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Der Graben auf die Bettelwurfhütte

Nach dem Erlebnis mit der Kreuzotter letzte Woche hätte es eigentlich eine Foto- und Videopirsch auf eben diese Spezies werden sollen, aber aufgrund des zweifelhaft labilen Wetters wurde es die Entdeckung des Grabens, oder des Bettelwurfsteiges – wie auch immer ihn diejenigen die ihn (noch) kennen nennen – ein wichtiger und gleichzeitig erfreulich schöner Aufstieg auf die Bettelwurfhütte.

Dem Gelände nördlich der und, topografisch, oberhalb der „Sonnenbrücke“ sagt man zahlreiches Aufkommen der Kreuzotter nach. Genau dieses Tier war gestern Ziel meiner Begierde. Es sollen noch mehr Erlebnisse und Erkenntnisse für einen Artikel gesammelt werden.
Wenn die Sonne die Felsen links und rechts des Bachtales erhitzt, das vom wenig ausgeprägtem Kar des Kleinen Bettelwurf herabzieht, dann sei die Wahrscheinlichkeit sehr hoch die Kreuzotter anzutreffen und sie etwas näher studieren zu können. Mit diesem Motiv betrat ich gestern das Halltal und hatte die Akkus zur Pirsch voll geladen. Leider, und das fühlte ich recht bald, als die Nebelwolke über dem Halltal wegen der Sonneneinstrahlung und der dadurch steigenden Verdunstung immer undurchdringlicher wurde, geriet die Strahlungsintensität der Sonne zum fühlbaren Erliegen und mir war klar, daß ich die Tiere heute genauso vergeblich suchen würde, als Steinpilze um diese Jahreszeit. So sollte es auch bleiben.

Anstieg durch das Gerinne bis zum Wandfuß

Anstieg durch das Gerinne bis zum Wandfuß

Nach der Issbrücke stieg ich den Verlauf des Gerinnes auf, das bei Hochwettern tosende Wässer der „Platten“ dem Issbach zuführt und querte am Wandfuß ostwärts auf ein „Köpfl“ von dem aus der Steig durch den Bach beginnt. Dort, am beginnenden Wandfuß der Platten findet sich ein altes Seil, das den Einstieg weist und weiter ist der recht einfach zu findende und, zu meiner Überraschung, jüngst ausgeschnittene Steig stets am Plattenwandfuß angelegt. Man folgt ihm kaum fünf Minuten und kommt zu einem markanten Punkt, das man auch „Köpfl“ nennt. Eine tolle Aussicht auf das auswärtsziehende Tal bietet der Stand am Köpfl und am äußersten Punkt findet sich – wie soll es anders sein – ein Thron der Gamsböcke mit jeder Menge Losung derselben rundherum.

Blick vom Köpfl

Blick vom Köpfl

Es gibt zum Anstieg auf das Köpfl mehrere Varianten (siehe die Luftaufnahme), die aber alle nicht sofort von der Straße aus sichtbar sind, man muß sie suchen:

Detail Anstieg unten mit Varianten, das Köpfl rot markiert.

Detail Anstieg unten mit Varianten, das Köpfl rot markiert.

Nach Norden gewandt blickt man auf den mächtigen Bachverlauf mit seinen fahrzeuggroßen Kalkblöcken und dem weiß ausgewaschenen Gerinne.

An sich wäre hiermit der weitere Steig vorgegeben und diese Route bedarf keiner Beschreibung. Ich aber entdeckte eine recht junge – schätzungsweise kein Jahrzehnt alte – gelbe Markierung, der ich, magisch angezogen, vorerst folgte. Die ursprüngliche Aufgabe war unzweifelhaft nicht zu erfüllen und so packte mich der schon lange gehegte Wunsch, den alten Steig zu finden. Weiters reizte mich der Steig auch auch wegen der für Markierungen von Steigen ungewöhnlichen Farbe, markiert man öffentliche Steige doch ausschließlich rot.

gelbe Markierungen tauchen auf

gelbe Markierungen tauchen auf

Nach ca. 200Hm und in stetig nordwestlicher Richtung bestätigte sich meine bereits beim Einstieg gefühlte Vermutung, daß dieser Steig mit dem klassischen Plattensteig zusammentrifft und zwar ebenfalls bei einem kleinen Südausläufer der Platten.

 

fast Zusammentreffen mit dem Plattensteig

fast Zusammentreffen mit dem Plattensteig

Jedoch – und das war überraschend – endete die gelbe Markierung ca. 50Hm unterhalb des kurzen Grates des Südausläufers und exakt nordwärts war nun überraschend die übliche punktförmige rote Markierung zu sehen. Diesmal weitgehend vergilbt, ausgebleicht und schätzungsweise 30 bis 40 Jahre nicht mehr nachgezeichnet.
Sofort folgte ich dieser, ohne weitere Nachforschung um die gelbe Markierung in der vorher gezielten Richtung zu unternehmen. Nicht ganz konsequent, jedoch der Zielrichtung dienlich (die gelbe Markierung führt nämlich eher vom Graben weg als hin, die rote Markierung erschien eher dem Zwecke gerecht zu werden und wand sich nach wenigen Höhenmetern nach Nordosten, wieder dem Bachverlauf zu).

Dichter Latschenbewuchs seit dem Köpfl erforderte teilweise eine gute Portion Orientierungsvermögen und, ich erwähne es gerne, ich habe mich ein paarmal verstiegen und mußte zur letzten Markierung zurücksteigen und neu beginnen. Hiermit sei gesagt, daß die Pflege des Steiges am Köpfl endete und „mein“ Steig nun etwas besonders Altes darstellte. Dies vor allem im Teil mit der gelben Markierung, im Teil mit den vergilbten roten Markierungen war die Situation dann wieder besser.

noch immer Dickicht

noch immer Dickicht

Weiters sei erwähnt, daß über den gesamten Steig Hufspuren und Losung von Gämsen zu finden sind, Zeugnis darüber, daß sich diese Tiere überall aufhalten, auch in den tiefsten Unterholzverwachsungen.
Die alten roten Markierungen verschwanden plötzlich und ich zögerte zuerst mit dem weiteren Aufstieg des trotzdem makellos erkennbaren Steiges und hielt nach der richtigen Route Ausschau. Leichter gesagt als getan bei mannshohen Latschen, die jede Sicht auf Lichtungen und somit auf den Pfadverlauf verwehrten.

Jeder Bergsteiger kennt diese fast ausweglose Situation, ich hatte jedoch einen einwandfrei erkennbaren Pfad vor mir, allerdings nun ohne Markierungen. Es war also naheliegend den Verlauf weiter zu folgen und zu hoffen, er möge nicht nach einigen hundert Metern in einem undurchdringlichen Latschengarten enden. Er tat seinen Dienst und führte mich ins Freie.
Auf geschätzter Höhe von 1650m spuckte mich der markierungslose Steig aus dem Unterholz aus und ich sah mich fast inmitten einer ca. 15 Tiere zählenden Gämsenherde, die wild aufstob, als ich mit Stöckegeklimper, tief rotem T-Shirt und orangem Rucksack – die Farbenkomposition der Natur mit Füßen tretend – den kahlen Plattenrücken betrat.
Nach kurzer Orientierung ob eines weiteren günstigen Anstieges zur Hütte, nahm ich die kürzest mögliche Route ostwärts zum Bachbett, um dort, so hoffte ich, schnell und wenig mühsam weiter aufsteigen zu können.

bereits am Bach angelangt

bereits am Bach angelangt

Es war auch so, schnell, jedoch recht mühsam. Das Tiefste des Bachbettes war, wenig überraschend, ausgeschliffen und eher rutschig, die Flanken des Bachbettes eher griffig, jedoch mit mittelkörnigem Schutt übersät und somit auch rutschgefährdet. Keine Gefahr, aber dem schnellen Aufstieg nicht dienlich. Durch die Sucherei im Dickicht habe ich sicher in Summe eine halbe Stunde verloren. In dieser Tour ging es ca. 250Hm weiter, eine überwindbare Strecke.

Plötzlich sichtete ich auf einem fahrzeuggroßen Felsbrocken mitten im Bachtal eine deutliche rote Pfeilmarkierung in Richtung Osten und nach einem prüfenden Blick auf den weiteren möglichen Verlauf des Steiges war mir sofort klar wie es weitergehen sollte und zwar steil nach oben auf den Rücken, den man vom Tal aus so gut sieht und der die Stützen der Seilbahn trägt.

Aufstieg zur Schlucht

Aufstieg zur Schlucht

Um es vorweg zu nehmen, dieser Teil ist der schönste Teil des Steiges, aber auch der schwierigste. Die Schwierigkeit ist für einen versierten Bergsteiger im Karwendel eher klein bis gar nicht vorhanden, jedoch ist die teilweise latschenbewachsene ca. 60 bis 80Hm hohe Schlucht nicht immer mit gutem Griff- und Trittuntergrund ausgestattet. Wiesenbewuchs und Humuspartien komponieren teilweise eine rutschige Steilfläche die nicht zu unterschätzen ist. Allerdings ist ein uraltes 13mm Einfachseil als Notnagel angebracht, das an tadellos fest sitzenden Ringhaken befestigt ist. Wegen der zweifelhaften Restbruchkraft besorgt ergreift man es ungern, ich habe es jedoch getestet und für den Zweck des Aufstieges als für akzeptabel zur Sicherung mit normaler Armkraft empfunden (einen Sturz in dieses, oder die Belastung mit gesamtem Körpergewicht meide man jedoch mit allen Mitteln). Wie gesagt, man braucht es aber nicht wirklich.

die Steilstufen

die Steilstufen

Nach zwei Steilstufen, am oberen Ende mit einer kleinen Felsenhöhle mit Schutzgöttern geziert, verbreitert sich das Gelände mitten in seiner Gesamthöhe durch eine satt wuchernde steile Wiese, umrahmt von Latschen rechts und Felsen links, die sich am oberen Ende wieder verjüngt und eine von Hand geschlagene bzw. ausgeschnittene Schneise freigibt, die den weiteren Verlauf verrät.

 

Die Situation nach der Schneise durch einen Latschenrücken ist nun insofern überraschend als man, den obersten Punkt der Steilrinne erreichend über einen immensen Wurzelstock von armdicken Latschen steigt und nun nordostwärts blickend die Bettelwurfhütte in ungeahnt kleiner Distanz erspäht. Dieses Erlebnis ist den ganzen Steig wert!

die Hütte zum Greifen nahe!

die Hütte zum Greifen nahe!

Nach ca. 20m nordwärts trifft man auf den Steig, den die Ersteiger des Klettersteiges gehen müssen und der Blick zurück ist frappierend, man erkennt den Ausstieg aus der Steilrinne gar nicht mehr und jeder Klettersteigbegeher hat keine Ahnung woher man gekommen sein könnte, so ganz ohne Klettersteigausrüstung. Er erkennt von dort aus auch den Ausstieg aus der Schneise nicht, da sie perfekt getarnt ist.

unerkennbar der Übertritt aus der Schneise rechts

unerkennbar der Übertritt aus der Schneise rechts

die Schlucht in der Übersicht

die Schlucht in der Übersicht

Wenn ich eingangs gesagt habe, daß der Steig ein wichtiger sei, so meinte ich damit die Bedeutung die er in früheren Zeiten gehabt hat. Zum einen ist er – die Kenntnis über ihn und seine Pflege vorausgesetzt – ein – und davon bin ich überzeugt – schnellerer Aufstieg als über den Normalweg, zum anderen war er ein noch schnellerer Abstieg für den Hüttenwirt, beides zum Zwecke die Seilbahn zu bedienen, zu beladen, zu entladen. Und genau das berichten die älteren Halltalkenner.
Über den Normalweg hätte es für ihn bis zur Talstation der Seilbahn einen weiteren Aufstieg ab der zweiten Ladhütte bedeutet, wenn er von oben hinunter mußte und einen sinnlosen Abstieg vor dem Wiederaufstieg zur Hütte, wenn er wieder hinauf wollte. Aus diesem Blickwinkel erfährt dieser schöne Steig nun unversehens eine große Bedeutung und jeder alte Halltaler kennt ihn als den Aufstieg des Hüttenwirtes Peskoller.

die Übersicht komplett; die rote Route ist meine, die gelbe die Alternative durch das Bachtal, die "Direttissima"

die Übersicht komplett; die rote Route ist meine, die gelbe die Alternative durch das Bachtal, die „Direttissima“

Nun, eines muß man noch erwähnen: die Strategie dieses Steiges ist raffiniert, ist er doch einerseits so angelegt, daß man des frühen vormittags noch guten Schutz vor der voll einstrahlenden Sonne hat, weil das Bachtal im Schutze der hohen Rippe liegt, die vom Kleinen Bettelwurf nach Süden gesandt wird und deren Rücken auch die lawinenschutzbegünstigte Lage der Hütte bildet. Andererseits ist er die kürzest mögliche Verbindung vom Halltal zur Hütte. Ein Blick auf die Karte macht diese deutlich (man vergleiche die Normalroute rot mit dem Grabensteig oder Bettelwurfsteig grün ab der zweiten Ladhütte; die strichlierten Routen sind Varianten die es gibt, denen ich aber (noch) nicht gefolgt bin):

der Anstieg komplett in der Karte; strichliert die Varianten

der Anstieg komplett in der Karte; strichliert die Varianten

Den Plattensteig sieht man links der Platten. Diesen habe ich bereits früher beschrieben, siehe Schlagwörterwolke bzw. frühere Artikel oder nutze die Suchfunktion.

Eine kurze Beschreibung des weiteren ansteiges ab der Hütte zum Kleinen Bettelwurf findet sich auch auf einem Blog eines Kollegen bei Hikalife

Mils, 01.06.2014

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