Schitour Hohe Munde, 2.592m – Ostgipfel

Außergewöhnlich! – kann als treffendes Schlagwort für die famose Schitour auf die Hohe Munde verwendet werden. Außergewöhnlich hinsichtlich ihrer ausgesetzten geographischen Lage, ihres freien und steilen Aufstieges ab der Rauthhütte, ihrer Abbrüche ins Tal vor allem nach Süden und nicht zuletzt wegen ihres phantastischen Ausblickes und eines reizvoll ausgeprägten Gipfelerlebnisses.

Rückblick auf den Punkt der kürzesten Distanz zum Felsabbruch

Wer die Schitour auf den Ostgipfel der Hohe Munde einmal begangen hat, der wird sie wohl nie wieder vergessen, vor allem dann nicht, wenn er sie bei Kaiserwetter erleben durfte. Der mehrfach anregende  Aufstieg ist ein Erlebnis der Sonderklasse.

der Großteil der tollen Mann-/Damenschaft

Bereits kurz nach Tagesanbruch leuchtet die Hohe Munde über dem Inntal und kurz darauf verrichtet die aufgehende Sonne im März ihr tauendes Werk am ungeschützten und gewaltig aufsteilenden Osthang, weshalb der zeitige Aufbruch angeraten ist.

Hohe Munde um 6:30 Uhr bei Kaiserwetter

So reizvoll und erhaben der Osthang bei gutem Wetter aussehen mag so furchteinflößend und unfallträchtig mag er bei der Begehung bei nicht passenden Verhältnissen sein, allem voran ein hart  gefrorener Aufstieg und schlechte Sicht. Am Großteil des Aufstiegs nach der Baumgrenze gibt es kaum Orientierungshilfen.

Aufstieg am Parkplatz Mundestadl

Während wir gegen 6:30 Uhr am Parkplatz der Rauthhütte „Mundestadl“ auf 1.180 m losmarschieren befindet sich der Gipfelbereich bereits im markanten malerischen gelblichen Morgenlicht und keine Wolke ist weit und breit zu sichten.

Aufstieg unter herrlicher Sonnenbestrahlung schon weit vor der Rauthhütte

Den Abmarsch eine halbe Stunde früher zu legen hätte es leicht vertragen, aber wir waren immer noch zu einer vernünftigen Zeit unterwegs und bis zur Rauthhütte kraschelte es recht laut unter den Fellen und die Schi klapperten obendrein am bock hart gefrorenen Firn der ehemaligen Liftabfahrt – ein klassischer Moment der menschlichen Hilflosigkeit gegenüber der Stille der Natur, der mit lärmender Technik überbrückt wird die alle morgendlichen Vogelstimmen übertönt.

Ostflanke im Zoom – ein paar Gipfelstürmer bereits eine gute halbe Stunde vor uns

Zu einer ansehnlichen Gruppe gereift stiegen wir über die noch vorhandene Abfahrt des früheren Mundeliftes (Betrieb bis 2003) auf. Nach einer Viertelstunde tauchten wir sieben Begeisterten bereits in die Morgensonne ein, weit vor der Rauthhütte, die zu dieser Morgenstunde noch im Tiefschlaf lag.

kurze Trinkpause vor dem rassigen Aufstieg

Vor, sowie hinter uns gar nicht wenig Gleichgesinnte, selbst der großflächige Parkplatz war um halb sieben Uhr an seiner Peripherie bereits restlos gefüllt und trotzdem empfanden wir den Aufstieg nicht als überlaufen.

Morgenstimmung als wäre es später Vormittag

Wenn eingangs über die besonderen Eigenschaften dieser Schitour die Rede war, dann kann zunächst der Eindruck an Tageszeit bei der kurzen Trinkpause bei der Rauthhütte (siehe Fotos) erwähnt werden. Dieser Eindruck vermittelte in 1.600m Höhe durch den dortigen Sonnenstand und der bereits enormen Strahlungsintensität ein gewisses „Zehn-Uhr-Dreißig-Gefühl“ und doch war es noch nicht einmal genau halb acht Uhr früh; ein nicht alltägliches Erlebnis nach dem drei Tage zuvor beendeten Winter.

die seichte Mulde durch die der Aufstieg führt

Den schwer beschreibbaren Blick des kolossalen Steilhanges dem Betrachter direkt vor Augen japst die Seele förmlich nach der Besteigung dieser Schönheit, gleichzeitig aber wächst ein gewisser Respekt vor den folgenden 1.000 Höhenmetern bis zum Gipfel.

das Abenteuer beginnt

Nach der Rauthhütte erfolgt der Aufstieg in einer mäßig ausgeprägten unbewachsenen Mulde, die nach oben hin steil wird und gleichzeitig die – vermutlich durch Lawinen von der mächtigen Hohen Munde herab hinuntergedrängte – Baumgrenze auf etwa 1.700m bildet.

am Ende der Mulde, vor der Drehung nach Süden

Am Ende der Mulde wechselt die Aufstiegsrichtung stetig steil ansteigend ziemlich radikal von Westen nach Süden auf die markante Ostflanke der Hohen Munde zu, den Hang dabei schneidend. Sie erreicht dabei auf sehr kurzen Passagen Hangneigungen von mehr als 40°, denen durch die Routenwahl so gut wie möglich ausgewichen wird und die nicht so steil empfunden werden.

welch Panorama im Norden!

Ab dieser Position – etwa auf 1.900m – werden die Auswirkungen der tageszeitlichen Erwärmung im Frühjahr voll schlagend.
Die Steilheit des Hanges mit teilweise 40° Neigung angenommen mag mit dem Sonnenstand zu Frühlingsbeginn am Morgen einen Einfallswinkel von nahezu 60° bilden – welcher gleich ist mit jenem, den die Sonne zu Sommerbeginn am Mittag auf die als horizontal angenommene Erdoberfläche bildet(!) – sodaß um diese Tageszeit bereits nahezu die maximale Wärmestrahlung wirksam werden kann.

fotohungrig nicht nur der Autor

Diese Extremsituation gegen acht Uhr früh muß erst einmal begriffen werden – am besten man erlebt sie unter „live-Bestrahlung“ an der Ostflanke der Hohen Munde direkt. Eine weitere eingangs erwähnte Superlative dieses außergewöhnlichen Berges.

Querung auf die Ostflanke

Wir erreichten diese Passage etwa um acht Uhr und stellten bereits mehr als einen Zentimeter unter die Oberfläche aufgetauten Firn fest und viertelstündlich verstärkte sich die Auftautiefe.

auch hier schon ordentliche Hangneigungen

Etwa zwanzig Minuten später im Aufstieg wird auf 2.000m ein kurzer flacherer Teil des Hanges erreicht, der sich zur Trinkpause vor dem steilsten vorausliegenden Abschnitt eignet.

kurze Trinkpause bei der Flachstelle ~2.000m

Ab dieser Stelle folgen knapp 600Hm Aufstieg mit den steilsten Passagen. Zunächst folgt die Route noch der geringsten Hangneigung Richtung Südwesten, bei unserer Begehung durch eine leichte Nassschneerutschung der vergangenen Tage hindurch, danach um eine schwach ausgeprägte Hangrundung herum bis nahe an den markanten südlichen Felsabbruch heran (nicht so nahe, daß unmittelbare Absturzgefahr bestünde).

Nassschneerutschung der letzen Tage – zu spaßen ist nicht mit spätem Aufbruch

Anschließend dreht die Richtung nach Nordwest und der Aufstieg folgt in Spitzkehren durch die steilste Passage mit einer Hangneigung laut TIRIS von mehr als 40°. Die Passage ist nicht sehr lang, sie erfordert kaum zehn Minuten Durchstieg.

am Felsabbruch angelangt – jedoch ohne Absturzgefahr mit richtiger Ausrüstung bei passenden Verhältnissen

Mit etwas weniger Steigung geht es weiter, die linken Spitzkehren im Aufstieg meist recht nahe am Felsabbruch, dem der Aufstieg etwa 100Hm parallel folgt und bei dem sich ganz oben atemberaubende Fotoszenen bieten.
Bei harten Schneeverhältnissen könnten diese Passagen unangenehm und bei Sturz gefährlich sein.

bei diesem Prachtwetter ein einziger Traum diese >40° Passagen

Oberhalb des Felsabbruches dreht der Aufstieg wieder nach links, mehr nach Westen, und erreicht weniger steile Bereiche rechts der beginnenden Lawinenverbauungen, wobei die Neigung aber in der Bandbreite zwischen 30 und 35° bleibt.

den Felsabbruch bereits überwunden, unterwegs zu einer leicht flacheren Passage

Kurz vor dem Erreichen des signifikant flacheren Gipfelhanges (<<30°) führt der Aufstieg an die Lawinenverbauten heran, bzw. oberhalb der zweiten Netzreihe über die Kuppe auf den Gipfelhang.

der Restaufstieg im Überblick – die Stimmung in gleisendem Licht am Höhepunkt

Dieser kurze letzte Teil ist nochmals deutlich steiler als 35° und führt über die Kuppe.

Hohe Munde Osthang im Rückblick

Die Kuppe des Gipfelhanges wird bei ca. 2.540m betreten und auf einem breiten, pistenähnlichen flachen Hang mit nordseitigem Lawinenverbau führt der Anstieg die restlichen 50Hm auf das riesige, vollständig flache Gipfelplateau und weiter zum Gipfelkreuz des Hohe Munde Ostgipfels.

am Gipfelhang Richtung Zugspitzmassiv

Der Ostgipfel ist um 70m niedriger als der eigentliche Hohe Munde Gipfel im Westen mit 2.662m. Die Route dorthin ist vollständig einsehbar und führt über den anfänglich schmalen Gratrücken auf den Osthang und zum Gipfelkreuz.

am Hohe Munde Ostgipfel Richtung Hohe Munde Westgipfel – ein schönes weiteres Ziel im überwältigendem Gelände

Wer die Tour dorthin fortsetzen will muß etwa 70Hm abfahren, wieder Auffellen und etwa 150Hm Aufstiegshöhe vom Tiefpunkt auf das etwa 900m entfernte Ziel einrechnen. Am Rückweg fallen wieder die 70m Aufstieg auf den Ostgipfel an, die Tour dorthin schlägt also in Summe mit zusätzlichen 230Hm zu Buche.

Tiefblick Inntal Ost

Den phänomenalen Rundblick von der Hohen Munde durften wir an diesem so perfekten Tag mit unglaublicher Fernsicht erleben. Die Bilder spiegeln nur Bruchteile wider, so konnten wir beispielsweise den mehr als 90km fernen Großglockner eindeutig erkennen.

Tiefblick Inntal West

Die Stubaier Alpen im Süden entfalten sich vor dem Betrachter gleichsam dem Bühnenbild im Opernhaus. Im Norden das gewaltige Massiv der Zugspitze und nach Osten folgend konnte jedes Detail der wilden Grate des Wettersteingebirges betrachtet werden.

die nördlichen Stubaier – so manch Ruetz nennt sie „heimatliche Sellrainer“

Weit im Osten das Karwendel mit einem kleinen Einblick in die noch tief winterlichen Karwendeltäler, die in einigen Wochen mit sagenhaft schönen Frühjahrstouren aufwarten werden.

a Mammut alive and a young one on the right

Nicht unerwähnt soll auch der Blick zu beiden Seiten ins Inntal bleiben – selten ein Punkt im Inntal, der diese Spanne an Einblick in die Talschaft zu liefern vermag.

das schönste Gebirg‘ der Welt – öffnet seine Pforten in wenigen Wochen für die Frühjahrsklassiker

Ein weiteres Highlight dieser phänomenalen Schitour stellt die Abfahrt dar. Kraftraubend sind die steilen 1.000Hm der Ostflanke ebenso zum Befahren, auch wenn, wie in unserem Fall, beste Firnverhältnisse vorherrschen. Da der Hang viel befahren wird präsentiert er sich zum Teil wie eine klassische Buckelpiste und, 100Hm am Stück beherzt abzufahren, lassen die Oberschenkel mächtig brennen.

Stimmung an der Kante – vor 1.000Hm Steilabfahrt…

Die notwendige Rast nach jedem Teilstück der Abfahrt besteht nicht nur im Abkühlen der Oberschenkeln und der Beruhigung des Kreislaufs, sie ruft die Nebenwirkung des Genusses der umgebenden Landschaft hervor, der, beim Bier von der Rauthhütte aus beurteilt, durch den zu gierig angegangenen weißen Rausch eigentlich viel zu kurz kommt.

der Exzellente unter den Schifahrern hält immer ein Lächeln bereit. Ob es diesmal dem Abfahrtserlebnis gilt?

Wir hatten uns bemüht nach der Kante oben nicht direkt über die Aufstiegsroute abzufahren, sondern orografisch rechts, bis tief hinab zum Felsabbruch genau in seiner Falllinie. Das Gelände war dort noch nicht so sehr zerfahren wie am direkten Osthang. Mit Respektabstand zur Abbruchkante wechselten wir nordostwärts auf den breiten runden Osthang nun orografisch links vom Aufstieg.

Innehalten und weit blicken

Der Rest der Abfahrt über die latschenbewachsenen Teile der unteren Ostflanke zeigte kurz nach zehn Uhr vormittags schon sehr weiche Schneeverhältnisse, dennoch gut zu befahren. Als Abfahrtsroute im unteren Teil des Hanges, die bereits wieder mit vereinzelten Baumgruppen bewachsen sind, wählten wir die direkte Linie am Hang, mitten in den lichten Wald hinein und über das letzte steile Stück im Wald zur Rauthhütte.

ausgleiten zurück in die Zivilisation

Eine sagenhaft vielfältige und anregende Schitour mit dauerhaftem Temperament über alle Abschnitte und bleibenden Eindrücken ging beim vormittäglichen Frühschoppen auf der Hüttenterrasse zu Ende.

den Gesamteindruck der Erlebnisse kann an Brittas Gesichtsausdruck abgelesen werden

Bei wenigen kurzen Trinkpausen und einer knappen halben Stunde am Gipfel hat dieses Juwel an Schitour 4:25 Stunden in Anspruch genommen (ab Parkplatz Mundestadl und zurück zur Hütte, die Abfahrt Rauthhütte – Parkplatz nicht mitgerechnet). Die Höhenmessung zeigte 1.405Hm. Die Track-Aufzeichnung in der Bildergalerie wurde bewußt erst nach der Rauthhütte gestartet und dient nur der Veranschaulichung der Aufstiegs- und Abfahrtsroute.

und am Gesichtsausdruck aller beim Frühschoppen

Harscheisen sind auf dieser Tour Bedingung (wir haben sie nicht benötigt), Spitzkehren sollten in steilem Gelände einwandfrei beherrscht werden und eine gewisse Erfahrung mit steilen Schitouren sollte mitgebracht werden. Wer sie bei Prachtwetter begangen hat der rät schon bei leicht zweifelhaften Wetter-/Schneebedingungen dringend ab, nicht nur der Sicherheit wegen, auch des Erlebnisses wegen. Berg Heil!

Mils, 24.03.2019

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