweise durchaus der Steig verlassen werden und direkt am Grat gewandert werden. Nordseitig fallen die Dolomitbänke mehr oder weniger tief in schwach ausgeprägte Kare ab und der Blick auf den Gipfelbereich des Kramerspitzes wird eindrucksvoller.

Blick nach Norden am Kamm

Auf dem letzten Aufschwung kann der Grat nicht bis zum dahinterliegenden Sattel begangen werden, er endet am höchsten Punkt am Vorkopf mit einem senkrechten Abbruch zum Sattel zum Gipfelaufbau. Dem Geländekundigen wäre es wahrscheinlich möglich die geschätzten 10 m über einen Kaminriss abzuklettern, der Unkundige erkennt diese Möglichkeit erst im Rückblick am Sattel. Jedenfalls ermöglicht der kleine Umweg eine tolle Perspektive des Gipfelbereiches.

Nordseite des Kramerspitz-Gipfelaufbaues

Auffallend am Westrücken des Kramer ist, daß der Plattenbau desselben durchwegs südfallend aufgebaut ist, welches durch die Überschiebung von Süden her logisch ist, der Gipfelaufbau des Kramerspitz jedoch nach dem Sattel zum westlichen Vorgipfel sich nordfallend zeigt – eine klassische Überkippung?

nach Westen geblickt, im äußersten Kamm Vorderer und Hoher Ziegspitz

Geologisch war die sogenannte Kramer-Schuppe schon im ersten Drittel des letzten Jahrhunderts Gegenstand intensiver Untersuchungen und sie wurde damals als nördlichste Schuppe der Inntaldecke1 interpretiert und auch widerlegt.

fast in einer Linie, Predigtstuhl, Hirschbichl und Frieder (links Friederspitz)

Auf der schuttbedeckten Oberfläche einer der nordfallenden Bänke von Hauptdolomit erfolgt unter beachtlicher Neigung auch der letzte Aufstieg auf den Gipfelbereich, sozusagen dem Spitz des Kramerspitzes, den ein außergewöhnlich hohes, metallgedecktes Gipfelkreuz ziert. Als Kuriosum wurde eine schmale Rastbank am Fuß des Gipfelkreuzes aufgestellt, das den erwanderbaren Charakter des Kramerspitzes unterstreicht.

eindrucksvoller Gipfelaufbau des Kramerspitz von Westen gesehen

Ein bemerkenswert gediegenes Gipfelbuch des Volkstrachtenvereins Garmisch enthüllt die Gipfelbuchschachtel am Kramerspitz und es nimmt auf diesem leichten, vielbegangenen Ziel einigermaßen Wunder, daß es trotz seiner kurzen Lebensdauer noch nie dem Regen preisgegeben wurde.

die Wettersteinwand in 13 km Entfernung

Ein einzigartig ungestörter Blick auf die südlich gegenüberstehende Wettersteinwand in 13 km Entfernung und die noch gewaltigeren Kämme des Hochblassen und des Waxensteins in knapp der halben Entfernung lädt zum Studieren der eindrucksvollen Grate ein. Viele schöne Gipfelziele und Gratüberschreitungen warten dort auf die Begehung, beispielsweise die Überschreitung der Dreitorspitzen, die Überschreitung der Oberen Wettersteinspitze zur Rotplattenspitze oder die Überschreitung von Wettersteinkopf auf die Wettersteinwand.

die westlichen Ammergauer mit den Spitzen der in km Entfernung liegenden Geierköpfe links des Gipfelkreuzseiles

Im Westen des Kramerspitz, die im Blick vom Gipfel aus verwegensten Spitzen in der Ferne der sonst recht sanftmütigen Ammergauern kann eine atemberaubend schöne Frühjahrsschitour durch die Nordseite der Geierköpfe mit fulminantem Abschluß durch ein Felsentor in einem steilen Couloir unternommen werden.

Tiefblick auf Garmisch

Tief zu Füßen des Kramerspitzes der vom Verkehr geplagte, mit Tradition behaftete Markt Garmisch-Partenkirchen, längst zur Stadt gereift und mit interessanten Lüftlmalereien auf traditionellen Häusern verziert.

Kammbiegung nach Norden links im Bild und weiterer Verlauf des Kramermassivs

Im Abstieg leitet der Kamm zunächst abrupt nach Norden um und führt über einen seichten langen Sattel an die Nordseite des Massivs heran, auf deren brüchigen Flanke tiefer zum nächsten Sattel gegen den Mittergernkopf hin abgestiegen wird.

Links der Bildmitte der Katzenkopf, östlichster Hochpunkt der Kramerspitzrunde

Vorher noch fällt wieder auf, daß die Gratklippen des nördlich zu umgehenden Gratstücks westlich des bemerkenswerten Einschnitts der Ackerlaine senkrecht stehen, also eine neuerliche Änderung  des Überkippungszustandes am Grat. Der Gratrücken dahinter im Westen fällt wieder gegen Nord, mit Senkrechtabbrüchen im Süden, gegen die Stadt.

in der Nordflanke zum Mittergernkopf

Über den breiten Steig gegen die Roßkarköpfe und weiter in den Sattel westlich davon hinab fallen auf der Nordseite knapp 100 Hm Abstieg an, von denen 60 Hm jenseits wieder im Aufstieg auf den Mittergernkopf (1.860 m) gewonnen werden.

Steig zum Sattel und auf den Mittergernkopf

Der dem Kammverlauf deutlich vorgelagerte Mittergernkopf trägt ein großes Gipfelkreuz, und an der Grathöhe selbst befindet sich ein Minigipfelkreuz am Steig.

am Mittergernkopf – das vordere Gipfelkreuz liegt im Hintergrund in der Flucht des kleinen Kreuzes

Der breite Steig am Gratrücken setzt mit ein paar Felsstufenabsätzen durch die Latschen zum nächsten Sattel mit dem jenseitig gelegenen Katzenkopf fort, der die letzte Graterhebung im Kramermassiv bildet und nachdem der Kamm zum Königstand und danach steil in die Seleswände abbricht. Dieses Ziel, den Katzenkopf, möge der Geübte Geher mitnehmen und den schönen Steig mit dem Steilabstieg durch die Latschen in Richtung Königstand erleben.

Rückblick auf den Kramerspitz vom Mittergernkopf

Vom Sattel zwischen Mittergern- und Katzenkopf führt ein unscheinbares und enges Latschengässchen auf den kaum 100 m höheren Gipfel des Letzteren. Ein neues, einfach gehaltenes Gipfelkreuz wurde dort 2021 aufgestellt, wie an der Schnitzerei zu lesen ist.

Katzenkopf, 1.817 m

Das flache Gipfelplateau, auch als Bergfeuerplatz für den in der Gegend traditionell verehrten Johannes den Täufer zur Zeit um die Sommersonnwende – die Johannifeuer am 23. Juni – genutzt, gibt einen letzten Blick entlang des Kamms zum Kramerspitz hin frei, mit der deutlich sichtbaren Kammrichtungsänderung gegen Nord östlich vom Kramerspitz.

Tiefblick auf Partenkirchen

Nach Nordosten schließt an das Kramermassiv das in die Ebene vor München sich hin verflachende Loisachtal an.

Blick nach Nordost ins Loisachtal

Vom Katzenkopf dem fallenden Kammverlauf nordostwärts folgend wird in wenigen Minuten der steilste Abschnitt der gesamten Runde erreicht, der nach dem äußerst östlichen Punkt – mit einem schönen Tiefblick auf die Stadt – durch Latschen über die steile Südflanke hinab zum Königstand führt.

am Nordostpunkt mit bärigem Tiefblick

Dieser Abschnitt mag beim Blick über die felsige Flanke für den nicht an Steilheit Gewöhnten schwierig sein, er bleibt aber dennoch nur eine Wanderung auf schmalem Steig inmitten von Latschen.

Rückblick auf die steile Abstiegsstrecke

Nach dem kurzen Steilabstieg mündet der Steig in eine noch steil bleibende Mulde, deren talseitige Begrenzung nach wenigen Zehnermetern des Abstiegs endet und der Steig unter einer beeindruckend hohen bergseitigen Felswand in den breiten Weg zum Königstand übergeht.

Mulde am Abstieg

An dieser Stelle kann man noch mit wenig Zeitaufwand den Königstand besuchen welches der Verfasser versäumt hat und sich so, unwissender Weise, selbst um den mehrfach beschriebenen interessanten Anblick der Asphaltschiefer1 dort gebracht hat.

Felswand oberhalb des Wegs zum Königstand

Der Abstieg zum Ausgangspunkt erfolgt nun auf dem breiten Weg durch den Mischwald hinab, wobei zunächst eine recht lang anmutende Strecke (700 m) mit etwas hinauf und wenig hinab anfällt. Erst nach der Einmündung des Steigs vom Sattel zwischen Mittergern- und Katzenkopf – dies ist jener, den man beschreitet, wenn man den Katzenkopf nicht mitmachen will – fällt der Weg steiler ab und Tiefe wird gewonnen.

Einmündung des Abstiegs vom Sattel zum Katzenkopf, Kramersteig

Nach einigen flachen Kehren erreicht man die letzte erwähnenswerte Stelle im Abstieg. Es ist dies das Denkmal des Anton Ostler, einem Buben, der beim Bergfeuermachen in den Felswänden des Steigs abgestürzt ist.

Kurz vor dem Anton Ostler Denkmal

An einer schön exponierten Stelle wurde dort die sogenannte Felsenkanzel errichtet. Ein auskragend errichtetes Stahlpodest, das zur Zeit seiner Errichtung ob seiner damaligen Kühnheit weiß Gott mehr Aufsehen erregte als dieser Tage. Dennoch bietet es einen bärigen Blick in die Tiefe und auf die Wettersteinmauern gegenüber.

Felsenkanzel

Weiter unten am Kramersteig wird die Martinshütte am Grasberg erreicht, die bei toller Aussicht ein kühles örtlich hergestelltes Bier nach der langen Reise bereithält. Kurz vor der Hütte (im Abstieg gesehen) führt ein undeutlich sichtbarer Steig nach Westen, der Abstieg über den Grasberg, parallel zur Mittergernlaine, zum Kramerplateauweg.

Denkmal

Dem Kramerplateauweg folgt man dann noch einen guten Kilometer auf flachem Terrain über einen Abschnitt mit lichtem Kiefernwald und erreicht den Parkplatz Maximilianhöhe wieder, mit einem abschließenden Blick auf den Kramerspitz.

Lehrpfad am Kramerplateauweg

Die schöne Runde erstreckt sich über knapp 14 km Länge und 1.350 m Aufstieg. Als Aufstiegszeit auf den Kramerspitz geben die Wegweiser 4 Stunden an und vom Gipfel 3 Stunden für den Abstieg nach Garmisch (auf der kurzen Route unter Auslassung des Katzenkopfs.

Abschlußblick auf den Kramerspitz

Man kann die Runde, den Katzenkopf eingeschlossen, aber auch in 6:20 Stunden absolvieren (Angabe Outdooractive), oder – mit schnellem Schritt – in 5:30 Stunden.

Mils, 26.10.2021

1 Tollmann, Tektonische Karte der Nördlichen Kalkalpen 3. Teil: Der Westabschnitt (Seite 113)
2 Kockel/Richter/Steinmann, Geologie der Bayrischen Berge zwischen Lech und Loisach (Seite 28, 140, 143)

 

 

Untere Wettersteinspitze, 2.151 m – Abbruch wegen Schnee

Den östlichsten aller Gipfel in der Wettersteinwand zu besteigen war ein seit der Besteigung Oberen Wettersteinspitze bestehender Gedanke, leider mußte die Besteigung der Unteren Wettersteinspitze wegen Schnee in der Schlucht abgebrochen werden, die plattigen Stellen waren zu riskant zu absolvieren. Die Fertigstellung des Projekts wird im nächsten Sommer erfolgen.
Da der Zustieg nach dem Franzosensteig nicht ganz einfach zu finden ist soll dieser Beitrag dazu dienen, denselben näher zu beschreiben.

Untere Wettersteinspitze von Mittelwald aus gesehen

Der Zustieg ist ein Jagdsteig und es täuscht der Eindruck nicht, daß er nicht offiziell aufscheinen soll. Weder im AV-Kartenwerk noch in Outdooractive ist er zu finden, nicht einmal Steigspuren. Ebenfalls nicht die kleine Jagdhütte, die etwa auf 1.670 m liegt (jene im Kartenwerk auf 1.390 m verzeichnete liegt bei weitem nicht auf der Strecke vom Franzosensteig zur Unteren Wettersteinspitze).

Start in der Schanz in Unterleutasch

Es liegt nicht im Interesse des Verfassers hier eine Völkerwanderung in dieses Gebiet zu erzeugen, aber ein bergsteigerischer Zugang zur Unteren Wettersteinspitze muß beschrieben werden dürfen. Begeher dieses Berges sind auch keine grölende Touristenmasse, die die Fauna stören würde.

historische Markierung am Franzosensteig

Vom Parkplatz in der Schanz, in Unterleutasch, kurz vor der Landesgrenze zu Bayern, vorbei an den wenigen Häusern, wird der Ausgangspunkt vom Franzosensteig erreicht.

leicht abschüssige Lichtung, vorne rechts im beleuchteten Teil hinauf

Seinen Namen hat der Steig von französischen Truppen, die 1805, geführt von Bayern, über den Kamm der auslaufenden Wettersteinwand hinterrücks die Schanz angegriffen haben und den Einmarsch nach Innsbruck fortsetzen konnten.
Die Schanz war eine Wehranlage der Tiroler, nach der Leutaschklamm gelegen, zur Verteidigung des Landes gegenüber den napoleonischen Truppen.

Blick in Aufstiegsrichtung

Auf diesem gut markierten Steig wird im Wald auf die Kammhöhe aufgestiegen. Oben wird das Gelände flacher und dabei übersieht man fast den Hochpunkt auf 1.405 m, bei dem der Steig zum Wandfuß der Unteren Wettersteinspitze beginnt.

Rückblick nach der Linkskurve

Dort wird scharf links abgebogen und schwach sichtbaren Steigspuren gefolgt, die bald an Steinen mit grünen Markierungen vorbeiführen. Mit etwas Gespür für die logische Richtung und die Steigspuren kommt man immer wieder an die Markierungen, bis es leicht abwärts geht.

Untere Wettersteinspitze etwa von 2/3 der Steiglänge aus gesehen

Wo es abwärts geht gibt es eine kleine Lichtung an der sich der Aufstieg scharf rechts ansteigend wendet. Diese Stelle darf man nicht versäumen.
Steigspuren bestehen zwar, jedoch ist es eine Frage des Lichteinfalls, ob man sie im Vorbeigehen findet.

an der Jagdhütte

Nach kaum 50 m bergauf biegen die Spuren neben einer großer Fichte hinter einen kleinen Hügel und links werden wieder deutlicher. Als weiteres Zeichen von der Lichtung aus beachte man ein undeutliches Steinmandl, aus nur einem auflagernden Stein (siehe Bild oben).

bei der ersten Latschengasse

Nach dieser Stelle ist der Steig recht gut sichtbar. Nach der Jagdhütte, führt der Steig aus den Latschen heraus auf eine Schuttfläche und über diese hinauf über eine Steilstufe. Die Orientierung fällt nicht schwer, weil man den südlichen Kopf der die Schlucht bildet im Visier hat.

Umgehung von Schnee bedeckt und nass

Nach der Steilstufe erreicht man eine Wiesenfläche, die oben, wo sie steiler wird, abgerutscht ist und eine offene Schotterfläche hinterlässt. Dort hinauf, durch die Latschen hindurch, durch eine Senke, wieder durch eine letzte Latschengasse und der weitere Weg in die Schlucht ist einsehbar.

noch einmal die gewaltige Aussicht in die Unterleutasch

Mühsam nach dem Ende der Latschengasse über die Reise hinauf zum Felsansatz. Die unterste Partie ab der Bronze-Gedenktafel ist leicht zu klettern, oben wird das Plattengelände steiler und vor einer glatten Fugenwand haben wir aufgrund der Schneeauflage und des nassen Felses den Aufstieg abgebrochen.

Mils, 17.10.2021

Breitenkopf, 2. 469 m – Abstieg ins Schwarzbachkar

Die höchste Erhebung der nördlichen Gratausläufer der Mieminger Kette trägt den Breitenkopf, der nicht nur einen gewaltigen Blick auf die Nordwände der Hauptkette bietet, sondern auch einen geschichtsträchtigen unterhalb der Geländeoberfläche.

am Gipfelgrat nach Westen geblickt

Bereits seit dem endenden 15. Jhdt. sind in den nördlichen Karen der Kette Bergbauaktivitäten belegt. Man suchte nach silberhaltigen Blei- und Zinkerzen (Galmeierze) und wurde in zunächst reicher Weise auch fündig. Mit dem Ende des 19. Jhdts. und dem Beginn des 20. Jhdts. wurden mangels genügender Ausbeute, aufgrund der teuren Gewinnung durch die Hochlage und aus Geldmangel die Bergbauaktivitäten eingestellt.

Mundloch des Hermann-Stollens

Zurück blieben begehbare Stollen, die auch im Igelskar am Weg zum Breitenkopf befahren werden können und somit die eher kurze Bergtour zum Breitenkopf aufwerten.

auf der Gaistalstraße – Hintergrund Karkopf und Hochwand

Vom Parkplatz Gaistal aus starteten wir mit dem Anmarsch durch das Gaistal bis zum Igelsee.
Natürlich kann man diese 10 km lange Strecke auch schneller mit dem Radl als zu Fuß zurücklegen, allerdings bleibt der Eindruck vom schönen Tal beim langsameren Fußmarsch einprägsam erhalten und man kann das Schwarzbachkar mit dem möglichen Abstieg studieren.

Breitenkopf mit Nordgrat und Schwarzbachkar

Selbst recht früh am Morgen tummeln sich auf dieser Strecke schon zahllose Radfahrer mit und ohne Stromradl. Man sollte also nicht später als 7:30 Uhr starten, um einigermaßen allein auf dem Fahrweg zu marschieren.

Igelsee

Mit schnellem Schritt erreichten wir nach zwei Stunden den Igelsee, bei dem linkerhand ein nach wenigen Minuten endender Forstweg abzweigt. Am Ende desselben befindet sich ein Weidezaun hinter dem – bei einem unübersehbaren Steinmandl – der Steig zur Breitenkopfhütte abzweigt.

vom Igelsee zum Igelskar mit Breitenkopf

Vorbei am Holzstoß zur Mitnahme für die Nutzung der Breitenkopfhütte, eine versperrte Selbstversorgerhütte (DAV-Schloss, jedoch wegen der Virushysterie nicht zugänglich – Stand 2021) in beeindruckender Lage am östlichen Rand des Igelskars, geht es etwa 20 Minuten bis zu einer Abzweigung vom Steig linkerhand, die unterhalb der Halde des Hermann-Stollens führt.

Abzweig zum Steig ins Igelskar

Dieser Ort –vermutlich ein allgemeiner Installationsplatz für schweres Gerät – unterhalb der Halde dürfte von den Bergwerksbetreibern aus Gründen der Zugänglichkeit mit Pferdefuhrwerken gewählt worden sein, denn vom Abzweig zur Felsnische mit dem Überbleibsel des Kompressors führt eine sonderbar breite und ebene Rampe, die nicht nur einen Steig für Personen repräsentiert.

Reste eines Kompressors unterhalb des Hermann-Stollens

Man findet dort Reste eines – vermutlich zweistufigen – Kompressors der Firma Ingersoll-Sergeant Rock Drill New York, die sich von etwa 1870 an auf die Herstellung von Geräten und Apparaturen für den Bergbau befasst. Der Produktkatalog der Firma von 1921 zeigt ähnliche Kolbengehäuse wie sie in der Felsnische unter der Halde zu sehen sind.

Halde des Hermann-Stollens

Einige Meter weiter gelangt man auf einen Zugang zur ansehnlichen Halde des Stollens und entlang dieser stiegen wir bis zum Stollenmundloch auf.
Die Eingangsgebäude des Hermann–Stollens sind verfallen, die Reste von Grundmauern zeugen noch von einstigen Vorbauten, dem Bild1 nach eventuell Tagesunterkunft und Material- und Gerätemagazin.

im Hermann-Stollen

Die Begehung des nahezu horizontalen Teils des Hermann-Stollens ist möglich und diese unternahmen wir auch. Den sehr steilen Bremsberg am Ende des horizontalen Teils konnten wir mangels Ausrüstung nicht begehen, einen Versuch über die rutschig-nassen Laufbohlen mit Querhölzern unterließen wir nach wenigen Aufstiegsmetern. Die Laufbohlen sind unter den Spreizen mit Letten verfüllt und man sollte schon eher feste Gummistiefel als leichte Bergschuhe zur Begehung tragen.

Beginn des Bremsberges im Hermann-Stollen; mit beträchtlicher Steigung und rutschigen Steigbohlen

Der Bremsberg am Ende der Horizontalstrecke weist im schwachen Lichte der Taschenlampen schätzungsweise eine Steigung von 35 bis 40% auf und am Knickpunkt konnten wir keine ausgeprägte Profilvergrößerung des Stollenquerschnittes feststellen, die man zur Manipulation der Wägen annehmen würde.

horizontale Ausdehnung Hermann-Stollen mit etwa 630 m Länge im Verhältnis zur Lage der Breitenkopfhütte

Durch einfache Zählung der Schritte und durch Multiplikation derselben mit einer mittleren Schrittlänge von 0,75 m erhält man eine recht genaue Länge des horizontalen Teils des Hermann-Stollens von 630 m. Durch diese – für die Grundrissbetrachtung der Oberflächenverhältnisse bemerkenswerte – Länge erklärt sich höchstwahrscheinlich auch die enorme Steigung des anschließenden Bremsberges, der mit dem Oberbaustollen1, der eigentlichen Erzlagerstätte bei der Breitenkopfhütte, verbunden ist. Zum Schluß fehlt jedoch ein Knick in Stollenlängsachsenrichtung, der notwendig erscheint, soll der Saigerriß (Abb. 39) auf Seite 42 stimmig sein, denn die horizontale Länge des Hermann-Stollens im Grundriss aufgetragen hat ihren Endpunkt bereits unweit der Breitenkopfhütte (siehe vermaßtes Luftbild), jedoch knapp 300 Hm tiefer (die Steigung im horizontalen Teil vernachlässigt).

im Igelskar unterwegs zur Breitenkopfhütte

Wieder ausgefahren setzten wir unseren Weg über Wiesenflächen zwischen Latschenfeldern südwestlich des Stollens aufsteigend fort und erreichten den Steig zur Breitenkopfhütte oberhalb der Geländestufe im flacheren Teil wieder, von wo aus die Hütte bereits sichtbar in ihrer geduckten Lage unterhalb eines Felsendaches wird.

altertümlicher Bergbau „Welsches Loch“

Im Anmarsch zur Breitenkopfhütte schlängelten wir uns um zahlreiche Dolinenstrukturen herum, sodaß die Mulden stets vermieden wurden. Inmitten dieser findet man unweit vom „Welschen Loch“ (vermutlich ein altertümlicher Grubenbau) eine Quelle, die mittels Rohr gefaßt und mit einem Blechbecken versehen zur letzten Wasserversorgung vor der Breitenkopfhütte dient.

Quellbrunnen vor der Breitenkopfhütte

Im Berg hinter der Breitenkopfhütte befindet sich  Oberbau-Stollen. Dieser wurde in Richtung einer mächtigen Kluft (Überschiebungsbahn?) vorgetrieben, die am Mundloch zu sehen ist. Bald erreicht der Stollen eine recht hohe Karstkaverne und in weiterer Folge eine Stollenstrecke mit ausgeprägten Kluftsysteme die schöne Harnischflächen aufweisen.

Breitenkopfhütte

In der Stollenstrecke nach der großen Kaverne enden die Karststrukturen und werden auch durch Richtungsänderung der Längsachse nach Südost und wieder nach Ost nicht mehr gefunden.

Kaverne im Oberbau-Stollens

Den nach der Hauptkaverne abzweigenden Stollen haben wir nicht betreten, er ist mittels Paletten abgesperrt und die Betretung als lebensgefährlich ausgewiesen. Details dieses Abschnitts des Oberbau-Stollens1 siehe Seite 41.

Harnischfläche im Oberbau-Stollen

Nach dieser tollen Erkundung setzten wir unseren Aufstieg zum eigentlichen Ziel, dem Breitenkopf, an der Felslinie links hinter die Hütte über zunächst steilen Schutt fort. Weiter oben, bereits nach einer Kurve die durch Felslinie südlich der Breitenkopfhütte beschrieben wird, leitet ein sichtbarer Steig durch den Schutt zu den begrünten Flächen, die gegen die Nordwand des Hochplattig hin liegen.

bereits nach der Breitenkopfhütte am Weg ins hintere Igelskar

Über sie steigt man bis zu einer Rippe auf, deren Südflanke zum Verbindungsgrat der Hauptkette zum Breitenkopf führt. Hier verbreitert sich das Nordkar des Hochplattig und dies ist von außen im Iglskar nicht sicht- und nicht erahnbar.

die Felsnase oberhalb der Reisen wird angesteuert

Diese Verbreiterung wird zum unteren Anstieg auf den Grat genutzt indem die schroffige Südflanke der Rippe erklommen wird.

unterhalb der Felsnase – rechts davon der Anstieg

Der Aufstieg wird nach den Schrofenhängen im unteren Teil nach oben hin immer brüchiger und zieht sich über einen kaum zu verfolgenden Steig nach oben bis zum Grat.

Aufstiegsgelände auf den Grat

Diese Strecke ist durch seine brüchigen und mit Schutt übersäten Oberflächen ein nicht so erbaulicher Teil im gesamten Aufstieg. Bewundern kann man aber die gewaltigen Nordmauern des Hochplattig.

Rückblick auf die Rippe, die links umgangen wird

Erfreulich ist allein der Blick am Südgrat, dessen Ziel, der Breitenkopf, aber noch verborgen bleibt.

Aufstiegsgelände zum Grat

Die Begehung beginnt mit leichten, niederen Absätzen und steigert sich hinsichtlich des Einsatzes der Hände etwas gegen die breite Scharte hin, die vom Iglskar aus sichtbar ist. Gesamt gesehen bleibt der Grat aber in mäßiger Schwierigkeit.

hin und wieder schmale Stellen

Vor dem plötzlichen Steilabbruch des Grates erkennt man eine komfortable Rissbildung in der Flanke gegen das Schwarzbachkar hinab, die über ein paar Meter zu einem schwach ausgeprägten und schuttbedeckten Band hinab leitet, das den Steilabbruch überwindet und zur Grathöhe zurück führt.

Abstieg zur Umgehung des Steilabbruches vor der Scharte

Die steile Flanke muß wegen des vielen Schutts mit prüfendem Schritt begangen werden, stellt aber keine Schwierigkeit dar.

Evi in der Ostflanke

Es bietet sich dann ein kurzer Abstieg über schneidige Gratplatten einer Kluftbahn in das Tiefste der Scharte, die auf breitem schuttigem Gelände durchschritten wird und jenseits mit jäh aufsteigendem Fels des Gipfelaufbaues den letzten Abschnitt des Aufstiegs auf den  Breitenkopf einleitet.

Rückblick auf den Steilabbruch

Ein Steinmann leitet wieder in die Ostflanke des Gipfelaufbaus und ab diesem beginnt ein kurzer Abschnitt an Kletterei der als schwierig einzustufen ist. Ein Riss von etwa 5 m Höhe muß dabei leicht ausgesetzt aufgestiegen werden.

Steinmann in der Ostflanke nach der Scharte

Zur Hilfe befindet sich ein Kletterseil über in diesem Abschnitt, das oben um ein Felsköpfchen gelegt wurde. Für die Kräfte eines echten Sturzes erscheint dieser Festpunkt eher zweifelhaft, zum Aufziehen im Aufstieg ist er aber völlig ausreichend.

Aufstieg zur Grathöhe – Kletterseil zur Hilfe (Bildmitte)

Es folgen weitere kurze leichte bis mäßig schwierige Gratabschnitte bis zum Gipfel und von der Scharte aus dauert der Aufstieg Gipfelaufbau kaum mehr als zehn Minuten. Am Weg zum Gipfel bietet sich rechterhand der Blick über eine steile Rinne hinab zum Nordostgrat, den wir zum Abstieg ins Schwarzbachkar nutzten.

letzte Höhenmeter zum Gipfel des Breitenkopfs

Der umwerfend beeindruckende Blick vom Gipfel des Breitenkopfs nach Westen umfasst eine gewaltige Nordflanke bis ein Kettenzweig zwischen Grünstein und Marienbergspitzen nach Norden abbiegt.

noch eine etwas luftigere Passage zu bewältigen

Diese Front misst 5,5 km (mit Unterbrechung an der Grünsteinscharte) und ist mit jener der Heiterwand und jener in der Karwendelhauptkette eine der längsten in den Nördlichen Kalkalpen. Der Wandflucht entspringen die Nordgrate ins Gaistal hinab, die besteigenswerte Gipfel tragen und jeweils über Scharten überquerbar sind.

letzte Meter am Gipfelgrat – im Hintergrund die Hochwand

In den Karen dazwischen befinden sich mehrere Gebirgsseen deren Becken die Formung Gletschern der Eiszeiten verdanken.

Fernsicht nach Westen mit der gewaltigen Nordwandmauer der Mieminger

Das stählerne Gipfelkreuz von 1958 am Breitenkopf wird von der DAV-Sektion Coburg betreut und ist eines der ältesten weit und breit.

Gipfelkreuz Breitenkopf, 2.469 m

Ein Blick nach Norden gegenüber zeigt die eindrucksvolle Zugspitze und das Platt, sowie den langen Grat von den Gatterlspitzen auf den Schneefernerkopf und im Osten schließlich türmt sich die mächtige Hochwand auf, deren Überschreitung vom Karkopf aus ein einmaliges Erlebnis darstellt.

Aufstieg mit Scharte im Rückblick

Der AV-Führer beschreibt eine Aufstiegsmöglichkeit vom Nordgrat auf den Hochplattig und vom Breitenkopf aus sieht diese Route, die nur mit mäßiger Schwierigkeit, jedoch mit Brüchigkeit eingestuft wurde, nicht sonderlich einladend aus.

Hochplattig-Nordwand mit Gratverlauf zum Breitenkopf

Für den Abstieg sah die Planung das Schwarzbachkar vor und die steile Rinne, die im Gipfelbereich ansetzt, bildete den Einstieg in den Abstieg.

Ehrwalder Becken mit dem höchsten Gipfel der Ammergauer Alpen, dem Daniel rechts der Bildmitte

Über die ersten Meter kamen wir trotz viel Schutt gut hinab, noch vor der Hälfte, so unser Eindruck, mußten wir aber auf den Grat hinaus queren, um festen Fels ohne rolliges Material zu finden. Weiter unten, im flacheren Teil, wird der Grat auch breiter.

Zugspitzmassiv im Norden

Die Steilheit der Gratflanke in das Schwarzbachkar unterbindet jeden Blick auf den unteren Teil und dabei hat der Bergsteiger bereits seine Erfahrungen gemacht, die auch in einem mehr oder weniger großen Dilemma endeten.

Rinne hinab zum Nordostgrat am Breitenkopf – unser Abstieg ins Schwarzbachkar

Auf der Suche nach einer geeigneten Stelle für den Abstieg durch die Grasschrofen näherten wir uns einer wenig ausgeprägten Graterhebung und beschlossen in die Mulde an dieser Stelle abzusteigen, auch wenn sich immer noch kein durchgehender Blick über die Flanke bis zu den Schuttreisen im Kar aufgetan hatte.

steil und brüchig geht es knapp die Hälfte in der Rinne hinab bevor wir links auf den Grat querten

Etwa in der Hälfte des Abstiegs durch die Flanke erreichten wir einen Steinmann, der unsere Entscheidung bestätigte und uns beflügelte, wegen etwaiger ungangbarer Felsen bis zu den Reisen im Kar keinen weiteren Aufstieg machen zu müssen, um eine andere Stelle zu suchen.

vor einer Graterhebung (Bild in Gegenrichtung aufgenommen) stiegen wir in den Trichter ab

So stiegen wir die bis zu einer von oben gesehen sehr ausgeprägten Felsrippe hinab, die zu beiden Seiten steil abfallende Rinnen aufweist. Die linke mit einem Steilabbruch wurde verworfen und die vielversprechende rechte Rinne über steile Schrofen abgestiegen.

Blick am markanten Felskopf nach rechts – komfortabel bis zur nächsten Stufe begehbar

Unten wieder dieselbe Situation und wieder bot der Abstieg rechts die bessere Wahl. Der prüfende Blick über die restlichen etwa 15 Hm ließ uns aufatmen, sie waren steil, aber recht einfach in festem Fels zu begehen.

letzte Stufe vor den Reisen – rechts gut abkletterbar in mäßig schwierigem Gelände

Über die Reisen bis zu blockigerem Material versuchten wir so weit als möglich karauswärts zu queren, um die Strecke im mächtigen Schwarzbachkar zu verkürzen.

Evi meistert die Passage mit ein wenig Akrobatik

Dennoch blieb eine gute Strecke bis zum Latschengürtel, der, noch nicht vorher erkundet, ein weiters Abenteuer im Abstieg darstellt.

in Summe leichter Abstieg und durch nicht überstürzte Handlungen auch ohne Rückstieg gelungen

Für Abenteuer dieser Art empfiehlt sich sehr, die Strecken bei der Tourvorbereitung in TIRIS mit dem Hintergrund des Orthofotos anzusehen. Und wenn man auch nur den Ort des Einstiegs in den Latschengürtel erkennt hat man schon einen Gutteil an Suche vorab erkundet. Diese Perspektive eröffnet im Gelände dann so manchen weiteren geschickten Schachzug in der Routenwahl.

Querung im Abstieg zum Karboden im Schwarzbachkar

Allerdings hatten wir das diesmal nicht durchgeführt und steuerten auf die breite Latschen Front zu, behielten jedoch die oberste Position, um nicht wieder aufsteigen zu müssen.

mit herrlichen Blicke auf die Wettersteinseite

Dabei stellten wir fest, daß die Steigspuren gem. AV-Karte von einer großen Mure weggespült worden sind und das Gelände schlecht gangbar war. So querten wir eine breite Latschengasse an, die sich weit hinunter zu ziehen schien.

der sich leider an einem breiten Murengraben verläuft

Leider mußten wir an ihrem Ende feststellen, daß wieder einmal eine gewisse Strecke Abenteuerparcours zu bewältigen war und machten uns durch den Dschungel auf, die nächste durchscheinende Latschengasse zu erreichen.

nach dem Rückzug und einer – glücklicherweise kurzen – Latschendurchquerung haben wir den unteren Steigverlauf gefunden

Jenseits des Krummholzes stellen wir dann zum Glück fest, daß es einen Hauch von Steig gab, dem wir folgen konnten und der uns auch zum diesseitigen Ende des Steigs brachte, den die Mure schuf.

und sehen auch schon dessen Fortsetzung jenseits des Murenbetts (genau in Bildmitte)

Schräg gegenüber konnten wir den Steigverlauf gleich sehen. Allerdings kamen wir einige Male leicht vom Steig ab, fanden ihn aber immer gleich wieder und gelangten zu einer breiten Schuttreise, die den Steig unterhalb des mächtigen Nordsockels des Breitenkopfgrates scheinbar durchschnitt.

Fortsetzung des Steiges mit Latschengasse in Bildmitte erkennbar

Scheinbar nur deshalb, weil der Schuttstrom eine Spitzkehre abschnitt. Bei der Umschau konnte glücklicherweise gleich die Fortsetzung des Steigs gefunden werden.

vermeintliches Steigende nach Umrundung des Sockels des Nordostgrates

Dieser Steig zog sich weit hinab ins Gaistal und als wir ihn im Wald verloren marschierten wir querfeldein durch die letzten Hänge bergab der Gaistal Straße zu, über die wir den Weg zum Parkplatz fortsetzten.

nach etwa 150 Hm Wald am Schwarzbach Unterlauf angekommen (links oberhalb des leuchtenden Laubbaumes in Bildmitte kommt man vom Kar auf den Steig im Wald)

Die Runde besticht schon zu Beginn mit der Schönheit des Gaistales und die Durchquerung des Tales bietet die Möglichkeit das Schwarzbachkar etwas unter die Lupe zu nehmen, auch wenn das Licht des Morgens noch spärlich darin zu finden ist.

kein schlechter Berg der Breitenkopf im Rückblick

Wir haben für die Runde mit 1.350 Hm Aufstieg und die Besichtigung der Stollen 9:50 Stunden benötigt. Die Strecke ist mit 26 km keine geringe, vor allem, wenn man sie so wie wir, zu Fuß zurücklegt.

Mils, 05.09.2021

1 Wolkersdorfer 1989: Zur Geschichte, Mineralisation und Genese des ehemaligen Bergbaues auf die Blei-Zink-Vorkommen SE des Ehrwalder Talkessels, Abb. 15 – Seite 24

 

 

Westliche Mitterspitze, 2. 693 m – Abstieg über Schoßgrat

Selten bleibt es vollkommen aus, daß die Natur dem Bergsteiger niemals ein Schnippchen schlägt, kaum aber passiert es am harmlosen Beginn einer Tour so drastisch wie es uns auf die Westliche Mitterspitze erwischt hat. Die Bestrafung für die Schlauheit den Anstieg zum Unterplattig auf dem höheren der beiden Steige über das Mitterbergle zu nehmen war schweißtreibend und zehrte an den Nerven.

Andi und Simon grübeln über die beiden Griesspitzen nach

Im Kartenwerk finden sich die beiden Routen als Steigspuren abzweigend vom Fahrweg, bzw. der obere, vom weiterführenden Pfarrer-Kathrein-Steig auf den Henneberg.
Nun könnte man den unteren direkt als ersten nehmen, der jedoch auf der Karte mit einer Unterbrechung auf dem Wiesenrücken in der Karte verzeichnet ist.  Also entscheidet man sich für den oberen, der den Bach weiter oben – unter den Felsen – überquert und ohne Höhenverlust weiter auf das Mitterbergle zurückquert.

mittig im Bild – Große Schoß, rechts darüber die Westliche Mitterspitze

Ziemlich verdattert standen wir dann am Ende des oberen Steiges und blickten auf einen riesigen Einschnitt im Bachschutt mit keiner richtig sichtbaren Fortsetzung des Steiges auf der Gegenseite.

Abzweigung zum Unterplattig vom Pfarrer Kathrein Steig

Zuversichtlich den Steig drüben anzutreffen stiegen wir in den Einschnitt ab und drüben unangenehm unter viel losen Partien und großer Steilheit in die Latschen. Natürlich fanden wir den Steig nicht, jede Gasse erwies sich nach kurzer Strecke als Sackgasse. So hieß es einen unangenehmen Rückzug zu nehmen, um die Lage zu erkunden.

erste Befürchtungen über den weiteren Steig…

Wieder auf der Ausgangsseite beim Erkunden zeichnete sich dann oberhalb der Stelle an der wir es zum ersten Mal versuchten an einer leichten Geländerippe eine ausgeschnittene Latschengasse ab, die es sein mußte. Also wieder in den Einschnitt, jedoch etwas höher und noch unangenehmer über kleinkörnige Schotterflächen zur Latschengasse.

offensichtlich hat der Bach den Steig fortgeschwemmt und es gibt keinen Übergang mehr

Am Weg dorthin verursachten die steilen Böschungen so manchen Rutscher, der mit aufgeschürften Schienbeinen bezahlt wurde. Endlich erreichten wir die gesichteten Steigspuren und dort Zeichen von sehr alter Ausholzung.

nach einem langen Kampf gegen die Natur am Unterplattig angekommen

Die Freude war nicht von langer Dauer als wir nach wenigen Dutzend Metern einen völlig zugewachsenen Verlauf feststellen mußten und bereits mit Verrenkungen das Durchkommen übten. Zum Glück wies uns bald eine  Schuttreise eine Latschengasse, auf der wir im direkten Anstieg in die Felsen oberhalb nach einer Stunde wirklichen Kampfes endlich den Ausgang aus dem Latschenfeld fanden.

durch den Wald am Mitterbergle führt der verbliebene Anstieg

Die Plagerei am warmen Hochsommertag hatte uns eine Dreiviertelstunde und die geringe Steiggeschwindigkeit darüber hinaus merklich Nerven gekostet. Zeitverluste gegenüber dem Plan sind des Bergsteigers Gift dieser Tage und wir waren einer Steigangabe erlegen, die aufgrund der Arbeit des Baches an ihren Flanken Jahrzehnte nicht mehr intakt ist, sich aber auch nach wie vor im Kartenwerk wiederfindet.

Blick über das Unterplattig

Angespannt ging es über das steile, wiesendurchsetzte Unterplattig weiter. Wenigstens gewannen wir dann rasch an Höhe, um den unrühmlichen Versteiger in der Tiefe vergessen zu können. Das Gelände dort ist schon kein Wandergelände mehr und bei Nässe um Einiges gefährlicher als ein gleich steiles Felsgelände.

typisches Gelände im Unterplattig

Über bankige Schrofen erfolgt dort der Aufstieg recht direkt, der auch gut markiert ist, jedoch mehrere Routen aufweist. Man täte gut daran, sich für eine zu entscheiden, wäre das so einfach möglich. Nach etwa einer guten halben Stunde erreichten wir einen Rastplatz, der mit einem Bankl und ausgehauenem Standplatz komfortabel hergerichtet wurde.

Überquerung eine tiefer gelegene Rinne

Von dort quert der Steig dann westwärts unter mäßigerer Steigung als zuvor. Bald wird eine Rinne unter leichtem Höhenverlust überquert und das Gelände führt unter der ersten Felsrippe auf eine abgewaschene, mäßig steil geneigte Felsfläche in den Schatten des Ausläufers vom Westlichen Schoßkopf herunter.

schöne gletschergeschliffene Platten im Wettersteinkalk führen zur Geländestufe

Kurz darauf standen wir unterhalb einer hohen Felsstufe in das darüberliegende Kar, „Große Schoß“ genannt. Es kann über ein schräg nach oben verlaufendes Rißsystem erklommen werden. Zur Hilfe dient eine Drahtseilversicherung mit einer aufgescheuerten Stelle, die aber noch gut tragfähig ist.

seilversicherte Passage über die Geländestufe in die Große Schoß

Die Große Schoß erwies sich an dem klaren Sommertag als eine harte Nuss hinsichtlich durchgehend großer Steigung und dem monoton zurückzulegenden Höhenunterschied von 470 m bis zu den Felsen unterhalb der Einschartung zwischen Östlicher Griesspitze und Westlicher Mitterspitze. Dieser Teil hat uns eine volle Stunde gekostet.

unverfehlbarer Anstieg zur Westlichen Mitterspitze (links zweigt der Anstieg zum Fisch ab)

Nach der Wandstufe, an der Stelle des beschrifteten Felsens „West. Mitterspitze“ zweigt scharf westlich der Anstieg zum „Fisch“ ab, dem Anstieg zur Östlichen Griesspitze. Bezeichnet ist dieser nur mit einem „F“ und einem Pfeil etwas entfernt und im Schatten am Morgen nicht deutlich sichtbar, also leicht zu übersehen.

zuoberst in der Großen Schoß muß die lange Schotterreise bewältigt werden

Das untere Kar ist begrünt und in dessen Mittelteil tummelte sich eine Herde Schafe. Es muß also noch einen anderen Zugang zur Großen Schoß geben, als über die direkte Felswand.

eine Markierung weist den kaum sichtbaren Steig durch die grellen Schotterpartien

Oberhalb der begrünten Karfläche trafen wir auf Schuttreisen, die ein gutes Stück an Weg und Höhenunterschied zur Felslinie der Karbegrenzung ausmachen. Jedoch führt auch durch sie ein Steig, der auch sichtbar ist. Sogar ein kleiner Felsbrocken mitten in der Reise trägt zur Orientierung eine rote Markierung (im Frühjahr sicher länger mit Schnee bedeckt) und weist zum Einstieg, der ebenfalls weithin sichtbar markiert ist. Eine Wasserrinne wird im Anstieg durch das Schuttkar links liegen gelassen.

an der Felslinie angelangt

An der Felslinie beginnt eine nette leichte Kletterei, die teilweise die Hände erfordert. Nach oben hin bilden sich mehr und mehr schräge Flächen aus, die mit Schutt belegt sind und den Aufstieg zur Einschartung erschweren. Dort endet plötzlich die vorher reichlich erlebte Markierung des Aufstiegs.

Rückblick über die Große Schoß

Da wir die Scharte vor Augen hatten und nicht mehr auf die Markierung angewiesen waren, wäre es auch möglich, daß dieselbe über eine Rinne links wegführt und eine Rinne hinauf zur Westlichen Griesspitze markiert. Das gilt es nun ein andermal festzustellen. Jedenfalls bemerkten wir plötzlich und zu spät, daß die Markierungen am Weg zur Scharte an irgendeiner Stelle aufhören mußten und fehlten.

herrlich leichtes Klettergelände zur Scharte

Die Scharte mit ihren Ausblicken auf die Nordseite der Mieminger, sichtbar vornehmlich die Tajaköpfe und die Ehrwalder Sonnenspitze, verbunden mit einer leichten Brise Jochwind brachten wieder etwas frischen Elan in den vom steilen, heißen und monotonen Steigen ermüdeten Körper. Der Restaufstieg auf die Westliche Mitterspitze verläuft direkt am Grat, ist leicht ohne Kletterei zu begehen und regt – wie die meisten Gratverläufe – an.

kurz vor der Scharte zwischen Östlicher Griesspitze und Westlicher Mitterspitze

Zuerst jedoch erkundeten wir von der Scharte aus einen Aufstieg auf die Östliche Griesspitze direkt am Grat, der allerdings nicht so leicht machbar schien, da der Gratschrofen westseits der Scharte jäh und senkrecht abbricht.

bäriger Blick auf den Hinteren und Vorderen Tajakopf; links der beiden die Ehrwalder Sonnenspitze

Also ein ungangbarer Zacken, der nur durch den Abstieg, der Unterquerung etwa 40 Hm unterhalb und einem Wiederaufstieg in einer schmalen Rinne auf den Grat möglich ist. Umso unglaublicher schien uns ein Gipfelbucheintrag, daß man den wahrscheinlich – durch die Brüchigkeit – meist heiklen Grat von den Griesspitzen bis zum Hochplattig incl. Aufstieg aus dem Tal an einem Tag zurücklegen kann.

Gratkopf nach Westen zu den Griesspitzen – er muß tief umgangen werden

Von der Scharte müssen noch 120 Hm auf die Westliche Mitterspitze zurückgelegt werden und unter tollen Tiefblicken auf die Nordseite der Mieminger Kette erfolgen sie mit wesentlich weniger Mühe als die 650 Hm in der Großen Schoß.

Gratanstieg auf die Westliche Mitterspitze

Die Bergrettung Mieming hat ein Jahr zuvor ein schönes neues Kreuz aufgestellt und die Mitglieder haben es über den beschwerlichen Anstieg per Muskelkraft hinaufgebracht, was besondere Achtung verdient.

das bärige neue Gipfelkreuz der Bergrettung Mieming

Am Westgipfel der Mitterspitzen kann die Östliche Mitterspitze eingesehen werden, ohne eine weitere Gratbegehung nicht aber der Mittelgipfel. Rechts neben dem Ostgipfel erhebt sich der Westgipfel des Hochplattig und beim Abstieg über den Schoßgrat konnten wir den bizarren Gratverlauf dorthin bewundern. Beim direkten Anblick aus dieser Nähe staunt man, daß dieser bei der allgemeinen Brüchigkeit in diesem Teil des Grates mit nur einer Einstufung als schwierig begehbar ist.

die Östliche Mitterspitze vom Gipfel der westlichen gesehen

Nach Norden hin erstrecken sich die ausgedehnten Kare mit ihren zahlreichen kleinen Seen. Direkt nördlich unterhalb liegt das Brendlkar mit seinen noch vorhandenen zwei Seen. Einer der beiden oberen Seen ist bereits ausgetrocknet, der zweite steht kurz davor zu verlanden.

Brendlkar mit den beiden Seen und rechts den Iglsköpfen

Die rechte Begrenzung des Brendlkars bilden die Iglsköpfe mit der Übergangsscharte vom gleichnamigen Iglskar. Meist handelt es sich bei den von oben phantastisch grünblauen Seen um Felsbeckenseen glazialen Ursprungs.

unser Abstieg über den Schoßgrat

Den Abstieg wählten wir über den Schoßgrat. Die Tageszeit war – nicht zuletzt durch den Verhauer am Anstieg ins Unterplattig – fortgeschritten und an die weitere Gratstrecke zum Ostgipfel nicht mehr zu denken. Simon hatte den AV-Führer studiert und auf die Möglichkeit des Schoßgrates im Aufstieg hingewiesen – diese nahmen wir nun wahr.

Schoßgrat – sieht harmlos aus, jedoch mit nicht zu unterschätzenden Stellen versehen

Bereits auf den ersten Metern am Grat, nach dem Zurücklassen der Geröllstrecke am Gipfelaufbau, zeigt der Grat Zähne. Nicht, daß sofort mit dem Abklettern begonnen werden muß, so doch mit sehr steilen Einlagen von Schrofen zu beiden Flanken und einem Steilabbruch, der im Sturzfall nicht zu unterschätzen ist, in die Kleine Schoß hinab.

Gratköpfchen mit steil fallender Wand in die Kleine Schoß

Einige Passagen erfreuen gleich das Herz des Gratkletterers, wenn es auch leichter gewesen wäre, die Gratbegehung im Aufstieg genommen zu haben.
Hin und Wieder begegneten wir Steinmännern, die an der unmittelbaren Gratschneide natürlich ihrem Zweck kaum gerecht werden und meist dort fehlen, wo vom Grat abgewichen werden muß – so weiter unten am Schoßgrat.

der Anstieg auf die Östliche Griesspitze wird erkundet

Gegen die Seitenrippe hin – es handelt sich um jene, die in Abstiegsrichtung rechts abzweigt – neigt der Schoßgrat sich mit einer immer steiler werdenden Gradiente und das letzte sichtbare Steinmandl am unmittelbaren Grat fiel schon nicht mehr unsere Wahl der Begehung, die zum Östlichen Schoßkopf hin führt.

Übergang zum Westlichen Schoßkopf in Bildmitte

Wir entschieden uns für die Abzweigung nach rechts, wobei man nicht davon sprechen kann, daß es sich um eine echte Gratgabelung handelt, weil nach rechts über die Flanke abgestiegen werden und ein breites Schuttfeld überquert werden muß, bevor sich dieser Teilgrat in Richtung zum Westlichen Schoßkopf wieder schroff ausbildet.

tief eingerissener, bizarrer Grat auf den Hochplattig im Osten

Der Abstieg über die Westflanke erfolgt unangenehm auf plattigem, schuttbelegtem Fels und endet in einer Schuttreise vor einem Steilabbruch, der auch von oben nicht eingesehen werden kann. Somit begaben wir uns in eine ungewisse Situation, die nur mit der Hoffnung verbunden war, daß wir das Richtige unternahmen, nicht aber mit der Gewissheit.

die Griesspitzen von Südosten betrachtet, ganz rechts der Gratkopf mit dem Senkrechtabbruch auf seiner Westseite

Im gegenteiligen Fall hätte nur ein langer Rückweg zum Gipfel den Ausweg gebracht, denn beide Seiten des Schoßgrates sind von Senkrechtabstürzen an der Basis geprägt und für den Ortsunkundigen ungangbar.

Übergang vom Schoßgrat auf den Westlichen Schoßkopf

Die Spannung spitzte sich zu, als wir den Gratansatz  erreichten und der erste Ausblick vor dem Turm mit den auffälligen Verwitterungsflächen und der Rutschfuge an seiner Basis war ernüchternd. Daß dieser Turm nicht schon in die Tiefe abgerutscht ist erscheint beim ersten Anblick als ein Wunder.

Felsenfenster im stark verwitterten Gratkopf und eindrucksvolle Rutschfuge

Allerdings bestätigte sich das von weit oben, vom Schoßgrat aus gesehen, daß seine Westseite begrünt ist und eine bequeme Überleitung auf den sich dahinter ausbildenden Westliche Schoßkopf darstellt. Simon überkletterte die Mauer nach der heiklen Rutschplatte und fand dahinter einen leichten Abstieg über ein paar Meter Schrofengelände zur Scharte.

auf der begrünten Hinterseite des Gratkopfs Richtung Scharte zum Westlichen Schoßkopf

Diese Stelle markiert gleichzeitig auch das Ende des schwierigeren Teils des Schoßkopfgrates und nach der Scharte beginnt ein kurzes Stück von festem Wettersteinkalk, bevor dieser sich in eine harmlose aber steile Flanke auflöst.

Rückblick auf die Übergangsstelle (Scharte tiefer gelegen, nicht Sichtbar)

Der Rest des Abstiegs erfolgt über flacher werdende begrünte Bergwiesen, die auch der Schafzucht dienen, wie am Zugangssteig durch die Flanke von der Großen Schoß aus vermutet werden kann. Dieser Steig wird auch für den Abstieg genutzt, er endet im mittleren Drittel derselben auf dem Aufstiegssteig.

Westlicher Schoßkopf

Der Abstieg ins Tal erfolgte entlang der Aufstiegsroute, wobei wir jedoch diesmal nun den Steig, der direkt über das Mitterbergle führt verfolgt haben und großteils auf dem gut sichtbaren und teilweise mit alten Markierungen versehenen Steig durch Wald und unten Latschen, wieder auf den Henneberg und weiter zum Parkplatz am Waldschwimmbad gelangten.

bärige Aussicht vom Rastplatz auf Barwies und Mieming

Unter Rücksichtnahme im Abstieg auf Andis defektem Knie benötigten wir für diese schöne Runde knapp 12 Stunden incl. allen Pausen, Erkundungen und dem Schnitzer am Mitterbergle.

vom Mitterbergle auf das Unterplattig geschaut; dahinter die beiden Schoßköpfe

Den Anstieg über den Schoßgrat und die Begehung der Großen Schoß im Abstieg gewählt, sowie moderat kurze Pausen sollte man in der Planung die Tour mit minimal 8 bis eher 9 Stunden Zeitbedarf bei der Erstbegehung veranschlagen können.

Einstieg in die Latschen auf das Mitterbergle am Weg vom Henneberg

Zu bewältigen sind 1.850 Hm und die vollkommen südseitige Ausrichtung sollte im Sommer hinsichtlich des Trinkvorrates berücksichtigt werden.

Mils, 21.08.2021

Grünstein, 2. 663 m – über Westgrat

Vom Gipfel nach Westen geblickt fragten wir uns nach seiner Besteigung über den Ostgrat, wie es wohl am Grat weitergehen würde, vielmehr, ob eine Gratbesteigung von Westen auf den Grünstein möglich ist und lohnt.
Dem AV-Führer entnimmt man die Möglichkeit dazu, beschrieben als abwechslungsreichstem Anstieg, der vom Hölltörl und vom Marienbergjoch über den Verbindungssattel zu den Marienbergspitzen möglich ist.

am Weg zum zweiten Riffel- – unterhalb von Simon eine schmale Mauer mit dem atemberaubenden Tiefblick in die Nordrinne

Mit diesen verheißungsvollen Aussichten auf eine bärige Gratkletterei machten wir uns kurz vor sieben Uhr vom Gasthaus Arzkasten aus auf den Weg und wählten den Anstieg über das Marienbergtal. Im Schatten und mit der abstrahlenden Sonnenbeleuchtung von den Handschuhspitzen im Tal gegenüber erreichten wir die Marienbergalm gegen acht Uhr, noch keine Zeit zur Einkehr in die nette Alm.

Grünstein von Locherboden aus gesehen – die vier Riffeln am Westgrat gut sichtbar

Die erste Möglichkeit den Anstieg auf der Nordwestseite des Grünsteins einzusehen bot sich einige Gehminuten unterhalb der Alm.

Grünstein Westgrat und links Östliche Marienbergspitze vom Marienbergtal aus; in der Mitte führt der Anstieg hinauf

Die wild zerklüftete Westseite des Grünsteins erlaubt keinen sonderlich aufschlussreichen Blick die im AV-Führer beschriebene Route zu erkennen, sie verschwimmt zu sehr mit der Östlichen Marienbergspitze und erst mit dem nordwestlichen Winkel am Marienbergjoch tritt die Aufstiegsroute klarer in Erscheinung.

der Sattel zwischen dem Grünstein und der Östlichen Marienbergspitze wird angesteuert

Ein kleiner Nachteil beim Zustieg über das Marienbergtal besteht in dem etwas weiteren Weg zurück vom Joch zur großen Schuttreise zwischen Östlicher Marienbergspitze und Westteil des Grünsteinmassivs, die oben, an ihrem Ursprung den Beginn des Aufstiegs im Fels bildet.

im oberen Arzbödele

Wir stiegen an geeigneter Stelle (latschenfreie Hänge) vom Steig zum Hölltörl auf Steigspuren in den begrasten Hang – das obere Arzbödele – ein und querten auf ihm wieder leicht zurück nach Norden, um den Rand der Schuttreise zu erreichen, entlang dessen wir zur Klamm am Ursprung der Reise aufstiegen. Im obersten Teil wird dabei eine Wasserrinne mit unangenehmen Rutschflanken überquert.

am oberen Ende des Arzbödeles – Näherung an die Reise zwischen Östlicher Marienbergspitze und Grünstein Westgrat

In der Klamm beginnt leichte Felskletterei über die ersten Absätze an der Grenze zwischen unterem alpinem Muschelkalk (rechts, südlich), der gleich im Aufstieg verschwindet und der Reifling Formation (links, nördlich), in der bis zum Sattel aufgestiegen wird.

Blick nach Westen auf den Wannig

Gleich nach den ersten Absätzen und der Klamm kann rechter Hand ein Seil oberhalb der steilen, von gut gangbaren Rissen durchzogenen Flanke gesichtet werden, zu dem man aufsteigt und auf einer begrünten Rippe zwischen der Flanke der Ö. Marienbergspitze und dem Grünstein Westteil endet. Auf dieser Rippe wird weiter aufgestiegen.

nach wenigen Minuten rechts in die Flanke mit dem Seil am oberen Ausstieg

Weiter oberhalb zwingt eine aufragende Felswand auf der Rippe nach rechts, etwas näher zum Grünstein hin und man verliert die schön beleuchteten, bizarren Türme der Ö. Marienbergspitze aus den Augen.

am Rücken oberhalb der Flanke – der weitere Aufstieg erfolgt im rechten Teil der Senke

An dieser Stelle tritt grauer Reiflinger Knollenkalk mit seinen wellig knolligen Oberflächen deutlich ins Auge und deutlich ist auch die Abgrenzung vom aufragenden Wettersteinkalk des massiven Westteils des Grünsteins. Wir folgten dem sehr interessanten Verlauf der dünnbankigen und steil südfallend bis aufrecht gestellten Schichten bis zum Sattel.

hinter Simon werden die Reiflinger Knollenkalkbänke sichtbar

Weiter oben verflachte sich die Felskuppe der Mittelrippe zwischen Ö. Marienbergspitze und Grünstein wieder und die wild zerfurchte Südflanke der Ö. Marienbergspitze trat wieder schön zutage.

Aufstieg im sich weitenden Kar in Reiflinger Knollenkalken

Bei der Betrachtung aus diesem Winkel stellten wir uns die Frage ob und wo es eine Abkletterstelle gibt, um von der Ö. Marienbergspitze auf den Sattel und weiter zum Grünstein zu kommen.

die Rippe wurde rechts überwunden, links wird wieder die Östliche Marienbergspitze sichtbar

Gegenteiliger Meinung diskutierten wir bei der Betrachtung der Flanke kurz über die Möglichkeiten wobei Simon, der den Eindruck von der Besteigung der Ö. Marienbergspitze vom Vorjahr vom Gipfel aus noch geistig vor sich hatte, schüttelte den Kopf und meinte, daß er sich einen Abstieg ohne Abseilen nicht vorstellen kann.

 

Östliche Marienbergspitze vom Sattel aus gesehen

Tatsächlich erscheinen die Wände bei näherer Betrachtung in Sattelnähe als sehr schwierig und wir beschlossen, dieses Thema auf eine Besteigung der Ö. Marienbergspitze zu verschieben um von oben nochmals näher die Wand zu erkunden.

Blick auf den Grünstein Westgrat – links im Hintergrund bereits der Grünstein sichtbar

Im Rücken bei Betrachtung der imposanten Südwand befindet sich unser Aufstieg auf den Westgrat und die entfernte Perspektive aus der Ferne ist bei der Suche nach einem Einstieg in die Nordwand des Grünstein Westgrates eine vorteilhafte. Weiters kann von dort aus auch der Grünstein eingesehen werden, um einen Entfernungseindruck zu bekommen.

Blick vom Sattel auf den Drachengrat mit Hinterem und Vorderem Drachenkopf

Sofort fiel uns in Sattelnähe ein Riß- und Bändersystem in der sonst geschlossenen und mächtigen Wandfront auf, das durch die Wand in die obere Flanke des Westgrates führen sollte und wir überquerten den Sattel mit atemberaubender Aussicht auf die nördliche Mieminger Kette und hinab zu den Seen.

am Nordgrat zum Hinteren Drachenkopf die Grenze zwischen Reiflinger Bankkalk (südlich) und Wettersteinkalk (nördlich) perfekt zu erkennen

Vom Sattel aus sehr eindrucksvoll zu betrachten ist die geologische Trennfuge am oberen Drachenkopfgrat, gleich nach dem Gipfel des Grünsteins, zwischen Reiflinger Bankkalk (südlich) und Wettersteinkalk (nördlich, zum Einschnitt bis in das Kar vor dem Hinteren Drachenkopf hinab reichend) die vertikal verläuft und eine markante Linie darstellt.

Simon vor einem mittig im Sattel liegenden Gratkopf, der überschritten wird

Ein weiterer geologischer Einschub am Drachenkopfgrat befindet sich in der tiefsten Einschartung vor dem nördlich gelegenen Hinteren Drachenkopf und zwar tritt hier dunkelgrauer Partnachkalk deutlich sichtbar zutage (Bild davor).

Blick auf den Aufstieg mit dem Weg zum Marienbergjoch in der Tiefe

Bei der Annäherung an die vermutete Aufstiegswand trat die Route eindeutig hervor und beide interpretierten wir denselben – aus unserer Sicht einzig gangbaren – Verlauf durch die Wand.  Die Route führt am Wandfuß einige Meter weg vom Sattel nach Westen, bevor eine leichte Muldung in der Wand mit gut überkletterbaren Felsstufen, recht festem und gutgriffigem Wettersteinkalk erreicht und direkt in Falllinie ansteigender Kletterei bewältigt werden muß.

 

Simon in der Nordflanke des Westgrates des Grünsteins – in direkter Linie geht es in mäßig schwieriger Kletterei hinauf

Zur besseren Übersicht der Bilder blieb der Verfasser noch vom Wandfuß weg, während Simon über ein leicht steigendes Band zum Aufstiegspunkt der Kletterei anstieg.

vom Sattel wird auf mittelbreitem Band vorher etwa 30 bis 40m westwärts gequert

Die Stufe dürfte etwa 30 bis 40 Hm umfassen, wird oben flacher und dadurch mit mehr Schutt überdeckt. Sie endet mit einer Flachstelle auf einem kleinen Teilgrat zum Wandmassiv hin und ist umgeben von eindrucksvoll zerklüfteten Türmchen und vielen kleinen Schuttreisen, sowie mit einem massiv sperrenden Felsriegel in Gratrichtung.

Rückblick auf die untere Wandstufe zum Sattel zwischen dem Westgrat des Grünsteins und der Östlichen Marienbergspitze

Dem Felsriegel wichen wir auf einer Art Rampe, die oben in eine zu überkletternde Felsstufe übergeht rechts ansteigend aus womit wir – optisch begleitet durch das Eintauchen in Sonnenlicht – den Grat erreichten und die dunkle Nordflanke des Westgrates auf den Grünstein verließen.

flachere Steilstufe zum Westgrat des Grünsteins

Die nette Kletterei durch die Flanke mißt etwa 60 Hm und der Höhenunterschied zum Grünstein Gipfel beträgt am Grat noch etwa 50 Hm, die allerdings mit etwas Auf und Ab am Grat etwa 100 Hm Aufstieg bedeuten. Der Abstand am Grat dürfte zwischen 220 m und 250 m betragen und wir waren einigermaßen erstaunt über die Nähe des Gipfelkreuzes.

am Westgrat angekommen – Grünstein Gipfel bereits sichtbar

Am Grat besticht die Aussicht nach Norden und in die Tiefe mit ihrem Farbunterschied zwischen dem hellen Wettersteinkalk und den grauen Reiflinger Knollenalken. Im Norden erheben sich majestätisch die Östliche Marienbergspitze und der Wamperte Schrofen, der so häufig falsch geschrieben wird, wenn man des Tiroler Dialektes nicht mächtig ist. Wampert ist man dann, wenn man eine Wampe hat, also einen dicken Bauch.

Blick nach Norden auf Östliche Marienbergspitze und rechts der Wamperte Schrofen

Der Grat führt zunächst steil nach oben auf einen Vorkopf, der – wie könnte es am Grat anders sein – auf seiner Rückseite einen Abstieg in die nächste Scharte aufweist. Und der Abstieg jenseits ist der Kniffligste im Übergang zum Grünstein. Knifflig hinsichtlich der Steilheit und dem Übertritt auf einen Klemmblock, der den jenseitigen Aufstieg auf den nächsten Gratabschnitt ermöglicht.

Blick nach Süden auf das Riffeltal und den Höllkopf

Ihn unten zu umgehen wäre möglich, jedoch bergsteigerisch verfehlt. Im festen Fels gewinnt man schnell Vertrauen in den kurzen steilen Abstieg und erfreut sich des Blickes auf die lange Wettersteinmauer im Norden durch die enge Scharte.

leichte Gratkletterei bis zu den Riffeln

Ein paar Meter des Aufstieges hinter der Südkante der folgenden Gratschuppe reicht der Blick auf den ersten der vier Riffeln, die nicht nur das Riffeltal bezeichnen und bereits von Locherboden aus sichtbar sind, sondern auch ganz nett zu begehen sind.

und Abkletterstelle auf den Klemmblock

Eine derartige Erscheinung kennt man im Karwendel von den Gratköpfen am Grat von der Scharte zwischen den Bachofenspitzen auf die hintere der beiden.

 

Passage des ersten Riffels auf dessen Nordseite – der immense Nordabfall wird erst vor dem zweiten Riffel sichtbar

Den ersten, so heißt es im AV-Führer, umgeht man nordseitig. Auch wenn man mit der Vorstellung an nordseitige Verhältnisse seine natürliche Hemmung hat ist diese Umgehung eine der Harmlosesten weit und breit.

während der erste Riffel ein schönes Felsenfenster mit großartigem Blick auf das Gurgeltal bietet

Der Überstieg vollzieht sich auf einem breiten, eher flachen Band mit, jenseitig, einem kleinen „Dach über dem Kopf“ und gleich darauf einem Felsenfenster mit Blick ins Gurgeltal. Der Westlichste der Riffeln – ein einmaliger Ort.

 

Rückblick vor der Passage des zweiten Riffels auf dessen Südseite

Der Zweite der Riffeln folgt sogleich. Im Abstand von wenigen Metern erhebt sich der nächste Felskopf, der dann, wie alle übrigen, unspektakulär südseitig umgangen wird. Der Überstieg auf den zweiten Riffel findet auf einer schmalen Felsmauer mit aufregendem Tiefblick in die schauerliche Grünstein Nordwand statt und aufgrund der Schmalheit der Mauer bleibt die Spannung auf wenigen Schritten bis zum Riffel erhalten.

weiteres Felsenfenster zwischen dem zweiten und dritten Riffel mit Ausblick auf den Wamperten Schrofen mit dem Pitzenegg im Hintergrund

 

Seine leicht überhängende Form und das schmale Band bedingen am zweiten Riffel ein wenig Artistik, jedoch ist die Passage gut machbar. Alternativ kann er ein paar Meter darunter umgangen werden.

Südpassage unterhalb der letzten beiden Riffeln – von ihrer Dimension bekommt man nichts mehr mit, sie werdfen direkt und ohne Kletterei passiert

Hinter dem zweiten Riffel und noch vor der nächsten leichten Passage der beiden letzten Riffeln gibt es unter einem kurzen Aufstieg nochmals ein bäriges Felsenfenster in den Norden, das man nicht versäumen sollte zu erkunden.

zwischen letztem Riffel und dem Gipfelaufschwung zum Grünstein bietet sich erneut ein toller Ausblick, diesmal auf die Ehrwalder Sonnenspitze

Die Passage der folgenden Riffelzähne erfolgt harmlos an ihrem Fuße. Der letzte Aufschwung auf den Gipfelaufbau des Grünsteins führt – wenig ansteigend – an einer bemerkenswerten Scharte mit gewaltigem Ausblick auf die Ehrwalder Sonnenspitze vorbei.

Aufstieg unterhalb des Gipfelaufschwungs – das Gipfelkreuz des Grünsteins bereits sichtbar

Nach diesem tollen Ausblick führt der Aufstieg steiler weiter und mündet knapp unterhalb des Gipfels in den Normalweg auf den Grünstein über das Riffeltal und in wenigen Minuten wird der Gipfel über die letzten brüchigen Felsabsätze erreicht.

wieder einmal am schönen Grünstein, 2.663 m

Immer wieder erstaunt am Grünstein das völlig intakte Gipfelkreuz von 1967. Einzig der wetterseitige Metallschutz am Hirnholz gibt Anlass zur Sorge, daß es rascher Schaden erleiden könnte als nötig.

Rückblick auf die kurze und nette Kletterei am Grünstein Westgrat

Imposant anzusehen ist der Drachenkopfgrat, der gen Norden zieht und mit ein wenig Phantasie kann man den Rücken und einen gewaltigen Kopf eines Drachens erkennen und der Grat wären dessen Rückenschilde. Der Begriff Drache leitet sich allerdings nicht von deutschen Wort, sondern vom slawischen „draga“ ab, welche „eine durch Abrutschung entstandene Mulde am Hang“ bezeichnet (FINSTERWALDER 1951, S. 185).

die Nordkare am Grünstein – gerade noch an der Ostflanke des Vorderen Drachenkopfes der Seebensee sichtbar; Hintergrund Zugspitzmassiv

Richtung Osten entsendet die Mieminger Kette vier Nordgrate, die jeweils mit einer massiven Einschartung zur Hauptkette gekennzeichnet sind.
Der erste und kürzeste trägt die Drachenköpfe, der zweite die Tajaköpfe, ein Kar weiter befindet sich ein Nordgrat, der seine Einschartung nicht direkt an der Nordwand hat, sondern erst nach einer signifikanten Gratstrecke und der die Igelsköpfe trägt und der letzte Nordgrat, mit einem massiven und hohen Gipfel geschmückt, dem Breitenkopf, verläßt dieser die Mieminger Kette vom Hochplattig nach Norden. Der durchaus imposante Breitenkopf ist in fünf Kilometer Entfernung noch vor der mächtigen Nordflanke der Mitterspitzen sichtbar.

Blick vom Grünstein nach Osten mit Drachensee und den Nordgraten, Tajaköpfe, Igelsköpfe und zuletzt der Breitenkopf; im Osten der Hauptkette die mächtigen Griesspitzen

Letzterer stellt den höchsten aller Gipfel der Nordgrate dar dürfte aufgrund seiner kurzen, eher abfälligen Beschreibung im AV-Führer nicht häufig begangen werden. Vom Grünstein aus sehen seine Flanken nicht uninteressant aus und damit wurde er für eine Erkundung ins Auge gefasst.

Seine Besteigung über das Igelskar und der Begrenzung durch die mächtigen Hochplattiggipfel ist dieselbe wert. Die kurze, scharfe Gratstrecke bildet einen begehenswerten Abschluß und mit dem Abstieg ins Schwarzbachkar kann der Routinierte mit Orientierungsgabe eine bärige Runde im Gaistal von der Leutasch aus abschließen.

Abstiegsrippe links vom Riffeltal, unten der Arzberg, unser Abstiegsziel

Nach Süden werden in der Mieminger Kette kaum scharfe Grate entsendet. Direkt an den Grünstein schließt mit seichter Scharte am Hölltörl der Höllkopf an, der den höchsten Abschluß des langen Südrückens des Arzbergs darstellt. Das Hölltörl stellt auch die Grenze zwischen dem gipfelbildenden Wettersteinkalk und dem Hauptdolomit des Arzbergs dar.

die Riffeln im Abstieg vom Riffeltal aus gesehen

Den Abstieg unternahmen wir durch das Riffeltal, um über die Schotterreisen rasch abfahren zu können. Der Normalaufstieg auf den Grünstein findet großteils auf der – im Abstieg gesehen – linken Rippe vom Riffeltal statt.

leichte und nette Kletterei in der Felsstufe zwischen Hölltörl und Riffeltal

Zum Abschluß, und mit genügend Zeitreserve des eher kurzen Abenteuers der Besteigung des Grünsteins über den Westgrat ausgestattet, unternahmen wir die Erkundung des Arzbergs.

bester Wettersteinfels – beste Laune

Vom Hölltörl sind dabei lediglich 70 Hm zu überwinden, bevor man auf dem Plateau dieses regionaltouristisch höchst wichtigem Gipfelchen steht, stellt es doch den Höhepunkt der Wanderrunde zwischen den beiden parallellaufenden Marienberg- und Lehnbergtal dar. Dementsprechend vielen Wanderern begegneten wir dort.

Grünstein vom Zäunlkopf aus gesehen

Die Besucherströme beschränken sich jedoch ausschließlich auf den Höllkopf und versiegen einige Meter hinter dem Gipfelkreuz, von dem es, nach Süden, keinen im Kartenwerk verzeichneten Weg mehr gibt. Im AV-Kartenwerk finden sich Steigspuren bis hinab zur Arzbergmahd und diese wollten wir, nach teilweiser Einsicht vom Grünstein aus, im Abstieg erkunden.

Westliche Griesspitze vom Zäunlkopf aus gesehen

Zusammenfassend kann vorweggenommen werden, daß dieser Bergbuckel, nach einigen kurzen und sanften Gegenanstiegen auf Zäunl- und Hoher-Kopf tatsächlich freigeschnitten an der Arzbergmahd endet. Dort endet auch der sichtbare Steig und einen weiteren Abstieg durch den Wald konnten wir nach kurzer Suche nicht finden, vermuten ihn aber Richtung Ostnordost, zum Ende eines Fahrweges mitten im Lehnbergtal, von dem ein Anstieg kaum 150 Hm und nur 700 m Strecke zur Mahd beträgt.

der Arzberg mit seinem Gipfel auf 1.905 m (stirnseitig am Ende des Rückens)

So ließen wir die Schafe, die unter einer freistehenden Tanne Schutz vor der Sonnenbestrahlung suchten, zurück und stiegen an der Stirnseite des Rückens weglos durch den Wald ab. Den Weg zum Parkplatz erreichten wir an der Abzweigung nach Weisland etwa 300m vor dem Ende des Waldes bei Arzkasten.

die Arzbergmahd mit neu erbauter Hütte und den Schafen unter der Tanne im rechten Bilddrittel

Die wirklich schöne Besteigung des Grünsteins über den Westgrat erfordert etwa 7:30 Stunden (bei unserer Abstiegsvariante, sonst ggf. eine gute halbe Stunde weniger) und erstreckt sich über gut 12 km. Bei unserer Abstiegsvariante werden 1.700 Hm zurückgelegt, sonst gut 100 Hm weniger.

Mils, 15.08.2021

Roßkopfspitze, 2.015 m – Überquerung Gamsjochgruppe

Die Idee zur Besteigung der unspektakulären Roßkopfspitze in der nördlichen Gamsjochgruppe fiel bei der Betrachtung der Latschenhänge vom Gipfel des westlich gelegenen Totenfalk, von dem aus der westsüdwestlich gelegene Gipfel, bzw. deren Anstieg aus dem Laliderertal, recht einladend aussieht. In Kombination mit der Ruederkarspitze und dem Abstieg ins Engertal müsse sich gegenüber den Falken eine interessante, wenig begangene Überquerung machen lassen, bei der nicht viel Höhenmeter anfallen und die weite Anreise auch nicht noch halbwegs des Nächtens erfolgen muß. So die Motivation.

Gamsjochgruppe mit den drei Gipfeln von Norden, Ruederkarspitze links und dahinter rechts die Dreizinkenspitze

Vom Parkplatz P6 im Engertal startet das Abenteuer Roßkopfspitze gegen neun Uhr auf dem zunächst von einem Wasserlauf durchzogenen Steig, dem Normalweg ins Laliderertal.

Roßkopfspitze, 2.015 m

Nach genau 2,5 km und 130 Hm Anstieg am Almweg schien die Stelle zum Abzweig in den Wald gefunden. Wenn sich dort auch keine Ausweiche auf der Straße befindet, die der AV-Führer nennt, so doch eine leichte Wegverbreitung und ein deutlicher Ansatz einer Forstzufahrt in das abgeholzte Gebiet zur Linken. Diese Stelle erschien sinnvoller für den Weg durch den Wald, als die Verflachung, von dem im AV-Führer die Rede ist und die sich etwa 150 m weiter taleinwärts befindet.

von der Laliderertalstraße abzweigender Stich in den Wald

Im Grunde ist es aber egal welche Stelle man nach dem Möserkarbach für den Aufstieg nutzt, denn das Gelände verjüngt sich nach oben hin ohnehin so, dass man mit einiger Orientierungsgabe den Felssporn anpeilt, der sich etwa auf 1.460 m von den mit Unterholz bewachsenen Reisenhängen absetzt. Weiter oben im Wald sieht man ihn dann deutlich und er wird links ansteigend rechts liegen gelassen.

sich abflachende Laliderertalstraße

Zunächst geht es aber über den Wald empor, im Falle des Verfassers dieses Berichtes in einem deutlichen Graben und zur Rechten bald eine Schotterreise sichtbar.
An der oberen Mündung des Grabens auf eine schwach ausgeprägte Rippe kann man im Rückblick alte Wegmarkierungen entdecken und folgt den noch vorhandenen Steigspuren auf den mächtig aufsteilenden Hang in lichteres Gelände mit knorrigem Baumbestand, rechter Hand dichtes Latschengelände.

Markierungen auf der Rippe im Rückblick

Nach einer Steilstufe von etwa 50 Hm, im lichten Baumbestand lockt eine kleine Lichtung zur Querung des Hangs nach links und kurz nach deren Ende entdeckt man eine schmale Reise, die wie ein Steig anmutet. Dieser folgt man auf eine kleine Rippe von der aus sich bereits der Blick auf das untere Möserkar öffnet und man den Geländeüberblick völlig wiedererlangt hat.

Lichtung im Hang am Aufstieg

Ein vor längerer Zeit letztmalig ausgeschnittener Steig leitet linkshaltend aus dem letzten Latschenfeld auf die offenen Reisenflächen und auf festen Fels unterhalb der Abbrüche der Nordflanke eines Gratausläufers vom Gamsjoch herab.

Steigspuren auf einer schmalen Reise nach deutlicher Linksquerung im Aufstieg

Der Steig zum Möserkar verläuft nun durch die Schotterreisen mit Passagen auf reinen Felsflächen und er ist recht gut erkennbar, bzw. kann auch jede andere Route unterhalb der Felswand bis hin zu einer gewaschenen Fläche unterhalb eines Wasserfalls aus dem Möserkar herab genommen werden.

Anstieg zum Sattel Pkt. 1.789 m sichtbar

Gegenüber, im Rückblick, das gewaltige Blausteigkar, das eine sagenhaft schöne Begehung des Laliderer Falk erlaubt.

das gewaltige Blausteigkar in der Falkengruppe; es bildet den unteren, bereits nicht einfachen Aufstieg auf den Laliderer Falk

Ab dieser Stelle tritt man wieder in die Latschen ein, geleitet durch den Steig, der dort gut ausgeschnitten ist. Nach wenigen Minuten wird der Bach aus dem Möserkar erreicht, an dem Steigspuren ohne nennenswertem Höhenverlust oder –gewinn in den Graben, der vom Pkt. 1.7891 m (im AV-Führer 14. Auflage 1996 Pkt. 1.784 m) herabziehen soll, leiten.

Blick zur Roßkopfspitze; unterhalb des Wasserfalls; die Rippe mittig im Bild trennt den oberen Möserkargraben vom Möserkar und sie muß bewältigt werden

An der Flachstelle dort, etwa auf 1.580 m, endet der Steig urplötzlich mit dem Übertritt in die Freifläche. Geradeaus, das wäre die Richtung in die der Steig weiterführen sollte, erblickt man einen dichten Latschenwald, zur Rechten eine Felsrippe hinter der der Möserkarbach in schönen kleinen Katarakten auf die Flachstelle zufließt und östlich oberhalb die Felsriegel auf den Verbindungsgrat zwischen Roßkopfspitze und Ruederkarspitze. Nicht erkennbar ist allerdings ein weiterer Steig zum vorgenannten Graben.

die letzten Meter auf den Steig durch die Latschen

Um einen besseren Überblick zu bekommen wurde die kleine Felsrippe zur Rechten bestiegen, die einen Höhenunterschied von etwa 10 m bot. Allerdings vergebens, denn jenseits des Baches ließ sich kein Steigverlauf, auch keine weiterführende Latschengasse ausmachen.

die hinderliche Rippe im Detail am Ende des Steiges

Also mußten die lichten Einschnitte durch die Latschen zu Fuß erkundet werden und der Verfasser überschritt den Bach mit dem Versuch eine Stelle zu finden, die das Durchkommen bis zum Graben ermöglichte. Die Distanz zum Graben beträgt von der Freifläche etwa 150 m und es wäre gelacht, fände man keine Passage.

Blick ins Möserkar (südöstlich) vom Ende des Steiges; es gibt ein Bächlein rechts und eines links der Rippe am Steigende

Nun sei hier vorweggenommen, daß alle Versuche eine Passage zu finden vergebens waren. Immer wieder leiteten Latschengassen steil hangabwärts, die dem Verlauf gemäß Karte nicht entsprechen konnten und auch bald in dichten Versperrungen endeten.

freie Fläche gegenüber dem Möserkarbach

Also zurück auf die Felsrippe um eine Umgehung oberhalb zu erkunden. Dort sah es so aus, daß ein signifikanter Bogen im Schuttreisenfeld unternommen werden müsste, um unterhalb dem Felsriegel wieder Richtung Graben an Höhe zu verlieren und gegebenenfalls im Steig zu enden, den der Betrachter in Form von dürren grauen Ästen auf einer steilen Passage im Felsriegel auszumachen glaubt. Eine andere Möglichkeit schien es oberhalb nicht zu geben und auch diese Passage entspricht ganz und gar nicht den Steigmarkierungen in der Karte.

hier unten müßte lt. AV-Karte der Steig weiterführen

Nachdem aber der dem Menschen innewohnende Erfolgsdrang nicht locker ließ wurde die sozusagen „Übersteigung“ des Latschenhanges unternommen. Hierzu diente eine nasse Felsfläche in der Südostecke der Freifläche und der Möserkarbach diente am Weg als letztmalige Wasserstelle am schwülen Julitag.

Versuch des weiteren Aufstiegs über die Südostecke der freien Fläche /links der Katarakte

Tatsächlich fanden sich Steigspuren durch das Unterholz, die sich auf die steile Reise hin auch gleich wieder verflüchtigten, also nur ein Gamsdurchschlupf. Die Reise muß man etwa 50 Hm aufsteigen, bis am oberen Ende, zwischen ihr und den Felsen, ein Durchkommen durch die Latschen möglich ist, um im Anschluss daran diese Steigarbeit fast völlig wieder zu verlieren. Schon beim Aufstieg widerstrebte diese Variante dem Gefühl des Verfassers, aber eine andere Möglichkeit schien es nicht zu geben.

Querung unterhalb der Felsen nach mühsamem Aufstieg auf der Reise; links der Bildmitte kann man den Unterbruch der Latschen erkennen, der von weiter entfernt wie ein gehauener Steig aussieht

In der Nähe der dürren Latschen stellte sich nun heraus, daß diese in dem steilen Gelände keine Passage zum Graben sein konnten, denn sie markierten eigentlich nur beginnenden Kletterfels anstelle eines ausgeschnittenen Pfades. Dies hätte auch schon mit dem Fernglas vom Bach aus erkundet werden können, allerdings hätte man dann die Passage oberhalb des von Latschen eingekesselten Verfassers nicht einsehen können und so die Tour vielleicht abgebrochen.

Rückblick auf das Steigende und die mit den beiden Bächen umströmte Rippe im oberen Bildteil in Bildmitte

In allen Richtungen am Durchkommen im Steilgelände gehindert schien nun die einzige Möglichkeit ein steiler Hang oberhalb des Standplatzes, der von zwei Felsstufen durchzogen war, die kletterbar erschienen. Eine völlig absurde Idee den Steig über diesen felsdurchsetzten Einschnitt zu suchen war der erste Gedanke, er war aber auch gleich verworfen, da dies nun die einzige Möglichkeit darstellte den Aufstieg fortzusetzen.

die einzige Möglichkeit aus der eingekesselten Lage weiter zu kommen besteht im Durchstieg dieser Felsmulde

Da ein Nachteil auch meist einen Vorteil in sich birgt konnten bei Durchstieg zwischen den abschüssigen Felsen auch geometrisch extrem schön geformte Faltenbildungen der Felsen gesichtet werden. Einem Rundgewölbe gleich präsentierten sich Schichten auf Schichten von recht kompetentem Kalk der Reichenhall Formation und bewegten den Verfasser zu einem gewagten Bild im Felsgelände.

bilderbuchhaft schöne Faltenbildungen im Reichenhaller Kalk

Über die Stufen ließ es sich leicht steigen und zuoberst leitet ein begrüntes Band unterhalb eines leichten Überhangs in gebückter Haltung auf flacheres Gelände über.

Aufstieg in der Mulde über abschüssige Bänder in Felsstufen

Die Spannung war groß welche Erkenntnis der Blick nach der Steilstufe wohl bringen würde und leider war selbiger eher enttäuschend, da nichts außer mehr als mannshohe Latschen die Sicht auf das unmittelbare davor liegende Gelände versperrte.

Möserkar

Hinabgeblickt in Richtung Ende des Steigs beim Bach war nun klar, warum man den Einschnitt als Aufstiegsmöglichkeit nicht einsehen konnte, eine Felsnase deckt die Sicht zur Gänze ab.

Pkt. 1.789 m hinter der hohen Lärche sichtbar

Allerdings, und das ließ eine letzte Hoffnung aufkeimen, befindet sich zur Linken eine kleine freie Fläche von wenigen Quadratmetern, die einen Blick auf den unweit entfernten Graben zuließ und diese paar Schritte stellten die entscheidende Erkenntnis dar, daß es eine Schneise zum Graben geben muß.

Durchstieg durch die alte Gasse auf die Freifläche zum oberen Möserkargraben

Tatsächlich konnte man eine zwar verwachsene Gasse erkennen, die nicht so dicht ausgeprägt anmutete als das mächtige Latschenfeld in Hangrichtung. Also wurde ein Durchstieg versucht und nach ein paar Metern traf der Verfasser auch den Beweis für einen alten Pfad an, als mehrere gesägte Stirnflächen von dicken Latschenästen den Weg zum Graben wiesen. Der Durchstieg war geschafft und käme man von oben zeigte eine auffällig hohe Lärche den Einstieg zur Latschengasse etwa 20 m unterhalb an.

oberer Möserkargraben

Hinter dem Latschenfeld leitete eine hohe Grasflanke zum Wasserlauf in den Graben hinab in dem sich – als nächste Verwunderung bei diesem Abenteuer – bei einer Gabelung zweier Wasserläufe, ein recht gediegener Steinmann befand. Der Steinmann zeigte allerdings die weitere Aufstiegsrichtung nicht an und dürfte wohl über einige Jahrzehnte seinen obersten Richtungsstein eingebüßt haben.

obwohl das Steinmandl bei der Gabelung der Wasserläufe links in Steigrichtung errichtet wurde

Da er aber eindeutig auf der linken Seite der Gabelung errichtet wurde, sollte dies wohl die Steigrichtung markieren. Nach einigen Metern im hohen Gras verwarf der Verfasser den Aufstieg durch den mit viel Unterholz gesäumten Graben, der auch in Teilflächen abgebrochen erschien und setzte den Aufstieg im kleineren aber mit kaum abgebrochenen Hangschotterflächen geprägten steilen Hang rechts der Gabelung fort. Dies mit dem noch unbekannten Ausgang etwas zu weit rechts (südlich) des Pkt. 1.789 m am Gratrücken anzukommen).

Ankunft etwas zu weit südlich von Pkt. 1.789 m, im Hintergrund die Roßkopfspitze

Mittlerweile, nachdem auch die Wegfindung ab dem Möserkarbach mehr als eine Stunde in Anspruch genommen hatte, war die Mittagsstunde angebrochen und die Hitze in den Latschengassen, kombiniert mit dem anstrengenden Aufstieg durch die steilen Grasflächen erreichten ein schwer erträgliches Ausmaß.

Tiefblick in das Laliderertal mit dem gewaltigen Laliderer Falk kurz vor Pkt. 1.789 m

Wie erwähnt erreichte der Verfasser den Ausgangspunkt zur Roßkopfspitze zu weit südlich und mußte – rechtzeitig, mit moderatem Höhenverlust – leicht unterhalb der Gratlinie nördlich queren. Am Weg dorthin und auch im Aufstieg zur Roßkopfspitze in weiten Abständen gelbe Stoffbänder als Wegmarkierungen an Latschenästen.

Großer Totengraben im Osten von Pkt. 1.789 m

Endlich im Schatten der knorrigen Tannen auf Pkt 1.789 m öffnet sich nach Osten in das Engertal der schauerliche Blick in den Großen Totengraben, eine alte Erosionsschlucht, wie Otto Ampferer sie beschreibt, gefüllt mit ockerfarbenen Rauhwacken der Reichenhaller Schichten.

der Steigverlauf auf die Roßkopfspitze gleicht einem Gamssteig und war vielleicht einmal ein solcher

Ein brüchiger Graben mit instabilen seitlichen Begrenzungen, der direkt vom Grat bis in die flacheren Hangteile ins Engertal hinabfällt und mit allerlei Türmchen und Rippchen gespickt ist. Alles in allem kein homogener Fels und mit wenig Festigkeit, an die meist nördlich vorgeschobenen Raibler Schichten im Karwendel erinnernd.

hanggegenüber der Anstieg zu Pkt, 1.972 m und der Ruederkarspitze

Von diesem markanten Punkt – der bei weitem nicht die Ausdehnung besitzt die uns die Höhenschichtlinien der AV-Karte Glauben mach will – führt ein wilder Steig auf die 220 Hm höher liegende Roßkopfspitze.
Wild möge so verstanden sein, daß der Aufstieg eher vielen hintereinander geschalteter Gamswechsel gleicht, als einem normalen Steig von Bergsteigerhand geschaffen. Die Vermutung liegt nahe, daß Jäger hier die Tierpfade etwas ausgebaut haben, um menschliches Durchkommen zu gewährleisten.

Rückblick auf das steile Aufstiegsgelände

In einigem Auf und Ab geht es unter ungeschützt unter Sonne in stehend schwüler Luft steil bergauf, durch Latschenhöhlen hindurch und wieder in Schuttrinnen in Falllinie zwischen Latschenstreifen hindurch. Sehr mühsame 220 Hm sind hierbei zu bewältigen und erst im oberen Teil lichtet sich das Unterholz hin zu freien Schrofenflächen.

Gipfelaufbau der Roßkopfspitze vom langen südseitigen Sattel

Der letzte langgezogene Sattel vor dem markanten Gipfelaufbau der Roßkopfspitze wird ostseitig umgangen und hierzu ist am vorderen Hochpunkt des Sattels ein kurzer Abstieg nach rechts erforderlich, der, wenn man ihn übersieht im Kampf gegen die Latschen auf der Ostseite am Sattel endet.

direkter Aufstieg zur Roßkopfspitze über eine Kletterfelsmulde

Die direkte Linie auf den Gipfel der Roßkopfspitze besteht in der Fortsetzung der Gratlinie über eine breite Rinne sehr steil empor (II+) bis zur Abflachung gegen das Gipfelplateau hin, der leichtere Aufstieg besteht in der westseitigen Umgehung des Kamms in etwas weniger steilem Schrofengelände. Erstere Variante mit Kletterei lohnt für den Aufstieg, letztere für den  leichteren Abstieg.

Unterer Roßkopf, 1.814 m und Risstal dahinter

Ein Gipfelsteinmann mit Gipfelbuchschachtel in Plastikbehälter erwartet den Bezwinger der Roßkopfspitze. Das Buch aus dem Jahre 1987 hält bei der durchschnittlichen Besucherfrequenz seiner ersten Tage bis dato noch etwa 200 Jahre.

Plumssattel, Bettlerkarspitze und Schaufelspitze im Osten

Faszinierend von der an sich niederen Roßkopfspitze ist der Talblick, der durch ihre, von West bis Ost, durchgehend sehr steil abfallenden Wände dem Gipfel eine besondere Höhe zu verleihen scheint und ein nicht minder spektakuläres Bild vom Tal von Osten zeigt ihren schroffen Bau sehr deutlich.

Sonnjoch, Hochnissl, Lamsenspitze, Hochglück und rechts Ruederkarspitze

Ähnlich den niederen Falkengipfeln bietet der Blick gen Süden ein tolles Panorama der Karwendelhauptkette, allerdings mit weit weniger Abdeckung durch die vorgelagerten Berge.

späterer mühsamer Aufstieg von Pkt. 1.789 m auf Pkt. 1.972 m durch die Latschengürtel

Auffallend auch dem geologisch wenig Interessierten ist der unterschiedliche Bau der Ruederkarspitze (geschichteter Muschelkalk) gegenüber dem Gamsjoch (massiger Wettersteinkalk). Die großen Schneefelder am Felsfuß im Nordschatten des Gamsjochs werden sich wohl bis in den Hochsommer zu halten vermögen.

einzigartiger Blick auf Karwendelhauptkette und Falkengruppe mit den markanten Sonnenspitzen und Kaltwasserkarspitze sowie der knapp noch hinter dem Steinfalk zu sehenden Birkkarspitze

Der recht verschleißende Anstieg mit seinen bis jetzt gemeisterten Tücken erforderte doch tatsächlich viereinhalb Stunden, weswegen nun Eile geboten war, um die Ruederkarspitze noch zu absolvieren.

Falkengruppe im Westen (Steinfalk, Laliderer Falk, Risser Falk im Hintergrund, Turmfalk und Totenfalk, der Kleine Falk hinter dem Totenfalk nicht sichtbar)

Die Hitze in den Latschen am Abstieg erforderte nach dem Tiefpunkt 1.789 m eine kurze Pause bei der selbst bei bester Erinnerung an den Blick vom Gipfel an die freien Latschengassen eine Orientierung im Gelände nicht mehr nachvollziehbar war. Tendenziell steigt man nach der Scharte zu wenig rasch zum Gratrücken auf, höchstwahrscheinlich unter falscher Einschätzung der Ausdehnung des Großen Totengrabens.

Blick zu Pkt. 1.972 m vom Beginn des Aufstiegs gesehen

So mußte der Aufstieg über die kleinen Felsrippen noch auf der Westseite des Gratrückens führen und zusätzliche Anstrengung bedingen. Anschließend konnte unter viel Schweiß und Blessuren an Schienbein und Unterarm der Durchstieg durch die hohen Latschenfelder auf die Ostseite des Rückens gefunden werden, jedoch mit der Aussicht, daß das große freie Feld an seiner oberen Begrenzung wieder in einem dichten Latschengürtel endete, ein verzweifelnder Kampf mit kraftraubenden Passagen im schweren Unterholz.

Rückblick auf den Aufstieg zur Roßkopfspitze

Nach einer guten Stunde war der Gratkopf Pkt. 1.972 m (nur in AV-Karte) um 14:36 erreicht und der Bezwinger in ausgemergelter Verfassung mit aufgekratzten Schienbeinen, schweißgebadet und ohne nennenswerten Trinkvorrat. An dieser Stelle muß dem AV-Führer entschieden widersprochen werden, der den Aufstieg von Pkt. 1.789 m auf die Ruederkarspitze mit einer Stunde angibt. Das wäre möglich, jedoch nicht unter vorgenannten Bedingungen.

Blick zu Pkt. 1.972 m von ungünstigem Aufstieg an der Westflanke – es empfiehlt sich hier – rückblickend gesehen – eher gleich nach Pkt. 1.789 m ein Wechsel durch die Latschen auf die Ostseite (nach respektablem Abstand zum Großen Totengraben)

Die Wetteraussichten auf den Spätnachmittag waren mit Gewittern beschrieben und der Rückweg zum Parkplatz auf der Engerstraße über den unbekannten Abstieg und guten drei Kilometern Fußmarsch auf der Straße ließen die Entscheidung nicht schwerfallen, die Ruederkarspitze ein andermal zu absolvieren und noch bei gutem Wetter den Rückweg anzutreten.

auf Pkt. 1.972 m angekommen und bereits in den Osthang übergewechselt; rechts Ruederkarspitze

Mit einem letzten Blick auf den schönen Schichtenbau der Ruederkarspitze und auf die aufgesetzt scheinende Gipfelkuppe der Roßkopfspitze verließ der Verfasser nahe dem Pkt. 1.972 m in Richtung Engertal, um die Steigspuren zu finden, die sich erst auf etwa 1.700 m einstellen wollten.

Plumsjoch gegenüber und dahinter Seebergspitze (10 km)

Die obersten Schrofen mögen im hohen Gras sorgsam beschritten werden, sie sind sehr steil und bei Nässe heikel.

Gipfelaufbau Roßkopfspitze

Weiter unten am wirklich erlebenswerten Steig erfährt man urtypisches Karwendelerlebnis über archaische Passagen mit großer Steilheit, verschlungener Routenführung durch die abwechslungsreiche Vegetation und an einer markant gebogenen Lärche (1.585 m) einen guten Einblick in den gewaltigen Großen Totengraben.

an dieser markanten Lärche bietet sich ein atemberaubender Blick in die Schlucht des Großen Totengraben hinein

An der Grenze zwischen dem festen alpinen Muschelkalk und den Reichenhall Formationen zieht der teilweise sehr undeutlich ausgeprägte Steig im Graben weiter abwärts, immer recht steil und in kleinen Serpentinen.

Großer Totengraben mit beigen Rauhwackentürmen mittig; links oben Pkt. 1.789 m und rechts die Roßkopfspitze

Im engen Graben begegnet man großen Ausbuchtungen (Gufeln) und für das Karwendel untypischen großen Felsblöcken, die von Felsstürzen herrühren, besonders im unteren Teil des sich zur Schlucht ausformenden schmalen Grabens, zwischen 1.300 und 1.400 m.

die kleine Klamm mit sichtbarem Steig

Auf 1.300 m quert man aus dem Graben nach rechts und umgeht eine von links aufsteigende und nach rechts senkrecht abfallende Felsschuppe durch den Wasserlauf hindurch, mit einem kurzen Gegenaufstieg jenseits (undeutlich platzierter Steinmann). Damit werden die steilen Schluchtpassagen hinab zum Tal vermieden.

Felsschuppe im untersten Teil die links liegen gelassen wird

Die senkrechte Felswand zur Linken werden die letzten 175 Hm zur Straße im Engertal abgestiegen und zuletzt pfadlos durch den Wald und über die abgezäunte Wiese auf die Straße zurückgelegt. Von dort geht es 3,2 km talauswärts bis zum Parkplatz P6.

letzter Absteigsteil mit Engertal und links der Senkrechtabbruch der Felsschuppe

Für diese Tour möge man nebst Abenteuerlust eine ausgeprägte Orientierungsgabe, sowie – für die langen Partien in den Latschen im Hochsommer – genügend Wasser und keine Gewittervorhersagen am Nachmittag mitbringen, oder entsprechend früh losziehen.

Überquerung Gamsjochgruppe vom Engertal aus gesehen; links Ruederkarspitze, rechts Roßkopfspitze, dazwischen Pkt 1.972 m und Großer Totengraben

An Zeit sind für die abenteuerliche Runde 7:30 Stunden angefallen, die Streckenlänge beträgt knapp 12 km und der gesamte Aufstieg incl. der zahlreichen Suchen von Pfad und Durchkommen etwa 1.400m.

Mils, 24.07.2021

In diesem Bericht wird die Höhe des Punktes 1.789 m gemäß der AV-Karte Stand 2000 verwendet