Karwendeldurchquerung – mehr als 50 Mio. Jahre in 16 Stunden von Absam bis Krün

Wie kann ein Gebirge am besten in seiner Gesamtheit erfaßt werden?  Wie lange soll der Erfassungsprozess dauern, um den dauerhaftesten Eindruck zu bekommen und welche ist die klügste Erkundungsrichtung?

selten schöne Ansicht der Nördlichen und Karwendelhauptkette von der Soiernspitze

All diese Fragen waren betreffend das Hauptgebirge seiner bergsteigerischen Tätigkeit – zwar noch nicht so ausgeprägt, aber dennoch – schon einmal das Ziel des Verfassers Bestreben. Damals ging es um die Durchschreitung des Karwendels von Ost nach West und auf dieser phantastischen Reise keimte der Wunsch nach einer noch tieferen, umfassenderen Reise in der die Eindrücke dreidimensional und in einem Stück gebündelt werden sollten, ja das Karwendel mußte irgendwie umarmt werden, um seine Gesamtheit unter einmal zu erfassen.
So entstand die Idee das einzigartige Gebirge seiner Entstehungsrichtung entlang zu bereisen. Dabei sollten alle Elemente (in diesem Fall die Hauptketten und in Entstehungsrichtung gesehen auch der nördlichste Kamm einbezogen werden, weil dies den Aufbau des Gebirges am realistischsten darstellt.

Nun, mit einem Tausender in der Hand hätte dieses Vorhaben in wenigen Stunden mit einem Rundflug und vielen Fotos aus einem kleinen Spuckerl an Flugzeug realisiert werden können. Ebenso gut hätte es in einer  mehrtägigen Etappentour durchgeführt werden können und die hartgesottenen Radlfahrer unter den Lesern dieses Blogs hätten höchstwahrscheinlich eine Reise am Umfang des Gebirges vorgeschlagen, sie läßt sich auch in einem Tag durchführen, ohne Stromradl versteht sich.

Nein, das wäre alles nicht gewesen wonach gesucht wurde. Das Ziel – als einzige Möglichkeit die Größe im eigenen Kopf und auf einmal zu erfassen – war: das gesamte Gebirge mußte in einem Zug durchquert werden.

Süd-Nord Karwendeldurchquerung

Natürlich benötigt der Mensch zur Erfassung heute noch sein Augenlicht und keine Kopflampe, die beispielsweise im Schitourensport verwendet wird und in Mils blendet, wenn am Glungezer einer seinen Kopf entsprechend ausrichtet. Nein, alles was das Auge zur Erfassung sehen muß das muß auch ohne künstliche Lichtquelle erfaßt werden können. Grundbedingung des Verfassers, wo immer möglich Mensch bleiben, Technik ist schon genug an Füßen und Buckel.

Somit ergibt sich die Notwendigkeit die lange Reise in einem Zeitraum durchzuführen in dem die Übergänge schneefrei, gleichzeitig der Tag lange genug andauert und es nicht zu heiß ist.
Ob man es nun glaubt oder nicht, dieser Zeitraum ist im Karwendel lange nicht so ausgeprägt als man es vermuten möchte.

Der Juni – der gegen sein Ende den längsten Tag des Jahres beinhalten würde –  fällt für diese Bedingungen komplett aus, denn ohne Erkundung muß auch Ende Juni auf der Nordflanke der Birkkarspitze noch weitgehend mit Schneefeldern gerechnet werden. Nicht, daß man diese nicht meistern könnte, jedoch wäre eine solche Zusatzprüfung auch ein zusätzlicher Risikofaktor, daß das Vorhaben zielsicher gelingt. Sei es durch nasse Schuhe, oder einfach durch zeitliche Behinderung.

Der wettermäßig meist stabile September fiel für den Verfasser vom Angebot des Tageslichtes her weg und der August tat dies wegen seiner eher hohen Durchschnittstemperatur.
Somit bliebt der Juli als jener Zeitraum, bei dem Schneefreiheit, Tageslicht und Tagestemperatur von vorne herein als eher günstig anzunehmen sind und – zusätzlich, bei Vertrauen auf den Wetterbericht – in Summe die besten Rahmenbedingen vorliegen müssten. Natürlich kann die Tour im gesamten Zeitraum von Juni bis September durchgeführt werden aber, in den Monaten außer dem Juli muß viel Glück im Spiel sein, damit sie erfolgreich verläuft.

Karwendelketten bei der Süd-Nord Karwendeldurchquerung

Ein weiteres Faktum, das in der Planung besondere Berücksichtigung verdient, ist die Höhenlage des zentralen Teiles der Tour, dem Anstieg zur und dem Abstieg von der Birkkarspitze. Immerhin dringt man bis über 2.700m Meereshöhe vor und wie man weiß kann dort – je nach Wetterlage tags zuvor – auch schneidend kalter Wind vorherrschen. Die gute Nachricht aber ist, daß diese in etwa genau zur Mittagszeit erreicht wird (Anm. d. Vf.: müßte nach meinen Berechnungen für die Begehung von beiden Seiten zutreffen), wo die besten Bedingungen vorherrschen sollten. Wie man aus eigener Erfahrung aber leidgeprüft aber weiß, muß dem nicht immer so sein, also in der Planung gezielt begegnen.

Hinzu kommt noch die Beschaffenheit des Weges. Im Gegensatz zu Karwendelmärschen erfolgt eine Karwendeldurchquerung nicht auf Fahrwegen, bzw. auf breiten und ebenen Steigen sondern auf sehr beanspruchendem Terrain, beispielsweise dem Abstieg durch das Schlauchkar im oberen Teil und der völlig verwurzelte Gjaidsteig zum Bäralpl. Mit lustig leichten Bergläuferpatschln kann man diesen Strecken also nicht begegnen.
Der Verfasser wählte im Gegensatz zu Simon, seinem Tourenpartner, zwar auch keine stabilen Bergschuhe sondern die heute so beliebten und für das Fußgelenk eigentlich völlig untauglichen Halbbergschuhe, allerdings hiervon die festesten erhältlichen und mutete damit seinen Gelenken trotz viel Training dennoch einiges zu.

Hinsichtlich der Bekleidung sei erwähnt, daß sich im Rucksack für die zuvor erwähnte Höhenlage immer ein gescheiter Windschutz und eine Regenjacke befinden sollen, die Hose bleibt kurz, den Beinen sollte warm genug sein. Wer mit wenig Haarwuchs ausgestattet ist braucht vielleicht ein Käppchen und eine dunkle Sonnenbrille schützt unheimlich effektvoll vor dem erkannt werden auf Fotos, also ist sie für alle außer für den Verfasser unerlässlich.
Die Verpflegung wird unterwegs geklärt und hiermit sei Schluß mit dem Vorspann.

Start um 4:44 Uhr beim Hackl in Absam

Vier Uhr dreißig c. t. lautete der vereinbarte Zeitpunkt des Treffens beim Parkplatz beim Hackl in Absam. Wie immer ist jener mit der längsten Anreise der erste und so schüttelte der Verfasser fünf Minuten später dem Simon die Hand. Am Weg zum Schranken wurde das Log der Uhr gestartet und nach kaum zehn Minuten ward es bereits vor der Bergerkapelle taghell (das Abmarschfoto täuscht über die Lichtverhältnisse, die Dämmerung hatte schon eingesetzt und Simon trägt keine Stirnlampe).

Der Startzeitpunkt war also 4:44 Uhr am 25. Juli 2018, der Himmel war wolkenlos, über dem Bettelwurfeck herrschte nur ein Hauch von Thermik über das Tal herab und somit war wenig Temperaturunterschied in der Höhe zu erwarten. Rasch gewannen wir an Höhe.

Aufstieg im Isstal

Bei einem Vorhaben solcher Art ist nicht unerheblich wie die beiden ersten Stunden ablaufen. Werden sie zu schnell angegangen, kann das schlechte Auswirkungen auf den gesamten weiteren Tagesverlauf haben, umgekehrt wird wertvolle Zeit verloren, die die äußerst knappe Kalkulation ins Wanken bringen könnte und einen letzen Abstieg und Ankunft bei Dunkelheit zeitigen. Man steige also in seiner Normalgeschwindigkeit für größere Vorhaben auf.

Die geringfügige Abkürzung durch das Isstal über den Hirschbadsteig büßten wir wegen des nicht beachteten Taues mit innen spürbar feuchten Schuhen ein. Ausgeschnitten wird dort ja schon Jahre nicht mehr richtig. Eine kleine Beeinträchtigung, die bis weit ins Birkkar hinein spürbar war.
An diesem Beispiel sieht man wie dünn die Decke zwischen der Vorstellung des optimalen Ablaufes und  unvorhergesehener Beeinträchtigung ist. Für uns keine Sache die uns wirklich zu schaffen macht, aber eben etwas unangenehmes, das sich im Kopf festsetzen, oder vorzeitig zu Reibung an Sohle oder Zehen führen könnte und das Vorhaben ins Wanken bringen könnte. Wie wichtig es ist die richtige Balance zwischen Fuß, Socken und Schuh zu haben erfährt man spätestens nach 12 Stunden und gut 40km am Aufstieg zur Soiernspitze.

am Issanger – Sonnenaufgang am Roßkopf

Mit dem unbeugsamen Willen das Gebirge auf einmal haben zu wollen nahmen wir den Anstieg auf das Lafatscher Joch als erste Prüfung locker an – die Licht- und Schattenspiele dorthin präsentierten sich zudem als mentales Doping der Sonderklasse (die Handykamera kann es leider nicht annähernd wiedergeben).
Allein dieser Eindruck des Gebirges im Gesamten taugt schon dazu niemals vergessen zu werden.

Rückblick auf das Halltal

Das Halltal, mittig zwischen Inntal- und Gleirschtal-Halltalkette gelegen, läßt die Inntalkette für die Durchquerung gesehen etwas wenig zur Geltung in der Würdigung aller Ketten kommen. Diese Erkenntnis ist dem Verfasser erst in der Retrospektive aufgefallen, die Vollendung der Überschreitung wäre der Anstieg vom Parkplatz oberhalb Thaur über das Kreuzjöchl und das Stempeljoch gewesen. Diese Strecke hätte lediglich 300Hm mehr hervorgerufen und wäre durchaus richtiger gewesen. Die Macht der Gewohnheit siegte über sorgfältiges Nachdenken. So haben wir nur einen Hauch von Inntalkette durchschritten, sozusagen an ihrer Verschneidung mit der Halltalkette.

Stempeljoch und Stempelspitzen

Das Lafatscher Joch erreichten wir an diesem so strahlenden Julitag nach 2 Stunden 12 Minuten und 1.300Hm Aufstieg und dort gab es frühmorgens herrliche Blicke zu den Tuxern und Zilltertalern im Süden, sowie einen für das vorliegende Vorhaben noch viel interessanteren nordwärts gerichteten Blick auf den Roßlochkamm rechts und die Gipfel im Herz des Karwendels, die Sonnenspitzen und abermals links geschaut auf die gewaltige Kaltwasserkarspitze.
Die Birkkarspitze – das höhenmäßige Ziel der Reise – verbleibt gerade noch abgedeckt und daher unsichtbar durch den gewaltigen Grat der Sägezähne zur Kaltwasserkarspitze. Ein unfassbares Panorama, das selbst in höchster Eile aufgesaugt werden muß und einen weiteren Mosaikstein in der Erfassung des Gebirges darstellt.

Südliche Sonnenspitze vom Lafatscher Joch aus

Die Vorstellung inmitten dieser Gipfel in den nächsten Stunden aufzusteigen und sie viele weitere Stunden später in noch größerer Entfernung von der Gegenseite sehen zu können spornte für einen raschen Abstieg im angenehmen Schatten kräftig an. Die 900Hm Abstieg und immerhin 8km lange Strecke vom Lafatscher Joch bis zur Abzweigung in das Birkkar konnten wir in eineinhalb Stunden absolvieren.

Karwendelhauptkette – Birkkarspitze hinter den Sägezähnen versteckt

Daß es an diesem Tag über die Maßen gut lief und in Wahrheit die Euphorie des Vorhabens über jegliche Beeinträchtigung triumphierte spürte der Verfasser am Anstieg über das enorm tiefe Birkkar. Im Nu erreichten wir die „Ständ“ und füllten aus dem kleinen Bach, der aus dem kleineren östlichen Birkkar heraustritt erstmals die zweite Wasserflasche auch mit auf, bevor es in die ab nun immerwährende Sonneneinstrahlung aufwärts weiterging.

Kastenalm

Im etwas unangenehmen Teil des Birkkares stellten wir den Schotterreisen am Steig westlich aus. Über schuttdurchsetzte Grasnarben stiegen wir allemal bequemer als am ausgetretenen Steig durch die Reisen.

wunderschönes Birkkar

Ein nächster Markstein in der Gesamtbetrachtung ist die Überwindung der Steilstufe und Übertritt in das obere Birkkar auf rund 2.240m. Die Hälfte der gesamten Aufstiegsstrecke liegt dort zwar schon hinter einem (siehe hierzu die Bildgalerie), aber sich an solchen mathematischen Details zu orientieren wäre der falsche Ansatz das Gebirge in seiner Gesamtheit unter einmal zu erfahren. Die Erkenntnis über die mathematischen Gegebenheiten wurde vom Verfasser mit Staunen auch erst im Nachgang ermittelt.

Wasser wird für die Strecke bis zum Karwendelhaus aufgefüllt

An der Schwelle zum Eintritt in das obere Westliche Birkkar erfaßt den Bezwinger der Birkkarspitze zunächst einmal aufs Neue das gewisse Massstabsgefühl das in den meisten Naturbeschreibungen mit der Kleinheit des Menschen vor den Dimensionen der Natur dargestellt wird. Das Westliche Birkkar jedoch ist eine kleine optische Täuschung, es ist mit 40Ha beispielsweise flächenmäßig um ein Drittel kleiner als das lange Gleirscher Rigelkar und auch kleiner als einige seiner gewaltigen Nachbarn in der Hauptkette, allerdings vermittelt es mit den an seinem Umfang ungebrochenen und fast senkrecht hoch aufragenden Mauern ein Volumensgefühl das im Karwendel seines Gleichen sucht.

umwerfender Blick auf die Gleirsch-Halltalkette – Bildmitte die Praxmarerkarspitzen mit 600m hoher Nordwand, links davon die Kaskarspitze, rechts die Nördliche Jägerkarspitze

Die mächtig gebankten und kaum zurückweichenden Felsflanken der Ödkarspitzen und der Birkkarspitze geben sich hier links und rechts die Hände mit ebenso ungebrochen hohen Südgraten, die die Umrahmung bis weit hinaus ins untere Birkkar prägen und einen atemberaubenden Kessel schaffen, in dessen Tiefstem man sich dort befindet und der sich im Kopf heiß einbrennt.

das obere Westliche Birkkar

Nicht minder einprägsam die Erscheinung der im Süden gelegene Halltalkette – sie frontal aus dieser Höhe gesehen vermittelt deutlich die Größenordnungen an Überschiebung die bei den Karwendelketten vorherrschen mußten um sie zu schaffen.

einmal mehr die Gleirsch-Halltalkette mit voraus geschobenen Raiblerschichten

Dem letzten Schatten für einige Minuten des Weges begegneten wir im eher flacheren Teil des oberen Westlichen Birkkares in der Reise in der Flanke des Südgrates der Birkkarspitze.
Mittlerweile, mitten im fortgeschrittenen Vormittag, war die Sonneneinstrahlung selbst in 2.400m Seehöhe deutlich zu spüren. Ein Glück, daß immer noch ein leichtes Lüftl durch Thermik vorherrschte und mit zunehmender Höhe zum Schlauchkarsattel auffrischte.

Aufstiegsgelände zum Schlauchkarsattel

Die ersten Überschreiter von Norden begegneten uns in der mühsam aufzusteigenden Reise zum Schlauchkarsattel; so mancher davon benötigte für den Abstieg länger als wir für den Aufstieg und genau jene wissen nicht einzuschätzen wie damit umzugehen, daß sie auf der Südseite der Birkkarspitze theoretisch 25km Fußmarsch von jeglicher Zivilisation entfernt sind. Und es ist besser so.

Rückblick in das obere Westliche Birkkar

Im Fels ist der Aufstieg zum Sattel vergleichsweise arg strapaziert, die Auswirkungen des Winters sind an der Versicherung zu sehen und dennoch gibt es keinen Grund zur Beanstandung – man befindet sich im Hochgebirge und ist für sich selbst verantwortlich, niemand Dritter sonst, auch nicht der Wegerhalter.

mit Seilversicherung bis weit nach oben

Es war uns klar, daß wir in der Gegend der Birkkarspitze mit einigem Rummel zu rechnen hatten, wobei sich dieser in akzeptablen Grenzen hielt. Umgehungen von heiklen Passagen aufgrund von nicht enden wollenden Gruppenpassagen blieben zum Glück aus und am Gipfel, den wir recht zufrieden um halb zwölf erreichten, fanden wir lediglich vier Bergsteiger vor.

am Schlauchkarsattel angelangt

Am Gipfel der Birkkarspitze, 2.749m, gönnten wir uns – knapp sieben Stunden nach dem Start in Absam – eine gute Viertelstunde für eine erweiterte Mahlzeit. Ein erster Griff zu Speck als Langzeitenergiespender erschien kein Fehler, denn auf den folgenden wenig anstrengenden 1.000Hm Abstieg zum Karwendelhaus würde die Portion gut verarbeitet werden können. Dies und später, nach der feinen Knödelsuppe im Karwendelhaus war Kraft im Überfluss vorhanden. Die warme Suppe wirkte ihre Wunder in der Tageshitze am Südhang des Steiges zum Bäralpl. Wer das Geheimnis von warmen Flüssigkeiten auch bei Hitze kennt wird es gerne anwenden.

Blick zur Birkkarspitze

Vom Gipfel der Birkkarspitze aus öffnet sich ein guter Überblick nach den beiden Durchquerungsrichtungen. Anhand des Rückblickes auf das zum Greifen nahe Lafatscher Joch und der in diesem Moment gefühlten bisherigen Aufwendung an Körpereinsatz und Zeit kann eine erste Einschätzung auf die folgende Herausforderung beim Blick auf die nahezu umgekehrte Himmelsrichtung getroffen werden. Und sie vermittelt erstmalig auf der grandiosen Reise ein Gefühl von der Mächtigkeit des Gebirges.

Simon noch guter Dinge auf der Birkkarspitze – im Hintergrund tolle Gipfel im westlichen Teil der Hauptkette

Das Ziel, die Soierngruppe in bedenklich ferner Distanz, die gesamte Gruppe von hier nur einem Strich von nicht einmal einem Viertel der Breite des Fotos dorthin. Dieser Eindruck ist in natura zu erleben und einer der stärksten, einer der einprägsamsten auf der Zeitreise durch die Karwendelketten.

Rückblick auf das Lafatscher Joch

Die zentrale Lage der Birkkarspitze  muß aber auch genutzt werden, um die für die Durchquerung die Nebenschauplätze bildenden Himmelsrichtungen zur Erfassung des Gebirges zu erleben.

Ansicht in Durchquerungsrichtung – die Soierngruppe nur ein kleiner Strich weit entfernt (gleich rechts Bildmitte)

Da tut sich im Osten ein einzigartiges Panorama auf bei dem die zentral zu bestaunende und gestaltlich auffallende Sonnjochspitze sowie der am Bild rechts (südlich) davon gelegene riesige Roßlochkessel mit seiner grandiosen Umgrenzung von besonderen Gipfeln als prägende Elemente im östlich auslaufenden Gebirge erlebt werden. Umwerfend der Eindruck an diesem Tag.

schöne Kulisse im Ostteil des Karwendels – mittig das Sonnjoch

Den Westen prägen nicht minder interessante Erscheinungen. Die mit dem Schlauckarsattel verbundenen und ebenfalls zu den höchsten zählenden Ödkarspitzen sind innerhalb der Kette in der absolut rechts situierten Position die nächsten Erhebungen. Links davon, in der Tiefe betrachtet eine vermeintliche Unzahl an Gipfeln und Erhebungen, die, einzeln gesehen, bis hin zur äußersten Erhebung im Kamm, der Pleisenspitze, nur dem absoluten Kenner zur Identifizierung vorbehalten sind, denn ihre Lage und Entfernung täuscht ungemein. Gewiss, die schöne Pyramide der Großen Seekarspitze erkennt auch der nicht so versierte Karwendelfreund, aber alles von Süd nach Nord zwischen dieser und den Ödkarspitzen richtig zu deuten bedarf großer Erfahrung und Kenntnis von der von der Birkkarspitze aus sieben Kilometer bis zur Pleisenspitze messenden westlichen Hauptkette.

am Gipfel um halb zwölf angekommen

Die Eindrücke aufgesaugt, steht nach dem Abschied vom Hochpunkt der Reise zunächst ein nicht zu unterschätzender Abstieg mit den leichten Patschln durch das Schlauchkar an, das regelrecht bezwungen werden will. Hierzu sei dem Bergfreund geraten die höchste Aufmerksamkeit walten zu lassen, denn das Schlauchkar mit seinen Dutzenden von Zweigwegen und großen Brocken im obersten Teil des Steiges mag tückisch für das Umknicken beim eiligen Abstieg mit diesem zweifelhaften Schuhwerk sein. Allerdings trägt die gute Laune nach der erlebten Kulisse sehr zur Bewältigung der anstrengenden Etappe bei.

am Abstieg ins Schlauchkar

Im tieferen – und dort schon wieder begrünten – Teil nach der oberen Steinwüste des Schlauchkares nahm die Tageserwärmung ihren Höhepunkt ein, die gut zwei Stunden anhalten sollte und die beiden Wasserflaschen, die am Karwendelhaus nachgetankt wurden, rechtfertigte.

Rückblick im oberen Teil des Schlauchkares

Eine Stunde mußten wir für den Abstieg aufwenden bevor die heiß ersehnte Knödelsuppe im Karwendelhaus vor uns am Tisch dampfte. Am Mittwoch Mittag war das beliebte Karwendelhaus zum Glück mäßig besucht wodurch wir ohne Hast in einer halben Stunde die Hauptpause des Tages absolvierten. Knödelsuppe und ein unkastriertes Bier für den Verfasser, Simon vertraute auf Zuckerwasser zur Suppe. Die rechtzeitige und dosierte Energiezufuhr ist essentiell auf großen Vorhaben – das mußte der Verfasser, der sich bei körperlicher Anstrengung immer dazu zwingen muß, schon oft erfahren.

Bäralplsattel im Zoom

Das Karwendelhaus verließen wir nach knapp neun Stunden nach dem Start und nach der Einschätzung des Verfassers sollte die folgende Etappe bis zur Krinner-Kofler-Hütte eine eher leichte werden, bei der nicht zu viele Kräfte erforderlich sein sollten, um den finalen Anstieg und die Überschreitung der Soierngruppe gut zu verkraften.

Karwendelhaus, 1.771m

Ungern – aber zur besseren Einschätzung von Lesern die die Reise nachvollziehen werden – gleichwohl unumwunden gibt der Verfasser hier zu, daß diese Einschätzung grundfalsch war.
Der schöne Gjaidsteig, noch von der Birkkarspitze aus gesehen ein so unscheinbarer, sich als vermeintlich auf einer Isohypse dahinziehenden Linie erwarteter Steig, gibt seinen schönen Verlauf nicht ohne viel Schweiß her, er hat es mächtig in sich.

Abzweigung vom Fahrweg zum Gjaidsteig

Zuerst zweigt er in der letzten engen Kurve am Schotterweg zum Karwendelhaus unscheinbar ab und steigt  danach gut zwei Dutzend Höhenmeter an. Anschließend führt er in einem nicht enden wollenden und nicht unerheblich anstrengenden Auf und Ab, das jeweils kaum mehr als 10Hm beträgt aber ständig wechselt, eine Stunde durch die Flanke unter der Vogelkarspitze hindurch, um, schlußendlich als Höhepunkt, in einem schauspielartigen Gewirr an quer zur Gehrichtung verlaufendem Wurzelwerk von Zuntern in das man tief eintaucht, sich in einer Art Körpermikado bewegt, um dabei kaum mehr Gehgeschwindigkeit zu erreichen und sich in der den eiligen Marsch überlagernden Nachmittagshitze erstmals mentale Herausforderungen spürbar machen. Wohltuend ist dann der endlich erreichte Blick auf das Bäralpl, auch wenn nach dem Aussichtseck noch 50Hm zum Sattel auf 1.820m anfallen.

am schönen Gjaidsteig

Der Bäralplsattel im südlichen, tirolischen Teil besteht aus Raiblerschichten, erstmals auf der Strecke aus einem geologisch schlechteren Teil, die Festigkeit und Verwitterungsbeständigkeit betreffend. Höchstwahrscheinlich dadurch ist es im Laufe der Zeit überhaupt zu diesem tiefen Einschnitt in der Nördlichen Karwendelkette gekommen, weil die aus festem Wettersteinkalk bestehenden Erhebungen links und rechts des Bäralpls stehen seit jeher bombenfest und ohne Höheneinbußen durch Verwitterung.

einzigartige Ansicht des Karwendeltales vom Gjaidsteig

Überhaupt dürfte sich im Gebiet westlich vom das Bäralpl eine Raibler- oder ähnliche Störzone von Südost nach Nordwest durchziehen, das kann auch auf den Fotos von Juergen auf die Raffelspitze immer wieder deutlich abzeichnet. An der bayerischen Nordflanke der Kette bestehen hohe Abstürze aus wiederum festem Wettersteinkalk, daher nimmt es auch nicht Wunder, warum Jürgens Anstieg immer wieder eher nördlich erfolgt, als am Grat oder südlich desselben.

Bäralplsattel, 1.820m

Der wohltuend leichte Abstieg vom Bäralplsattel Richtung Staatsgrenze wurde für uns zu einem Läutkonzert von Dutzenden von hell klingen Glocken an scheuen Schafen. Bis weit hinaus zur Grenze konnten wir sie hören.

Soierngruppe vom Bäralpl aus

In der Meinung, der Abstieg vom Bäralplsattel sollte eine leichte Erholungsstrecke sein täuschte sich der Verfasser abermals. An der Grenze beginnt ein nicht ganz ungefährlicher Abstieg auf einem schutt- und teilweise nässedurchsetzem natürlichen Felsbandsteig, der seilversichert bis zu weniger steilen Partien hinabzieht. Keine einfache Angelegenheit von Familien mit kleinen Kindern, die uns entgegenkamen (später, unten am Bärenfallbach, der durch die Abbrüche des Sattels herab braust sahen wir, daß es eine zweite Möglichkeit des Abstieges gegeben hätten, in der AV Karte als Steigspuren vermerkt und sicher eine gesonderte Erforschung wert).

luftiger Abstieg zu den Reisen

Fast hätten wir die unbeabsichtigt getarnten Wegweiser in der Schuttreise übersehen und wären Richtung Hochlandhütte aufgestiegen, wenn nicht, nach einer Wegverzweigung am Wiederanstieg des Hauptsteiges zur Hochlandhütte, Wegweiser in der losen Schottereise geschützt hinter Blechwinkeln erblickt werden hätten können.

Wegweiser in schwierigem Gelände

Unser Weg präsentierte sich dabei als ein anscheinend selten begangener, denn er war in der Schottereise teilweise nur erahnbar, nicht aber durch Farbe und Muldung immer eindeutig erkennbar.
In jedem Fall führte er uns wieder genau so nach Osten wie das Felsband in den imposant steilen Wettersteinfelsen oberhalb uns zuvor nach Westen abwärts geleitet hat. Eine nun erklärliche quer ausreißende Spitze auf der Karte.

die beeindruckende Nordseite des Bäralpls

Die Abwärtsquerung in der Schotterreise zeitigte nach 32km nun erstmals aktives Spüren der Sohlen. Die Reibung in den unfesten Halbschuhen ist beim abschüssigen Queren besonders groß und leichtes Brennen die Reaktion davon. Von gut 1.800m am Bäralpl führt der Abstieg auf knapp über 1.300m hinab auf die Almfläche Hufachboden südöstlich der Krinner-Kofler-Hütte.

Huefachboden gen Süden

Bis zu dieser dauert es aber noch ein ganz schönes Stück auf einem wiederum stetig auf- und ab-führenden schmalen Steig, der teilweise an Abbrüchen durch ein Gemisch von Hauptdolomitfelsen und Raiblerzonen hindurchführt und in dem uns just die über uns liegende schwere Regenwolke einen prasselnden Gruß von ein paar Minuten niederbrachte. Ein Gruß der gerade ausreichte, daß aller verfügbare Regenschutz angelegt werden mußte und die nachfolgenden zwei Kilometer über den Steig die kaum knöchelhohen Grashalme links und rechts des schmalen Pfades gerade so weit hereinreichten, daß die Schuhe auch innen nass genug für ein unangenehmes Gefühl wurden. An diesem Abschnitt trennten uns wahrscheinlich gerade einmal 10min von Trockenheit – es sollte für uns nicht sein, daß wir trocken blieben, wir waren vorher wahrscheinlich zu langsam und wurden daher bestraft.

Krinner-Kofler-Hütte

An der Krinner-Kofler-Hütte bestand letztmalig die Gelegenheit Wasser aufzufüllen und dies wird jedem geraten, der nach gut 35km und elfdreiviertelstunden dort ankommt und den Hauptteil der Soierngruppe im Aufstieg vor sich hat.

Aufstieg zur Soiernspitze

Der Aufstieg zur Soiernspitze erfolgt von der Krinner-Kofler-Hütte zunächst über ein paar sanft ansteigende Rampen auf breitem Wege, sodaß sich auch ein schon alter Mann vor dem Simon nicht schämen mußte und zumindest Gehgeschwindigkeit zustande brachte, auch wenn er die Normalsteiggeschwindigkeit von 11m/min nicht erreichte.

auf etwa 1.700m gegen Süden zum Bäralpl geschaut – der Alternativanstieg links kann erahnt werden

Nach 400Hm auf etwa 1.700m war es dann soweit – zu wenig Energiezufuhr (seit dem Karwendelhaus nur einen der grausigen Müsliriegel verzehrt) zwang den alten Mann in die Knie und eine Esspause mußte eingelegt werden. Speck kam zum Einsatz. Im Wissen, daß dieser nicht ganz die richtige Wahl sein würde gab es obendrauf noch einen großen und grausigen Eiweißriegel und damit sich alles zusammen beim Verdauen vertragen mochte, sollte ein Käppchen von Peter Mayrs Enzian, das erprobte Höhenkrankheitsmittel des Verfassers, für Ruhe im Magen auf den nächsten 550Hm Aufstieg sorgen.

Aufstieg zur Soiernspitze oberhalb des Jöchls

Während sich alles mischen sollte unternahmen wir eine „Recognoscirung“ auf den Bäralplsattel und die links und rechts davon flankierenden Nordabstürze der Nördlichen Karwendelkette. Auch diese Kette hat ihre Schönheiten und die nördlich vorangeschobenen hoch aufgerichteten und zu bizarr verwitternden Schluchtenbergen aus Raiblerpartien vermitteln den selben heimeligen Eindruck der südlichen heimischen Karwendelketten. Die Geschlossenheit des Zentralteiles des Gebirges konnte nun in gewisser Weise „von außen“ betrachtet werden. Die Birkkarspitze ist am Anstieg zur Soiernspitze nicht sichtbar, somit fehlt die optische Einschätzung der Distanz.

die hohen Gipfel der Nördlichen Karwendelkette – Wörner äußerst rechts im Bild

Mit einem beginnend sonderbaren Gefühl im Magen des Verfassers starteten wir wieder durch und erreichten einen Sattel an dem eine mit 1 ¾ Stunden völlig falsche Zeitangabe für die verbleibenden 450Hm getroffen wird. Dies verunsichert zunächst, der Gipfel ist von dort nicht sichtbar.
Die Strecke nach dem „Jöchl“ bereitete dem alten Mann dann schon einige Mühe und der edle Speck beschwerte sich ob der Anwesenheit von eher chemischem Gummizeug aus der Fabrik und bereitete zeitweise ein derart unangenehmes Gefühl, das bei zu stark vertiefter Aufmerksamkeit darauf höchstwahrscheinlich in einen unerwünschten Vorgang hätte überschwappen können. Also mußte sich auf den Anstieg konzentriert werden und das erste Nachdenken über die mögliche Ankunftszeit in Krün lenkte genügend ab, um die kritische Verarbeitungsphase im Unterleib unbeschadet zu überstehen.

das Gipfelkreuz der Soiernspitze sichtbar

Bei einem kühlen Lüftl durch mehrere zuvor entladene Regenwolken in der Umgebung ging es am Südostrücken zur Soiernspitze auf 2.257m, die wir knapp nach 18 Uhr erreichten, bzw. Simon 10min eher, um somit nach knapp dreizehneinhalb Stunden den Hauptteil der Anstiege bewältigt zu haben und einigermaßen erfreut darüber zu sein.

Soiernspitze, 2.257m

Das Wetter über uns war wieder grundstabil und großteils sonnig. Der nicht angenehme und kühle Wind von Nordosten, hervorgerufen durch ein Gewitter über Lenggries, veranlasste uns nach einigen Minuten des Verweilens und einigen Übersichtsfotos die Reststrecke in Angriff zu nehmen, immerhin trennten und noch 10km und gut drei Stunden Marsch vom Ziel.

die schönen Soiernkare mit den gleichnamigen Seen

Am interessanten Grat zur Reißenden Lahnspitz trifft man unweit östlich der Scharte mit dem Abzweig zum Soiernhaus auf Felsausbildungen wie sie üblicherweise dem Dolomit vorbehalten sind, grobbankig aufgebaute Felstürmchen. Sie werden südlich umgangen und jenseits der Scharte erfolgt der Anstieg zur Reißenden Lahnspitz, der nun schon recht schwer fällt mit Normalgeschwindigkeit begangen zu werden und auch auf die letzten rd. 40Hm wurde verzichtet und der Gipfel in der Südflanke umgangen.

Blick auf den Hauptgrat der Soierngruppe, weit hinten unser Abstiegspunkt

An der Westseite der Flanke bietet sich der erste Blick zum letzten Sattel, den Seinskopf, und wenn man nach all dem vorher erlebten an diesem Punkt steht glaubt man im diffusen Gegenlicht der schon tief stehenden Sonne nicht mehr so richtig daran den Seinskopf noch zu erleben – ein schier ewig langer Weg scheint sich zu ihm hinzuziehen. Tatsächlich beträgt die Weglänge kaum mehr als 3km, beinhaltet aber doch noch 130 nun auch in den Beinen spürbare Höhenmeter und zieht sich über eine Stunde hin.

schöne Formationen am Grat zur Reißenden Lahnspitze

Die Wanderung auf üppigen Wiesen dorthin – und auch schon eine Stunde vorher – verlief mehr und mehr wortkarg zwischen dem wackeren Simon und dem Verfasser, ein Produkt der Anstrengungen bisher und Manifestation von Zeichnung durch die Anstrengungen.
Die Zeitlosstimmung am Frühabend in Sonnenschein auf 2.000m wirkte gewaltig anstimmend auf das Gemüt und immer wieder kreisten die Gedanken über die bisher erlebten Stationen der Reise, die zigmal im Kopf durchgegangen wurde und trotzdem noch so unfassbar schien. Allein diese Augenblicke wären es wert, das Unternehmen erneut durchzuführen. Ob es dann an Reiz einbüßen würde – wer weiß?

an der Umgehung des Gipfels der Reißenden Lahnspitze – unser Abstiegspunkt im dunklen Sattel leicht links der Bildmitte sichtbar

Die Soierngruppe muß man erlebt haben. Ihr Aufbau ist der typische durch Überschiebung geprägte, mit mehr oder weniger steilen Südhängen und steilen bis senkrechten Nordabbrüchen. Alleine fehlen die nördlich vorne her geschobenen Raiblerpartien – zumindest konnten keine gesichtet werden.
Im Rückblick auf Soiern- und Reißenden Lahnspitze – das Foto zaubert mit dem tollen abendlichen Lichteinfall wunderbar die Schichten des Aufbaues hervor – Plattenkalk in bilderbuchartiger Ausbildung.

wunderbar sichtbarer Plattenkalk Aufbau der Soiernspitze

Zur tiefsten Einschartung vor dem Seinskopf hin benötigten wir eine gute Stunde. Die Schöttelkarspitze haben wir der fortgeschrittenen Stunde wegen ausgelassen. Ziel war ja ohne Fremdlichtquelle auszukommen. Dort beginnt der letzte, dafür auch nur kurze Aufstieg zum Seinskopf, eher ein Joch als ein Kopf, und dort beginnt auch die knapp 6km finale Abstiegsstrecke nach Krün über 1.100Hm.

Grat zur Schöttelkarspitze im Abendlicht

Selbst die wenigen Dutzend Höhenmeter Anstieg wurden dem Verfasser nun anstrengend. Eine leichte Gewitterfront über Garmisch spornte jedoch dadurch an, als daß sie den Anschein hatte sich auf unsern Abstieg auszudehnen.

kurz für der Einschartung zwischen Seinskopf und Schöttelkarspitze

Im letzten Rückblick wartete die Natur noch mit einer kleinen Belohnung auf. Die meisten Gipfel der Karwendelketten waren leider durch Wolken verdunkelt, die Birkkar- und die Ödkarspitzen als einzige Gipfel in 13km Luftlinienedistanz aber wunderschön hell erleuchtet. Mit diesem schönen Abschlussblick in die Ferne und der Verständigung vom treuen Andi, der verletzungsbedingt ausfiel und den Abholdienst versprach, traten wir den allerletzten Abstieg an.

der letzte Blick auf die Birkkarspitze; danke für die grandios heraushebende Beleuchtung!

Die Zugrichtung des Gewitters wies zwar in unsere Richtung, es verlor jedoch glücklicherweise rasch an Kraft, erreichte uns nicht mehr und so bleib uns eine zweite Regenadjustierung erspart.
Man möge den Abstieg vom Seinskopf nach Krün nicht unterschätzen, vor allem, wenn man einiges hinter sich hat. Nach der Halbumrundung des Schöttelkars, beim letzten Blick auf die Schöttelkarspitze vom Sattel in den Wald hinab zieht sich ein recht steiler Weg, der nach fünfzehn Stunden Marsch keinen Abendspaziergang darstellt, auch wenn er abwärts gerichtet ist und wenige kleine Querungen vernachlässigbare Gegenanstiege aufweist.

Abstieg vom Seinskopf nach Krün

Die Route über den Nordteil der Hüttlebachklamm schlug Simon vor auszulassen, da der andere Wegweiser eine Viertelstunde Einsparung nach Krün zu versprechen schien. Beim nachträglichen Studium der Karte erschien das nicht so sicher, denn der alternative Weg beschreibt einen nicht notwendigen Bogen im untersten Teil und führt zuletzt recht seicht knapp oberhalb des Isarufers rückwärts zur Brücke entlang. Natürlich spürten wir auf den letzten Abstiegsmetern jeden einzelnen Schritt recht intensiv auf den Sohlen.

Ankunft am Ziel in Krün, 21:15 Uhr

Um 21:15 erreichten wir nach sechzehneinhalb Stunden, 4.200Hm und knapp 50km Wegstrecke die Brücke über die Isar und den Parkplatz in Krün, bei dem Andi gerade eingetroffen war und mit einer Dose Hopfensaft für die Überraschung des Tages sorgte.

Für Interessierte hier das Höhenprofil (mehr Details und die Gehzeiten in der Bildergalerie):


Die Reise konnte im hellen Teil eines Tages somit plangemäß beendet werden. Unbeschreibliche Eindrücke darüber wurzeln noch immer tief und das Gebirge hat im Kopf eine neue Dimension geöffnet, womit auch das Ziel erreicht wurde und der Verfasser sich vor dem mächtigen Karwendelgebirge tief verneigt zugelassen worden zu sein.

Mils, 25.07.2018

8 Gedanken zu „Karwendeldurchquerung – mehr als 50 Mio. Jahre in 16 Stunden von Absam bis Krün

  1. Christian Neumann

    Da kann man nur gratulieren. Ich glaub nicht, dass diese Tour schon andere vor Euch gemacht haben. Super vorbereitet, sensationell gegangen, ausgezeichnet nachbereitet auf dieser Homepage. Sehens- und Lesenswert!
    Viele Grüße,
    Christian

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    1. Rainer Beitragsautor

      Danke Christian für Deine tolle Bewertung, hat mich sehr gefreut!
      Die Idee ist mir wirklich anlässlich der Ost/West-Durchquerung entstanden und mir wäre auch nicht bekannt, daß die Süd/Nord-Durchquerung schon durchgeführt worden wäre, zumindest nicht dokumentiert.
      Bis zum Herbst einmal, Berg Heil!
      Rainer

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  2. Simon

    Hallo Rainer,
    der tolle Bericht rundet dieses einmalige Erlebnis ab! Danke, dass ich ein Teil dieser Geschichte bin!
    Berg Heil Simon

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    1. Rainer Beitragsautor

      Servus Simon,
      wer das Erlebnis geteilt hat weiß um dessen gewaltige Dimension – danke lieber Mitstreiter und Bergkamerad!
      Und nochmals Gratulation zum Töchterchen, das gemeinsam mit Mutti geduldig das Ende der Durchquerung abgewartet hat :-)!

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    1. Rainer Beitragsautor

      Servus Ralf, servus Carola, ich danke Euch!
      Diese unglaublich lehrreiche Reise hat selbst nach Monaten nichts an Glanz im Nachempfinden des Erlebten eingebüßt, jeder bewußte Augenblick ist noch mit einem deutlichen Bild versehen und farbig! – die wahren Abenteuer sind im Kopf!
      Berg Heil!
      Rainer

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