Archiv der Kategorie: Lechtaler Alpen

Rundtour Starkenberger- und Larsenntal über die Verborgene Gratscharte, 2.454m

Mit beeindruckenden Landschaften, zerrissenen Graten und kühnen Gipfeln beeindrucken die Lechtaler Alpen generell und die Rundtour durch Starkenberger- und Larsenntal dringt tief in dieses Szenario ein.

letzte Meter auf die Verborgenen Gratscharte

Der phantastische Anstieg im weitgehend abgeschotteten Starkenbergtal, die dunkelgrauen Hauptdolomitberge, die Aussicht auf 2.454m am Hochpunkt der Runde sowie das wenig berührte, wildromantische Larsenntal verzaubern den Bergfreund mehrfach.

der Blick nach Westen wird immer interessanter

Die gesamte Tour liegt am markierten Steig, oberhalb des Steinsees bis zur Verborgenen Gratscharte teilweise mit fehlenden oder undeutlichen Steigspuren, jedoch immer ausreichend markiert. Sie läßt sich nach Belieben mit Gipfeln erweitern, die Dremelspitze wäre eines der leichten Ziele, die etwa 500Hm mehr Anstieg erfordert.

Im unteren Teil des Aufstiegs von Starkenbach

Die mittellange Runde beginnt in Starkenbach und zwar bei etwa zwei Drittel der Straße zum Schotterwerk zu Beginn des Starkenbergtals. Links neben einer Schotterdeponie, oberhalb der Bürogebäude zieht ein zuerst breiter Weg, dann ein Steig nach Südost auf den Ostrücken des Garseilkopfes hinauf, der offenbar „Kopfsteig“ genannt wird.

zunächst steil der Anstieg

In einigen Serpentinen geht es durch den Wald empor und im oberen, etwas flacheren Teil durch riesige Einzelblöcke aus Kalk, höchstwahrscheinlich ein Relikt an Geschiebe des Inngletschers.

Bereits auf der Garseilwiese, links die „Scheißet Riepe“

Ab der Garseilwiese, einer größeren Almfläche auf etwa 1.200m führt ein Schotterweg recht flach weiter ins Starkenberger Tal bis zur Alfuzalm auf etwa 1.260m.
Von der Garseilwiese aus nach Norden hat man auch einen schönen Blick auf die sogenannte „Scheißet Riepe“, eine weit über 1.000Hm messende natürliche Schutthalde vom Senftenberg herab – sie soll die größte in den Nördlichen Kalkalpen sein. Im August 1999 rutschten bei einem Unwetter 7,5Mio Kubikmeter Material in das Starkenbergtal, die Aufräumarbeiten dauerten über 14 Jahre an. Nicht von ungefähr befindet sich unweit des Ausgangspunktes der Tour ein Schotterwerk.

Blick nach Süden zum Venet

Durch die Abdeckung des Rückens zur Silberspitze (2.461m, mit vom Inntal aus auffallend schlankem Anstiegsrücken) gen Süden den kalten Föhn nun ein wenig weniger stark verspürend traten wir ins hintere Starkenbergtal ein und setzten – nach einem kurzen Abstieg – bei der Alfuzalm über den Starkenbach. Bis hierher könnte man auch mit dem PKW fahren, es gibt einen öffentl. Parkplatz.

das schöne Starkenbergertal beginnt

Die folgende Strecke neben dem kleinen Starkenbach mit seinem doch recht breitem Schwemmbereich, der von bedeutenden Wassern bei Hochwettern spricht, mutet richtig bärig an. Der Schotterweg ist teilweise nur gut einen Meter breit und an manchen Stellen  erhebt sich die Frage, die dort ein Lastenfahrzeug, das die Steinseehütte versorgt, noch fahren kann.

bei der Alfuzalm (hier auch der Parkplatz)

Links und rechts ziehen einsame steile Täler mit schroffen Felsbegrenzungen zu beiden Seiten vom Starkenbergtal ab – durch das Wildkarletal kann man den kühnen Spitz des Bergwerkskopfs betrachten.

nach Querung des Starkenbaches, links das Vileidtal

Weiter drin, in „Hinterstark“ wird der Starkenbach zahmer und die breiten Schwemmkegel verschwinden in der flacheren Landschaft. In Hinterstark, auf 1.641m, befindet auch die Abzweigung zur Steinseehütte, die uns zur Verborgenen Gratscharte bringen wird.

kurz vor dem Wildkarlestal

Das Starkenbergtal weiter gegangen und über das Gebäudjöchl gesetzt, würde man das Württembergerhaus erreichen. Bis zur Abzweigung Hinterstark waren wir vom Ausgangspunkt etwa zweieinviertel Stunden unterwegs.

Hinterstark (1.614m) mit Abzweigung zur Steinseehütte, im Hintergrund der Spiehlerturm

Der Aufstieg zur Steinseehütte nimmt etwa eine dreiviertel Stunde für die 450Hm in Anspruch. Nach dem ersten Drittel zieht sich der Steig neben der Materialseilbahntrasse durch das Tal hinauf. Auf dieser Strecke legte der Wind durch die Höhe wieder zu, sodaß eine Rast bei der mittlerweile geschlossenen Steinseehütte kurz ausfiel. Den Winterraum fanden wir versperrt vor.

Starkenbachtal mit Talkessel und Übergang zum Württembergerhaus (über das Gebäudjöchl leicht links der Bildmitte)

Interessant sind die unterschiedlichen Hüttenschilder. Das Schild auf der eigentlichen Hütte spricht vom Bau 1925 und einer Höhe von 2.069m, das wahrscheinlich alte Schild auf der Seilbahnhütte spricht vom Bau 1924 und einer Höhe von 2.040m. Weit und breit ist kein alter Bauplatz zu sehen, der zwischen 20 und 30m tiefer gelegen wäre. Es könnte sich also um einen Vermessungsfehler in den 1920er-Jahren handeln.

Steinseehütte (2.069m) gegen Seekarspitze

Der Aufstieg zum Steinsee mit seinem malerischen Panorama gen Osten nimmt gut 20min in Anspruch. Kurz vor dem Steinsee wird der Blick auf die Vordere Dremelscharte frei. Von ihr erfolgt ein schöner Aufstieg in leichtem Klettergelände zur Dremelspitze (2.733m).

Blick zum Rosskarschartl

Auf 2.222m gelegen und etwa 150m auf 100m in den Maßen umgibt den Steinsee am Talschluß ein prächtiges Panorama, seine Tiefe kann nur anhand der umgebenden Geländeneigungen mit etwa 10 bis 15m geschätzt werden. Die Intensität des kalten Herbstwindes bei unserer Begehung drückte sich deutlich an der Wasseroberfläche aus.

Steinsee, 2.222m

Seinem Ufer wird nach dem Wegweiser noch kurz gefolgt, bis die roten Markierungen den Richtungswechsel gen Osten, direkt auf den Grat zwischen Hanauerspitze und Bergwerkskopf sich wenden.

Panorama am Steinsee – Bergwerkskopf (2.728m)

Auf diesem Teil verschwinden die Steigspuren teilweise gänzlich und die roten Markierungen müssen zur Orientierung fokussiert werden. Allerdings kann die Verborgene Gratscharte vom Talboden aus gut eingesehen werden und somit sind die Markierungen nicht unbedingt nötig zur großräumigen Orientierung.

weglos aber gut markiert zur Verborgenen Gratscharte (genau über Simon)

Die Route zur Scharte steuert geradewegs auf die Schuttflanke des Grates zu und an der Flanke werden die Steigspuren wieder sichtbar.

der Blick nach Westen wird immer interessanter

Von weitem schon fallen die extremen parallelen Faltungen der obersten Felsschichtplatten auf, regelrechte Stauchungen können beobachtet werden und je näher man ihnen auf der mühsam zu begehenden, steilen Schuttflanke kommt, desto eindrucksvoller werden die Beugungen der Einzelschichten. Ein wunderbar Zeugnis von tektonischen Vorgängen während der Gebirgsbildung.

bäriges Panorama der Lechtaler hinter dem Steinsee

Im oberen Teil wechselt der mühsame Aufstieg von Schutt- und Geröllflächen hin zu leicht felsdurchsetzten Reisen und die letzten Meter führen durch festen Fels in leichter Kletterei zur Verborgenen Gratscharte auf 2.454m.

Simon erreicht das Felsgelände; man beachte die schönen Schichtfaltungen im Hauptdolomit

Die Höhe der Scharte ist im Kartenwerk und Berichten des Internet zu sehr unterschiedlich angegeben (teilweise findet sich die Angabe 2.520m, die zum unbenannten nördlich der Scharte gelegenen Kopf gehört), weshalb der Autor sozusagen als amtliche Aussage tirisMaps bemüht hat und die dort publizierte Höhe entnommen hat.

oberer Teil des Aufstiegs zur Verborgenen Gratscharte

Unwirtlich wegen des starken Jochwindes fanden wir die Verborgene Gratscharte vor. Eine windgeschützte Rast wäre im ostseitigen Lee der Scharte möglich gewesen, aber dort fanden wir eine geschlossene Schneedecke vor, weswegen wir beschlossen weiter unten im Talboden des Larsenntales zu lagern. Die Finger wurden alleine durch die Bedienung der Handykamera schon klamm genug, die Umstellung auf Winterbetrieb hat der Körper im Oktober einfach noch nicht drauf.

Manuel und Simon in der Verborgenen Gratscharte, 2.454m

Da der Übergang ins Larsenntal den geodätischen Hochpunkt der Rundtour bildet, lohnt es sich die umliegende Bergwelt zu verinnerlichen, vor allem nach Westen.
Man findet dort, als markantesten Vertreter der unmittelbaren Umgebung und als höchsten Gipfel der Nördlichen Kalkalpen und damit auch der Lechtaler Alpen die Parseierspitze (3.036m), ein auch geologisch interessanter Berg.

atemberaubendes Panorama von der Verborgenen Gratscharte nach Westen mit Parseierspitze und vielen anderen hier beschriebenen Gipfeln

Links (östlich) davon der runde Gipfel des Gatschkopfes und wieder links davon der Simeleskopf, der formschöne Gipfel des Blankahorn mit seiner markanten steilen Ostflanke wird durch die genau davor liegende Kreuzspitze abgedeckt, nur die Flanke ist bei scharfem Hinsehen sichtbar. Links der Kreuzspitze befinden sich in der Kette, die die Parseierspitze entsendet noch Wannenkopf und Rauher Kopf.

Rechts der Parseierspitze, mehr im Westen, finden sich die Spießrutenspitzen in der Ferne, die Gebäudspitze und der Bittrichskopf in unmittelbarer Nähe an der Umgrenzung des Starkenbachtals.

Rechts neben dem Bittrichkopf (2.698m) lugt knapp oberhalb des Grates die 13.9km entfernte Freispitze (2.884m) hervor, getrennt durch den scharfen Grat mit der höchsten Erhebung des Jägerrückens. Die Freispitze, ein unbedingtes Ziel in der nächsten Saison aus bergsteigerischer und aus geologischer Sicht.

Fast im Westen liegt ein schöner Pyramidengipfel in der Ferne. Es handelt sich dabei um den Westlichen Schafhimmelkopf (2.712m). Die beiden wuchtigen kofelartig rundlichen Köpfe rechts davon sind die beiden Leiterspitzen (Hauptgipfel 2.750m), die rechts dem  vorgelagerten und daher schwer erkennbaren Doppelgipfel der Hinteren Gufel Spitze. Das Bild schließt ab mit der Erhebung 2.656m am Grat zum Hintern Gufelkopf.

ostseitiges Panorama von der Verborgenen Gratscharte

Nach Osten bietet sich aus dem Blickwinkel der Scharte mit dem eher flach verlaufenden Larsenngrat zunächst ein weniger spektakuläres Panorama, jedoch werden weitere unten tolle zerrissene Gipfel in der nordöstlichen Talkesselbegrenzung sichtbar.

ostseitiger Abstieg von der Verborgenen Gratscharte

Es sind dies vor allem die Gipfel, Zinnen und Türme von der Kleinen Schlenker zum Großen Schlenker, aber auch die Brunnkarspitze.

Zunächst jedoch mußten wir den Abstieg durch den Schnee hinter uns bringen. Etwa 150Hm war dies eine etwas rutschige Partie, jedoch unschwierig. An der Ostflanke des Grates reichen fahrbare Schotterreisen weiter hinauf, weswegen wir bald unterhalb des Schnees in den Reisen bis zur Vegetation abfahren konnten.
Der Aufstieg auf dieser Seite wird durch die lockeren Reisen allerdings unangenehmer sein.

Steinkarspitze, Schneekarlespitze und Dremelspitze (2.733m)

Der oberste Talkessel des Larsenntales erscheint noch größer in seiner Ausdehnung wie jene des Sarkenbachtales. Selbst mit der Unterteilung durch die langen Grate der Schlenkerspitzen und der Brunnkarspitze herab überwältigt die Größe – der Talkessel bildet eine beeindruckende Arena.

Verborgenen Gratscharte im Rückblick von Osten

Über dolinendurchzogenen Wiesen führt der Steig auf einen leichten Rücken hinab. Im Tiefsten des Talkessels bildet eine leichte Senke an dem sich das „Seale“, ein kleiner See befinden sollte. Mag es diesen im Frühjahr und im Sommer geben, im Herbst trafen wir ihn nicht an.

Abstieg in den weiten Talkessel des Larsenntales

Vor dem Mitterjöchle verbachten wir ein paar Minuten Rast oberhalb dem sich nun prächtig ausformenden Larsenntal, das sich noch nicht einsehbar weit hinauszieht. An dieser Stelle vermittelt der Blick Richtung Inntal auch die Abgeschiedenheit der Landschaft und weil hier generell und speziell um diese Jahreszeit sehr wenig Besucher stören hatten wir auch das Glück einen kapitalen Hirsch auf einer freien Fläche zwischen den Latschenwäldern anzutreffen.
Hinter einer Geländerippe tauchte das für uns groß anmutende Tier (die Geweihkrone eine männliche Größe weit übersteigend) in etwa 200m Entfernung unter uns in der Nähe des Steiges auf. Eine falsche Bewegung mit Trittgeräusch unsererseits beim Suchen von Deckung zur Beobachtung und Ablichtung löste allerdings die feinen Sinne des Bockes aus und er verschwand im Latschenwald.

Kleiner Schlenker, Schlenkerturm, Großer Schlenker (2.827m)

Unweit unterhalb dieses seltenen Erlebnisses liegt die oberste Jagdhütte im Larsenntal.
Sie trägt auch den Namen Hanlehütte (1.780m) und liegt unweit oberhalb einer tollen Klamm, die in die nächste unterhalb gelegene Talstufe überleitet.

vom Mitterjöchle talauswärts aus dem langen Larsenn geblickt

Am freien Wiesengelände um die Hütte kann man untypischen Sandstein und verwunderliche Kalkbreccien bestaunen. Über diese erstaunlichen Funde wir noch weiter unten berichtet.

Jagdhütte Hanlehütte 1.780m gegen Wildkarlespitze

Es geht hinab zur nächsten Lichtung über den Steig innerhalb der Latschen wo auf etwa 1.500m die „Bauhofhütte“ erreicht wird. Es liegen dort zwei Hütten, die obere (Larsenn Nr. 2) eine Hütte der Bergrettung, die untere eine Jagdhütte.

Klamm unterhalb der Hanlehütte

Der Wald in der Umgebung zeugt von völliger Naturbelassenheit, lediglich Material für den Hüttenbau wurde ihm entnommen. Wurzelstöcke mit Stammdurchmessern von weit über einem Meter konnten wir sichten. Es gibt viele Lärchen, ein „Urbaum“ der Tiroler Wälder.

Rast bei den „Bauhofhütten“

Hier beginnt der aufregendste Teil der Durchquerung des Larsenntales.
Talauswärts passiert der Steig nach kurzer Strecke noch eine weitere Hütte (Jagdhütte), die bergseitig liegt und nicht besonders benützt anmutet, sowie einige Wegminuten darauf eine Hütte (Schaferhütte, auch Milser Alpli1 genannt) unterhalb des Steiges.

Manuel im Bachbett des Pleisbaches

Das Tal verengt sich nun zunehmend und der Steig führt über ein stetiges Auf und Ab (man soll dafür gesamt etwa 180Hm annehmen) das nach dem bereits absolvierten Aufstieg zur Verborgenen Gratscharte hinzukommt.

die Rutschungen am Brandbach mit interessanten grobblockigen Einlagerungen

Auf der Strecke im engen Teil des Larsenntales müssen einige Wasserläufe, die vom Larsenngrat herunterbrausen durchquert werden und da sie im Laufe der Zeit jeweils einen Einschnitt gebildet haben, ist deren Querung mit einem Abstieg und einem Aufstieg auf die Flanke verbunden.

der Larsennbach transportiert nicht nur Kalkgestein, auch Sandstein der Muttekopfgosau ist dabei

Bei der Querung Brandbach erreicht der Steig, der sich übrigens in hervorragendem Zustand befindet und offensichtlich kürzlich saniert wurde, seinen Tiefpunkt direkt am Larsennbach. Der Schuttkegel, der mit der Zeit dort abrutscht legt interessante geologische Details frei. Zwischen feinen Schotterpartien liegt eine Schicht von großen Felsbrocken, was auf ein umfassendes kurzes Ereignis zwischen langen Zeiten von geringer Aktivität hindeutet, beispielsweise ein größerer Felssturz, zwischen langen Zeiten mit wenig Felsabtrag.

Rückblick auf das Innerste im Larsenn

Betrachtet man die Brocken genauer stellt man fest, daß es sich zum Teil um Breccien mit Kalk- aber auch Sandsteinanteilen handelt. Diese hier zunächst völlig überraschende Entdeckung hat ihren Ursprung gut 1.000Hm oberhalb des Bachlaufes im Larsennkar. Dort  haben sich vor etwa 90 bis 40Mio Jahren in den flachen Lagunen des Meeres die Gosaugruppen durch Ablagerungen von Sedimenten auf den heutigen Bergspitzen gebildet.
Im Larsennkar ist eine solche Breccienscholle der Muttekopfgosau vorhanden und im Laufe der Zeit lösen sich Bruchstücke, die talwärts bewegt werden.

toller Steigverlauf über schwierige Passagen im steilen Hang

Nach dem eindrucksvollen Brandbacheinschnitt führt der Steig manchmal kühn über Abbruch- bzw. Hangrutschungszonen zu einem Hockpunkt hinauf, dem Spielhahnbachle. Der Anstieg erfolgt über rd. 80Hm und ist der längste Gegenanstieg talauswärts.

einer der vielen Wasserläufe im Larsenntal, hier mit Kolk

Die Szenerie beim Spielhahnbachle verzaubert den Betrachter und mag der schönste Ort im Larsenntal sein. Einerseits schießen die zerstäubten Wasser des Spielhahnbaches über den Fels geschätzt 50Hm herab, andererseits bildet der etwas tiefere Einschnitt im Fels eine Art  eigenes Vorgebirge zum tiefen Einschnitt des Larsennbaches. Steht man an den Flanken vor oder hinter dem Einschnitt kann man rechtwinkelig zum Gebiet „in der Höll“ steil aufragende Felsen hinab bis zum etwa 200Hm tiefer liegenden Larsennbach bestaunen.

der höchste Wasserfall des Spielhahnbachles (man beachte die Kameraden unten rechts)

Ein weiters Highlight im zauberhaften Larsenntal ist die „schwarze Erde“ lokal um das Arzbachle. Der Steig durchquert eine mehrere Zehn Meter breite und (nach der Erinnerung des Autors) vermutlich an die  10 bis 20m hohe Schichteinlagerung eines in der Umgebung von Hauptdolomit total fremden geologischen Ursprungs. Die farbliche Trennung sticht sofort ins Auge und die Grenzen sind leicht zu verfolgen. Es handelt sich dabei um schwarze Schiefer die, vermutlich durch tektonische Bewegungen, großteils zerrieben sind und die gesamte Schicht im Hang daher wenig Kohäsion aufweist und steil abfällt.

die Gegend um das Arzbachle – schwarzer Schiefer umgeben von Kalkgestein

Nach dem Arzbachle dreht das Tal weit nach Süden. Dieser Teil des Tales bildet im Bachteil die enorm tiefe Klamm aus und ist auch der Grund für den erschwerten Zugang des Tales. Um ins Larsenntal zu kommen mußte zuerst die mächtige und felsdurchsetzte Stufe bis auf die Anhöhe „beim Kreizla“ erstiegen werden. In früheren Zeiten war dies sicher kein alltäglicher Zugang und das Tal blieb lange unberührt.

phantastischer letzter Rückblick vor der Talbiegung im Larsenntal (der Steig hat wieder beachtlich an Höhe gewonnen)

Am weiteren Weg talauswärts bieten sich einige Gelegenheiten für einen Rückblick auf die eindrucksvolle Berglandschaft im Nordwesten. Die bizarren Grate und Gipfel von Schlenkerspitzen und die etwas milder gebaute Brunnkarspitze krönen die steilen Flanken, die alle Energie letztlich auf den Larsennbach niedergehen lassen. Die gegenüberliegende Talseite des Eisenkopfes stellt eine eigene Welt dar – kein Weg, kein Steig säumt die durchgehenden Latschenhänge, je tiefer zur Klamm, desto unwirtlicher, steiler und unnahbar wirkt die Flanke; es muß sich um ein Paradies für das Wild handeln.

schön angelegter Steig im Fels am Ausgang aus dem Larsenntal

Ein letzter Höhepunkt im Larsenntal ist dessen Mündung in das Inntal. Der Steig führt dort durch festen und teilweise fast senkrechten Fels mit Absturzsicherungen hinaus aus der Klamm. „Sankt Antoni“ heißt es am Beginn der Felsstrecke und der schnelle Schritt, den Simon vorgelegt hat nötigte uns zum Umdrehen, weil wir das alpine Wegkreuz fast wie im Flug versäumt hätten gebührend zu betrachten.

das Tal hat sich verschlossen, der tolle Einblick in das Larsenntal ist verschwunden

Die Strecke durch die Felsen vollzieht sich keineswegs nur auf natürlichen Bändern, sie muß zu einem nicht unbedeutenden Teil gehauen, im besten Fall teilweise geschossen worden sein. Allerdings konnte der Autor nirgends Ansätze von Bohrlöchern vorfinden, also dürfte erstere Methode mit viel Anstrengung zur Anwendung gelangt sein – „wofür?“ – die mögliche Ausbeute aus dem Tal erscheint dem Besucher nicht groß genug für die Anstrengungen, die in diese Anlage gesteckt wurden.

beim „Kreizla“ (bis hierher Schotterweg von Güngelgrün, Imst)

Das Larsenntal begeistert von der ersten bis zur letzten Minute und das tut es auch nach der Mündung ab dem „Kreizla“. Diese Position von der Talgegenseite2 betrachtet läßt erst in aller Deutlichkeit erkennen welche Stufe man vom Inntal aus überwinden muß, um ins Larsenn zu gelangen.

Steig durch den steilen Wald nach Mils hinab

Über den steilen Milser Berg zieht sich der Steig direkt in das Dorf hinab und nach der zurückgelegten Strecke stellt dieser Abstieg nochmals eine letzte Anstrengung mit schönem Ausklang mitten im Dorf dar.

mehr als 300Hm vom „Kreizla“ in das Dorf machen das Larsenntal vom Tal uneinsehbar! (siehe Fußnote 1,2)

Die Rundtour führt über 22km fast durchgehend auf Steigen und der Aufstieg beträgt gesamt 1.920Hm. Wir haben für die Runde genau acht Stunden benötigt, incl. ca. 40min Pausen.
Je nach Verfassung orientiere man sich auch an der Zeitangaben aus Tourenplanern, die 11 bis 12 Stunden betragen.
Wollte man eine komplette Runde vom Zentrum Mils daraus machen, dann müßte man für die Strecke nach Starkenbach etwa 4km entlang der Landesstraße und zusätzlich etwa 100Hm eine dreiviertel Stunde hinzurechnen.

Mils bei Hall, 20.10.2019

1, 2 Die Flurnamen hat der Autor nach einem guten Tipp der Milser Dorfchronik entnommen, für mehr Details siehe Link:
http://www.milsimbild.at/2008/01/23/flurnamen/

 

 

Gabelspitze, 2.581m – Überschreitung vom Maldongrat, 2.544m

Vom Hahntennjoch aus stellen diese beiden Ziele eine leichte Gratwanderung dar, deren besonderer Reiz im kurzen Anstieg, in den wenigen und kurzen, etwas pfiffigeren Passagen am Grat und in der grandiosen Herbstlandschaft der Lechtaler Alpen liegt. Ideal für eine etwas ausgedehntere Halbtagestour, für eine Tour ohne langen Anstieg und für solche, die sich von ihrer Verkühlung noch nicht vollends erholt haben, also ideal für des Autors Voraussetzungen dieser Tage.

zunächst leicht über die plattige Flanke bis zur Einschartung

Die beiden Ziele liegen im Gebirgszug der Heiterwand, einer gewaltige Wettersteinkalkkette mit über 7km Länge inmitten dem Hauptgebirgsbildner der Lechtaler Alpen, dem Hauptdolomit.  Anm.: Die Heiterwand wäre laut AV-Führer die längste geschlossene Wand in den Nördlichen Kalkalpen, die eine Mindesthöhe von 2400 m an keiner Stelle unterschreitet. Man muß mit solchen Aussagen vorsichtig sein, denn vom AV-Führer gibt es eine ähnliche Aussage über die Laliderer Wände im Karwendel. Bei der Heiterwand dürfte wohl die „Wand“ im klassischen Sinn über Teile der Gesamtlänge zur „Flanke“ werden, dann scheint der Sinn wieder hergestellt zu sein.

am Steinjöchle angekommen

Den Ausgangspunkt, das Hahntennjoch (1.894m), verließen wir gegen 8:15 bei mäßiger, aber für die Jahreszeit angenehmer Temperatur. Ein wärmender Nebeneffekt der Tour ist die sofortige Sonnenbestrahlung durch den Aufstieg am reinen Südhang und die hohe Ausgangslage.

kurz nach dem Start am Hahntennjoch Aufstieg in den Latschen

Etwa 10min nach Verlassen des Parkplatzes tauchten wir in Sonnenlicht ein und nach einigen Minuten konnten wir uns der Windjacken entledigen. Mit etwas Thermik nahmen Simon und der Autor den Latschenhang und die bräunlich gelben Bergwiesen darüber, hinauf zum Steinjöchle, dem Übergang zur Anhalterhütte und in das Namlosertal.

Blick nach Norden zur Namloser Wetterspitze

Ein toller Blick in das Herz der Lechtaler Alpen gen Norden begeistert am Steinjöchle für die kurze Etappe in der Flanke bis zum sich zaghaft ausbildenden Maldongrat.

Blick zum Falschen Kogl im Westen des Steinjöchles

Ist man einmal am Maldongrat angelangt erfreut man sich stetiger Zunahme der Gratausbildung und der beginnenden leichten Kletterpassagen.

am Felsansatz des Maldongrates

Bald wird auch durch die steile Nordflanke der Gipfel sichtbar. Der Grat wartet mit zwei recht angenehmen leichten Kletterstellen auf. Die erste ist eine steile Wand, bei der man der senkrechten Passage durch eine bandartige Rampe mit einem kleinen Köpfchen rechts hinausquert und somit einige Meter weg vom Grat, das Gehgelände oberhalb wieder erreicht.

der Grat mit seiner ersten steilen Stelle

Die zweite Stelle liegt vor der letzten Einschartung vor dem Gipfel und besteht aus einer etwas luftigen, glatten aber wenig scharfen Schneide über etwa vier bis fünf Meter Länge. Nach Belieben wird das Gratstück nordseitig, südseitig, oder im Reiterstil bezwungen.

nach der ersten Kletterstellen wieder am leichten Grat

Jenseits davon befindet sich eine ideale Stelle für den Spreizschritt zum gegenüberliegenden Teil der Scharte, dem ein etwa drei Meter hoher senkrechter Teil folgt, mit wieder Gehgelände oberhalb derselben.

Simon bereits in der Scharte

Der restliche Aufstieg zum Maldongrat, oder der Maldonspitze (wie er auch genannt wird), besteht vorwiegend aus Gehgelände mit wenigen leichten Kletterstellen – gerade so, daß die Arme ab und zu verwendet werden.

Autor im kurzen senkrechten Teil nach der Scharte

Gleich am Gipfel erspäht das stets abenteuerlustige Gratkletterauge ein nächstes Ziel – jenes der Gabelspitze. Rein optisch von dort aus etwa auf gleicher Höhe wie die Maldonspitze mit einladend aufgerichtetem Gipfelkreuz.

Gipfelbereich Maldongrat

Nicht den Hauch von Zweifel aufkommend lassen, konnten wir nicht widerstehen an diesem so perfekten Bergtag das nächste Ziel im Nordosten mitzunehmen und nach einer nur kurzen Pause die Überschreitung anzutreten.

Rückblick über den Grataufstieg

Vom etwas verwahrlosten Gipfelkreuz des Maldongrates brachen wir über großzügiges Gehgelände am Grat auf in die tiefe Einschartung zwischen den beiden Gipfeln abzusteigen. Als „tief“ empfand der Autor den Abstieg im Bewußtsein der gesundheitlich noch nicht wiedererlangten Leistungsfähigkeit, da dieser auch im jenseitigen Aufstieg sowie ein weiteres Mal am Rückweg  seine Wirkung tun würde. In Wirklichkeit dürfte der Abstieg max. etwa 80Hm betragen. Der Abstieg leitet im oberen Teil knapp neben dem Grat leicht in die Nordflanke, auch weil in der Einschartung unten sich der Grat nach weiter nach Nordosten wendet.

Maldongrat (Maldonspitze), 2.544m

Die tiefste Einschartung ist durch ein auffällig üppiges Wiesenband, das auch beide Seiten der Scharte bedeckt. Von dort geht es wieder die restliche Gratstrecke hinauf, großteils im Gehgelände ohne nennenswerte Kletternotwendigkeit.

der Hauptteil der Überschreitung wird sichtbar

Gegen den Gipfelaufbau hin wird noch einmal ein nettes Köpfchen mit einigen Zacken in der Folge erreicht, die leicht zu begehen sind, sich aber vom bisherigen  Gratgelände optisch eindrucksvoller abheben.

Autor im Abstieg nach dem ersten Teil in der Nordflanke

Der Gipfelaufbau wartet mit einer kurzen Schotterrinne im oberen Teil auf. Bergseitig, im festen Fels, steigt es sich komfortabler darüber hinweg und ab der Scharte oben wartet bis zum Gipfel durchgehend ein etwas anspruchsvolleres Gelände.

tolles Gehgelände im Mittelteil

Von der Scharte aus kann der Gipfel gut eingesehen werden. Um dorthin zu gelangen muß ein gestreckter schmaler Gratteil überwunden werden, der nicht direkt erklettert werden kann (zumindest haben wir allein aufgrund seiner Gestalt nicht versucht).

Aufschwung auf den Gipfelbereich, leichte Kletterei

Im Aufstieg erschien uns die gut einsehbare Nordflanke als der Normalweg um den Gratteil herum. Also stiegen wir über die plattige Flanke zur Scharte hinab und fanden sofort ein breites Band das mit wenig Höhensprung bis knapp ans Ende des zu umgehenden Gratteiles führte.

Scharte nach der Schotterreise – ab hier wird es klettertechnisch etwas interessanter

Dort, kurz vor dem Ende der Umgehung mußten wir nach der schönen Querung nun widerwillig einige Meter absteigen, um auf eine steile Schotterflanke zu gelangen, die wieder zur Schartenhöhe und zum Gipfelaufbau führt. Von der breiten Scharte aus führt großteils leichte Kletterei, weniger Gehgelände, zum Gipfel empor.

Abstieg nach dem Band auf der Nordseite – es sieht steiler aus als es ist

Der Ausblick auf der Gabelspitze, vor allem in Richtung Heiterwand, ist nochmals schöner und intensiver als von der Maldonspitze aus, da nun auf einer einzigen Flucht gelegen.

Simon im Gipfelbereich

Natürlich wäre das Herz nun gerne noch einen Sprung weitergehüpft und zwar auf den Ostgipfel der Steinmannlwand oder auf den Heiterwandkopf – aber das wird eine andere Geschichte mit besserer Verfassung nächsten Sommer.

Gabelspitze, 2.581m

Der Süden wartet hinter der unmittelbar mit einem grandiosen Blick auf den großen Gletscher der 56km entfernten Weißkugel auf und  rechts (westlich) daneben mit dem weniger weit entfernten Glockturm.

Blick gen Süden – von Zuckerhütl bis Weißkugel

Südsüdost lugt zwischen Rofelewand und Verpeilspitze die Wildspitze durch und weiter im Südosten tat sich ein verblüffend offener Blick auf das Herz der Stubaier mit Wildem Pfaff und Zuckerhütl auf sowie links davon eine dichte Packung von Schrankogel und Ruderhofspitze.

Blick gen Süden – Detail Wildspitze und Weißkugel. Im Vordergrund Platteinspitze bis Maldonkopf

Weiters konnte an diesem so klaren Tag – über die Kalkkögel hinweg – auf etwa Ostsüdost der 79km entfernte Olperer deutlich eingesehen werden.

Blick nach Südost – von Olperer bis Zuckerhütl

Im unmittelbaren Süden beeindruckt der wild gezackte Grat von Platteinspitze zum Maldonkopf und im Südwesten der mit Resten von Gosauschichten (Anm.: geolog. junge Formation) bedeckte Muttekopf sowie der Große Schlenker.

Blick ins Bschlabsertal

Gen Westen sticht der einzige Dreitausender der Lechtaler Alpen, die Parseierspitze (3.036m) ins Auge. Ihre Höhe verdankt sie den harten und witterungsresistenten Schichten des Aptychenkalks (Anm.: Reste von Ammonitenskeletten, zu besonders hartem Kalk versteinert) in der Gipfelregion.

Hochvogel rechts und Urbeleskarspitze links von Bildmitte

Von Norden bis Nordwesten bestechen die unmittelbar gegenüber gelegene Namloser Wetterspitze, sowie in weiterer Ferne der markante Gipfel des Hochvogels (bereits Allgäuer Alpen) und in der Kette weiter westwärts den ebenfalls markanten Turm der Urbeleskarspitze bis hin zum Großen Krottenkopf und der Mädelegabel. Der Rundumblick – eine Pracht!

Simon nimmt den weiteren Verlauf des Heiterwandgrates in Augenschein – ein tolles Erlebnis steht noch bevor

Simon widmete sich mit dem Glas dem Studium des interessanten und schärfer werdenden Grates in Richtung Heiterwandkopf. Von Osten her hat er die Heiterwand schon zum Teil überschritten und deren Vollendung wird ein gemeinsames Vorhaben der nächsten Saison sein.

Reuttener Becken, dahinter Forggensee

Am Abstieg probierten wir die Querung in der Südseite des scharfen Gratteiles, da ein ortskundiger Kollege, den wir am Gipfel getroffen haben, bei seinem Abstieg in derselben verschwunden ist.  Knapp hinter der Felskante in der Scharte fanden dort drei Steinmandln vor, die uns die Südseite als die Normalbegehung der steilen Flanken des scharfen Gratteiles auswies.

Querung des scharfen Gratteiles auf der Südseite – Band im Bildzentrum gut erkennbar

Die Kletterei ist dort etwas ausgesetzter als in der Nordseite, der Übergang jedoch schöner zum Klettern und mit etwas weniger Höhenverlust meist auf einem Band durchzuführen. Das letzte Steinmandl zur Scharte hin haben wir beim Aufstieg nicht erkannt und somit beim Aufstieg die Nordseite benutzt.

Querung über Bänder

Dieser Teil stellt den eigentlich einzigen Teil mit vorwiegend Kletterei dar und man kann diesen letzten Bereich des Gipfelaufbaues der Gabelspitze mit II- einstufen. Der Rückweg ist mit Ausnahme der beiden oben beschriebenen Stellen am Maldongrat leichter.

Gelände kurz vor der Scharte – am unscheinbaren Podest endet die Querung mit kleinem Steinmandl

Die Tour kann für Neulinge mit Interesse am Gratklettererlebnis wärmstens empfohlen werden. Sicherungsmittel sollten für den schwindelfreien klettergeübten Felsgeher nicht vonnöten sein.

Gratschneide im Abstieg am Maldongrat

Für unsere gesamte Grattour benötigten wir 5:20 Stunden (bei gemäßigtem Schritt, nicht unsere Normalgeschwindigkeit) bei etwa 950Hm gesamtem Aufstieg.

Mils, 27.10.2019