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Touren im Karwendel nur Sommer

Kleiner Falk 2.190m – mit Überschreitung zum Risser Falk

Bereits kurz vor der Ortschaft Hinterriß am Weg von Norden ins Karwendel läßt den Bergsteiger und Gratkletterer der kühne Anblick der Falkengruppe – sichtbar ist der Kleine Falk und der Grat zum Risser Falk – nicht mehr los.

Sequenz Schlüsselstelle 4 – man achte auf die Tritte

Die Reifung die Tour zum Kleinen Falk und die Gratüberschreitung zum Risser Falk im neu auserkorenen Arbeitsgebiet des Autors zu unternehmen dauerte keine Woche – sie mußte unbedingt kurz nach der tollen Tour auf den Risser Falk begangen werden; das nachstehende Foto ist von dieser schönen und eher leichten Tour entlehnt und grundsätzliche Details über Hinterriß, das Falkenkar und dem Abstieg vom Risser Falk können auf diesem Link nachgelesen werden.

Kleiner Falk und Grat zum Risser Falk von Hinterriß aus gesehen

Dieser Beitrag behandelt den Aufstieg zum Kleinen Falk, die Gratüberschreitung zum Risser Falk und nur übersichtshalber einige Hinweise zum Abstieg über die Grüne-Rinn-Scharte und das Falkenkar.

Kleiner Falk vom Parkplatz P4 aus gesehen – die Aufstiegsroute direkt einzusehen

Der schöne und lohnende Gratübergang wird mit einem etwas abenteuerlichen Aufstieg in kniehohem Gras über steiles und wegloses Gelände eingekauft, in dem auch Intuition nötig ist, der Falkenstuhl wird aber jedenfalls gefunden. Ausweichen und Umgehen von morschen Baumriesen aus Windbruch ist weiter oben im lichten Wald ein schweißtreibendes Unternehmen und Scharen von Bremsen unterstützen im schwülen Hochsommer die Abwehr des Berges Klettertouristen zu empfangen.

Aufstieg im lichten Wald in knietiefem Gras

Die Redewendung der Lateiner „per aspera ad astra“ hat am Gipfel des Kleinen Falk seine uneingeschränkte Gültigkeit.

typisches Aufstiegsgelände zum Falkenstuhl

Umso mehr schätzt der Pflanzenfreund unter den Bergsteigern die Vielfalt und Dichte an Alpenblumen am Kreuzgipfel des Kleinen Falk – von der Orchidee bis zum Edelweiß darf er auf Wohnzimmerfläche in etwa 2.070m Höhe ein halbes Dutzend Arten schauen.

Rückblick unterer Teil

Vom Ausgangspunkt für Touren aus dem Norden in die Falkengruppe, dem Parkplatz P4 der Mautstraße, wird die Rißbachbrücke überquert, die gleichzeitig den Zugang zum Johannestal und der Falkenhütte darstellt.

zwischendurch erfreut der Blick zur Birkkarspitze

Noch in der Ebene am südlichen Ufer, etwa 200m am Weg nach dem Überschreiten der Brücke, wird vom Schotterweg in den Wald abgebogen und wiederum nach kaum 100m die sofort ansteigende Böschung des Waldes erreicht. Über hohes Gras wird nun in teilweise von Forstarbeiten geprägtem Gelände intuitiv aufgestiegen. Nach etwa 150Hm wird eine Geländestufe erreicht, die recht flach den nächsten, langen und steilen Abschnitt einleitet.

Gelände vor dem Falkenstuhl

Fehl kann kaum angestiegen werden, denn zur Linken ist das Aufstiegsgelände mit wenig einladenden Schrofen durchzogen und zur Rechten würde man sofort an der Felsgestalt des Kleinen Falk erkennen, daß man zu weit in Richtung der Falkenstuhlrinne geraten ist. Auch bildet sich weiter oben eine Art Verschneidungsbuckel aus, dessen Höhe von der aufgehenden Sonne von den dünkleren Waldpartien westlich davon geschieden wird. Diesem Verschneidungsbuckel folgten wir bis er oben in der Nähe des Falkenstuhles verschwand.

Forsttätigkeit am Falkenstuhl

Zu unserer Überraschung gab es am Falkenstuhl vor Jahren – wenn man sich die Schnittflächen der Bäume ansieht – jede Menge Forsttätigkeit und die Frage wohin das Schnittgut abgeführt worden ist blieb offen. Mit dem Wissen des Geländes am Ende des Weges zum Unteren Falkenkar aus der Begehung der letzten Woche konnte der Autor allerdings vermuten, daß der Abtransport dorthin stattfand.

Falkenstuhl gen Norden

Mittels Seilbahn könnte es jedenfalls dorthin abtransportiert worden sein; kein unbedeutendes Unternehmen von oben aus betrachtet, denn einen Weg gibt es auf den Falkenstuhl nicht.

Hirschbad am Falkenstuhl

Das etwas sumpfige Plateau des Falkenstuhles auf 1.500m scheint anhand der massenhaften Tierspuren ein wahres Wellnessgebiet für das Wild zu sein, gibt es doch dort zwei große mit Wasser gefüllte Lacken, die dem parasitengeplagten Waldbewohner, sei es Reh oder Rotwild, Abkühlung und Schutz verschafft.

Aufstiegsgelände durch eine bewaldete Steilstufe zu den Schrofen

Nach diesen ersten gut 500Hm ging es zwar etwas anders, nicht im Mindesten aber vegetationsärmer weiter. Eine erste ansteigende Stufe nach dem Falkenstuhl leitete durch eine geschickt gefundene Latschengasse zu einer alten Tanne, auf der nun erstmals eine Wegmarkierung zu sehen war – die Relikte eines Steiges, von woher er auch immer gekommen sein mag (auch die AV-Karte verrät keine alten Details, keine Steigspuren sind dort zu sehen).

plötzliche Markierung nach dem Falkenstuhl

Die Markierung links liegen gelassen und der Latschengasse gefolgt sieht man sich im Nu inmitten von dichten Latschen, die es zu durchqueren gilt. Nach dieser Übung wird eine nächste Gasse mit Steinmandln erreicht, bevor das Gelände beachtlich aufsteilt, sodaß die Stöcke am besten verstaut und die Hände im felsig erdigen Gelände zu Hilfe genommen werden.

bereits wieder eingewachsene Latschengasse im weiteren Aufstieg – oberhalb in den Felsen eine kaum sichtbare rote Markierung

In dieser Art wird der schon von unten sichtbare Kopf in der Nordflanke des Kleinen Falk erklommen, dessen Oberkante durch glücklicherweise sehr niedrige junge Latschen erreicht wird und an deren Übergang zum Fels ein Steinmandl zum Überlegen über die Fortsetzung der Route zwingt.

Latschengasse oberer Teil vor dem Schrofengelände

Kurzes Erkunden der Lage führt zurück zum Steinmandl, zum Abstieg über etwa vier bis fünf Meter und zur Fortsetzung der Route in einem Trichter, der, unweit oberhalb der nächsten zwei Felsköpfe, sich zur Mulde formt und deren oberes Ende in eine Steilstufe mündet, das am besten mittels echter Felskletterei an der linken Flanke bezwungen wird. Die Stelle befindet sich etwa auf 1.700m.

Aufstiegsgelände mit Engstelle oben (im Schatten)

Nach der engen Steilstelle weitet sich das Gelände karartig und die Latschen stellen kein solches Hindernis mehr dar, daß die richtige Gasse erwischt werden müßte.

Engstelle am oberen Ende der Schuttreisen – linksseitige Umgehung leichter

Steil und mühsam geht es im Schrofengelände aufwärts. Wir steuerten zwei Felsköpfe an, die durch eine Öffnung zur Pforte unterbrochen wurden, einem Eingang gleich.

der Autor beim Umgehen der Engstelle

Hinter dieser Stelle folgten wir dem beachtlich steilen Gelände westlich bis zur Unterkante der Felslinie nahe dem Gipfelbereich und kreuzten unterhalb der Felsen östlich zu einer eher flacheren Stelle, die zu einer schräg nach oben ziehenden Rinne führte.

den Durchschlupf oberhalb haben wir genommen, danach rechts und wieder links unter die Felsen

Das Gelände talseitig der Rinne ist recht angenehm zu begehen – Wiesenflecken durchziehen die Schrofen in recht festem Gelände.

talseitig entlang der schrägen Rinne aufwärts

Der Rinne, die bald im Felsgelände auftaucht folgten wir an ihrer Flanke in südöstliche Richtung und sie führte direkt zum Kreuzgipfel des Kleinen Falk auf etwa 2.070m.

Kreuzgipfel Kleiner Falk, 2.190m (diese Stelle mit etwa 2.070m allerdings niedriger)

Das Überbleibsel aus glanzvolleren Tagen des Kreuzgipfels besteht aus einer abgebrochenen verwitterten Gipfelstange, noch am Sockel befestigt und inmitten des umgebenden Steinmandls das die Gipfelbuchkasette birgt. Das Gipfelbuch, in etwa in DIN A5 Größe, ist schön anzuschauen, gleich vier Jahrzehnte lang hat man sich bis heute darin verewigt und die letzten Seiten sind noch nicht erreicht. Wie in allen alten Gipfelbüchern üblich verwendete man in der Jugend des Buches einen Bleistift – ein Schreibgerät, das immer funktioniert im Gegensatz zum Kuli.

eine Freude die Blumenpracht

Wie schon anhand der Vegetation erwähnt wohnt diesem Platz eine eigenartig erlesene Stimmung inne, die zum Verweilen einlädt. Bezeichnende aber seltene Alpenblumen, die anderswo vergeblich gesucht werden, fühlen sich dort zu Dutzenden heimisch und der Blick gen die gewaltige Mauer im Süden sowie der hoch aufragende Grat zum Risser Falk, bildet eine kolossale steinerne Umrahmung des kultigen Platzes.

Kohlröschen – eine Orchidee

Die Vorhersagen der Wetterentwicklung zwangen uns nur allzu schnell den wirklich verdienten Platz gleich wieder zu verlassen. Zwar war die Hauptwetterrichtung im Westen von kaum getrübter Wolkenpräsenz, jedoch schien das Geschehen im Osten stattzufinden. Über dem Rofan und von Nordosten türmten sich zwar zunächst nur moderate, jedoch beständig wachsende dunkle Wolken in die Höhe. Unsere Einschätzung, das kann vorweg genommen werden, war richtig, wir setzten zur Überschreitung an, auf der im Ernstfall es keine echten Deckungsmöglichkeiten gäbe.

Grat zum Risser Falk – zweiter, höherer Teil vom Kleinen Falk aus

Zunächst folgt der Grat dem Aufstieg auf den geodätisch echten Gipfel des Kleinen Falk auf 2.190m. Dieser Teil ist in etwa zehn Minuten zu begehen, nicht ausgesetzt und erfordert kaum Kletterfähigkeit. Ein Steinmandl ziert das Gipfelplateau.

Kleiner Falk, geodätischer Gipfel 2.190m

Im Anschluß zum Kleinen Falk folgt ein Gratstück mit zwei drei leichten Felsköpfen zu denen man etwas absteigen muß.

Simon am Kleinen Falk, 2.190m

In der Folge steilt dann erstmalig ein etwas rassigerer Kopf auf, der in direkter Kletterei im wunderbar festen Fels begangen wird und dessen jenseitige Verbindung zum Hauptmassiv zurück mit einer netten schmalen Gratpassage zum Balancieren belohnt wird.

die Gratköpfe im Übergang vom niedrigen Teil des Grates zum hohen Teil – der rechte Gratkopf stellt eine erste schärfere Kletterei dar

Der Gratverlauf leitet nun in den zweiten, hohen Teil der Überschreitung über und wartet zunächst mit einer steilen Gratstufe auf höheres Niveau auf.

Simon im schmalen Übergang

Die bisher moderaten Kletterschwierigkeiten – etwa bis II – bleiben im Wesentlichen erhalten, aber es gibt in diesen Teil der Überschreitung Passagen (nur kurze Stellen), die mit III zu bewerten sind.

Aufschwung zum hohen Teil des Grates

Allerdings sind diese Stellen meist nur auf die jenseitige Fortführung des Gratverlaufes nach Schärtchen beschränkt, die natürlich aufsteilen und ein klein wenig mehr Anspruch an die Kletterkünste erheben – wie gesagt aber nur kurze Stellen und wir empfanden die durchgehende Bewertung des AV-Führers (Klier, 1996) mit Gesamtbewertung III als leicht überzogen.

direkt am Grat im zweiten Teil – teilweise etwas ausgesetzte Passagen

Der vorletzte und der letzte Aufschwung auf den Gratkopf beginnen mit einer Passage nach dem Schärtchen, der mit III bewertet werden kann. In beiden Fällen ist der jenseitige Verlauf sehr steil.

gut erkennbar der erste schärfere Gratkopf in der linken Bildhälfte vom Rückblick

Beim Anstieg zum letzten Gratkopf leitet eine absolut feste aber griffarme Wand leicht nach rechts (westlich) auf eine leichtere Plateaufläche und hierbei muß man für einen einzigen Zug mit etwas ausgedrehtem Oberköper das Gleichgewicht halten. Wie gesagt, sehr kurz und für den geübten Gratgeher nichts Schwieriges.

Simon oberhalb der Stelle die mit verdrehtem Oberkörper schräg nach rechts oben begangen wird

Die letzte Erhebung am direkten Grat leitet auf der Rückseite – nach dem zweiten ihrer beiden Kamelbuckel – an einen sonderbar westlich stehenden Felszacken hinaus, der zunächst – ob seiner seitlichen Position –  nicht zum Gratverlauf zu gehören scheint.

weiter im Gehgelände

Klar wird die Situation dann, wenn man den sich den direkten Gratverlauf ansieht, der plötzlich nicht mehr vorhanden zu sein scheint.

vor dem letzten und höchsten Grataufschwung

Dort wo er seinen Verlauf hätte stürzt eine plötzlich auftauchende tiefe Schlucht gähnend in das Falkenkar hinab, die beim ersten Anblick zunächst zurückschrecken läßt. Deshalb der seitlich stehende Gratturm.

die beiden Kamelbuckel der höchsten Graterhebung voraus – teilweise gibt es am Grat wenig notwendige Steinmandln

Wir wechselten westlich hinüber und erstiegen den Turm auf logischem Weg durch den breiten schuttigen Einschnitt der Nordseite und stiegen auf seiner Westseite bis zu einem Felsabbruch auf der Südseite ab (mehr Bilder in der Galerie).

Situation nach dem zweiten Kamelbuckel – der Grat spaltet sich in einen ostseitigen, nicht zu begehenden Teil und einen westseitig stehenden Gratturm, auf dem die Route weiterführt; mittig die schauerliche Rinnenschlucht ins Falkenkar

Von dort konnten wir etwa zwei Meter unterhalb ein breites Felsband erkennen, das um die Südseite herum auf die Ostseite führt und den weiteren Verlauf des Abstieges beschreibt.

dahinter geht es westseitig steil hinunter auf ein schmales Gesimse – dort wo Simons linker Fuß ruht befindet sich die beschriebene Griffleiste zum Ablassen auf das erkennbare breite Band darunter

Wie bisher bestanden auch diese Steilstellen am Gratturm aus absolut festem Fels und daher war es uns ein Leichtes mit guten Griffen für die Hände die glatte Felswand, die ohne Tritte ausgestattet ist, mit den auf ihr abrutschenden Schuhspitzen bis zum Band hinab zu gleiten.

die Stelle im Rückblick mit der Griffleiste im untersten Bilddrittel

Das Ganze erfolgt schräg, d. h. man greift mit beiden Händen in die feste Leiste an der oberen Wandkante und läßt sich pendelnd nach unten wobei die Arme das gesamte Körpergewicht halten und läßt die Griffe bei durchgestrecktem Körper los (ein wenig sympathischer Zug, den jeder Kletter kennt und ungerne ausführt). Klettertechnisch keineswegs korrekt, die Schwindelei aber über die kurze Distanz von etwas mehr als zwei Metern mit den bombenfesten Griffen an der kurzen Wand jedoch allemal vertretbar und sicher.

Rückblick auf das Band – hinten ist es komfortabel breit

Am zuerst breiten Band unten wendet sich die Route nun direkt nach Osten und dabei wird das Band schmaler, jedoch immer noch so, daß die Passage in die leichtere begrünte, sowie tritt- und griffreiche Ostflanke zum Abstieg in die Scharte gut möglich ist – leichtes Klettergelände über wenige Meter im steilen Schrofenfels mit einwandfreien Griffen und Tritten.

das schmaler werdende Band – Simon ist schon darüber hinweg und am Weg in die ostseitigen Schrofen

Der Autor hat seinen Kletterpartner Simon beim Abstieg fotografiert und jener hat dasselbe dann im Gegenzug von der Scharte aus bei allen wichtigen Positionen beim Abstieg des Autors durchgeführt. Für alle, die sich diese vielleicht schwierigste aller Passagen ansehen wollen  gibt es die Detailfotos in der Galerie (Bilder benannt mit „Sequenz Schlüsselstelle 1 bis 16“).

ostseitig gelegener Riß im Schrofengelände zum Abklettern in die Scharte

Die Schwierigkeit dieser abwechslungsreichen Passage am Gratturm bis zum Abstieg in die Scharte stuft der Autor in Summe mit II+ ein. Oberhalb der Wandstelle befinden sich eine Bandschlinge und ein alter Haken (siehe Bild oben) als Abstiegshilfe über die glatte Wand. Diese technische Hilfe ist jedoch für den versierten Gratkletterer wirklich nicht nötig.

Simon bereits fast unten im Schrofengelände

Für die Stelle der glatten Wand ohne Trittmöglichkeit mögen kleine Personen, die u. U. auch mit ausgestreckten Armen nicht die Reichhöhe haben das Band mit wenig Luft zwischen den Schuhen und der Standfläche zu erreichen und oben schon los lassen müssen, bevor sie unten stehen, schwieriger einstufen.

dieser breite Tritt gleicht einer kleinen Wanne, reicht für beiden Füße und wird zum leichteren Passieren der Engstelle am Band benutzt, um in den ostseitigen Riss bzw. Schrofen zu gelangen

Ein Größenvergleich mag hier die Höhe der Wandstufe verdeutlichen. Die Stelle ist in wenigen Minuten abgeklettert und die Scharte erreicht.

Sequenz Schlüsselstelle 1 – man achte auf die Tritte

Der letzte kurze Abschnitt von etwa 20min bis zum Gipfel (die Angabe der Gesamtzeit für die Überschreitung von drei Stunden im AV-Führer ist nach Ansicht des Autors viel zu lange bemessen) findet in der Nordflanke des Risser Falk statt und ein einziger Gratturm, der im Anblick von Norden nach Süden nicht als solcher erkannt wird, bietet nochmals ein paar schöne Kletterstellen und einen abwechslungsreichen Verlauf über eine Minischlucht, um die Scharte zur Nordflanke zu erreichen.

Anblick der Gegenseite vom schmalen Band aus – daß es sich um einen vorgelagerten Turm handelt ist nicht erkennbar

Nach kurzem Gehgelände am breiten Grat wird in eine immer steiler werdende Wand eingestiegen, die jedoch gut griffig nach oben leitet.

steile und feste Passage im mittleren Teil

Hier ist eine Stelle drin, die mit III bewertet werden könnte, jedoch kaum auffällt. An der steilsten Stelle bestand die Entscheidungsmöglichkeit einen senkrechten Riss mit wenig Aussicht auf Haltemöglichkeiten rechts, oder einen kleinen Felszacken mit uneinsehbarer Hinterseite zu wählen und wir entschieden uns für die Route links.

dahinter leichter einige Meter weiter

Die Hinterseite erwies sich leichter als der vorderseitige Aufstieg. Sie leitet auf die Grathöhe des nicht erkannten Gratturmes.

alternative Minischlucht westseitig

Dort hat man die Möglichkeit eine steile, unten wenig bis nicht einsehbare Wand zur letzten Scharte abzusteigen, oder von der Grathöhe westlich etwa drei Meter abzusteigen und über eine Minischlucht schräg zur Scharte zu übersetzen.

Gegenseite der Scharte – unser Aufstieg nach dem Übertritt

Wir entschieden uns für die zweite Variante, weil sie voll einsichtig schöner erschien. Tipp für jenen, der die Minischlucht nicht mag: im Rückblick konnten wir erkennen, daß der direkte Abstieg auch gut gangbar gewesen wäre.

Simon beim Übersetzen, kurz vor der Scharte, hinter ihm die Mini-Schlucht

Jenseits dieses letzten Turmes – der eigentlich schon auf der Flanke des Gipfels steht und kein Gratturm mehr ist – führt leichtes Klettergelände in etwas mehr als 5min zum Gipfel des Risser Falk und die wirklich schöne Gratstrecke ist abgeschlossen.

nach der letzten Scharte nochmals leicht ausgesetzt aus der Flanke…

Zunächst wird nach der Scharte leicht in die ostseitige Flanke des Gipfelaufbaues ausgewichen und nach wenigen Metern wieder auf die Grathöhe zurückgeklettert und dem Gipfel entgegen gestiegen.

leichtes Klettergelände am Ende auf den Risser Falk

Wir haben aufgrund der Wetterprognose am Grat eher Gas gegeben und für die Strecke vom Kleinen Falk zum Risser Falk 85min benötigt. Das ist sicher keine Richtzeit für eine Erstbegehung, aber die drei Stunden im Führer empfinden wir als auch nicht nötig; zwei bis zweieinhalb Stunden sollte man je nach Kondition und Fotopausen einplanen.

Übersicht über die Gratüberschreitung vom Kleinen Falk bis zum Risser Falk

Der Ausblick auf dem Risser Falk ist phänomenal, er war bei unserer Begehung leider durch Nebel und Wolken getrübt und wer Bilder mit den einzelnen zu bestaunenden Gipfeln sehen möchte findet diese – nebst Beschreibung und auch die Beschreibung des Anstieges zum Risser Falk vom Falkenkar –  im eingangs zu vorliegendem Bericht gesetzten Link.

Rast am Risser Falk

Im Abstieg durften wir dann noch eine seltene Begegnung mit einer Gruppe Jungsteinböcken erleben. Dies just vor der engsten Gratschneide, auf die wir die Gruppe leider aus Mangel an Alternativen mit äußerster Vorsicht und mit dem Versuch der Lautlosigkeit hintreiben mußten.

bereits im Abstieg zur Grünen-Rinn-Scharte

Die Gruppe bestand aus etwa fünf Tieren, wobei uns vorkam, daß das älteste etwa vier bis fünf Jahre alt sein müßte und das jüngste ein Jährling war.

aber auch die anderen in einer Mischung voller Angst und Neugierde

Das Jüngste ergriff auch rasch die Flucht über den äußerst steilen Grat und die Sicherheit, die bereits ein solch junges Tier im etwa 75° steilen Gelände (nordseitig ins Falkenkar) an den Tag legte war phänomenal anzusehen. In einigen Sekunden erreichte es eine Tiefe von etwa 50m unter uns.

und so stieben sie trotz unserer Vorsicht auseinander und die Felsen hinab

Über die Gratscharte am Hauptgrat und dem dort nötigen 40-50Hm Abstieg erreichten wir die Grüne-Rinn-Scharte (Details im Link oben) und das obere Falkenkar.

Simon in der Grünen-Rinn-Scharte

Das Wiesenband zur Grünen-Rinn-Scharte mag bei Nässe oder Schnee wohlüberlegtes Steigen sein. Das Band wird nach oben zur Rinn hin breiter, hat aber unten schmale Stellen, siehe Rückblick.

Rückblick – vor der Grünen-Rinn-Scharte

Die Rinn selber kann bei Nässe oder Schnee nicht minder prekär werden. Sie ist zwar nicht sehr steil, bietet aber wenig Haltemöglichkeiten.

Abstieg in der Grünen-Rinn

Der im Aufstieg nette Jägersteig durch die Falkenkare erwies sich als etwas rutschig, dennoch aber als tolle Abstiegshilfe durch den Latschengürtel.

Zum Abschluß der Tour erreichten wir das beeindruckende Gelände der Wandstufe zwischen unterem und oberem Falkenkar mit dem schönen Wasserfall.

malerischer Wasserfall am Ende des Steiges durch das Falkenkar

Von dort benötigten wir über den Schotterweg etwa 25min zum Parkplatz P4.

Wasserfall aus dem Falkenkar

Die Gesamtzeit der Tour betrug etwas mehr als sieben Stunden. Zweidreiviertel Stunden zum Kleinen Falk und ein Gipfelaufenthalt am Risser Falk von knapp einer halben Stunde.
In Summe wurden genau 1.500Hm Aufstieg absolviert und die Gesamtstrecke betrug nach Simons Navi-Aufzeichnung 9km.

Mils, 27.07.2019

 

Risser Falk, 2.414m – über Falkenkar mit Überschreitung zum Steinfalk

Wenig bekannt und zumeist nur von Spezialisten begangen sind die rassigen Gipfel der Falkengruppe im Nordosten des Karwendels, und ein Recke in Gestalt und Kühnheit unter ihnen, der Risser Falk, bietet einen unvergesslichen Anstieg aus dem Falkenkar.

Kleiner Falk und Grat zum Risser Falk von Hinterriß aus gesehen

Unglaubliche 170km Autofahrt sind vom Raum Innsbruck aus für diese Tour nötig (Maut 4,50.- für die Hinterrissstraße) und angesichts der Autokennzeichen möchte man meinen sich in Bayern zu befinden und doch befindet sich die Falkengruppe tief auf Tiroler Boden. Einige vereinzelte „SZ“ Fahrzeugkennzeichen lassen darauf schließen, daß die von Süden nur zu Fuß über die Vomperkette zugängliche Berggruppe zum dem Verwaltungsbezirk Schwaz und darin zum Gemeindegebiet von Vomp zugeordnet ist.

Parkplatz P4 gegen Kleiner Falk

Wenn man sich ein Bild von der Lage und Zugänglichkeit der Falkenruppe (dies gilt, mit etwas kürzeren Anreisen aus dem Osten und Süden, ebenso auch für die Gamsjochgruppe) machen möchte, dann seien folgende Möglichkeiten erwähnt, die in ihren Dimensionen ein untrüglich Zeugnis der Mächtigkeit der sperrenden Karwendelketten geben:
Wollte man eine Begehung der Falkengruppe vom Inntal aus begehen, so bräuchte man allein für die Anreise vom Süden, vom Parkplatz Bärenrast (Fiecht, Ortsteil von Vomp) zum Ausgangspunkt – der derzeit wegen Sanierung immer noch geschlossenen Falkenhütte – etwa sieben Stunden für 19km und 1.700Hm, von Hall aus über die Halltal- und Karwendelhauptkette etwa 13 Stunden für 32km und 3.450Hm. An einen Zugang von Süden her ist also nur mit Übernachtung zu denken.

Vom Westen her, von Scharnitz aus – hier könnte das Radl dienen – sieht es wesentlich besser aus, hier gibt es eine durchgehende Straße für die Radlfahrt, die in etwa vier Stunden bezwungen werden kann und mit 27km und 1.330Hm pro Weg für den konditionsstarken Fahrer in Kombination einer mittellangen Begehung in der Falkengruppe noch im Bereich einer Tagestour läge. Vom Osten bietet sich die auch schon nicht mehr kurze Autofahrt ins Falzthurntal bis in die Gramei an. Von dort besteht dann die streckenmäßig kürzeste Anreise von fünfeinhalb Stunden mit 14km und 1.380Hm, die großteils der Anreise von Fiecht entspricht und allerdings wiederum nur zu Fuß zu unternehmen ist sowie für den Normalbergsteiger ebenfalls eine Übernachtung bedingt.

Kleiner Falk mit Aufstiegsgelände links davon

P4 der Hinterrissstraße dient als Ausgangspunkt für die Rundtour mit dem Hauptziel des Risser Falken. Der Risser Falk ist mit 2.414m der zweithöchste Gipfel der Gruppe und nur um 14m niedriger als der Laliderer Falk etwa 1.000m leicht südöstlich davon.

Weg neben dem Rissbach, ca. 650m bis zur Abzweigung

Die Brücke über den Rissbach bildet den einzigen Zugang aus dem Risstal für alle Almen und Hütten im Johannestal (auf alten Wegweisern findet sich die Schreibweise Johannistal), auch für die Zufahrt aus dem Osten zum Karwendelhaus.

obere Abzweigung, links geht es in das Falkenkar

Dem Schotterweg wird zunächst 650m gefolgt, bevor rechts ansteigend abgezweigt wird. Nach wenigen Minuten wird die zweite Abzweigung ins Falkenkar erreicht, die durch einen Hochsitz und der rein optisch weniger benutzten Straße leicht erkenntlich ist.

Weg ins Falkenkar

Abermals nach wenigen Minuten biegt der Weg nach Süden und man erreicht auf 1.128m eine Flachstelle des Falkenkarbaches, die durch Spuren von LKW Befahrung einer Nutzung unterliegt.

am Bachboden zu Beginn des unteren Falkenkars angelangt

Links des Bachlaufes (im Aufstiegssinn; der Bach ist derzeit nicht zu sehen) setzt sich die Straße noch etwa 200m weiter in Richtung Kar fort und dies ist der richtige Anstieg im Gegensatz zum verlockend ausgeschnittenen Pfad rechts des Baches, dem man kurz vor Ankunft bei der Flachstelle geneigt wäre zu folgen (dieser äußerst gepflegte Steig führt in wenigen Minuten zu zwei Ansitzen und dient der hohen Jägerschaft zum schmutzfreien Erreichen Beobachtungsstände und endet dort auf der für den Aufstieg falschen Karseite).

dies ist der falsche Steig!

Am Ende des genutzten Weges, oder etwas weiter bergwärts muß sich der Anschluß an  einen Jägersteig finden lassen. Leider gibt es davon nur ein Foto vom Rückblick auf dem Steig, der der Autor nach Querung des Karbodens in der Höhe der ersten Felsabbrüche erreicht hat, weil er den falschen Pfad zu den Ansitzen gewählt hat und den Karboden queren mußte.

über den falschen Steig am Ansitz angelangt; auf der linken Talseite, etwa oberhalb der Höhle verläuft der Steig ins Falkenkar

Da der Aufstieg in der schattigen Nordseite der Falkengruppe verläuft ist selbst Mitte Juli des Morgens mit Tau auf dem hohen Gras zu rechnen und dies – nebst den Schneefeldern im obersten Karteil – ist ein Grund warum am Berg stets ordentlichen Bergschuhen gegenüber den lustigen Bergläuferpatschln (sog. Zustiegsschuhe) der Vorzug zu geben ist.

Steig gefunden – Aufstieg entlang der Felslinie

Den Steig erlebt man zusehends als ein Gustostück an Aufstiegshilfe, ist er doch interessant angelegt, kein ausgetretener Trampelpfad sondern eher ein recht selektiver schmaler Pfad durch eine total unberührte und großartige Zunternlandschaft. An dieser Stelle muß ein großes Lob an die Errichter – wahrscheinlich, wie so häufig in diesem Gebirge, Jagdgehilfen eines Adeligen Ende des 19. Jhdts – sowie an die heutigen Erhalter erteilt werden.

Rückblick auf den beginnenden Steig in der Schuttflanke mit Fahrstraße unterhalb

Wasser gibt es an mehreren Stellen, erstmals auf etwa 1.400m links neben dem Steig durch etwa 100m Zunterngebüsch, jedoch bequemer etwa 150Hm weiter oben als Quelle direkt am Weg (siehe Bildergalerie) und es lohnt sich diese Möglichkeiten zu nutzen.

Ansicht des Aufstieges in den Zuntern

Am Übergang des unteren in das obere Falkenkar – etwa auf 1.700m – wird der Zunternbewuchs deutlich aufgelockerter und weicht den Bergwiesen. Selbst dort wo der Aufstieg leicht zu finden wäre gibt es noch jede Menge Steinmandln, die wahrscheinlich eher von Bergsteigern errichtet wurden.

Rückblick am Beginn des oberen Falkenkares

Die Schuttreisen im oberen Falkenkar waren bei der Begehung Mitte Juli noch von beachtlich mächtigen Restschneefeldern bedeckt, welche den Aufstieg an deren Übergang zum Geröll etwas erleichterten.

im oberen Falkenkar

An der Engstelle des Kars tut man gut daran sich eher im linken Teil zu bewegen, die Brocken im Altschnee zeugen auf nicht unbeachtlichen Steinschlag über die rechte Flanke herab und einig kleinere Brocken donnerten auch bei des Autors Begehung herab.

Verlauf des oberen Falkenkars

Die Engstelle – etwa 50m Breite – befand sich unter völliger Schneebedeckung über die gesamte Breite. Auf der linken Begrenzung hätte man das Schneefeld über allerdings sehr abgerundeten, wenig griffigen und nassen Fels einen Kletteraufstieg eintauschen können, die selbst geschlagenen Stufen in den noch erstaunlich festen Schnee waren jedoch vorzuziehen.

Blick zur Engstelle im oberen Falkenkar

Die Strecke ist zwar eher steil, jedoch kurz und für den sicheren Steiger wären Grödel nicht von nennenswertem Vorteil gewesen (allerdings ist es gut vorstellbar, daß dieser Anstieg noch drei Wochen zuvor Steighilfen erfordert hätte und man denke zu Beginn des Sommers nach einem guten Winter daran, daß es sich beim Falkenkar um einen Nordaufstieg handelt).

Rückblick unterhalb der Engstelle

Im obersten Karabschnitt – die dunklen und senkrechten umrahmenden Felsen vor und in der Engstelle hinterlassen beim Ersteiger mächtig Eindruck – kam gegen 10:20 Uhr durch Sonnenbeleuchtung Aufhellung hernieder und gepaart mit der Aufweitung des Karkessels erfuhr der mühsame weitere Aufstieg über die Schuttreise plötzlich eine angenehme Freundlichkeit.

Aussicht auf die Grüne-Rinn

Angepeilt wird die markant sichtbare „Grüne-Rinn-Scharte“ im Westen des Karkessels mit ihrer ebenso markanten Schichtbauweise der durch Überschiebung entstandenen aufgestellten Kalkbänke.

Rückblick oberhalb der Engstelle

Die Grüne-Rinn selbst ist leicht zu ersteigen, wenn auch die Stöcke besser verstaut werden und wegen der Steilheit dann und wann die Hände zur Unterstützung zum Einsatz kommen.

Anstieg über Schuttflanken zur Grünen Rinn

Wegen dem Kollegen (übrigens der einzige angetroffene Bergsteiger an diesem Tag), der vor dem Schneefeld an der Engstelle überholt wurde, beeilte sich der Autor die Scharte zu erreichen, da er in der Rinne keinen Steinschlag erzeugen wollte. Deckungsmöglichkeiten sind in der Rinne nicht richtig vorhanden.

mitten in der Grünen Rinn

Über die Scharte hinausgeblickt bestätigt sich das sonderbare Gefühl ob der noch bei weitem nicht erreichten Höhe in der Beschreibung und man ist etwas verblüfft über die Bedeutung dieser Scharte in der AV-Karte, ist sie doch keine Scharte im Sinne eines Festpunktes für einen weiteren direkten Gipfelanstieg. Leider fehlt auch die Sicht auf das weitere Ziel und die Fortführung der Route muß erst erkannt werden.

Grüne-Rinn-Scharte mit Blick auf die andere Seite oben (gelbe Reepschnurschlinge um Felszacke schwer erkennbar – etwa Bildmitte

Hinter der Scharte wird zunächst einmal etwa 10Hm über ein Wiesenband abgestiegen (gelbe Reepschnurschlinge um ein Felsköpfchen markiert die Abstiegsrampe), bevor es jenseits davon in den Aufstieg zur nächsten, höhere und noch nicht sichtbaren Scharte weitergeht, die den direkten Aufstieg zum Risser Falken einleitet.

Rückblick auf die Querung mit Abstieg nach der Grünen-Rinn-Scharte (sieht schlimmer aus als es tatsächlich ist)

Der Aufstieg zur Scharte zum Risser Falk nach dem Übergang dürfte in etwa 50Hm betragen und liegt in der Draufsicht sehr nahe an der Grüne-Rinn-Scharte. Daher ist es auch recht schwierig in dem gebotenen Maßstab der AV-Karte die richtige Position darzustellen, genauso wie der Ersteiger erst nach eigenem optischem Eindruck der – zum Zwecke der Richtigstellung verfassten – Beschreibung im AV-Führer (Klier, 1996) einigermaßen folgen kann.

auf dem Weg nach oben zur nächsten Scharte nach der Grünen-Rinn-Scharte

Allerdings sei festgehalten, daß das Gelände in dem Bereich der beiden höchsten Falken in der Karte generell falsch, jedoch der weitere Anstieg von der Scharte im Kammverlauf auf den Risser Falk logisch ist und man sich keinesfalls versteigen kann, auch wenn man Karte und Führer nicht versteht bevor man das Gelände selbst erkundet hat.

Blick von der Verbindungsscharte hinab zum Aufstieg

Nun beginnt der Aufstieg mit Einlagen leichter Kletterei in nordwestliche Richtung auf den Risser Falk. Dem Autor ist es unverständlich warum dieser Gipfel zu Zeiten H. v. Barths als unersteiglich galt, sind die Kletterpassagen doch im Schwierigkeitsgrad II anzusiedeln und die möglichen Aufstiege über Falkenkar und vom Steinfalk her dem versierten Hermann sicher kein Geheimnis geblieben.

auf der Verbindungsscharte zum Risser Falk angelangt – Blick auf die Südostflanke

Warum also eröffnete er den schwierigen Anstieg über den nach ihm benannten Kamin auf der Südflanke, wenn es direkt an der Südostkante vorwiegend im Gehgelände möglich ist. Die Erklärung kann nur sein, daß es zu jener Zeit noch niemand ernsthaft probiert hat und angesichts des leichten Südostanstiegs auch sein offensichtlich gewählter Anstieg über einen sichtbaren Kamin (den der Autor beim besten Willen nicht ausmachen konnte) ein völliger Irrtum war.

rechts Scharte mit Übergang auf die rechte Gratseite

Nach der Scharte wird die Westflanke zu einem Steinmandl etwa auf gleicher Höhe gequert und jenseits davon, über ein paar kleine Rippen auf ein Schuttband zugestiegen, das in ein Wiesenband übergeht und zur Grathöhe leitet.

Aufstieg nach dem Übertritt und einigen Metern am Band entlang

Die Scharte wird nach rechts überschritten und auf einem schmalen Band, fast ein Steig, zu einer Steilpassage weitergegangen, die direkt durchstiegen wird und oben der Grat in Wiesengelände wieder erreicht wird.

schmales Band nach dem Übertritt

Anschließend folgt schräg nach unten gerichteter plattiger Fels, bei dem man sich nur trauen muß ihn auf Reibung zu nehmen. Alternativ hat er einen Riß, der einem Tritt Halt bietet.

Rampe zur Verschneidung hinab

Die Stelle leitet zu einer Verschneidung über die oben zum Kamin wird mit einem Klemmblock an der oberen Begrenzung. Durch diese schöne Passage wird entweder unter dem Klemmblock durchgestiegen, oder seitlich rechts davon oberhalb vorbei.

breiter Kamin mit Klemmblock oben nach der Verschneidung

Weiter folgt eine schöner Abschnitt am recht flachen und ausgesetzten Grat, mit einer Gehbreite von etwa knapp einem Meter, im ausgesetztestem Teil etwas schräg geneigt, jedoch sicher auf Reibung zu begehen.

unterhalb des Klemmblockes

Am Ende des schmalen Grates hinweg bis zum Abbruch der Grathöhe, der zum Absteigen über etwa drei bis vier Meter in eine Scharte zwingt und in der ein Türmchen rechts umgangen wird. Der weitere Verlauf leitet zum Gipfelaufbau über.

schöne ausgesetzte Schmalstelle

Anschließend an die Scharte wird über flachere glatte Felsen bester Gesteinsqualität zur nächsten Steilpassage aufgestiegen und die Grathöhe nach rechts in wiesendurchzogenes Steilgelände verlassen.

weiterführendes Gratstück mit erkennbarer Scharte links unten

Durch dieses hinauf in die echte Ostflanke des Risser Falk und oben flacher, in leichtem Gehgelände weiter bis zu einem mit Almrosen durchsetzten Rinne mit Steinmandl oben (möglicherweise kann man die Rinne auch rechts umgehen, beim Autor stand jedoch der Klettergedanke im Vordergrund).

Aufstieg jenseits der Scharte über festen, plattigen Fels und oben schräg nach rechts weiter

Am oberen Ende über weitgehend reines Gehgelände am flacheren Gratkamm in etwa 5min bis zum Gipfel.

nächste Kletterstelle – blumenbewachsene Rinne mit Steinmann oben

Der schöne und weithin sichtbare Risser Falk Gipfel entbehrt leider eines Gipfelkreuzes. Ein Gipfelsteinmann stellt die Verwahrung des Gipfelbuches sicher und die Häufigkeit der Besuche des Risser Falks kann an den jährlich etwa fünf Seiten Einträge in das Gipfelbuch abgeschätzt werden. Das Buch stammt aus dem Jahr 1983 und enthält wohl noch Raum für Einträge der nächsten 20 Jahre.

Gipfel des Risser Falk, 2.414m

Zum Zwecke des „recogniscirens“ verbrachte der Autor eine gute Stunde in diesem ihm neuen Teil des Karwendels. Ein lohnende rassige Überschreitungstour, die sofort ins Auge fällt fährt man nach Hinterriß ein scheint die Ersteigung des Kleinen Falk und die Überschreitung auf den Risser Falk. Dieser Übergang dürfte einer der schönsten in der Falkengruppe sein und fällt unter unbedingtes Interesse noch in diesem Sommer.

Gratverlauf Kleiner Falk bis Risser Falk

Gewaltig steht dem Risser Falk im Süden die Mauer aus den höchsten Gipfeln der Karwendelhauptkette gegenüber.

Blick auf die Ladizalm (links Falkenhütte)

Hier ein Blick auf das Gelände der Ladizalm mit den schauerlichen Nordabbrüchen der Karwendelhauptkette – es beherrschen das Bild die Sonnenspitzen und die Kaltwasserkarspitze.

Im Osten des Karwendels thronen Bettlerkarspitze, Schaufelspitze und Sonnjoch (letztere verdeckt durch den Laliderer Falk).

Gipfelaussicht nach Osten – von Guffert über das Rofan bis zur Bettlerkarspitze

Im Südosten kann rechts der runden Schulter der Gamsjochspitze in der Ferne sogar noch der 11,5km entfernte Hochnissl eingesehen werden.

Schaufelspitze im Hintergrund, Laliderer Falk und Gamsjoch bis Lamsenspitze

Über Lamsenspitze, Hochglück und der wenig bekannten und schwer zu erreichenden Spritzkarspitze über die Grubenkarspitze zur auffälligen Dreizinkenspitze und den Laliderer Wänden reicht der Blick.

von Hochglück bis zur Dreizinkenspitze

Im Süden ragt die bekannteste aller Gipfel mit der längsten zusammenhängenden senkrechten Wandflucht in den Nördlichen Kalkalpen auf, die Lalidererspitze, exakt über dem Ladizköpfl tief unterhalb in der Ladizalm gelegen.

im mittleren Bilddrittel die Lalidererspitze, der östliche und westliche Ladizturm (links neben dem dem östlichen L. lugt die Speckkarspitze hervor) sowie rechts davon die gewaltige Bockkarspitze; weiter rechts die Sonnenspitzen, sowie westlich davon die Kühkar- und die Moserkarspitze

Es folgen jeweils links und rechts der Ladizalm die Bockkarspitze, die mächtigen Sonnenspitzen, sowie weiter westlich die Kühkar-, die Moserkar- und die Rauhkarlspitze. Zwischen all den eindrucksvollen Gipfeln dringen immer wieder die Gipfel der Gleirsch-Halltalkette durch und es wird dem Autor ab nun ein leichtes sein, von jenen im Süden den Risser Falk im Norden auszumachen.

Rauhkarlspitze und gleich rechts daneben die Kaltwasserkarspitze, sowie die Birkköpfe im Hintergrund, die Birkkarspitze, die Ödkarspitzen, Seekar-, Breitgrießkar- Riedlkar-, Larchetkar- und zuletzt die Pleisenspitze;
die Arnspitzen (dunkler Turm in der Ferne) und die beginnende Nördliche Karwendelkette

Recht genau mit Peilung Südwest findet sich die gewaltige Kaltwasserkarspitze und links davon lugt sogar noch der höchste der Sägezähne in ihrem Südgrat hervor.
Nach der Kaltwasserkarspitze in Richtung Westen erspäht man bei guter Sicht in der Senke zwischen dem Pkt. 2.552 und dem Hochjöchl (2.413m) den Hohen Gleirsch mit 14,2km Entfernung bevor die Birkköpfe im langen Südgrat der mächtigen Birkkarspitze zu jener gewaltigen Erhebung überleiten.

In der Folge werden die Ödkarspitzen, in Verschneidung mit der Marxenkarspitze gerade noch die Große Seekarspitze, niedriger aber dafür gut zu sehen die Kleine Seekarspitze und rechts davon die Breitgrießkarspitze als markanter Punkt mit steilem dunklen Nordabbruch.

Weiter im Westen dann die Große Riedlkarspitze und fast in deren Flucht, Larchetkarspitze und Pleisenspitze.

Den auffallend dunkle abgerundete Turm im Westen stellen die Arnspitzen in ihrer Flucht dar bevor in deren rechten Flanke die Nördliche Karwendelkette mit Brunnstein- und Kirchlspitze beginnt. Dahinter das gewaltige Massiv der Wettersteiner mit der Zugspitze.

Östliche Karwendelspitze, Grabenkarspitze, Lackenkarkopf und Kuhkopf, rechts die Soierngruppe

Dem Risser Falk gegenüber die höchste Erhebung in der Nördlichen Karwendelkette, die Östliche Karwendelspitze und näher am Grat Grabenkarspitze, Lackenkarkopf und Kuhkopf. Direkt gegenüber die Talelespitze mit dem scharfen Übergang zum Kuhkopf, ein reizvoller Übergang, klettertechnisch nicht sehr anspruchsvoll. Ganz rechts finden sich die Vorkarwendelberge der Soierngruppe.

Gratverlauf über die Köpfe von Norden nach Süden

Da die einzelnen Scharten in der Falkengruppe einer genauen Erkundung bedürfen, die auch durch die Beschreibung im AV-Führer über die falsche Darstellung in der AV-Karte geweckt wurde, beschloss der Autor kurzerhand die Überschreitung zum Steinfalk (Steinspitze, auch Südlicher Falk genannt) fortzusetzen und die Runde über das Johannestal zu schließen.

Blick zum Gegenaufstieg nach der Scharte – der Aufstieg auf den ersten folgenden Kopf aus dieser Perspektive nicht sichtbar

Bei der Betrachtung der beiden im Süden folgenden Köpfen im Übergang kann man sich zuerst kaum eine mögliche Route ausmalen – diese Feststellung trifft man oft in Gratgelände an, da es den Anschein macht, daß ein frontaler Anblick eine senkrechte Wand darstellt, weil das Tiefenrelief fehlt. So ergeht es einem, der erstmalig von der Südostflanke des Risser Falk die beiden zu überwindenden Gratköpfe erblickt.

Scharte mit Gegenaufstieg

Zurück an der Ausgangsscharte wurde der untere Teil des Anstieges gleich klar. Zunächst geht es ein paar Meter auf die steile Ausgangsrampe in nordöstlicher Richtung und dann in der Kehrtwendung nach Süden die eher glatte Felsrutschung hinauf bis zur Verschneidung. An dieser auf schmalem Band nach Westen, also zur Abbruchkante hinaus und von dort mit einer Linkswendung recht bequem und leicht wieder nach Süden über die letzten Meter am Fels auf die Wiesenfläche des Gratkopfes. Es sollte sich bei diesem Kopf um den im AV-Führer benannten Pkt. 2.317 handeln.

Rückblick zur Südostkante des Risser Falk

Von diesem Punkt am Kopf führt die Route weiter zu einem weiteren, etwas höheren Kopf am Grat, wahrscheinlich der Pkt. 2.339 im AV-Führer. Dieser ist eigentlich der Kopf, an dem alle drei Grate auseinanderstreben.

Flanke des nächsten Gratkopfes

Wieder scheint aus der Ferne ein Aufstieg zunächst kaum möglich, aber über den breiten Gratkamm zum Tiefsten der seichten Einschartung angelangt gewinnt der jenseitige Aufstieg gleich an Idee im Kopf und noch bevor die Scharte erreicht ist erkennt man die Route rechts schräg über moderat steilen Fels guter Qualität einem Steinmandl am oberen Ende.

hier wird die Route deutlich

Die Schwierigkeit beider Aufstiege kann wohl mit I bis II- eingestuft werden und es besteht überall fester, nicht brüchiger Fels aus Muschelkalk.

Tiefblick ins Falkenkar

Der Kopf wirkt nur von Norden betrachtet als Kopf, in Wahrheit ist er ein längeres Gratstück, das mit einer schmalen Abbruchkante steil in eine tiefere Scharte abfällt, die im oberen Teil zum Falkenkar hin etwas ausgesetzt ist abgeklettert werden muß.

Gratabstieg in die tiefe Scharte

Das Abklettern erfolgt weitgehend über längsgeschichtete Rippen mit kaum querstehenden Leisten, die am besten mit Klemmung der Tritte gegen die Rippen bewältigt wird. Die Schwierigkeit würde der Autor mit II+ bewerten. Die Abkletterstelle ist kurz, erfordert aber ein wenig Zeit.

Rückblick auf den Gratabstieg mit längsstehenden Felsrippen (etwa im Tiefsten der Scharte abgestiegen)

Am Schutthang angekommen wird ein langes Stück auf recht festem Untergrund, teilweise wiesendurchwachsen gequert, bis die nächste Scharte erreicht ist, zu der noch ein sichtbarer Höhenverlust besteht.

Gratverlauf zum Steinfalk

Es folgt eine Umgehung des Gratkopfes auf dessen Westseite und erstmals wird eine rote Punktmarkierung sichtbar, die bis zum Gipfelkreuz des Steinfalken anhält.

Blausteigkar

In den Wiesen im Westen des Grates geht es nun relativ ohne Höhenverlust weiter bis zu einer markanten, auf den Steinfalk durchgehend hinaufziehenden Felsrippe, die eine unüberwindbar scheinende Barriere zum steilen Wiesenhang bildet. An einer ebenfalls markanten Stelle jedoch zeigt sich eine Unterbrechung der steilen Felswand und dies ist gleichzeitig der Zielpunkt des markierten Steiges auf dem man sich befindet.
Vom Felsdurchschlupf an der Steinfalk Westflanke besteht ein toller Rückblick zum Risser Falk.

Querung auf markiertem Steig – der Ausstieg durch die Felsrippe gut sichtbar

Die Flanke zum Steinfalk ist, wie schon vorher beschrieben, ebenfalls mit ausgebleichten, jedoch dem geübten Auge nicht verborgen, Markierungen versehen. Etwa 140Hm führen über Schutt und Wiesen auf den Steinfalk auf 2.348m.

Ausstieg durch die Felsrippe des Steinfalk

Der Rückblick auf den schönen Kopf des Risser Falken ist hier nochmals einen solchen wert. Auch tritt vom Steinfalk aus der Verlauf des Nordgrates vom Kleinen Falk hinauf näher ins Blickfeld, sowie die sogenannte Sprungrinne, der Normalaufstieg zum Laliderer Falk vom Blausteigkar aus.

Rückblick vom Ausstieg

Die weitere Runde führt nun über den bezeichneten Normalweg in Richtung zur Ladizalm hinab, wobei hier noch die Umgehung der Arzklamm (Arzgraben) erwähnenswert erscheint.

Steinfalk, 2.348m

Diese Klamm wurde aus Gesteinen der Lechtaldecke gebildet (Rauhwacken und Reichenhaller Schichten) und ist unbegehbar.

Blick auf die Gratüberschreitung vom Risser Falk

Der Steig führt unterhalb der Grathöhe  in der Flanke hinab und vor dem Erreichen der tektonischen Grenze der beiden aufeinandertreffenden Gesteinsdecken erfolgt eine Umgehung auf der Stirnfläche des Wettersteinkalks durch Aufstieg zur abgeflachten Grathöhe in nur wenigen Meter Entfernung von furchtbaren Abbrüchen in der enorm gestörten und zerscherter Geologie der Reste der Lechtaldecke. Ein eindrucksvoller Übergang verschiedener Zeitepochen.

Abstieg vom Steinfalk am Normalweg Richtung Ladizalm

An diese wilden Abbrüche anschließend befindet man sich auf eher flachem Almgelände mit dem Steig zur Falkenhütte hinab.

Arzklamm – bizarre Abbrüche

Um Zeit zu sparen beschloß der Autor in der Bachverschneidung direkt zur Ladizalm abzusteigen. Dies ersparte den Umweg im Bogen zur Falkenhütte, die ohnehin geschlossen und daher kein ansteuerbares Ziel für eine Erfrischung in Frage kam.

Almidylle auf der Ladizalm

Nach der Ladizalm blieb der 8,5km lange Fahrweg mit wenigen Abkürzungsmöglichkeiten als Rückweg zum Parkplatz, der in etwa ein dreiviertel Stunden bis zum Parkplatz in Anspruch nahm. Er mag zwar als Hatscher bezeichnet werden, ist aber zum Erreichen eines vollständigen Eindruckes der Falkengruppe notwendig zu Fuß begangen zu werden.

Überschreitung im Rückblick unterhalb der Ladizalm

Auf die Minute pünktlich erreichte der Autor unter den ersten Regentropfen eines sich schnell gebildeten Gewitters dann den Parkplatz P4 wieder.

Risser Falk vom Johannestal aus

Die gesamte Strecke der grandiosen Runde betrug 18,5km (horizontal gemessen) bei 1.700m Aufstieg und einem Zeitbedarf incl. der einstündigen Gipfelpause am Risser Falk von knapp neun Stunden.

Mils, 20.07.2019

Erlspitze Ostgrat, 2.405m

Die wilden Zacken der Grate in der Seefelder Gruppe des Karwendels lassen immer auf ein interessantes Abenteuer hoffen und der eher in Vergessenheit geratene, selten begangene Ostgrat zur Erlspitze  versprach dem Verfasser eine schöne kurze Herbsttour zu werden.

Erlspitze, 2.405m mit Karwendelhauptkette

Der Anstieg erfolgt auf schmalem Steig vom Solsteinhaus wenige Hundert Meter nordöstlich und bereits auf der Höhe der Erlalm links abzweigend bis zu einem Steindenkmal.

Der Ostgrat der Erlspitze

Knapp nach dem Denkmal gabelt sich der Steig wobei laut AV-Führer der oberste abzweigende Steig eingeschlagen wird und diesem etwa 10min gefolgt wird.

bereits auf der Abzweigung – Rückblick zur Erlalm

Er führt in Auf und Ab über ein paar Rippen, die vom Grat herunterziehen und zwischen diesen durch ein paar kleine Schluchten die durch Geröllabgang im Sommer an mancher Stelle den Steig beeinträchtigt haben. Es gibt jedoch derzeit keine unpassierbare oder zweifelhaft gefährliche Stelle.

der obere Steig ist die Empfehlung

Anhand der Karte müßte der untere Steig ebenfalls wieder mit dem oberen zusammentreffen, um die Schluchten bzw. Rinnen zu vermeiden, das gilt es auszuprobieren.

am oberen Steig

Das „Klamml“ (gem. Kartenbezeichnung) bot dem Verfasser eine Miniquelle zum Wasser tanken, jedoch kann auf das Vorhandensein dieses Rinnsals keine Garantie gegeben werden, zu unergiebig scheint sie für eine dauerhafte Quelle zu sein.

die Gratrippe Richtung Jöchl

Sie liegt auch bereits höher als 1.800m und der Karwendelkenner weiß, daß in dieser Lage kaum mehr Quellwasser anzutreffen ist, wobei dies im Hauptdolomit, in dem man sich in der Seefelder Gruppe befindet, wieder anders ist. Der Hauptdolomit mit seinen zahlreichen feinen bis feinsten Klüften dürfte als Wasserleiter und -speicher ideal sein.

Wasser auf gut 1.800m

Nach dieser Stelle (siehe Foto) führt der Steig in kurzen Serpentinen in sehr brüchiger, teilweise nur kieskorngroßer Felsqualität steil zur Grathöhe hinauf. Eine Verwitterungsform des Hauptdolomits besteht in sehr kleinstückigem polygonalem Korn – Grus, wie der Geologe sie nennt. Diese Verwitterungserscheinung begleitet den Bergsteiger über den gesamten Grat.

auf der Gratrippe angelangt, letzter Rückblick Richtung Solsteinhaus

An der Grathöhe angelangt mache man nicht den Fehler des Verfassers und schreite entschlossen dem Steig entlang über die nächste Rippe weiter, sondern blicke sofort nach den ersten Metern in der Bergwiese links auf den sich ausbildenden Ostgrat hinauf.

Der Ostgrat schon ausgeprägter zu sehen

Eine deutliche, sich trichterförmig verengende Latschengasse bildet sich direkt am Gratbuckel aus, der weiter gefolgt wird und die zu einem Vorkopf des schärferen Grates führt.

die Latschengasser mit Rückblick auf die wiesenbewachsene Gratrippe

Der Vorkopf ohne Latschenbestand ist rasch erklommen. Am Weg dorthin öffnet sich ein Blick auf die Fleischbanktürme im Nordwesten der Erlspitze, die am Beginn eines Zweiggrates von der Erlspitze nach Norden zunächst ein wild gezacktes Gratabenteuer bieten. Juergen hat sie besucht und einen Bericht über diesen Anstieg zur Erlspitze verfasst.

Blick nordwestlich auf die Fleischbanktürme

Am obersten Punkt des Vorkopfes blickt man in ein bizarres Felsengewirr mit vielen vertikalen Schichtrippen mit Schuttreisen zwischen den Rippen und fragt sich zunächst, wo denn hier der Einstieg zu finden sein könnte.

Anstieg auf den Vorkopf

Die Rippen hinter dem noch wiesenbewachsenen Vorkopf sehen alles andere als leicht aus, die Bewertung II träfe für sie niemals zu.
Aber der Einstieg will erkundet werden und so schreitet man an einem riesigen Felsenfenster nach Norden zum Ende des Vorkopfes und erkenn, daß zwischen ihm und den jenseitigen Felsen ein unüberwindbarer Felsabbruch liegt.

Rückblick nach Abstieg

Also muß das Glück etwas tiefer liegen – waren die ersten Gedanken – und schätzungsweise 40Hm mußte der Verfasser verschenken, um zu einer schuttgefüllten, sehr steilen Rinne zwischen dem äußersten Flankenteil des Berges und dem Bergstock selber zu gelangen um dort den einzig machbar erscheinenden Aufstieg zu einer hoch liegenden Scharte zu gelangen.

durch diese hohle Gasse muß er kommen…ein mühsamer Aufstieg

Im Verschnaufen vom schweißtreibenden und unangenehmen Aufstieg über Schotter und Erdmatarial auf die bergseitige Flanke des Westgrates geblickt, kann so gut wie keine weitere Route ausgemacht werden. Das Abenteuer durch den komfortablen Riss steil aufzusteigen muß in Angriff genommen werden, um überhaupt zu wissen, ob der Anstieg durch die Rinne richtig war oder nicht.

oben an der Scharte angelangt; der Vorkopf und der Abstieg zum Beginn der Rinne deutlich zu sehen

Zum Glück ist der Hauptdolomit an diesem Einstieg fest und es bieten sich genügend – wenn auch kleine – Griffe und Tritte durch die geheimnisvolle Rinne hinauf (leider ist das Foto dazu unscharf geworden). Die Schwierigkeitsbewertung die im Führer mit II benannt wird ist hier vorhanden, alles andere am Grat ist leichter.

die bergseitige Gegenseite der Scharte

Erleichtert kann oben festgestellt werden, daß es in Gehgelände weitergeht. Die Frage stellt sich nur, ob der Anstieg zum Grat selber richtig ist, oder eine Rampe unterhalb eines auffallend orange gefärbten Felskopfes.

Aufstieg mit Eigenorientierung – orange gefärbter Fels mit Rampe darunter wird sich später als Aufstieg erweisen

Natürlich versucht der Karwendelgeher immer möglichst hoch zu bleiben und entdeckt dabei am Grat einen Durchschlupf unterhalb eines Felsturmes der die Züge eines Basilisken trägt. Ein imposantes Gebilde am Ostgrat.

ein Basilisk auf der Grathöhe, durch das Schärtchen wurde angestiegen

Nach dem Erklimmen des Schärtchens zwischen Basilisk und Felskopf mußte der Verfasser leider feststellen, daß die Hinterseite am Grat im Alleingang nicht gangbar ist, denn die Griff-. Und Trittflächen sind zu sehr abgewittert und von Hauptdolomitgrus bedeckt (Fotos leider unscharf)

die Gegenseite des Schärtchens – ungangbar, zu brüchig

Also bleibt nur der Abstieg durch die Rinne zwischen dem eben erklommenen Gratstück und dem folgenden.
Die Rinne endet just dort, wo die Rampe unter dem farbigen Fels beginnt – das Gefühl hat nicht getäuscht.

nach dem Abstieg zur Rampe erfolgt hier der weitere Aufstieg

Anschließend folgt ein weiterer kleiner Aufschwung, der erstmals kurz abgeklettert werden kann, um jenseits einer Rinne wieder aufzusteigen. Leider ist das kurzzeitige Klettergefühl nur von kleiner Höhe und all die folgenden weiteren Gratrippen sind gleichartig geschichtet.

weiterer Aufstieg zunächst über schroffiges Wiesengelände

Türme können erklommen werden, jedoch führt der Grat nicht auf gleicher Höhe weiter, jede Anhöhe muß an ihrer Hinterseite wenig oder auch tiefer abgeklettert werden und das in recht brüchigem Fels – ein eher mühsames Unterfangen.

Rückblick nach der nächsten Rippe

Gegen Ende des Grates erhebt sich eine letzte hohe Rippe mit einem tollen Blick auf die Erlspitze bei dem der Bau des Berges mit seinen ausgeprägten Rippen und verwitterten Zwischenräumen der Nordflanke deutlich sichtbar wird.

Blick nach Westen zur Erlspitze mit gewaltiger Nordflanke

Leider muß auch diese letzte Rippe südseitig abgeklettert werden – da deren Westflanke sogar einfallend geneigt ist und kein Weiterkommen bietet.

die Rippen bieten bizarre Aussichten

Anschließend befindet man sich im Gehgelände und erreicht über Bergwiesen in 20min den Normalweg vom Solsteinhaus und in weiteren 5min den Gipfel der Erlspitze.

der Ostgrat der Erlspitze im Rückblick

Am Weg dorthin fällt noch die schöne grazile Gipfelstürmernadel auf, die man gesehen haben sollte.

Gipfelstürmernadel, 50m misst sie von Süden gesehen

Die Erlspitze bietet wunderbare Ausblicke.
Gegen Osten auf die mächtigen Felsmassive der Solsteine und weiter auf die Nordkette.

Gipfelblick auf Nordkette

Gegen Westen auf die Kuhljochspitze, die Freiungen und bis zu Reither- und Seefelderspitze im gemeinsamen Kamm.

Blick nach Westen auf die restliche Seefelder Gruppe

Nach Norden von Mittenwald bis zu allen Gipfel der Karwendelhauptkette.

Nordgrat mit Fleichbanktürmen

Der Abstieg zum Solsteinhaus erfolgte auf dem Normalweg. Eine Variante wäre den Westgrat zu nehmen (Zirler Klettersteig) und über die Eppzirler Scharte zum Solsteinhaus zu gelangen.

Solsteinhaus in der Tiefe

Als Empfehlung kann der Anstieg über den Ostgrat nur jenem gegeben werden, der gerne alte Routen sucht bei denen die Orientierung ausschließlich durch Eigeneinschätzung erfolgt, Das Fehlen von Markierungen und Steinmännern macht dies notwendig.

Karwendelhauptkette im Norden

Der Gratkletterer wird in seinen Erwartungen weitgehend enttäuscht.
Eine Karte der Route befindet sich in der Galerie.

Ostgrat vom Abstieg aus betrachtet

Für die Anreise vom Bahnhof Hochzirl bis zum Solsteinhaus wurden zwei Stunden benötigt. Für den Zustieg zum Ostgrat und den Aufstieg bis zum Gipfel gut zweieinhalb Stunden. Für Abstieg, eine tolle Knödelsuppe und der Rückreise nach Hochzirl nochmals drei Stunden. In Summe wurden 1.660Hm Aufstieg zurückgelegt.

Mils, 30.09.2018

Sonnjoch, 2.457m

Ein letzter mächtiger Ausläufer des Karwendelhauptkammes vor dem Achensee, der Sonnjochkamm, trägt als höchste und namensgebende Erhebung das schöne Sonnjoch. Freistehend zwischen der Lamsenspitze und dem nächst höchsten Gipfel im Kamm, der Schaufelspitze, bildet der massive Felsbau des Sonnjoches von allen erdenklichen Positionen des Karwendels aus den auffälligen Blickfang einer recht gleichseitigen Pyramide.

Sonnjoch, 2.458m

Darüber hinaus hat sie hat auch geologisch einiges Besonderes für Karwendelverhältnisse zu bieten wodurch ihre Ersteigung also nahe lag.
Allerdings wollte der Verfasser nicht den Normalweg von Süden als den Aufstieg wählen, sondern den wesentlich reizvolleren und rassigeren Steig über den Bärenlahner, der bergsteigerisch und auch landschaftlich viel mehr zu bieten hat.

vom Sonnjochgipfel zum Achensee geblickt

Aus dem wunderbar alpinen Anstieg und dem leichten Abstieg über die Südwestflanke mit Besuch des Gramei Hochlegers läßt sich somit eine interessante Rundtour schmieden, die einen wenig begangenen Aufstieg und einen – bei viel Gegenverkehr – gut nutzbaren breiten Abstieg bietet, sodaß der eher schnellere Geher nicht verzagen muß. Die Runde eignet sich für ein Halbtagesunternehmen.

das mächtige Felsmassiv des Sonnjoches

Allerdings bietet die Mautstraße am Ausgangspunkt nicht viel Platz zum Parken, sodaß ein frühmorgendlicher Aufbruch nicht nur mit einem vielleicht sogar schattigen Abstellplatz bei der Rückkehr am Nachmittag, sondern auch mit nur leichter Sonneneinstrahlung über die Bergänger hinauf bis zum Bärenlahner belohnt wird. Die Änger sind durch ihre südöstliche Lage bereits ab dem Sonnenaufgang im effektivsten Winkel voll bestrahlt.

Steig von der Falzhurntalstraße

Zu Beginn des Steiges, der sich zunächst einige Minuten flach in Richtung Bachbett hinzieht, fällt am Wegweiser des Tourismusverbandes der Hinweis auf, daß für den Steig gewisse Voraussetzungen vonnöten sind und dies mag als Ausnahme für diesen Steig auch vom  Verfasser bestätigt werden. Für einen Wanderer ohne alpine Erfahrung ist der Steig nicht geeignet und es ist leicht möglich, daß so mancher Ungeübte im oberen Teil innerhalb der steilen Nordostflanke in Bedrängnis gerät.

der Bärenlahnersattel ca. 700Hm oberhalb

Bevor der Steig steiler wird und in den Mischwald rechts dem Bärental eintaucht kreuzt er noch den Bach, einmal nach links und gleich wieder zurück nach rechts im Aufstieg.
Der Wald spendet über schätzungsweise 250Hm Höhenmeter im August bereits am Vormittag wohltuenden Schatten.
Am Ende der Waldstrecke quert der Steig einen steilen Anger mit einer kleinen Hangrutschung, worauf gleich danach, etwas unterhalb des Steiges oberhalb eines höheren Abbruches , eine Quelle zum Auftanken der Wasservorräte genutzt werden soll, dies ist die einzige wasserführende Stelle im Anstieg.

Rückblick oberhalb des Waldes

Weiter wird über Bergwiesen mit wenig Bewuchs angestiegen, abgesehen von einem gleich folgenden und dichten letzten Latschenfeld, zur Rechten immer dichter an die Felsmauer der Schaufelspitzensüdwand annähernd.

Querung oberhalb des Waldes

Weiter oben, die 1.700m Marke bereits überschritten, bildet sich rechts ein Schuttkar mit Brocken der hohen Wand oberhalb und links davon die weiterhin wiesenbedeckte Rippe von den weniger beeinflussenden Gratpartien des Grates zum Sonnjoch aus. Der Steig wendet sich auch eher nach links, den Wiesen folgend.

Aufstieg durch Reichenhaller Schichten

Auf den letzten 200Hm zum Bärenlahnersattel auf 1.993m, knapp 700Hm nach dem Start im Falzthurntal,  kann linkerhand eine besondere Felsformation betrachtet werden, die sich vom sonst dominierenden Wettersteinkalk abhebt, die Reichenhaller Schichten, ebenfalls Kalkgestein, jedoch älter und aus seichterem Ursprung des Meeres.

die senkrechte Wand der Schaufelspitze deren unterer Sockel aus Muschelkalk gebildet wurde

Am Bärenlahnersattel wird ein toller Blick gen Westen, zur Gamsjochspitze und dahinterliegend zur imposanten Falkengruppe, mit dem auffällig massigen Massiv des Laliderer Falks erreicht. Die kecke Felsspitze hinten mittig ist die Steinspitze, der Südliche Falk.

am Bärenlahnersattel gen Westen zur Sonnjochgruppe geschaut

Der Blick gegen die Abbruchkante zur Schaufelspitze läßt den IVer im oberen Teil deutlich vermuten. Der Wunsch einer Gratüberschreitung des gesamten Sonnjochkammes mag bei vielen, so auch beim Verfasser, an dieser Wand scheitern – vor allem, wenn sie im Abstieg genommen werden soll. Vom Falzthurnjoch bis zur Schaufelspitze können die Überschreitungen auf diesem Blog nachgelesen werden, nicht aber diese Wand.  Vielleicht noch nicht.

die Südkante zur Schaufelspitze – mit Stellen IV

Am Bärenlahnersattel beginnt ein Gratabschnitt, der mit etwas Auf und Ab aber grundsätzlich stetiger Steigung nach Süden gegen die Nordostflanke des Sonnjoches hin führt.
Die AV-Karte täuscht hier etwas, der Grat ist einerseits strukturierter als dargestellt, andererseits seine Lage im oberen Teil weiter in der Ostflanke, denn am Grat. Dieser Abschnitt ist der rassige und für den bloßen Wanderer nicht geeignete.

etwas westlich des Grates geht es weiter zum Sonnjoch

Über Wiesen geht es zunächst etwas westlich der Abbruchkante zum Bärenlahner dahin. Gleich fällt die gewaltige Schichtstärke der Wettersteinkalkplatten an der dunklen Nordflanke des Sonnjoches auf. Es ist diese eine der stärksten Ausprägungen im Karwendel. Und nicht nur die Schichtstärke sondern auch der eigenartige Verlauf der Abbrüche, der Rätsel über die Ursache der sonderbar u-förmigen Abbrüche mit langen Gleitbahnen aufgibt.

Gratverlauf zum Sonnjoch – der nächste nicht mehr bewachsene Gratkopf besteht aus Muschelkalk und wird westseitig umgangen

Angesichts dieser Erscheinungen wird der sich im Aufstieg zum letzten Felskopf vollziehende geologische Wechsel zwischen Wettersteinkalk und Muschelkalk übersehen. Der letzte schräg gelagerte und im Abstieg zu umgehende imposante Gratkopf ist bereits aus Muschelkalk gebildet. Für den Laien kaum sichtbar, mit der Investition von etwas Zeit aber strukturelle Unterschiede in Form, Farbe und Oberfläche erkennbar.

imposante Abbruchszenen des Wettersteinkalksockels an der Sonnjoch Nordflanke

Der Aufstieg aus der westlichen Umgehung erfolgt über unangenehmes Schuttgelände, über den Steig dicht neben der Felskante angelegt. Etwas leichter mit weniger Rutschgeröll kann der Aufstieg weiter rechts in mehr blockigerem und festerem Schuttgelände erarbeitet werden.
Oben gelangt man in eine kleine Scharte hinter der man endlich Klettergelände vermuten würde und das Gegenteil zutage tritt.

dieser Muschalkalkkopf wird durch kurzen Abstieg und längerem Aufstieg im Schutt westseitig umgangen

Wiesendurchsetzte Geländepartien leiten um eine Kante herum in die Ostflanke des Sonnjoches und die Kletterei läßt auf sich warten. Dieser Abschnitt scheidet unter den Begehern die Streu vom Weizen, denn nun befindet man sich in einer steilen Flanke, die nicht jedermanns Sache ist.
Sie führt in wenigen Serpentinen hinauf zum Grat, immer in wiesendurchsetztem Gelände und unschwierig für den der solche Partien gewohnt ist.

am Ende des Aufstieges in der Gratscharte zurückgeblickt

Der untere Teil des Sonnjochmassives besteht aus dem üblichen Wettersteinkalk im Karwendel, dessen Ausbildung auch im Norden in äußerst imposantem Plattenbau zu besichtigen ist. Gewaltige ausgebildete Plattenstärken von Wettersteinkalk, die – für Karwendel – in fast einzigartigen Dimensionen mächtiger Abbrüche ins Grameikar zu sehen sind.

der imposante Gratturm aus Muschelkalk gebildet

Dem empfindsamen Naturbeobachter fällt die ungewöhnlich dunkle Farbe des Deckgesteines am Sonnjochplateau und dem Rücken zum Südwestabstieg so richtig  ins Auge.

Blick in die Ostflanke – hier wird zunächst über Wiesen- und Felsbänder aufgestiegen

Er kennt eine solch untypische Kombination von Erscheinungsbild und Farbe von seinen Karwendeleindrücken kaum bis gar nicht. Es handelt sich um den alpinen Muschelkalk, der optisch just an der Südflanke und am Gratrücken des Sonnjoches besonders augenfällig in Erscheinung tritt. Tatsächlich bildet Muschelkalk das obere Drittel der Sonnjochpyramide, aber am Rücken zur Südwestflanke erkennt ihn mit etwas Beobachtungsgabe auch der Laie.

kurze Kletterstelle – leicht

Weiter unten an der Südwestflanke treten nicht minder imposante Reichenhaller Breccien auf, die oberhalb der Schafrinne den Steig hinab zum Gramei Hochleger mit bizarren Türmen und steilen Abbrüchen deutlich vom östlichen Teil der Bergflanke scheiden.

Rückblick in die Ostflanke

Die Überschiebung des Karwendels mit Gesteinsschichten unterschiedlichsten Alters ist hier besonders gut zu erkennen und der Blick auf die gegenüberliegende Seite im Süden zum Hahnkampl zeigt erneut anderen Fels und zwar vorwiegend Hauptdolomit mit eingelagerten Raiblerschichten. Farbe und Form in deutlichem Unterschied zur Südwestflanke des Sonnjoches – eine geologische Party mit Nachbarn aus allerlei Zeiten – deren unterschiedliches Alter in Millionen von Jahren jeder Vorstellung entbehrt – dicht an dicht gelagert.

ein paar Minuten zum Gipfel des Sonnjoches

Zum Kessel des Gramei Hochlegers hin ist es für den geologisch Interessierten augenscheinlich vorbei mit Entdeckungen, die zunehmende Almwiesenfläche verdeckt das Grundgestein.

Rückblick auf den tollen Anstieg – unten am Grat der Muschelkalkkopf

Dafür tritt die Almwirtschaft mit Jungrindern optisch und zunehmend akustisch ins Blickfeld. Zahlreiche Gruppen von Galtvieh bevölkern die Wiesen neben dem Steig und sie sind an den sonderbaren Artgenossen, die mit nur zwei Beinen im Leben stehen und mit unpassenden Farben am Leib und mit Gepäck am Rücken durch die Gegend stolpern rein gar nicht interessiert, wie es eben äußerst aggressive behornte Untiere so an sich haben.

Blick vom Sonnjoch nach Westen ins Zentralkarwendel – im Vordergrund Muschalkalkterassen

Die Schutzhütte am Gramei Hochleger sollte nicht links liegen gelassen werden. Zum einen bietet sie einen phantastischen Blick in den Kessel zu Hahnkampl und Grameijoch sowie zu den bizarren Hauptdolomitbauten des Rauhen Knöll und der Rappenspitze, zum anderen lohnt das kulinarische Angebot eine Rast in jedem Fall.

der Muschelkalkkopf des Sonnjoches vom Westen aufgenommen

Unterhalb der Alm führt ein Steig mit ungeahnter Schönheit talauswärts hinab durch prächtige Bergwiesen, gespickt mit dem Blauen Eisenhut – von alters her ein tödlich Gift und frei für alle, die Übles im Schilde führten und als Pflanze auch heute noch ein Blickfang.

Grameier Hochleger

Die imposante Bach-Kaskade vom Einschnitt zum Künigskopf herunter wäre fast einen Versuch wert seitlich davon aufzusteigen, um die vermuteten Gumpenbecken zu erkunden – eine seltene Schönheit.

der giftige Blaue Eisenhut

Nach einem Waldstück und der Querung des Baches wird der Abstieg etwas flacher. Die Bergtour als solches gleitet nun in die Rückwanderung ins Falzthurntal aus.

tolle Bachkaskade

Die letzte fotografisch interessante Position befindet sich bei einer Rastbank im flachen Teil nach der Bachquerung. Von dort kann man hinter der Melkstation des Gramei Niederlegers mit Holzzuberfreiluftbadewannenkarwendelblick das schöne Falzthurntal aus erhöhter Position letztmalig bis weit hinaus einsehen.

Blick in das Falzthurntal auf den Grameier Grund

Über den Grameier Grund führt die Rundtour wieder aus dem hinaus Falzthurntal und die anregende Landschaft dort zieht junge Familien auf Sonntagsausflug gleichermaßen an wie den Bergsteiger, nur daß deren Räder am Wagen die kleinen Gipfelstürmer früher stoppen als ihnen lieb ist.

die gewaltige Südflanke des Sonnjoches

Manchmal trifft man dort sogar seine eigenen Verwandten und rechnet damit so wenig, daß man fast aneinander vorbeigeht.

Abschlußblick in die Gramei

Die abwechslungsreiche kurze Runde mißt knapp 10km und kann incl. einer halbstündigen Rast am Hochleger in gut 5 Stunden absolviert werden. Knapp 1.300Hm werden erklommen. Der Erholungssuchende rechne eine oder eineinhalb Stunden mehr.

Mils, 18.08.2018

Nördliche Sonnenspitze, 2.650m

Die beiden Sonnenspitzen in der Hinterautal-Vomper-Kette zählen zu den am wenigsten begangenen Gipfel in dieser Kette und auf die Nördliche Sonnenspitze, dem gewöhnlichen Ausgangspunkt für die Überschreitung zur Südlichen Sonnenspitze, führt ein mühsamer Anstieg durch das Große Kühkar. Der Grund warum hier nur von der Nördliche Sonnenspitze die Rede ist, wird im Text erläutert.

Nördliche Sonnenspitze, 2.650m

Um den Eintritt zum Großen Kühkar zu erreichen erwartet den Besteiger der Nördliche Sonnenspitze zunächst eine lange Anreise entweder über Scharnitz, heute fast ausschließlich mit dem Radl, oder, im Fall dieser Beschreibung, klassisch zu Fuß über das Lafatscher Joch aus dem Halltal.
Weiters muß dann von der Kastenalm zum Unteren Moserkar aufgestiegen werden und dieses bis zur Karverzweigung durch den südwestlich herunterziehenden Gratrücken von der Moserkarspitze aufgestiegen werden. Eine kürzere Anreise gibt es – ohne die Nordwände zu erklimmen – nicht.

Die Sonnenspitzen vom Lafatscher Joch aus im Norden

Der Anstieg vom Hackl im Halltal bis zur Kastenalm ist für die Beschreibung des Anstieges zur Nördlichen Sonnenspitze ohne Belang und, weil er über breite markierte Wege erfolgt, auch keine besonders beschreibenswerte Anreise.
Die Erwähnung, daß der Verfasser für die Strecke vom Parkplatz Halltal bis zum Kasten dreieinhalb Stunden benötigt hat, sowie ein wunderschönes Bild von den beiden Sonnenspitzen und deren Verbindungsgrat – das gleichzeitig den Blick darstellt, der nach oftmaligem Erleben den Drang zur Ersteigung dieser Region vorantreibt – möge hier genügen.
Weiters sei zur Planung der Tour daran erinnert, daß die Rückreise mindestens genauso lange in Anspruch nimmt und länger, da auf der Rückreise die Hallerangeralm zur notwendigen Labe besucht werden sollte.

Gipfel im Moserkar und rechts der Sonnenspitzenstock

Vom „Kasten“ aus– eine durchaus gebräuchliche und eigentlich treffendere Bezeichnung wie „von der Kastenalm aus“ (das innere Almwiesengelände der Alm wird nämlich gar nicht betreten sondern ein großer Bogen um sie abgeschritten) – führt die Route am Ufer des Moserkarbaches zur Linken entlang.
Der breite Schotterweg kann im Bereich der inneren Alm durch lichten Wald abgekürzt werden um ihn nach ein paar Hundert Meter wieder zu erreichen.

der Moserkarbach an der Stelle an der er versiegt

Im Bereich der größten Nähe zum durch Hochwassereinflüsse aufgeböschten Ufer und einem markanten Ahorn kann das breite, staubtrockene Bachbett überschritten werden um knapp danach wieder begangen zu werden, nämlich um die letzten versiegenden Wasserläufe des Moserkarbaches zur Wasserauffüllung zu benutzen.

Allein die Strecke vom westlichsten Punkt bis zu diesem Gebiet sollte man am Abstieg vom Hinterautal vom Zeitbedarf her nicht unterschätzen, es handelt sich um gute zwei Kilometer bzw. einer halben Stunde Gehzeit, die auf der Karte nicht so aufwendig aussieht (auf der AV-Karte gibt es Steigspuren vom Steilstück zu einem Weg in die Kastenalm hinab – vielleicht wäre dies eine lohnenswerte Abkürzung).

Steig ins Moserkar

Anschließend weisen hohe Lärchen den Weg zum Steig in das Moserkar. Er beginnt an einer Stelle, die unspektakulärer nicht sein könnte und wenn nicht ein breiter ehemaliger Fahrweg dort hin führte, würde man wahrscheinlich einige Zeit suchen. Der Steig ist für seine alpinistische Begehungshäufigkeit phantastisch gut ausgeschnitten, was auf rege Tätigkeit der Jägerschaft in diesem Gebiet hindeutet – vermutlich die Pächter der bei der Kastenalm gelegenen Jagdhütte – denn in dieser Gegend wird sehr wahrscheinlich kein alpiner Verein dafür verantwortlich zeichnen.

Am höchsten Punkt beim Zustieg „Moserkaregg“

Zum Zeitpunkt der Begehung des Steiges durch den Verfasser heizte die Sonne an diesem so traumhaften Hundstag im August bereits derart kräftig herab, daß er sozusagen „einging“, immensen Wasserbedarf zeigte und bis zur Verzweigung vom Unten Moserkar bis ins noch schattige Kühkar schlapp und immer schläpper wurde. Ein grausiger Riegel und ein Apfel waren nicht in der Lage seine Steigleistung in Form zu bringen.

erstmalig das Große Kühkar – der Aufstieg zur Nördlichen Sonnenspitze – zu sehen

Bei der Verzweigung konnte er nicht umhin über die Maßen viel zu trinken beide Flaschen voll aufzufüllen, in Unkenntnis, daß der Bach aus dem Kühkar noch gut 200Hm weiter hinauf ergiebig genug zum Tanken gewesen wäre. Wer das Thema Wasser im Karwendel kennt handelt eher früher als später.

Abzweigung der Kare und im Rückblick die Halltalkette

Unzufrieden schlapp ging es nach der Bachquerung den falschen Steig bergauf. Zwar besteht um die Ecke bei den Latschen knapp oberhalb des Baches ein direkt ins Kühkar abzweigender Steig, allerdings sieht dieser so aus, als verlaufe er sich anstelle markant die Wiese zu durchschneiden. In trügerischer Gleichgültigkeit ob der Schlappheit und ungenauer Erhebung der Situation wurde dem besseren, breiteren Steig in Spitzkehren steil bergauf gefolgt, um nach wenigen Minuten und kaum 100Hm festzustellen, daß dies der falsche war und ein bergsteigerischer Grundfehler begangen wurde – nicht genau festzustellen welcher Steig der richtige ist.

der richtige Steig 40Hm tiefer – Abstieg über unangenehme Schotterflanken notwendig

Der Abstieg zum – von oben natürlich gut sichtbaren – Steig ins Kühkar mußte somit über unangenehmes verfestigtes Sand und Schottergelände erfolgen, glücklicherweise nur über knapp 40Hm.
Solche Fehler nagen und stacheln aber gleichzeitig auch an, in diesem Fall jedoch zum Vorteil der Bekämpfung der Schlappheit gereicht.

Nach wenigen Minuten „versiegte“ aber auch der richtige Steig durch die Nähe zum steil abfallenden Bachbett, dessen abgerutschte Flanken die Latschengassen auf einmal zur steilen Schuttböschung machten.
So kämpfte sich der Verfasser auf die andere, im Aufstieg gesehen rechte Bachseite auf einem Rücken aufwärts, bis der Geländeeinschnitt durch den Bach flacher wurde und eine Rückkehr auf die richtigere linke Seite leicht möglich wurde.

Rast im Kühkar auf 1.750m

Nach diesem unvorteilhaften und eher zu verschweigenden Intermezzo, als erfahrender Bergsteiger irgendwo, aber nur ein paar Dutzend Meter, neben dem richtigen Steig befindlich wie ein Anfänger durch dichte Latschen mit unzähligen, um das Gesicht herum beim Zerreißen knisternden Spinnfäden aufsteigen zu müssen, erreichte der Verfasser die Höhenkote 1.750m und das Kühkar schien kein Ende zu nehmen. Eine Rast mit ordentlicher Nahrungsaufnahme und dem erhobenen innerem Zeigefinger zum Zusammennehmen gab das Unterbewusstsein vor, worauf Rucksack und Körper unsanft auf den Karboden niedersackten. Es galt einen mentalen Tiefpunkt zu überwinden oder nicht.

weiteres Aufstiegsgelände im Kühkar

Ein Gutteil der mitgebrachten Geheimwaffen Rosinen und getrocknete Marillen, sowie Brot und Speck wurden verschlungen und mehr als eine halbe Flasche Wassers obendrein. Ein Zeichen völlig falscher Planung und für die Temperaturen zu anspruchsvoller Route und zu spätem Start.

Nun, das Markenzeichen des Karwendlers ist sein fast unbeugsamer Wille angefangenes fertigzustellen wann immer möglich sowie sinnvoll und nach 20min Rast hatte sich bei der Beobachtung der weißen und dunkelbraunen Schafe mit Glöckchen in den Schuttreisen unter den Abbrüchen des Grates zwischen den beiden Sonnenspitzen neuer Tatendrang breit gemacht. Die Tour muß durchgezogen werden, auch wenn sie bisher nicht professionell genug angegangen wurde und auch der zu späte Aufbruch nach sechs Uhr mit der folgenden extremen Tageserwärmung bis zum Kühkar einen erheblichen Einbruch der Kräfte verursachte.

im obersten Kühkar

Die Essenspause wirkte gleich nach wenigen Minuten wodurch das aufsteilende Kühkar bereits unter besserer Steigleistung bezwungen werden konnte.
Zum raschen Fortkommen eignen sich die Steilwiesen besser als die rechts und mittig herabziehenden Schuttreisen und meint man nach den Steilwiesen, die weiter oben etwas flacher werden, daß der Grat gleich dahinter erreicht wäre, so täuscht man sich. Nach der sichtbaren Kannte beginnt eine weitere Karstufe, die dann nur mehr mit Geröll durchzogen ist, mit einer Muldung beginnt und mit Schrofen im oberen Teil endet die dann aber wirklich den Grat zu den Nordabstürzen zu den Ladizer Reisen und der Falkenhütte bilden.

Reste eines Flugzeugabsturzes; ob das ein Learjet 23 war und weitere Details lassen sich nicht mit Sicherheit aus dem Internet recherchieren

In diesem letzten Karabschnitt befinden sich die traurigen Reste eines abgestürzten Flugzeuges, angeblich ein Learjet 23 und angeblich am 28.08.1972. Je mehr man die spärlichen Berichte dieses tragischen Vorinternetgeschehens in diesem nachzuforschen versucht, desto weniger kann man den gefundenen Details glauben, die auch vom Absturz über dem Sellraintal berichten. Wie auch immer, es war ein Kleinflugzeug dessen kümmerliche Reste zu einem Häufchen zusammengeräumt wurden und sich davon ein paar großflächigere Mantelteile des Rumpfes – durch Stürme verfrachtet – auch noch weiter oben in den Reisen der Nördlichen Sonnenspitze herab finden lassen.

Am Grat zur Nördlichen Sonnenspitze angelangt – Blick gen Norden ins Johannestal

Endlich war der Grat erreicht und der Blick richtete sich gleich auf die beschriebene Aufstiegsrinne. Dieser folgt man im Gegensatz zur Beschreibung im AV-Führer kaum soweit bis sie sich zur echten Rinne ausbildet, sondern übersteigt gleich unterhalb der Rinnenausbildung rechts auf einen Schutthang an dem dann der weitere Aufstieg sogleich sichtbar wird, denn er erfolgt längs einer geologischer Störzone, die regelrechten eingeschnitten in der Bergflanke deutlich sichtbar ist (die 10m sind untertrieben).

Einstieg in die Flanke zur Nördlichen Sonnenspitze

Steinmänner begleiten bis zum zweiten Turm, bei dem der Einschnitt endet und der weitere Aufstieg nach links oben (südöstlich erfolgt). Die Flanke ist deutlich sichtbar und weniger Steil als links davon. Dort etwas höher in der Flanke der vorerst letzte Steinmann durch den man dann weiß, die Linkskurve richtig erraten zu haben.

2. Türmchen voraus – mehr als 10m…

Anschließend wird der Flanke in direktem Anstieg etwa 40Hm weiter gefolgt, bis links ein Schuttband sichtbar wird, mit Steinmann am Ende. Über dieses zum Steinmann und von dort wieder ca. 40Hm leicht rechts haltend empor, wobei am Ende eine etwas schwierigere als der Aufstieg zuvor (im Abstieg) kaminartige Schuppe zu überklettern ist, bevor nach einigen Metern eine Flachstelle erreicht wird, in der ein Holzstock an den Fels lehnt und eine Markierung darstellt.

Rückblick von oben – der Steinmann links unten, die Scharte mit Türmchen rechts oben

Die Markierung weist nach links (nördlich) und sofort wird ein angenehm breites Band, das vorsichtig begangen werden soll, weil sehr mit Schutt beladen, sichtbar, das um einige Ecken und Ausbuchtungen herum zum Gipfelbereich führt.

Dem Holzstock Aufmerksamkeit schenken – er ist nicht durch Zufall hier; links über das Band geht es weiter

War der Fels in der Flanke bis hierher großteils noch recht fest beginnt hier auf den letzten Höhenmetern eine wesentlich schlechtere Qualität und sehr viel von dem was als Griff taugen sollte bricht aus. Noch größere Achtsamkeit auf den letzten zwanzig Höhenmetern tut also Not, vor allem, wenn sie über den Grat begangen werden, wie im vorliegenden Falle.

Mittelteil des Bandes – sieht schlimmer aus wie es ist – man steige es mit Bedacht

Auf der kleinen Gipfelfläche der Nördlichen Sonnenspitze befindet sich kein Gipfelkreuz, dafür aber ein Steinmann und eine Gipfelbuchschachtelhalterung mit einem netten Gipfelbuch der Lenggrieser, die man so oft in Karwendelgipfelbüchern liest. Die erste Seite des Buches trägt das Hinterlegungsdatum und just zu seinem Geburtstag am 4. August hatte der Verfasser seine Tour auf sie durchgeführt. dazu mußte mit Peter Mayr’s  Höhenheilmittel angestoßen werden.

erstmals der Gipfelbereich der Nördlichen Sonnenspitze vom Band aus sichtbar

Während der Jause mußte der Verfasser eine besorgniserregende Beobachtung machen. Über dem Bettelwurf und weiter südlich im Inntal brauten sich hohe dunkle Wolken zusammen und selbiges auch im Vorkarwendel im Nordosten.

die bekannten und geschichtsträchtigen Gipfel im Bockkar über dem Roßloch

Nun wird auch dem Leser auch klar warum der Titel vorliegenden Berichtes nicht von der Überschreitung der beiden Sonnenspitzen spricht – der Verfasser hat zwar mit Widerwillen dennoch entschlossen sofort eine Entscheidung getroffen und recht rasch, nach einer nur zwanzigminütigen Rast, den Rückzug vorgezogen.
Ein Gewitter am schutzlosen Grat, zählt zu den vermeidenswertesten Angelegenheiten der Bergsteigerei.

Blick auf das Lafatscher Joch – Ungemach zieht vom Inntal über Bettelwurf und Großem Lafatscher auf

Nun, jeder Schaden hat auch einen Nutzen lautet eine Weisheit und der Nutzen für den Verfasser war eindeutig, die Aufstiegsflanke auch als Abstiegsflanke kennenzulernen. So sei allen, die die Flanke bereits aufgestiegen sind versichert, daß der Abstieg keineswegs als übel einzustufen ist. Die Schuttpartien mit Bedacht abgestiegen werden immer wieder feste Partien erreicht, die wunderbar abzuklettern sind. Einzig die zuvor beschriebene Schuppe, die etwas kniffliger abzusteigen ist, aber auch ohne große Anstrengung gemeistert wird, dort allerdings mit großer Körpergröße leichter.

Blick von der Nördlichen Sonnenspitze auf den Westteil der Karwendelhauptkette

Der Abstieg ins Kühkar erfolgte rasch. Kaum eine halbe Stunde ist dafür notwendig.
An der Latschengrenze angelangt sollte der Verlauf des Steiges durch die Latschen gefunden werden, doch dies war wieder nicht so möglich wie gewünscht und ein Verbindungssteig wurde stattdessen gefunden, der in der teilweise recht unangenehmen Flanke von der Rippe von der Moserkarspitze herab querte.

Rückzug über die Flanke der Nördlichen Sonnenspitze

Am Moserkarbach angelangt waren die Wolken in dem kleinen Himmelsfenster, das dort sichtbar ist zum Teil wieder aufgelockert und dies war einerseits für den weiteren Abstieg beruhigend, andererseits gab es aber Anlass zum Ärgernis des hastigen Rückzuges.

Abstieg ins Moserkar – Rückblick ins Kühkar und auf die Nördliche Sonnenspitze

Der Steig im Unteren Moserkar führt durch wahrhaft schönes Gelände und erfreut. Tief eingeschnitten zeichnet der Bach seit Jahrtausenden seinen Lauf auf. Am Abstieg durch die Latschen beim Moserkaregg kann das gewaltig weitläufige Gelände der Kastenalm eingesehen werden. Bis ins Roßloch hinein zieht sich die fast ebene Almfläche dahin.

wunderschöne Szenen im Moserkar – der Bach hat sich über lange Zeit tief eingeschnitten

An der Querung des trockenen und sehr breiten Bachbettes, das bei Hochwetter nicht breit genug sein kann, waren nun die ersten Regentropfen zu spüren – die Gewitterzelle hatte sich nun innerhalb einer halben  Stunde über das Sonnenspitzenmassiv geschoben.

Überquerung des Moserkarbaches an markanter Stelle mit altem Ahorn

Mit leichtem Laufschritt versuchte der Verfasser Garagen am Weg zu erreichen, bevor ihn die schweren Tropfen erreichen möchten und das gelang auch.

das Gewitter über den Sonnenspitzen hat begonnen

Unter dem 50cm herausstehenden Dach der Garage neben der Schotterstraße beim Radldepot vor der Kastenalm wurde das Gewitter durch „unterstehen“ – durch das früher sogar Ehen entstanden sind – abgewartet.

aus dem trockenen Unterstand in die Nässe geblickt

Bei jedem der vier bis fünf gewaltigen Blitze über dem Sonnenspitzengrat manifestierte sich Sinnhaftigkeit der Entscheidung umzudrehen noch weiter.

 

Nach einer guten halben Stunde war der Spuck ebenso schnell zu Ende wie er begonnen hat und der Heimweg konnte angetreten werden. Durch die Trockenheit des so schönen Sommers war auch jegliche Lache am Weg sofort aufgesaugt und von oben tropfte ohne Wind auch nichts herab. Der Regenschutz konnte somit diesmal im Rucksack verbleiben.

der Spuk nach 40min vorbei – die Südliche Sonnenspitze erstrahlt im Sonnenlicht

Am Weg zum Halleranger entstand in der gereinigten Luft noch ein klares Foto der Sonnenspitzen und der Kare drum herum – so schnell kann eine Gewitterzelle abregnen und wieder klares Wetter herrschen.

Sonnenspitzen im Zoom

Auf der Alm gab es nochmals Energienachschub – wie könnte es anders sein – in Form von Knödelsuppe und Bier. Als gegen halb acht das Lafatscher Joch erreicht wurde erstrahlten die Sonnenspitzen im Abendlicht. Ein anderes Mal wird auch die Überschreitung gelingen.

Route ab dem Kasten im Hinterautal

Die Tour endete nach 15 Stunden und 3.525Hm gegen neun Uhr am Parkplatz beim Hackl.

Mils, 04.08.2018

Karwendeldurchquerung – mehr als 50 Mio. Jahre in 16 Stunden von Absam bis Krün

Wie kann ein Gebirge am besten in seiner Gesamtheit erfaßt werden?  Wie lange soll der Erfassungsprozess dauern, um den dauerhaftesten Eindruck zu bekommen und welche ist die klügste Erkundungsrichtung?

selten schöne Ansicht der Nördlichen und Karwendelhauptkette von der Soiernspitze

All diese Fragen waren betreffend das Hauptgebirge seiner bergsteigerischen Tätigkeit – zwar noch nicht so ausgeprägt, aber dennoch – schon einmal das Ziel des Verfassers Bestreben. Damals ging es um die Durchschreitung des Karwendels von Ost nach West und auf dieser phantastischen Reise keimte der Wunsch nach einer noch tieferen, umfassenderen Reise in der die Eindrücke dreidimensional und in einem Stück gebündelt werden sollten, ja das Karwendel mußte irgendwie umarmt werden, um seine Gesamtheit unter einmal zu erfassen.
So entstand die Idee das einzigartige Gebirge seiner Entstehungsrichtung entlang zu bereisen. Dabei sollten alle Elemente (in diesem Fall die Hauptketten und in Entstehungsrichtung gesehen auch der nördlichste Kamm einbezogen werden, weil dies den Aufbau des Gebirges am realistischsten darstellt.

Nun, mit einem Tausender in der Hand hätte dieses Vorhaben in wenigen Stunden mit einem Rundflug und vielen Fotos aus einem kleinen Spuckerl an Flugzeug realisiert werden können. Ebenso gut hätte es in einer  mehrtägigen Etappentour durchgeführt werden können und die hartgesottenen Radlfahrer unter den Lesern dieses Blogs hätten höchstwahrscheinlich eine Reise am Umfang des Gebirges vorgeschlagen, sie läßt sich auch in einem Tag durchführen, ohne Stromradl versteht sich.

Nein, das wäre alles nicht gewesen wonach gesucht wurde. Das Ziel – als einzige Möglichkeit die Größe im eigenen Kopf und auf einmal zu erfassen – war: das gesamte Gebirge mußte in einem Zug durchquert werden.

Süd-Nord Karwendeldurchquerung

Natürlich benötigt der Mensch zur Erfassung heute noch sein Augenlicht und keine Kopflampe, die beispielsweise im Schitourensport verwendet wird und in Mils blendet, wenn am Glungezer einer seinen Kopf entsprechend ausrichtet. Nein, alles was das Auge zur Erfassung sehen muß das muß auch ohne künstliche Lichtquelle erfaßt werden können. Grundbedingung des Verfassers, wo immer möglich Mensch bleiben, Technik ist schon genug an Füßen und Buckel.

Somit ergibt sich die Notwendigkeit die lange Reise in einem Zeitraum durchzuführen in dem die Übergänge schneefrei, gleichzeitig der Tag lange genug andauert und es nicht zu heiß ist.
Ob man es nun glaubt oder nicht, dieser Zeitraum ist im Karwendel lange nicht so ausgeprägt als man es vermuten möchte.

Der Juni – der gegen sein Ende den längsten Tag des Jahres beinhalten würde –  fällt für diese Bedingungen komplett aus, denn ohne Erkundung muß auch Ende Juni auf der Nordflanke der Birkkarspitze noch weitgehend mit Schneefeldern gerechnet werden. Nicht, daß man diese nicht meistern könnte, jedoch wäre eine solche Zusatzprüfung auch ein zusätzlicher Risikofaktor, daß das Vorhaben zielsicher gelingt. Sei es durch nasse Schuhe, oder einfach durch zeitliche Behinderung.

Der wettermäßig meist stabile September fiel für den Verfasser vom Angebot des Tageslichtes her weg und der August tat dies wegen seiner eher hohen Durchschnittstemperatur.
Somit bliebt der Juli als jener Zeitraum, bei dem Schneefreiheit, Tageslicht und Tagestemperatur von vorne herein als eher günstig anzunehmen sind und – zusätzlich, bei Vertrauen auf den Wetterbericht – in Summe die besten Rahmenbedingen vorliegen müssten. Natürlich kann die Tour im gesamten Zeitraum von Juni bis September durchgeführt werden aber, in den Monaten außer dem Juli muß viel Glück im Spiel sein, damit sie erfolgreich verläuft.

Karwendelketten bei der Süd-Nord Karwendeldurchquerung

Ein weiteres Faktum, das in der Planung besondere Berücksichtigung verdient, ist die Höhenlage des zentralen Teiles der Tour, dem Anstieg zur und dem Abstieg von der Birkkarspitze. Immerhin dringt man bis über 2.700m Meereshöhe vor und wie man weiß kann dort – je nach Wetterlage tags zuvor – auch schneidend kalter Wind vorherrschen. Die gute Nachricht aber ist, daß diese in etwa genau zur Mittagszeit erreicht wird (Anm. d. Vf.: müßte nach meinen Berechnungen für die Begehung von beiden Seiten zutreffen), wo die besten Bedingungen vorherrschen sollten. Wie man aus eigener Erfahrung aber leidgeprüft aber weiß, muß dem nicht immer so sein, also in der Planung gezielt begegnen.

Hinzu kommt noch die Beschaffenheit des Weges. Im Gegensatz zu Karwendelmärschen erfolgt eine Karwendeldurchquerung nicht auf Fahrwegen, bzw. auf breiten und ebenen Steigen sondern auf sehr beanspruchendem Terrain, beispielsweise dem Abstieg durch das Schlauchkar im oberen Teil und der völlig verwurzelte Gjaidsteig zum Bäralpl. Mit lustig leichten Bergläuferpatschln kann man diesen Strecken also nicht begegnen.
Der Verfasser wählte im Gegensatz zu Simon, seinem Tourenpartner, zwar auch keine stabilen Bergschuhe sondern die heute so beliebten und für das Fußgelenk eigentlich völlig untauglichen Halbbergschuhe, allerdings hiervon die festesten erhältlichen und mutete damit seinen Gelenken trotz viel Training dennoch einiges zu.

Hinsichtlich der Bekleidung sei erwähnt, daß sich im Rucksack für die zuvor erwähnte Höhenlage immer ein gescheiter Windschutz und eine Regenjacke befinden sollen, die Hose bleibt kurz, den Beinen sollte warm genug sein. Wer mit wenig Haarwuchs ausgestattet ist braucht vielleicht ein Käppchen und eine dunkle Sonnenbrille schützt unheimlich effektvoll vor dem erkannt werden auf Fotos, also ist sie für alle außer für den Verfasser unerlässlich.
Die Verpflegung wird unterwegs geklärt und hiermit sei Schluß mit dem Vorspann.

Start um 4:44 Uhr beim Hackl in Absam

Vier Uhr dreißig c. t. lautete der vereinbarte Zeitpunkt des Treffens beim Parkplatz beim Hackl in Absam. Wie immer ist jener mit der längsten Anreise der erste und so schüttelte der Verfasser fünf Minuten später dem Simon die Hand. Am Weg zum Schranken wurde das Log der Uhr gestartet und nach kaum zehn Minuten ward es bereits vor der Bergerkapelle taghell (das Abmarschfoto täuscht über die Lichtverhältnisse, die Dämmerung hatte schon eingesetzt und Simon trägt keine Stirnlampe).

Der Startzeitpunkt war also 4:44 Uhr am 25. Juli 2018, der Himmel war wolkenlos, über dem Bettelwurfeck herrschte nur ein Hauch von Thermik über das Tal herab und somit war wenig Temperaturunterschied in der Höhe zu erwarten. Rasch gewannen wir an Höhe.

Aufstieg im Isstal

Bei einem Vorhaben solcher Art ist nicht unerheblich wie die beiden ersten Stunden ablaufen. Werden sie zu schnell angegangen, kann das schlechte Auswirkungen auf den gesamten weiteren Tagesverlauf haben, umgekehrt wird wertvolle Zeit verloren, die die äußerst knappe Kalkulation ins Wanken bringen könnte und einen letzen Abstieg und Ankunft bei Dunkelheit zeitigen. Man steige also in seiner Normalgeschwindigkeit für größere Vorhaben auf.

Die geringfügige Abkürzung durch das Isstal über den Hirschbadsteig büßten wir wegen des nicht beachteten Taues mit innen spürbar feuchten Schuhen ein. Ausgeschnitten wird dort ja schon Jahre nicht mehr richtig. Eine kleine Beeinträchtigung, die bis weit ins Birkkar hinein spürbar war.
An diesem Beispiel sieht man wie dünn die Decke zwischen der Vorstellung des optimalen Ablaufes und  unvorhergesehener Beeinträchtigung ist. Für uns keine Sache die uns wirklich zu schaffen macht, aber eben etwas unangenehmes, das sich im Kopf festsetzen, oder vorzeitig zu Reibung an Sohle oder Zehen führen könnte und das Vorhaben ins Wanken bringen könnte. Wie wichtig es ist die richtige Balance zwischen Fuß, Socken und Schuh zu haben erfährt man spätestens nach 12 Stunden und gut 40km am Aufstieg zur Soiernspitze.

am Issanger – Sonnenaufgang am Roßkopf

Mit dem unbeugsamen Willen das Gebirge auf einmal haben zu wollen nahmen wir den Anstieg auf das Lafatscher Joch als erste Prüfung locker an – die Licht- und Schattenspiele dorthin präsentierten sich zudem als mentales Doping der Sonderklasse (die Handykamera kann es leider nicht annähernd wiedergeben).
Allein dieser Eindruck des Gebirges im Gesamten taugt schon dazu niemals vergessen zu werden.

Rückblick auf das Halltal

Das Halltal, mittig zwischen Inntal- und Gleirschtal-Halltalkette gelegen, läßt die Inntalkette für die Durchquerung gesehen etwas wenig zur Geltung in der Würdigung aller Ketten kommen. Diese Erkenntnis ist dem Verfasser erst in der Retrospektive aufgefallen, die Vollendung der Überschreitung wäre der Anstieg vom Parkplatz oberhalb Thaur über das Kreuzjöchl und das Stempeljoch gewesen. Diese Strecke hätte lediglich 300Hm mehr hervorgerufen und wäre durchaus richtiger gewesen. Die Macht der Gewohnheit siegte über sorgfältiges Nachdenken. So haben wir nur einen Hauch von Inntalkette durchschritten, sozusagen an ihrer Verschneidung mit der Halltalkette.

Stempeljoch und Stempelspitzen

Das Lafatscher Joch erreichten wir an diesem so strahlenden Julitag nach 2 Stunden 12 Minuten und 1.300Hm Aufstieg und dort gab es frühmorgens herrliche Blicke zu den Tuxern und Zilltertalern im Süden, sowie einen für das vorliegende Vorhaben noch viel interessanteren nordwärts gerichteten Blick auf den Roßlochkamm rechts und die Gipfel im Herz des Karwendels, die Sonnenspitzen und abermals links geschaut auf die gewaltige Kaltwasserkarspitze.
Die Birkkarspitze – das höhenmäßige Ziel der Reise – verbleibt gerade noch abgedeckt und daher unsichtbar durch den gewaltigen Grat der Sägezähne zur Kaltwasserkarspitze. Ein unfassbares Panorama, das selbst in höchster Eile aufgesaugt werden muß und einen weiteren Mosaikstein in der Erfassung des Gebirges darstellt.

Südliche Sonnenspitze vom Lafatscher Joch aus

Die Vorstellung inmitten dieser Gipfel in den nächsten Stunden aufzusteigen und sie viele weitere Stunden später in noch größerer Entfernung von der Gegenseite sehen zu können spornte für einen raschen Abstieg im angenehmen Schatten kräftig an. Die 900Hm Abstieg und immerhin 8km lange Strecke vom Lafatscher Joch bis zur Abzweigung in das Birkkar konnten wir in eineinhalb Stunden absolvieren.

Karwendelhauptkette – Birkkarspitze hinter den Sägezähnen versteckt

Daß es an diesem Tag über die Maßen gut lief und in Wahrheit die Euphorie des Vorhabens über jegliche Beeinträchtigung triumphierte spürte der Verfasser am Anstieg über das enorm tiefe Birkkar. Im Nu erreichten wir die „Ständ“ und füllten aus dem kleinen Bach, der aus dem kleineren östlichen Birkkar heraustritt erstmals die zweite Wasserflasche auch mit auf, bevor es in die ab nun immerwährende Sonneneinstrahlung aufwärts weiterging.

Kastenalm

Im etwas unangenehmen Teil des Birkkares stellten wir den Schotterreisen am Steig westlich aus. Über schuttdurchsetzte Grasnarben stiegen wir allemal bequemer als am ausgetretenen Steig durch die Reisen.

wunderschönes Birkkar

Ein nächster Markstein in der Gesamtbetrachtung ist die Überwindung der Steilstufe und Übertritt in das obere Birkkar auf rund 2.240m. Die Hälfte der gesamten Aufstiegsstrecke liegt dort zwar schon hinter einem (siehe hierzu die Bildgalerie), aber sich an solchen mathematischen Details zu orientieren wäre der falsche Ansatz das Gebirge in seiner Gesamtheit unter einmal zu erfahren. Die Erkenntnis über die mathematischen Gegebenheiten wurde vom Verfasser mit Staunen auch erst im Nachgang ermittelt.

Wasser wird für die Strecke bis zum Karwendelhaus aufgefüllt

An der Schwelle zum Eintritt in das obere Westliche Birkkar erfaßt den Bezwinger der Birkkarspitze zunächst einmal aufs Neue das gewisse Massstabsgefühl das in den meisten Naturbeschreibungen mit der Kleinheit des Menschen vor den Dimensionen der Natur dargestellt wird. Das Westliche Birkkar jedoch ist eine kleine optische Täuschung, es ist mit 40Ha beispielsweise flächenmäßig um ein Drittel kleiner als das lange Gleirscher Rigelkar und auch kleiner als einige seiner gewaltigen Nachbarn in der Hauptkette, allerdings vermittelt es mit den an seinem Umfang ungebrochenen und fast senkrecht hoch aufragenden Mauern ein Volumensgefühl das im Karwendel seines Gleichen sucht.

umwerfender Blick auf die Gleirsch-Halltalkette – Bildmitte die Praxmarerkarspitzen mit 600m hoher Nordwand, links davon die Kaskarspitze, rechts die Nördliche Jägerkarspitze

Die mächtig gebankten und kaum zurückweichenden Felsflanken der Ödkarspitzen und der Birkkarspitze geben sich hier links und rechts die Hände mit ebenso ungebrochen hohen Südgraten, die die Umrahmung bis weit hinaus ins untere Birkkar prägen und einen atemberaubenden Kessel schaffen, in dessen Tiefstem man sich dort befindet und der sich im Kopf heiß einbrennt.

das obere Westliche Birkkar

Nicht minder einprägsam die Erscheinung der im Süden gelegene Halltalkette – sie frontal aus dieser Höhe gesehen vermittelt deutlich die Größenordnungen an Überschiebung die bei den Karwendelketten vorherrschen mußten um sie zu schaffen.

einmal mehr die Gleirsch-Halltalkette mit voraus geschobenen Raiblerschichten

Dem letzten Schatten für einige Minuten des Weges begegneten wir im eher flacheren Teil des oberen Westlichen Birkkares in der Reise in der Flanke des Südgrates der Birkkarspitze.
Mittlerweile, mitten im fortgeschrittenen Vormittag, war die Sonneneinstrahlung selbst in 2.400m Seehöhe deutlich zu spüren. Ein Glück, daß immer noch ein leichtes Lüftl durch Thermik vorherrschte und mit zunehmender Höhe zum Schlauchkarsattel auffrischte.

Aufstiegsgelände zum Schlauchkarsattel

Die ersten Überschreiter von Norden begegneten uns in der mühsam aufzusteigenden Reise zum Schlauchkarsattel; so mancher davon benötigte für den Abstieg länger als wir für den Aufstieg und genau jene wissen nicht einzuschätzen wie damit umzugehen, daß sie auf der Südseite der Birkkarspitze theoretisch 25km Fußmarsch von jeglicher Zivilisation entfernt sind. Und es ist besser so.

Rückblick in das obere Westliche Birkkar

Im Fels ist der Aufstieg zum Sattel vergleichsweise arg strapaziert, die Auswirkungen des Winters sind an der Versicherung zu sehen und dennoch gibt es keinen Grund zur Beanstandung – man befindet sich im Hochgebirge und ist für sich selbst verantwortlich, niemand Dritter sonst, auch nicht der Wegerhalter.

mit Seilversicherung bis weit nach oben

Es war uns klar, daß wir in der Gegend der Birkkarspitze mit einigem Rummel zu rechnen hatten, wobei sich dieser in akzeptablen Grenzen hielt. Umgehungen von heiklen Passagen aufgrund von nicht enden wollenden Gruppenpassagen blieben zum Glück aus und am Gipfel, den wir recht zufrieden um halb zwölf erreichten, fanden wir lediglich vier Bergsteiger vor.

am Schlauchkarsattel angelangt

Am Gipfel der Birkkarspitze, 2.749m, gönnten wir uns – knapp sieben Stunden nach dem Start in Absam – eine gute Viertelstunde für eine erweiterte Mahlzeit. Ein erster Griff zu Speck als Langzeitenergiespender erschien kein Fehler, denn auf den folgenden wenig anstrengenden 1.000Hm Abstieg zum Karwendelhaus würde die Portion gut verarbeitet werden können. Dies und später, nach der feinen Knödelsuppe im Karwendelhaus war Kraft im Überfluss vorhanden. Die warme Suppe wirkte ihre Wunder in der Tageshitze am Südhang des Steiges zum Bäralpl. Wer das Geheimnis von warmen Flüssigkeiten auch bei Hitze kennt wird es gerne anwenden.

Blick zur Birkkarspitze

Vom Gipfel der Birkkarspitze aus öffnet sich ein guter Überblick nach den beiden Durchquerungsrichtungen. Anhand des Rückblickes auf das zum Greifen nahe Lafatscher Joch und der in diesem Moment gefühlten bisherigen Aufwendung an Körpereinsatz und Zeit kann eine erste Einschätzung auf die folgende Herausforderung beim Blick auf die nahezu umgekehrte Himmelsrichtung getroffen werden. Und sie vermittelt erstmalig auf der grandiosen Reise ein Gefühl von der Mächtigkeit des Gebirges.

Simon noch guter Dinge auf der Birkkarspitze – im Hintergrund tolle Gipfel im westlichen Teil der Hauptkette

Das Ziel, die Soierngruppe in bedenklich ferner Distanz, die gesamte Gruppe von hier nur einem Strich von nicht einmal einem Viertel der Breite des Fotos dorthin. Dieser Eindruck ist in natura zu erleben und einer der stärksten, einer der einprägsamsten auf der Zeitreise durch die Karwendelketten.

Rückblick auf das Lafatscher Joch

Die zentrale Lage der Birkkarspitze  muß aber auch genutzt werden, um die für die Durchquerung die Nebenschauplätze bildenden Himmelsrichtungen zur Erfassung des Gebirges zu erleben.

Ansicht in Durchquerungsrichtung – die Soierngruppe nur ein kleiner Strich weit entfernt (gleich rechts Bildmitte)

Da tut sich im Osten ein einzigartiges Panorama auf bei dem die zentral zu bestaunende und gestaltlich auffallende Sonnjochspitze sowie der am Bild rechts (südlich) davon gelegene riesige Roßlochkessel mit seiner grandiosen Umgrenzung von besonderen Gipfeln als prägende Elemente im östlich auslaufenden Gebirge erlebt werden. Umwerfend der Eindruck an diesem Tag.

schöne Kulisse im Ostteil des Karwendels – mittig das Sonnjoch

Den Westen prägen nicht minder interessante Erscheinungen. Die mit dem Schlauckarsattel verbundenen und ebenfalls zu den höchsten zählenden Ödkarspitzen sind innerhalb der Kette in der absolut rechts situierten Position die nächsten Erhebungen. Links davon, in der Tiefe betrachtet eine vermeintliche Unzahl an Gipfeln und Erhebungen, die, einzeln gesehen, bis hin zur äußersten Erhebung im Kamm, der Pleisenspitze, nur dem absoluten Kenner zur Identifizierung vorbehalten sind, denn ihre Lage und Entfernung täuscht ungemein. Gewiss, die schöne Pyramide der Großen Seekarspitze erkennt auch der nicht so versierte Karwendelfreund, aber alles von Süd nach Nord zwischen dieser und den Ödkarspitzen richtig zu deuten bedarf großer Erfahrung und Kenntnis von der von der Birkkarspitze aus sieben Kilometer bis zur Pleisenspitze messenden westlichen Hauptkette.

am Gipfel um halb zwölf angekommen

Die Eindrücke aufgesaugt, steht nach dem Abschied vom Hochpunkt der Reise zunächst ein nicht zu unterschätzender Abstieg mit den leichten Patschln durch das Schlauchkar an, das regelrecht bezwungen werden will. Hierzu sei dem Bergfreund geraten die höchste Aufmerksamkeit walten zu lassen, denn das Schlauchkar mit seinen Dutzenden von Zweigwegen und großen Brocken im obersten Teil des Steiges mag tückisch für das Umknicken beim eiligen Abstieg mit diesem zweifelhaften Schuhwerk sein. Allerdings trägt die gute Laune nach der erlebten Kulisse sehr zur Bewältigung der anstrengenden Etappe bei.

am Abstieg ins Schlauchkar

Im tieferen – und dort schon wieder begrünten – Teil nach der oberen Steinwüste des Schlauchkares nahm die Tageserwärmung ihren Höhepunkt ein, die gut zwei Stunden anhalten sollte und die beiden Wasserflaschen, die am Karwendelhaus nachgetankt wurden, rechtfertigte.

Rückblick im oberen Teil des Schlauchkares

Eine Stunde mußten wir für den Abstieg aufwenden bevor die heiß ersehnte Knödelsuppe im Karwendelhaus vor uns am Tisch dampfte. Am Mittwoch Mittag war das beliebte Karwendelhaus zum Glück mäßig besucht wodurch wir ohne Hast in einer halben Stunde die Hauptpause des Tages absolvierten. Knödelsuppe und ein unkastriertes Bier für den Verfasser, Simon vertraute auf Zuckerwasser zur Suppe. Die rechtzeitige und dosierte Energiezufuhr ist essentiell auf großen Vorhaben – das mußte der Verfasser, der sich bei körperlicher Anstrengung immer dazu zwingen muß, schon oft erfahren.

Bäralplsattel im Zoom

Das Karwendelhaus verließen wir nach knapp neun Stunden nach dem Start und nach der Einschätzung des Verfassers sollte die folgende Etappe bis zur Krinner-Kofler-Hütte eine eher leichte werden, bei der nicht zu viele Kräfte erforderlich sein sollten, um den finalen Anstieg und die Überschreitung der Soierngruppe gut zu verkraften.

Karwendelhaus, 1.771m

Ungern – aber zur besseren Einschätzung von Lesern die die Reise nachvollziehen werden – gleichwohl unumwunden gibt der Verfasser hier zu, daß diese Einschätzung grundfalsch war.
Der schöne Gjaidsteig, noch von der Birkkarspitze aus gesehen ein so unscheinbarer, sich als vermeintlich auf einer Isohypse dahinziehenden Linie erwarteter Steig, gibt seinen schönen Verlauf nicht ohne viel Schweiß her, er hat es mächtig in sich.

Abzweigung vom Fahrweg zum Gjaidsteig

Zuerst zweigt er in der letzten engen Kurve am Schotterweg zum Karwendelhaus unscheinbar ab und steigt  danach gut zwei Dutzend Höhenmeter an. Anschließend führt er in einem nicht enden wollenden und nicht unerheblich anstrengenden Auf und Ab, das jeweils kaum mehr als 10Hm beträgt aber ständig wechselt, eine Stunde durch die Flanke unter der Vogelkarspitze hindurch, um, schlußendlich als Höhepunkt, in einem schauspielartigen Gewirr an quer zur Gehrichtung verlaufendem Wurzelwerk von Zuntern in das man tief eintaucht, sich in einer Art Körpermikado bewegt, um dabei kaum mehr Gehgeschwindigkeit zu erreichen und sich in der den eiligen Marsch überlagernden Nachmittagshitze erstmals mentale Herausforderungen spürbar machen. Wohltuend ist dann der endlich erreichte Blick auf das Bäralpl, auch wenn nach dem Aussichtseck noch 50Hm zum Sattel auf 1.820m anfallen.

am schönen Gjaidsteig

Der Bäralplsattel im südlichen, tirolischen Teil besteht aus Raiblerschichten, erstmals auf der Strecke aus einem geologisch schlechteren Teil, die Festigkeit und Verwitterungsbeständigkeit betreffend. Höchstwahrscheinlich dadurch ist es im Laufe der Zeit überhaupt zu diesem tiefen Einschnitt in der Nördlichen Karwendelkette gekommen, weil die aus festem Wettersteinkalk bestehenden Erhebungen links und rechts des Bäralpls stehen seit jeher bombenfest und ohne Höheneinbußen durch Verwitterung.

einzigartige Ansicht des Karwendeltales vom Gjaidsteig

Überhaupt dürfte sich im Gebiet westlich vom das Bäralpl eine Raibler- oder ähnliche Störzone von Südost nach Nordwest durchziehen, das kann auch auf den Fotos von Juergen auf die Raffelspitze immer wieder deutlich abzeichnet. An der bayerischen Nordflanke der Kette bestehen hohe Abstürze aus wiederum festem Wettersteinkalk, daher nimmt es auch nicht Wunder, warum Jürgens Anstieg immer wieder eher nördlich erfolgt, als am Grat oder südlich desselben.

Bäralplsattel, 1.820m

Der wohltuend leichte Abstieg vom Bäralplsattel Richtung Staatsgrenze wurde für uns zu einem Läutkonzert von Dutzenden von hell klingen Glocken an scheuen Schafen. Bis weit hinaus zur Grenze konnten wir sie hören.

Soierngruppe vom Bäralpl aus

In der Meinung, der Abstieg vom Bäralplsattel sollte eine leichte Erholungsstrecke sein täuschte sich der Verfasser abermals. An der Grenze beginnt ein nicht ganz ungefährlicher Abstieg auf einem schutt- und teilweise nässedurchsetzem natürlichen Felsbandsteig, der seilversichert bis zu weniger steilen Partien hinabzieht. Keine einfache Angelegenheit von Familien mit kleinen Kindern, die uns entgegenkamen (später, unten am Bärenfallbach, der durch die Abbrüche des Sattels herab braust sahen wir, daß es eine zweite Möglichkeit des Abstieges gegeben hätten, in der AV Karte als Steigspuren vermerkt und sicher eine gesonderte Erforschung wert).

luftiger Abstieg zu den Reisen

Fast hätten wir die unbeabsichtigt getarnten Wegweiser in der Schuttreise übersehen und wären Richtung Hochlandhütte aufgestiegen, wenn nicht, nach einer Wegverzweigung am Wiederanstieg des Hauptsteiges zur Hochlandhütte, Wegweiser in der losen Schottereise geschützt hinter Blechwinkeln erblickt werden hätten können.

Wegweiser in schwierigem Gelände

Unser Weg präsentierte sich dabei als ein anscheinend selten begangener, denn er war in der Schottereise teilweise nur erahnbar, nicht aber durch Farbe und Muldung immer eindeutig erkennbar.
In jedem Fall führte er uns wieder genau so nach Osten wie das Felsband in den imposant steilen Wettersteinfelsen oberhalb uns zuvor nach Westen abwärts geleitet hat. Eine nun erklärliche quer ausreißende Spitze auf der Karte.

die beeindruckende Nordseite des Bäralpls

Die Abwärtsquerung in der Schotterreise zeitigte nach 32km nun erstmals aktives Spüren der Sohlen. Die Reibung in den unfesten Halbschuhen ist beim abschüssigen Queren besonders groß und leichtes Brennen die Reaktion davon. Von gut 1.800m am Bäralpl führt der Abstieg auf knapp über 1.300m hinab auf die Almfläche Hufachboden südöstlich der Krinner-Kofler-Hütte.

Huefachboden gen Süden

Bis zu dieser dauert es aber noch ein ganz schönes Stück auf einem wiederum stetig auf- und ab-führenden schmalen Steig, der teilweise an Abbrüchen durch ein Gemisch von Hauptdolomitfelsen und Raiblerzonen hindurchführt und in dem uns just die über uns liegende schwere Regenwolke einen prasselnden Gruß von ein paar Minuten niederbrachte. Ein Gruß der gerade ausreichte, daß aller verfügbare Regenschutz angelegt werden mußte und die nachfolgenden zwei Kilometer über den Steig die kaum knöchelhohen Grashalme links und rechts des schmalen Pfades gerade so weit hereinreichten, daß die Schuhe auch innen nass genug für ein unangenehmes Gefühl wurden. An diesem Abschnitt trennten uns wahrscheinlich gerade einmal 10min von Trockenheit – es sollte für uns nicht sein, daß wir trocken blieben, wir waren vorher wahrscheinlich zu langsam und wurden daher bestraft.

Krinner-Kofler-Hütte

An der Krinner-Kofler-Hütte bestand letztmalig die Gelegenheit Wasser aufzufüllen und dies wird jedem geraten, der nach gut 35km und elfdreiviertelstunden dort ankommt und den Hauptteil der Soierngruppe im Aufstieg vor sich hat.

Aufstieg zur Soiernspitze

Der Aufstieg zur Soiernspitze erfolgt von der Krinner-Kofler-Hütte zunächst über ein paar sanft ansteigende Rampen auf breitem Wege, sodaß sich auch ein schon alter Mann vor dem Simon nicht schämen mußte und zumindest Gehgeschwindigkeit zustande brachte, auch wenn er die Normalsteiggeschwindigkeit von 11m/min nicht erreichte.

auf etwa 1.700m gegen Süden zum Bäralpl geschaut – der Alternativanstieg links kann erahnt werden

Nach 400Hm auf etwa 1.700m war es dann soweit – zu wenig Energiezufuhr (seit dem Karwendelhaus nur einen der grausigen Müsliriegel verzehrt) zwang den alten Mann in die Knie und eine Esspause mußte eingelegt werden. Speck kam zum Einsatz. Im Wissen, daß dieser nicht ganz die richtige Wahl sein würde gab es obendrauf noch einen großen und grausigen Eiweißriegel und damit sich alles zusammen beim Verdauen vertragen mochte, sollte ein Käppchen von Peter Mayrs Enzian, das erprobte Höhenkrankheitsmittel des Verfassers, für Ruhe im Magen auf den nächsten 550Hm Aufstieg sorgen.

Aufstieg zur Soiernspitze oberhalb des Jöchls

Während sich alles mischen sollte unternahmen wir eine „Recognoscirung“ auf den Bäralplsattel und die links und rechts davon flankierenden Nordabstürze der Nördlichen Karwendelkette. Auch diese Kette hat ihre Schönheiten und die nördlich vorangeschobenen hoch aufgerichteten und zu bizarr verwitternden Schluchtenbergen aus Raiblerpartien vermitteln den selben heimeligen Eindruck der südlichen heimischen Karwendelketten. Die Geschlossenheit des Zentralteiles des Gebirges konnte nun in gewisser Weise „von außen“ betrachtet werden. Die Birkkarspitze ist am Anstieg zur Soiernspitze nicht sichtbar, somit fehlt die optische Einschätzung der Distanz.

die hohen Gipfel der Nördlichen Karwendelkette – Wörner äußerst rechts im Bild

Mit einem beginnend sonderbaren Gefühl im Magen des Verfassers starteten wir wieder durch und erreichten einen Sattel an dem eine mit 1 ¾ Stunden völlig falsche Zeitangabe für die verbleibenden 450Hm getroffen wird. Dies verunsichert zunächst, der Gipfel ist von dort nicht sichtbar.
Die Strecke nach dem „Jöchl“ bereitete dem alten Mann dann schon einige Mühe und der edle Speck beschwerte sich ob der Anwesenheit von eher chemischem Gummizeug aus der Fabrik und bereitete zeitweise ein derart unangenehmes Gefühl, das bei zu stark vertiefter Aufmerksamkeit darauf höchstwahrscheinlich in einen unerwünschten Vorgang hätte überschwappen können. Also mußte sich auf den Anstieg konzentriert werden und das erste Nachdenken über die mögliche Ankunftszeit in Krün lenkte genügend ab, um die kritische Verarbeitungsphase im Unterleib unbeschadet zu überstehen.

das Gipfelkreuz der Soiernspitze sichtbar

Bei einem kühlen Lüftl durch mehrere zuvor entladene Regenwolken in der Umgebung ging es am Südostrücken zur Soiernspitze auf 2.257m, die wir knapp nach 18 Uhr erreichten, bzw. Simon 10min eher, um somit nach knapp dreizehneinhalb Stunden den Hauptteil der Anstiege bewältigt zu haben und einigermaßen erfreut darüber zu sein.

Soiernspitze, 2.257m

Das Wetter über uns war wieder grundstabil und großteils sonnig. Der nicht angenehme und kühle Wind von Nordosten, hervorgerufen durch ein Gewitter über Lenggries, veranlasste uns nach einigen Minuten des Verweilens und einigen Übersichtsfotos die Reststrecke in Angriff zu nehmen, immerhin trennten und noch 10km und gut drei Stunden Marsch vom Ziel.

die schönen Soiernkare mit den gleichnamigen Seen

Am interessanten Grat zur Reißenden Lahnspitz trifft man unweit östlich der Scharte mit dem Abzweig zum Soiernhaus auf Felsausbildungen wie sie üblicherweise dem Dolomit vorbehalten sind, grobbankig aufgebaute Felstürmchen. Sie werden südlich umgangen und jenseits der Scharte erfolgt der Anstieg zur Reißenden Lahnspitz, der nun schon recht schwer fällt mit Normalgeschwindigkeit begangen zu werden und auch auf die letzten rd. 40Hm wurde verzichtet und der Gipfel in der Südflanke umgangen.

Blick auf den Hauptgrat der Soierngruppe, weit hinten unser Abstiegspunkt

An der Westseite der Flanke bietet sich der erste Blick zum letzten Sattel, den Seinskopf, und wenn man nach all dem vorher erlebten an diesem Punkt steht glaubt man im diffusen Gegenlicht der schon tief stehenden Sonne nicht mehr so richtig daran den Seinskopf noch zu erleben – ein schier ewig langer Weg scheint sich zu ihm hinzuziehen. Tatsächlich beträgt die Weglänge kaum mehr als 3km, beinhaltet aber doch noch 130 nun auch in den Beinen spürbare Höhenmeter und zieht sich über eine Stunde hin.

schöne Formationen am Grat zur Reißenden Lahnspitze

Die Wanderung auf üppigen Wiesen dorthin – und auch schon eine Stunde vorher – verlief mehr und mehr wortkarg zwischen dem wackeren Simon und dem Verfasser, ein Produkt der Anstrengungen bisher und Manifestation von Zeichnung durch die Anstrengungen.
Die Zeitlosstimmung am Frühabend in Sonnenschein auf 2.000m wirkte gewaltig anstimmend auf das Gemüt und immer wieder kreisten die Gedanken über die bisher erlebten Stationen der Reise, die zigmal im Kopf durchgegangen wurde und trotzdem noch so unfassbar schien. Allein diese Augenblicke wären es wert, das Unternehmen erneut durchzuführen. Ob es dann an Reiz einbüßen würde – wer weiß?

an der Umgehung des Gipfels der Reißenden Lahnspitze – unser Abstiegspunkt im dunklen Sattel leicht links der Bildmitte sichtbar

Die Soierngruppe muß man erlebt haben. Ihr Aufbau ist der typische durch Überschiebung geprägte, mit mehr oder weniger steilen Südhängen und steilen bis senkrechten Nordabbrüchen. Alleine fehlen die nördlich vorne her geschobenen Raiblerpartien – zumindest konnten keine gesichtet werden.
Im Rückblick auf Soiern- und Reißenden Lahnspitze – das Foto zaubert mit dem tollen abendlichen Lichteinfall wunderbar die Schichten des Aufbaues hervor – Plattenkalk in bilderbuchartiger Ausbildung.

wunderbar sichtbarer Plattenkalk Aufbau der Soiernspitze

Zur tiefsten Einschartung vor dem Seinskopf hin benötigten wir eine gute Stunde. Die Schöttelkarspitze haben wir der fortgeschrittenen Stunde wegen ausgelassen. Ziel war ja ohne Fremdlichtquelle auszukommen. Dort beginnt der letzte, dafür auch nur kurze Aufstieg zum Seinskopf, eher ein Joch als ein Kopf, und dort beginnt auch die knapp 6km finale Abstiegsstrecke nach Krün über 1.100Hm.

Grat zur Schöttelkarspitze im Abendlicht

Selbst die wenigen Dutzend Höhenmeter Anstieg wurden dem Verfasser nun anstrengend. Eine leichte Gewitterfront über Garmisch spornte jedoch dadurch an, als daß sie den Anschein hatte sich auf unsern Abstieg auszudehnen.

kurz für der Einschartung zwischen Seinskopf und Schöttelkarspitze

Im letzten Rückblick wartete die Natur noch mit einer kleinen Belohnung auf. Die meisten Gipfel der Karwendelketten waren leider durch Wolken verdunkelt, die Birkkar- und die Ödkarspitzen als einzige Gipfel in 13km Luftlinienedistanz aber wunderschön hell erleuchtet. Mit diesem schönen Abschlussblick in die Ferne und der Verständigung vom treuen Andi, der verletzungsbedingt ausfiel und den Abholdienst versprach, traten wir den allerletzten Abstieg an.

der letzte Blick auf die Birkkarspitze; danke für die grandios heraushebende Beleuchtung!

Die Zugrichtung des Gewitters wies zwar in unsere Richtung, es verlor jedoch glücklicherweise rasch an Kraft, erreichte uns nicht mehr und so bleib uns eine zweite Regenadjustierung erspart.
Man möge den Abstieg vom Seinskopf nach Krün nicht unterschätzen, vor allem, wenn man einiges hinter sich hat. Nach der Halbumrundung des Schöttelkars, beim letzten Blick auf die Schöttelkarspitze vom Sattel in den Wald hinab zieht sich ein recht steiler Weg, der nach fünfzehn Stunden Marsch keinen Abendspaziergang darstellt, auch wenn er abwärts gerichtet ist und wenige kleine Querungen vernachlässigbare Gegenanstiege aufweist.

Abstieg vom Seinskopf nach Krün

Die Route über den Nordteil der Hüttlebachklamm schlug Simon vor auszulassen, da der andere Wegweiser eine Viertelstunde Einsparung nach Krün zu versprechen schien. Beim nachträglichen Studium der Karte erschien das nicht so sicher, denn der alternative Weg beschreibt einen nicht notwendigen Bogen im untersten Teil und führt zuletzt recht seicht knapp oberhalb des Isarufers rückwärts zur Brücke entlang. Natürlich spürten wir auf den letzten Abstiegsmetern jeden einzelnen Schritt recht intensiv auf den Sohlen.

Ankunft am Ziel in Krün, 21:15 Uhr

Um 21:15 erreichten wir nach sechzehneinhalb Stunden, 4.200Hm und knapp 50km Wegstrecke die Brücke über die Isar und den Parkplatz in Krün, bei dem Andi gerade eingetroffen war und mit einer Dose Hopfensaft für die Überraschung des Tages sorgte.

Für Interessierte hier das Höhenprofil (mehr Details und die Gehzeiten in der Bildergalerie):


Die Reise konnte im hellen Teil eines Tages somit plangemäß beendet werden. Unbeschreibliche Eindrücke darüber wurzeln noch immer tief und das Gebirge hat im Kopf eine neue Dimension geöffnet, womit auch das Ziel erreicht wurde und der Verfasser sich vor dem mächtigen Karwendelgebirge tief verneigt zugelassen worden zu sein.

Mils, 25.07.2018

Larchetkarspitze – über Kohlergraben und Hinterkar mit Überschreitung zur Pleisenspitze

Seit Jahrzehnten kann der Anstieg zur Larchetkarspitze über den Kohlergraben und das Hinterkar als die kürzere und abwechslungsreichere Alternative zum Normalanstieg über Pleisenhütte und Mitterkar nachgelesen werden.

Rückblick auf die Strecke von der Larchetkarscharte

Wenn man von der Scharte, die den Gipfel vom südlich vorgelagerten Felsturm trennt, abgestiegen ist und sich den oberen Teil des Mitterkars ansieht, dann bekommt die obige Aussage wirklich Wahrheit, vor allem, wenn man den zuvor absolvierten Anstieg über das Hinterkar damit vergleicht. Gefühlte 250Hm übelste Reisenhänge mit kleinstückigem Schotter und ordentlichen Steigungen müssen kräftig an Kondition und Gemüt zehren wird hier gewagt zu behaupten.

Larchetkarspitze, 2.541m

Anders präsentiert sich der Anstieg über den Kohlergraben und das Hinterkar.
Dieser Anstieg ist in der Tat sehr abwechslungsreich, er liegt im Sommer bis weit in den Vormittag hinein angenehm im Schatten und die Strecke über Reisen vom Kar aus erfolgt bei schlauer Wahl des Anstieges wesentlich weniger im zermürbenden Schotter.

malerisch geht es weiter

Die Tour aber vom Beginn an beschrieben – und da es eine Rundtour über die Pleisenspitze ist, entfällt jegliches Radlfahren zum Ausgangspunkt, auch das zunehmend beliebte Stromradl wird für die Anreise nicht benutzt.
Der Endpunkt der Runde (Gasthaus Wiesenhof) liegt vom Start der Runde auf der Hinterautalstraße ca. 4,3km entfernt. Wer am Ende der Tour diese Strecke taleinwärts bewältigen möchte, der fahre mit dem Radl zum Ausgangspunkt.

am Weg zum Ausgangspunkt die Gipfel bereits sichtbar

Gesamt müssen nicht nur die 4.3km sondern 6km zum Einstieg in den Wald bewältigt werden. Eine gute Strecke zum Aufwärmen und vor Sonnenaufgang eine leichte Sache, die in einer guten Stunde zu schaffen ist. 6kmh sollte für den Bergsteiger zu Beginn eines langen Unternehmens keine nennenswerte Sache sein. Bei diesem Fußmarsch werden knapp 130Hm bewältigt und 40 davon wieder eingebüßt.

genau hinter dem Schotterhaufen geht es hinauf

Zunächst muß der Einstieg gefunden werden und das ist reine Intuitionssache, denn nach 20Hm gibt es keinerlei Steigspuren mehr, denen man folgen könnte. Der Einstieg in den Kohlergraben befindet sich linkerhand wenige Meter vor der Brücke über den Hinterkarbach, just dort wo sich eine Einbuchtung als Ausweiche mit (derzeit) einem Schotterhaufen neben der Straße befindet. Genau in der Einbuchtung setzen am Abbruchrand Steigspuren an, die einige Meter entlang des Bachlaufes und aber gleich links über eine Böschung hinauf in den Wald führen.

Blick Richtung Kohlergraben

Nach kaum zwei Minuten verlieren sich die Spuren im Wald und die Intuition muß die weitere Leitung des Anstieges übernehmen.  Das irritiert zunächst, allerdings wird später klar, daß die Anstiegsrichtung zwangsweise dem Bachlauf folgen muß und unterhalb der von der Hinterautalstraße bereits gut sichtbaren steilen Schrofen in den Kohlergraben führen muß. Wer hierzu nicht in der Lage ist möge das Unternehmen besser über den Normalanstieg über die Pleisenhütte und das Vorderkar durchführen.

den Hang im Wald hinauf, ohne Steigspuren

Im Wald verliert sich großteils die Sicht auf die Schrofen, aber wenn das Geräusch des Hinterkarbaches immer in etwa der gleichbleibenden Lautstärke bleibt, verändert sich auch der Abstand kaum und die richtige Anstiegsrichtung ist somit gut eingehalten. Dann und wann trifft man im Mischwald auf steiler Partien, denen örtlich ausgewichen wird, ohne sich generell zu weit zu entfernen.

ein Abstecher zur Schluchtkante, um den Überblick zu gewinnen

In etwa nach 230Hm, knapp unterhalb Kote 1.300m tauchen steiler werdende Schrofen voraus auf, der Wald wird etwas lichter und das Gelände im Gesamten verändert sich so, daß nur mehr die Gehrichtung nach rechts oben machbar ist. Dies ist die Einmündung in einen Jagdsteig, der ohne große Höhenänderung relativ konstant auf 1.300Hm taleinwärts zieht. Er ist schon von weiter unten gut sichtbar, wenn man etwas westlich ansteigt, nahe dem Schluchtabsturz des Hinterkarbaches. Dieser Blick gibt gute Orientierung von weiter unten.

fast schon am Steig zum Kohlergraben

Ab dieser Einmündung in den Jagdsteig gibt es keine zweifelhaften Passagen bis zum Gipfel mehr es sei denn, eindeutige aber übersehbare Zeichen am Steig werden nicht beachtet, oder man hat keine Führerbeschreibung über den Steig gelesen oder gegoogelt.

am Jagdsteig

Dem Steig wird nun einige Minuten in das Tiefe des Grabens gefolgt, bis er sich mit dem Hinterkarbach schneidet und einige Minuten an dessen linkem Ufer (in Aufstiegsrichtung) entlang führt. Dort angelangt, selbst im Hochsommer in angenehmen Schatten der mächtig hinaufziehenden Basisrippe des Blassengrates lohnt ein Blick zurück auf die bärige Landschaft.

ohne große Höhensprünge

Fast würde nun ein Mini-Steinmännchen auf der anderen Uferseite übersehen, entstünde nicht der deutliche Eindruck, daß der Steig am linken Ufer irgendwie schnell schlechter werden würde und in der Tat, es ist Zeit den Bach zu überqueren und dort einige Meter weiter zu gehen.

welche ein Blick nach Südwesten!

Einen Steig neben dem Ufer wird allerdings vergebens gesucht, ein diesmal großer Steinmann, etwas vom Ufer entfernt, verrät, daß der Steig den Hang hinaufzieht. Deutliche Steigspuren im erdigen Schotter weisen den Anstieg. Vor dem steilen Anstieg empfiehlt es sich den Wasservorrat aufzufüllen. Ein Privileg das bei der Begehung der Larchetkarspitze durch das Vorderkar nicht gegeben ist.

kurz im Graben aufgestiegen

Auf diesem Steig allerdings, kann es 350Hm weiter oben nochmals in Anspruch genommen werden, jedoch ist Wasser im Karwendel auch immer eine jahreszeitliche Angelegenheit und im endenden Juli kann jemand, der die Eigenheiten der jeweiligen Quelle nicht kennt, eine Hand für weitere Versorgung über 1.300m ins Feuer legen.

Steinmann weist den Weg in die Steilflanke

Nun folgen einige Hundert Meter steilen Anstieges durch den schön ausgeschnittenen und abwechslungsreichen Steig, der sich – wirklich toll angelegt – durch den Kohlergraben nach oben zieht. Teils mitten im Latschenfeld, teils an Felswänden der jäh abstürzenden Blassenrippe und noch auf 1.750m mit einem Feld von reifen Moosbeeren, für deren Wohlgeschmack einige Minuten Pflückens verschwendet werden können.

Ausblick nach oben

Bis weit hinauf schlängelt sich der anspruchsvolle Stieg in wohltuendem Schatten dahin, bevor sich auf ca. 1800m die Richtung nach links (westlich) mit ein paar Höhenmetern Verlust ändert und in den wiesendurchzogenen Graben oberhalb der umgangenen Steilstufe mündet.

rasch wird an Höhe gewonnen

Dort gibt es unter Bezahlung von 15Hm Verlust durch Abstieg weiteres Wasser aus einer noch recht ergiebigen Quelle – keine häufige Situation im Karwendel auf dieser Höhe -, die jedoch keine genügend hohe Steilstufe aufweist, sodaß auch lange Flaschen vollständig gefüllt werden können. Eine Schöpfhilfe ist dafür von Vorteil. Da die weitere Tour ohne jeglichen Sonnenschutz stattfindet tanke man entsprechend auf.

Wasser auftanken bei einer hochgelegenen Quelle

Der folgende Abschnitt führt durch Latschengelände durchzogen von Lawinenstrichen. Man halte sich links und erreicht den Toni-Gaugg-Steig, der von der Pleisenhütte zum Karwendelhaus führt und eine ganz tolle Höhenwanderung in der Karwendelhauptkette darstellt.

oberhalb des Toni-Gaugg-Weges Richtung Mitterkar

Diesen auf ca. 2.080m überquert und immer links weiter im noch überwiegend wiesendurchsetzen Kargelände geht es bis etwa auf 2.250m bevor das Hinterkar flacher und nur noch felsig wird. Auf den letzten größeren Brocken empfiehlt sich eine Trinkpause um den günstigsten weiteren Anstieg zu „recognosciren“, wie Alpinisten vor gut hundert Jahren die Geländeerkundung bezeichneten.

den Anstieg am Felssaum gewählt und gut vorangekommen

Die schräge Ansicht der Larchetkarspitze mit ihren südlich anschließenden und von schmalen Scharten getrennten Grattürmen scheint vom Karboden aus höher zu wirken, als sie wirklich ist. Tatsächlich trennen den Ersteiger nur noch an die 250Hm vom Gipfel. Der Anstieg sei zur Vermeidung des Pilgerschrittes in den rutschenden Reisen jedoch strategisch gut gewählt.
Daher entschloss ich mich zum direkt westlichen Aufstieg über das kürzeste Stück Schottereise und dem nach Norden entlang hanteln an der Felskante, mit dem Vorzug immer in festem Fels zu steigen. Diese Taktik funktionierte wunderbar und rascher als erwartet wurde der Einstieg zur Scharte erreicht.

unterhalb des südlich der Larchetkarspitze gelegenen Gratturmes, rechts befindet sich die Scharte

Der Einstieg in die Scharte zum Gipfelturm der Larchetkarspitze erfolgt durch die von unten nur im Ansatz erkennbare Schartenschlucht durch die am Hang darunter auffällig helles (junger Bruch) Schottermaterial zutage tritt und gesichtet wird. Bis dort hinauf wird in sehr akzeptablem Fels- und Schrofengelände gestiegen bzw. im Steigen gequert.

unterhalb der Scharte

Die Brüchigkeit des Gesteins ist hoch und doch bereitet der Aufstieg wenig Schwierigkeiten. Oben am Ansatz der Schartenschlucht blickt man gespannt hinter die Kante die steile Böschung hinauf und bereits nach wenigen Metern zwecks Handeinsatz am festem Fels an der linken Begrenzung wird das schwarze Fixseil zum Gipfel der Larchetkarspitze und die Scharte selber gesichtet. Der Aufstieg in der Scharte dürfte also nur etwa 25-30Hm hoch sein.

in der kurzen Scharte

Vom Schärtchen aus wird über eine kurze Rinne auf ein rechts abgehendes kurzes Band aufgestiegen, das mit einer Verschneidung endet. Der folgende Aufstieg erfolgt mit großer Steilheit (siehe Foto vom Abstieg)  über einen Riß neben der Verschneidung. Das angebrachte Seil bietet vor allem im Abstieg eine psychologische Hilfe in dem „oberen Dreier“ wie Juergen ihn treffend bezeichnete.

das Fixseil bereits sichtbar

Oberhalb dieser Platte wendet sich der Aufstieg abermals nach rechts und führt – nicht sehr angenehm im Abstieg – ein paar Meter über ein mäßig geneigtes schotterbedecktes Band mit brüchigen Griffen in Brusthöhe bevor dann gleich der Ausstieg auf das schmale Gipfelgelände der Larchetkarspitze anschließt. Wenige Meter führen am kurzen Grat bis zum Gipfel.

die Schlüsselstelle gut verseilt für den Abstieg

Das schmucke schmiedeeiserne Gipfelkreuz der Larchetkarspitze erinnert an ein Friedhofskreuz und trägt die Namen zweier Bergkameraden, das sehenswerte Gipfelbuch wird in einer Edelstahlschachtel im Steinmandl daneben verwahrt.

Gipfelbereich der Larchetkarspitze

Natürlich bietet auch die Larchetkarspitze gewaltige Ausblicke auf die umliegenden Karwendelgipfel. Der schönste davon scheint wohl jener in den direkten Osten entlang der Hauptkette zur Birkkarspitze hin zu sein. Aber auch die Ansicht nach Westen zur Pleisenspitze, das weitere Ziel dieser Tour, erfreut durch die schöne Gestalt derselben. Leider läßt sich die Route über den das Kar teilenden Felskopf nicht einmal zur Hälfte ausmachen, weil ein weiterer Kopf dazwischen die vollständige Sicht auf die Ostflanke des Felskopfes raubt.
Der im AV-Führer erwähnte Gamswechsel kann jedoch gut ausgemacht werden und der Weg dorthin scheint zwar kein Vergnügen, aber machbar.

das nächste Ziel die Pleisenspitze – ein formschöner Gipfel von Osten aus gesehen

Die Pause am schönen Gipfel der Larchetkarspitze wurde ob der fortgeschrittenen Tageszeit kurz gehalten und der Abstieg in Angriff genommen.
Das mehrfach geklemmte Kunststoffseil nur an den nötigsten Passagen – und dort auch nur mit kaum Zug – benutzt stieg ich die nicht sehr schweren Passagen bis zur Scharte und weiter bis zum Reisengelände ab. Gleiche Brüchigkeit auch diesseits der Scharte und wen es wundert, der denke darüber nach warum sich ein Trennschnitt im Grat als Scharte gebildet hat.

Bäralpl in der Nördlichen Karwendelkette – in guter Erinnerung des vorwöchigen Vorhabens

Das nun folgende wenig verdichtete und rutschende Reisen- und Geröllgelände ist ein unangenehmes und allein der Gedanke hier aufsteigen zu müssen bereitete mir große Genugtuung der Beschreibung des Anstieges über das Mitterkar Glauben geschenkt zu haben.
Für mich stand nicht der Abstieg bis unter die Kante des Gratkopfes auf der Route, sondern die Querung bis zum nächsten Felskopf an und das gelang nicht ohne einige Tritten ins Leere bzw. in solche Regionen solchen bei denen der rechte Fuß nach dem Auftritt, noch bevor der linke vorne wieder aufgesetzt werden kann, ins Nichts verschwindet, sich plötzlich links unterhalb des Körpers befindet und als Gegenreaktion des Gleichgewichtssinnes der rechte Arm mit dem Stock unkontrolliert hangaufwärts einsticht, um einen Sturz zu vermeiden, was nicht immer gelingt – mein Albtraum im Reisengelände. Es sollte noch einiges an Gelände dieser Art kommen, die Ouvertüre dessen war jedoch nicht zu verachten.

die kühne Larchetkarsopitze

Endlich wieder festen Boden unter den Füßen konnte etwas aufgeatmet werden und die folgenden festen Felspartien um den ersten Kopf herum zu durchschreiten. So gelang ich halbwegs bequem auf den ersehnten Gamswechsel am großen, das Kar teilenden Felskopf.

in der Ostflanke des Felskopfes

Der erste Blick galt der Gegenseite, was mich dort erwarten würde. Eine rotbraune Rinne Störzonenmaterials zieht sich dort hinunter. Sie ist wegen ihrer abhebenden Farbe auch noch gut von der Pleisenspitze aus zu sehen.

Westflanke des Felskopfes

Das beschriebene breite Band blieb aus und weil mich das wunderte beschloss ich am Grat bis zum nächsten Absatz vor zu gehen und die Situation zu erkunden. Dort fand ich das breite Band vor, das jedoch keinen Vorteil zu bieten schien, weil es in der Hälfte des Abstieges wieder in die rotbraune Rinne einbog. Also stieg ich die Rinne ab um an ihrem Fuße das Westende des das Kar teilenden Felskopfes zu erreichen. Die Überschreitung nach dem AV-Führer war somit fast vollbracht, wäre da nicht der weite Kessel an steilem Reisenhang bis zum jenseitigen Aufstieg zum Gratrücken der Pleisenspitze. Die Beschreibung der lästigen Querung unterlasse ich hiermit.

diese ockerfarbene Rinne kann abgestiegen werden

Auf der anderen Seite schätzte ich die Anstrengung über den Felskopf als nicht viel minder gegenüber dem vollständigen Abstieg unterhalb des mittig im Kar liegenden Felskopfes auf Kote 2239m und den Wiederaufstieg ein. Die Ersparnis an Höhe beträgt vielleicht 120m und die Überquerung des Kopfes stellt eben die alpinere Vorgehensweise dar, das ist es aber dann auch. Vielleicht böte sich bei mehrfacher Begehung eine etwas ausgefeilter Routenwahl durch die mühsamen Reisenquerungen, mehr Raffinesse ist aber aus dieser Überschreitung nicht herauszuholen.

eine weite Querung auf unangenehmen Reisen steht bevor

Beim Aufstieg zur Gratrippe der Pleisenspitze galt es wieder die besten Hangverhältnisse zu wählen bei denen möglichst wenig loses Geröll der jungen Schotterreisen begangen werden muß. Zwischen hellem jungen Bruchs liegen ockerfarbene feste Partien, auf denen es sich recht angenehm bis zum Felsansatz steigen läßt.

noch ein wenig Plagerei und dann fester Fels ab der Unterkante der Schrofen

Die felsigen Teile des Trichters oberhalb der Engstelle sind auf der rechten Seite angenehm fest und daher vorteilhafter als die linke Seite, allerdings ist zum Ausstieg (zu einem auch unterhalb schon deutlich sichtbaren Steinmann) dann nach links zu queren. Der Ausstieg aus der Aufstiegsrinne erfolgt etwa 120Hm unterhalb des Gipfelkreuzes der Pleisenspitze unweit vom Normalweg.

am Ausstieg des Aufstiegstrichters

Rasch wird die Pleisenspitze erreicht. Ein unspektakulärer leichter Gipfel, aber auch der erste in der Karwendelhauptkette und daher eine Landmarke.
Der Übergang nahm knapp 75min in Anspruch, die Beschreibung im Führer spricht von zwei Stunden (über den Felskopf). Einen Vergleich mit der meistbegangenen Route unterhalb des Felskopfes werde ich wohl nicht bekommen, da dieser Übergang nicht mehr auf meinem Programm liegt.

erfreulicher Blick Richtung Gipfel der Pleisenspitze

Die wiederum tolle Aussicht von der Pleisenspitze wurde beim Füttern der frechen Dohlen genossen, die diesen touristisch stark genutzten Berg längst für sich als Futterquelle eingenommen haben.
Ein Biker mühte sich ab sein Radl bergab zu schleppen und fand einfach keinen Abschnitt am Gratrücken an dem er fahren konnte.

der Übergang im Überblick, zeitlos schön!

Mit drei wackeren Münchnerinnen wurde noch ein Weilchen geplaudert bevor es ab zur Hütte ging, vorbei am Radlträger mit seinem Betreuer. Das Duo erreichte die Pleisenhütte als ich schon längst mit Siggis toller Knödelsuppe fertig war.

Blick zum Lafatscher Joch

Trotz großer Nachmittagsschwüle eilte ich in Vorfreude auf das Getränk den Abstieg hinab zum r²π/4, dessen mathematische Berechtigung erst nach eingehender Geometrieprüfung des Grundrisses klar wird, meinem Standardeinlöseort für den Parkgutschein.

und dieser Blick!

Die Messung der Bergsteigeruhr zeigte 1.810Hm im Aufstieg und 8:40 Dauer der gesamten Runde, die ich als sehr abwechslungsreich und lohnend empfunden habe.

Mils, 29.07.2018

Hochkanzel, 2.575m

Die Hochkanzel ist der Eckpfeiler im Roßlochkamm bei der sich der Grat von seiner West-/Ostrichtung in die Süd-/Nordrichtung wendet und erreicht wird sie von der Gamskarspitze aus in phantastischer Gratkletterei. Nach ihr folgt die Roßlochspitze als zentraler Gipfel im Roßloch, hoch über dem Roßkar.

Hochkanzel, 2.575m

Wer sich für die gesamte Gratstrecke bis zur Hochkanzel interessiert der möge vorher den Bericht zur Brantlspitze lesen. In gegenständlichem Bericht werden nur neu erlebte, besondere Passagen der ersten Etappe zwischen Gamskarspitze und Brantlspitze beschrieben und die Überschreitung zur Hochkanzel im Detail.

Blick vom Lafatscher Joch auf den auslaufenden Roßlochkamm, dahinter Südliche Sonnenspitze

Als Tagestour gesehen – die wegen der großen Entfernung vom Startpunkt beim Hackl im Halltal in Frage kommt stellt die Hochkanzel, zumindest für den Verfasser, das äußerste Ziel dar, das erreichbar ist. Eine Begehung des gesamten Grates über die Hochkanzel hinweg bis zur Roßlochspitze würde vorzugsweise mit einem Abstieg in das Roßloch und mit Rückweg über die Kastenalm zu wählen sein.

Almauftrieb in den Halleranger, dahinter Jochreisen und Lafatscher Roßkopf

Bei einem solchen Unternehmen muß im Übrigen, nach all der bisherigen Erfahrung mit dem nicht unerheblich zeitraubenden Grat bis zur Hochkanzel, die Begehung in umgekehrter Reihenfolge empfohlen werden, da die genussvollen Gratstücke lieber im Aufstieg genommen werden.

die Raiblerschichten vor dem Burattipfeiler, dahinter die Gamskarspitze

Möglicherweise stellt die oben angedachte Runde eine abschließende Erkundungstour in diesem Gebiet dar und je mehr beim Verfassen dieses Berichtes darüber nachgedacht wird, desto mehr – so muß der Schreiber bei Niederschrift dieser Zeilen feststellen – manifestiert sich dieser Gedanke.

Lafatscherverschneidung

Den durchaus ernst zu nehmenden Gratabschnitten im Roßlochkamm wohnt ein eigener Zauber inne, vielleicht aufgrund der nicht so sehr dramatischen Höhenunterschiede zwischen den Scharten wie in den gewaltigen Girlanden der Gleirsch- Halltalkette und somit für einen alten Mann durchaus schmeichelnd in der konditionellen Herausforderung.

scharf getrennt, schlechter Fels und fester Fels an den Schnittlwänden

Auch wenn hier scheinbar Werbung für ein selten begangenes Kleinod im Karwendel entsteht, so möge der wenig erfahrene Gratkletterer und der vor Ausgesetztheit und Brüchigkeit Scheue auf die weitere Lesung des Berichtes verzichten. Wir sprechen von einem Terrain das gefährlich ist und Klettertechnik, Erfahrung sowie Entschlossenheit voraussetzt – vom Glück, daß allzeit sämtliche lockeren Gratpartien im Verbund halten mögen ganz abgesehen.

Am Aufstieg zur Gamskarspitze in den Halleranger geblickt

Trotz der klettertechnisch nicht sehr schwierigen Partien – die generelle Einstufung in den zweiten Grad (manchmal vielleicht ein sehr oberer „Zweier“) trifft gut zu – sind die begleitenden Umstände am und zu beiden Seiten des Grates zur Hochkanzel eben die Zutaten für ein eher heikles Unternehmen. Hat man einen Partner mit so niemals einen dessen Kletterkünste und Resistenz im Ausgesetzten man nicht genau einschätzen kann.

die Inschriften von Tützscher und Wechner am Beginn der Felsstrecke zur Gamskarspitze

Nun genug der Gefahrenhinweise, all jene die die Begehung der Hochkanzel von der Gamskarspitze ernsthaft in Erwägung ziehen sind sich ihrer Eigenverantwortung bewußt. Als echter Bergsteiger würde man niemals jemand anderen für sein Unglück verantwortlich erklären, dies ist Fremden vorbehalten.

Die wenig dampfgesättigte klare Luft am so herrlichen Junimorgen erlaubte selbst für die mittelmäßige Bildleistung eines Telefons phantastische Aufnahmen während der langen Anreise vom Hackl zum Halleranger. Die Schnittlwände mit dem wurstradlgleich abgeschnittenen Burattipfeiler (vor knapp vier Jahrzehnten von Udo und dem Verfasser als schwierigste Klettertour ever in dessen Karriere bezwungen) hinterm Joch machen Fotos der Heimat zu einem Blickfang an dem alle Ansichten von Südseeinseln verblassen.

am Grat zur Gamskarspitze

Brüchige und deshalb rasch vergängliche Raiblerschichten von hochfestem Wettersteinkalk über Jahrmillionen in der Aufschiebung vorne hergeschoben, senkrecht aufgerichtet, zerschartet und von Wind und Wetter gerichtet können im Abstieg zum Halleranger bestaunt werden. Phantastisch skurrile Anblicke und wie Aristoteles in einem Aphorismus treffend erkannt hat: „Die Natur schafft immer von dem, was möglich ist, das Beste“.

alle Gipfel des heutigen Tages; von re. n. li.: Gamskarspitze, Brantlspitze, Hochkanzel

Nach dem Auftanken von Trinkwasser an nicht ultraviolett behandeltem und daher keimbehaftetem, kristallklarem und wohlschmeckendem Bergwasser an den Quellen im Halleranger galt es, wie alle Jahre wieder, beim Aufstieg zur Gamskarspitze den kleinen Kampf mit den Latschen auszufechten.

das nächste Ziel, die Brantlspitze

Der kleine Kampf besteht in der Suche nach dem effizientesten Aufstieg durch die Zunternfelder (Latschenfelder) nach der großen Wiesenfläche mit den markanten Nadelbäumen an seinem Saum. Hier verliert sich der breite Steig, der von der Lärche schräg oberhalb der Hallerangeralm in Richtung Hallerangerspitzen angestiegen wird in zig einzelne Gassen, die aber meist nur Gamsspuren sind und keine gut gangbaren Aufstiege.

Grubenkar- und Dreizinkenspitze über dem weiten Roßkar

Ein Tipp für all jene denen die Gassen zwischen den sichten Latschen nicht so geläufig sind besteht darin, daß die Almwiesenfläche einfach bis zu einer Wasserrinne ostwärts aufgestiegen wird und dann über den teilweise recht schroffigen aber dafür latschenfreien Einschnitt des Wasserlaufes über die Latschen hinausgestiegen wird.

Karwendelhauptkamm

Damit kommt man etwas weiter östlich der Ideallinie an und muß steil weitersteigen, vermeidet aber den kleinen Kampf und spart Zeit ein. Oben trifft man auf die Rippe mit den Schrofen, die sich zu oberst zum Grataufbau hinziehen und den Weg zur Gamskarspitze auch ohne Markierungen weisen.

Tützscher und Wechner haben sich zu Beginn der folgenden Felsstrecke – wie es deren Brauch gebot – vor mehr als 120 Jahren mit schwarzer Farbe auf glattem Fels verewigt und noch heute ist an den gut erhaltenen Buchstaben erkennbar, daß dies sogar mit hoher Präzision in der Glyphologie geschah (Wechner war Lithograph). Diese Markierungsart von vollendeten Touren als Erstbegehung seien dem alpingeschichtlich interessierten Leser hier nicht vorenthalten (die beiden Paradebergsteiger waren Mitglieder in einer der ersten und berühmtesten Bergsteigervereinigung in Tirol, der „Wilde Bande“, die von 1878 bis Ende der 1930er Jahre existierte; sollten die beiden gemeinsam unterwegs gewesen sein, dann muß es vor 1884 gewesen sein – Wechner starb in diesem Jahr, Tützscher 1897).

von der Gamskarspitze in den Halleranger geblickt

Bald nach dem Ende der Wiesenhänge und dem Beginn der Gratzone ist die Gamskarspitze zuerst über einen Schutthang, sodann weitgehend am Grat und zuletzt in der südlichen Gipfelflanke erreicht.
Bisher ein leichtes Ziel und bis oben hin mit Stöcken zum Gipfel begehbar. Kurz vor dem Gipfel können über einen kurzen Bereich am Grat alle drei Gipfel der nun folgenden Überschreitung bis zur gleichzeitig eingesehen werden – Gamskarspitze, Brantlspitze, die Zwischenerhebung nach der Brantlspitze und zuletzt die heute begehrte Hochkanzel.

Der Rückblick auf den Halleranger und der Halltalkette vor dem nun langen Weg ausschließlich auf Fels ist unersetzlich und deshalb hier eine Ablichtung.
Zu Beginn der Gratkletterei zur Hochkanzel findet sich im Bereich der Gipfelbuchschachtel erneut eine verwitterte Markierung von Wechner am Fels, leider aber auf den folgenden Gipfeln keine mehr. Möglicherweise wegen der dort kaum vorhandenen ebenflächigen Blöcke im Gipfelbereich, denn es ist schwer vorstellbar, daß ihn der Grat nicht unwiderstehlich gereizt hat.
Zum Gipfelbuch und den Gipfelbüchern auf Brantlspitze und auf der Hochkanzel sei ein Lob und Dank an die beiden Betreuer gerichtet. Sie haben sich sogar die Arbeit angetan die letzten Einträge des alten Gipfelbuches zu übertragen, nachdem dieses durch Feuchtigkeit unbrauchbar geworden ist. Leider habe ich die Gipfelbuchschachtel auf der Hochkanzel in genau der Stellung vorgefunden – liegend! -, die eine Durchnässung geradezu perfekt möglich macht – sapperlot Herr Pfarrer!

die Gegend um das Knappenhüttl unterhalb des Überschalljoches

Im Wissen über die zeitraubende Gratstrecke wurde diese nach hastigem Verzehr einer kleinen Portion Studentenfutter ohne großen Aufenthalt auf der Gamskarspitze um 11:15 aufgenommen.

Tiefe Konzentration am schmalen bis schneidigen Grat läßt die Zeit wie im Fluge verstreichen. Ab und zu ein nachdenkliches Innehalten nach einer brüchigen Partie ist durchaus kein seltenes Erlebnis an dieser interessanten Kante sowie der Wechsel zwischen anregenden scharfen und leichten breiten Gratteilen lassen den Geist vollends in die Arbeit eintauchen und betäuben das Zeitgefühl. An einem Tag an dem es mit höchster Wahrscheinlichkeit kein Gewitter geben wird, ein hemmungslos auszukostendes Erlebnis.

kleine Störzone mit leichtem Übergang wenige Minuten nach dem Start am Grat

Drei Stellen mit Störzonen im Übergang zur Brantlspitze wurden neu abgelichtet.
Die erste kleine Einschartung kurz nach dem Start des Überganges ist in Richtung Brantlspitze leicht durch Umgehung links (nördlich) zu umgehen, auch wenn es nicht so aussieht. Dass man sich vor dem Abstieg auf einer Störzone bewegt erkennt man erst im Rückblick.

zweite brüchige Scharte

Die zweite Stelle – durch eine größere und unangenehmere Störzone – stellt die tiefe Scharte kurz vor der Brantlspitze dar und ist ebenso leicht zu begehen. Im Abstieg kann ein sinnvoller Schwenk nach links (nördlich) zu einem spitzen Türmchen erkannt werden, der im brüchigen Material einem Hauch von Rampe gleicht. Vom Türmchen zurück zur Scharte auf geneigter Fläche auf einigermaßen trittfestem Untergrund.

Abstieg in die Scharte, links die logische Route

Die dritte Stelle stellt der Ostrücken zur Brantlspitze dar. Im Aufstieg ist er leicht, ja sogar erfreulich anregend zu nehmen und die eher nicht mehr bombenfesten Partien am schmalsten Teil fallen wenig auf. Im Abstieg erschien mir dieser Teil mit der anderen Körperhaltung als recht brisant und veranlasste mich in die Nordflanke unterhalb abzusteigen und in dieser zur Scharte zu queren.

Rückblick mit erkennbarer Abstiegsroute

Das Gelände dort ist zwar schuttbedeckt und unangenehm für eine Querung, aber doch etwas sicherer als der besagte Gratteil. Wir sprechen von ca. 25m Gratlänge zwischen den losen Partien unten (deutlich sichtbar und rechts, südlich, leicht zu umgehen) und der ebenso deutlich sichtbaren Verschneidung an der Gratschneide oben.

letzter Aufstieg auf die Brantlspitze jenseits der Scharte – im Abstieg den Mittelteil des Grates gemieden

Auf der Brantlspitze angekommen begann die Neuerkundung zur Hochkanzel – das erwartete Abenteuer für das die lange Anreise von 6:30 Uhr bis knapp vor 12 Uhr mittags in Kauf genommen wurde.

Rückblick von der Brantlspitze zur Gamskarspitze

Der Übergang findet auf einer abgewinkelten Gratstrecke ab, die zwar auch nicht vollkommen, so doch viel besser eingesehen werden kann, wie jene von der Gamskarspitze zur Brantlspitze. Vorweggenommen kann festgestellt werden, daß für die Erkundung mit dem Glas eigentlich nur der Ostrücken der Hochkanzel interessant erscheint. Dies deshalb, weil alle anderen Abschnitte ohne jede Schwierigkeit für den erfahrenen Gratkletterer begangen werden können.

der Grat zur Hochkanzel im Überblick

Zunächst erfolgt der Abstieg in die erste der beiden tiefen Scharten, am Weg zum Mittelkopf, der innerhalb der Gratlinie im Roßlochkamm eben einen Knick darstellt. Dieser ist leicht und kann als eine Erholungsstrecke angesehen werden, an der die eindrucksvolle Umgebung unter Betrachtung genommen werden kann, beispielsweise Details des Überganges von der Roßlochspitze zur Hochkanzel.

gewaltige Schlucht hat sich durch eine abgerutschte Platte gebildet; sie zieht – schön anzusehen – vom Grat steil hinab

Eine gewaltige Schlucht, gebildet aus dem Abrutschen einer der brüchigeren gratbildenden Platten zieht sich im Abstieg zur Scharte durch den kompletten Hochkanzelstock und hinterläßt einen gewaltigen Eindruck, der die Ausprägung der weiter unten aufragenden Hochkanzeltürme so richtig zur Geltung bringt. Durch die Hochkanzeltürme führt laut Klier ein Anstieg im IIIer Gelände auf die Hochkanzel und auch diese Route ist ein lange gehegter Wunsch, jedoch muß dieser unbedingt mit Partner erfolgen, zu kühn sieht das Gelände vom Knappenhüttl her aus.

Gratverlauf zum Mittelkopf

In der ersten – halbtiefen – Scharte leitet ein „Häutchen“ an Felsverbindung auf den Anstieg zum Mittelkopf über. Es ist halbwegs fest im Verbund und gut begehbar, aber auch nordseitig umgehbar. Der weitere Aufstieg zum Mittelkopf findet auf breiter Rampe statt.

kleines Grathäutchen im tiefsten Bereich der Scharte zum Mittelkopf

Nun bietet sich erstmals der Blick auf den westseitigen Abstieg in recht brüchigem Gelände. Die verschiedenen Plattenqualitäten haben hier verschiedene Verwitterungsformen hinterlassen und zum Glück derart, daß der Abstieg wesentlich leichter erfolgt als auf den Fotos mit Frontalansicht von der Hochkanzel aus.

die Flanke zur tiefen Scharte im Übergang ist zuerst brüchig, dann fester

Im Abstieg links müssen zuerst ca. 20Hm unangenehmen Schuttgeländes überwunden werden, bevor der Fels fester wird und gleich darauf in eine links hinab führende runde Nische überleitet.

Rückblick auf den gewählten Abstieg, die Nische oben erkennbar

Dieser Nische folgt eine Abstiegsrinne, die durch eine weichere schuttbedeckte Platte gebildet wird und der wiederum einige Dutzend Höhenmeter gefolgt werden kann, bevor abermals linkerhand eine Art Band weiter in die Flanke hinab leitet und erneut in einer vertieften schuttigen Platte bis knapp vor die tiefste Scharte abgestiegen werden kann.

Abstieg in der schuttigen Rinne

Der gesamte Abstieg mag auch auf dem messerscharfen sich abzeichnenden Grat rechts der oben beschriebenen Route möglich sein und das vielleicht sogar in festerem Fels, mir erschien jedoch die beschriebene Route für den Abstieg als sinnvoll, die Handflächen innen bereits einigermaßen vom ungeheuer schneidenden Fels gezeichnet.

Ansicht vom Grat, links davon die gewählte Absteigsroute

Die somit erreichte tiefe Scharte ist jene aus der die Besteigung der Hochkanzel aus dem Kar der Schneepfanne erfolgt. Der Blick in die Rinne und auf die unten ausgebreitete Schneepfanne zeigt, daß die Schneepfanne auch noch Mitte Juni ihrem Namen ganze Ehre zeigt, der Firn reicht durchgehend von unten immer noch bis zur Scharte herauf.
Ein Notabstieg könnte hier erfolgen.

beeindruckender Aufstieg zur Hochkanzel jenseits der Scharte

In der bisher erlebten Manier, möchte man meinen, ginge es nun am Grat weiter. Der Felskopf jenseits der Scharte mit den losen Trümmern am Band ist rasch erklommen und bevor man sich einer schönen weiteren Gratstrecke erfreuen kann wird am Felskopf oben angelangt der jähe, senkrechte Abbruch auf der Westseite des Kopfes erblickt.

an der tiefen Scharte angelangt; gegenüber der Felskopf mit dem senkrechten Abbruch an seiner Hinterseite

Möglicherweise ist er gangbar, mir erschien das Abenteuer aber sofort als unnötig herausfordernd und veranlasste mich zur Rückkehr in die Scharte.

kurzer Abstieg in die Südflanke

Umgesehen nach einer Alternative konnte sofort ein südseitiger Abstieg über eine auffällig „gebrauchte“ Schuttreise erkannt werden. Die Abstiegstiefe beträgt geschätzt 15Hm und nach einer leichten Linkskurve befindet man sich komplett in der plattigen Südflanke der Hochkanzel mit perfektem Ausblick auf die wilden Türme über dem Lochhüttl.

in der Südflanke – Platten mit etwa 70/75° Neigungswinkel

An der imposanten Flanke den sofortigen Aufstieg zum Grat wieder gesucht, kann der Westabbruch des zuvor begangenen Kopfes betrachtet werden und mit dem geistigen Ausruf eines „Halleluja“ geschieht die nachträgliche Zustimmung zur Entscheidung, gar nicht erst über den Abstieg desselben nachgedacht zu haben.

leichte Rückkehr von den Platten in der Flanke auf die Grathöhe

Nun, die Rückkehr aus der etwas bedrückenden Versenkung zum begehrten Grat erfolgt wenige Meter nach dem zuvor beschriebenen Abbruch von der Stirnfläche einer der mächtigen Platten in der Flanke aus über wenige Meter in festem Fels. Der Rückblick zeigt die Situation recht treffend.

die ersten Meter des Grataufstieges im Rückblick

Hiermit sind die leichten Schwierigkeiten im Gratübergang zur Hochkanzel auch schon Geschichte.
Mit einem gewissen Gefühl der Befreiung wird der mäßig schwierige Grat weiter emporgestiegen und nach wenigen Minuten ist der feste Fels des mittelbreiten Grates vollkommen erklommen und schuttiges Gelände leitet in den Gipfelbereich über.

am Ende des Aufstiegsgrates auf den Gipfelaufbau der Hochkanzel

Nach wenigen Dutzend Metern und noch weniger Höhenmeter ist das Ziel, die Hochkanzel, erreicht.

Gipfelplateau der Hochkanzel

Den gesamten Gratverlauf gesehen ist dieser Übergang leichter als jener von der Gamskarspitze zur Brantlspitze, aber er bietet auch einige leicht knifflige Passagen, die abwechslungsreich und in gewisser Weise geistig herausfordernd, aber leicht zu klettern sind.

Gipfelbuchschachtel auf der Hochkanzel – bitte niemals so platzieren!

Der Ausblick auf die Umgebung an diesem markanten Eckpunkt des Roßlochkammes ist natürlich wieder phänomenal. Von Westen bis Norden der gewaltige Kessel des Roßloches mit den Gipfeln oberhalb berühmter Kletterrouten wie die Laliderer Wände und den folgenden Gipfeln in der Vomper Kette wie die Spritzkarspitze oder die Plattenspitze, die nur noch von wenigen Idealisten wie Juergen aufgesucht wird und eine noch entbehrungsreichere Anreise voraussetzt, wie die Tagestour vom Hackl auf die Hochkanzel. Die Begehungen dieser Gipfel hat eine Frequenz die an den Fingern einer Tischler-Hand pro Jahr abgezählt werden kann. Unbedingt zu empfehlen!

Vomperkette mit Platten- und Spritzkarspitze sowie Hochglück

Im Osten beeindruckt der Ausblick über das archaische Vomperloch, und wer dasselbe nicht kennt dem sei seine Durchquerung ans Herz gelegt. Eine solche Wildnis inmitten ausgeprägtester Zivilisation – wo gibt es das schon?

die bizarren Hochkanzeltürme – ein Anstieg führt über sie herauf und läßt nicht los…

Der Hausberg Bettelwurf mit seiner reizvollen Überleitung über die Fallbachkartürme auf Hohe Fürleg und die Trattenspitze bietet eine kolossale Felsenfront im Süden und dieser Mauer nach Westen folgend bildet das schöne Hinterautal zwischen Gleirschkette und Karwendelhauptkamm den Abschluß im Panorama.

schreckliche Anblicke aber Nichtbergsteiger stehen drauf mußte ich lernen

Dem Gipfelbuch – leider recht unfachmännisch im Steinmandl verwahrt wie das Bild zeigt – entnahm ich, daß einer, dem Kanzeln gar nicht fremd sind, der Verursacher für die der Haltbarkeit unzuträglichen Verwahrung des neuen und nett gestalteten Büchleins gewesen ist. Zwei Tage vor mir, sagt sein Eintrag, habe er den Gipfel besucht….seither hat es nicht geregnet. Es sei ihm verziehen – aber Herr, gib ihm ab jetzt die Gabe solche Werke von nun an wettergeschützt zu verstauen.

bereits am Rückzug – der schöne und feste Grat wird wieder abgeklettert

Ein halbes Stündchen konnte der Gipfel genossen und der Aufstieg von der Roßlochscharte beäugt werden bevor die Hast den Rückweg einzuschlagen den Augenblick, der nicht verweilen darf, beendete.

Gelände zur Scharte; habe dort Steinmandl errichtet- Haltbarkeit fraglich

Was den Rückweg und die damit verbundene neue Erfahrung der Kletterstellen anbelangt, so sei eigentlich nur die kurze, wenig vertrauenerweckende schlanke Platte in der kleineren Scharte nach der tiefsten Scharte erwähnenswert. Diese ist vom Osten nach Westen unangenehm aber auch sehr kurz und auch nicht schwierig. Ich habe nördlich eine Umgehung unternommen.

in der Flachstrecke zurück zum Mittelkopf; das dünne Felshäutchen in der Scharte erschien mir am Rückweg unangenehm locker und zu umgehen

Der Aufstieg zum Mittelkopf erschien auch von unten auf gleicher Route des Abstieges am sinnvollsten und alle anderen Partien bis zur Brantlspitze konnten ohne nennenswerte Hirnleistung nach Gutdünken gewählt werden.

Erwähnenswert ist die Dauer der Überschreitung von der Hochkanzel bis zur Gamskarspitze, sie betrug recht genau 1 1/2 Stunden und der Abstieg zur Hallerangeralm weitere 70min.

eine phantastische Reise liegt hinter mir

Nach einer deftigen Knödelsuppe bei Evi und Horst auf der Hallerangeralm über’s Joch zurückgeeilt – und weil auf 2.000m noch Sonne – beschloss ich ein abschließendes Training zur Bettelwurfhütte zu unternehmen, also nochmals an die 300Hm dazu zu hängen.

der berühmte Herzelfelsen

Bei einem Abschlußbier bei Christine und Ralf auf der Bettelwurfhütte konnte dann der Sonnenuntergang im Tal verfolgt werden und den Parkplatz beim Hackl erreichte ich an dem lang hellen Junitag in der Dämmerung nach 14 Stunden gegen 20:45 Uhr.

die letzten Sonnenstrahlen Richtung Bettelwurfhütte

Die Bergsteigeruhr zählte insgesamt 3.020Hm und die Messung anhand der Karte in Outdooractive beträgt 29km.

Mils, 16.06.2018