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Stanser Joch 2.102m – Überschreitung über Kaserjoch nach Pertisau

Das Stanser Joch, von Einheimischen „Staner Joch“ genannt erhebt sich mit auffallend glatter Flanke über das Inntal und bietet einen langen, kraftraubenden Aufstieg ab Stans.

Stanser Joch Gipfel, 2.102m

Die direkte Route bis zum Mittelgebirge ist für den ortsunkundigen mittels der AV-Karte leicht zu finden und führt vom Parkplatz vor der Wolfsklamm (570m) rechts davon, über die auslaufende Siedlung, in einem auffälligen Graben zur netten Kirche Maria Tax östlich der Wolfsklamm.
Beim Kirchlein Maria Tax wendet sich der Anstieg westlich wodurch man auf den Heuberg gelangt.

am Heuberg angekommen

Auf der Asphaltstraße am Heuberg, nach rund 300m weiteren Marsches nach Westen, befindet sich die Abzweigung zum Stanserjoch. Zuerst geht es gut 100Hm auf dem Schotterweg weiter, bevor bei ca. 1.000m Höhe ein Steig direkter als die Almstraße den langen Rücken bergauf führt. Dort beginnt nach bereits zurückgelegten 450Hm der fast 1.000Hm Aufstieg zur Stanser Alm.

die alte Stanser Alm

Von der Stanser Alm kann man dem weiteren Steigverlauf folgen, oder, zwecks Einsparung von Weglänge zuerst auf einem Schotterweg zu den Lawinenverbauungen gefolgt werden, um dann etwas höher und weiter östlich querfeldein auf Almwiesen den langgezogenen Gipfel zu erreichen.

Stanser Alm mit Hochnisslkamm im Hintergrund

Das imposante Gipfelkreuz – errichtet 1964 – markiert den höchsten Punkt, jedoch ist der gesamte Gipfelbereich westlich davon kaum niedriger, während er östlich davon gleich zum schmäleren Rücken abfällt.
Die Verbauungen gegen den Wind auf der nördlichen Seite prägen das Bild des Gipfelbereiches stark und er bildet keine Bereicherung für Fotos in den Achenseeraum.

Achensee bis Gerntal

Bis zum Gipfel habe ich 2 3/4  Stunden benötigt, mit einer kurzen Pause auf der Alm.
Nun beginnt ein langer Teil am Rücken der Kette mit alleine 3,8km Luftlinie bis zum Kaserjoch. Die Auf- und Abstieg sind zwar nicht besonders hoch, dennoch empfand ich diesen Teil der Überschreitung als recht anstrengend im Schnee.

Lawinenschutz über Stans

Die Schneedecke präsentierte sich überraschend hart gefroren, wodurch es möglich war ohne Gamaschen zu gehen. Eingebrochen bin ich nur auf steileren Hangstrecken – wie üblich – mit entsprechend stumpfem Winkel zur Sonne.

Pkt. 2.136m

Am Abstieg vom Ochsenkopf ändert sich das Gestein. Nach dem Gipfelbereich des Stanser Joches gebildet aus Wettersteinkalk fielen mir nun Muschelkalk, Rauhwacke und Brekzien auf. Ab dort ändert sich das Gestein häufig und ist von der Reliefüberschiebung geprägt.

Abstieg vom Ochsenkopf mit Bilderbuchaussicht nach Westen

das Gipfelgelände des Ochsenkopfes ist aus Muschelkalk gebaut.

Muschelkalk am Ochsenkopf

Brekzien tauchen in einem Gelände auf an dem sie nicht gebildet worden sein können. Ein Indiz für die Reliefüberschiebung.

Brekzie am Ochsenkopf

Das weite Schneekarl macht derzeit seinem Namen alle Ehre, die Schneeauflage ist dort im oberen Teil schon fast durchgehend vorhanden.

in der Flanke des Schneekarls

Zwischen Gamskar- und Kaserjochspitze wird ein Abstieg über ca. 50m zum Verbindungsweg notwendig. Er kreuzt hier Murenrinnen.

phantastischer Blick in die Nauders Alm mit der Lamsenspitze dahinter

In diesem Teil des Kamms befanden sich die meisten Gämsen, an die zehn Gruppen mit fünf oder mehr Tieren bekam ich über und unter mir zu sehen.

die dominierende Rappenspitze am Kamm, am Fuße das Kaserjoch

Am Kaserjoch beschloss ich eine kurze Rast. Zwei Bergsteiger befanden sich am Südabstieg von der Rappenspitze und ein dritter kam den selben Weg hinter mir auf das Joch. Eine seltsame Begegnung mit Gleichzeitigkeit im abgeschiedenen, teilverschneiten Karwendel im November.

der kühne Hauptdolomitbau der Rappenspitze

Im Nordhang der Rappenspitze war der Schnee auch am frühen Nachmittag bock hart gefroren was einen komfortablem Abstieg ins Nauderer Karl ermöglichte. Ab dort galt es den Anstieg für die Schitour auf die Rappenspitze zu erkunden.

vom Kaserjoch in das Nauderer Karl geschaut

Der oberste Hang nach dem Karl bedarf aufgrund seiner Steilheit wirklich guter Schneeverhältnisse, um die Schitour sicher ausführen zu können.

Stimmung am Nauderer Karl an einem Novembernachmittag

Selbst bei den momentanen Schneeverhältnissen steigt man lieber neben den ausgetretenen, gefrorenen Steigspuren, um nicht ins Rutschen zu kommen. Das Tiris zeigt Geländeneigungen von durchgehend 30-35° und Stellen, unten bei der Querung des Steilkars unterhalb der aufsteigenden Wände mit 40°.

Der Steilhang unterhalb des Nauderer Karls

Unterhalb der Felswände führt der Steig mit mäßigem Gefälle quer zum Schutthang zu einem Wiesenhang weiter.

Querung unterhalb der Abbrüche von der Kaserjochspitze

Nach der Querung Richtung Nordost geht es flacher durch den Wiesenhang weiter.

Abstieg am Hang zum Verbindungsgrat

Der Steig trifft dann weiter unten rechterhand an die Felsen des Verbindungsgrates zum Dristlköpfl und hier wir das Gelände teilweise wieder steiler.
In der Flanke des Hanges führt der Steig mit Anstieg auf den Verbindungsgrat und weiter über schätzungsweise 40-50Hm auf das Gelände der Dristlalm.

unterhalb der Felsen zum Verbindungsgrat, der Steig führt wieder aufwärts

Es stellte sich hier die Frage wie diese Passage im Winter begangen wird, hier ist ein zweimaliger Höhenunterschied zu absolvieren, der wohl Abfellen im Aufstieg und Auffellen in der Abfahrt bedeutet.

Rückblick vom Rand des Almgeländes auf den Verbindungsgrat

Über das konstant fallende Almgelände erreicht man die malerische Dristl Alm auf 1.645m. Von allen umrahmenden Seiten betrachtet würde man das Gelände dieser Alm nie so groß einschätzen wie es wirklich ist, ein abgeschiedener toller Rastplatz.

die Dristlalm mit dem Hintergrund des Sonnjochkammes

Der restliche Abstieg erfolgt über das untere Almgelände und anschließend durch das Legertal bis zur Falzthurnalm.

unteres Almgelände der Dristlalm mit wunderbarem Blick zur Roten Wand und der Hohen Gans

Ich konnte es wieder nicht lassen zu erkunden und stieg auf 1.200m nicht zur Falzthurnalm ab, sondern folgte dem Weg talauswärts weiter, der nach einigen Hundert Metern endet. Allerdings sah ich am Ende einen kaum sichtbaren Wildsteig weiterziehen und folgte diesem  teilweise weglos bis zur Kreuzung bei dem die Straße über die Brücke auf die orografisch rechts Talseite quert und die asphaltierte Fußgängerstraße nach Pertisau beginnt.

Blick zurück Richtung Dristlalm

Diese Abkürzung sei nur demjenigen empfohlen dem Tannenadeln im Nacken und hindurch schlüpfen zwischen Ästen nichts ausmacht. An die 150Hm Abstieg sind so zu bewältigen.

diese Fortstraße führt nicht bis zum Talboden

Der Rest der Tour bis Pertisau erfolgt fast strafweise auf der für Fußgänger asphaltierten Straße bis knapp nach der Mautstelle. Dort befindet sich die Bushaltestelle des Postbusses, der den Bergsteiger um 5,40.- Euro zum Bahnhof Jenbach fährt (an Samstagen zu jeder Stunde, jeweils ein paar Minuten nach voller Stunde und über VVT im Internet per Handy abrufbar). Vom Bahnhof Jenbach erreichte ich eine S-Bahn nach Stans (1 Station) um 2,90.- Euro und ab Pertisau benötigte ich dafür 1 1/4 Stunden. So komfortabel hätte ich mir die Rückreise nach Stans nicht vorgestellt.

Stanser Joch im Rückblick von Pertisau

Weil noch etwas Zeit bis zum Bus blieb gab es noch ein Bier am See und da der Bus auch am Bootshaus hält konnte ich dort bequem einsteigen.

Die Gesamtdauer der Tour betrug 7 1/4 Stunden und die Bergsteigeruhr zeigte genau 1.800Hm. Die Streckenlänge der Tour, über Outdooractive ermittelt, beträgt 20km.

Mils, 04.11.2017

 

 

Rappenspitze, 2.223m – über Stallental nach St. Georgenberg

Hoch über der Naudersalm thront die Rappenspitze, von allen Seiten betrachtet eine kühne Felszinke, die es sich lohnt einmal zu besteigen.
Der hier beschriebene Aufstieg erfolgt auf dem – in einer AV-Karte aus dem Jahre 1996 bezeichneten – Südostanstieg, vom Sunntiger aus, einem Sattel zwischen Lunstkopf und Rappenspitze.

img_5321Generell fällt dem aufmerksamen Naturbeobachter dieser – recht eigenartige – Teil des Karwendels auch ohne geologische Kenntnis auf, ist er doch weitgehend anders als all jene Formationen die er in den umgebenden Ketten und Graten findet.

Stallental im Oktober

Stallental im Oktober

Wenig typische Karwendeltopographie findet sich in den Hängen und sanften Gipfeln rund um die Rappenspitze und jene selber ist ebenfalls eine Besonderheit, besteht sie doch nicht nur aus dem festen Wettersteinkalk, sondern auch aus Hauptdolomit und Raibler Schichten (für den geologisch Uninteressierten die beiden letzten Gesteinsarten – brüchiger, splitteriger Fels) und auch dunkler Mergel ist vor dem Joch des Sunntiger häufig anzutreffen. Die Rappenspitze hat eine raue und eine milde Seite, ganz im Stile der Entdeckungen der Reliefüberschiebung von Otto Ampferer vor knapp 100 Jahren.

kurz vor der Stallenalm

kurz vor der Stallenalm

Der Beginn der Tour ist der Parkplatz Bärenrast über Fiecht. Das allzeit malerische Stallental entfaltet im Herbst eine besondere Pracht an Farben, tausende Töne finden sich in dahinsterbenden Blättern der Laubbäume und wer sorgsam beobachtet findet immer wieder Nuancen, die er noch nie vorher geschaut.

Rückblick ins Stallental oberhalb der Stallenalm

Rückblick ins Stallental oberhalb der Stallenalm

In gleicher Manier wie die Kraft der Blätter der stämmigen Laubbäume im Karwendel nimmt die Frequenz der Besucher „der Stallen“ im Herbst ab, obwohl die farbenprächtige Metamorphose dieser vielfältigen, in dieser Intensität im Tal nicht zu findenden Mischung der Landschaft, geradezu Massen anziehen müßte.
Für den Beobachter aus Leidenschaft stellt das Fernbleiben der Massen jedoch keinen großen Verlust dar, weil durch die gewonnene Ruhe im Refugium seine volle Konzentration auf die Natur ausgerichtet werden kann, mit ihr in gewisser Weise eine Einheit geschmiedet und sie aufgesaugt werden kann, ohne daß von diesen Gedanken Abwesende den Prozess abschwächen, behindern.

Jagdhütte Graf v. Thun

Jagdhütte Graf Thun

Hinter der Stallenalm beginnt der Steig zur Naudersalm, zuerst als Fahrstraße und ab der Jagdhütte des Grafen von Thun als richtiger Steig auf dem auch Almvieh auf und absteigt.
Der mäßig steigende Grubachgraben zieht als Ouvertüre des alpinen Teiles der Rundtour durch prächtigen Nadelwald und Unterholz hinauf, zur Linken mächtige Schotterreisen, die dem Bach als Abtragelement gnadenlos ausgesetzt sind. Mächtige Schotterwände, gebrochen von Felsstürzen aus den Wänden des Rauhen Knöll Massives und abgelagert in mächtigen Reisen, trotzen den Wassern, jenen von kurzzeitigen Hochwettern und jenen vom stetig arbeitenden Bergbach.

mächtige Schotterreisen aus dem Rauhen Knöll

mächtige Schotterreisen aus dem Rauhen Knöll

Den Grubachgraben verläßt der Steig zur Rappenspitze etwa in seiner Hälfte zur Rechten und zieht hinauf zum Rizuelhals, dem Sattel zur Naudersalm, in den Norden auf 1.943m Höhe.
In diesem Abschnitt von der Stallenalm bis hierher werden 600Hm des Anstieges erledigt und selbst noch in der Herbstsonne im scheidenden Oktober kann dies eine schweißtreibenden Angelegenheit sein. Der Vorrat an Wasser sollte also bei der Stallenalm gesichert werden, denn die nächste Möglichkeit an Wasser zu kommen besteht erst wieder auf der Naudersalm durch den gleichnamigen Bach und dieser bedeutet bei der Seehöhe von knapp 1.900m keine Normalität im Karwendel.

Wende am Steig Richtung Rizuelhals

Wende am Steig Richtung Rizuelhals

Zuntern säumen den Steig, vor allem nach der willkommenen Kehre auf ca. 1.660m. Die letzten gut 100Hm vollziehen sich dann auf Almwiesen unter der Materialseilbahn und das Jochlüftl tut gut.

am Sattel zwischen Lunst- und Brentenkopf, Richtung Süden auf den Hochnissl geschaut

am Sattel zwischen Lunst- und Brentenkopf, Richtung Süden auf den Hochnissl geschaut

Am Sattel zwischen Lunst- und Brentenkopf tritt das Tagesziel so richtig imposant hervor, die Rappenspitze als kühne Felsschuppe. Ein schöner Anblick eines nicht so spektakulär hohen Karwendelgipfels, der um so vieles anders geformt und gestaltet ist als das Gros der Berge im Karwendel und den man aber auch nicht vergessen wird, in gewisser Weise vergleichbar mit Formen die man von den Südtiroler Dolomiten her kennt.

Rappenspitze über der Naudersalm

Rappenspitze über der Naudersalm

Der Blick gen Norden auf die Rappenspitze veranlaßt unweigerlich ein paar Schritte links neben die Seilbahn zu treten, um gewachsene Natur ohne kurzweilige Technik abzulichten. Er lädt zum Verweilen ein. Das Tal weitet sich nach dem Sattel enorm, und kürt den Gipfel der Rappenspitze oberhalb der Alm zum geometrischen Höhepunkt in naturarchitektonischer Hinsicht. Selbst jener, der die bizarrsten Formationen in diesem Gebirge kennt möchte bei erstem Anblick nicht augenblicklich glauben, daß sich an diesem Fleck Erde die Lieblichkeit der Alm und der überwiegend schroffe Felsaufbau des Karwendels so treffend vereinen können. Ein gewaltig Bild Natur inmitten der Heimat.

Naudersalm, 1.896m

Naudersalm, 1.896m

Hinab durch die schroffe Wand der „Stiege“ geht es in raschem Schritt auf breitem Steig zur Naudersalm und weil der Steig zum „Sunntiger“, dem Sattel zum Falzthurntal  offenbar nicht mehr gepflegt wird finden sich kaum Markierungen, geschweige denn der so typisch gelbe Wegweiser, der sich sonst in diesem Gebiet zuhauf antreffen lässt.

zur Rappenspitze knapp oberhalb Naudersalm geblickt

zur Rappenspitze knapp oberhalb Naudersalm geblickt

Der Verdacht, daß der Steig vom Sunntiger, also vom Südwesten auf die Rappenspitze aufgelassen wurde keimte im Empfinden des Verfassers erst, als sich auch nach dem Sattel nur mehr verwittert anzutreffende Wegmarkierungen finden ließen. Der Zustieg zum Sattel war ebenso nur spärlich von verwitterten Markierungen geprägt, jedoch akzeptiert man dies unten eher, da es durch die vielen Gamsgassen durch die Zuntern vielfache Möglichkeiten gibt, den Sattel zu erreichen.

Am "Sunntiger", Sattel zwischen Lunstkopf und Rappenspitze

Am „Sunntiger“, Sattel zwischen Lunstkopf und Rappenspitze, Blick zum mächtigen Sonnjoch und der Schaufelspitze

Nach dem Sattel wundert es etwas, daß die Markierungen nicht deutlicher sichtbar sind. Weniger wegen der Richtung die es einzuschlagen gilt, denn diese ist ja durch den Gratverlauf eindeutig bestimmt und bedarf kaum/keiner Markierung. Mehr deswegen, weil sich beim Erfahrenen das dumpfe Gefühl aufdrängt, daß die Route nicht mehr gepflegt wird, aus welchen Gründen auch immer, zumal in der eingangs zitierten AV-Karte diese Route als Normalweg klassifiziert ist. Und dieses Gefühl bzw. die Erfahrung darüber nagen ein wenig, weil es doch sein könnte, daß bei halbem Anstieg eine Situation entstanden ist, die ein Weiterkommen unmöglich machen, oder zumindest so erschweren, daß technische Ausrüstung und ein Team nötig wären.

beginnender Aufstieg zur Rappenspitze ab dem Sunntiger

beginneder Aufstieg zur Rappenspitze ab dem Sunntiger

Erwartungsvoll werden die ersten Dutzend Höhenmeter nach dem Sattel begangen. Von dort führen 250Hm zum Gipfel und es sollte eine Sache von 40min oder weniger sein den Gipfel zu erreichen.
In Wahrheit waren es nur knapp über 30min, unter der Mischung aus Erwartungshaltung und Gipfeldrang waren es jedoch lange 30 Minuten. Der Grat ist schwach ausgeprägt und zumeist auf keiner Seite wirklich sehr steil abfallend. Drei Felspassagen würzen den Grat und früher waren diese mit Seilsicherung versehen, die Fixpunkte aus schwerem Bewehrungsstahl mit geschmiedeten Ösen am oberen Ende zeugen noch davon.

Blick zu den ersten Felsaufschwüngen am Grat zur Rappenspitze

Blick zu den ersten Felsaufschwüngen am Grat zur Rappenspitze

Spätestens beim Erreichen dieser technischen Einrichtungen weiß man, daß man sich auf einem aufgelassenen Steig befindet, wenn die verbindenden Stahlseile gänzlich fehlen. Die Frage ist nur, wie der  Steig sich entwickeln wird.

Felsköpfe, die eher links, westlich begangen werden; alte Steigsicherungen weisen die Route

Felsköpfe, die eher links, westlich begangen werden; alte Steigsicherungen weisen die Route

Vorweggenommen sei, daß er relativ zahm bleibt und zu keiner Zeit an keiner Passage eine schwierigere der kurzen Klettereien als von I+ oder II- anzutreffen ist. Alles in allem also sehr angenehme Passagen in den wenigen festen, wandbildenden Wettersteinkalkfelsen im südlichen Gipfelaufbau der Rappenspitze.

Rückblick zum Sunntiger

Rückblick zum Sunntiger

Die im Karwendel so typische plattenartige, mehr oder weniger steil gestellte Felsschichtung gibt in den kurzen Kletterpassagen in Form von breiten Bändern die Richtung der Ersteigung vor und die Stufen besitzen nur geringe Mächtigkeit, sodaß sie mit zwei Schritten in ihrer Höhe auch schon überstiegen werden können.

vorletzte leichte Passage rechts (östlich) zu umgehen

vorletzte leichte Passage rechts (östlich) zu umgehen

So erreicht man auch schon rasch und recht angetan von den kurzen netten Einlagen eines Hauches an Alpinismus den Gipfel und genießt einen sagenhaften Rundblick auf den dort schon geschwundenen Höhen des Karwendels auf 2.223m und befindet sich doch noch ca. 1.270m über dem Achensee.

letzter Felskopf vor dem Gipfel links (östlich) über Plattenstufen leicht zu ersteigen

letzter Felskopf vor dem Gipfel links (östlich) über Plattenstufen leicht zu ersteigen

Ein schönes modernes Gipfelkreuz ziert die Rappenspitze und das Gipfelbuch zeugt von nicht so großer Besucheranzahl, nimmt man die seit Herbst 2015 beschriebenen Seiten zwischen die Finger. Man hätte sich auch aufgrund des Zustandes des heutigen Normalweges mehr Besucher erwartet, denn dieser ist in schrecklich schlechtem Zustand der auch der Geologie geschuldet ist. Eine Breite Rinne, teilweise mit grobem Schotter dermaßen gefüllt, daß die Ränder für den Abstieg bevorzugt werden müssen und zum Glück ist dieser Teile nur von kurzer Dauer.

am Gipfel der Rappenspitze, Blick zur Karwendelhauptkette

am Gipfel der Rappenspitze, Blick zur Karwendelhauptkette

Interessant ist der Blick auf die Karwendelhauptkette, speziell in Richtung Sonnen-, Kaltwasserkar- und Birkkarspitze, sie scheinen zum Greifen nahe.
Ebenfalls ist der nach Süden ausgeübte Blick auf Trattenspitze, Hoher Fürleg, den Fallbachkarspitzen und den Großen Bettelwurf ein neues Erlebnis für jenen, der diese Berge immer in Richtung Norden betrachtet. Die Nordwände stürzen bei diesen Gipfeln abschreckend kalt und schwarz über Hunderte Meter ins Vomperloch hinab, Schneereste zeugen vom Klima in den Nordabstürzen.

Blick zu den Fallbachkartürmen über zwei vorgelagerte Ketten hinweg

Blick zu den Fallbachkartürmen und dem Großen Bettelwurf  über zwei vorgelagerte Bergketten hinweg

Interessant am Foto ist, daß zwei vorgelagerte Ketten überblickt werden, im Vordergrund die Kette Hochnissl – Lamsenspitze, in der Mitte Huderbankspitze – Hochglück. Alles spielt sich innerhalb von knapp 11km Luftlinie ab.

rechts Kaltwasserkarspitze und im Nebel die Birkkarspitze

rechts Kaltwasserkarspitze und im Nebel die Birkkarspitze

Am Abstieg zum weiteren Verlauf der Rundtour über die Ochsenkaralm und bis nach St. Georgenberg tut sich für den Verfasser eine Abkürzung auf, die jedoch hier nicht beschrieben wird, führt sich doch unmittelbar unter der wenig standfesten Nordostwand der Rappenspitze hindurch. Man folge hier also dem Normalweg über die Wiesenhänge zum Kaserjoch.

Abstieg von der Rappenspitze nach Norden zum Larchkarlkopf

Abstieg von der Rappenspitze nach Norden zum Larchkarlkopf

Nach dem Kaserjoch führt der Steig mit wenig auf und ab weiter bis zu einer Verzweigung, bei der es sich sicher lohnen würde den oberen Teil bis knapp vor dem Staner Joch zur Stelle „Am Übergang“ zu nehmen um von dort hinab und zurück zur Ochsenkaralm zu gelangen.

die Rappenspitze von Norden

die Rappenspitze von Norden

Weil die Zeit drängte mußte die schnellere Variante (die untere im topografischen Sinn) genommen werden und über einen kleinen Sattel zwischen der Hauptkette und dem Ausläufer des Hahnkamp im Südosten erreicht man in ca. 20min die Ochsenkaralm mit einem stilechten Almbrunnen, bereits zum überwintern gerüstet.

Rappenspitze in der Ferne vom Sattel oberhalb der Ochsenkaralm aus, Entfernung 1.850m

Rappenspitze in der Ferne vom Sattel oberhalb der Ochsenkaralm aus, Entfernung 1.850m

Von dort beginnt ein gewaltiger Abstieg, der nichts an Urwald im mittleren und nichts an Steilheit im unteren Teil zu wünschen übrig läßt und mit einem krönenden Abschluß endet, wenn man die Glocken vom Kloster St. Georgenberg zur Nachmittagsandacht schon einige Hundert Meter hoch am steilen Steig zu hören bekommt.

Ochsenkaralm, rd. 1920m

Ochsenkaralm, rd. 1920m

In mitten der Steilpassage nach den kümmerlichen Resten der Plattenalm kann zwischen den Föhren – der Bewuchs in dieser Steilpassage erinnert unweigerlich an jene am Hechenberg und dem Schleifwandsteig in der Kranebitter Klamm, wo sich nur mehr Kiefern an den spärlichen Humus im gut 45 bis über 60° steilen Gelände halten können – der Ausgangspunkt, die Bärenrast am anderen Hangrücken gegenüber erblickt werden und die Gewissheit, daß die Klosterstraße bis zu ihrem Tiefsten auf 800m Meereshöhe ausgegangen werden muß, um dann am Gegenhang wieder knapp 220Hm zum Fahrzeug aufzusteigen, mag den wenig Trainierten nach all der Strecke verzagen lassen, wenn er aber nicht daran denkt ist die Belastung klein und die Szenerie des Klosters aus so vielen verschiedenen Positionen läßt die Endanstrengung klein werden.

Steig von der Plattenalm nach St. Georgenberg

Steig von der Plattenalm nach St. Georgenberg

Der Steig zum Parkplatz zweigt vom ansteigenden Straßenteil rechts ab, wo sich die Wege Richtung Fiecht und Bauhof teilen, ein Wegweiser gibt die Richtung vor.

Ende des Steiges bei St. Georgenberg

Ende des Steiges bei St. Georgenberg

Nach einigen Hundert Meter folgt ein neuerlicher Wegweiser der in den Weg zur Bärenrast und in den Steig dorthin teilt. Natürlich nimmt man den Steig obwohl dieser wenig sympathisch durch einen lettigen Laubwald führt. Nach einer knappen halben Stunde wird der Parkplatz erreicht indem man den Steig ansteigend zur Lichtung weglos im Wald verläßt und damit abkürzt, oder ihn ausgeht und weiter oben im Wald nach einer Kehrtwendung am Steig zurückmarschiert.

Lindenkirche oberhalb des Klosters

Lindenkirche oberhalb des Klosters

Eine farbenprächtige, tolle Rundtour im sanften Teil des Karwendels die dem weniger extremen Bergsteiger gefallen dürfte, mit 1.540Hm in Summe zwar über dem Durchschnitt, jedoch als Tagestour leicht zu schaffen. Die Marschdauer des Verfassers betrug 5:41h und war als Trainingstour gedacht. Die Streckenlänge beträgt knapp 18km.

Kloster hoch über dem Tiefsten der Fahrstraße  nach Fiecht

Kloster hoch über dem Tiefsten der Fahrstraße nach Fiecht

Wer den Aufstieg über Felsen nicht unternehmen will verläßt die Naudersalm in Richtung Kaserjoch und steigt über den heutigen Normalweg auf die Rappenspitze und auf diesem auch wieder ab.

Abzweigung zum Parkplatz Bärenrast

Abzweigung zum Parkplatz Bärenrast

Wer die Rappenspitze nicht besteigen will kürzt die Zeit der Rundtour signifikant ab, weniger aber die Streckenlänge. Allerdings versäumt er auch einen Ausblick der nicht schnell in Vergessenheit gerät.

Mils, 29.10.2016