Schitour Hochreichkopf, 3.008m

Über das Kühtaier Längental bietet sich mit dem Hochreichkopf eine rassige mittellange Schitour. Mittellang von der Aufstiegszeit her, weniger vom Höhenunterschied, der nur rund 1.070Hm beträgt, gestartet beim Kraftwerk unterhalb der Dortmunder Hütte. Meine Aufstiegszeit betrug rund dreieinviertel Stunden.
Weil sich im Internet kaum ein Bericht der Tour vom Längental aus – und schon gar keiner mit Kartenmaterial – findet, habe ich dieses Manko im Bericht und der Bildergalerie ausgeräumt und auch eine Neigungskarte eingebaut.

Hochreichkopf, 3.008m

Um sechs Uhr gestartet stellte sich nach wenigen Minuten des Anstieges in das Längental bei Kollegen Stefan ein ernstes Bindungsproblem ein, das zur Umkehr zwang. Alles schimpfen nützte nichts, die Schrauben der Vorderplatte bissen nicht mehr, was das Aus für seinen Aufstieg bedeutete.
Nach Kühtai zur Bushaltestelle gebracht stellten wir fest, daß der Busdienst dorthin genau bis zum 24. April angeboten wird – für den am 1. Mai einem Geisterdorf gleichenden Ort Kühtai braucht es auch nicht mehr.

erster Start beim Kraftwerk der Tiwag

Wenig geistesgegenwärtig ist uns beiden nicht in den Sinn gekommen, daß aber St. Sigmund noch versorgt werden sollte. Also setzte ich den armen Stefan gegen sieben Uhr früh am höchsten Punkt der Kühtaistraße im Ort ab und beide meinten wir, daß er abgeholt werden oder stoppen könne – allerdings wollten alle Fahrzeuglenker zu dieser Tageszeit zu deren Tour, nicht von ihr zurück. Später berichtete mir Stefan von einem langen Fußmarsch nach St. Sigmund…

noch ein wunderbarer Tag – Blick ins Längental

Mit einem knappen dreiviertel Stündchen Verzögerung trat ich neu an und war der letzte der kleinen Gruppen, die an diesem Tag eine wesentlich einsamere Tour unternahmen, als die Dutzenden von der Alpenrose aus, die über den Stausee irgendwohin unterwegs waren.

nach Neustart oberhalb des Messstollens der Tiwag

Das Längental zieht sich wie immer bei ausgewaschenen Hochtälern lange recht flach dahin, manchmal mit ein ganz wenig Gefälle, was jedoch für die Ausfahrt nicht weiter tragisch ist. Die Schiebestrecken sind bei guter Wahl der Spur am Hang recht kurz.

Blick auf den Hochreichkopf ganz hinten – rechts der Vordere Mittertalkopf

Aber auch eine Taldurchquerung hat seinen Reiz. Links und rechts Reste der letzten Nassschneelawinen, von denen man ein oder zwei schon gesetzte auch überschreitet.

das Ende der Flachstrecke erreicht, ab hier wird das Gelände interessanter

Nach drei Kilometern stellt sich ein etwas steileres kupiertes Gelände ein und es geht nach den rund 150 gewonnenen Höhenmetern über diese lange Strecke von Kote ca. 2.100m deutlich steiler bergan, wobei der Bach im Aufstieg gesehen nach rechts überquert wird.

Aufstiegsroute über den Quergang und dem oberen Kar

In der Folge nähert sich der Aufstieg einer weiten Rechtskurve – sinnigerweise „am Bug“ genannt – auf ca. 2.250m, wobei am steilen Hang die Höhe gehalten werden sollte, um sie hinter dem Bug, hinein ins endende Längental,  nicht zu verlieren.

im Hang von rechts ohne großen Höhenverlust, hinten die beiden Hochbrunnachkoglgipfel

Bereits während der Kurve kann der Aufstiegshang und der Quergang zur Längentaler Scharte eingesehen werden. Der dabei leichter aussehende obere Teil – ein steiles Kar oberhalb einem farbenfrohen Bergsee – ist in Wahrheit bei harten Schneeverhältnissen wie heute der eigentlich schwierigere Teil, als der Quergang auf dem hängenden breiten Felsband davor.

Felsriegel zur Längentaler Scharte, Aufstieg oberhalb

Unten wird der Bach abermals überquert und gleich danach empfiehlt sich die Aufrüstung auf Harscheisen. Der Unschlüssige oder wilde Hund hat weiter oben Standplatzprobleme.

traumhafter Talbaschluß im Längental

Ich muß sagen, daß ich mir bei den harten Schneeverhältnissen von heute einen Aufstieg ohne Harscheisen nicht hätte vorstellen können. Die Hangneigungskarte zeigt im oberen Teil des Anstieges zur Längentaler Scharte (im Kar) mehrmals Neigungen von an die 40°. Abgerutschte Nassschneebrocken vom Vortag ergeben im Hang eine noch härtere Rutschbahn, die ohne Harscheisen nicht zu begehen sind – sie gehören also hier zur Standardausrüstung.
Weiters muß im Hochwinter dieser Teil des Aufstieges wegen der Lawinengefahr recht kritisch genommen werden.

steiles Band zwischen den Felsen – der Quergang

Wer der mentalen Belastung in diesem Gelände standhält und den Hang hinabblickt wird sich am Eisblau des Bergsees erfreuen, die Farbe ist am Foto in ihrer Intensität nicht annähernd wiederzugeben.

größte Steilheit am Ende des Querganges

Der Hang des Kares weicht zum Anfang Mai bereits rasch auf, im Aufstieg habe ich ihn gegen neun Uhr begangen und pickelhart vorgefunden, bei der Abfahrt um elf Uhr dreißig hingegen war er unter teilweise Nebel und Bewölkung bereits einige Zentimeter aufgeweicht.

im Kar angelangt, die Steilheit hier noch etwas größer

Auf der Längentaler Scharte bot sich mir ein guter Übersichtsblick auf das Ziel und auf die umgebenden Gipfel.
Den Rücken nach oben geblickt kann ein kleiner Zipfel vom Gipfel des Hochreichkopfes erkannt werden. Dieser ist nicht der im Vordergrund schön weiß sich präsentierender Aufschwung, es ist der felsige kleine Teil links davon, der auch erkennbar dahinter liegt.

Rückblick auf den Quergang, im Hintergrund der Rote Kogl

Nordwestlich der Längentaler Scharte türmt sich majestätisch der Große Wechnerkogl auf, weiter nordwärts – knapp daneben der mächtige Acherkogl im Hintergrund – weiter mittig Wechnerscharte und Wechnerwand und rechts der Rote Kogl. Eine Imposante Kulisse am Übergang vom Längental in das Horlacher Steinkar.

auf der Längentaler Scharte mit tollem Blick auf die großen Gipfel der Region

Nun gibt es hier auf der Scharte die Möglichkeit durch das sogenannte „Tälchen“ aufzusteigen, oder den Rücken, der das „Tälchen“ bildet links (südlich) zu umgehen und über dem Steinkarferner aufzusteigen.

Blick zum Hochreichkopf ganz hinten

Ich entschied mich den drei Gesellen vor mir zu folgen und somit den Sommerweg zu nehmen, um eine Alternative zu Jürgens Bericht abzuliefern, man kann ja schließlich den Kollegen nicht alles nachmachen.

links die Hohe Wasserfalle, mittig die Rippe mit südseitigem Aufstieg zum Hochreichkopf und rechts die Verschneidung zum Tälchen

Bei der Abfahrt stellte ich dann fest, daß der Anstieg durch Jürgens „Tälchen“ wahrscheinlich der nettere wäre, denn ich mußte mehrmals Auf und Ab, sowie einen steilen Hang queren.

links der Bildmitte der Hochreichkopf, rechts Aufstiegsflanke

Der Gipfelhang ist allgemein steil und im Aufstieg aus dem Süden wird auch durch Passagen mit 35° Neigung gestiegen (für den Winter gut zu wissen, daß das Tälchen als Alternative zur Verfügung steht).

die steile Aufstiegsflanke zum Hochreichkopf

Zu den Felsen hin steilt das Gelände noch mehr auf, zwischen den Felspartien gibt es mehrere Rinnen, von denen die Standardaufstiegsrinne die mittlere sich mir präsentiert.
Die Kollegen vor mir schultern die Schi und steigen durch die Partie mit mehr als 40° hindurch und ich entschied, daß mir das zu anstrengend ist und machte am unteren Felsensaum Schidepot.

das Trio bereits in der Aufstiegsrinne, Schi getragen

Als Empfehlung kann ich nachträglich betrachtet jedoch geben, daß die Mitnahme der Schi den Vorteil des leichteren Abstiegs hat und durchaus eine bessere Alternative zum umständlichen Hinuntersteigen in rückwärtiger Weise darstellt. Das Schidepot oben erlaubt das bequeme Anlegen derselben auf breitem, nahezu flachem Gelände.

gemmas an!

Der kurze Gratabschnitt zum Gipfel bietet eine kleine bergsteigerische Abwechslung. Auf den geschätzt 150m gibt es zwei kleine Kletterstellen, wobei ich die erste, die untere, fast unangenehmer im Abstieg empfunden habe. Dies weil sie nicht steil genug ist, um ungebückt Griffe zu finden.

Gipfelgrat zum Hochreichkopf, Schidepot im Vordergrund

Vor der zweiten kleinen Kletterstelle gibt es noch den Blickfang eines Hauches eines scharfen Grates und nach den geschätzt fünf Meter des Kletterns wird das Gipfelplateau betreten. Dieses ist überraschend groß und recht flach, es wird geziert von einem raffinierten Alukreuz mit der Gipfelbuchschachtel im Schnittpunkt. Trocken und gut verwahrt das Gipfelbuch – eine tolle Idee.

zweite Kletterstelle kurz unterhalb des Gipfelplateaus

Leider mußte ich feststellen, daß während meines Aufstieges das Wetter zusehend schlechter wurde, Nebel und Wolken hüllten die umliegenden Erhebungen ein und den Blick auf Umhausen hatte ich bei der Ankunft am Gipfel für wenige Sekunden, bevor Nebel ihn dauerhaft versperrte.

Rückblick auf den Grat

Die so schönen Fotos in das Horlachtal mit der Hohen Wasserfalle zur Rechten und die Zwieselbacher Gipfel aus Umrandung waren heute leider nicht machbar. Neben auf ca. 2.800 bis 2.900m hielt sich wie ein Dampfdeckel hartnäckig über den Gipfeln und der fehlende Südwind (es war , bis auf ein paar leichte Böen, nahezu windstill) ließ die graue Verhüllung mit der Zeit prächtig gedeihen.

Horlachtal

Kaum eine halbe Stunde verweilte ich auf dem Hochreichkopf, dem kleinen Dreitausender. Kaum Sicht und nicht gerade warm sowie der aufweichende Steilhang veranlaßten mich kurz nach den drei Kollegen ebenfalls den Abstieg einzuschlagen.
Bis zum Schidepot brauchte ich auch länger als die drei mit den hinaufgebuckelten Schi. Also hatte ich als letzer Abfahrender heute die Hänge ganz für mich alleine.

bereits am Abstieg – das berühmte Foto bei der zweiten Kletterstelle

Die Aussicht zu jeder Seite ist wirklich erwähnenswert und dies bleibt der Trost für alle, die heute nicht aufgestiegen sind, sie sollen perfektes Wetter abwarten, dann ist die Tour nochmals beträchtlich schöner. Man warte jedoch nicht zu lange mit der Abfahrt, der Steilhang im oberen Kar ist nicht zu unterschätzen.

Rückblick auf den Hochreichkopf

Die Abfahrt bis auf 2.400m, dem Talpunkt, ist wirklich eine Besonderheit, die auf üblichen Touren nicht so häufig angetroffen wird. 250Hm zwischen Felsen oben und Felsen unten, vorher der blaue See, eine phantastische Kulisse.

der schöne blaue See oberhalb der Steilstufe unten im Kar, dahinter das Längental

Vom Talpunkt aus bietet die Tour noch schöne Hänge bis auf die flache Talstrecke. Dort bin ich schon weit vorher so hoch wie möglich geblieben und schnitt durch teils steile Hänge bei weit hinaus ins Längental.
Die Schiebestrecke beträgt derzeit nur wenige hundert Meter vor dem Messstollen der Tiwag.

Blick auf die Flanke zum Quergang – die äußerst rechte Spur ist die frischste

Der gesamte Zeitbedarf ohne die Misere mit Stefans Bindung betrug gut viereinhalb Stunden mit einem halbstündigen Gipfelaufenthalt.

Schitour Hochreichkopf

In der Galerie befindet sich auch eine Hangneigungskarte der Schlüsselpassagen im Aufstieg

Die Strecke betrug siebeneinhalb Kilometer bei 1.070m im Aufstieg und die reine Aufstiegszeit dreieinviertel Stunden.

Mils, 01.05.2018

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