Hohe Munde, 2.662m über Westgrat

Imposant und freistehend aus dem Inntal herausgebildet steht die Hohe Munde mit ihren beiden unterschiedlich geformten Gipfeln mitten in der Landschaft. Durch den tiefen Einschnitt der Niederen Munde erscheint sie fast abgeschieden von der Mieminger Kette an deren östlichen Begrenzung.

Hohe Munde Westgipfel, 2.662m

Hohe Munde Westgipfel, 2.662m

Die Hohe Munde ist weiters von den umgebenden Gebirgsketten – im Norden das Wettersteingebirge, im Osten das Karwendel und gegen Süden über das Inntal von den Sellrainer und Kühtaier Ausläufern der Stubaier Alpen – völlig getrennt und steht, im Blick auf die umgebenden topographischen Verhältnisse,  im wahrsten Sinne des Wortes alleine mitten in der Landschaft.

ein toller Tag kündigt sich an

ein toller Tag kündigt sich an

Die isolierte Stellung der Hohen Munde macht sie daher zu einem besonderen Blickfang wenn man, in welche Richtung auch immer, das Inntal durchreist. Ein Berginteressierter kann sich beim Anblick einer gewissen Faszination, oder zumindest des Interesses an ihr nicht entziehen. Nicht ganz so extrem aus dem Nichts aufragend, wie beispielsweise der Kilimandscharo oder auch der Ararat, als abgesetztes Massiv aber doch unumgänglich anzuschauen steht sie monumental mit beidseitig breit ausladendem Rücken, zweier Flügel gleich, nördlich von Telfs, als ob sie mit dieser Haltung – die Stadt beschützend – jene vom Norden abgrenzen möchte. Natürlich ist sie viel niederer als die beiden vorgenannten berühmten Berge, aber sie ist nicht minder interessant, wenn auch leicht einzunehmen.

Adler Klettersteig

Adler Klettersteig

Dies vor allem über den interessanteren Westanstieg, der auch mit ein paar leichten Klettereien aufwarten kann, die den langen Anstieg am breiten Westrücken, der Himmelsleiter, willkommen unterbrechen.

das Ziel, Westgipfel Hohe Munde

das Ziel, Westgipfel Hohe Munde

Schon einmal scheiterte der Versuch die Hohe Munde bei föhnigem Herbstwetter zu ersteigen. Kein Jahr verging seitdem. Die Schande steckte noch tief drin den Geboten des nahenden Winters nicht nachzukommen und entsprechend Basisausrüstung dabei zu haben.
Diesmal war die Vorbereitung der Ausrüstung richtig und trotzdem passierte wieder ein ähnliches Missgeschick, Andi vergaß seine winddichte Jacke und es mußte die im Wagen vorhandene, unübersehbare Baustellenkleidung zur Substitution gegen den eisigen Wind herhalten.

auf der Niederen Munde, Zeit für bessere Kleidung

auf der Niederen Munde, Zeit für bessere Kleidung

Wieder machte uns der Föhn aus Südwesten den Anstieg am schutzlosen, von Unterholz völlig freien Westrücken den Anstieg schwer. Knapp unter der niederen Munde begannen die Windböen ihr anschiebendes Treiben und bereits am Sattel fanden wir uns in wenig überraschend tiefem Schnee, nachdem am Aufstieg vom Parkplatz vor dem Strassberghaus Windstille geherrscht hat. Eine ähnliche Situation wie sie oft am Lafatscher Joch anzutreffen ist, an diesem Tag auf der Niederen Munde mit heftigen Auswüchsen. Zusätzlich verwandelte der Schnee der letzten Tage die Tour im oberen Teil fast in eine Winterbegehung, die aus der an sich leichten Tour an zahlreichen Stellen eine schwierigere machte.

der klate Föhn fährt ins Gebein

der kalte Föhn fährt ins Gebein

Generell kann die Empfehlung ausgesprochen werden die Hohe Munde nicht bei kaltem herbstlichem Föhn zu besteigen. Am kahlen Westrücken gibt es keinerlei Erleichterung vor dem Wind, man ist im schutzlos ausgeliefert und zwar über die gesamte Strecke bis zum Gipfel, sieht man von der Durchquerung des Rauhen Tales ab, in dem wir – an diesem Tag zumindest – den Föhn kaum zu spüren hatten.

schutzlos vor dem Wind am Rücken bergauf

schutzlos vor dem Wind am Rücken bergauf

Wer an der Beschreibung des unteren Teils vor der Niederen Munde interessiert ist möge den Link zum Beitrag Hohe Munde – leider vereitelt lesen. Dieser Beitrag befaßt sich mit dem oberen Teil ab dem Sattel der Niederen Munde bis zum Westgipfel.

Ostwärts nach dem Sattel erstreckt sich zunächst ein welliger Rücken mit eigenartig angelegtem Steig, oder besser Steige zuhauf und die meisten markiert – die Wahl hier ist dem Unkundigen nicht immer schlüssig – zur ersten markanten Felsstufe, bei der letztlich alle Varianten zusammenführen.

Die Felsstufe ist mit einigen Markierungstangen versehen, was den Vorteil hat sie auch bei Schnee noch gut gefunden werden. An unserem Tag war bereits einiges an Schnee der vorausgegangenen Wetterstörung liegengeblieben, durch den heftigen Wind jedoch am Westrücken bis zum ersten Schartl hinauf nicht viel.

rutschige Flanke nach dem Schartl

rutschige Flanke nach dem Schartl

Spätestens nach dieser Felsstufe mußten wir Handschuhe, Mütze und Windstopper anlegen, der eisige Wind dürfte 60km/h deutlich überschritten haben und er blies konstant.
Andi war allzeit gut zu sehen. Die speziell dafür geschneiderte Warnkleidung tat aber auch ihre zweite Wirkung, er beklagte kein Kältegefühl und da der Wind Unterhaltungen erschwerte sowie der Gipfel anstelle einer Modeschau erklärtes Ziel war entstand auch kein großartiges Palaver darüber.

bei Schnee die besonders rutschige Steilfläche nach der Scharte

bei Schnee die besonders rutschige Steilfläche nach der Scharte

Mit der zunehmenden Schneelage vor der ersten leichten Kletterstelle stieg auch eine gewisse Gefahr durch den teilweise eisigen und daher rutschigen Untergrund deutlich an. Nach der verseilten und mit Klammern versehenen glatten Felspassage hinter der ersten markanten Scharte verloren die Tritte  deutlich an Verlässlichkeit auf einem Untergrund, der schneebedeckt und unterhalb aber auch teilweise eisig sich präsentierte. Speziell die ersten paar Minuten nach dem Ende des Seiles, in dem generell nicht sehr griff- und trittreich ausgebildeten Plattengelände mußten wir förmlich wie blind nach verlässlichem Halt suchen und nicht selten rutschte ebenso vorhandenes und nicht sichtbares Geröll bei Belastung noch nach. Diese Passage soll hier besonders erwähnt sein.
Mit dem Nachteil das Gelände ohne Schnee nicht zu kennen tasteten wir uns so bis zum wieder besser begehbaren oberen Teil des Rückens hinauf.

die kritischen Passagen oberhalb der Scharte

die kritischen Passagen oberhalb der Scharte

Oben angekommen wird das Gelände interessanter. Ein letzter kurzer Aufschwung führt auf die erste, leichte Gratpassage an deren Ende es auch schon in das sogenannte „Rauhe Tal“ hinabgeht.

Abwechslung am Gratstück

Abwechslung am Gratstück

Das Rauhe Tal ist eine karartig ausgebildete breite Mulde im Gratverlauf zwischen dem Westrücken und dem fast quer dazu stehenden Gipfelaufbau der Hohen Munde. Man durchschreitet es im Abstieg über ca. 90Hm und an seinem Ende wieder mit steilem Aufstieg auf Grathöhe, jedoch nicht wieder auf den Grat selber sondern an der Westflanke des Hauptmassives, um den scharfen, fast horizontalen Verbindungsgrat zwischen Westrücken und Hauptmassiv südseitig zu umgehen. Darüber gibt es zwei Fotos in der Galerie bei denen zu beachten ist, daß sie der Eindruck der Höhenverhältnisse und der Geländesteilheit nicht korrekt wiedergegeben werden und sie nur der Orientierung dienen.

hinab ins Rauhe Tal

hinab ins Rauhe Tal

Der Abstieg ins Rauhe Tal ist gut verseilt, teilweise, an kritischen Stellen wurden Klammern angebracht und der Abstieg erscheint nicht so tief wie angegeben. Mittig in der Durchquerung litt die Verseilung kürzlich durch einen massiven Felssturz, der das Seil abgeschlagen hat. In dieser Passage herrscht  jedoch normales Gehgelände wodurch keine Schwierigkeiten angetroffen wurden (später erfuhren wir am Abstieg, daß der Steig deshalb gesperrt ist).

die Westflanke gerade erreicht

die Westflanke gerade erreicht

Am anderen Ende des Rauhen Tales steigt man ein paar Meter in einer schluchtartigen Verschneidung einer Störzone hinauf, bevor der Aufstieg in der weiten Westflanke beginnt. Die Flanke ist steil und leichte Klettereien neben der Verseilung begleiten den gut 100Hm messenden Anstieg zum Gipfelgrat. In dieser Wand sind einige Stellen, die bei unseren Verhältnissen mit in dieser Höhe bereits an die 30cm Schnee nicht ganz einfach sind, aber auch keine besondere Herausforderung darstellen.

Andi mitten in der Westflanke

Andi mitten in der Westflanke

Oben, am Ausstieg aus der Wand, am beginnenden leicht steigenden Gipfelgrat gibt es nochmals eine Stelle an der man gut daran tut bei Schneelage mit beiden Händen das Seil zu verwenden. Das Gelände war dort wieder recht rutschig und die Nordabbrüche unmittelbar unterhalb des Steiges zwangen ebenso dazu.

 

die Verseilung ist hier im Winter sehr notwendig

die Verseilung ist hier im Winter sehr notwendig

Die restliche Strecke zum Gipfel vollzieht sich durchwegs am Grat dahin, das Gipfelkreuz steht nicht an der höchsten aber an der strategisch wichtigen Stelle.

Gipfelgrat zur Hohen Munde

Gipfelgrat zur Hohen Munde

Am Weg dorthin warteten schon eine gute Handvoll Bergdohlen, die ihre eindrucksvollen Startabdrücke im Pulverschnee hinterließen.

Dohlenstartplatz

Dohlenstartplatz

Der Wind hatte zum Glück seit dem ersten Gratstück stetig nachgelassen, aber trotzdem machten wir es uns auf der Leeseite im Osten des Gipfelkreuzes bei nahezu Windstille auf einem Balken des wahrscheinlich alten Gipfelkreuzes gemütlich und hatten unseren Spaß beim Zusammenwirken von Mut und Angst beim Füttern der Dohlen aus der Hand heraus.
Vom Parkplatz bis zum Gipfel hatten wir dreidreiviertel Stunden benötigt.

Manuel und Andi am Gipfel

Manuel und Andi am Gipfel

Trotz der vorhergesagten ausbleibenden Fernsicht für diesen Tag hatten wir Glück indem sich die Gipfel weit in den Osten ins Karwendel und auch passabel weit in den Westen klar abzeichneten. Die Sicht in den Süden hingegen war in der Tat deutlich schlechter.

die Granden des Karwendel im Winterkleid (Ödkarspitzen, Birkkarspitze und rechts Kaltwasserkarspitze)

die Granden des Karwendel im Winterkleid (Ödkarspitzen, Birkkarspitze und rechts Kaltwasserkarspitze)

Die Region um die höchsten Karwendelgipfel wird heuer wohl nicht mehr mit Sommerausrüstung begangen werden können, hier ergeben sich nun viele Wochen Ruhe, bevor man die Seekarspitze als Schitour unternimmt.

über den Ostgipfel auf Seefelderspitzen und Nordkette geschaut

über den Ostgipfel auf Seefelderspitzen und Nordkette geschaut

Der Ausblick auf das Zugspitzplatt und die Wetterstein Gipfel war phänomenal, und wenn man sich rundum zur Fernsicht drehte und nicht wüsste, daß man auf festem Fels stehe, könnte man für einen Moment glauben man säße in einem Ballon und stünde in den Lüften hoch über Telfs.
Für dieses Gefühl hat sich die Hohe Munde alleine schon gelohnt.

Dreitorspitzen

Dreitorspitzen

Den Ostgipfel und die Überschreitung wollten wir unter diesen Verhältnissen nicht unternehmen, dies Vorhaben wird einmal in eine Trainingstour im Frühsommer verpackt und vielleicht hier berichtet.

Mieminger Kette und das Zugspitzplatt

Mieminger Kette und das Zugspitzplatt

Am Abstieg stieg Manuel vor, Andi und der Verfasser rätselten über die beste Möglichkeit den Verbindungsgrat zwischen Westrücken und Westflanke zu begehen. Es scheint zu Beginn eine nicht ganz einfache Scharte zu geben, der Mittelteil erscheint einfach und die Schwierigkeiten dürften in der letzten Steilflanke des Absteiges, vor der Schartenverbindung mit der Westflanke zu liegen. Er erscheint aber generell machbar und da er uns schon im Aufstieg anzog wird es wohl nur eine Frage der Zeit sein, bis wir das Abenteuer nach weiterer Vorbereitung wagen werden.

Fütterung kecker Dohlen vertreibt Zeit am Gipfel

Fütterung kecker Dohlen vertreibt Zeit am Gipfel

Die Abstiegszeit soll durch die Umgehung im Rauhen Tal ebenfalls nicht unterschätzt werden. Wir mußten uns aufgrund der Schneelage in der Westflanke und auch auf dem zuvor als rutschig beschriebenen Hanges oberhalb der ersten Scharte mehr Zeit lassen als normal notwendig und so beendeten wir die Gesamttour in siebeneinhalb Stunden incl. aller Pausen (am Gipfel ca. 40min) und Umziehvorgänge.

ein paar Stellen mit Biss bei Schneelage

ein paar Stellen mit Biss bei Schneelage

Am Abstieg hatten wir noch das Glück ein Adlerpärchen zu sichten das in einer Höhe von weniger als 100m über uns hinwegzog, sowie, daß der Wind fast völlig zusammenbrach, unterhalb des ersten Felskopfes nach der Niederen Munde konnten Mütze und Handschuhe verstaut werden, trotzdem die Bewölkung von Westen her deutlich zuzog und über dem Lechtal Schauer zu beobachten waren.

Andi analysiert den Verbindungsgrat

Andi analysiert den Verbindungsgrat

Fast hätte und dann noch ein kleiner Guss erwischt, der sich aber nach einer guten Viertelstunde auflöste und sich weitgehend blauer Himmel auftat, als wir im Strassberghaus einkehrten, Manuel dort Schmarrn mit Bier genoss und alle von der Tour angetan waren.

vor der letzten Steilstufe angekommen

vor der letzten Steilstufe angekommen

Gesamt sind rd. 1.700Hm laut Höhenmesser und rd. 13km zu bewältigen. Die Aufstiegszeit wird mit vier bis viereinhalb Stunden ab den Parkplätzen angegeben.

Mils, 23.10.2016

 

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