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Falzthurnjoch, 2.150m – Überschreitung zur Bettlerkarspitze

Der nordöstliche Ausläufer des Sonnjochkammes, der sich zwischen Gerntal und Falzthurntal erhebt trägt das Falzthurnjoch, weniger Joch als ein Gipfel. Er wird über die Vorgipfel der Schneeköpfe von der Gütenbergalm aus angestiegen. Die Tour ist eher eine kurze und für goldene Herbsttage bestens geeignet.

neues Gipfelkreuz am Falzthurnjoch, 2.150m

Zusammen mit der Überschreitung von der Bettlerkarspitze zur Schaufelspitze, stellen diese Unternehmen großartige Bergfahrten im östlichen Karwendel dar.

Der gewählte Ausgangspunkt des Anstieges ermöglicht eine reizvolle Rundtour mittlerer Länge um das Plumskar und bietet eindrucksvolle Ansichten auf die südwestlich gegenüberliegenden Gipfel der geologisch wichtigen, überschobenen Hochlandschaft der Rauhen-Knöll-Verzweigung im Dreieck Dristkopf- Rappenspitze – Stanser Joch Spitze.

Anstieg zum Falzthurnjoch von Maurach aus; nordseitig auf den Gütenberg, anschließend am gesamten Kamm bis zum Gipfel des Falzthurnjoches und weiter bis zur Bettlerkarspitze (nicht sichtbar)

Nach der Überquerung des Bachbettes aus dem Bärental wird das kleine Kraftwerk der Gernalm erreicht, bevor die wilden Abbrüche im eingespannten Hauptdolomit der östlich gegenüberliegenden Brandlklamm im Bärental enden und es steiler im Wald des Rehtales weitergeht. Die von den Schneeköpfen herabziehenden Reisen sind von schlechter Felsqualität und formen den Talabschluß entsprechend mit Murenrinnen und Hangrutschungen.

Straße zum Plumsjoch gegenüber

Bald ist auf 1.610m der Übergang zur Gütenbergalm erreicht und für einen Moment war ich geneigt die nun folgenden 100m Höhenverlust  zur Abzweigung des Steigleins auf den Aschenlahner mit einem direkten Anstieg durch die – noch – Nordseite zum Gratrücken abzukürzen. Das Gelände und die Latschengassen erschienen ersteiglich.
Nachdem ich aber das Gelände oberhalb nicht gut einsehen konnte fiel die Entscheidung zugunsten der orthodoxen Variante.

am Gütenbergsattel 1.610m

Auf dem Fahrweg unterhalb der Gütenbergalm zweigt rechts in steil aufsteigendes Gelände ein Trampelpfad des Weideviehs ab, den ich als Anstieg genommen habe. Es dauerte eine Weile bis ich den undeutlich sichtbaren Steig ziemlich am Ende des Waldes, der offenen Fläche gegen den Bärenziechgraben zugeneigt, auf ca. 1.580m fand.

ca. 50Hm über der Abzweigung vom Weg zur Gütenbergalm

Zur Orientierung blicke man immer nach oben und suche den direkten Zustieg zu einer Lärchengruppe am Rande des sich öffnenden Abbruchhanges (siehe Fotos auch in der Galerie).

am Ende der Hangrutschfläche kurz vor dem Aschenlahner

Ist der Rücken mit dichtem Latschenbewuchs erreicht erblickt man eine breite gut ausgeschnittene Latschengasse, die fast bis zum Gratrücken des Kammes hinaufführt.

Blick auf den Gütenberg; am Ansatz des Weges kommt man vom Gütenbergsattel herunter

Der Aufstieg ist durchgehend steil und innerhalb der Latschen gepaart mit Sommerhitze sicher über die Maßen anstrengend.

Aufstieg in steilem Gelände

Der Aschenlahner ist ein Steilhang mit ungewöhnlich hohem Gras – Nährboden für gewaltige Lawinen im Winter.

am Gratrücken angelangt

Unterwegs gibt es die Möglichkeit, daß man auf die dem Abbruch zur Alm zugeneigte Seite steigt. Dies wurde mir erst oben am Gratrücken bewußt, an einem Punkt wo sich der Aufstieg über den Aschenlahner und dem hinter der Latschenseite liegenden Alternativaufstieg auf ca. 1.850m wieder vereinen. Welcher Weg der bessere ist konnte ich nicht erkunden.

nordseitige Latschengasse zum Gratrücken

Ab dort beginnt der Anstieg direkt am Grat, der bis auf fast 2.000m noch länger nur ein wiesenbewachsener Rücken bleibt.

erstes Köpfchen innerhalb der Latschen begangen

Das gestufte Gelände wird meist direkt am Grat begangen, durch einen stark latschenbewachsenen Aufschwung führt eine ausgeschnittene Gasse hindurch.

nun etwas schroffiger weiter

Anschließend geht es nochmals in breitem Gelände weiter.
Ein erster schroffiger Kopf auf in etwa dieser Höhe läutet die kurze Kletterei über einen immer schärfer werdenden Grat ein und die Stöcke werden verstaut. Der Kopf endet in einem nur mehr mäßig ansteigenden Grat.

leichtes Klettergelände

Der folgende Abschnitt am Grat ist in der gesamten Überschreitung der ausgesetzteste Teil. Er ist nicht schwierig zu begehen, die scharfen Abschnitte nimmt man linkerhand mit guten Griffen auf der durchwegs festen Gratschneide und guten Tritten unterhalb jener, zwischen Latschenbewuchs hindurch. Eine anregende Strecke, die Freude bereitet.

Überblick über den scharfen Grat bis hin zum Gipfelaufbau des ersten Schneekopfes

Am Ende dieses Abschnittes türmt sich der erste Schneekopf fast senkrecht empor und ein plötzlich sichtbares Steiglein – ein Gamswechsel – erscheint als weiterführender Weg an der steilen Wand des Schneekopfes entlang.

toller Gratübergang

Dieser schmale Steig leitet mit wenig Höhengewinn entlang der mächtig aufragenden Flanke des Schneekopfes auf den Rücken eines nach Osten entsandten Ausläufers. Der schmale Steig führt direkt an dessen Verschneidung mit dem Schneekopf heran und die Verschneidung wird bis zum oberen Ende des grasbewachsenen Rückens hochgeklettert.

bereits in der Ostflanke des ersten Schneekopfes, das Steiglein gut sichtbar

Schwierigkeiten am Steiglein sind keine vorhanden, ein fester Tritt und Sicherung an Griffen, die sorgsam gewählt werden sollten, sind ausreichend, Kletterei – und zwar nur leichte – erfordert lediglich die Verschneidung selbst.

Verlauf des Steiges

Am schmalen Steiglein empfiehlt es sich schuttige Partien bei Bedarf etwas auszuräumen, damit der sichere Tritt gewährleistet ist.

Rückblick

Nach dem Erklimmen der Verschneidung – ich habe die obere Rinne in festerem Fels genommen – kann wiederum mit Stöcken der restliche Aufstieg in reinem Gehgelände zum ersten Schneekopf erfolgen.

hinten die Verschneidung sichtbar, ich habe die rechte, steilere in festem Fels genommen

Ein Steinmann ziert den Schneekopf und gleich danach erfolgt wiederum ein Abstieg zur Einschartung sowie jenseits dieser, der lange Aufstieg zum Falzthurnjoch, das seit einem Monat ein fesches Gipfelkreuz ziert, gestiftet und errichtet vom Hockey Club Pertisau.

Falzthurnjoch vom ersten Schneekopf aus

In der AV-Karte ist hier ein Fehler enthalten. Das Falzthurnjoch mit 2.150m ist nicht die zweite Gipfelerhebung von Nordosten am Kamm, es ist die erste. Ob die zweite Erhebung im Grat ebenfalls die Höhe von 2.150m hat darf bezweifelt werden. Ein nivellierender Blick auf diese fällt mit dem Ergebnis einer um einige Meter niedrigeren Höhe aus (siehe Foto vom Rückblick).

neues Gipfelkreuz am Falzthurnjoch, 2.150m, im Hintergrund die Bettlerkarspitze

Nach dem Eintrag ins junge Gipfelbuch und einer Jause geht es wenig spektakulär am breiten Grat weiter, eben zur Erhebung, die lt. AV-Karte das Falzthurnjoch darstellen soll.
Eine weitere Girlande mit einem markanten Kopf und darauf folgend ein flacherer Teil im Gratverlauf folgen, bevor es klettertechnisch wieder etwas interessanter wird.

Grat zur Bettlerkarspitze

Damit ist bereits mehr als die Hälfte des Kammes begangen. Nun folgt eine Abfolge aus zinnenartig angeordneten Grattürmchen, die in leichtem Winkel zum Gratverlauf stehen, den Flügeln eines Ventilators gleich.

interessanter Gratteil knapp nach der Mitte der Überschreitung

Am besten steigt man die großen Türmchen jeweils nordwestseitig ab und begeht die kurze Scharte dazwischen auf der Südostseite des Grates, gefolgt vom Wiederaufstieg auf die Oberkante des nächsten Köpfchens. Ein Schmankerl und willkommene Abwechslung auf dem einfach zu gehenden Grates.

in den Zinnen die wie Ventilatorflügel dastehen

Die Freud über die Naturschönheit währt nur kurz, sie endet rasch. Dafür wird die Flanke mit der Steilrinne der Bettlerkarspitze deutlicher sichtbar.

noch eine Partie davon

Hinter dem letzten Gratkopf in der zuvor beschriebenen Abfolge erschrak ich mindestens ebenso wie der Herr über dieses Gebiet, ein stattlicher junger Steinbock in nächster Nähe erblickte mich und stieß einen hellen Warnschrei aus, der – nach dem ersten Schreck für mich bei all der majestätischen Erscheinung des Tieres lustig weiblicher klang als es sein viel kleinerer Genosse Gamsbock hervorzubringen vermag.

die Zinnen im Rückblick

Ein Steinbock im Stimmbruch, die Vorstellung brachte mich zum schmunzeln.

der Steinbock – Gesell für die nächsten 10min

Nun blieb das Tier trotz Fluchttier – wie es seine menschlichen Artgenossen, die in diesem Tierkreiszeichen geboren – standhaft am Grat stehen und, obwohl mir das Treiben von Wild widerstrebt – mußte ich ihn durch die Notwendigkeit des Vorankommens vor mit hertreiben.

der junge Mann in voller Schönheit, kaum 15m entfernt

Im Bestreben vor allem jetzt im Herbst die Kräfte des Tieres nicht zu sehr zu beanspruchen mäßigte ich meinen Schritt und er trabte mit Pausen des Umblickens gemütlich und lautlos vor mir her, nahm die Köpfchen mit einer eleganten Leichtigkeit, als wären sie bloß Gehsteigkanten. Ein Moment an dem ich fühlen könnte, daß er in diesem Gelände König ist und gegen ihn der Mensch ein unbedarfter Eindringling. Trotz seiner überlegenen Erscheinung mußte die Verfolgung einigermaßen stressig auf ihn wirken, da er reichlich Losung während der paar Minuten Feindkontakt verlor. Ich konnte mir die filmische Festhaltung dieser Szenen trotz Sturzgefahr nicht verkneifen. Also stolperte ich am breiten Grat entlang und versuchte ein Video des stolzen Tieres.

Leider blieb das Ego des Tieres bis zum Ende des Sattels, an dem der hohe Nordostabsturz der Bettlerkarspitze dem Grat ein Ende setzte erhalten wo es aber endlich in die Flanke auswich in der die Gämsen vor dem mächtigen Onkel die Flucht ergriffen.

einen letzten Gratrücken einfach über den Riss abgestiegen

Am Ende des Sattels, wo der Anstieg zur Bettlerkarspitze über einen immer steiler werdenden Schutthang hinaufzieht und linkerhand die ansetzenden Felsen den Blick verwehren, war ich froh aus dem Blickfeld des Steinbockes zu sein. Allerdings dauerte es keine zwei Minuten in denen ich den Schutthang empor keuchte, der sich an seinem oberen Ansatz zur dunklen steilen Schlucht ausbildet, bis der stolze Bock den Grat wieder erobert hatte und – den Kopf ja nicht weit genug gedreht – verächtlich aus den Augenwinkeln heraufsah.

Anstieg zunächst über Steigspuren

Nun mußte ich aber das Abenteuer mit dem Tier bleiben lassen und mich der bedrohlichen Schlucht widmen. Steinschlag durch handtellergroße Brocken lagen im Schnee der letzten Wochen und daraus kann man unschwer schließen, daß ein Aufstieg hier bei regem Betrieb auf der Bettlerkarspitze wohl auch mit Kletterhut ein Risiko bleibt.

Herr Steinbock hat den Grat wieder erobert

Kontaktaufnahme ist von unten zwar mit jenen am Gipfel möglich, jedoch kaum mit jenen, die über den Normalweg auf der Westseite des Nordgrates ansteigen und den Grat knapp unterhalb der seilversicherten Stelle erreichen. Somit war ich froh, daß die beiden anderen Bergsteiger vor mir den Gipfel verlasen habe, als ich noch den halben Grat vom Falzthurnjoch vor mir hatte.

die Schlucht zwischen Gipfelaufbau und Nordgrat – brüchiges Gelände zu beiden Seiten, der Fels in der Schlucht ist im Mittelteil fest

Die Rinne verjüngt sich oben fast zum Kamin, jedoch muß gar nicht in diesen Bereich vorgedrungen werden. Die Führerbeschreibung spricht von 30m ab dem Beginn der Schlucht und man tut gut daran, diese Anleitung mittels Bergsteigeruhr, oder gutem Einfühlungsvermögen, einzuhalten. Mehrfach gehen rechterhand schräge Bänder weg, die zum Aufstieg verleiten würden, denn diese Schlucht möchte man gerne schnell verlassen. Die 30m Marke kann auch gut dadurch erkannt werden, als daß knapp unterhalb eine auffällige Verjüngung den vollen Klettereinsatz zur Überwindung nötig macht (allerdings ist das keine IIIer Stelle sondern einfacher). Genau oberhalb sind die 30m Aufstieg erreicht und es geht rechts auf mittelbreitem Band weg.

bereits die 30m Aufstieg absolviert und am Weg über das Band – von rechts kommt man daher

Das Band verschwindet nach ein paar Meter und somit ist man dem steilen, brüchigen aber doch einigermaßen trittfestem Gelände ausgeliefert, das der Geübte im Normalfall meidet, jedoch in der Lage sicher zu begehen ist. Mit Bedacht und Einsatz beider Hände gelangt man nach wenigen Metern Höhengewinn knapp unterhalb der auffällig orangen Stelle an der das Seil am Nordgrat in so mancher Beschreibung die sogenannte „IIIer Stelle entschärft“. Wer es bis hierher geschafft hat, der bedarf des Seiles nicht.

am Nordgrat an der Stelle mit dem Seil angelangt

Von dort führt der noch kurze Nordgrat weiter zum Gipfel der Bettlerkarspitze. Dabei passiert man den Ausstieg aus der Schlucht, die oben Kamin ist. Oberhalb des auffällig breiten Schneefeldes unten in der Schlucht geht es in Aufstiegsrichtung rechts weg auf das Band.

Aufstiegsrinne vom Nordgrat aus – oberhalb des breiten Schneefeldes etwa mittig der Schluchthöhe geht es seitlich weg

Weil im Aufstieg das Dokumentieren nicht möglich war hier ein Blick vom Gipfel auf die im Aufstieg rechte Flanke der Schlucht, die zur orangefarbenen Stelle führt.

knapp oberhalb des untersten Schneefleckes kommt das Band aus der Schlucht herüber, nach oben links wird weggestiegen

Ein wenig Spannung fällt am Gipfel ab und natürlich darf die gelungene Überschreitung des Kammes mit dem Falzthurnjoch am Gipfel der Bettlerkarspitze nochmals überblickt und ausgekostet werden.

Gratüberschreitung vom Falzthurnjoch von der Bettlerkarspitze aus

Insgesamt gesehen ist diese Tour als leichte, angenehme und wenig begangene Grattour mit phantastischen Aussichten einzustufen, die empfohlen werden kann. Große Teile können als Wanderung bezeichnet werden.

der Grat hoch über dem Plumssattel im Überblick

Als Alternative zur letzten Schlucht am Gipfelaufbau der Bettlerkarspitze beschreibt der AV-Führer den Abstieg über das Plumskar, um weiter unten auf den Nordgrat zu gelangen.

erster Teil mit Anstieg auf Gütenbergsattel, Schneeköpfe und Falzthurnjoch

Eine Beschreibung des Abstieges von der Bettlerkarspitze entfällt in diesem Bericht, der interessierte möge den Aufstieg zu jener hier nachlesen.

zweiter Teil mit Falzthurnjoch und Grat zur Bettlerkarspitze

Der Zeitbedarf für die gesamte Runde betrug 6 1/2 Stunden. Dabei wurden 1.430Hm Aufstieg zurückgelegt und drei Pausen mit jeweils in etwa 15 bis 20min Dauer.
Es plane eine Stündchen mehr, wer im Klettern nicht besonders geübt.

Mils, 21.10.2017

Ergänzung per 26.11.2017:
Durch den Neuschnee am 26.10.2017 konnte ich eine möglich Alternative zur Begehung am Grat erkennen. Es scheint, als ob es am Grat eine Abzweigung in die Ostflanke der Schneeköpfe unterhalb des Grates gibt, siehe Foto. Dies wird auch der Steig sein den die Mander vom Hockeyclub Pertisau genommen haben (siehe Facebook „Hockeyclub Pertisau“) und wahrscheinlich der Normalanstieg.
Die Abzweigung dieses Anstieges vom Grat habe ich nicht erkannt, aber auch nicht wissentlich gesucht.

grün = Route über den Grat
rot = Alternative (vielleicht Normalanstieg?)

 

 

 

 

 

Schaufelspitze 2.308m – Überschreitung von der Bettlerkarspitze

Im zentralen Teil des Sonnjochkammes gelegen, kann  die Schaufelspitze im leichten Gratübergang von Nordosten über die Bettlerkarspitze erreicht werden.

der schöne Gratübergang von der Bettlerkarspitze zur Schaufelspitze im Rückblick

Die Grattour ist ein lohnend Ziel für die landschaftlichen Schönheiten im östlichen Karwendel, erlaubt aber auch tiefe Blicke auf die Giganten im zentralen Karwendel und sein Ausklingen im Norden. Sie kann als Rundtour durchgeführt werden mit Zustieg, wie erwähnt, über die Bettlerkarspitze und Abstieg über den Nordwestgrat sowie zurück auf den Plumssattel, meinem Ausgangspunkt für den Anstieg.

Bettlerkarspitze und Schaufelspitze im Hintergrund

Als Zustieg zum Plumssattel wählt jener, der aus dem Inntal anreist, die Gernalm (von Pertisau aus über die bemautete Straße erreichbar) und jener, der aus Bayern bzw. dem Risstal anreist die Hagelhütten am Beginn des Enger Tales.

der Vorgipfel der Bettlerkarspitze – heute leider schon besetzt

Die Beschreibung des Aufstieges zur Bettlerkarspitze kann dem hinterlegten Link entnommen werden. Zur groben Einschätzung sei hier nur erwähnt, daß der Aufstieg etwas leichter ist, als der letzte Teil Gratüberschreitung.

Gratübergang von Bettlerkarspitze zur Schaufelspitze im Überblick

Wegen des Wahlsonntages konnte die Tour – entgegen meiner Gewohnheit – erst recht spät am Tag begonnen werden, der Start am Parkplatz bei der Gernalm erfolgte um 10:20 was bei wolkenlosem Himmel am beleuchteten Hang mit der Straße zum Plumssattel trotz fortgeschrittenem Oktober bereits für eine schweißtreibende Aktion sorgte. Im Sommer sollte man hier also zeitig dran sein.

Etwas kühler erfolgte dann der Aufstieg über die steile Nordflanke, in alten Beschreibungen als hervorragende Schitour dargestellt, und ab dem Köpfchen auf 2.075m (das ist nicht der Vorgipfel!) wurde es wieder sonniger.

am Gipfel der Bettlerkarspitze 2.287m

Alleine am Gipfel bei herrlichem Wetter und eine aussichtsreiche leichte Überschreitung als nächstes Ziel, was will man mehr. Unter „leicht“ verstehe man nicht, daß sie wie eine Wanderung begangen werden kann. Im letzten Teil gibt es einige Stellen, die mittels leichter Kletterei (in etwa II-) bewältigt werden müssen und – das sei dem weniger routinierten Bergsteiger geschildert – die auch recht abschüssig bzw. teilweise etwas ausgesetzt sind, besonders die letzten ca. 40-50m auf der Gratschneide vor der letzten Einschartung die den Grat vom Gipfelaufbau der Schaufelspitze trennt. Alles in allem aber mit geringen Schwierigkeiten ohne Sicherung – und für jenen, der sich geübt und versiert am Grat bewegt, und großteils ohne Einsatz der Hände – begehbar.

Rückblick auf den Anstieg zur Bettlerkarspitze

Die Überschreitung beginnt in breitem Gratgelände auf regelrecht einem Steig bis zum nächsten Gratkopf, im Abstieg zu Beginn nach Verlassen des Gipfels der Bettlerkarspitze rechts in schotterigem Gelände.

Rückblick vom ersten Gratkopf

Der Aufstieg auf der Gegenseite erfolgt über einen breiten Grasrücken. Jenseits nähert man sich einem Steilabbruch, der auch gleich instinktiv zur Auffindung einer Alternative in einer Wendung nach links über die schroffige, aber gut gangbare Ostflanke des Rückens führt.

der erste Gratkopf im Rückblick; rechts unter dem Schneefleckchen geht es leicht abwärts

Dort zwei Dutzend Meter hinab und durch leichte Kletterei in kaminartigen Schroffen ein paar Meter an die Basis des Kopfes zu wiederum leichtem Gehgelände hinab.

kurz nach Verlassen der Bettlerkarspitze am Gratrücken

Es folgt ein langgezogener abfallender Sattel, der auf breitem Rücken begangen wird. Der nächste Gratkopf wird über seine Ostflanke, jedoch in Gratnähe leicht überwandert – auch jenseits – und anschließend erfolgt eine erste kurze Kletterstelle an einem etwas felsigerem Gratköpfchen.

zweiter Gratkopf im Rückblick, rechts kommt man herunter

Am schönsten erschien mir die direkte Überkletterung (zumal auch ein Steinmann am Hochpunkt diese Variante weist), die durch die blockige Ausbildung der Kletterstelle mit guten Griff- und Trittmöglichkeiten ohne Schwierigkeiten gemeistert werden kann.

erstes schärferes Köpfchen, direkt zu überklettern

Anschließen wird der Grat etwas schärfer, abschüssiger, teilweise ausgesetzt, jedoch immer breit genug, um ihn leicht zu begehen, inne zuhalten und links und rechts die Schönheiten des Karwendels zu betrachten.

der schöne Gratübergang von der Bettlerkarspitze zur Schaufelspitze im Rückblick

Die Schaufelspitze wird nun immer mächtiger vor Augen und bevor sie erreicht wird, stellt sich noch ein weiterer Kopf am Grat entgegen, der mit seinem plattigen Aufbau so ganz anders als alle Formen davor aufwartet.

Tiefblick ins Falzthurntal

Über schotterbedeckte Platten geht es aufwärts und bevor man die direkte Ersteigung über eine recht schwierige Verschneidung als Normalroute erkennen zu glaubt fällt rechts (nordwestseitig davon) ein Steinmann ins Auge.

plattiger Turm am Grat

Er ist die Weisung, den schwierigen restlichen Teil in äußerster Steilheit rechts zu umgehen. Auf der Hinterseite des Bandes, auf das der Steinmann leitet, steigt dieses mit großer Steilheit und schuttbedeckt zur Grathöhe an (Steinmann am Hochpunkt).

Steinmann rechts am Umgehungsband

Begangen wird es am besten entweder nahe am Fels zum sicheren Halt oder weiter davon entfernt in wiesendurchsetztem, festerem Gelände ohne Schutt.

Umgehung westseitig

Von diesem Hochpunkt aus (2.242m in AV-Karte) öffnet sich nun nordöstlich ein guter Überblick über die zurückgelegte Strecke und südwestlich der Abstieg zur letzten Einschartung vor dem von dort ca. 80m hohen Aufstieg in der Nordostflanke der Schaufelspitze.

Rückblick über den zurückgelegten Grat zur Schaufelspitze

Vor der letzten Einschartung erfolgt noch einmal ein etwas schärferer Grat, jedoch nur ca. 40-50m, der durch festen Fels führt und jede Menge gute Abstiegsmöglichkeiten bietet.

letztes Gratstück vor dem Gipfelaufbau der Schaufelspitze

Hier das letzte Gratstück vor der Flanke zur Schaufelspitze im Detail:

letzer Gratteil vor der Schaufelspitze

Rückblick von der Einschartung vor der Flanke zur Schaufelspitze:

letzer Gratteil vor der Schaufelspitze im Rückblick

Die steile Flanke zum Gipfel der Schaufelspitze nimmt man in wiesendurchsetztem Gelände durchwegs ein paar Meter rechts (nun nördlich, weil sich der Grat zunehmend gedreht hat) neben dem Gratrücken. Hinweis zur Steilheit – ich habe hierfür bereits wieder die Stöcke verwendet.

Gipfelaufbau der Schaufelspitze, letze ca. 80Hm bis zum flachen Gipfelgrat

Oben angekommen führt ein kurzes Gratstück in drei Minuten fast eben zum Gipfel der Schaufelspitze auf 2.308m.

Gipfelgrat der Schaufelspitze

Phänomenale Aussicht bietet sich hier und das ist wahrscheinlich auch der Grund warum der entbehrungsreiche Aufstieg über den Nordgrat – in der Folge mein Abstieg – aus dem Enger Tal auf sich genommen wird.

Am Gipfel der Schaufelspitze, 2.308m

Die Schaufelspitze stellt am Sonnjochkamm einen Endpunkt für die meisten Bergsteiger dar, die nicht absolut sattelfest in sehr schwieriger Kletterei sind und im Abstieg zum Bärenlahnersattel würde ich die Flanke zum Sonnjoch hin erstmalig nicht durchführen wollen.

Absturz zum Bärenlahnersattel

Umso mehr erfreute mich die exponierte Lage der Schaufelspitze mit der gewaltigen Aussicht auf die gewaltige Nordflanke des um genau 150m höheren Sonnjochgipfels und auf die kühnen Spitzen von Hochglück bis Dreizinkenspitze, die das Enger Tal begrenzen.
Weiter südwestlich schließen die schwierigsten Kletterberge des Karwendels mit ihren bis zu 1.000m hohen Nordwänden an; die beiden optisch markantesten Gipfel davon, die auch Grate nach Süden entsenden, sind die Sonnenspitzen und die Kaltwasserkarspitze ehe sich der Gipfel des Gamsjoches ins Bild schiebt und rechts daneben, in 13km Entfernung noch gerade die Birkkarspitze den Abschluß bildet.

Blick von Hochglück bis Dreizinkenspitze und weiter über Sonnenspitzen und Kaltwasserkarspitze bis zur Birkkarspitze

Westlich ist in 47km Ferne der Höllentalferner unter der Zugspitze erkennbar, der Fernblick möglich durch die vermindert wassergesättigte Luft im Herbst.


Weiter nordwestlich die Falkengruppe und die hohen Gipfel der Nördlichen Karwendelkette, bevor nach der Soierngruppe die mächtigen Gipfel des Karwendels im Rundblick in die  milden, niedrigen Vorkarwendelberge abebben.

der gewaltige Sonnjochgipfel, Namensgeber des Kammes

Nach einer Rast mit Fotodokumentation der außergewöhnlichen Szenerie und einer teilweise möglichen Rekognoszierung des Abstieges über den Nordgrat machte ich mich kurz nach 14:00 auf den Weg, den schönen, nach Norden vollkommen freistehenden Grat abzusteigen.

Nordgrat der Schaufelspitze – Abstiegsgrat

Deutlich vom Gipfel aus erkennbar der Kopf an dem der Abstieg durch Latschen beginnt, Pkt 1.986m. Von dort aus benötigt es einiges Orientierungs- und Einfühlungsvermögen, will man den breiten und nach Nordosten steil abfallenden Waldrücken erreichen, denn nicht überall sind die Steinmänner so dicht aufgestellt, daß der Abstieg ohne Orientierungsnotwendigkeit erfolgen kann.

Das Risstal mit den Hagelhütten

Im Mittelteil glaube ich gibt es mindestens zwei Latschengassen die man absteigen kann und die beide am selben Endpunkt enden, so empfand ich den Blick vom Pkt. 1986m aus.

Blick auf den letzten Teil der Gratüberschreitung zur Schaufelspitze, im Hintergrund Pertisau

Zunächst jedoch erfolgt der Abstieg schräg nordostwärts in der Flanke der Schaufelspitze (das Gipfelkreuz befindet sich nicht auf dem Hochpunkt an dem der Nordgrat endet, sondern etwas südwestlich davon) indem man vom tiefsten Punkt der Einsattelung zwischen Gipfel und Hochpunkt des Nordgrates schräg abwärts über Schutt zum Grat hinabquert.

zu querender Hang zum Nordgrat – viel Schotter in der Flanke

Am Grat geht es auf breitem Rücken mit raschem Höhenverlust abwärts bis ein kleiner Felskopf, dessen Ersteigung nicht lohnt, links, westseitig umgangen wird, um nachher rasch wieder zum Grat zurückzukehren. Über ein paar recht nett abzuschreitende schärfere Gratpassagen nähert man sich fast flach dem Punkt 2.140m, bei dem sich der Abstieg für eine kurze Strecke nach Westen ändert und in etwas schroffigeres Gelände überleitet.

kurz vor Pkt. 2.149m

Nach ein paar Dutzend Höhenmetern führt der Abstieg wieder zurück auf des Rücken breite Mitte und wird am Ansatz der Latschen wieder flach. Durch die Latschen geht es links oder rechts, ich entschied mich für die sonnenbeschienene linke (westliche) Seite.

weiters Abstiegsgelände nach Drehung der Route nach Westen

Diese endet allerdings bald und durch den einigermaßen dichten Latschengürtel konnte ich wieder auf den Rücken zurückkehren (wahrscheinlich wäre die Ostseite etwas günstiger gewesen).

in der Latschengasse zu Pkt. 1.986m

Am Punkt 1.986m angelangt (Steinmann) wendet sich der Abstieg abermals nach links (westlich) um am unteren Ende der breiten Gasse erneut scharf nach rechts (nördlich) abzubiegen und in eine schmale Gasse einzutauchen, die unten wieder breiter wird und am unteren Ende in einem zunächst schwer ersichtlichen Durchschlupf mit Steigspuren in der Schotterreise mündet.

am Pkt. 1.986m

Nach dem Durchschlupf befindet man sich in steilem Wiesengelände, das instinktiv nach rechts (nordöstlich) begangen wird, weil das Ziel ja der Wald- und Latschenrücken bleibt. Hier habe ich keinen Steinmann gesehen, er sollte erst etwas weiter rechts auftauchen.

von Pkt. 1.986m hinabgeschaut; am Ende der Gasse geht es scharf rechts weiter

Ein phänomenaler Rückblick auf die Schaufelspitze

Rückblick auf den schöne Gipfel und dem wilden Abbruch zum Bärenlahnersattel

Nach dem Durchschlupf zurückgeblickt:

nach dem Durchschlupf – von links oben (etwa Bildmitte) kommt man daher

Am Steinmann hat man nun die Wahl ob links oder rechts davon (so zumindest mein Eindruck und Blick nach unten zu einer Stelle an der beide Gassen wieder zusammenkommen) und ich entschied mich  für die dem Rücken nähere rechte Gasse.

vom Steinmann die weitere Abstiegsroute erkundet (tief unten eine gelbe Lärche)

Unten angekommen der nächste Steinmann, unter dem sich nach ein, zwei Minuten Abstieg nun eine deutliche Rinne ausformt, der man weiter folgt. Das Gelände sehr steil, also ein mühsamer Aufstieg in Gegenrichtung.

am Ende der Latschengasse bei einer ab dort deutlichen Ausbildung einer Rinne

Nun verpasse man folgende Geländeausprägung nicht: das Gerinne (in der AV-Karte auszumachen) in dem abgestiegen wird erreicht nach wenigen Minuten einen breitere, flache Stelle im Latschengürtel. An dieser Stelle (Höhe ungefähr 1.730m) wurde mittig im Gerinne ein Steinmann errichtet (Foto), und hier muß dann rechts aufwärts durch eine Gasse aufgestiegen werden in der ebenfalls deutlich Steinmänner zu sehen sind.

markanter Punkt und Rechtswendung des Abstieges in einen kurzen Aufstieg (Steinmann etwa mittig im Bild)

Knapp oberhalb dieser Stelle befindet sich eine im Herbst auffällig gelb gefärbte Lärche, die bereits von weit oben (Steinmann mit Wahl zwischen links oder rechts) gesichtet werden kann und die somit die generelle Richtung weist. Im Rückblick links der Lärche drei kleinere Tannen, die – zwar nicht so markant – aber ebenfalls schon von oben auszumachen sind.

Etwas oberhalb dieser Stelle traf ich auf zwei Burschen, die ich überholt habe und die den Weg kannten. Nachdem ich an der flachen Stelle zu weit links ankam übersah ich den Steinmann und stieg noch ca. 20m in Latschendickicht ab, das nicht weiterführte. Wieder zurück waren die beiden natürlich nun vor mir und daher einer davon in der ansteigenden Abzweigung zu sehen.

nach ca. 30m Aufstieg angekommen am Abbruch in den Sulzgraben – Rückblick (rechts endet der kurze Aufstieg)

Der aufwärtsgerichtete Latschengasse folgt man ca. 30Hm bis zu einer Flachstelle, die gleichzeitig den Abbruch zum Sulzgraben darstellt, einem geologisch sehr interessanten Gebiet.

blockgefüllte Senke

Nach dieser markanten Stelle, die auch von weit oben bereits ansatzweise erahnt werden kann, führt der Abstieg in eine sonderbare, urwaldähnliche, mit großen überwucherten Felsblöcken gefüllte Senke, die links, in offeneres Gelände wieder verlassen wird.

Von dort geht es etwas weit links nun in Wald hinab, Latschenbestände verflüchtigen sich rasch und nach einer Wendung nach rechts übersteigt man einige morsche Wetteropfer an großen Bäumen, die bereits Jahrzehnte lang den Steig überqueren.

in etwa drei Minuten unterhalb der blockgefüllten Senke

Im naturbelassenen Wald führt der Steig nun meist spürbar am Rücken hinab. Eine Detailbeschreibung erübrigt sich hierzu. Falls der Steig einmal nicht gut sichtbar sei und man zu weit in die linke (östliche) Flanke abdriften würde versuche man wieder auf den Rücken zurückzukehren, siehe auch Fotos in Galerie von markanten Gegebenheiten.

Baumstämme queren den Steig

Nordöstlich erblickt man zeitweise mit etwas Wehmut ob des enormen Höhenverlustes den Plumsalm Niederleger, der im Aufstieg zur Plumsjochhütte rechts liegengelassen wird, wenn nicht der Fahrstraße gefolgt, sondern am Steig angestiegen wird.

Ankunft auf der Fahrstraße zum Plumssattel auf 1.275m

Auf 1.275m wird die Fahrstrasse zum Plumssattel erreicht und es beginnt ein abschließender knapp 400m Aufstieg zum Plumssattel, der die schöne Rundtour würdig abschließt und einige bärige Fotomotive bereithält.

der gesamte zurückgelegte Grat zwischen Bettlerkarspitze und Schaufelspitze

Bei wunderschönem Herbstnachmittagslicht und einer deftigen Stärkung endet die Runde bei Johann auf der Plumsjochhütte. Der Abstieg über 500m zur Gernalm nimmt nochmals eine halbe Stunde in Anspruch.

Herbstlich am Spätnachmittag am Plumssattel

Für die gesamte Tour habe ich ab und bis zur Gernalm 8 Stunden benötigt und es fielen 1.720Hm an. Dabei sind ca. 1 1/4 Stunden Rast im Gesamten enthalten.
Wer von den Hagelhütten aufsteigt wird in etwa 40 Minuten und 300Hm gegenüber der beschriebenen Route sparen.

Mils, 15.10.2017

 

 

 

 

Bettlerkarspitze, 2.268m

Von der Gernalm aus ist die Bergtour auf die Bettlerkarspitze eine eher kurze Angelegenheit, jedoch, ihrer Lage zwischen den höchsten und den abklingen Vorgipfeln des Karwendel wegen, ein lohnendes Ziel. Wenn die Bettlerkarspitze allerdings mit einem der abzweigenden Grate verbunden wird, dann kann eine bemerkenswerte Tagestour, mit vielfältigen Landschaftsreizen daraus werden.

Blick von der Bettlerkarspitze auf den Grat zum Falzthurnjoch

Genau richtig für den Wetterbericht am 9. September 2017 erschien sie mir Tage zuvor, als ein Programm für das Wochenende geschmiedet werden wollte. Am Gipfel kann die Entscheidung fallen, ob der Grat zur Schaufelspitze angehängt oder der Rückzug angetreten wird.

Bettlerkarspitze in herbstlichen Morgenlichte, Hauptgipfel hinten links

Kurz vor 8 Uhr begann, bei bereits herbstlich kühlem Fallwind von den Hängen im hintersten Gerntal, vom Parkplatz der Gernalm, der Aufstieg auf der Schotterstraße, die eine alte Militärstraße sei.

auf der Straße zum Plumsjoch

Im unteren Teil durch Wald im oberen Teil durch den splitterigen Hauptdolomit in Raibler Formationen abenteuerlich schmal gewordenen Straße geht es zunächst auf den Plumssattel, einem tollen Aussichtsplateau und wichtigem Knotenpunkt von Nord-Süd-Graten und West-Ost-Übergängen inmitten des Plums Alm Hochlegers.

Bettlerkarspitze und Schaufelspitze vom Plumssattel aus

Am Sattel wendet sich der Aufstieg nach links gegen Süden, um in der bis auf 1.850m latschenbewachsenen Nordflanke des Vorgipfels – „Vordere Bettlerkarspitze“ entnimmt man dem Gipfelbuch – anzusteigen.

Gamsjoch links und Falkengruppe rechts

Nach der Obergrenze des Latschengürtels, der vorwiegend in Hauptdolomit erstiegen wurde, beginnt scharf abgegrenzt der Gipfelaufbau im Wettersteinkalk. Dies jedoch mit einer recht brüchigen Oberfläche mit allerlei geologisch interessanten Einlagerungen. Beim Aufstieg können links und rechts des oft in Querrichtung doppelt angelegten Steiges zahlreiche Fossilien erblickt werden, solange das Auge im Aufstieg dem schrägen Hang nahe genug kommt. Im Abstieg ist es viel schwieriger die Naturschönheiten wiederzufinden, wie sich später herausstellen sollte.
Der Aufstieg über die Flanke erfolgt unter konstanter, bedeutender Steilheit auf brauchbarem Steig, hin und wieder mit weniger griffigen Tritten durchzogen.

die Nordflanke der Bettlerkarspitze

Rasch nach dem Latschengürtel ist ein vorgelagertes Köpfchen am Grat (2.075m) erreicht, das zu einem Rundblick einlädt. Nach dem Blick vom Plumssattel gibt dieser Platz wieder erstmalig die Sicht auf die Bettlerkarspitze frei, die beim Aufstieg von der Alm über die Nordflanke nicht sichtbar war.

die Bettlerkarspitzen von Pkt. 2.075m aus gesehen

Knapp oberhalb des wiesenbewachsenen Köpfchens erscheint der markante Vorgipfel der Vorderen Bettlerkarspitze unwesentlich höher als das Köpfchen zuvor. Der Grat dorthin ist zunächst flach steigend, breit und in kurzer Zeit erstiegen.
Gipfelkreuz und Gipfelbuch für manch jenen, der sich im Internet über die Tour informiert hat und dessen Wahl des Endes der Tour deshalb auf diesen Vorgipfel fällt, so wahrscheinlich zwei Bergsteigerinnen vor mir, die ich am Vorkopf überholte. Im Internet finden sich einige überzeichnete Beschreibungen der Schwierigkeiten des Anstieges zum eigentlichen Gipfel. So wird über eine Stelle III berichtet, die mittels eines Seilstückes „entschärft“ wurde. Diese Stelle, knapp unterhalb des Gipfels, ist gerade einmal 2m hoch und bietet einwandfreie Griffe und Tritte, sodaß auch das Abklettern keine besonderen klettertechnischen Fertigkeiten erfordert.

Der Grat von Pkt. 2.075m zur Vorderen Bettlerkarspitze

Nach dem Vorgipfelchen muß knappe 10m abgestiegen werden. Der Grat wird in der Folge zum großen Teil auf einem kleinen Steig, der nicht schwer zu verfolgen ist, auch wenn er dann und wann etwas schwach ausgeprägt ist, auf der Westseite umgangen.

die Bettlerkarspitze vom Vorgipfel aus

Herrliche Bänder ziehen sich unterhalb des Grates empor, die Teile des Steiges bilden, der in nun wesentlich längeren Abschnitten als die Route bis zum Vorgipfel markiert ist. Ab dem Vorgipfel finden sich verwitterte gelbe Markierungen; ein untrüglich Zeichen, daß dieser Steig nicht von einem Wegerhalter gepflegt wird. Warum das so ist mag sich jeder unter der Vorstellung der krankmachenden, allerorts um sich greifenden Haftungspflicht in der ursprünglich fremdländischen, hier jedoch so rasch adoptierten Lawyerwelt selbst beantworten.

herrliche Bänder, das Vergnügen leider nur von kurzer Dauer

Ein Blick nach links erfüllt mit Verlangen nach dem leicht anmutenden Grat vom Falzthurnjoch zur Bettlerkarspitze herüberziehenden Grat. Er sieht nach wenig Höhenunterschied aus, wer jedoch häufig Gratüberschreitungen ausführt, der weiß wir sehr man sich am bloßen Anblick der Schneide täuschen kann.

der leichtfüßig anmutende Grat vom Falzthurnjoch zur Bettlerkarspitze

Nach kurzer Zeit führt ein auslaufendes Band in einen kleinen Kessel, der sich vom Grat bis zum Steig herunterzieht. Diesen Kessel ersteigt man in Schutt an seiner linken (nördlichen) Seite, um wieder auf Grathöhe zu kommen. Sodann erblickt man den Gipfel der Bettlerkarspitze mit dem schönen hölzernen Gipfelkreuz.

kurz vor dem kleinen Kessel unterhalb der Bettlerkarspitze

Über wiesendurchsetzte Schrofen geht es steil mit gut gestuften Tritten den Steig empor, bis der Grat abermals rechterhand (westlich) verlassen wird, um der direkten Gratlinie zu entweichen und über eine leichte, schräge Rinne zur oben erwähnten „schwierigen“ Stelle zu gelangen.
Diese Stelle ist zwar etwas ausgesetzt, jedoch nicht so schwierig zu meistern wie angenommen. Es gibt links am Abbruch einen spitzen Kopf zum draufsteigen und oberhalb des vorstehenden Blockes genügend Griffe. Sodann unter einmal über den Block.

der letzte Teil des Grates mit einer kleinen Stelle Spannung

Die letzten Meter zum Gipfel führen wie ein U um einen großen Kamin herum. Auf der Gegenseite, fast in gleicher Höhe, das kleine Plateau mit dem Gipfelkreuz. Es wurde in zweieinviertel Stunden ab dem Parkplatz der Gernalm erreicht.

Bettlerkarspitze 2.268m

Eine wahrhaft phantastische Aussicht nach allen Seiten bietet die Bettlerkarspitze mit ihrem, nach Nordosten ausgerichteten Gipfelkreuz.
Das Karwendel kann Gegen Westen sozusagen „seitlich“ in seiner Süd-Nord Ausdehnung betrachtet werden, von den Hauptketten im Südwesten bis zu den Ausläufern und Vorgebirgen im Nordwesten, alle Höhenstufen im Schnitt, den Übergang von Inntaldecke (Linie Lamsenspitze-Sonnenspitze-Birkkarspitze-Pleisenspitze) und Karwendelschuppenzone (Linie Plumssattel-Risser Falk-Wörner) auf die nördlich gelegene Lechtaldecke, die im fernen westlichen Teil noch die Soierngruppe mit erheblichen Gipfelhöhen birgt.

das schöne Holzkreuz der Bettlerkarspitze

Gegen Osten und Nordosten gibt es einen wunderbaren Blick auf den schönen Grat vom Falzthurnjoch herüber, sowie in der Ferne dahinter vom Achensee mit dem dahinter liegenden Rofanstock bevor weiter nordöstlich die letzte bedeutende Erhebung über 2.000m, der Guffert mit knapp 2.200m, nicht zuletzt wegen seiner mächtigen, im Grün der Karwendelvorberge markant hervortretenden, hellen Südabbrüche beeindruckt.

Im Süden beeindruckt das gewaltige Muschelkalkdach des Sonnjochgipfels als mächtiger runder Rücken und höchste Erhebung in der Kette. Es versperrt die Aussicht auf einige Wichtige Gipfel in der Karwendelhauptkette, so sind nach dem gerade noch sichtbaren Hochnissl die Lamsenspitze und der Hochglück verdeckt und erst die Eiskarlspitze kann oberhalb der Verschneidung von Westrücken Sonnjoch und östlichem Gipfelaufbau der Schaufelspitze eingesehen werden.

das massive Sonnjoch und rechts die Schaufelspitze

Ein besonderes Schmankerl ist auch die kleine Vergletscherung unterhalb der Eiskarlnordwand (die sog. Eiskarln, von denen die Spitze mit Sicherheit ihre Namensgebung verdankt), die ein wenig aus der vorgenannten Verschneidung der beiden Flanken herausragt und wirklich eindrucksvoll nur mit einem Fernglas betrachtet werden kann.

die Schaufelspitze mit Ungemach darüber; in der Verschneidung Sonnjoch Westgrat/Schaufelspitze Ostgrat die Vergletscherung der Eiskarln

Die Schaufelspitze im Süden, bzw. der Grat dorthin wäre auch das insgeheime Ziel der heutigen Tour gewesen. Der meist ebenfalls von Haftungsgedanken beeinflusste Medienbericht vom Vortag, sowie die rasche Wetterentwicklung während des 40 minütigen Gipfelaufenthaltes, jedoch, hielten meinen Erfolgsdrang, nach nun einigen aufeinanderfolgenden Wochenenden mit intensivem Gebrauch der Regenjacke und der Heimfahrt in nassen Shorts, recht fest im Zaum.
Zusätzlich erschien eine Gratüberschreitung mit wenig Sonnenlicht und viel schwarzgrauem Gewölk, mit direkter Zugrichtung, rasch sich nähernd, für die Dokumentation nicht dem Wunsche entsprechend, die Schönheit dieser Tour entsprechend einfangen zu können.

Falzthurnjoch mit Achensee

Um es vorweg zu nehmen, das Wetter hätte gehalten, die Überschreitung wäre möglich gewesen.
Allerdings ist das Vorhaben im Herbst immer noch möglich und eingeplant.

Also beschäftigte ich mich auf diesem für die Einschätzung des gegenständlichen Gebirges bedeutsamen Gipfel mit ausgiebigem „recognosciren“ mit dem Fernglas, um in der Sprache der Pioniere dieses Gebirges zu bleiben.

Dabei konnte festgestellt werden, daß der Karwendel-Führer (Klier) in der Aussage, die Bettlerkarspitze wäre vom Plumsjoch (der Plumssattel ist gemeint) aus nicht sichtbar, falsch liegt. Wahrscheinlich soll die Aussage lauten, daß sie von der Plumsjochhütte aus nicht sichtbar ist, denn neben dem Gipfelkreuz platziert kann der Plumssattel in der Tiefe wunderbar eingesehen werden, also auch in Gegenrichtung.
In direkter Blickrichtung auf die höchste Erhebung am Sattel (Abzweig zur Montscheinspitze auf Schotterstraße, Rastbank) vom Hauptgipfel aus liegt das Gipfelkreuz des Vorgipfels fast auf gleicher Linie (siehe auch Karte mit gesamter Strecke von der Gernalm in der Bildergalerie).

Rauer Kranzenzian, man beachte die unterschiedliche Anzahl an Blütenspitzen

Die Flora, die dem Karwendelfreund auf seinen Touren stets ins Auge fällt verrät, daß die Bettlerkarspitze schon eher dem Norden des Karwendels zuzuzählen ist; es findet sich dort eine Enzianart zuhauf – es dürfte sich um den Rauen Kranzenzian handeln, auch wenn die Bestimmung anhand der verfügbaren Bilder für den Laien nicht eindeutig durchzuführen ist – die, bei genauer Betrachtung des Bündels in dem sie auftritt, sowohl vierblättrige als auch fünfblättrige Blüten aufweist und im südlichen Teil des Karwendels nicht anzutreffen ist, zumindest nicht merkbar häufig.

Schneeköpfe mit Rofangebirge dahinterliegend

Für den Abstieg an diesem so jungen Tag machte ich mir das oberflächlich sichtbare Vorkommen von geologischen Besonderheiten und Fossilien in diesem tektonisch so bedeutsamen Gebiet zur Aufgabe.

Muschelfossilien

Dabei mußte ich die bereits oben erklärte logische Feststellung machen, daß im Abstieg Feinheiten auf Gesteinsoberflächen weit weniger gut sichtbar sind als im Aufstieg. Der Blickwinkel mag das seine dazu beitragen. Dennoch konnten einige schöne Stücke gesichtet werden.

Rauhwacke

Die Nordflanke der Bettlerkarspitze stellt sozusagen die vorderste Stirn der Reliefüberschiebung des Karwendels dar und ist somit die nördlichste Front der Inntaldecke, die der Lechtaldecke kurz vor dem Plumssattel aufgeschoben wurde. In solchen Gebieten ist geologisch meist „viel los“.

Breccie

Schöne Rauhwacken (Zellenkalk mit ausgelaugten Hohlräumen) mit ebenflächiger Unterseite (auf eine Gleitbahn hinweisend?) deuten auf eine Haselgebirgseinlage zwischen dem Hauptdolomit und der überschobenen Wettersteinkalkdecke hin.

Kalkbreccie; rechts oben – siehe Detailaufnahme

Wunderschöne Kalkbreccien mit ungeheuer festem Verkittungsmaterial (calcitisch?), ein Zufallsfund knapp neben dem Steig.

Detailaufnahme der Kalkbreccie

Wurmförmige tierische Einschlüsse in Kalk? mit ungewöhnlicher rosa Färbung.

wurmartige tierische Einschlüsse

Die Tour abschließend, das Wetter von sicherer Stelle der Plumsjochhütte aus beobachtend, gab es noch eine hervorragende Speckknödelsuppe vor der Plumsjochhütte, bis schneidig kalte Böen zum Aufbruch übers Joch anregten.

Stimmung oberhalb der Plumsjochhütte

Die gesamte Tour bedurfte fünfeinhalb Stunden, wobei die Rasten am Gipfel und in der Hütte in etwa eineinhalb Stunden dem Studium der Landschaft und der Energieaufnahme dienten.

Peilung Gipfel Bettlerkarspitze – Plumssattel

Foto mit Peilung der Sicht; der Vorgipfel ist in der AV-Karte mit einiger Übung erkennbar, siehe rote Pfeilmarkierung.

Mils, 09.09.2017